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Indische Frauen zwischen Patriarchat und individuellem Begehren. Die arrangierte Ehe am Beispiel "Dilwale Dulhania Le Jayenge"

Hausarbeit 2015 11 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. DDLJ – Die arrangierte Ehe in der Diaspora
2.1. Durchsetzung des Patriarchats als identitätsstiftendes Merkmal
2.2. Rückbesinnung auf Indische Werte
2.3. Die arrangierte Liebesheirat als Kompromiss zwischen Tradition und Moderne

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Stabilisierung der hierarchischen Kastenstruktur, Kontrolle der weiblichen Sexualität zur Erhaltung der Familienehre, Wahrung und Erweiterung des finanziellen Status und des sozialen Standes – es gibt viele Gründe für die Institution der traditionell arrangierten Ehe in Indien. Bei der Wahl des Partners fungiert die Familie als Entscheidungsinstanz. Die Tochter wird einem Mann versprochen, den sie in vielen Fällen erst am Tag der Hochzeit kennenlernt. Der Prozess der Eheschließung erscheint in diesem Zusammenhang nicht als individueller Akt, sondern vielmehr als eine soziale Notwendigkeit und gesellschaftliche Verpflichtung.[1]

Die hier vollzogene Instrumentalisierung der Frau hat ihren Ursprung in der tiefverwurzelten Tradition Indiens, die die gesellschaftliche Rolle der Frau auf die Tochter (Beti), die Ehefrau (Patni) und die Mutter (Ma) reduziert.[2] So heißt es in The Laws of Manu, die großen Einfluss auf die Entwicklung indischer Moralvorstellungen hatten: „In childhood a female must be subject to her father, in youth to her husband, when her lord is dead to her sons; a woman must never be independent.“[3] Die ständige Kontrolle und Abhängigkeit vom Mann wird hier begründet mit „impure desires, wrath, dishonesty, malice and bad conduct“[4], die der Frau naturgegeben sind.

Die Aufgabe patriarchalischer Machtstrukturen ist es also, Frauen zu bewachen und sie vor schädlichen Fremdeinflüssen zu schützen. Das Familienoberhaupt hat die Entscheidungsgewalt im Interesse der Familienehre. Trotz des Hindu Marriage Act von 1955, der der arrangierten Ehe ihre Legitimation nimmt,[5] bleibt diese weiterhin ein populäres Mittel, um die Sexualität der Tochter zu kontrollieren mit dem Motiv, Schande und sozialen Abstieg von der Familie abzuwenden.

Das Streben des Vaters nach Sicherheit und Stabilität verlangt nach Gehorsamkeit der Tochter. Hier kann ein Konflikt entstehen zwischen der Akzeptanz der Vaterherrschaft und dem individuellem Begehren. Wird der Wunsch geäußert, den Partner frei wählen zu dürfen, kann sich der Patriarch in seiner Autorität als Familienoberhaupt verletzt fühlen.[6] Gleichzeitig käme es in diesem Fall zur Missachtung der „ideology of kanyadana[7], die die Tochter als Geschenk des Vaters an den Bräutigam erachtet. Auch die Solidarität der Männer untereinander würde mit der frei gewählten Liebe zwischen Mann und Frau verletzt.[8] Die Äußerung des individuellen Begehrens der Tochter stellt also nicht nur eine persönliche Beleidigung des Familienoberhauptes dar, sondern bedeutet auch das Infragestellen der Werte, die charakteristisch für die indische Familie und somit identitätsstiftend sind.[9]

Die sozialen Einschränkungen der Frau, resultierend aus der patriarchal aufgebauten Gesellschaftsstruktur, finden sich in den Frauenbildern des populären Hindi-Films wieder. Als kulturelles Massenmedium, das nicht nur von mehreren Millionen Indern, sondern weltweit wahrgenommen wird,[10] ist Bollywood sich seiner Möglichkeiten bewusst, Einfluss auf soziale und politische Diskussionen ausüben zu können. So nehmen die jeweils neuen Filme Bezug auf das aktuelle Zeitgeschehen[11] mit dem Versuch, zwischen Tradition und Moderne zu vermitteln. Das angestrebte Ziel ist „providing opportunities for unconventional socio-cultural discussion and even un-conservative solutions.“[12] Aus diesem Grund eignet sich der Bollywood-Film besonders, um die Institution der arrangierten Ehe zu betrachten und daraus Rückschlüsse auf aktuelle Entwicklungstendenzen im indischen Kulturraum zu ziehen. Wie entwickelt sich das Spannungsfeld zwischen Patriarchat und individuellem Begehren? Bewirken westliche Einflüsse eine Abkehr, oder Anpassung der arrangierten Ehe? Oder kann diese tiefverwurzelte Tradition ihre Position behaupten – in einem Land, wo „‘family values‘ are proposed as the crucial markers of Indianness“[13] ?

