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Frauenproblematik der Romantik dargestellt am "Prinz Friedrich von Homburg" von Heinrich von Kleist

Lizentiatsarbeit 1997 135 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort

Frauenproblematik der Romantik

Heinrich von Kleist

Die Wirkungsgeschichte des "Prinz Friedrich von Homburg

Die Interpretation des "Prinz Friedrich von Homburg:

Die Handlung

Die Dramenstruktur

Die thematischen Schichten

Die machtpolitischen Interessen

Der Konflikt

Die moralische Entwicklung des Prinzen

Die politische Entwicklung des Kurfürsten

Der politische Erkenntnisprozess und die definitive Entscheidung des Prinzen

Die Schuld des Kurfürsten und des Prinzen von Homburg

Die Umwandlung des personell bezogenen Feudalstaates in einen institutionell gesicherten Rechtsstaat

Die Beseitigung der Frauen aus dem öffentlichen Leben

Der Schwanengesang des feudalistischen Systems auf dem politischen Sektor

Der Schwanengesang des feudalistischen Systems auf dem militärischen Sektor

Die Abdankung der feudalistischen Jurisdiktion

Die Institutionalisierung der neuen Verfassung

I. Die neue politische Ordnung

II. Die neue soziale Ordnung

III. Der missionarische Auftrag, mit diesen und für diese neuen sittlichen Normen die Welt zu erobern Ideologiebildung

I. Das Vorurteil

II. Die Struktur des Dramas

III. Die Sprachanalyse

Die weiblichen Metaphern

Die männlichen Metaphern

Die Wassermetaphern

Der gescheiterte Konfliktlösungsprozess

Der Dichter und sein Werk

Die zeitliche Struktur des "Prinz Friedrich von Homburg"

Das Versmaß des "Prinz Friedrich von Homburg"

Der ideologische Machtkampf im Zeichen von Hass und Angst

Ausbli>"Prinz Friedrich von Homburg"

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

Zeitungen und Zeitschriften

Schallplatten

VORWORT

Am Anfang war die Neugierde: Emanzipation? Im Lateinischen: Abtretung, Scheinverkauf. Im Duden: "Freilassung, Befreiung aus einem Zustand der Abhängigkeit, Verselbständigung, Gleichstellung" 1). Befreiung von was? Zu was? Wann? Die Deutschen wollen es gründlich wissen, sie fangen bei Adam und Eva an 2). Die Franzosen sind präziser, sie bestimmen das Datum exakt bis auf den Tag: "20 et 21 juillet 1789, intitulé "reconnaissance et exposition raisonnée des Droits de L'Homme et du Citoyen", lorsqu'il opère la distinction entre droits naturels et civils d'une part, et droits politiques de l'autre, que Sieyès évoque les femmes pour les situer dans la catégorie des citoyens inactifs." 3)

Die Folgen : "Les femmes, du moins dans l'état actuel, ... ne doivent point influer activement sur la chose publique." 4) Frauen dürfen bis heute keine öffentlichen Angelegenheiten beeinflussen. Gesetze legalisieren und diskriminieren, sie dokumentieren aber auch. Die Wirklichkeit, die sich dahinter befindet, was mit welchem Recht legalisiert, was als diskriminierend angesehen wird, ist ein Labyrinth menschlicher Irrungen, Wirrungen und Rationalisierungen.

Wo aber lässt sich das hinterfragen? In den Philosophien der Zeit oder in ihrer Literatur? In "AU POUVOIR, CITOYENNES!" wird "Le Contrat social" zitiert. Hier sind die Frauen nur als Geburtsmaschinen anwesend: "les Femmes n'étaient présentes, nommément, que comme génitrices?" 5) Soll Rousseau allein verantwortlich sein für die Versklavung der Frau? Wohl kaum! Doch wo liegt das Grundproblem? Existiert die Frau als Bewusstseinsentwicklung im Kopfe des Mannes? Oder ist sie einfach der Verlierer eines Machtkampfes? Oder beides? Dialektik also: "Die individuelle und gesellschaftliche Emanzipation von Herrschaft ist die Gegenbewegung zur falschen Projektion." 6) Und die falschen Projektionen? Sind sie Resultate oder Produkte menschlicher Imagination? Ewige Dialektik? Ewiger Circulus vitiosus?

Am Anfang war die Frage. Was ich fand, waren Widersprüche, die mich reizten, erschreckten und ratlos machten. Methodisch gehe ich von der Situation der Frauen in der Romantik aus. Ich konzentriere mich auf einen Dichter, Heinrich von Kleist. Ich wähle ein Werk aus Kleists Werken aus, den "Prinz Friedrich von Homburg". Wie und als was sind die Frau und das Weibliche im „Prinz Friedrich von Homburg“ gestaltet? Von hier aus gehe ich auf die Darstellung des Weiblichen in der Romantik zurück. Ich schließe diese Betrachtung damit ab, dass ich anhand der Rezeption des "Prinz Friedrich von Homburg" die Situation der Frau in unserer Zeit betrachte.

FRAUENPROBLEMATIK DER ROMANTIK

Um die Jahrhundertwende vom 18. zum 19. Jahrhunderts begegnen uns viele großartige Frauengestalten. In den literarischen Salons des 17. und 18. Jahrhunderts regierten Frauen mit funkelndem Esprit. Sie dirigierten und beherrschten das intellektuelle und geistige Leben Frankreichs. Der gesellschaftliche, kulturelle und geistige Einfluss der Frauen dieser Zeit ist heute kaum vorstellbar 7). "On ne fait rein à Paris que par les femmes. Ce sont comme des courbes dont les sages sont les asymptotes, ils s'en approchent sans cesse, mais ils n'y touchent jamais" 8), sagte der Mathematiker Castel im 18. Jahrhundert. Die französische Tradition des literarischen Salons wurde in Deutschland vor allem in Berlin in den Salons der Henriette Herz, Rahel Levin-Varnhagen, Fanny Lewald und Sabine Lepsius gepflegt und weitergeführt. In Wien gab es die Salons von Fanny von Arnstein und Karoline Pichler. In Jena spielte Dorothea Michaelis-Böhmer-Schlegel-Schelling eine zentrale Rolle im geistigen Leben der Stadt.

1791 deklarierte Olympe de Gouges die "Rechte der Frau". Sie forderte die sexuelle Freiheit der Frau, das Recht auf Ehescheidung und freie Partnerwahl, gleiches Recht für ehelich und unehelich geborene Kinder und gleiches Recht für deren Mütter. 1793, in den Tagen des revolutionären Terrors, wird sie guillotiniert: "avec sa tête allaient tomber également ses idées féministes" 9). Mit ihrem Kopf fielen auch die feministischen Ideen.

Steht Oympe de Gouges am Ende eines weiblichen Zeitalters oder am Anfang? Ist sie "La première féministe moderne" 10) oder die letzte der freien Frauen? Ihr folgten Frauen wie Mme de Staël und George Sand, die nach männlichem Vorbild das Leben einer "Libertine" führten: "Bien qu'elle parlât en femme à une époque où celles-ci se taisaient, elle transcenda, au-delà des frontières du temps, les stéréotypes masculins/feminins. Elle fut une grande dame qui aborda la vie "exactement" comme un homme" 11) schreibt Joseph Barry über George Sand (1804-1876). Waren diese intelligenten, starken Frauen der Beginn einer keimenden Emanzipationsbewegung oder die letzten bizarren Reste eines versinkenden feudalen Zeitalters? Signalisieren diese Frauen die Morgenröte eines neuen Zeitalters oder sind sie Epigonen einer verdämmernden Kultur?

Sicher, sie waren auf der Suche nach ihrer Emanzipation. Sie versuchten, sich geistig, sozial, künstlerisch und individuell zu verwirklichen. Ohne Zweifel übten sie einen entscheidenden Einfluss auf ihre Zeitgenossen aus. Diese feministische Bewegung fand ihren Niederschlag in der Literatur dieser Zeit wie in Schlegels "Lucinde". Zeugen hiervon sind auch der "Kampf der Jungfrauen gegen die Männerwelt" 12) in Brentanos "Die Gründung Prags" oder „Florentin“ von Dorothea Veith-Schlegels. Dennoch war es kein Vergnügen und kein Privileg, als Frau in dieser Zeit gelebt zu haben. Es bedeutete "ein Mensch minderen Werts zu sein, wofern man überhaupt als Mensch gewertet wurde ... Selbst dann, wenn sie wenigstens als Mensch anderen Geschlechts akzeptiert wurde, war sie unterlegen, bliebt sie zweiten Ranges; nicht einmal die Bildung des Mannes sollte ihr offenstehen." 13), schreibt E. Klessmann über Caroline Michaelis-Böhmer-Schlegel-Schelling, einer Frau also, die mit den bedeutendsten Romantikern ihrer Zeit alliiert gewesen war.

Nur wenigen Frauen gelang es, aus dieser gesellschaftlichen Versklavung auszubrechen. Das konnten sie aber auch nur dank ihrer sozialen Position, ihrer finanziellen Sicherheit oder Unabhängigkeit oder weil sie von Geburt aus schon von der offiziellen Gesellschaft ausgeschlossen waren wie Olympe de Gouges als uneheliches Kind.

Diese Frauen hatten diese Möglichkeit, weil sie in eine Zeit und Gesellschaft hineingeboren wurden, die sich selbst überlebt hatte. Sie lebten in einem Interregnum, wo erstens das etablierte System keine feste Strukturen und keinen Bodenkontakt mehr besaß, und wo zweitens das neu aufkommende kapitalistische System noch keine feste Position gefunden, formuliert und verankert hatte. Diese Frauen machten Geschichte zu einem Zeitpunkt, wo das arkadische Nebeneinander der feudalen und bürgerlichen Klasse zu Ende war. Mit und in der französischen Revolution setzte der Kampf ums Überleben ein.

Im 18. Jahrhundert erreichte die absolute Monarchie ihren Höhepunkt. Politisch, moralisch und ökonomisch korrupt und verfault erlangte sie eine Ausstrahlungskraft und Faszination, die alles andere in den Schatten stellte. Die französische Kultur dieser Zeit war kosmopolitisch und feministisch. "ein erster Schritt hin zur Dekadenz des Ancien Regime" 14) soll die Einführung der galanten Umgangsformen der Salons in die führenden Schichten gewesen sein.

In dieser Zeit festigte das aufsteigende Bürgertum seine finanzielle Position und Macht. Fundament und Kernzelle des bürgerlichen Reichtums war die Familie. Sie war die "Keim- und Kernzelle des gesamten bürgerlichen Lebens" 15). In ihrer Rollenzuteilung war sie das genaue Gegenteil zum höfischen Leben. Das Image der bürgerlichen Frau und Mutter war wie Gert Ueding formuliert "Entsagungsbereitschaft, Zurückhaltung und Bescheidenheit, peinliche Einhaltung ehelicher Moralvorschriften, Leidensfähigkeit und Standhaftigkeit auch im Unglück" 16). Dieses Image steht in einem unversöhnlichen Kontrast zu dem Frauenbild der höfischen Gesellschaft.

Das Ende des 18. Jahrhunderts setzte mit der französischen Revolution einen markanten Schlussstrich unter die absolute Monarchie. Der Sieger der Revolution war das finanziell mächtig gewordene Bürgertum. Wahlspruch dieser neu etablierten Gesellschaft war: "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" (Fraternité). Frauen sind hier schon expressis verbis ausgeschlossen.

