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Adel und Militär im Kaiserreich

Seminararbeit 2009 11 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II Das Offizierkorps im deutschen Heer
2.1 Struktur des Heeres
2.2 Das adlige Idealbild
2.3 Adelsanteile im Offizierkorps

III Offiziere in der Gesellschaft

IV Schluss

V Anhang

VI Quellen- und Literaturverzeichnis

I Einleitung

Die Signifikanz des Adels beruht vor allem auf seiner Stellung in Hof, Militär, Politik und Verwaltung, wobei das Militär die primäre Rolle spielt.[1] Das Augenmerk der Arbeit liegt auf dem Offizierkorps des Kaiserreichs als Kern des Heeres. Der Adel hat in der sozialgeschichtlichen Forschung über das deutsche Offizierskorps eine besondere Stellung eingenommen.[2] Dies ist die zentrale Thematik. Es gilt die soziale Herkunft der Offiziere zu untersuchen. Inwieweit hatte der Adel Einfluss auf das Offizierkorps? Und konnte sich der Adel behaupten? Bei den strukturverändernden Prozessen, die von statten gingen, fragt sich, ob der Adel dem Industriekapitalismus und dem damit verbundenen Leistungsprinzip standhalten konnte, um damit Schlüsselpositionen im Verwaltungs- und Militärapparat sichern zu können.[3] Aufschlussreiche Literatur ist hier die „Deutsche Gesellschaftsgeschichte ‹‹Von der Deutschen Doppelrevolution bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1849-1914››“ von Hans-Ulrich Wehler. Zahlreiche Quellen liefert der zweite Band des Arbeits- und Quellenbuches „Grundzüge der deutschen Militärgeschichte“ von Karl-Volker Neugebauer (Hg.), sowie das Werk von Heiger Ostertag „Bildung, Ausbildung und Erziehung des Offizierskorps im deutschen Kaiserreich 1871 bis 1918“. In der Forschung findet man heute zwei Interpretationen vor, wobei erstere Interpretation vorherrschend ist. Einerseits wird die soziale Herkunft der Offiziere als Ansatzpunkt genommen, in der die feudale Offizierskaste Anlass für die konservative politische Rückständigkeit und die Innovationsfeindlichkeit war. Andererseits gibt es eine funktionale Interpretation, bei der die materiellen Faktoren bedeutsam sind, das heißt man geht davon aus, dass sich das Offizierkorps an die Modernisierungsprozesse und die funktionalen Zwänge anpasste.[4] Hierbei stütze ich mich vorrangig auf den Sammelbandaufsatz von Mark Robert Stoneman im zweiten Band des Werks „Adel und Bürgertum in Deutschland“ von Heinz Reif. Im Bereich der bürgerlichen Offiziere existiert ein Forschungsdefizit, wobei es wichtig wäre auch auf andere Sozialformationen als auf den Adel engeren Bezug zu nehmen.[5]

Nach einem groben Überblick über die Struktur des deutschen Heeres wird im nächsten Unterpunkt die Verknüpfung zwischen Adel und Offizierkorps thematisiert. Dabei gehe ich weniger auf die Marine als auf das Heer ein. Nachfolgend stehen die soziale Herkunft der Offiziere und folglich die Adelsanteile im Offizierkorps im Mittelpunkt. Im Anschluss wird anhand von zwei Zitaten aufgezeigt, welche Auswirkungen die Stellung der Offiziere in der Gesellschaft nach sich zog. Abschließend werden die Ergebnisse der Arbeit in einem Fazit zusammengefasst.

II Das Offizierkorps im deutschen Heer

2.1 Struktur des Heeres

Ein eigentliches „Reichsheer“ gab es nicht, es setzte sich aus einzelnen Kontingenten der Bundesstaaten zusammen.[6] 1875 bestand das Kontingentsheer aus 18 Armeekorps. Davon waren 14 Armeekorps preußisch, zwei bayrisch, eines sächsisch und eines württembergisch. Bis 1914 vergrößerte sich die Zahl der Armeekorps auf 25 (19 preußische, drei bayrische, zwei sächsische und ein württembergisches).

