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Justizreform und die Geburt des Privatdetektivs. Ein Foucault'scher Blick auf Edgar Allan Poes "Dupin"-Trilogie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 22 Seiten

Amerikanistik - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Rituale um Wahrheit und Macht bei Foucault
2.1 Der Bruch in der Kriminalliteratur des 19. Jahrhunderts
2.2 Das Ritual der Hinrichtung
2.3 Das Ritual der Prüfung

3. Poes Dupin
3.1 Der Detektiv
3.2 Das Rätsel
3.3 Das Rätsel des Detektivs

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Detektivgeschichte stellt ein Kuriosum der jüngeren Literaturgeschichte dar. Von Poe über Doyle hat sie einen beispiellosen Siegeszug angetreten, der seinen kommerziellen Höhepunkt im Golden Age der Gattung und bei Agatha Christie findet: Mehr als eine Billionen verkaufte Exemplare in englischer Sprache, eine weitere Billionen an Übersetzungen, womit Christie die erfolgreichste Romanautorin aller Zeiten ist. Seine vielleicht prominenteste Ausformulierung findet das Regelwerk der Gattung im code of ethics des englischen Detection Clubs: Mord ist das einzig legitime Thema, seine Auflösung durch die Figur des Detektivs muss ohne höhere Gewalt – sei es nun weibliche Intuition oder göttliche Eingebung – stattfinden, und sie muss dem Leser die faire Möglichkeit einer Beteiligung an der Suche bieten. Damit ist aber eine neue Art des Lesens erfunden, die eine distanziert-rationale Rezeption auch dort noch verlangt, wo Mord und Grausamkeit geschildert werden.

Edgar Allan Poes Geschichten um C. Auguste Dupin, die zwischen 1841 und 1844 als Zeitungsartikel veröffentlicht wurden, sind dem später entstandenen Regelwerk der Gattung wesentlich weniger konform als die meisten seiner Nachfolger[1]. Wie Kayman bemerkt handelt es sich in keiner der drei Episoden um einen wirklichen Mordfall[2]. Dennoch tragen sie die Elemente zusammen, die das Genre bis heute prägen: Den genialen und exzentrischen Detektiv, seinen staunenden Assistenten und zugleich Erzähler der Geschichte, eine wissenschaftliche und allem Aberglauben entgegen­gesetzte Methodik, und eine abschließende rationale Auflösung, die dem anfänglichen Rätsel den übernatürlichen Anschein nimmt und die Identität des Täters enthüllt.

Den geschichtlichen Hintergrund für die Geburt Dupins bildet der Wechsel von der öffentlichen Hinrichtung zu Indizienverfahren und Haftstrafe, wie ihn Michel Foucault in Überwachen und Strafen beschreibt[3]. Erst das Indizienverfahren rekonstruiert anhand von Spuren den Tathergang, der unabhängig vom Geständnis bewiesen werden muss, und lenkt die allgemeine Aufmerksamkeit von der Vollstreckung zur Aufklärung. Der Wechsel der Systeme ist aber nicht zuletzt auch einer der Rituale um Macht und Wahrheit. Es ist einer der besonderen Vorzüge von Foucaults Analyse, Wahrheit eben im Zusammenhang mit kulturellen Praktiken und ihrer Wirkung zu sehen.

These dieser Arbeit ist die Vermischung zweier Formen von Ritualen im Detektivroman. Zum einen dem Ritual der Hinrichtung, die im Zweikampf von Gesetz und Verbrecher eine Wahrheit produziert, und die durch das Verbrechen gestörte Ordnung des Gesetzes wiederherstellt. Zum anderen aber auch der Prüfung, dem Ritual der Foucaultschen Disziplinen. Der Leser wird in der Methodik des Detektivs unterrichtet, wird zur eigenen Deduktion ermuntert, und kann nach der Auflösung prüfen, ob sein Ergebnis mit dem Dupins oder einem seiner zahllosen Nachfahren deckungsgleich ist. Nicht zuletzt ist der überwachende und das Individuum erfassende Blick, eines der wichtigsten Werkzeuge der Disziplinen, ständiges Thema des Detektivromans.

Vor diesem Hintergrund sollen die beiden hervorstechendsten Merkmale der Gattung bei Poe untersucht werden: Die Figur des Detektivs und der Rätselcharakter, der einen intellektuellen und emotionslosen Zugang noch zu den dramatischsten Szenen schafft.

2. Rituale um Wahrheit und Macht bei Foucault

Gegen Beginn des 19. Jahrhunderts wird die öffentliche Hinrichtung, deren zentrales Instrument der Wahrheitsfindung die Marter ist, durch Indizienverfahren und Haftstrafe ersetzt. Foucault beschreibt diese Entwicklung vor dem Hintergrund der Entstehung der Disziplinen und ihrer Techniken im 17. und 18. Jahrhundert, die schließlich auch die Justiz „kolonisieren“[4]. Mit ihnen erhält ein neuer Typ der Macht Einzug in das Strafwesen, der die souveräne Macht ablöst, und das Ritual der Hinrichtung durch die Prüfung ersetzt.