Am Ende des 19. Jahrhunderts ist die adelige, ehemals feudale Gesellschaft verbürgerlicht. Sie hat die Normen und Rollenverteilung des bürgerlichen Wertsystems übernommen 17), während die Töchter der bürgerlichen Klasse anfangen, in die Hochburgen der männlichen Macht kapitalistischer Provenienz einzudringen, sei es auf den Universitäten, im politischen oder öffentlichen Leben oder in Handel und Industrie. Für Frauen wird es wichtiger, sich berufliche Karrieren und/oder politische und finanzielle Macht zu verschaffen, als eine "elitäre Kunstgeselligkeit" 18) zu hegen und zu pflegen. Waren also die Frauen der Romantik Vorläufer der Suffragetten oder das Gegenteil, der Schwanengesang einer abdankenden Welt?

Um diese Frage beantworten zu können, gehe ich an das ausklingende 18. Jahrhundert zurück. Das war ein Zeitpunkt, wo der Status quo, das korporative Miteinander der bürgerlichen und feudalistischen Gesellschaftsform zu Ende war. Hier wurde der endgültige Bruch der beiden Systeme sichtbar. In diesem Bruch und mit diesem Bruch wird das Gegensätzliche und Unversöhnliche sichtbar. Der Kampf ums Überleben wurde mit allen Mitteln gerechtfertigt. Es wurde offen, schamlos, hemmungslos und schonungslos diskutiert und argumentiert. Der Krieg, auch der ideologische und der psychologische, legalisiert jedes Recht.

Das ist sichtbar in den Biographien vieler Menschen dieser Epoche, besonders der Menschen, die von einer Gesellschaftsklasse in die andere wechselten, von der bürgerlichen in die adelige und umgekehrt. Genau hier, im Wandel und Umbruch der Lebensverhältnisse, im Neufinden einer Selbstdefinition und -identifikation, werden Probleme und Schmerzen sichtbar. Sichtbar wird der Kampf der beiden Gesellschaftssysteme aber auch in den polemischen und theoretischen Schriften. Sichtbar wird er auch in der Literatur.

Welche Bedeutung dies für uns heute hat, möchte ich an den Werken Heinrich von Kleists untersuchen. Ich wählte Kleist, weil er in dieser Zeit lebte und weil er diese Zeit lebte und verkörperte. Er bewegte sich in der kurzen Spanne seines Lebens in den verschiedensten Gesellschaftsschichten. Seine Probleme sind nicht nur in seiner Biographie sichtbar, sie zeigen sich auch in seinen Werk. Hier können wir seine Probleme und seinen Kampf mit ihnen nachvollziehen. Seine Kompromisse und Problemlösungsversuche werden verständlich. In seinen Werken reflektieren sich die Probleme seiner Zeit. Im Spiegel der Rezeptionsgeschichte seiner Werke spiegeln sich die Probleme der heutigen Zeit.

Das ist das Thema dieser Arbeit. Welches Frauenbild finden wir in den Werken Heinrich von Kleists? Welche Bedeutung hat dies für uns heute? Eingehend werde ich mich dabei mit dem letzten Drama Heinrich von Kleists dem "Prinz Friedrich von Homburg" befassen.

HEINRICH VON KLEIST

Heinrich von Kleist wurde am 18. 10. 1777 in Frankfurt an der Oder geboren. Das Geschlecht von Kleist war ein alter brandenburgischer Adel, Die Männer waren Soldaten im Dienste der brandenburgischen Kurfürsten und Könige. Heinrichs Vater war Kompaniechef.

Als Heinrich 11 Jahre alt war, starb sein Vater. Hier begann der Abstieg einer landadeligen und nur mittelmäßig begüterten Familie. Die einzige Rettung war eine Karriere im Militär oder Staatsdienst für die Söhne und eine gute Heirat für die Töchter. Der Anfang von Heinrich von Kleists Laufbahn war dementsprechend. Mit 15 Jahren wurde er in das Garderegiment in Potsdam aufgenommen. Kurz danach starb seine Mutter.

Mit 22 Jahren suchte Heinrich von Kleist seinen Abschied aus der Armee. Er verlobte sich mit Wilhelmine von Zenge, der Tochter eines brandenburgischen Landadeligen. Er träumte von einem friedlichen Leben als Landwirt. Als das Gut der Familie Kleist bei Cottbus verkauft wurde, war dieser Traum zu ende. Heinrich von Kleist träumte jetzt von einer Anstellung im Staatsdienst. Doch jedes Mals, wenn er irgendeine Position erreichte, brach er wieder aus dem geordneten Leben aus. 19)

Zu seiner Verlobten hatte er ein merkwürdiges Verhältnis. Er schrieb ihr Briefe. Diese Briefe waren belehrend, moralisierend und erziehend. Als wieder einmal die Aussicht um eine Anstellung im Staatsdienst für ihn zerbrach, löste Wilhelmine die Verlobung auf. Außer dieser Verlobung zu Wilhelmine von Zenge, in der Kleist die Rolle eines Tutors übernahm, hatte er nur freundschaftliche Beziehungen zu anderen Frauen wie zum Beispiel zu seiner älteren Stiefschwester Ulrike und zu Marie von Kleist.

Ganz allgemein war Kleists Leben geprägt von Konflikten. Er reiste unstet umher, studierte und brach das Studium wieder ab. Er wollte Handwerker werden. Er hatte hundert Pläne und verwarf alle wieder. Kleist schrieb Dramen, Novellen, polemische Schriften, Abhandlungen und Gedichte. In seinen Werken schaffte er sich eine Traumwelt, die mehr und mehr einem Alptraum glich. So war auch sein Tod. Am 19. Nov. 1811 erschoss Heinrich von Kleist zuerst die unheilbar kranke Henriette Vogel und danach sich selbst.

DIE WIRKUNGSGESCHICHTE DES "PRINZ FRIEDRICH VON HOMBURG"

Der "Prinz Friedrich von Homburg" entstand 1809/1810 und wurde 1811 abgeschlossen. Zu Lebzeiten von Heinrich von Kleist wurde das Drama weder publiziert noch aufgeführt. Tieck veröffentlichte das Schauspiel 1812 posthum.

In Wien wurde das Stück erstmals aufgeführt. Diese Aufführung war ein derartiger Theaterskandal, dass das Stück nach fünf Vorstellungen wieder abgesetzt werden musste. Der Erzherzog Karl von Österreich fürchtete, das Beispiel des Prinzen könnte einen demoralisierenden Einfluss auf die Armee ausüben. 1828 wurde das Drama in einer zensurierten Fassung in Berlin aufgeführt und nach drei Vorstellungen auf Befehl Friedrich Wilhelm III. wieder abgesetzt. Der Prinz würde den preußischen Militärstaat lächerlich machen. 1841 wurde das Stück zum "Nationalgedicht" erklärt und als vaterländische Inszenierung präsentiert. Bis 1878 wurden einzelne Schlachtszenen des "Prinzen von Homburg" an Staatsfeiertagen aufgeführt.

Die Meininger entdeckten das historisch patriotische Drama. Um die Jahrhundertwende begann man sich für den ideologischen Kampf der Jugend (symbolisiert im Prinzen) gegen das Alter (symbolisiert im Kurfürsten) zu interessieren. 1914 wurde das Stück begleitet vom Deutschlandlied aufgeführt. 1918 wurde es bei Kriegsende wieder vom Spielplan abgesetzt. In den zwanziger Jahren entdeckten die Expressionisten den modernen Tragiker und die Nationalsozialisten erklärten das Drama zum "Eck- und Grundpfeiler eines Spielplans der stählernen Romantik" 20).

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde der "Prinz Friedrich von Homburg" ungefähr 118mal neu einstudiert. Die 68ziger Generation problematisierte in den siebziger Jahren die politische Interpretation. Hierzu gehören die beiden Berliner Inszenierungen von 1972. Hierzu gehören auch die Inszenierungen der geflüchteten DDR-Regisseure. Eine Gegenbewegung zu diesen politisierten Kleist-Inszenierungen setzte erst in den achtziger Jahren ein. Hier wurde nun der Mythos, der rätselhafte Mensch aktualisiert.

DIE INTERPRETATION DES "PRINZ FRIEDRICH VON HOMBURG"

DIE HANDLUNG

Grundlage der dramatischen Handlung ist ein historisches Ereignis. Wir befinden uns im Jahre 1675 in der Mark Brandenburg. Der dreißigjährige Krieg hat Deutschland verwüstet und politisch und wirtschaftlich geschwächt. Im Westen besetzten Franzosen deutsche Gebiete. Im Norden haben die Schweden die Macht über die gesamte Ostseeküste ergriffen. Die Mark Brandenburg war eines der deutschen Gebiete, das sich am wenigsten in diesem Krieg engagiert hatte. Die Mark Brandenburg war darum das einzige deutsche Land, das gestärkt diesen Krieg überlebte. Der brandenburgische Kurfürst Friedrich Wilhelm I. (1640-1688) benutzte diese Situation, um die schwedische Okkupationsmacht ganz aus seinem Hoheitsgebiet zu vertreiben. Die entscheidende Schlacht wurde bei Fehrbellin ausgetragen. Fehrbellin ist eine kleine Stadt. Sie liegt ungefähr 150 Kilometer nord-westlich von der Landeshauptstadt Berlin. Der Kommandeur der Vorhut, der Prinz von Homburg, war ein Neffe des Kurfürsten. Er war 42 Jahre alt, verheiratet und ein erfahrener Mann. Er ritt zu früh zum Angriff. Eine vollständige Vernichtung des schwedischen Heeres war damit nicht möglich. Trotzdem endete die Schlacht siegreich für die Brandenburger und die Insubordination des Prinzen von Homburg wurde nicht weiter verfolgt. Soweit die Geschichte.

Kleist machte nun aus dem Prinzen einen träumenden Jüngling, der sich bei der Befehlsausgabe zur Schlacht in die Nichte des Kurfürsten verliebt. Nach der Schlacht bittet er sie um ihre Hand, ohne den offiziellen Weg über das höfische Etikett zu gehen. Kleist verknüpft damit das Thema der Insubordination im Krieg mit dem der Insubordination im diplomatisch feudalistischen Bereich der Macht- und Heiratspolitik. Der Prinz wird erst zum Tode verurteilt, dann aber begnadigt. Also Happyend und doch keine Tragödie?

DIE DRAMENSTRUKTUR

Das Drama ist im klassisch französischen Stil aristotelischer Provenienz konzipiert 21). Alle dramatischen Personen gehören zu einer höheren Gesellschaftsklasse. Kleist versuchte, die Einheit von Zeit und Ort zu wahren. Das gelang ihm aber nicht.

Der "Prinz Friedrich von Homburg" ist in fünf Akten verfasst mit Introduktion, „ Exposition, Schürzung des Knoten und Katastrophe" 22), Retardation, Kulmination und Schluss. Was jedoch als Introduktion, was als Exposition, Vorspiel, Nachspiel oder Schluss zu bezeichnen sei, darüber streiten die Gelehrten. Kleist versuchte das Drama im klassischen Versmaß zu gestalten, was ihm große Schwierigkeiten bereitete. Form (Blankvers) und Inhalt geraten allenthalben in Konflikt miteinander: "Riesigen Perioden stehen Einzelverse gegenüber, die fast Wort für Wort unter verschiedene Sprecher aufgeteilt sind, Interjektionen, Einwürfe, Versfüllsel, ungewohnte Wortstellungen, unzählige Enjambements durchbrechen immer wieder den metrischen Bau ... Die Sprache selbst ist zum Abbild einer chaotisch verwirrten Welt geworden." 23)

Die klassische Tragödie setzt eine heile Welt voraus. Man zweifelt nicht an den Göttern, man erklärt sich nicht selbst zum Gott. Man kann nicht einfach jede beliebige Form auf jeden beliebigen Inhalt pressen. Alle diese Punkte werden weiter unten noch einmal ausführlich behandelt.