Den Oberbefehl über das Heer hatte der Kaiser. Seit 1883 existierte eine Dreiteilung der Militärbehörden in Kriegsministerium, Militärkabinett und Generalstab. Die Verwaltung des Heeres unterstand dem preußischen Kriegsministerium (ein Reichskriegsministerium gab es nicht). Es kümmerte sich um Organisation, Bewaffnung, Ausrüstung, Versorgung und Finanzen. Der preußische Kriegsminister verwaltete den Heeresetat, ebenso vertrat er ihn vor dem Reichstag und war somit dem Parlament gegenüber verantwortlich. Das Militärkabinett, welches einst zum Ministerium gehörte, war vor allem für Personalfragen der Offiziere zuständig. Außerdem war es die „Vollzugsbehörde des Königs“[7]. Der Große Generalstab plante die Kriegsführung. Der Chef des Generalstabs besaß das Recht unter Anweisung des Kaisers Operationsbefehle zu erteilen. Zahlreiche Generale des Armeekorps waren dem Kaiser unmittelbar (immediat) unterstellt.[8] Sachsen und Württemberg behielten ihr eigenes Kriegsministerium, sowie Bayern, das in Friedenszeiten selbstständig war.[9]

Die Reichsverfassung sah vor, dass die Friedenspräsenzstärke ein Prozent der Bevölkerung betragen sollte. Doch in den geburtenstarken Jahrgängen gab es erheblich mehr taugliche Männer. Die erste Tabelle im Anhang[10] zeigt die wachsende Etatstärke im Vergleich zur Menge der Bevölkerung. Im Jahr 1888 betrug die Heeresstärke noch rund 487.000 Mann bei ca. 48 Millionen Einwohnern. 1913 lag die Etatstärke bei etwa 663.000 bei einer Bevölkerung von ungefähr 66 Millionen Bürgern. Wehrpflichtig war jeder deutsche Mann im Alter von 17 bis 45 Jahren, die Dienstpflicht im Heer oder in der Marine ging vom 20. bis zum 39. Lebensjahr. Die Dienstzeit war auf bei sieben Jahre festgelegt (Septennat), wovon drei Jahre aktive Dienstzeit und vier Jahre Reservedienst waren.[11] 1892 wurde die aktive Dienstzeit von drei auf zwei Jahre gekürzt, die Reservepflicht von vier auf drei Jahre (Quinquennat).[12] Bis 1914 wurde die preußische Ausbildung und das Dienstsystem in den Bundesstaaten weitgehend übernommen. Die Bewaffnung sowie die Ausrüstung waren einheitlich.[13]

2.2 Das adlige Idealbild

Die Herkunft der Offiziere spielte, wenn auch inoffiziell, eine bedeutende Rolle. Ein adliger Offizier wurde schneller befördert und auch in der Wahl der Truppengattung und des Standortes bevorzugt. Beispielsweise wurden Truppengattungen wie Artillerie oder technische Stellen, z. B. der Eisenbahn-Bataillon, vorwiegend von bürgerlichen Offizieren besetzt. In Truppengattungen wie Garde oder Kavallerie, die höheren Prestigewert besaßen, herrschten Adlige vor. Ein beliebter Standort war Berlin und Potsdam[14] (zur Veranschaulichung: 1914 betrug die Adelsquote im 1. Garderegiment zu Fuß in Potsdam 100 %, im 1. Garde-Feldartillerie-Regiment Berlin lag sie bei 95,2 %[15] ).

Der deutsche Botschafter in St. Petersburg Lothar von Schweinitz bemerkte 1870 zu Bismarck: „Unsere Macht findet dort ihre Begrenzung, wo unser Junkermaterial zur Besetzung der Offizierstellen aufhört.“ Worauf der Kanzler antwortete: „Das darf ich nicht sagen, aber ich habe danach gehandelt.“[16] Daraus lässt sich schlussfolgern, dass der Adel im Offizierkorps als Hauptstütze der Monarchie dominierend war. Gleichzeitig musste man einsehen, dass der Adel durch den gesellschaftlichen Modernisierungsprozess zur Besetzung der Offizierstellen allein nicht mehr ausreichend war, welches dieses Zitat aus dem Militär-Wochenblatt verdeutlicht:

„[...] Wenn der Offiziersberuf jetzt nicht mehr wie früher das Monopol des Adels ist, so dürfen doch nur Ebenbürtige, nur Ritter vom Geiste und Kavaliere von Erziehung und Gesinnung Mitglieder und Genossen dieses bevorzugten Standes sein. Der Waffenadel muß dem Geburtsadel gleich stehen. [...]“[17]

