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Der soziale Aufstieg der Juden im 19. Jahrhundert. Bürgerlichkeit, Judentum und Schlüsselelemente der Verbürgerlichung

Hausarbeit 2015 15 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Verbürgerlichung der Juden in Deutschland
2.1 Das Verhältnis zwischen Bürgerlichkeit und Judentum. Kam es zu einer Verbürgerlichung?
2.2 Schlüsselelemente der Verbürgerlichung

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Als Gruppe der gesellschaftlichen Unterschicht ausgegrenzt, diskriminiert und ohne Rechte, in die soziale Klasse Bürgertum als gleichgestellte Bürger aufgestiegen. In keinem anderen europäischen Staat konnte ein vergleichbares Kollektivphänomen, wie das des sozialen Aufstiegs der Juden im 19. Jahrhundert in Deutschland beobachtet werden. Doch wie haben sie das geschafft? Welche Bedingungen mussten gegeben sein, um den Aufstieg zu bewältigen?

Die folgende Arbeit soll sich mit dem Thema des rasanten sozialen Aufstiegs der deutschen Juden im 19. Jahrhundert und dem Prozess ihrer „Verbürgerlichung“ beschäftigen. Im ersten Teil soll dabei zunächst auf das Verhältnis zwischen Judentum und Bürgerlichkeit eingegangen werden. Dazu soll eingangs kurz das kulturelle Konzept „Bürgerlichkeit“ erläutert werden. Anschließend sollen die unterschiedlichen Forderungen der Verbürgerlichung deutlich gemacht und die Frage beantwortet werden, ob es überhaupt zu einer Verbürgerlichung der Juden kam und was der Begriff eigentlich beschreibt, ohne dabei jedoch näher auf politisch-rechtliche Aspekte einzugehen. Als Quellengrundlage sollen dafür das Werk Simone Lässigs „Jüdische Wege ins Bürgertum“ und die Essays Shulamit Volkovs „Die Verbürgerlichung der Juden in Deutschland. Eigenart und Paradigma“ und Manfred Hettlings „Verbürgerlichung“ und „Bürgerlichkeit“: Möglichkeiten und Grenzen der deutschen Juden im 19. Jahrhundert“ dienen.

Im zweiten Teil soll schwerpunktmäßig die Frage geklärt werden, worin die möglichen Schlüsselelemente ihrer Verbürgerlichung lagen. Auch hier soll sich jedoch weniger nach politisch-rechtlichen Bedingungen und dem Prozess der „Verbürgerlichung“, welcher zuvor bereits erläutert werden wird, gerichtet werden. Das Hauptaugenmerk liegt vielmehr auf der Bedeutung sozioökonomischer und kultureller Aspekte und inwiefern sie sich gegenseitig bedingten. Dazu soll unter den verschiedenen Auffassungen Kockas, Volkovs, Lässigs und Hettlings das Kapitalkonzept Bourdieus zum Tragen kommen, welches eingangs kurz erläutert werden soll.

Abschließend sollen die Ergebnisse zu den untersuchten Fragstellungen zusammengetragen und in einem Fazit beurteilt werden.

2. Die Verbürgerlichung der Juden in Deutschland

2.1 Das Verhältnis zwischen Bürgerlichkeit und Judentum. Kam es zu einer Verbürgerlichung?

Dass einem Großteil der jüdischen Bevölkerung die proklamierte Offenheit des Bürgertums sehr erstrebenswert erschien, ist angesichts ihrer Situation als Randgruppe der Gesellschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts durchaus verständlich. Ihr „Eintritt“ ins Bürgertum wurde jedoch von einer kulturellen Anpassung bedingt, die auch als „Bürgerlichkeit“ bezeichnet wird. Die Lebensführung als „Bürger“ bedeutete sich gewisse Moralvorstellungen, Leitideen, einen Habitus und Sprachgebrauch anzueignen, die innerhalb der sozialen Klasse allgemeine Akzeptanz fanden. Dies bedeutete jedoch nicht, dass die „Gestaltung der Lebensführung“ durch „eindeutige Handlungsvorgaben“ festgelegt wurde.[1] Wie konnte es auch anders sein? Ein Großteil des Bürgertums hatte seine Wurzeln in der Mittelschicht der ständischen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts. Unter die neu entstandene soziale Formation Bürgertum fielen nun Kaufleute, Bankiers, Unternehmer, genauso wie Ärzte, Anwälte, Pfarrer und Gymnasiallehrer. Welche Gemeinsamkeiten konnte es bei dieser unterschiedlichen Berufs- und Interessenslage geben? So gut wie keine. Außer die „gemeinsamen Gegner: Adel, der unbeschränkte Absolutismus, vielleicht auch die kirchliche Orthodoxie“ und ihre „Abgrenzung nach unten, die Abgrenzung gegenüber den nicht-bürgerlichen Schichten“.[2] Als Klammer dieser neu formierten sozialen Klasse diente daher die Kultur, was nicht zuletzt dadurch begründet ist, dass Deutschland bis Reichsgründung ein territorial zersplitterter Staat war, in dem Nationalgefühl als vereinendes Kriterium, wie es in anderen europäischen Ländern der Fall war, noch nicht aufkommen konnte. Bürgerlichkeit stellte die Antwort auf eine „nachständische, sich funktional differenzierenden Gesellschaft“ dar.[3] Sie ist somit vielmehr als eine Vielfalt von Werten und Normen zu begreifen, die sich auch widersprechen konnten. Nach Hettling sei es daher keine „Konformität an Werten und Handlungsformen“, die Bürgertum als soziale Formation konstituiere, „sondern der gemeinsame Bezug auf eine symbolische Ordnung, die in sich vielfältig differenziert ist und durchaus unterschiedliche Realisierungschancen für die Lebensführung und die Bewältigung gesellschaftlicher Wirklichkeit“ ermögliche. Eben dieses Modell stellte mit seiner Idee der Überbrückung regionaler, sozialer, ständischer und religiöser Differenzen die grundsätzliche Offenheit für jeden einzelnen dar, der bestrebt war sich anzupassen und darin einzugliedern. Von der jüdischen Bevölkerung wurde dies als äußerst attraktive Chance gesehen, endlich ein Teil der Gesellschaft als gleichgestellte, akzeptierte Mitglieder zu sein. Der Weg dorthin erwies sich jedoch als hart und steinig.