DIE THEMATISCHEN SCHICHTEN

"Der Prinz Friedrich von Homburg" wurde 1821 in Wien am Burgtheater unter dem Titel "Die Schlacht von Fehrbellin" uraufgeführt 24). Die Schlacht von Fehrbellin fand am 28. (nach dem Kalender alten Stils am 18.) Juni 1675 statt 25). Das war das Zeitalter Ludwig XIV. Die Hauptperson des Stückes, der Große Kurfürst trägt Züge Friedrich II. Die Idee des Stückes, der Staat als Inkarnation einer über den Menschen stehenden Vernunft und Ordnung und das Recht und Gesetz als moralische oberste Instanz, war eine Erkenntnis des aufgeklärten Absolutismus. Dem Charakter nach gleicht der Prinz jedoch eher dem Prinzen Louis Ferdinand von Preußen. Er war das "Enfant terrible seiner Familie" 26).

Geschrieben wurde das Stück als Agitationsstück, als Aufforderung zum Befreiungskampf von der französischen Fremdherrschaft. Auch die Namen der Dramatischen Personen sind historisch nicht korrekt, sondern stammen aus der preußischen Rangliste von 1806. Diese Fakten der Entstehungsgeschichte müssen in Beziehung gesetzt werden mit Kleists Leben, seinen Lebensbedingungen und mit seinen Wunschprojektionen, Träumen und Hoffnungen, wie sie in seinem Werk und besonders in seinen theoretischen Schriften zum Ausdruck kommen. Als Themen des Dramas erhalte ich damit:

Erstens: Die Geschichte des Prinzen von Homburg, seine Insubordination, seine Verurteilung, seine Todesfurcht und seine "Erziehung".

Zweitens: Der "Prinz von Homburg" war ein Agitationsstück. Die Schlacht bei Fehrbellin sollte das Vorbild eines Befreiungskampfes von der Fremdherrschaft darstellen. In Fehrbellin hatten die Brandenburger die Schweden aus dem Land getrieben. Jetzt galt es, die Franzosen zu vertreiben.

Als das Drama geschrieben wurde, stand Napoleon auf dem Zenit seiner Macht und hatte mit seinen Okkupationskriegen halb Europa erobert. Allerdings verdankten die französischen Heere ihre militärische Überlegenheit nicht allein dem Genie Napoleons, sondern auch dem in der Französischen Revolution geborenen Patriotismus. Dieser Patriotismus schweißte das Heer zusammen. Die französischen Truppen kämpften mit einer in der Geschichte nie zuvor gekannten Begeisterung. Diese nationale Begeisterung befähigte die französischen Truppen zu ungewöhnlichen Leistungen.

Die bürgerlich-intellektuellen Kreise in Deutschland horchten auf. Deutschland war politisch durch Eigennutz und Kleinstaaterei zersplittert. Die politische, ökonomische und industrielle Entwicklung Deutschlands war dadurch erschwert und teilweise unmöglich. Für den Machthunger Napoleons war Deutschland eine leichte Beute.

In der Auseinandersetzung mit der napoleonischen Herrschaft wurde die Idee eines nationalen Deutschlands geboren. Auf jede Niederlage des Reiches kamen aus den bürgerlichen und intellektuellen Bevölkerungsgruppen patriotische Schriften, Lieder und Reden zur Aufrüttelung und vaterländischen Begeisterung und zum kämpferischen Ansporn der deutschen Staaten 27). Diese Zeitbegeisterung eines deutschen Befreiungskampfes fand in den Freiheitskriegen von 1813/1814 ihren Höhepunkt. Dies ist das Kolorit für das preußisch-kriegerische Thema des "Prinz von Homburg" und für die patriotische Apotheose: "In Staub mit allen Feinden Brandenburgs!" (1858) Kleist selbst erlebte jedoch die Befreiung von der französischen Herrschaft nicht mehr.

Drittens: Ein weiteres Thema des Dramas ist die Propagierung einer Utopie, eines "idealen Staates".

Viertens: Das vierte Thema ist die Liebesgeschichte zwischen dem Prinzen von Homburg und der Prinzessin Natalie.

Fünftens: Ferner findet sich noch die Handlungsschicht der somnambulen Welt des Prinzen, die weitgehend autobiographische Züge trägt.

In der germanistischen Rezeption werden noch zwei weitere Themenkreise des Dramas genannt.

Sechstens: U. Vohland betont die "bürgerliche Kritik an den gesellschaftlichen Monopolen des Adels" 28): Im "Prinz Friedrich von Homburg" übe Kleist "Unter Bezug auf die Krisenlage des Staates und nationalen Ideen (...) durch den Kurfürsten - der das Herrscherbild des Bildungsbürgertums und des Reformadels darstellt - Kritik an einigen ungerechtfertigten Privilegien des preußischen Herrscherhauses." 29)

Siebtens: Bartels hingegen arbeitet die "Auflösung der bürgerlichen Individualität" 30) und die Verinnerlichung der institutionalisierten Macht heraus: "Konkret ist dagegen die Auseinandersetzung, welche die relativ abstrakte Negation in der Ordnung einer personalisierten Herrschaft auslöst und diese zwingt, sich derartig zu institutionalisieren, dass sich der Apparat gegenüber seinem Herrn verselbständigt. Das bedeutet die Auflösung der personalisierten Herrschaft zugunsten einer von allen verinnerlichten, so dass jeder seine individuellen Interessen freiwillig unterdrückt." 31)

DIE MACHTPOLITISCHEN INTERESSEN

Sämtliche im Personenregister mit Namen genannten Dramatischen Personen gehören zur herrschenden Adelsschicht. Alles, was sozial darunter steht (Heiducken, Bediente und Volk) wird nur als Masse ohne eigene Individualität gekennzeichnet. Das Volk, das heißt die, deren Existenz die Voraussetzung für Herrschaft überhaupt ist, ist nur als Statist (S. 654) und als dekorative Ausschmückung bei der Totenfeier für Froben vorhanden: "In der Kirche sowohl als auf dem Platz Volks jeden Alters und Geschlechts." (S. 663)

Im "Prinz von Homburg" werden Herrschaft und Herrschaftsformen problematisiert. Da das "Volk" als dramatischer Gegner gar nicht vorhanden ist, kann diese Problematik nicht einen politischen Machtkampf im Sinne von Klassenkampf beinhalten. Dennoch drehen sich die Dialoge und Diskussionen vorwiegend um machtpolitische Fragen. Diese werden aber in den herrschenden Kreisen und im außenpolitischen Mit- und Gegeneinander der verschiedenen Länder und Kräfteverhältnisse ausgetragen. Diese theoretischen Machtprobleme von Herrschaft und Herrschaftsformen werden metaphorisch und symbolisch dargestellt.

Diese machtpolitischen Interessen prägen und kennzeichnen das Verhältnis der Protagonisten des Stückes, die Relationen zwischen dem Prinzen von Homburg und dem Kurfürsten, die Beziehung des Kurfürsten zu Natalie und die zwischen dem Prinzen von Homburg und Natalie.

DER KONFLIKT

Der Konflikt des Dramas wird auf zwei verschiedenen Ebenen ausgeführt. Die eine Ebene ist die Infragestellung der absolutistischen Machtausübung. Die andere Ebene ist die der feudalistischen Staatsordnung. Beide Themen konzentrieren sich auf die Personen des Kurfürsten und des Prinzen. Die absolutistische Machtausübung wird durch die Insubordination des Prinzen in der Schlacht Infrage-gestellt. Gegen den Befehl des Kurfürsten greift der Prinz von Homburg in die Schlacht ein. Der Prinz erringt einen Teilsieg und wird als Held des Tages gefeiert. Außenpolitisch war der Sieg in der Schlacht bei Fehrbellin ohne Zweifel ein Erfolg. Gewinnt jedoch ein absoluter Monarch seine Schlachten nur aufgrund des eigenmächtigen Handelns seiner Untertanen, erscheint er in seiner Machtausübung in einem zweifelhaften Licht. Der Kurfürsten sagt vor der Schlacht zum Prinzen von Homburg:

"Herr Prinz von Homburg, dir empfehl ich Ruh!

Du hast am Ufer, weißt du, mir des Rheins

Zwei Siege jüngst verscherzt; regier dich wohl,

Und lass mich heut den dritten nicht entbehren,

Der mindres nicht, als Thron und Reich, mir gilt!" ( 348-352)

Diese Worte bezeichnen den Ernst dessen, was für den Kurfürsten in dieser Schlacht auf dem Spiel stand. Hatte jedoch das Verhalten des Prinzen zuvor zur außenpolitischen Niederlage geführt und damit "Thron und Reich" gefährdet, so ist damit, dass die Insubordination des Prinzen auch noch gefeiert wird, die innere Stabilität des Reiches nicht mehr gewährleistet.

Ein weiterer Angriff auf die feudalistische Staatsordnung ist auch die Verlobung des Prinzen mit der Prinzessin von Oranien, die ohne Wissen und Genehmigung des Kurfürsten und ohne Erwägung der politischen Konsequenzen erfolgt. Der politische Hintergrund war folgendermaßen: Die Prinzessin von Oranien stand unter der Vormundschaft des Kurfürsten von Brandenburg. Das war nicht nur eine familiäre Angelegenheit, das hatte eine außenpolitische Bedeutung, denn als Prinzessin von Oranien hatte Natalie Erbansprüche in den Niederlanden:

"- Natalie:
- Mir ruht der Vater, mir die treue Mutter,
- Im Grab zu Amsterdam; in Schutt und Asche
- Liegt Dortrecht, meines Hauses Erbe, da;
- Gedrängt von Spaniens Tyrannenheeren,
- Weiß Moritz kaum, mein Vetter von Oranien.
- Wo er die eignen Kinder retten soll:
- Und jetzt sinkt mir die letzte Stütze nieder" (591-598)

Weitere Geschwister, die hier Anspruch erheben könnten, sind offensichtlich nicht vorhanden. Kleist 32) muss diesen Erbansprüchen der Prinzessin eine wichtige politische Bedeutung zugemessen haben, denn ihre privilegierte Stellung bei Hofe ist nicht das Resultat der Sympathie des Kurfürsten. Wäre sie als "armer" Flüchtling an den brandenburgischen Hof gekommen, dann hätte sie sich mehr oder weniger in den Kreis der Hofdamen einordnen müssen. Natalie ist aber ständig von Hofdamen umgeben, die auf den kleinsten Wink reagieren, um sie zu bedienen. Zum Beispiel als Natalie ihren Handschuh vermisst "der Kurfürst zu den Hofdamen: Ihr Schönen! Wollt ihr gütig euch bemühn?" (287) und Natalie: "O liebe Bork! Der Kurfürst zu diesem Fräulein. Rasch, rasch!" (290)

Außerdem wird Natalies Position am preußischen Hofe und welchen Rang sie in der Hofhierarchie innehatte damit zum Ausdruck gebracht, dass Natalie mit der größten Selbstverständlichkeit Dienstleistungen entgegennimmt und Befehle erteilt. Auch ist ihr das "Regiment Prinzessin von Oranien" dediziert. Das ist eine Ehre, mit der in erster Linie die unmittelbaren Angehörigen des Herrscherhauses ausgezeichnet wurden. Zu den Aufgaben ihres Vormundes gehörte es, Ihre Erbansprüche zu vertreten. Dabei war es durchaus legitim und üblich, die Vormundschaft zu Gunsten des Landes auszuüben, in dessen Schutz sich Natalie befand. Diese politische Macht, die dem Kurfürsten damit zur Verfügung stand, würde bei einer ehelichen Verbindung der Prinzessin mit dem Prinzen von Homburg an das Haus Hessen-Homburg fallen.

