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Möglichkeiten eines gelingenden Lebens auf der Grundlage der Willensmetaphysik Arthur Schopenhauers

Bachelorarbeit 2015 35 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Frage nach dem guten Leben

3. Die Welt als Wille und Vorstellung
3.1 Die Welt als Vorstellung
3.2 Die Welt als Wille
3.3 Lebensbejahung und Unsterblichkeit
3.4 Ein gelingendes Leben als bejahter Wille

4. Das Leiden
4.1 Leiden durch endloses Streben und Langeweile
4.2 Perspektivenwechsel
4.3 Leiden durch Egoismus und dem daraus resultierenden Kampf der Individuen
4.4 Lebensverneinung
4.5 Willensbeschwichtigung

5. Aphorismen zur Lebensweisheit

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

8. Siglenverzeichnis

1. Einleitung

Literatur zu Lebenshilfe und Lebensglück hat heute Hochkonjunktur. In großer Zahl stapeln sich Bücher zu diesem Thema in den Philosophie-Abteilungen der Buchhandlungen. Wie man leben soll, um glücklich zu werden, dieses Thema ist so alt wie die Philosophie selbst und wird den Menschen wohl auch in Zukunft beschäftigen. Schon Aristoteles suchte nach dem höchsten Gut, wonach alle Menschen streben, und nannte diese Gut εὐδαιμονία (eudaimonía), ein Wort, das meist mit 'Glück' oder 'Glückseligkeit' übersetzt wird.[1]

Was kann uns ein Pessimist, der das Leben verneint, wie Arthur Schopenhauer es tat, über ein gelingendes und glückliches Leben sagen? Nach seiner Philosophie steht der Mensch vor der Wahl, das Leben entweder zu bejahen oder es zu verneinen. Letzterer Weg wird in seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung zum summum bonum, dem absoluten Gut erklärt. Mit Radikalität findet Schopenhauer in seinem Weg der Lebensverneinung „jene Zufriedenheit [...], die nicht wieder gestört werden kann, [die] allein welterlösend ist.“ (WI, 322) Eine solch extreme und pessimistische Sichtweise auf das Leben mag abschreckend wirken., aber man muss der Radikalität Schopenhauers nicht folgen. Sich auf ihn einzulassen, eröffnet Perspektiven: Seine Metaphysik über den Willen zum Leben gibt Anreize, das eigene Wollen und seine Resultate für das eigene Lebensglück zu überdenken. Nicht in der extremen Lebensverneinung findet sich dann Erlösung, sondern in der Tendenz der Willensbeschwichtigung.

Diese Arbeit will darstellen, inwiefern Schopenhauers Philosophie trotz ihres Pessimismus' als Anleitung zu einem gelingenden Leben beitragen kann.

Neben seinem Hauptwerk finden sich zahlreiche andere Schriften, u.a. die Aphorismen zur Lebensweisheit und Die Kunst glücklich zu sein. Diese Schriften stehen in einer gewissen Spannung zu seinem Hauptwerk, denn er lässt sich dort „von dem höheren, metaphysisch-ethischen Standpunkte, zu welchem [seine] eigentliche Philosophie hinleitet“ (AL, 11) herab und erörtert die Glücksmöglichkeiten, welche sich eröffnen, wenn man trotz aller Einsicht, die seine Philosophie liefert, das Leben bejaht. Doch die Gemeinsamkeit der Schriften ist größer. Die Welt als Wille und Vorstellung stellt den radikalen Weg dar, während die Aphorismen und Lebensregeln jene Tendenz der Willensbeschwichtigung ausdrücken, von der ausführlich die Rede sein wird.

Das Lebensglück einmal von einer leidvollen Perspektive zu betrachten, das verspricht ein interessantes Experiment zu sein. Was kann erfahren werden über ein gelingendes Leben, wenn man Gründe hat, zum selbigen 'Nein' zu sagen?

Ich werde im Folgenden, nach einem knappen geschichtlichen Einblick des Gegenstandes 'das gelingende Leben', Arthur Schopenhauers Metaphysik entfalten und erläutern, welche Konsequenzen seine Philosophie für das Leben des Menschen hat. Daneben möchte ich eine andere mögliche Perspektive stellen, welche zwar die Willensmetaphysik zur Grundlage hat, aber im Ganzen weniger pessimistisch ausfällt als bei Schopenhauer selbst.

