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Die polnische Außenpolitik von 1989 bis 2004. Polen als Transatlantische Regionalmacht?

von Julius Ehrich (Autor)

Bachelorarbeit 2014 45 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Osteuropa

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Rollentheorie
2.1 Ursprünge und Dimensionen des Rollenbegriffs
2.2 Anwendung in der Außenpolitikanalyse
2.3 Perspektiven und Alternativen
2.4 "Transatlantische Regionalmacht"
2.4.1 Gestaltungswille
2.4.2 Nationale Zielsetzungen
2.4.3 Internationale Zielsetzungen: Organisatorisch und inhaltlich
2.4.4 Außenpolitischer Stil: Spezifische außenpolitische Handlungsmuster
2.4.5 Außenpolitische Instrumente
2.4.6 Zusammenfassung

3. Polens Außenpolitik von 1989 bis 2004: Eine Analyse
3.1 Ein Ausflug in die Geschichte
3.1.1 Phaseneinteilung
3.1.2 1989 bis 1999
3.1.3 1999 bis 2003
3.1.4 2003 bis 2004
3.2 Polen als Transatlantische Regionalmacht?
3.2.1 Nach 1989
3.2.2 Polen und die GASP
3.2.3 Polen in NATO und EU
3.2.4 ENP und Ostpolitik: Regionalmacht Polen?
3.2.5 Der Irak-Krieg: Ein Automatismus?
3.2.6 Polnisch-amerikanische Beziehungen
3.2.7 Sonstiges

4. Fazit und Ausblick

5. Reflektion

Literaturverzeichnis

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

"Poland is the most pro-American country in the world including the United States,"

goes a quip, well known here, from an American foreign policy expert [Michael Mandelbaum] more than a decade ago (Lyman 2014).

1. Einleitung

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1989 musste Polen sein Rollenkonzept neu definieren. Ein Paradigmenwechsel in der polnischen Außenpolitik folgte. "Polen stellte die einzige politische Mittelmacht unter den sich neu souveränisierenden Staaten Ostmitteleuropas dar [...] und war als strategisches Schlüsselland von dem sicherheitspolitischen Vakuum nach dem Ende des Kalten Krieges am meisten betroffen" (Bingen 2014: 1). Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich daher mit der außenpolitischen (Neu-)Orientierung und (geographischen Neu-)Ausrichtung von Polens Außenpolitik und geht von der Prämisse aus, dass Polen in einen inneren Rollenkonflikt geriet, da das Land zwei Optionen hatte: "Sollte Polen wirklich auf die europäische Karte setzen oder sich [...] eher nach den USA orientieren" (Bingen 2014: 2)? Folgende Hypothese kann formuliert werden: Polen hat den Rollenkonflikt dadurch aufgelöst, dass es beide Optionen in seinem Rollenkonzept "Transatlantische Regionalmacht" vereint hat. Ziel ist es herauszufinden, ob das Rollenkonzept, das in Kapitel 2.4 weitgehend unabhängig von der Empirie entwickelt wird, auf die polnische Außenpolitik nach 1989 angewendet werden kann. Innerhalb der Analyse wird die polnische Außenpolitik vor allem gegenüber den USA und der EU als Ganzes (GASP und GSVP) sowie den osteuropäischen Staaten betrachtet; dabei spielt auch die NATO eine wichtige Rolle. Die Analyseebene ist hierbei der Nationalstaat. Den Schlusspunkt ihrer Betrachtung und Analyse setzt diese Arbeit mit dem EU-Beitritt Polens 2004. Für die Vorstellung der polnischen Außenpolitik wird eine Phaseneinteilung des Zeitraums 1989 bis 2004 vorgenommen. Anhaltspunkte für die Analyse sind vor allem außenpolitische Ereignisse wie Auslandseinsätze und Polens NATO- und EU-Beitritt. Der schon beschriebene Rollenkonflikt soll anhand der Rollentheorie, einem Ansatz der Außenpolitikanalyse, erforscht werden. Zur Überprüfung der Hypothese und für die Analyse wurden Experteninterviews durchgeführt und Reden und Interviews polnischer Premierminister zur Außenpolitik herangezogen und mithilfe der qualitativen Inhaltsanalyse untersucht. Dies ist ein sinnvoller Textkorpus, da die Rollentheorie aus dem Sozialkonstruktivismus stammt und die Regierungsmitglieder als Repräsentanten des Staates auftreten (siehe Kap. 2). Zwei Experten wurden interviewt: Prof. Hanns W. Maull, der das Konzept der Zivilmacht mitentwickelt hat, und Prof. Dieter Bingen, Direktor des Deutsche Polen-Instituts, der sich mit der polnischen Außenpolitik im Speziellen als einem seiner Forschungsschwerpunkte beschäftigt.