Der Besitz von Hessen-Homburg gehörte damals noch nicht zum preußischen Hoheitsgebiet. Bei einer Verbindung des Prinzen von Homburg mit der Prinzessin von Oranien konnte das Haus Brandenburg weder Ansprüche an die erbmäßig der Prinzessin von Oranien zustehenden Gebiete geltend machen, noch sie in der außenpolitischen Bündnispolitik - wie hier in den Friedensverhandlungen mit den Schweden - als Zünglein an der Waage benutzen.

Der Prinz von Homburg hatte sich ohne diplomatische Verhandlungen und ohne Legitimation durch den Kurfürsten mit der Prinzessin im Beisein der Hofdamen und der Kurfürstin verlobt. Das Beisein der Kurfürstin repräsentiert symbolisch die offizielle Anwesenheit des Hofes. Damit hatte er einerseits den Kurfürsten persönlich beleidigt, indem er ihn als Vormund überging. Andererseits war diese eigenmächtige Handlung ein nicht minder gravierender Eingriff in die Machtbefugnisse des Kurfürsten wie der befehlswidrige Angriff in der Schlacht. 33)

Dass der Kurfürst ausschließlich das Problem der Insubordination des Prinzen zur Diskussion stellt, war de jure nicht anders möglich, denn der Prinz von Homburg stand lediglich im Dienst des Kurfürsten, dieser konnte somit auch nur Verschuldungen ahnden, die er sich in diesem Dienst zukommen ließ. Etwaige Heiratsabsichten des Prinzen konnte er nicht verhindern, auch wenn sie zu Ungunsten seiner politischen Macht waren. Heiratsabsichten den Prinzen von Homburg waren eine Angelegenheit des Hauses Hessen-Homburg. Der Kurfürst würde sich damit in die Belange eines anderen Herrschaftshauses einmischen. Als Vormund der Prinzessin von Oranien konnte der Kurfürst zwar ein Veto einlegen. Sollte diese aber gegen seinen Wunsch und Willen auf einer Heirat bestehen, so war die letzte entscheidende Instanz das Haus von Oranien beziehungsweise der von Natalie genannte Vetter Moritz von Oranien (596) und nicht das Haus Hohenzollern. Die Worte des Grafen Hohenzollern können keineswegs als intrigante Lüge bezeichnet werden:

"-Graf Horn traf, der Gesandte Schwedens, ein,
- Und sein Geschäft geht, wie man mir versichert,
- An die Prinzessin von Oranien.
- Ein Wort, das die Kurfürstin Tante sprach
- Hat aufs empfindlichste den Herrn getroffen.
- Man sagt, das Fräulein habe schon gewählt." (917-922)

Wäre Natalie ein Mitglied des Herrscherhauses von Hohenzollern, hätte ihr weder rechtlich noch nach den höfischen Gepflogenheiten zugestanden, "frei" zu wählen. Das Motiv der Liebesheirat, das hier ins Spiel kommt, ist für die historische Situation des Stückes im 17. Jahrhundert undenkbar. Aber auch zu Kleists Lebenszeiten und noch weit bis ins 20. Jahrhundert hinein war es in den herrschenden Adelskreisen nicht üblich, Ehen aufgrund von Zuneigung zu schließen: "Ehe und Liebe waren bis ins 18. Jahrhundert strikt getrennt. Eine Analyse der Beichterläuterungen der katholischen Kirche in Frankreich zeigt, dass "Liebe" für eine Ehe als unangemessene, wenn nicht sogar hinderliche Gefühlsregung verstanden wurde." 34)

Erst nach der öffentlichen Subordination des Prinzen vor dem versammelten Heer (vertreten durch die ersten Offiziere des Heeres im fünften Kapitel, sechster Auftritt), erst als nach seiner freiwilligen Unterordnung unter das brandenburgische Gesetz die innenpolitische Stabilität des Landes garantiert war, kann der Kurfürst auf das heiratspolitische Zugeständnis an die in sein Land eingefallene feindliche Macht verzichten:

"- Was auch bedarf es dieses Opfers noch,
- Vom Missglück nur des Kriegs mir abgerungen:
- Blüht doch aus jedem Wort, das du gesprochen,
- Jetzt mir ein Sieg auf, der zu Staub ihn malmt !" (1786-1789)

Henkels erhebt Einwände, die Ehe als Politikum zu sehen: "Geradezu beleidigend schnell für eine Vorstellung von Held, fast niedrig nutzt er die sich hier bietende Chance, die ihm Hohenzollern suggeriert: allem Anspruch an Natalie um den Preis der Befreiung zu entsagen. Aber das klingt viel zu 'politisch'. In Wahrheit ergreift ihn eine Art Panik, indem ihm der vorher fast wie ein Gott verehrte Kurfürst als skrupelloser Zyniker der Macht erscheint: "O Freund! Hilf, rette mich! Ich bin verloren." So geht er völlig desorientiert auf den angesonnenen Ausweg ein, sich der Kurfürstin zu Füssen zu werfen. Diese sehr schnelle Wendung vom emphatischen Preis einer Blutsbrüderschaft zu der Verdächtigung, der Kurfürst räche sich an ihm für eine durchkreuzte Politik, ist rätselhaft." 35)

Wenn wir jedoch dieses Moment der Ehe als politisches Machtinstrument nicht gelten lassen, so wird die Bitte des Prinzen im Beisein der versammelten Generäle eine Majestätsbeleidigung:

"- Erkauf o Herr, mit deiner Nichte Hand,
- Von Gustav Karl den Frieden nicht! Hinweg
- Mit diesem Unterhändler aus dem Lager,
- Der solchen Antrag ehrlos dir gemacht:
- Mit Kettenkugeln schreib die Antwort ihm!" (1779-1783)

Hier wird die Heirat als Handelsware bezeichnet, mit der der Kurfürst sich eine politische Allianz "erkaufen" will. Und wie reagiert der Kurfürst darauf?

"- Der Kurfürst küsst seine Stirn.
- Sei’s, wie du sagst! Mit diesem Kuss, mein Sohn,
- Bewillg' ich diese letzte Bitte dir!
- Was auch bedarf es dieses Opfers noch,
- Vom Missglück nur des Kriegs mir abgerungen;
- Blüht doch aus jedem Wort, das du gesprochen,
- Jetzt mir ein Sieg auf, der zu Staub ihn malmt!
- Prinz Homburgs Braut sei sie, werd ich ihm schreiben,
- Der Fehrbellins halb, dem Gesetz verfiel,
- Und seinem Geist, tot vor den Fahnen schreitend,
- Kämpf er auf dem Gefild der Schlacht, sie ab!" (1784 -1793)

Umsonst bekommt der Prinz von Homburg Natalie auch hier nicht, sondern als Belohnung für "seinen Geist", die vaterländische Begeisterung, den Patriotismus, den er seiner Bitte vorausgehend als höchstes Ideal der Generalität verkündet hat. Dieser soll das brandenburgische (sprich: preußische) Heer dem französischen Revolutionsheer vergleichbar, zu flammenden Begeisterungstaten anspornen. Das war die Bedingung. Diese Bedingung war die Propagierung der patriotischen Begeisterung einer nationalen Ideologie: "tot vor den Fahnen schreitend, / Kämpf er auf dem Gefild der Schlacht, sie ab!"

DIE MORALISCHE ENTWICKLUNG DES PRINZEN

Die Verlobung des Prinzen von Homburg mit der Prinzessin von Oranien erfolgte ohne diplomatische Verhandlungen und ohne Absprache mit dem Kurfürsten. Sie erfolgte spontan in der Notlage der Prinzessin. Die Prinzessin musste aus ihren von Feinden verwüsteten Erblanden flüchten und glaubte nun auch noch ihren Vormund verloren in einem Land, das gleichfalls von einer feindlichen Großmacht bedroht war. Politisch gesehen war diese Verlobung mehr als ein Fehltritt gegen höfische Sitte und Gepflogenheit, sie war eine schwerwiegende Niederlage für das Haus Hohenzollern. Demgegenüber erwies sie sich später in ihrer gefühlsmäßigen Bindung als unbedingt richtig und zuverlässig. Dieses intuitive Erfassen des Wesensgehaltes von Menschen und Situationen, dieses "Gefühl", aus dem heraus der Prinz bis hierher zu handeln imstande ist, hat für ihn die gleiche Bedeutung wie der Schwerpunkt einer Gliederpuppe im Marionettentheater. Kleist schreibt hierzu: "Das der Maschinist nun schlechthin, vermittels des Drahtes oder Fadens, keinen andern Punkt in seiner Gewalt hat, als diesen: so sind alle übrigen Glieder, was sie sein sollen, tot, reine Pendel, und folgen dem bloßen Gesetz der Schwere" 36)

Genau das ist der Prinz, er ist tot und taub gegen alle rationalen Erwägungen, gegen politische Berechnungen und Entscheidungen und gegen kaltblütiges Abwarten auf den Befehl zum Angriff. So bezeichnet ihn auch Graf Hohenzollern:

"- Ein Stein ist er, den Bleistift in der Hand,
- Steht er zwar da und scheint ein Lebender;
- Doch die Empfindung, wie durch Zauberschläge
- In ihm verlöscht; und erst am andern Morgen,
- Da das Geschützt schon in den Reihen donnert,
- Kehrt er ins Dasein wieder und befragt mich:
- Liebster, was hat schon Dörfling, sag mirs? gestern
- Beim Schlachtbefehlt, mich treffend, vorgebracht?"
- (1693-1700)

In einem irrt Graf Hohenzollern: der Prinz wacht nicht am anderen Morgen beim Donnern der Geschütze auf. Zwar fragt er den Grafen Hohenzollern nach dem Schlachtplan, aber während Hohenzollern ihn repetiert, ist der Prinz längst wieder in Gedanken bei den für ihn traumhaften Geschehnissen der Nacht. Seine einzige Äußerung, nachdem Hohenzollern mit seinen Ausführungen fertig ist: "Der Prinz von Homburg nach einer Pause, in der er vor sich niederträumt. - Ein Wunderlicher Vorfall!" (428) Auch bei seiner Gefangennahme, als sein "Schwerpunkt", das heißt, seine Gefühlswelt zum ersten Male ins Wanken gerät, ist er noch nicht ganz "erwacht". Zwar fragt er: "Träum ich? Wach ich? Leb ich? Bin ich bei Sinnen ?" (765), aber er vermag sich hier noch einmal zu fangen und sein Gleichgewicht wiederzufinden:

"- Dort eben, vor der Schranke des Gerichts,
- Dort wars, wo mein Vertraun sich wiederfand.
- Wars denn ein todeswürdiges Verbrechen,
- Zwei Augenblicke früher, als befohlen,
- Die schwedsche Macht in Staub gelegt zu haben?" (846-850)

Sein Gleichgewicht verliert er erst dann vollständig, als ihm Hohenzollern von dem Antrag der Schweden an die Prinzessin von Oranien erzählt. Da begreift der Prinz, dass er zum Tode verurteilt ist und warum; da erfasst er schockartig die ganze Realität und erwacht aus seinem paradiesischen Unschuldszustand.

