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Formen, Funktionen und Strukturen von Ritualen. Übergangsrituale nach van Gennep am Beispiel zoroastrischer Bestattungsrituale

von Robert Suckro (Autor)

Hausarbeit 2014 10 Seiten

Soziologie - Kultur, Technik und Völker

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorbemerkung

2. Einleitung

3. Arnold van Gennep – Kurzbiographie
3.1 Übergangsrituale nach Arnold van Gennep
3.2 Besonderheiten des Übergangsrituals bei Bestattungen

4. Der Zoroastrismus
4.1 Anwendung der Definitionen auf das zoroastrische Bestattungsritual

5. Kritische Reflexion der Definition von van Gennep

6. Literaturverzeichnis

1. Vorbemerkung

Alle Nomen und Pronomina sind zur Vereinfachung des Textflusses und zur Vermeidung der unnötigen Verlängerung des Textes in der maskulinen Form gehalten. Diese Form schließt die Nomen und Pronomina weiblichen Geschlechts ausdrücklich mit ein, ebenso Personen, die sich aus Gründen der persönlichen Überzeugung keinem spezifischen Geschlecht zugehörig fühlen.

2. Einleitung

Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist die Untersuchung und Anwendung der Definition von Übergangsritualen nach van Gennep auf die zoroastrischen Bestattungsrituale, da diese – wie im Folgenden dargelegt werden soll – in besonderer Art und Weise, nämlich in Form einer schrittweisen räumlichen Trennung, sowohl des Körpers als auch der Seele von der Welt der Lebenden auf van Genneps Definition rekonkurrieren. Dazu wird es notwendig sein, vorerst die van Gennepsche Definition des Übergangsrituals sowie die Besonderheiten von Bestattungsritualen darzulegen, bevor das Modell auf die zoroastrische Bestattungspraxis übertragen werden kann. Abschließend soll sowohl die Anwendung auf das Beispiel als auch die Definition an sich kritisch reflektiert werden.

3. Arnold van Gennep – Kurzbiographie

Arnold van Gennep (1873-1957) war ein ursprünglich in Deutschland geborener, aber in Frankreich wirkender Ethnologe, dessen Hauptwerk „Les rites de passage“ 1909 erschien. In der ersten Hälfte seines Lebens – also die Zeit in der er sein Hauptwerk verfasste ‑ beschäftigte er sich intensiv mit außereuropäischen Kulturen, also Völkern, die zu seinen Lebzeiten von der Ethnologie und anderen Wissenschaften als „primitiv“ bzw. der westlichen Kultur als nicht ebenbürtig erachtet wurden. Dieser evolutionistischen Auffassung folgte er jedoch nicht und betrieb ab 1924 die Volkskunde Frankreichs als eine der Völkerkunde gleichwertige Disziplin (Schomburg-Scherff 2010: 225). Nach dem Erscheinen von „Les rites de passage“ war van Gennep enormer Kritik, z. B. von Seiten Marcel Mauss’ ausgesetzt, der sowohl seine Vorgehensweise als auch die angebliche Gesetzmäßigkeit seiner Theorie kritisierte (Schomburg-Scherff 2010: 229 f.). Die heutige Bekanntheit und Wertschätzung erlangte van Genneps Theorie erst nach der englischen Übersetzung und der Rezeption durch Viktor Turner (Schomburg-Scherff 2010: 222).

