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Ist das Altern der Gesellschaft ein Problem? Ziele und Schwierigkeiten der Alterssicherungssysteme

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 16 Seiten

Soziologie - Alter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ziele der Alterssicherungssysteme
2a) Die deutschen Alterssicherungssysteme vor den Reformen der Jahrtausendwende
2b) Die Probleme der Alterssicherungssysteme um die Jahrtausendwende
2c) Die Rentenreformen der Rot-Grünen Bundesregierung
2d) Die Probleme der Alterssicherungssysteme nach den Reformen der Jahrtausendwende

3. Lösungsansätze

4. Fazit

5. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ende des letzten, Anfang dieses Jahrtausends war der Generationenkonflikt bzw. der „Kampf der Generationen“ stark in der öffentlichen, medialen und politischen Diskussion vertreten. Zwischenzeitlich wurde verbal abgerüstet und die Diskussion zu diesem Thema ist abgeflacht, auch weil es keine wissenschaftlich belegbaren Daten für einen Generationenkonflikt gegebenen hat.

Die Grundlage dieser Diskussion vollzieht sich aber weiterhin: Die Gesellschaft altert und die Geburtenrate bleibt auf einem konstant niedrigen Niveau, kurz: der demographische Wandel vollzieht sich.

Die zentrale Frage dabei ist: Was bedeutet das? Und für wen?

In den Fokus der politischen Debatte sind die sozialen Sicherungssysteme wie Rente, Krankenversicherung und Pflege gerückt. In allen Bereichen hat es bereits Reformen gegeben, um die Folgen des demografischen Wandels für diese Sicherungssysteme abzufedern und sie auch künftig bezahlbar zu halten.

Trotzdem sind weitere Reformen nötig, wenn man dem politischen Betrieb glauben möchte. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels möchte ich daher untersuchen, was der wissenschaftliche Betrieb überhaupt zu den Folgen der gesellschaftlichen Alterung für die sozialen Sicherungssysteme sagt und wo er noch Reformbedarf sieht.

Zwar ist auch die Wissenschaft nicht vor Interessen und Einflussnahme gänzlich gefeit, aber sie sollte es in einem wesentlich höheren Maße als die Politik sein. Daher schaue ich mir die Vorschläge von Wissenschaftlern zum System der Rente an und lasse Kranken- und Pflegeversicherung außen vor, da diese nach einem gänzlich anderen System funktionieren und den Rahmen dieser Arbeit sprengen würden.

Die Fragestellung der Arbeit kann daher wie folgt zusammengefasst werden:

„Was sind nach wissenschaftlicher Ansicht die Folgen des demographischen Wandels für das wohlfahrtsstaatliche Sicherungssystem der Rente und was für ein Reformbedarf wird noch gesehen?“

Um diese Frage beantworten zu können, sollten die Ziele und der Aufbau der Alterssicherungssysteme bzw. der Gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) klar sein. Da es um die Jahrtausendwende einige Reformen in diesem Bereich gegeben hat, erscheint es mir sinnvoll, die Ziele und den Aufbau der GRV vor diesen Reformen, die Probleme, mit denen sie konfrontiert ist und die Ziele und den Aufbau der GRV nach diesen Reformen kurz wiederzugeben, um die sich heute nun aus diesen Reformen ergebenden Probleme verständlicher darstellen zu können.

Im Anschluss daran werde ich mögliche Lösungsansätze zur Bewältigung dieser Probleme aufzeigen, die von wissenschaftlicher Seite erarbeitet wurden. Im Fazit werde ich abschließend versuchen, zu bewerten, ob die aufgezeigten Lösungsansätze zur Linderung oder gar Abschaffung der aufgezeigten Probleme der GRV geeignet sind.

2. Ziele der Alterssicherungssysteme

„Alterssicherungssysteme erfüllen regelmäßig vier Funktionen“ (Hinrichs 2013: 691). Zuallererst dienen sie der Vermeidung von Armut im Alter und bei Invalidität.

Ein weiteres Ziel stellt die Einkommensverstetigung im Lebenslauf dar. So soll ein starker Einkommensabfall nach dem Eintritt in den Ruhestand vermieden und die Aufrechterhaltung des bisherigen Lebensstandards zumindest weitgehend ermöglicht werden.

Drittens versichern Alterssicherungssysteme gegen sog. biometrische Risiken wie Langlebigkeit, Tod und Invalidität. Da das Risiko besteht, die durchschnittliche Lebenserwartung zu übertreffen, wird die Rente ein Leben lang gezahlt. Hinterbliebenenrenten versichern quasi gegen den (vorzeitigen) Tod des Versicherten bzw. Rentenempfängers.

Invalidenrenten kommen zum Tragen, wenn der Risikotatbestand der Erwerbsunfähigkeit vor Erreichen der Regelaltersgrenze eintritt (vgl. Hinrichs 2013: 691).