Im Folgenden soll der aktuelle Forschungsstand skizziert werden. Dabei lässt sich die Literatur in Forschungsarbeiten zur Rollentheorie im Allgemeinen und zu bestimmten Rollenkonzepten auf der einen Seite und in Analysen zur Außenpolitik Polens auf der anderen Seite einteilen. Die Rollentheorie wird schon seit den siebziger Jahren als Analyseinstrument intensiv erforscht (Holsti 1970, Gaupp 1983, Walker 1987, Cantir/Kaarbo 2012, Harnisch/Frank/Maull 2011, Harnisch 2010 und 2012, Thies/Breuning 2012.). Dabei wurde sie immer mehr auf die Politikwissenschaft Übertragen und konzeptionell uneingeschränkter. Vor allem das Rollenkonzept der Zivilmacht ist in seinem Entwurf populär und wurde insbesondere auf Deutschland, Japan und die USA vielfach angewendet (Kirste/Maull 1996, Kirste 1998). Beim Entwurf eines Rollenkonzepts für Polen hilft der Schlussbericht des Forschungsprojektes zum Zivilmachtskonzept von Frenkler, Harnisch, Kirste, Maull und Wallraf 1997. Auch zu Polens Außenpolitik nach 1989 findet sich Forschungsliteratur (Bingen 1994 und 2001, Kuzniar 2009). Einig ist man sich hier Über deren Neuausrichtung sowie Über die europäischen und auch transatlantischen Tendenzen. Analysen zu konkreten Aspekten der polnischen Außenpolitik liefern hier Fürst 2008 ("Europäische Außenpolitik zwischen Nation und Union. Die Konstruktion des polnischen, rumänischen und ungarischen Diskurses zur GASP") sowie Lasón 2010 ("Voraussetzungen und Folgen der Beteiligung Polens am Militäreinsatz und Stabilisierungsprozess im Irak"). Dem Thema der vorliegenden Arbeit am nächsten kommt das Werk "Zwischen Europa und Amerika. Polens Außen- und Sicherheitspolitik nach 1989" von Veronica Ziemer aus dem Jahr 2009. Es ist aktuell, bedient sich teilweise der Rollentheorie und arbeitet auch mit dem Gegensatz "Amerika "“ Europa". Es operiert jedoch nicht mit demselben Rollenkonzept wie die vorliegende Arbeit und entwirft auch keinen eigenen Idealtypus. Auch der Forschungszeitraum und der außenpolitische Fokus sowie die Analysekategorien unterscheiden sich von dem der vorliegenden Arbeit. Mit Polens außenpolitischem Wandel und seiner transatlantischen Orientierung beschäftigen sich zudem Zaborowski 2004, Frank 2005, Longhurst und Zaborowski 2007 und Maull, Harnisch und Overhaus 2008. Durch die identifizierte Forschungslücke gewinnt die vorliegende Arbeit an wissenschaftlicher Bedeutung. Doch es gibt weitere wissenschaftliche und auch praktische Aspekte, die trotz des bereits zurückliegenden Forschungszeitraums für die Relevanz dieser Arbeit sprechen. Die Bedeutung der Rollentheorie hat in der Außenpolitikanalyse in den letzten Jahrzehnten niemals abgenommen "“ auch aufgrund der Verknüpfung mehrerer Analyseebenen. Es wird der Idealtypus eines Rollenkonzepts für Polen entworfen, der im Anschluss auf seine Tauglichkeit geprüft wird. Im Folgenden soll die Rollentheorie als analytisches Instrument vorgestellt und dann ein mögliches Rollenkonzept entworfen werden, das Polen nach 1989 angenommen haben könnte: Eine Verbindung aus dem "Transatlantiker" und der "regionalen Führungsmacht".

