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Männliche und weibliche Lebenswelt von Migrantenjugendlichen

Seminararbeit 2002 33 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Soziale Lebenswelt von MigrantInnen
2.1 Migrationsursachen
2.2 Migrationsgeschichte der BRD
2.3 Leben zwischen zwei Kulturen
2.3.1 Die Grundzüge des Islams und ihre Bedeutung für türkische MigrantInnen
2.3.2 Familienstrukturen

3. Lebensumfeld von Migrantenjugendlichen
3.1 Haushalsstruktur
3.2 Wohnsituation

4. Die Sozialisation von Migrantenjugendlichen
4.1 Primäre Sozialisation
4.1.1 Die Erziehung der Töchter
4.1.2 Die Erziehung der Söhne
4.1.3 Sexualität
4.1.4 Die Heterogenität der türkischen Eltern
4.1.5 Die Reaktion der türkischen Migrantenkinder auf traditionelle Erziehungsmuster
4.1.6 Veränderte Rollen innerhalb der Migrantenfamilie
4.2 Sekundäre Sozialisation
4.2.1 Freizeit
4.2.2 Schule
4.2.3 Übergang Schule-Beruf

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Philosophie „Deutschland ist kein Einwanderungsland“ wurde und wird leider heute immer noch lautstark in Deutschland vertreten. Mit weitreichenden Folgen, wie es in dieser Arbeit dargestellt werden soll.

Migration bleibt ein Dauerphänomen in einer globalisierten Welt und ist nicht durch monokausale oder eurozentristische Erklärungsmuster zu verstehen.

Die ArbeitsmigrantInnen die in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts angeworben wurden haben sich im Zuge der Familienzusammenführung zu einem beständigen Teil der Gesellschaft entwickelt. Mit andauernden Aufenthalt, der zunächst als Gäste angesehenen MigrantInnen, stieg auch die Zahl der nachgezogenen oder hier geborenen Kinder.

Daraus ergab sich eine vor allem für die Migrantenjugendlichen in der Folgezeit schwerwiegende Probleme.

Diese Arbeit soll diese Probleme darstellen. Ich möchte mich hier bei auf die Gruppe der türkischen Jugendlichen in Deutschland konzentrieren, da sie dabei die größte ethnische Gruppe ausmachen (Vgl.6.Familienbericht, 2000; S.32).

Aber auch ihre größeren kulturelle Differenz ermöglichet einen genaueren Blick auf die Problematik. Türkische Jugendliche wachsen in Deutschland auf, einem Land das die Ausprägungen ihrer Kultur nicht wahr haben will, und auftrettende Probleme stigmatisiert („Die Türken“) ohne dabei weitreichende Lösungsansätze zu entwickeln. Dies hat fatale Folgen für ihre Identitätsentwicklung.

Gerade in urbanen Gesellschaften stoßen Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und Lebenseinstellungen aufeinander. Diese so entstehendende multikulturelle Gesellschaft ist jedoch nur existenzfähig, wenn alle Menschen sowohl Ausländer als auch Einheimische mit diesen Differenzen konstruktiv umzugehen wissen.

Zu der Multhiethnizität gesellt sich zunehmend auch die gesamtgesellschaftlich Entwicklung der Individualisierung und Pluralisierung der Lebensformen. Diese beiden Prozesse haben vor allem in Verbindung mit Migration eine bisher nicht gekannte Vielfalt an Lebenslagen, Identitäten und Orientierungsmuster bewirkt. Leider sind viele dieser Minderheiten gesellschaftlicher Marginalisierung und (institutioneller) Diskriminierung ausgesetzt.

Zielsetzung dieser Arbeit besteht in der Analyse der Lebenswelt, und den damit verbunden Problemen, von Migrantenjugendlichen. Schwerpunkt bildet, wie schon erwähnt, die der türkischen männlichen und weiblichen Jugendlichen.

Im ersten Teil soll die soziale Lebenswelten von MigrantInnen dargestellt werden. Hierbei war mir wichtig die Lebenslüge der BRD („Deutschland ist kein Einwanderungsland) zu widerlegen. Migration ist als ein bestehendes Phänomen zu akzeptieren und zu behandeln.