2. Die Frage nach dem guten Leben

„Jede Kunst und jede Lehre, ebenso jede Handlung und jeder Entschluß scheint irgendein Gut zu erstreben. Darum hat man mit Recht das Gute als dasjenige bezeichnet, wonach alles strebt.“ (NE, 1094aI) In der Nikomachischen Ethik sagt Aristoteles, dass jedes Handeln, jede Art praktischer Tätigkeit nach einem Gut strebt. Fragt man danach, warum jemand etwas tut, dann liegt der Grund der Handlung darin, dass die Tätigkeit ein Mittel sei, ein Ziel zu erreichen. Das erstrebte Ziel wiederum ist selbst Mittel zu einem nächsten Ziel. Nun argumentiert Aristoteles, dass es ein höchstes Gut geben muss, einen Endpunkt des Wünschens, das höchste Ziel aller Tätigkeiten, welches alles Streben umfasst und um dessentwillen alle Tätigkeit getan wird. Der Grund: Das Streben nach immer weiteren Zielen läuft nicht ins Unendliche. Alle Menschen, so denkt Aristoteles weiter, sind sich in der Benennung dieses höchsten Gutes einig. Es ist, wie schon oben genannt, die Eudaimonia. Uneinigkeit herrscht nach Aristoteles dagegen darüber, worin die Glückseligkeit besteht.

Die Frage nach dem guten Leben, d.h. einem glücklichen Leben, einem Leben in dem die Eudaimonia Bestand hat, beschäftigt jeden Menschen und findet ihren philosophiegeschichtlichen Ausgangspunkt bei Aristoteles. Die Frage worin das gute Leben im Konkreten besteht, gehört zur Selbstreflexion jedes Menschen und ist noch heute Motiv zum Philosophieren. Dass in unserer Zeitepoche das Bedürfnis nach solchen philosophischen Überlegungen vorhanden ist, bezeugen die zahlreichen Bücher über Glück in den Philosophie-Regalen der Buchhandlungen. „Dann überrascht allerdings, daß diese Frage in weiten Teilen der Geschichte der abendländischen Philosophie keine Rolle spielt. Befremden müsste weiterhin, wie viele Menschen trotz der Offenheit der Frage nach dem Glück ganz zufrieden leben, ohne das Bedürfnis zum Philosophieren zu haben.“[2] Wie auch immer sich die Frage nach dem gelungenen Leben in unserer Kulturepoche verhält, die Uneinigkeit ihres Inhaltes herrscht nach wie vor.

Das Unternehmen, den Begriff eines gelingenden Lebens mit Inhalt zu füllen, scheint von vornherein eines zu sein, das nicht gelingen kann. So erläutert Kant[3] [4] beispielsweise, dass es zwei Möglichkeiten gibt, Inhalte eines gelingenden Lebens zu bekommen: Eine subjektive und eine objektive. Eine objektive Lösung wäre bspw. die genannte Lehre des Aristoteles, bei der die andauernde Selbstverwirklichung im vernünftigen Tätigsein ein glückliches Leben ausmacht. Um aber solch eine allgemeingültige Antwort formulieren zu können, müsse man, nach Kant, bestimmte metaphysische Annahmen in die Beschreibung des Wesens des Menschen hineinlegen. Jedoch blieben solche Begriff leer, unbestimmt und man bewege sich mit ihnen lediglich in einem Zirkel. Die Frage nach dem gelingenden Leben sei eine empirische. Es ist jenes Leben gelingend, welches von den jeweiligen Individuen als gelungen empfunden wird. Daher kann keine objektive Antwort formuliert werden, wie man im Leben glücklich wird. Philosophische Texte, die einen allgemeingültigen Anspruch erheben, können daher nur als Anreize für die individuelle Reflexion über das eigene Leben dienen.

Wenn wir eine Welt annehmen, in der es möglich sein soll, dass jeder sein Glück schmieden kann, wird schnell deutlich, dass Interessen verschiedener Individuen in Konflikt geraten können. Auch hier wird Schopenhauers Philosophie interessant. Einerseits kann die vorliegende Arbeit, die mit einer schopenhauerischen Brille etwas über das gelingende Leben sagen will, als Anreiz und Vorschlag für die eigene Lebensreflexion dienen, andererseits aber zeigt sie auch, warum man von gewissem Wollen loslassen sollte, um glücklich zu sein.