2a) Die deutschen Alterssicherungssysteme vor den Reformen der Jahrtausendwende

Diesen Zielen waren auch die deutschen Alterssicherungssysteme mit den drei Säulen GRV (Regelsystem), aufstockenden Leistungen aus der betrieblichen Altersvorsorge (Zusatzsystem) und individueller privater Vorsorge (Ergänzungssystem) verpflichtet. Allerdings bestimmte seit der Rentenreform 1957 vor allem die GRV die finanzielle Situation der älteren Menschen (vgl. Hinrichs 2013: 692). Zusammenfassend kann man sagen, dass die deutschen Alterssicherungssysteme ein Leistungsziel für die Absicherung im Alter inne hatten (vgl. Schmähl 2011: 7)

2b) Die Probleme der Alterssicherungssysteme um die Jahrtausendwende

Wie bereits in der Einleitung beschrieben, haben sich die ökonomischen und vor allem die demographischen Bedingungen verändert, was sich auch zunehmend auf die Alterssicherungssysteme der Bundesrepublik Deutschenland ausgewirkt hat. Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die deutsche Wirtschaft und es herrschte Vollbeschäftigung, der Sozialstaat und mit ihm die Alterssicherungssysteme wurden großzügig ausgebaut (vgl. Butterwegge 2012: 13-16).

Dieser Ausbau endete Mitte der 1970er Jahre und ging über in einen Um- und Abbau der Alterssicherungssysteme. Die Arbeitslosigkeit stieg in diesen Jahren an, somit gab es weniger Beitragszahler für die Rentenversicherung. „Ab Mitte der 1990er-Jahre intensivierte sich die Kritik an der umlagefinanzierten Rentenversicherung“ (Schmähl 2012: 50), weil die demografische Entwicklung drastisch steigende Beiträge mit sich bringen würde, was die Lohnnebenkosten erheblich steigern und so den „Wirtschaftsstandort Deutschland“ gefährden würde (vgl. Schmähl 2012: 50f.).

Durch Aussagen wie der eines renommierten Wissenschaftlers, dass die GRV nach dem Vorsorgeprinzip primitiver Gesellschaften funktioniere, wurde der bis dahin gültige Satz „Die Rente ist sicher“ des damaligen Bundesministers für Arbeit und Sozialordnung Norbert Blüm plötzlich ungültig „und die GRV erlitt einen dramatischen Vertrauensverlust sowohl im Hinblick auf die ökonomische Tragfähigkeit […], als auch im Hinblick auf ihre Leistungen für die Versicherten“ (Schmähl 2012: 51).

Es wurden also vor dem Hintergrund des demographischen Wandels Zukunftsängste in der Bevölkerung geschürt, die den Boden für tiefgreifende Änderungen bereiteten. Diese wurden nach dem Regierungswechsel 1998 zur Rot-Grünen Bundesregierung unter Bundeskanzler Gerhard Schröder realisiert. An der Verbreitung der Zukunftsängste war aber nicht nur die politische Klasse beteiligt, sondern über die Jahre hin auch Wissenschaftler (vor allem Ökonomen) und Interessenvertreter der (Finanz-) Wirtschaft (vgl. Schmähl 2012: 51).

2c) Die Rentenreformen der Rot-Grünen Bundesregierung

Mit den parlamentarischen Entscheidungen im Jahr 2001 wurde in der Alterssicherungspolitik ein Paradigmenwechsel umgesetzt und in den Folgejahren weiter vorangetrieben. Die Kernelemente dieser „neuen deutschen Alterssicherungspolitik“ waren und sind bis heute vor allem vier Punkte:

1. Die Abkehr vom Leistungsziel für die Absicherung im Alter hin zum Ziel der Beitragssatzstabilität. Zukünftig stand vor allem die Stabilität des Beitragssatzes zur GRV im Mittelpunkt, aus einer ausgabenorientierten Einnahmepolitik wurde eine einnahmeorientierte Ausgabenpolitik. Die Ausgaben müssen sich also den Einnahmen anpassen. Dies war allerdings auf die GRV beschränkt, „nicht jedoch auf die Höhe der Vorsorgebeiträge der privaten Haushalte insgesamt“ (Schmähl 2012: 52).
2. Insbesondere durch verschiedene Dämpfungsfaktoren (u.a. der sog. Riester- oder der Nachhaltigkeitsfaktor) wurden die GRV-Renten von der allgemeinen Lohnentwicklung abgekoppelt. „Dadurch bleiben die Renten tendenziell immer weiter hinter der allgemeinen Lohn- und Einkommensentwicklung zurück und verlieren an Realwert, wenn die Inflationsrate die […] Erhöhung der Bruttorenten […] übersteigt“ (Schmähl 2012: 52f.).
3. Betriebliche und private Alterssicherung dienen nicht mehr der Ergänzung der GRV, sondern sollen die Leistungseinschränkungen der GRV kompensieren. Dies soll durch eine kapitalmarktabhängige und aus öffentlichen Mitteln geförderte Alterssicherung erreicht werden: Die sog. „Riester-Rente“. Dies bedeutet allerdings, dass die gesamten Aufwendungen zur Alterssicherung der Privathaushalte über das Maß hinaus steigen müssen, dass sonst in der GRV erforderlich gewesen wäre (vgl. Schmähl 2012: 52f.).
4. Die Hinterbliebenenvorsorge in der GRV soll schrittweise auslaufen. Ein Teil der biometrischen Risiken wird zukünftig also nicht mehr vom Staat abgesichert. Auch dies müsste auf privatem Wege erfolgen (vgl. Schmähl 2012: 53).

[...]

Details

Seiten
16
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668029842
ISBN (Buch)
9783668029859
Dateigröße
407 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v304530
Institution / Hochschule
Universität Kassel – Fachbereich 05
Note
2,3
Schlagworte
Generationenkonflikt Gesellschaftliches altern Rente

Autor

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