Im Abschnitt der die Migrationsgeschichte der BRD behandelt befasse ich mich noch mal aus dem geschichtlichen Blickwinkel mit dieser Lebenslüge. Hierbei galt für mich aufzuzeigen, wie es zu den bestehenden Problem von MigrantInnen kam, um dann das konfliktvolle Leben der jungen, türkischen Bevölkerung aufzuzeigen.

Der Thematik der Jugendlichen nähere ich mich in dem ich die häusliche Lebenswelt beschreibe und die daraus folgenden Probleme thematisiere. Die Chancenungleichheit gegenüber deutschen Jugendlichen werden hier dargestellt.

Um die differenten Verhaltensweisen von deutschen und nichtdeutschen Jugendlichen erklärbar zu machen gehe ich auf die spezielle Sozialisation von türkischen Mädchen und Jungen im letzten Abschnitt ein.

2. Die soziale Welt von Migranten

Die Lebenswelt von Migranten unterscheidet sich im Wesentlichen durch drei Merkmale von der Lebenswelt der Bewohner der Aufnahmegesellschaft:

- durch die eigene Migrationerfahrung
- durch den Status Ausländer im Aufnahmeland
- durch das Leben in zwei Kulturen

2.1 Migrationsursachen

In der klassischen Migrationstheorie werden Migrationsursachen in Push- und Pullfaktoren unterteilt. Pushfaktoren sind Umstände, welche die Lage im Herkunftsland unbefriedigend und/oder gefährlich machen (materielle Not, Landknappheit, Arbeitslosigkeit, Diskriminierung, Umweltzerstörung, Katastrophen, Kriege, politische Verfolgung). Pullfaktoren sind Gegebenheiten, welche potentiellen Zielländer attraktiv erscheinen lassen (Freiheit, Sicherheit, Arbeit, Wohlstand und vor allem bestehende Aufnahmebereitschaft gegenüber MigrantInnen). Migration findet meistens dann statt, wenn Push- und Pullfaktoren zusammenkommen. Der wichtigste Faktor ist hierbei die Aufnahmebereitschaft im Zielland. Pushfaktoren sind somit im Normalfall eine notwendige, aber noch keine hinreichende Bedingung. (Nuscheler 1995, S.32)

Häufig wird in der Literatur der Versuch unternommen, Migrationsursachen zu strukturieren, wobei jedoch jede AutorIn ihre eigenen Schwerpunkte setzt. Dieser Abschnitt wird Migrationsursachen in sieben Ursachenfelder untergliedern.

(1) Der vor allem im Süden starke Bevölkerungswachstum wird häufig als wichtigste Ursache angeführt, auch da er teilweise verheerende Auswirkungen auf die ökonomische Entwicklung der Länder hat. (Opitz 1994: 56f,)
(2) Globale und regionale Entwicklungsgefälle, besonders zwischen Nord und Süd, sind ein anderer wichtiger Faktor. Diese haben sich in der letzten Zeit weiter vergrößert, was vor allem an der weltweiten Armutszunahme deutlich wird. Trotzdem sinkt die Bereitschaft des Nordens Entwicklungshilfegelder bereitzustellen. Hinzu kommen die äußerst negativen sozialen Auswirkungen der von der Weltbank betriebenen Strukturanpassungspolitik. (Opitz 1994: 54f, Nuscheler 1995: 37f)
(3) Unter anderem aus den ersten beiden Punkten resultiert ein extremer Arbeitsplatzmangel. Zusätzlich erzeugen Strukturveränderungen eine beträchtliche Landflucht, welche die Situation auf dem Arbeitsmarkt weiter verschärft, so dass in manchen Entwicklungsländern die Arbeitslosigkeit bei 40-50% liegt. Die Migrationsursache liegt also im Normalfall in der Suche nach Arbeit überhaupt und nicht in der nach besseren Einkommensmöglichkeiten. (Nuscheler 1995: 34-36)
(4) Die Globalisierung internationaler Beziehungen und vor allem die des Weltmarktes und der Produktion erzeugen Migration. Arbeitskräfte und besonders SpezialistInnen werden weltweit eingesetzt und wandern, soweit dieses möglich ist, zusammen mit den Arbeitsplätzen. Zusätzlich werben Konzerne oder Staaten häufig benötigte FacharbeiterInnen gerade im Ausland an. (Nuscheler 1995: 38)
(5) Genau wie die Produktion vernetzen und globalisieren sich auch Kommunikation und Transportwesen immer mehr. Reisen ist einfacher, schneller und vor allem billiger geworden. Überall auf der Welt sind durch die modernen Massenmedien Bilder westlichen Wohlstands allgegenwärtig und üben so einen nicht zu unterschätzenden Werbeeffekt aus. (Nuscheler 1995: 38)
(6) Kriege, Bürgerkriege, Diktaturen und religiöse oder politische Unterdrückung führen häufig zu großen Flüchtlingsströmen. Die Ursachen dieser Konflikte liegen häufig noch in der Kolonialzeit, im Ost-West Konflikt, in der Rivalität um Ressourcen (Wasser) und in den Waffenexporten des Nordens. (Nuscheler 1995: 39-41, Opitz 1994: 53f)
(7) Die immer weiter fortschreitende Umweltzerstörung wird vor allem in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen, denn sowohl im Norden als auch im Süden mangelt es an wirklichen Bemühungen die Ursachen zu beseitigen. (Opitz 1994: 56f)