Der Titel dieser Arbeit lautet Möglichkeiten eines gelingenden Lebens auf der Grundlage der Willensmetaphysik Arthur Schopenhauers. Nun habe ich im Bisherigen verschiedene Begriffe fallen lassen, die ein gelingendes Leben betreffen: Eudaimonia, Glück, Glückseligkeit, ein gutes Leben, Lebensglück. Das 'gute Leben' meint aber nicht nur ein Leben im hedonistischen Sinne. Hinzu kommt, dass diese Thematik philosophiegeschichtlich in Verknüpfung mit Fragen nach Moral und Ethik steht. Alltagssprachlich verwenden wir den Ausdruck 'ein gutes Leben' eher für ein Leben, das von Wohlbehagen und Zufriedenheit erfüllt ist. Aristoteles beispielsweise verknüpft mit einem gelingenden Leben u.a. ethische Tugenden, das bedeutet, er verbindet die Thematik mit ethischen Gesichtspunkten. Im Gesamten scheint der Begriffsinhalt des 'gelingenden Lebens' weit gefasst und schwierige Themen der Philosophie zu beinhalten. Wenn ich im Folgenden diese Begriffe auf Schopenhauer anwende, muss geklärt sein, wie die Inhalte der Begriffe beschaffen sind.

Ich möchte im Folgenden Fragen nach Ethik und Moral zunächst außen vor lassen. Zunächst soll die Arbeit zeigen, worin man mit Schopenhauers Werk sagen kann, inwiefern man glücklich und zufrieden das Leben bewerkstelligen kann, also im Sinne von persönlicher Lebenszufriedenheit. Ein gelingendes Leben ist demnach ein Leben, das Zufriedenheit und Glückseligkeit erzeugt. In dieser Weise verwende ich alle genannten Begriffe synonym. Auch den Begriff 'Glück' will ich in diesem Sinne verwenden. Im Verlauf der Arbeit werde ich an den entsprechenden Stellen zusätzlich den Bereich der Ethik und den der Moral miteinbeziehen.

Die Frage nach dem guten und gelingenden Leben betrifft zudem eine andere Ebene der Auseinandersetzung mit dem Leben. Stellt man sich eine Person vor, die in einer depressiven Stimmung über ihre Zukunft nachdenkt, könnte sich diese Person fragen, wozu die Überlegungen, die eigene Zukunft betreffend, überhaupt gut sind. „Schließlich ist, wenn man sich im Leben wichtige Ziele setzt, nie garantiert, daß man sie erreicht. Und von den vielen Dingen, die man tun könnte, läßt sich in der Kürze der Lebenszeit doch nur ein sehr kleiner Teil realisieren. Lohnt sich dann angesichts der geringen konkreten Möglichkeiten die Mühe, hat sie einen Sinn?“[5] Für Ursula Wolf gehört die Sinnfrage und ihre Beantwortung, wie auch immer diese sein mag, zur Frage nach dem guten Leben dazu. Die Sinnfrage gehört bei ihr sogar zur „existentielle[n] Schicht der Frage nach dem guten Leben.“[6] Die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens entspringt aus der Aporie, wie trotz eines endlichen und wechselhaften Lebens, ein vollkommenes und glückliches Leben möglich sein soll.

Bei Arthur Schopenhauer finden wir eine Antwort auf diese existentielle Frage, die grundlegend ist, um Antworten formulieren zu können, wie das Leben gelingen kann. Es wird sichtbar werden, dass diese sehr pessimistisch ausfällt, was aber nicht bedeutet, dass nicht trotzdem Positives daraus formuliert werden kann.

3. Die Welt als Wille und Vorstellung

Die Welt als Wille und Vorstellung, so lautet der Titel des Hauptwerkes Arthur Schopenhauers. In ihm manifestiert sich die Grundeinteilung der Welt, wie Schopenhauer es in seiner Schrift schließlich ausführt. Die Welt ist einmal Vorstellung und gleichzeitig ist sie Wille.