Das daran anschließende Kapitel beschäftigt sich mit der Außenpolitik Polens. Danach wird die vorgenommene Phaseneinteilung des gewählten Zeitraums begründet, bevor dann die einzelnen Phasen analysiert werden. Die Rollentheorie fungiert als Analysegerüst und Einordnungsrahmen. Die Arbeit schließt mit einem Fazit, einem kurzen Ausblick auf die weitere Entwicklung der polnischen Außenpolitik und einer Reflektion der Methoden und der Rollentheorie.

2. Rollentheorie

Die Rollentheorie ist ein kognitiver sozialpsychologischer Ansatz, beschäftigt sich mit dem Verhalten von Staaten und entspringt politikwissenschaftlich gesehen dem Konstruktivismus, der zu den Theorien der Internationalen Beziehungen gehört. Ursprünglich stammt das Rollenkonzept aus der Soziologie. Die Rollentheorie lässt sich also in die konstruktivistischen reflexiv-interpretativen Ansätze einordnen (vgl. Kirste/Maull 1996: 284). "Die Rollentheorie kann Normen und Werten angemessene Bedeutung schenken, indem sie diese Über die Erstellung von Rollenkonzepten [...] zunächst identifiziert und dann am konkreten Akteursverhalten systematisch abtestet. Das Konzept der außenpolitischen Rolle ist also in der Lage die jeweiligen Weltbilder, normativen Grundprinzipien und Annahmen Über Kausalzusammenhänge außenpolitischer Akteure systematisch miteinander zu Verknüpfen. Dadurch kann es einen wichtigen Beitrag dabei leisten zu erklären, warum Akteure ihre Ziele und Interessen so bestimmen, wie sie dies tun, warum sich Staaten für bzw. gegen bestimmte außenpolitische Strategien und Handlungsoptionen entscheiden" (Kirste/Maull 1996: 295).

Es gibt ein "...potential for conflict within a role [...] and between roles" (Harnisch 2010: 4). Gaupp definiert in seiner Dissertation einen Rollenkonflikt als Widersprüchlichkeit von Rolle und Träger, also als Differenz zwischen der Rollenidentität und der tatsächlichen Persönlichkeit des Akteurs (vgl. Gaupp 1983: 78). In dieser Arbeit wird der Begriff des Rollenkonflikts eher als Konflikt verstanden, "der aus unverträglichen Erwartungen in zwei verschiedene internationalen Rollen entsteht" (Gaupp 1983: 153). Bei der Fallstudie zu Polen muss auch dieses Verständnis leicht modifiziert werden, da es innerhalb des idealtypischen Rollenkonzeptes zwei Ausrichtungen bzw. Rollenelemente gibt, die einander teilweise widersprechen "“ die transatlantische und die europäische.

"Einem Wandel in der Präferenzordnung kann [...] durch einen Wandel in Rollenkonzept (längerfristig) und situativ wechselnden Rollen (kurzfristig) entsprochen werden" (Kirste/Maull 1996: 285). Rollenkonzepte zeigen in ihrer Darstellung sowohl Elemente der Dauerhaftigkeit als auch der Dynamik (vgl. Frenkler/Harnisch/Kirste/Maull/Wallraf 1997: 19f.).