Wie schon in den einzelnen Punkten teilweise deutlich wurde, sind alle diese Ursachenfelder miteinander verknüpft. Migration ist darum im Normalfall nicht monokausal zu erklären, sondern beruht auf einer Mischung verschiedener Faktoren. Zusätzlich muss als Prognose für die Zukunft festgehalten werden, dass wahrscheinlich keiner dieser Punkte signifikant an Bedeutung verlieren wird. Eher das Gegenteil könnte der Fall sein. (Opitz 1994: 57) Trotz aller Ursachenanalysen bestehen aber keine Migrations-Automatismen, denn Menschen reagieren eben nicht gemäß mathematischer Gesetzte. So sind die Länder mit den höchsten Geburtenraten keineswegs die mit den höchsten Auswanderungsraten. Außerdem findet Migration sowohl zwischen Ländern mit jeweils hohem, als auch zwischen Ländern mit jeweils niedrigem Bevölkerungswachstum (Osteuropa-Westeuropa) statt. Auch allein durch Armut lassen sich Migrationsbewegungen nicht erklären. So hat die Türkei trotz eines höheren Lebensstandards eine doppelt so hohe Auswanderungsrate wie Bangladesch. (Der Spiegel 10/ 2002: S. 125) Migration ist eben nicht das Ergebnis einer mathematischen Verelendungsformel, sondern hängt stark von politischen und wirtschaftlichen Faktoren ab. Außerdem ist die individuelle Komponente sehr wichtig, denn Menschen migrieren vor allem dann, wenn zwischen Herkunfts- und Zielland eine kulturelle und/oder geographische Nähe besteht. Wichtig sind hierbei vor allem persönliche und/oder religiöse Kontakte und die Aufenthaltsbedingungen im Zielland. (Nuscheler 1995: 35f)

2.1 Migrationsgeschichte der BRD (und rechtliche Situation von MigrantInnen)

Die rechtliche Situation von Ausländern ist geprägt durch eine Vielzahl von unübersichtlichen Bestimmungen und eine kaum noch zu überschauende wechselnde, Verwaltungspraxis in den Ländern und Kommunen, so äußerte sich Lauer 1987. Die sich im Laufe der nächsten Zeit, auf Grund der anhaltenden politischen Diskussion um das Zuwanderungsgesetz, ändern wird. Aus diesem Grund möchte ich mich an dieser Stelle mit der Geschichte der Migrationspolitik der BRD und damit die rechtliche Situation der Migranten darstellen.

Das Asylrecht wurde auf Grund der nationalsozialistischen Geschichte Deutschlands 1949 in das Grundgesetz aufgenommen. Art 16 Abs. 2 S.2: politisch Verfolgte genießen Asylrecht. Es wurde damals fast ausschließlich von Flüchtlingen aus dem Osten in Anspruch genommen. Die Asylbewerberzahlen waren bis 1973 (Anwerbestopp) unerheblich (Vgl. Barwig/Schumacher 2001 S.17). Ausländer wurden als Arbeitskräfte durch bilaterale Arbeitsverträge angeworben, obwohl es zu beginn in Deutschland rund 1 Mio. Arbeitslose gab (ebd. S.304):

1955 Italien, 1960 Griechenland und Spanien 1961 Türkei 1964 Portugal 1965 Tunesien und Marokko 1968 Jugoslawien Weitere Verträge mit verschiedenen afrikanischen Staaten wurden aufgrund der wirtschaftliche Rezession 1966-1968 nicht mehr umgesetzt.