"Der Prinz von Homburg.

- Ich bins, mein Freund; jetzt ist mir alles klar;
- Es stürzt der Antrag ins Verderben mich:
- An ihrer Weigrung, wisse, bin ich schuld,
- Weil mir sich die Prinzessin anverlobt!
- Hohenzollern.
- Du unbesonnener Tor! Was machtest du?
- Wie oft hat dich mein treuer Mund gewarnt?
- Der Prinz von Homburg.
- O Freund! Hilf, rette mich! Ich bin verloren." (925-931)

Der Prinz hat nun "von dem Baum der Erkenntnis gegessen... Doch das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns; wir müssen die Reise um die Welt machen, und sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist." 37)

Der Prinz von Homburg erkennt hier, dass seine Verbindung mit der Prinzessin zwar vom Gefühl her richtig war, sie war aber falsch auf der Ebene der politischen Realität. Durch seinen verfrühten Angriff hatte der Kurfürst die Schweden nicht wie geplant vernichtend schlagen können. Um die feindlichen Heere von seinem Hoheitsgebiet ganz zu entfernen, konnte er keine weiteren Kriege führen. Er konnte auch keine diplomatischen Verhandlungen einleiten; denn die diplomatischen Verhandlungen waren dadurch unmöglich gemacht, weil die erste Forderung der Schweden, die Hand der Prinzessin von Oranien, nicht erfüllt werden konnte. Das heißt, wenn es dem Kurfürsten nicht gelang, seine militärische Position so weit zu festigen und auszubauen, dass er einen sicheren militärischen Sieg erringen konnte, kam er in Gefahr, dass sein "Reich und Thron" von der schwedischen Großmacht zerstört wurden.

Als in der Schlacht der Prinz "die Order vom Herzen" empfing, kollidierten Gefühl und Wirklichkeit zum ersten Male. Da er immerhin einen Teilsieg errang, wäre dies ein Fehler gewesen, "der Brille kaum bemerkbar, / In dem Demanten, den er jüngst empfing" (899f.), wie der Prinz dies bezeichnet. Demgegenüber war die zweite Kollision seiner Gefühlswelt mit der politischen Realität, seine Verlobung mit Natalie, ein Schritt, der "aufs empfindlichste den Herrn getroffen" (921) hat.

Die "Reise um die Welt", die der Prinz von Homburg nun antreten musste, sein "Durchgang durch das Unendliche" 38) ist die Todesangstszene. Der Prinz weiß, dass der Kurfürst nicht bereit ist, ihn zu begnadigen, dass er ihn nicht begnadigen kann, wenn er seine Souveränität gewahrt wissen will. Er erkennt das reale politische Motiv und im ersten Schock seiner Erkenntnis ist er bereit, auf alles zu verzichten, nur um sein nacktes Leben zu retten. Der Prinz von Homburg verzichtet auf seine Stellung im Heer, auf alle Ämter, Ehren und Auszeichnungen, auf "jeden Anspruch auf Glück überhaupt" (1022), auch auf seine Braut. Nachdem er alles von sich geworfen hat, bleibt ihm das Leben nur noch als automatischer, sinnlos repetitiver Ablauf übrig, als ein anorganischer Prozess. An diesem Punkt ist der Prinz symbolisch "gestorben":

"- Ich will auf meine Güter gehn am Rhein,
- Da will ich baun, will ich niederreißen,
- Dass mir der Schweiß herabtrieft, säen, ernten,
- Als wärs für Weib und Kind, allein genießen,
- Und wenn ich erntete, von neuem säen,
- Und in dem Kreis herum das Leben jagen,

Bis es am Abend niedersinkt und stirbt." (1030-1036)

Am Ende des dritten Aktes, ist nach der klassischen Regel die Peripetie des Dramas, der Umschwung. Hier wird es aber nicht zum Sturz des Helden, sondern zu seiner Rettung oder, nach Kleist:

"Doch so, wie sich der Durchschnitt zweier Linien, auf der einen Seite eines Punktes, nach dem Durchgang durch das Unendliche, plötzlich wieder auf der anderen Seite einfindet, oder das Bild des Hohlspiegels, nachdem es sich in das Unendliche entfernt hat, plötzlich wieder dicht vor uns tritt: so findet sich auch, wenn die Erkenntnis gleichsam durch ein Unendliches gegangen ist, die Grazie wieder ein; so, dass sie zu gleicher Zeit, in demjenigen menschlichen Körperbau am reinsten erscheint, der entweder gar keins, oder ein unendliches Bewusstsein hat, das heißt in dem Gliedermann, oder in dem Gott." 39)

War der Prinz von Homburg im ersten Akt der Gliedermann, so beginnt nun nach seinem Durchgang durch das Unendliche die Transformation ins Göttliche:

"- Was kann der eine Sieg euch, meine Brüder, gelten,
- Der eine, dürftige, den ich vielleicht
- Dem Wrangel noch entreiße, dem Triumph
- Verglichen, über den verderblichsten
- Der Feind' in uns, den Trotz, den Übermut,
- Errungen glorreich morgen?" (1753-1758)

Dem "freiwilligen Opfertod" im Angesicht des Heeres, zur "Verherrlichung des Gesetzes", zur Reinigung des Vaterlandes vom egozentrischen Handeln, vom "Trotz" und "Übermut" kommt der symbolische Wert eines religiösen Opfertodes zu für die Errichtung eines utopischen Staates. Dieser utopische Staat ist die ins numinose Göttliche erhobene Macht des "Vaterlandes". Kleist schreibt in einer politischen Schrift,

"Eine Gemeinschaft mithin gilt es, die dem ganzen Menschengeschlecht angehört; die die Wilden der Südsee noch, wenn sie sie kennten, zu beschützen herbeiströmen würden; eine Gemeinschaft, deren Dasein keine deutsche Brust überleben, und die nur mit Blut, vor dem die Sonne verdunkelt, zu Grabe gebracht werden soll." 40)

Der dramatische Umschwung beginnt damit, dass der Prinz von Homburg in den Versen 1039-1052 die Stellung seiner Braut zu sich selbst überdenkt und ihr weiteres Leben nach seinem Tod. In dieser Auseinandersetzung findet der Prinz eine neue Position. Er findet ein neues Verhältnis zur Realität. Er findet damit ein neues Beziehungsnetzwerk zu seiner Umgebung. Hiermit findet er seine Integration in die menschliche Gemeinschaft wieder.

Darüber hinaus formuliert der Prinz von Homburg hier neue sittlich moralische Normen, die für diese Gemeinschaft letztlich richtungsweisend werden. Diese unmittelbar nach dem Todesfurchtausbruch folgenden Verse stehen diametral dem gegenüber, was der Prinz in jenen sagt:

"- Du armes Mädchen weinst! Die Sonne leuchtet
- Heut alle deine Hoffnungen zu Grab!
- Entschieden hat dein erst Gefühl für mich,
- Und deine Miene sagt mir, treu wie Gold,
- Du wirst dich nimmer einem andern weihn.
- Ja, was erschwing ich, Ärmster, das dich tröste?
- Geh an den Main, rat ich, ins Stift der Jungfraun,
- Zu deiner Base Thurn, such in den Bergen
- Dir einen Knaben, blondgelockt wie ich,
- Kauf ihn mit Gold und Silber dir, drück ihn
- An deine Brust und lehr ihn: Mutter! stammeln,
- Und wenn er größer ist, so unterweis ihn,
- Wie man den Sterbenden die Augen schließt.
- Das ist das ganze Glück, das vor dir liegt !" (1039-1052)

Hatte der Prinz oben um sein Leben gefleht: "Lass mich nicht, fleh ich, eh die Stunde schlägt, / Zu jenen schwarzen Schatten niedersteigen !" (966f.), so wird hier sein Tod gleichsam schon als Tatsache vorausgesetzt, indem er zu Natalie sagt: "Die Sonne leuchtet / Heut alle deine Hoffnungen zu Grab." (1039f.), wobei allerdings unklar bleibt, ob der Prinz hier seinen physischen Tod als Tatsache voraussetzt oder ob er erkennt, dass er, als er alle Ehren, Ämter und menschlichen Beziehungen von sich warf, auch seelisch und moralisch, das heißt in dem, was ihn als Menschen auszeichnet, gestorben war. Hatte der Prinz in seinem ersten Schock Natalie gleichsam moralisch "weggeworfen": „ Verschenken kann sie sich, und wenn‘s Karl Gustav, Der Schweden König, ist, so lob ich sie." (1028f.), so steht hier die Hoffnung auf ewige Treue auch über das Grab hinaus: "Entschieden hat dein erst Gefühl für mich, Und deine Miene sagt mir, treu wie Gold Du wirst dich nimmer einem andern weihn." (1041-1043)

Hoffnung und Treue sind feste Bestandteile des christlichen Tugendsystems. Indem der Prinz von Homburg dies antizipativ akzeptiert, hat er sich selbst wieder in das Wertsystem christlicher Herkunft eingefügt.

Genau das besagt auch das Motiv der Weihe, das hier angesprochen wird. "Weihe" kommt aus dem religiösen Sprachgebrauch und beinhaltet die vollständige Übergabe und Hingabe an das Göttliche, sei es von Gegenständen wie zum Beispiel Häuser als Gotteshäuser, sei es von Tieren als Opfergabe oder von Menschen als Diener Gottes wie Priester und Nonnen, die mit Leib und Seele Gott geweiht sind. Auf die Verlobung bezogen besagt das, dass die Frau nun dem Manne untertan ist, sie wird ihm mit Leib und Seele "geweiht". So wie sich der Mann (hier der Prinz) dem Staat, beziehungsweise dem Vaterland "weiht" und "opfert", um es als Heiligtum, als numinose göttliche Macht zu verherrlichen, so hat sich die Frau dem Manne zu "weihen" und zu "opfern". Insofern ist es kein Paradox, wenn der Prinz, der sich dem Vaterland "opfert", als Held bezeichnet wird. Wenn hingegen Natalie für das Vaterland geopfert werden soll, wenn Natalie als "Opfer" des Vaterlandes bezeichnet wird, so ist dies "ehrlos" (1782): "Was auch bedarf es dieses Opfers noch" (1787), weil die Unterwerfung der Frau unter den Mann auch über den Tod des Mannes hinaus Gültigkeit hat. Die Unterwerfung der Frau wurde absolut gesetzt:

"- Prinz Homburgs Braut sei sie, werd ich ihm schreiben,
- Der Fehrbellins halb, dem Gesetz verfiel,
- Und seinem Geist, tot vor den Fahnen schreitend,
- Kämpf er auf dem Gefild der Schlacht, sie ab!" (1790-1793)