Historisch lässt sich Arthur Schopenhauer in die Philosophie des 19. Jahrhunderts einordnen. Er stellt mit seinem Werk zugleich den Übergang aus der vorhergehenden Philosophie Epoche des Deutschen Idealismus dar. Er knüpft an die Philosophie Immanuel Kants an, wobei er insbesondere Bezug zu der Kritik der reinen Vernunft nimmt. Im Werk Kants behandelt dieser eine transzendentale Elementar- und Methodenlehre. Einige Gedanken, die der Begriff 'die Welt als Vorstellung' beinhaltet, übernimmt Schopenhauer von dort. Im Wesentlichen handelt es sich um den Gedanken von der Unterscheidung zwischen den Erscheinungen und den Dingen an sich. Ich gehe im Folgenden nicht näher auf die Aussagen Kants ein, sondern belasse es bei der Feststellung, dass Schopenhauer an einige philosophische Punkte Kants anknüpft. Im Fokus soll das metaphysische Gebäude der Welt als Wille stehen, denn der Wille als metaphysisches Prinzip, welches hinter allen Erscheinungen steht, ist entscheidend für ein Verständnis, aus dem heraus Betrachtungen über ein gelingendes Leben entwickelt werden können.

Als nächstes soll dennoch wenigstens ein grundlegender Abriss über die Welt als Vorstellung gegeben werden. Zum einen der Vollständigkeit halber und schlussendlich nur soweit, wie es der Erläuterung der Welt als Wille dienlich ist.

3.1 Die Welt als Vorstellung

Was ist die Welt als Vorstellung? „>>Die Welt ist meine Vorstellung:<< - dies ist die Wahrheit, welche in Beziehung auf jedes lebende und erkennende Wesen gilt.“ (WI, 25) Dies ist der allererste Satz aus dem Werk Schopenhauers. Dieser Satz beinhaltet eine wichtige Trennung, den ersten Schritt zum Verständnis, was die Welt als Vorstellung bedeuten soll. Die Unterscheidung zwischen dem erkennenden Subjekt und den Objekten, die vom Subjekt erkannt werden. Das Erkenntnissubjekt ist bei Schopenhauer der Ausgangspunkt jeglicher Erkenntnis. Alles andere, das außerhalb des Erkenntnissubjekts liegt, stellt ein Objekt dar. Zu diesen Objekten gehört das Erkenntnissubjekt selbst. Wie das zu verstehen ist, wird an späterer Stelle erläutert. Das erkennende Subjekt erkennt also die sich außer ihm befindlichen Objekten, einschließlich sich selbst. Die von ihm erkannten Objekte sind seine Vorstellungen. Mit Vorstellungen ist hier nicht gemeint, dass die Objekte imaginiert seien. Dass ein Objekt vorgestellt wird, bedeutet hier Folgendes.

Alles, was wir mit unseren Sinnen aufnehmen, wird durch uns in eine Struktur gebracht. D.h., das Erkenntnissubjekt nimmt Sinnesdata wahr und formt mit diesen seine Welt, seine vorgestellte Welt. Man könnte hier von einem 'An-sich-Sein' der Dinge sprechen, d.i. das Sein der Dinge, bevor sie durch das erkennende Subjekt zu einer Wahrnehmung geformt werden. Dieses 'An-sich-Sein' der Objekte ist unvorstellbar, nicht erkennbar, denn gerade durch den Erkenntnisprozess des Subjektes wird das Objekt zu seiner Vorstellung. Das Erkenntnissubjekt formt durch bestimmte Prinzipien die Objekte, strukturiert sie innerhalb seiner vorgestellten Welt. Daher unterscheiden sich die Dinge an sich von den Objekten, auf die Erkenntnisprinzipien wirken. In diesem Sinne sind diese etwas Vorgestelltes.

Schopenhauer nennt für die Welt der Vorstellung subjektive Bedingungen, also die Prinzipien, denen die Objekte der Erkenntnis unterliegen, mit denen das Erkenntnissubjekt seine Welt der Vorstellung formt. Allen diesen liegt ein wesentliches subjektives Prinzip zu Grunde: „[D]as Zerfallen in Objekt und Subjekt [ist] die gemeinsame Form aller jener Klassen, ist diejenige Form, unter welcher allein irgend eine Vorstellung, welcher Art sie auch sei, abstrakt oder intuitiv, rein oder empirisch, nur überhaupt möglich und denkbar ist.“ (Ebd.) D.h., dass ein Objekt nur in Beziehung zu einem Subjekt vorhanden ist. Die ganze Welt ist die Welt in der Anschauung des Anschauenden. Die Spaltung von erkennendem Subjekt und erkanntem Objekt, mit dem dieses Kapitel begann, ist also das erste und grundlegendste Prinzip des Erkennens überhaupt.