Die Regierung sah sich dazu veranlasst, da durch die Errichtung des „eisernen Vorhangs“ der Zuzug von Facharbeiter aus dem Osten zum Erliegen kam und die Qualifizierung der Arbeiterschaft forciert wurde, ungelernte bzw. angelernte Arbeiter für „niedere Arbeiten“ anzuwerben. Daraus resultierte in der folge Zeit der Begriff der Unterschichtung (Vgl. Böhnisch 1999, S. 284).

Es wurde die Philosophie verfolgt dass diese Arbeitnehmer nur auf Zeit bleiben, und damit Gäste in der BRD sind, und sie wieder in ihr Heimatland zurückkehren werden. Damit wurde auch kein Grund gesehen eine explizite Ausländerpolitik zu verfolgen. Das Begriff „Deutschland ist kein Einwanderungsland“ entstand aus dieser Sichtweise und wurde von den Politikern immer wieder propagiert. Kirchen und Wohlfahrtverbände, und auch Gewerkschaften, die die Ausländerarbeit etablierten, forderten aber aufgrund des steigenden Zuzugs, rechtliche Regelungen. 1965 wurde ein Gesetzt erlassen, das jedoch regional anders gehandhabt wurde. Der Anwerbestop 1973, sowie die Streichung des Kindergeldes für Kinder in den Herkunftsländern erzeugten Wellen des Familiennachzugs. Diese Entwicklung sorgte dafür dass die Zugewanderten ihre Bindung und Loyalität zu ihrem Herkunftsland gänzlich aufgaben und ihren Lebensmittelpunkt ganz auf Deutschland richteten.

In den 80er Jahren wurde die ausländerpolitische Diskussion, die sich bis dato auf die Gastarbeiter beschränkte, von der Realität eingeholt. Der Lebenslüge „Deutschland ist kein Einwanderungsland“ standen 1980 100.000 Asylbewerbern überwiegend aus der dritten Welt gegenüber. Man versuchte in der folge Zeit durch Restriktionen und Beschränkungen (z.B. durch das Asylbewerberleistungsgesetzt, Arbeitsverbot und anderweitigen Schutz vor Verfolgung) die Asylbewerberzahlen zu senken. Es wurde dabei übersehen das die Schutzsuchenden vorher sehr leicht als Arbeitskräfte zureisen konnten, und nun sich aber trotz alle „Unannehmlichkeiten“ (s.o.) nicht von der wirtschaftlichen Anziehungskraft Deutschland abringen ließen.

Anfang der 90er stiegen die Bewerberzahlen stark an (1990: 193.063; 1991: 256.112; 1992: 438.191) (vgl. ebd. S.18) und bei einer Anerkennungsquote von 4% wurden in der kontroversen Diskussion 96% Wirtschaftsflüchtlinge daraus. (Ausländerfeindlichkeit und Rassismus etablierten sich wieder im vereinten Deutschland.)

Die Regierung versuchte durch zahlreiche Änderungen die „Asylbewerberflut“ zu stoppen. Dies endete dann im sogenannten Asylkompromiss, der am 6.12.1992 beschlossen wurde: Mit einer 2/3-Mehrheit von CDU/CSU, FDP und der SPD-Opposition wurde die Änderung des Art.16 GG beschlossen. Wesentlicher Inhalt der Neuregelung (Art.16a GG) war die Einführung von sicheren Herkunfts- und Drittstaaten, wodurch der Fluchtweg nicht der Fluchtgrund in den Vordergrund rückte.

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Details

Seiten
33
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638317061
Dateigröße
593 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v30449
Institution / Hochschule
Hochschule Darmstadt
Note
gut (2)
Schlagworte
Männliche Lebenswelt Migrantenjugendlichen

Autor

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