Allerdings ist dies keine Transformation in ein System der anonymen Machtausübung wie es zuvor mit dem Heer geschehen war. Das Heer hat nicht mehr für den obersten Lehnsherrn zu kämpfen und zu sterben, sondern für den Ruhm, die Ehre und die Macht des Vaterlandes. Die Frauen sind aus diesem Prozess ausgeschlossen. Der neue Eid verbindet das Heer, das hier symbolisch für das ganze Volk steht 41) in einer affektiven Blutsbrüderschaft unter der abstrakten Autorität des Vaterlandes. Die Frauen werden demgegenüber ihrem jeweiligen Herrn (Vater, Vormund oder Ehegatten) mit Leib und Leben unterstellt. Genauso schrieb es Heinrich von Kleist wiederholt an seine Braut Wilhelmine von Zenge:

"Der Mann ist nicht bloß der Mann seiner Frau, er ist auch ein Bürger des Staates; die Frau hingegen ist nichts, als die Frau ihres Mannes! Der Mann hat nicht bloß Verpflichtungen gegen seine Frau, er hat auch Verpflichtungen gegen sein Vaterland; die Frau hingegen hat keine andern Verpflichtungen, als Verpflichtungen gegen ihren Mann. Das Glück des Weibes ist zwar ein unerlässlicher, aber nicht der einzige Gegenstand des Mannes, ihm liegt auch das Glück seiner Landsleute am Herzen. Das Glück des Mannes hingegen ist der einzige Gegenstand der Frau. Der Mann ist nicht mit allen seinen Kräften für seine Frau tätig, er gehört ihr nicht ganz, nicht ihr allein, denn auch die Welt macht Ansprüche auf ihn und seine Kräfte, die Frau hingegen ist mit ihrer ganzen Seele für ihren Mann tätig, sie gehört niemandem an, als ihrem Manne, und sie gehört ihm ganz an. Die Frau endlich, empfängt, wenn der Mann seine Hauptpflichten erfüllt, nichts von ihm als Schutz gegen Angriff auf Ehre und Sicherheit, und Unterhalt für die Bedürfnisse ihres Lebens, der Mann hingegen empfängt, wenn die Frau ihre Hauptpflichten erfüllt, die ganze Summe seines Irdischen Glückes. Die Frau ist schon glücklich, wenn es der Mann nur ist, der Mann nicht immer, wenn es die Frau ist, und die Frau muss ihn erst glücklich machen. Der Mann empfängt also unendlich mehr von seiner Frau, als umgekehrt die Frau von ihrem Mann." 42) (Unterstreichungen - H.M.H.)

Was bereits vor der politischen Machtergreifung des Bürgertums in Preußen von Kleist als neue Form der Sittlichkeit angepriesen wird; "Die Besserung einer höchst gesunkenen und entarteten Generation" 43), das ist die vollständige Hörigkeit der Frau. Diese Hörigkeit ist eine Zwangsforderung, in Liebe und Demut dem Manne zu dienen. Diese Forderung wird aber nicht als willkürliche Versklavung verstanden, sondern als göttliches Naturgesetz wie Kleist es in "Über die Aufklärung des Weibes" formuliert:

"Aber in uns flammt eine Vorschrift - und die muss göttlich sein, weil sie ewig und allgemein ist; sie heißt: erfülle Deine Pflicht; und dieser Satz enthält die Lehren aller Religionen. ... Bestimmung unseres irdischen Lebens heißt Zweck desselben, oder die Absicht, zu welcher uns Gott auf diese Erde gesetzt hat. Vernünftig darüber nachdenken heißt nicht nur diesen Zweck selbst deutlich kennen, sondern auch in allen Verhältnissen unseres Lebens immer die zweckmäßigsten Mittel zu seiner Erreichung herausfinden. Das, sagte ich, wäre die ganze wahre Aufklärung des Weibes und die einzige Philosophie, die ihr entsteht. Deine Bestimmung, liebe Freundin, oder überhaupt die Bestimmung des Weibes ist wohl unzweifelhaft und unverkennbar: denn welche andere kann es sein, als diese, Mutter zu werden, und der Erde tugendhafte Menschen zu erziehen? Und wohl euch, dass eure Bestimmung so einfach und beschränkt ist! Durch euch will die Natur nur ihre Zwecke erreichen, durch uns Männer auch der Staat noch die seinigen, und daraus entwickeln sich oft die unseligsten Widersprüche." 44) (Das Unterstrichene ist in der Buchausgabe als Kursivschrift hervorgehoben - H.M.H.)

Hier wurde alles aufgeboten: von der Vernunft, über Gott und das göttliche Naturgesetz, um zu beweisen, dass die Frau nur ein Mittel zu dem Zwecke sei, "Mutter zu werden, und der Erde tugendhafte Menschen zu erziehen". Hier wird die Frau zu einem Werkzeug und zu einer Gebärmaschine verdinglicht. Sie ist kein Individuum, sie ist ein Gebrauchsgegenstand. Dies ist die Entwicklung der Menschheit vom Individuum zum Objekt - von der Mater zum Materialismus!

Letzteres ist eine Deutung aus heutiger Sicht. Im Kleist‘schen Selbstverständnis ist dies eine positiv sittliche und moralische Wertsetzung, deren Normen, legitimiert durch ein göttliches Naturgesetz, einen Absolutheitsanspruch erheben und indem dies zur "einzig wahren Natur" des Weibes erklärt wird, ist das der Maßstab, an dem alles, was den Anspruch auf Weiblichkeit erhebt, fortan gemessen werden muss. 45) Der Prinz hatte zuvor auf Weib und Kind verzichtet:

"- Da will ich bauen, will ich niederreißen,
- Dass mir der Schweiß herabtrieft, säen, ernten,
- Als wärs für Weib und Kind, allein genießen" (1 031-1033)

Hiermit verzichtete er auch auf die Fortpflanzung seines Geschlechtes. So gibt er Natalie den Rat:

" ... such in den Bergen

- Dir einen Knaben, blondgelockt wie ich,
- Kauf ihn mit Gold und Silber dir, drück ihn
- An deine Brust und lehr ihn: Mutter! stammeln." (1046-1049)

Das sollte aber nicht als karitative Handlung im Sinne christlicher Nächstenliebe geschehen, sondern als Ersatzhandlung für das Kind, das Natalie nicht von ihm haben konnte. Natalie sollte einen "Knaben" suchen, der aussah wie der Prinz. Der Prinz setzt hier seinen eigenen Tod als Tatsache voraussetzt. Nach seiner neuen sittlichen und moralischen Erkenntnis bleibt seine Braut Natalie auch über den Tod hinaus an ihn gebunden. Ihre Erfüllung als Frau ist jedoch die Mutterschaft. In diesem Dilemma bleibt ihr nur die Möglichkeit der Adoption, um ihrer natürlichen Bestimmung gerecht zu werden und "der Erde tugendhafte Menschen zu erziehen" 46). Erst wollte der Prinz auf seine Güter an den Rhein gehen und sich in Negation aller menschlichen Werte aus der Gesellschaft zurückziehen und "in den Kreis herum das Leben jagen, / Bis es am Abend niedersinkt und stirbt." (1035f.) Nun empfiehlt er Natalie: " Geh an den Main, rat ich, ins Stift der Jungfraun, / Zu deiner Base Thurn" (1046f.).

Der Main gehörte im 17. Jahrhundert noch nicht zum brandenburgischen Hoheitsgebiet. Wenn Natalie an den Main ging, war sie dem Herrschaftsanspruch des Kurfürsten entzogen. Darüber hinaus sollte sie noch einen zweifachen Schutz gegen den Kurfürsten in Anspruch nehmen, den weltlichen Schutz ihrer Base Thurn und den religiösen Schutz eines adeligen Stiftes.

Diese Flucht in einen anderen Hoheitsbereich und in den Schutz einer religiösen Institution wird aber nicht als Negation bezeichnet. Das ist keine Absage an die weltliche Macht, sondern eine Umformulierung und Neusetzung von Machtverhältnissen. Der Prinz wollte sich auf seine Güter an den Rhein zurückziehen, weil er auf alle weltlichen Ehren verzichtet hatte. Die Prinzessin sollte sich an den Rhein zurückziehen als Absage an die feudalistischen Sitten und Gepflogenheiten, die Frau für politische Zwecke zu gebrauchen. Dieser Zurückzug wird damit zu einem Credo, er wird zu einem Glaubensbekenntnis zu den bürgerlichen Werten. Diese bürgerlichen Werte beinhalten die absolute Bindung der Frau an den Mann. Diese Bindung an den Mann machte es unmöglich, die Frauen noch länger als öffentliche Angelegenheit zu betrachten. Frauen können danach nicht mehr aus politischen Gründen verheiratet werden, um politische Bündnisse einzugehen. Die Frau wird damit vom öffentlichen Leben ausgeschlossen. Die Frau wird zu einer privaten Angelegenheit des Mannes, dem sie "angehöret".

Der Ausschluss der Frauen vom öffentlichen Leben war die folgerichtige Konsequenz des Absolutheitsanspruches des Mannes beziehungsweise jedes einzelnen Mannes an "seine" Frau.

Die Richtigkeit dieser neuen moralischen und sittlichen Heilslehre erweist sich unmittelbar an der Reaktion der Prinzessin. Bis hierher schwammen die Kurfürstin und Natalie in Tränen, nach diesen Worten des Prinzen aber:

"Natalie mutig und erhebend, indem sie aufsteht und ihre Hand in die seinige legt.

- Geh, junger Held, in deines Kerkers Haft,
- Und auf dem Rückweg, schau noch einmal ruhig
- Das Grab dir an, das dir geöffnet wird!
- Es ist nichts finstrer und um nichts breiter,
- Als es dir tausendmal die Schlacht gezeigt!
- Inzwischen werd ich, in dem Tod dir treu,
- Ein rettend Wort für dich dem Oheim wagen:" (1053-1059)

Natalie bekommt durch die neuen moralischen Werte, die der Prinz ihr mitteilt, ein neues Leben eingehaucht, sie wird "mutig und erhebend". Gleichzeitig hat sie bereits die neuen sittlichen Normen bürgerlicher Provenienz internalisiert; sie nennt sich "in den Tod dir treu". Damit kann sie zum leuchtenden Vorbild für alle Frauen werden. So "faltet" denn auch der Prinz von Homburg

"in ihrem Anschaun verloren die Hände.

- Hättest du zwei Flügel, Jungfrau, an den Schultern,
- Für einen Engel wahrlich hielt ich dich!" (1062f.)

Der III. Akt schließt mit dem Wort "Erfolg":

"Der Prinz von Homburg.