So wurde der (vom Kaiser geprägte Begriff) „Adel der Gesinnung“ gründlich ausgewählt, um die Einheitlichkeit der Werte im Offizierkorps und das exklusive Erscheinungsbild zu wahren. Mit „Adel der Gesinnung“ waren Söhne von Offizieren, höheren Beamten, Gutsbesitzern, Kaufleuten, Fabrikanten oder Söhne aus der professionellen, akademischen Gemeinschaft wie Lehrer an Universitäten, Rechtsanwälte und Ärzte gemeint.[18] Der zunehmend bürgerliche Anteil änderte jedoch nichts am Stil des Offizierskorps. Die Verhaltensnormen und die Kodizes der adligen Offiziere wurden übernommen. Die bürgerlichen Offiziere wurden gewissermaßen „feudalisiert“. Es war ihnen nicht gelungen ein eigenes Bewusstsein innerhalb des Korps zu entwickeln.[19] Zudem war für die Festigung der Macht des deutschen Adels die charismatische Herrschaft des Reichskanzlers Bismarck entscheidend, mit inbegriffen der Reichsgründung 1871. Durch seine Politik wurden die adligen Herrschaftspositionen legitimiert.[20]

Im nächsten Abschnitt wird dargestellt inwiefern der Adel im Offizierkorps des Kaiserreichs vertreten war.

[...]


[1] Vgl. Sauer, Michael: Adel und Militär im Kaiserreich, in: Geschichte lernen. Geschichtsunterricht heute 54 (1996), S. 28.

[2] Vgl. Bald, Detlef: Der deutsche Offizier. Sozial- und Bildungsgeschichte des deutschen Offizierkorps im 20. Jahrhundert, München 1982, S. 85.

[3] Vgl. Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Von der „Deutschen Doppelrevolution“ bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1849-1914 (Bd. 3), München 1995, S. 805f.

[4] Vgl. Stoneman, Mark Robert: Bürgerliche und adlige Krieger. Zum Verhältnis von sozialer Herkunft und Berufskultur im wilhelminischen Armee-Offizierkorps, in: Reif, Heinz (Hg.): Adel und Bürgertum in Deutschland. Entwicklungslinien und Wendepunkte im 20. Jahrhundert (Bd. 2), Berlin 2001, S. 25ff.

[5] Vgl. ebd., S.33.

[6] Vgl. Craig, Gordon Alexander: Deutsche Geschichte 1866-1945. Vom Norddeutschen Bund bis zum Ende des Dritten Reiches, München 1993, S. 58.

[7] Zit. n. Neugebauer, Karl-Volker (Hg.): Grundkurs deutsche Militärgeschichte. Die Zeit bis 1914 (Bd. 1), München ²2009, S. 440.

[8] Vgl. ebd., S. 438ff.

[9] Vgl. Ostertag, Heiger: Bildung, Ausbildung und Erziehung des Offizierkorps im deutschen Kaiserreich 1871 bis 1918. Eliteideal, Anspruch und Wirklichkeit, Frankfurt a. M. 1990, S. 33.

[10] Siehe Anhang 1.

[11] Vgl. Neugebauer, Grundkurs deutsche Militärgeschichte, S. 426.

[12] Vgl. Craig, Gordon Alexander: Die preußisch-deutsche Armee 1640-1945. Staat im Staate, Düsseldorf 1960, S. 269.

[13] Vgl. Ostertag: Bildung, Ausbildung und Erziehung des Offizierkorps, S. 36.

[14] Vgl. Stoneman: Bürgerliche und adlige Krieger, S. 31.

[15] Vgl. Ostertag: Bildung, Ausbildung und Erziehung des Offizierkorps, S. 50.

[16] Zit. n. Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, S. 820.

[17] Zit. n. Militär-Wochenblatt 1889, Nr. 62, Sp. 1311-1326; Nr. 67, Sp. 1451-1456.

[18] Vgl. Stoneman: Bürgerliche und adlige Krieger, S. 29f.

[19] Vgl. Bald: Der deutsche Offizier, S. 87.

[20] Vgl. Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, S. 806.

Details

Seiten
11
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783668051256
ISBN (Buch)
9783668051263
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v304312
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Geschichte
Note
1,3
Schlagworte
Adel Kaiserreich Kaiserzeit Konsum

Autor

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