3.1 Übergangsrituale nach Arnold van Gennep

Van Gennep geht davon aus, dass eine Gesellschaft das Konvolut von diversen „soziale[n] Gruppierungen“ (van Gennep 1999: 13) darstelle, deren Abgrenzung voneinander von dem „Zivilisationsgrad“ (van Gennep 1999: 13) der Kultur abhänge. Je niedriger der Grad der Zivilisation sei, desto deutlicher seien diese Gruppierungen voneinander abgegrenzt, mit steigender Zivilisation hingegen, verschwämmen diese Grenzen. Beispielsweise waren die Rechte und Pflichten der Angehörigen des mittelalterlichen Ständesystems klar voneinander abgegrenzt und nahezu undurchlässig. Der Wechsel in den Priesterstand war allerdings möglich (da eine Vererbung des Standes ausgeschlossen war) und bedurfte spezieller Rituale, um den alten sozialen Status zu verlassen und in den neuen einzugehen zu können. Die einzig verbleibende mehr oder minder deutliche Grenze in unserer modernen Gesellschaft stelle übrigens tatsächlich diese Abgrenzung „der säkularen und religiösen Welt“ (van Gennep 1999: 13) dar, die in weniger zivilisierten[1] Gesellschaften nahezu inexistent sei (van Gennep 1999: 14). Auf dieser Grundlage entwickelt van Gennep seine Theorie der Übergangsrituale, die primär den Übergang einer Person „aus einer genau definierten Situation in einen andere, ebenso genau definierte“ Situation (van Gennep 1999: 15) intendieren. Gemeint sind damit nicht nur Statusveränderungen im eigentlichen Sinne (z. B. Initiationen oder Heirat), sondern auch räumliche Übergänge oder vom Menschen losgelöste kosmische Ereignisse (z. B. Sonnenwenden oder Äquinoktien). Allen Übergangsritualen ist allerdings eine einheitliche Grundstruktur gemeinsam, die sich folgendermaßen gestaltet: Zunächst erfolgen Trennungsriten, die das Individuum aus seinem aktuellen Status herauslösen und in der Zwischenphase der Schwellen- bzw. Unwandlungsriten auf die abschließenden Angliederungsriten vorbereiten (van Gennep 1999: 21). Die jeweilige Zeitdauer der drei Phasen ist dabei nicht festgelegt und kann je nach Situation variieren, ebenso ist es möglich, dass ein Übergangsritus seinerseits nur ein Phase eines übergeordneten Rituals darstellen kann, wie es z. B. bei der Verlobung der Fall ist, die auf der einen Seite selbst ein Übergangsritual darstellt (nämlich in den Status des Verlobtseins), aber auf der anderen Seite auch als Umwandlungsritus des Übergangs von der Adoleszenz in die Welt der (verheirateten) Erwachsenen gesehen werden kann (van Gennep 1999: 21).

3.2 Besonderheiten des Übergangsrituals bei Bestattungen

Wie unter 4.) dargestellt, können Übergangsriten verschiedene Veränderungen oder Grenzüberschreitungen eines Individuums anzeigen. Bei Bestattungsritualen ist jedoch nicht nur der Verstorbene, sondern auch die Trauergemeinde von einem Übergang betroffen. Die Angehörigen werden zu Trauernden, trennen sich also von der Welt des Alltags und sind „vom sozialen Leben ausgeschlossen“ (van Gennep 1999: 144). Erst nach Ablauf der festgelegten Trauerzeit werden sie wieder in die Gesellschaft reintegriert, an die Stelle der Angliederungsriten treten also in diesem Falle Reintegrationsriten, da die Trauergemeinde nicht in einen neuen Zustand hinübertritt, sondern in einen alten zurückkehrt (van Gennep 1999: 143). Der Übergangsritus des Verstorbenen besteht in der Reise in die jenseitige Welt bzw. zur Wiedergeburt, die gegebenenfalls von den Hinterbliebenen beeinflusst wird (van Gennep 1999: 149). Unter Umständen kann auch die Zeitdauer der Phasen der beiden betroffenen Gruppen kongruent sein (van Gennep 1999: 143). Dies ist immer dann der Fall, wenn die Phasen der Verstorbenen von den Handlungen der Hinterbliebenen abhängen. Diese Art der Kongruenz wird am Beispiel des zoroastrischen Bestattungsrituals noch deutlich werden.

[...]


[1] So der Duktus von van Gennep, dieser soll zunächst unreflektiert beibehalten werden.

Details

Seiten
10
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668025967
ISBN (Buch)
9783668025974
Dateigröße
403 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v304348
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Ethnologie
Note
1,3
Schlagworte
van Gennep Übergangsrituale rites de passage Zoroastrismus Parsismus Mazdaismus Bestattungsritual Turm des Schweigens

Autor

  • Robert Suckro (Autor)

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Titel: Formen, Funktionen und Strukturen von Ritualen. Übergangsrituale nach van Gennep am Beispiel zoroastrischer Bestattungsrituale