- Nun, alle Heiligen mögen dich beschirmen!
- Leb wohl! Leb wohl! Und was du auch erringst,
- Vergönne mir ein Zeichen von Erfolg!" (1076 -1078),

Der positive Ausgang des Stückes ist hier nach dem Gelingen der Regeneration im sittlichen und moralischen Bereich gewährleistet. Wenn der Prinz im IV. Akt wieder auf die Bühne kommt, ist schon rein sprachlich zu erkennen, dass er die Krisis hinter sich hat, oder mit Kleists Worten, "nachdem er sich in das Unendliche entfernt hat, plötzlich wieder dicht vor uns tritt ... die Grazie (stellt sich) wieder ein; so, dass sie ... ein unendliches Bewusstsein hat" 47). Genauso konzipierte Kleist den Prinzen von Homburg. Nach seinem Durchgang durch das Unendliche, nach der Todesfurchtszene stellt sich die Grazie wieder ein. Sie wird in seiner Haltung, im Diktum seiner Sprache und in der ruhigen Ausgewogenheit seiner Verse sichtbar:

"Das Leben nennt der Derwisch eine Reise,

- Und eine kurze. Freilich! Von zwei Spannen
- Diesseits der Erde nach zwei Spannen drunter.
- Ich will auf halbem Weg mich niederlassen!
- Wer heut sein Haupt noch auf der Schulter trägt,
- Hängt es schon morgen zitternd auf den Leib,
- Und übermorgen liegt‘s bei seiner Ferse.
- Zwar, eine Sonne, sagt man, scheint dort auch,
- Und über buntre Felder noch, als hier:
- Ich glaubs; nur schade, dass das Auge modert,
- Das diese Herrlichkeit erblicken soll." (1286-1296)

Franz Hafner schreibt dazu: "Der Ton seiner Sprache hat sich wunderbar verändert. Er spricht zum Ersten Mal nicht mehr in der ersten Person. Er rückt von seiner persönlichen Empfindung ab und versucht das allgemeine Los des Menschen zu fassen; "Das Leben nennt der Derwisch ... Wer heute … sagt man." 48) Des Prinzen Sprache hat sich verändert. Hafner zieht daraus keine Konsequenz für die Struktur des Dramas. Das Diktum der Sprache jedoch "Das Leben nennt .. Wer heute ... sagt man" ist der eines verdinglichten Kommunikationssystems, wie es sich erst im bürgerlich kommerziellen und kapitalistischen Gesellschaftssystem herausgebildet hat. Wenn ich jedoch den Prinzen als Personifikation der Entwicklung vom feudalistischen zum bürgerlichen Wertsystem interpretiere, so signalisiert diese Sprachveränderung, dass der Höhepunkt des Dramas überschritten ist und dass der Prinz sich nunmehr im Koordinatensystem der bürgerlichen Weltanschauung befindet.

Demgegenüber halten Franz Hafner, Arthur Henkel, Benno von Wiese und Alfred Schlagdenhauffen den vierten Auftritt des IV. Aktes für den Höhepunkt des Dramas, der sich jedoch innerlich im Prinzen vollziehe: "Damit hat sich die große Wendung vollzogen, ... Innert weniger Augenblicke hat sich im Prinzen eine erstaunliche Wendung vollzogen. Er hat durch den Brief des Kurfürsten die Freiheit erlangt. ... Er bejaht den Tod ... Homburg hebt sich aus der Ausweglosigkeit der Todesangst zur letzten Höhe der Klarheit und Weisheit empor." 49) oder A. Schlagdenhauffen: "Nach diesem geistigen Tod des Prinzen bringt die fünfte Stufe dann Auferstehung. In einem erhabenen Aufschwung gewinnt der Prinz seine menschliche Würde wieder. Die zweite Stimme hat ihm das Wort eingegeben: Richte dich selbst!" 50)

Zwar bemerkt man durchaus, dass der Prinz bereits über die Krisis hinaus ist und gelassen und souverän reagiert 51), die Widersprüche jedoch, die sich dann in der Interpretation ergeben, werden auf Kleists Konzept beziehungsweise seine Unzulänglichkeit zurückgeführt.

Schlagdenhauffen stellt statt einer Peripetie derer mehrere fest: "Man muss die Vielstimmigkeit der großen, an den Peripetien aufeinanderstoßenden Themen heraushören." 52)

Franz Hafner lässt gar keine Peripetie gelten: "Die Peripetie eines Dramas wird sonst üblicherweise durch eine Zuspitzung der dramatischen Situation vorbereitet. Im "Prinz Friedrich von Homburg" fehlt sie fast ganz. Wo sonst die äußere Verwicklung auf die Spitze getrieben wird, ereignet sich bei Kleist sozusagen nichts. Die innere, die musikalische Auseinandersetzung ist für ihn wesentlicher." 53)

Sehen wir im Zusammenbruch des Prinzen die Peripetie des Dramas, so ist eine psychologische Interpretation wie sie A. Schlagdenhauffen vertritt: "Diese kurze Analyse lässt die psychologische Entwicklung des Prinzen sichtbar werden." 5 4) unvereinbar mit den dramentechnischen Regeln und Gesetzen. Eine "psychologische Entwicklung" ist in sich selbst keine Peripetie im Sinne von dramaturgischer Zuspitzung und vom Umschwung des Geschehens.

Interpretiert man den "Prinz Friedrich von Homburg" als Psychodrama, so kommt man in Versuchung, alle dramaturgischen Unstimmigkeiten als schlechte Kopie und Mangelware eines klassischen Ideals abzutun: "Kleist hat es nach der Weise Shakespeares aufgebaut, freilich ohne es seinem bewunderten Vorbild ganz gleich zu tun. Trotz der Farbigkeit und des vielfältigen Geschehens bleiben nämlich bei ihm die wesentlichen Vorgänge oft verborgen." 55)

Wird jedoch das Drama als eine symbolische Begegnung zweier Welten interpretiert, als eine Begegnung des feudalen Wertsystems mit dem bürgerlichen, so ist der dramatische Höhepunkt präzise nachweisbar. Das feudale System geht von Niederlage zu Niederlage bis zu seinem endgültigen Todesurteil. Im dramatischen Wendepunkt steigt demgegenüber das bürgerliche Wertsystem wie ein Phönix aus der Asche. Das ist der Schluss des Dramas: "In den Staub mit allen..."

DIE POLITISCHE ENTWICKLUNG DES KURFÜRSTEN

Im ersten Akt waren die Motivationen des Kurfürsten ausschließlich auf seine eigene Person bezogen: "Wo fand er den in meinem märkischen Sand ?" (50) (Unterstreichung H.M.H.) ist einer seiner ersten Sätze. Sie signalisieren dem Zuschauer eindeutig, wer er ist: Er ist der Herrscher, der einen absoluten Anspruch erhebt, denn auch der letzte Sandkrümel ist sein. So geht es dann um seine Schlachten, um seinen Sieg, um seinen Thron und um sein Reich:

- "Du hast am Ufer, weißt du, mir des Rheins
- Zwei Siege jüngst verscherzt; regier dich wohl
- Und lass mich heut den dritten nicht entbehren,
- Der mindres nicht, als Thron und Reich, mir gilt." (349-352)

Bei der Totenfeier für Froben steht dieses um seine Person kreisende, auf seine Majestät bezogenes Handeln noch entschiedener und ausschließlicher im Vordergrund:

-"Wer immer auch die Reuterei geführt,
- Am Tag der Schlacht, und, eh der Obrist Hennings
- Des Feindes Brücken hat zerstören können.
- Damit ist aufgebrochen, eigenmächtig,
- Zur Flucht, bevor ich Order gab, ihn zwingend,
- Der ist des Todes schuldig, das erklär ich,
- Und vor ein Kriegsgericht bestell ich ihn." (715- 721)

Doch hier taucht auch zum ersten Male schon das Abstraktum auf, dem zu gehorchen sei:

- "Mehr Schlachten noch, als die hab ich zu kämpfen,
- Und will, dass dem Gesetz Gehorsam sei.
- Wer‘s immer war, der sie zur Schlacht geführt,
- Ich wiederhols, hat seinen Kopf verwirkt,
- Und vor ein Kriegsrecht hiermit lad ich ihn." (733-737)

(Unterstreichung - H.M.H.)

Diese abstrakte Idee "dass dem Gesetz Gehorsam sei", wird in einem Nebensatz hinzugefügt. Das Urteil ist schon verkündet, die nachgelieferte Begründung über das Gesetz, kommt wie eine Atempause, eine erste Reflexion über die Tragweite des diktatorischen Todesurteils ohne vorangehenden Prozess und Abwägung aller Fakten von Anklage und Verteidigung. Dominierend wird dieses Thema erst, als Natalie zum Kurfürsten kommt und um das Leben des Prinzen bittet:

- "Der Kurfürst.
- ... darf ich den Spruch
- Den das Gericht gefällt, wohl unterdrücken? -
- Was würde wohl die Folge sein?" (1114-1116)

Dabei hat der Kurfürst diesen Spruch selber zweimal vorweggenommen, ohne erst ein Gericht zu bemühen. So fragt Natalie auch ganz folgerichtig "Für wen? Für dich?" (1117). Sie kann den unbeugsamen Willen des Kurfürsten, den Prinzen erschießen zu lassen, allein aus dem Verhalten des Prinzen in der Schlacht nicht verstehen und fragt nach den persönlichen Motiven des Kurfürsten. Auf diese Ebene der persönlichen Auseinandersetzung lässt sich der Kurfürst nicht ein, sondern er verschiebt den Konflikt an dieser Stelle endgültig auf die abstrakte Ebene:

- "Für mich: nein! - Was? Für mich!
- Kennst du nichts Höheres, Jungfrau, als nur mich?
- Ist dir ein Heiligtum ganz unbekannt,
- Das in dem Lager, Vaterland sich nennt?" (1118-1121)

Diese beiden Stellen, der neunte Auftritt im II. Akt und der erste Auftritt im IV. Akt, das heißt, genau die Szenen, die den III. Akt einrahmen, stehen nicht nur in einem thematisch-logischen Zusammenhang, sondern auch in einem formal-technischen. So wie sich in II/9 das neue Leitthema "um des Gesetzes willen" aus der Rede des Kurfürsten während des Sprechens herauskristallisierte, so geschieht es auch in IV/1, nur eine Stufe weiter, differenzierter und um ein neues Motiv erweitert: das Vaterland, in dem dieses Gesetz herrschen soll.

Wie sich derartige Gedankenprozesse bei Kleist entwickelten und welche politischen Konklusionen er aus solchen zeitlich nach und nach ablaufenden Gedankenschlüssen zog, hat Kleist in dem Aufsatz: "Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden" 56) dargestellt. Analog zu diesem Aufsatz ist der politische Erkenntnisprozess des Kurfürsten konzipiert. Werden die einzelnen Abschnitte und Erkenntnisstufen einander gegenübergestellt, kann man den hier parallel ablaufenden Prozess unmittelbar erkennen:

"Ich glaube, dass mancher große Redner, in dem Augenblick, da er den Mund aufmachte, noch nicht wusste, was er sagen würde. Aber die Überzeugung, dass er die ihm nötige Gedankenfülle schon aus den Umständen, und der daraus resultierenden Erregung seines Gemüts schöpfen würde, machte ihn dreist genug, den Anfang, auf gutes Glück hin, zu setzen. Mir fällt jener "Donnerkeil" des Mirabeau ein, mit welchem er den Zeremonienmeister abfertigte, der nach Aufhebung der letzten monarchischen Sitzung des Königs am 23. Juni, in welcher dieser den Ständen auseinander zu gehen anbefohlen hatte, in den Sitzungssaal, in welchem die Stände noch verweilten, zurückkehrte, und sie befragte, ob sie den Befehl des Königs vernommen hätten? "Ja", antwortete Mirabeau, "wir haben des Königs Befehl vernommen" ich bin gewiss, dass er bei diesem humanen Anfang noch nicht an die Bajonette dachte, mit welchem er schloss." 57)

Das ist der Kurfürst bei der Leichenfeier von Froben. Er verurteilt despotisch einen Menschen zu Tode. Er wusste nicht einmal, wer dieser Mensch war: "Wer immer auch die Reuterei geführt." (715). Es interessierte ihn nicht einmal: "Wers immer war, der sie zur Schlacht geführt. / Ich wiederhols, hat seinen Kopf verwirkt" (835f.).