Diese Hausarbeit untersucht eben jene Fragestellung am Beispiel des Bollywood-Films DILWALE DULHANIA LE JAYENGE (1995), im Weiteren kurz DDLJ. Der Film, welcher die arrangierte Ehe thematisiert und als „the longest-running film in Indian cinema history“[14] von einem Großteil der indischen Bevölkerung wahrgenommen wurde, ist besonders aufgrund des historischen Kontextes während seiner Entstehung interessant. Als das Bollywood-Kino Anfang der 90er Jahre, aufgrund sinkender Zuschauerzahlen, wirtschaftliche Einbußen zu verzeichnen hatte, musste man sich einem neuen Publikum zuwenden. Die neue Mittelschicht Indiens stellte eine der neuen Zielgruppen dar. Zuvor hatte diese Gruppe die Unabhängigkeitsbewegung dominiert und forderte nun auch im Hindi-Film nach Liberalisierung und Annäherungen an den Westen.[15] Gleichzeitig entwickelt sich die Diaspora zu einem bedeutenden Markt für den Hindi-Film. Die Non-Resident-Indians (NRIs), welche auch in DDLJ zu Hauptprotagonisten gemacht werden, leben bereits westliche Werte, sind aber zugleich bestrebt, ihre eigene Kultur aufrechtzuerhalten.[16] In Bezug auf die Interpretation der arrangierten Ehe in DDLJ lässt sich demzufolge zunächst eine Abwendung von der Tradition und eine Hinwendung zur Akzeptanz des individuellen Begehrens vermuten. Nicht zu missachten ist jedoch die Tatsache, dass DDLJ von Aditya Chopra, einem männlichen Filmemacher, produziert wurde. Laut weiblicher Filmkritiker neigen diese dazu, auch liberalen Filmen ein gewisses Maß an patriarchalen Strukturen hinzuzufügen.[17] Es bleibt im Weiteren also zu analysieren, ob DDLJ den Fokus eher auf das Durchsetzen des Patriarchats, oder auf die Legitimation des individuellen Begehrens legt – bzw. welche Lösungsansätze angeboten werden, um die arrangierte Ehe, als Bestandteil indischer Werte, in Zeiten der Globalisierung weiterhin zu rechtfertigen.

2. DDLJ – Die arrangierte Ehe in der Diaspora

WER ZUERST KOMMT, KRIEGT DIE BRAUT – schon alleine die deutsche Version des Filmtitels lässt patriarchale Strukturen vermuten. Die Machtposition des Familienoberhauptes gegenüber der Tochter wird in DDLJ in Form der arrangierten Ehe thematisiert.

Raj (Shah Rukh Khan) und Simran (Kajol Devgan Mukherjee), die sich auf einer Europa-Reise ineinander verlieben, repräsentieren die erste Generation von Non-Resident-Indians, die in der Diaspora geboren wurden. In London aufgewachsen und beeinflusst durch westliche Werte, entscheiden sie sich für ihre Liebe zu kämpfen.

[...]


[1] Vgl. Prem Chowdhry: Contentious marriages, eloping couples. Gender, caste and patriarchy in Northern India [2007]. New Delhi 2009, S. 1-4.

[2] Vgl. Matthias Uhl/Keval J. Kumar: Indischer Film. Eine Einführung. Bielefeld 2004, S. 142.

[3] Manu: The laws of Manu [Manusmriti]. In: F. Max Müller (Hrsg.): The sacred books of the East [1886]. Delhi 1964, S. 195, V147.

[4] Ebd., S 330, IX 17.

[5] Vgl. Patricia Uberoi: Freedom and Destiny. Gender, Family and Popular Culture in India [2006]. New Delhi 2009, S. 24.

[6] Vgl. Patricia Uberoi: Freedom and Destiny. Gender, Family and Popular Culture in India [2006]. New Delhi 2009, S. 25-26.

[7] Ebd., S. 25.

[8] Vgl. Maria Mies: Indische Frauen zwischen Patriarchat und Chancengleichheit. Rollenkonflikte studierender und berufstätiger Frauen. Meisenheim am Glan 1973, S. 5.

[9] Vgl. Uberoi: Freedom and Destiny, S. 183.

[10] Vgl. Rachel Dwyer: Bollywood’s India. Hindi Cinema as a guide to contemporary India. London 2014, S. 8.

[11] Vgl. Birgit Pestal: Faszination Bollywood. Zahlen, Fakten und Hintergründe zum „Trend“ im deutschsprachigen Raum. Marburg 2007, S.42-43.

[12] Kush Varia: Bollywood. Gods, glamour and gossip. London/New York 2012, S. 1.

[13] Uberoi: Freedom and Destiny, S. 183.

[14] Varia: Bollywood, S. 27.

[15] Vgl. Claus Tieber: Passages to Bollywood. Einführung in den Hindi-Film. Wien/Münster 2007, S. 122.

[16] Vgl. ebd., S. 126-127.

[17] Vgl. Matthias Uhl/Keval J. Kumar: Indischer Film. Eine Einführung. Bielefeld 2004, S. 144.

Details

Seiten
11
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668028968
ISBN (Buch)
9783668028975
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v304667
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,7
Schlagworte
indische frauen patriarchat begehren beispiel dilwale dulhania jayenge

Autor

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Titel: Indische Frauen zwischen Patriarchat und individuellem Begehren. Die arrangierte Ehe am Beispiel "Dilwale Dulhania Le Jayenge"