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Die beste Verfassung in Aristoteles' "Politik"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 13 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Mensch als zóon politikon
2.1. Die Glückseligkeit als höchstes Gut
2.2. Aristoteles' Tugendlehre

3. Definition des Staates
3.1. Das Wesen der Polis
3.2. Das Leben in der Polis
3.3. Aristoteles' Staatsformenlehre

4. Die Politie als beste Verfassung
4.1. Kriterien für eine beste Verfassung
4.2. Kann die beste Verfassung aus zwei Minderwertigen bestehen?

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Zuge des Hauptseminars Aristoteles, Politik befasst sich diese Arbeit mit der Frage, welche nach Aristoteles die beste Verfassung sei. Primär werden im Folgenden zur Beantwortung dieser Frage seine populären Schriften die Nikomachische Ethik und die Politik verwendet. Die beiden Schriften sind inhaltlich eng miteinander verknüpft, worauf Querverweise an mehreren stellen hindeuten, wie auch der letzte Absatz der Nikomachischen Ethik bereits thematisch in die Fragestellung der Politik einleitet: "Wenn nämlich diese (kritische) Betrachtung durchgeführt ist, werden wir vielleicht besser überschauen können, welche Verfassung am besten ist und welche Ordnung sowie welche Gesetze und Bräuche jeder Verfassungsform den besten Zustand gewährleisten."[1] Aristoteles führt in der Politik die wohl erste begriffliche Untersuchung des Wesens der Polis und der verschiedenen Verfassungen durch, indem er durch ein hypolektisch induktives Verfahren bereits gegebene Erkenntnisse betrachtet und auf dieser Grundlage versucht alle Momente einer idealen, aber auch realisierbaren, Polis herzustellen. Dabei vergleicht er bereits existierende Verfassungen mit theoretischen, idealen Verfassungsformen und versucht die Staatsform zu finden, deren Zielprojekt mit dem ihrer Staatsbürger identisch ist: die Erlangung der Glückseligkeit.

Zu Beginn ist es also notwendig den Menschen als politisches Wesen (zóon politikon) zu bestimmen, welches die Glückseligkeit zum Endziel hat und unter welchen Bedingungen er dieses erreichen kann. Anschließend werden in Kürze das Wesen der griechischen Polis und Aristoteles Staatsformenlehre erläutert, wozu eine Betrachtung des wünschenswerten Lebens eines Staatsbürgers in jener unabdingbar ist. Schließlich werden die Voraussetzungen, die Aristoteles zu einem besten Staat nennt erläutert und in seine Staatsformenlehre eingefügt. Dafür wird die Politie als Mischform aus Demokratie und Oligarchie näher bestimmt, welches die Frage aufwirft, ob und wie die beste Verfassung aus zwei Minderwertigen bestehen kann.

2. Der Mensch als zóon politikon

2.1. Die Glückseligkeit als höchstes Gut

In Aristoteles Werk Nikomachische Ethik versucht er einen Leitfaden zu geben, wie man ein guter Mensch wird und wie man ein glückliches Leben führt. Hierbei spielt das Handeln eine wesentliche Rolle, denn jedes Handeln strebt auf ein Gut hin. Dieses Gut kann nun eines sein, das seine Verwirklichung in der Beförderung eines nächstes Guts hat, oder es kann um seiner selbst willen erstrebt werden. Das absolut höchste Endziel allen Handelns stellt die Glückseligkeit (eudaimonia) dar, denn diese kann niemals nur als Mittel zum Zweck angestrebt werden. Die dem Menschen eigentümliche Leistung (ergon) ist nach Aristoteles das "Tätigsein der Seele gemäß dem rationalen Element"[2], womit er die sittliche Trefflichkeit eines Menschen beschreibt[3], die die Ursache allen Handelns darstellt.

Wie für jedes, das eine Leistung und Praxis zeigt [...] in dieser Leistung das Wertvolle und der Vollkommenheitsrad liegt, 'so scheint es auch beim Menschen zu sein, wenn ihm eine bestimmte Leistung zukommt'. [...] Worin diese 'Leistung' des Menschen Bestehen muss, ergibt sich im Ausschließungsverfahren nach der Stufenleiter der Natur. [...] So bleibt als spezifisch menschliche Aufgabe nur das 'Leben' oder 'Tätigsein der Seele' gemäß der höchsten Seelenstufe, der die 'Sprache' und 'Vernunft' (logos) innewohnt.