Auch nach den Ursachen, die zu dem verfrühten Angriff geführt hatten, fragte er nicht. Und dass der Kurfürst fragen kann, wenn er will, daran lässt Kleist keinen Zweifel aufkommen wie die fünf Fragen (18, 30, 46, 50, 55) mit denen sich der Kurfürst in der Exposition vorstellt, beweisen. Im II. Akt zählt nur sein Wille und seine Order. Hier ist der Kurfürst ganz der absolutistische Monarch, der frei über Leben und Tod seiner Untertanen verfügt: "Der ist des Todes schuldig, das erklär ich" (720) - ich! - nicht das Gesetz.

Analog zu Mirabeau hat auch der Kurfürst bei diesem despotischen Anfang noch nicht an das "Gesetz" (734) gedacht, mit welchem er diesen Satz schloss. Zurück zur "Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden": "ja, mein Herr", wiederholt er, "wir haben ihn vernommen" - man sieht, dass er noch gar nicht recht weiß, was er will" 58) Genau wie der Kurfürst. Das Todesurteil ist gesprochen und zusätzlich von ihm bekräftigt und sanktioniert: "das erkläre ich".

Der dann folgende Satz : "Und vor ein Kriegsgericht bestell ich ihn" (721) ist unlogisch und überflüssig. Aber in dieser Unlogik wird die Scheinexistenz einer vom Monarchen abgängigen Justitia sichtbar und die Rechtsprechung auf dieser Basis ad absurdum geführt. So bezeichnet denn auch der Prinz von Homburg den Gerichtshof als "Dunstkreis" (859). Das muss der Kurfürst instinktiv gefühlt haben, so dass er nachträglich nach einer Rechtfertigung sucht. Diese wird ihm auch wie von selbst zugespielt, indem ein Wort des vorhergehenden Satzes zum Stichwort für den nächsten Satz wird und erst diese zeitliche Aufeinanderfolge den Gedanken weiterführt. So berichtet Graf Truchss, man habe den Prinzen "In einer Kirche verbinden sehen" (728). Das Wort Kirche wird nun zum Anhaltspunkt für den nächsten Gedanken des Kurfürsten, wohingegen der Inhalt des Satzes von Graf Truchss, was dieser über den Prinzen in der Kirche mitzuteilen hat, vom Kurfürsten gleichgültig beiseitegeschoben wird:

"Der Kurfürst. Gleichviel. Der Sieg ist glänzend dieses Tages, Und vor dem Altar morgen dank ich Gott."

Durch diesen Gedanken an die Siegesfeier wird der Kurfürst wieder auf das Thema des Sieges und damit auf die Schlacht überhaupt zurückgeführt: "Doch wär er zehnmal größer noch", nämlich der Sieg, und damit kommt er wieder auf das Hauptthema zurück, das ihn so erregt: "da s entschuldigt / Den nicht, durch den der Zufall mir ihn schenkt:" (731f.) Das Wort Zufall gibt hier den Anhaltspunkt für die beiden anschließenden Kausalsätze: "Mehr Schlachten noch, als die hab ich zu kämpfen, / Und will, dass dem Gesetz Gehorsam sei." (733f.)

Das war es, was der Kurfürst brauchte - genau wie Mirabeau: "Doch was berechtigt Sie" - fuhr er fort, und nun plötzlich geht ihm ein Quell ungeheurer Vorstellungen auf - "uns hier Befehle anzudeuten? Wir sind die Repräsentanten der Nation." - Das war es, was er brauchte!" 59) So spricht denn auch der Kurfürst, als er das Todesurteil wiederholt, nicht mehr von diesem ominösen Gericht, sondern vom Kriegs recht: "Und vor ein Kriegs recht hiermit lad ich ihn." (737) " - und erst jetzo findet er, was den ganzen Widerstand, zu welchem seine Seele gerüstet dasteht, ausdrückt: "So sagen Sie Ihrem König, dass wir unsre Plätze anders nicht, als auf die Gewalt der Bajonette verlassen werden." - Worauf er sich, selbstzufrieden, auf seinen Stuhl niedersetzte." 60)

Auch hier ist der Kurfürst analog zur Rede Mirabeaus abgefasst, denn als er die logische Begründung zu Ende gebracht hat und seine despotische Willkür interpretatorisch mit dem Hinweis auf das Gesetz begründet hat, wendet er sich "zufrieden " an sein Gefolge: " - Folgt, meine Freunde, in die Kirche mir! “ (738)

Als Natalie im ersten Auftritt des IIII. Aktes zum Kurfürsten geht und um das Leben des Prinzen bittet, wird offensichtlich, dass dem Kurfürsten das, wohin ihn seine Rede bei der Leichenfeier für Froben geführt hatte, noch gar nicht zu Bewusstsein gekommen ist, denn sein erstes Argument ist auch hier wieder das Gericht, das eine von ihm abhängige Scheininstitution ist. Eins war ihm jedoch klargeworden: wollte er nicht als Despot erscheinen, so musste er begründen. Eine in sich logische Begründung hatte er nicht sofort zur Hand, das beweist seine Frage an Natalie: "darf ich den Spruch, / Den das Gericht gefällt, wohl unterdrücken?" (1115f.)

Diese Frage löst einen Prozess aus, der den Gedanken weiterführt. So zur nächsten Frage: "Was würde wohl davon die Folge sein ?" (1117). Dies provoziert Natalie zur Gegenfrage: "Für wen? Für dich ?" (1118) Diese Frage zwingt den Kurfürsten, den Gedanken konsequent und logisch zu Ende zu führen. Kleist hat auch hier sprachlich die gleiche Technik angewandt, die er in dem Aufsatz "Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden" beschreibt:

"Aber weil ich doch irgend eine dunkle Vorstellung habe, die mit dem, was ich suche, von fern her in einiger Verbindung steht, so prägt, wenn ich nur dreist damit den Anfang mache, das Gemüt, während die Rede fortschreitet, in der Notwendigkeit, dem Anfang nun auch ein Ende zu finden, jene verworrene Vorstellung zur völligen Deutlichkeit aus, dergestalt, dass die Erkenntnis, zu meinem Erstaunen, mit der Periode fertig ist. Ich mische unartikulierte Töne ein, zieh die Verbindungswörter in die Länge, gebrauche auch wohl eine Apposition, wo sie nicht nötig wäre, und bediene mich anderer, die Rede ausdehnender, Kunstgriffe, zur Fabrikation meiner Idee auf der Werkstätte der Vernunft, die gehörige Zeit zu gewinnen." 61)

Genauso verfährt der Kurfürst auf Natalies Frage:

- "für mich; nein! - Was? Für mich!
- Kennst du nichts Höheres, Jungfrau, als nur mich?
- Ist dir ein Heiligtum ganz unbekannt,
- Das in dem Lager, Vaterland sich nennt?" (1118-1121)

Zuerst die Wiederholung der Frage, die intuitiv abwehrend sofort mit "nein" beantwortet wird, dann ein Gedankenstrich, gleichsam ein erstes Abwägen dessen, was sich hier durch die sprachliche Weiterführung entwickelte und dann erst das emotional besetzte "Was ?" des Kurfürsten, mit dem darauffolgenden, im Imperativ stehenden "Für mich !", womit er entrüstet das Image des absolutistischen Despoten von sich weist. Dann erst kommt die endgültige Wendung:

"Ist dir ein Heiligtum ganz unbekannt,

- Das in dem Lager, Vaterland sich nennt?"

Kleist schreibt: "dergestalt, dass die Erkenntnis, zu meinem Erstaunen mit der Periode fertig ist." - so wie hier zum Erstaunen des Kurfürsten, als ob ihm erst nachträglich bei der Rede Natalies bewusst würde, wie weit seine Gedanken, zu Ende formuliert, sich selbständig gemacht haben.

In den nun folgenden Worten Natalies wird ihm in Kürze noch einmal der feudalistische Herrschaftsanspruch, so wie ihn der Kurfürst am Anfang des Stückes repräsentierte und den er soeben noch entschieden und kategorisch von sich gewiesen hat, vor Augen geführt:

"O Herr! Was sorgst du doch? Dies Vaterland!

- Das wird, um dieser Regung deiner Gnade,
- Nicht gleich, zerschellt in Trümmern, untergehn.
- Vielmehr, was du, im Lager auferzogen,
- Unordnung nennst, die Tat, den Spruch der Richter,
- In diesem Fall, willkürlich zu zerreißen,
- Erscheint mir als die schönste Ordnung erst:
- Das Kriegsgesetz, das weiß ich wohl, soll herrschen,
- Jedoch die lieblichen Gefühle auch.
- Das Vaterland, das du uns gründetest,
- Steht, eine feste Burg, mein edler Ohm:
- Das wird ganz andre Stürme noch ertragen,
- Fürwahr, als diesen unberufnen Sieg;
- Das wird sich ausbaun herrlich, in der Zukunft,
- Erweitern, unter Enkels Hand, verschönern,
- Mit Zinnen, üppig, feenhaft, zur Wonne
- Der Freunde, und zum Schrecken aller Feinde:
- Das braucht nicht dieser Bindung, kalt und öd,
- Aus eines Freundes Blut, um Onkels Herbst,
- Den friedlich prächtigen, zu überleben." (1122-1141)

Zuerst fordert Natalie, dass der Kurfürst "den Spruch der Richter" "willkürlich" zerreiße. Das steht dem Kurfürsten nach feudalistischem Rechtsbrauch auch zu, wonach "die kaiserliche Würde und Gewalt ... unmittelbar von Gott allein" 62) ist und er somit in seinen Handlungen auch nur diesem gegenüber verantwortlich ist und keinem Papst oder sonst einer Instanz. Der Sachsenspiegel um 1220 enthält folgenden Paragraphen: "Den König wählt man zum Richter über Eigen und Lehen und über jeglichen Mannes Leib." 63)

Das erscheint Natalie "Als die schönste Ordnung", sie ist damit die Vertreterin und Fürsprecherin des alten feudalen Systems. Der nachfolgende Satz weist jedoch prophetisch auf die Zukunft hinweist.

"- Das wird ganz andre Stürme noch ertragen,
- Führ wahr, als diesen unberufnen Sieg; /
- Das wird sich ausbaun herrlich, in der Zukunft" (1133-1135),

Mit diesem Satz verselbständigt sich das „Vaterland“, es wird anonymisiert. "Es" erträgt die Stürme. "E s baut sich aus", „ es “ bringt das alles aus sich selbst hervor. Es abstrahiert sich von der Tat des Einzelnen. „ Es “ wird anonym. Erst durch den Zusatz "unter Enkels Hand" (1136) wird dieser Satz in gewisser Hinsicht relativiert, als ob dieses Vaterland nachträglich doch wieder unter die Obhut und Fürsorge der erblichen Monarchie gestellt würde. Der die Rede abschließende Satz enthält nochmals pointiert den ganzen Machtanspruch des absolutistischen Potentaten:

"- Das braucht nicht diese Bindung, kalt und öd,
- Aus eines Freundes Blut, um Onkels Herbst,
- Den friedlich prächtigen, zu überleben." (1139-1142)

[...]

Details

Seiten
135
Jahr
1997
ISBN (eBook)
9783668025868
ISBN (Buch)
9783668025875
Dateigröße
992 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v304377
Institution / Hochschule
Norwegian University of Science and Technology – Historisch-philosophische Fakultät
Note
Gut
Schlagworte
frauenproblematik romantik prinz friedrich homburg heinrich kleist

Autor

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Titel: Frauenproblematik der Romantik dargestellt am "Prinz Friedrich von Homburg" von Heinrich von Kleist