"Internationale Rollen sind geplant "“ d.h. kollektiv normierte und individuell konzipierte "“ und von Repräsentanten realisierte Einstellungs- und Verhaltensmuster von Staaten [...] in internationalen Systemen" (Gaupp 1983: 109).

Rollenkonzepte sind, wie oben angesprochen, meist längerfristige, dauerhafte Muster der außenpolitischen Grundeinstellung von Staaten (vgl. Kirste/Maull 1996: 288) und entstehen in einem Umfeld aus Staaten; die Rollenkonzepte einzelner Staaten können sich dabei ergänzen bzw. zusammenhängen (vgl. Harnisch 2010: 4). "Staatliche Rollenkonzepte spiegeln [dabei] immer auch die innere Verfasstheit eines Staates wider" (Kirste/Maull 1996: 292).

Knut Kirste und Hanns W. Maull stellen in ihrem Aufsatz, in dem sie das Konzept der Zivilmacht entwickeln (vgl. auch Frenkler/Harnisch/Kirste/Maull/Wallraf 1997), vier Hypothesen auf, die auch schon Holsti so vertreten hat (vgl. Kirste/Maull 1996: 291f.) und die als Prämissen fÜr diese Arbeit gelten können:

1. Außenpolitische Entscheidungsträger [Staaten] besitzen nationale Rollenkonzepte, an denen sich ihr Verhalten orientiert.
2. Der ego-part ist wichtiger als der alter-part (siehe hierzu Kapitel 2.3).
3. Quellen von Rollenkonzepten sind eine komplexe Mischung aus geographischen, machtpolitischen, historischen und sozio-ökonomischen Charakteristika, sowie aus Systemstrukturen und idiosynkratische (spezielle/eigentümliche) Merkmale außenpolitischer Eliten.
4. Die Konsequenz nationaler Rollenkonzepte ist einerseits eine Beschränkung fÜr das außenpolitische Verhalten (Rahmenfunktion) und andererseits eine Beeinflussung des internationalen Systems (strukturbildend).

Die Benennung eines konkreten Rollenkonzepts beinhaltet stets drei Dimensionen. Am Beispiel der Zivilmacht heißt das, dass man Zivilmacht als Macht, als Rolle und als Medium zur Erreichung eines bestimmten Ziels verstehen kann. Das Rollenkonzept wird im Sinne einer bestimmten Form der Einflußnahme auf den Gang der internationalen Beziehungen (vgl. Kirste/Maull 1996: 300) verstanden. In der vorliegenden Arbeit werden Staaten als Träger außenpolitischer Rollenkonzepte beschrieben.

Der Idealtypus stellt die abhängige Variable dar. "[A]ls Strukturelement ist [die Rollentheorie] von objektiven systematischen Variablen geprägt (kollektive Ziele und Verhaltensnormen), als Verhaltensmuster einer Akteurklasse auch von perzeptionellen und attributiven individuellen Variablen (Weltbild, Merkmale, Verhaltenskonzeption der Akteure)" (Gaupp 1983: 13). Sie kann daher als integrierende Theorie der internationalen Beziehungen angesehen werden, die die systemische und die Akteursebene zusammenführt (vgl. Kirste/Maull 1996: 289/294) und "die Erklärungskategorien des Neo-Realismus [...] und des Neo-Institutionalismus [...] um die Analysevariablen Normen, Werte und Moral" (Kirste/Muall 1996: 308) ergänzt.

Im nächsten Schritt werden Ursprünge der Rollentheorie im Konstruktivismus, ihre Anwendung in der Außenpolitikanalyse und verschiedene Rollenkonzepte sowie Perspektiven der Rollentheorie beschrieben. Zuletzt wird in diesem Kapitel das mögliche Rollenkonzept Polens von 1989 bis 2004 als Idealtypus ausführlich entworfen.

[...]

Details

Seiten
45
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668026483
ISBN (Buch)
9783668026490
Dateigröße
614 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v304275
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
außenpolitik polen transatlantische regionalmacht

Autor

  • Julius Ehrich (Autor)

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