(Höffe 2005: ergon)

Damit beschreibt er den Menschen als vernunftbegabtes Wesen, in Differenzierung zu Pflanze und Tier. Um die eudaimonia als Endziel besser fassen zu können, versucht Aristoteles es in die Wissenschaften und Künste einzureihen und kommt zu dem Schluss, dass die Staatskunst als reinste Kunst den Rahmen zur Erlangung der eudaimonia bildet. Ihr sind alle Formen der praktischen Künste, wie Kriegs-, Haushalts- und Redekunst, untergeordnet. Das Endziel für das Gemeinwesen und den Einzelnen sind also identisch.[4] Dieses dem Menschen innewohnenende Ziel (telos) beschreibt den Daseinszweck des Menschen. Das 'gute Leben' kann also nur in der Ausübung der Staatskunst, also seinen Teil zum Gemeinwesen beitragend, demzufolge innerhalb der Polis, verwirklicht werden. Aristoteles nennt den Menschen daher auch politisches Lebewesen (zóon politikon). "Hiernach ist denn klar, daß [sic] der Staat zu den naturgemäßen Gebilden gehört und daß [sic] der Mensch von Natur aus ein nach der staatlichen Gemeinschaft strebendes Wesen (zóon politikon) ist."[5] Weiterhin ist das höchstmögliche 'menschliche Gut', die Erfüllung der menschlichen Natur und damit des Glückes, ein 'Tätigsein der Seele gemäß der Tugend', da die Tugend (arête) die optimale Verfassung der Leistungsfähigkeit ist.

2.2. Aristoteles' Tugendlehre

Aristoteles gliedert die Tüchtigkeit auf in die Vorzüge des Verstandes (dianöetische), die sich durch Lehre ausbilden, und Vorzüge des Charakters (ethische), die durch Gewöhnung erwachsen. Charaktervorzüge sind dem Menschen also nicht angeboren, sie besitzen lediglich die Anlage und müssen durch Verhalten in Alltagsbeziehungen zu Mitmenschen erfahren werden. Erziehung spielt hierbei eine wichtige Rolle. Zur Bestimmung der Tugend sucht man das Mittlere zwischen zwei Extremen (mesotes -Lehre), welche nicht mathematisch als ein Zuviel oder Zuwenig bestimmt wird, sondern als das Beste der jeweiligen Charaktereigenschaft. Sie ist also individuell bestimmt. Sittliche Tüchtigkeit hängt demnach mit Lust und Unlust zusammen.[6] Sie stellt sich in Form einer festen Grundhaltung dar, kraft dessen der Mensch sich den irrationalen Regungen gegenüber richtig verhält. "So ist also sittliche Werthaftigkeit eine feste, auf Entscheidung hingeordnete Haltung; sie liegt in der Mitte, die die Mitte in Bezug auf uns ist, jener Mitte, die durch den richtigen Plan festgelegt ist, d.h. durch jenen, mit dessen Hilfe der Einsichtige (die Mitte) festlegen würde."[7] Sie verwirklicht sich in dem Umfeld in dem sie erlernt wurde. Eine Orientierungsmarke für Angemessenheit liegt im Wohl der Gemeinschaft der Polis und bedarf somit festgelegter Gesetze und Werte.

Die jedem Menschen eigenen Naturanlagen lassen sich entsprechend in Einzeltugenden differenzieren. Wichtige Tugenden nach Aristoteles sind Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mäßigung, Freigebigkeit, Hilfsbereitschaft, Seelengröße, Sanftmut, Wahrhaftigkeit, Höflichkeit und Einfühlsamkeit. Die Klugheit (phronêsis) als Vortrefflichkeit der moralisch-praktischen Wissenschaft bildet als notwendige dianoetische Tugend die Ergänzung zur Ethik, diejenige Tugend, die die Mitte zu wählen versteht. Wer über Klugheit verfügt, verfügt auch über alle anderen ethischen Tugenden. "Die Klugheit besteht in der zur Haltung ausgebildeten Fähigkeit, nicht zu irgendwelchen, sondern zu den durch die ethischen Tugenden vorgegebenen Zielen, insbesondere dem Leitziel, dem guten und gelungenen Leben im ganzen, die richtigen Mittel zu überlegen."[8] Sie ist die Bedingung der richtigen Entscheidung und somit eine aufs Handeln bezogene Haltung des für den Menschen Guten und Schlechten. Für jeden Lebensbereich gibt es eine Klugheit für sich selbst, eine für die Hausverwaltung und eine dritte für die Polis. Diejenige auf die Politik bezogene ist einerseits beratend, andererseits richterlich tätig und somit wichtiger Bestandteil im Leben der Staatsbürger.

[...]


[1] NE X, 10, 1181b.

[2] NE I, 1, 6, 1097b-1098a.

[3] Fähigkeit der Beherrschung des irrationalen Seelenteils, der das Begehr- und Strebevermögen darstellt.

[4] vgl. NE I, 1, 1094a-b.

[5] Politik I, 5, 1253a.

[6] vgl. NE II, 2, 1104 b.

[7] NE II, 6, 1106b-1107a.

[8] Höffe, 2005: phronêsis.

Details

Seiten
13
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668037854
ISBN (Buch)
9783668037861
Dateigröße
404 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v304187
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Pilosophisches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
Politeia zoon politicon beste Verfassung Aristoteles Demokratie vs. Oligarchie

Autor

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