Gemeinsamkeiten zwischen den Wertvorstellungen im Judentum und Bürgerlichkeit waren nur schwer zu finden. Was sie jedoch beide teilten, war die hohe Wertschätzung von Bildung, die zugleich das Kernelement von Bürgerlichkeit bildete. Diese sollte nach bürgerlicher Sichtweise aber nicht auf „Talmud und Tora, sondern auf Vernunft und Nützlichkeit“ begründet sein.[4] Davon abgesehen, so Lässig, galten Juden zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch gemeinhin als unmoralisch und unästhetisch in ihrem Habitus, ihrer Sprache und auch Auftreten.[5] So wurde Jiddisch beispielsweise als Räuberjargon und geschäftliche Geheimsprache der Juden bezeichnet.[6] Erst der Erziehungsansatz der Aufklärung und der Prozess der „bürgerlichen Verbesserung“ sollten Ihnen ermöglichen „bessere“ Menschen und Bürger zu werden. Ob sie das gern angenommene Projekt der „Verbürgerlichung“ wirklich erreicht haben, soll im Folgenden untersucht werden.

Um sich als Bürger begreifen zu dürfen, mussten Juden, wie auch andere soziale Gruppen, Forderungen erfüllen, die ihnen einiges abverlangten. Da die Spätaufklärung in Deutschland eng mit dem Staatswesen verbunden war, wurden die Bedingungen ihrer Emanzipation von der Beamtenschaft gestellt, welche sich durchaus dem Bildungsbürgertum angehörig sah. So gehörte die Veränderung ihrer Berufsstruktur durch „Produktivierung“, die Aneignung und Verwendung der deutschen Sprache, die Übernahme des Bildungsideals und der bürgerlichen „Sittlichkeit“ zu den Forderungen, die sie erfüllen mussten. Im Gegenzug wurde Ihnen die schrittweise bürgerrechtliche Gleichstellung zugesprochen. Allgemeiner gesagt, mussten sozioökonomische, politisch-rechtliche und kulturell-religiöse Ziele erreicht werden um sich der bürgerlichen Gesellschaft zurechnen zu können. So wurde die sozioökonomische „Verbürgerlichung“ der Juden beispielsweise dadurch erleichtert, dass sie in der ständischen Gesellschaft Berufsfelder inne hatten, die vorwiegend dem Handelssektor zugehörig waren.

[...]


[1] Hettling, Manfred, Bürgerlichkeit als kulturelles System, Halle 2010, S.13

[2] Kocka, Jürgen, Obrigkeitsstaat und Bürgerlichkeit. Zur Geschichte des deutschen Bürgertums im 19. Jahrhundert, in: Deutschlands Weg in die Moderne: Politik, Gesellschaft und Kultur im 19. Jahrhundert, München 1993, S.109

[3] Hettling, Manfred, „Verbürgerlichung“ und „Bürgerlichkeit“. Möglichkeiten und Grenzen für die deutschen Juden im 19. Jahrhundert, in: Liberalismus und Emanzipation. In- und Exklusionsprozesse im Kaiserreich und in der Weimarer Republik, Hg: Angelika Schaser und Stefanie Schüler-Springorum, S.185

[4] Lässig, Simone, Jüdische Wege ins Bürgertum, Göttingen 2004, S.67

[5] Vgl. Lässig, S.71

[6] Volkov, Shulamit, Die Verbürgerlichung der Juden in Deutschland. Eigenart und Paradigma, in: Kocka, Jürgen, Bürgertum im 19. Jahrhundert, Bd. 3, Göttingen 1995, S. 114

Details

Seiten
15
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668039292
ISBN (Buch)
9783668039308
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v304272
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Philosophisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
Verbürgerlichung Juden Akkulturation Assimilation soziale Aufstieg 19. Jahrhundert Simone Lässig Hettling Volkov Kolllektivphänomen

Autor

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Titel: Der soziale Aufstieg der Juden im 19. Jahrhundert. Bürgerlichkeit, Judentum und Schlüsselelemente der Verbürgerlichung