Die weiteren subjektiven Bedingungen bzw. die uns a priori bewussten Formen des Objektes finden ihren gemeinschaftlichen Ausdruck im sogenannten Satz vom Grunde. Dieser wird von Schopenhauer nicht in Die Welt als Wille und Vorstellung ausgeführt, sondern findet sich in einer früher verfassten philosophischen Abhandlung mit dem Titel Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde. Für die Entwicklung des einen Gedankens, auf den Schopenhauer abzielt, ist eine nähere Erläuterung dessen nicht notwendig. Deshalb beschränke ich mich der Vollständigkeit wegen auf eine kurze Darstellung.

Der Satz vom Grunde gehört zu den Grundprinzipien unseres Denkens und wurde von Leibniz als Prinzip seiner Philosophie formuliert.[7] Er gehört, wie der Satz vom Widerspruch, der Satz der Identität und der Satz vom ausgeschlossenen Dritten, zu den Hauptprinzipien, auf die sich menschliche Vernunftschlüsse stützen. Er besagt, dass alles, was ist, einen zureichenden Grund besitzt. Anders formuliert: Nichts geschieht ohne Grund. Schopenhauer gibt diesem Satz vier Bedeutungen, die er in besagter Abhandlung erörtert. Daraus folgert er, dass das Subjekt in einem vierfachen Verhältnis zum Objekt steht. Diese vierfachen Beziehungen sind folgende: Im ersten Fall ist das Subjekt ein mit den äußeren Sinnen anschauendes Subjekt. Seine Objekte sind die Vorstellungen, die dem Satz vom zureichenden Grund des Werdens bzw. dem Gesetz der Kausalität unterliegen. Im zweiten Fall ist das Subjekt ein erkennendes und urteilendes Subjekt. Seine Objekte sind Begriffe und Urteile. Diese unterliegen dem Satz vom zureichenden Grund des Erkennens. In der dritten Beziehung ist das Subjekt ein a priori anschauendes Subjekt. Seine Objekte sind die a priori gegebenen Anschauungen des Raumes und der Zeit. Diese unterliegen dem Satz vom zureichenden Grund des Seins. Der letzte Fall betrifft das Subjekt als Objekt. Das Subjekt ist sich selbst anschauend, es erkennt sich selbst empirisch. Sein Objekt ist es selbst als Wille. Das angeschaute Subjekt unterliegt dem Satz vom zureichenden Grund des Handelns bzw. dem Gesetz der Motivation. An dieser Stelle muss eine wichtige Aussage Schopenhauers zitiert werden: „Dasjenige, was Alles erkennt und von Keinem erkannt wird, ist das Subjekt.“ (WI, 27) Das Subjekt erkennt sich selbst also nicht, sondern nur was an ihm als Objekt erscheint, wie sein eigener Leib, also dasjenige, das den Gesetzen der Objekte unterworfen ist.

3.2 Die Welt als Wille

Zunächst möchte ich ein Verständnis dafür entwickeln, was Arthur Schopenhauer mit 'Wille' meint. Im zweiten Buch des ersten Bandes kommt er zur Begriffsbildung.

Zunächst hält Schopenhauer fest, „daß dies Nachgefragte etwas von der Vorstellung völlig und seinem ganzen Wesen nach Grundverschiedenes seyn muß, dem daher auch ihre Formen und ihre Gesetze völlig fremd seyn müssen.“ (WI, 104) Folglich kann dem Gesuchten nicht mittels den Gesetzen der Welt als Vorstellung beigekommen werden. Wenn man solcher Art versuchte, die Welt neben der Welt als Vorstellung zu enträtseln, erhielte man nichts als „Bilder und Namen“ (WI, 105). Die spannende Frage lautet also, wenn das Gesuchte dennoch gedacht werden soll, auf welchem Weg kann dies geschehen?

Die Antwort formuliert Schopenhauer in §18. Darin wiederholt er zunächst, was er in seiner bisherigen Untersuchung sagte, nämlich dass das erkennende Subjekt sich selbst als Objekt erkennt. „[D]ie Bewegungen, die Aktionen desselben sind ihm insoweit nicht anders, als wie die Veränderung aller anderen anschaulichen Objekte bekannt, und wären ihm ebenso fremd und unverständlich, wenn die Bedeutung derselben ihm nicht etwan auf eine ganz andere Art enträthselt wäre.“ (Ebd.) So erkennt das Subjekt seine Handlungen nach dem Gesetz der Motivation. Es erkennt die Motive, die es zum Handeln treiben. Wenn ich beispielsweise etwas esse, dann bin ich mir über mein Motiv bewusst, nämlich dass ich einen Hunger verspürte. Wenn ich müde bin, dann lege ich mich hin, um mich auszuruhen. Das Motiv erklärt, ganz nach dem Satz vom Grund, meine Handlung. Nun sind wir als erkennende Subjekte dennoch mehr als bloße Zuschauer unserer Handlungen. Wir sehen unser Handeln nicht „mit der Konstanz eines Naturgesetzes erfolgen“. (Ebd.) Worauf Schopenhauer hier hinaus will, wird an folgendem Vergleich deutlich: Ich differenziere hier das Verhältnis von Ursache und Wirkung an einem Objekt außerhalb des Subjektes, sowie am Subjekt als Objekt. Im ersten Fall könnte man sich eine Kerze aus Wachs auf einem Fensterbrett vorstellen. Die Kerze stand den ganzen Tag dort und ihr Wachs ist geschmolzen. Die Ursache dafür ist, dass sie den ganzen Tag der Sonne ausgesetzt war. Ich kann die Veränderung der Kerze kausal erklären. Beobachte ich mich selbst beim Trinken eines Glas Wassers, kann ich ebenso die Ursache dafür nennen: Ich hatte Durst. Nun haben wir aber, so Schopenhauer, im letzten Fall eine tiefere Einsicht in das Geschehen als im ersten. Wir verstehen an uns mehr als die bloße Verbindung zwischen Ursache und Wirkung. Das Subjekt sieht sich nicht teilnahmslos zu, wie es aufgrund eines Durstgefühls zum Glas Wasser greift, sondern es fühlt das Wesen, das hinter seiner Handlungen steht, das es selbst ist. Das handelnde Subjekt ist das metaphysische Prinzip bzw. das Ding an sich, welches beim Handeln mitwirkt. Dieses Ding an sich nennt Schopenhauer 'Wille'. „Dieses, und dieses Allein, giebt ihm [(dem Subjekt)] die Bedeutung, zeigt ihm das innere Getriebe seines Wesens, seines Thuns, seiner Bewegungen.“ (Ebd.) Wille bezeichnet dasjenige, das wir als Subjekte an uns nicht als Vorstellung erkennen, das wir von allen anderen Objekten außer uns nicht unmittelbar erfahren, sondern nur an uns selbst erleben.

[...]


[1] Vgl. Konkordanz bei: Wolf, Ursula, 2002, Aristoteles' >Nikomachische Ethik<, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, S. 261.

[2] Wolf, Ursula, 1999, Die Philosophie und die Frage nach dem guten Leben, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, S. 11.

[3] Vgl. Kant, Immanuel, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Akademie-Ausgabe IV, 442f.

[4] Vgl. Kant, Immanuel, Kritik der praktischen Vernunft, Akademie-Ausgabe V, 47.

[5] Ebd., S. 19.

[6] Ebd.

[7] Vgl.: Leibniz, Gottfried Wilhelm, 1997, Lehrsätze der Philosophie -Monadologie- Letzte Wahrheiten über Gott, die Welt, die Natur der Seele, den Menschen und die Dinge, Verlag Königshausen & Neumann GmbH, Würzburg.

Details

Seiten
35
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668027961
ISBN (Buch)
9783668027978
Dateigröße
632 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v304467
Institution / Hochschule
Universität Erfurt – Philosophische Fakultät
Note
1,0
Schlagworte
Glück Schopenhauer Arthur Schopenhauer Lebensglück gelingendes Leben Zufriedenheit Wille

Autor

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