Zwei Aspekte dieser Wandlung sollen im Folgenden kurz skizziert werden: Im Laufe des 19. Jahrhunderts bemerkt Foucault einen Bruch in der Kriminalliteratur, der sich zwischen Fiktion und Nichtfiktion erstreckt. Erstere verlagert sich auf die gehobenen sozialen Schichten, während reale Verbrechen in Form von Zeitungsberichten Verbreitung finden. Zweitens sieht er eine Verschiebung zentraler Elemente der Narration, das Verschwinden des Geständnisses etwa und seine Ersetzung durch die Rekonstruktion der Tat.

Da die Detektivgeschichte, so die These dieser Arbeit, Elemente von Hinrichtung und Prüfung beerbt (und vielleicht deshalb in der Wiederholung einer festgelegten Form ihren Ritualcharakter annimmt), sollen auch diese in den folgenden Punkten beschrieben werden, um die Basis für einen späteren Vergleich zu legen.

2.1 Der Bruch in der Kriminalliteratur des 19. Jahrhunderts

Foucault behandelt die Hinrichtung auch als politisches Ritual, da jede Straftat zugleich das Gesetz, und mit ihm die Person des Königs angreift (vgl. 1.2.). Das Ritual der Hinrichtung hat somit auch die Funktion, den Angriff auf den Souverän zu rächen, und die Verbindlichkeit von Macht und Gesetz wiederherzustellen. Daher die zentrale Rolle des Geständnisses, eine Form der Narration des vergangenen Verbrechens, in der Strafe und Urteil bejaht, und die Autorität des Gesetzes und der Macht bestätigt werden. In verschiedenen Formen – Fliegenden Blättern, Kolportagen, Zeitungsberichten, der „Literaturgattung `Letzte Worte eines Verurteilten´“[5] – beherrscht die ideologisch geprägte Narration der Tat auch die Literatur des Verbrechens:

Der Justiz lag daran, daß ihr Opfer die Hinrichtung gewissermaßen autorisiere. Man verlangte vom Verbrecher, seine Bestrafung selbst zu rechtfertigen und die Abscheulichkeit seiner Verbrechen zu verkünden. […] Fliegende Blätter und Todesgesang bilden gewissermaßen den Abschluß des Prozesses oder die Weiterführung der Prozedur-Marter, in deren Verlauf die Wahrheit des Verbrechens im Körper, in der Geste, im Diskurs des Verbrechers ans Licht kommt. Die Justiz bedurfte jener Apokryphe, um sich auf Wahrheit zu gründen.[6]

Der Diskurs um den Verbrecher beginnt buchstäblich am Körper des Verurteilten. Die Texte bleiben aber nicht eindeutig – sowenig wie die Hinrichtung selbst, deren Ambivalenz nach Foucault einen der Gründe für ihre Abschaffung darstellt. Hier zeigt sich eine Nähe zu Bachtins Konzept der Heteroglossie, auf ihrem Weg vom Zentrum zur Peripherie nehmen die Texte eine neue Bedeutung an[7]. Durch eine ausführliche Schilderung seines Lebens, wie sie sonst Königen und Helden vorbehalten war, wird der Verbrecher zumindest tendenziell heroisiert, wird „[s]chauriger Held oder reuiger Frevler“[8]. Als doppeldeutiger Diskurs spiegelt die Literatur der Hinrichtung den Konflikt von Macht und Volk, von moralisierender Ideologie und Heroisierung des Verurteilten.

Diese Art der Schilderung von Verbrechen erlebt im 19. Jahrhundert zwei Verschiebungen: Zum ersten wird sie ästhetisiert, als intellektuelle Glanzleistung von Ausnahmenaturen verstanden, und in ein gehobenes Milieu versetzt, womit der Ruhm des volkstümlichen Verbrechers schwindet: „Die Kriminalliteratur verlegt das Aufsehen um den Verbrecher in eine andere gesellschaftliche Klasse, während die graue Masse der Vergehen und Strafen in die alltäglichen Zeitungsberichte eingeht“[9]. Der Diskurs um das Verbrechen zerfällt in die Opposition von realen Verbrechen und ihrer schmucklosen Schilderung in der Zeitung auf der einen, und fiktivem Kunstverbrechen im bürgerlichen Milieu auf der anderen Seite. Die Heroisierung des Verbrechers ist damit getilgt: „In diesem neuen Genre kommen die volkstümlichen Helden ebensowenig vor wie die großen Hinrichtungen: man ist ruchlos, aber intelligent, und wenn man bestraft wird, hat man nicht zu leiden“[10].

Zweitens, und für diese Arbeit von höchstem Interesse, erleben zentrale Motive der Narration eine Verschiebung:

Man ist hier denkbar weit entfernt von jenen Berichten, die das Leben und die Untaten des Frevlers auseinanderlegten, ihn seine Verbrechen selber gestehen ließen und ausführlich die erduldete Marter erzählten: von der Erzählung der Taten oder dem Geständnis ist man zum langwierigen Prozeß der Aufdeckung übergegangen; vom Augenblick der Hinrichtung zum Moment der Überführung; von der physischen Konfrontation mit der Macht zum intellektuellen Kampf zwischen dem Kriminellen und dem Untersuchungsbeamten.[11]

Die parallel gesetzten Elemente weisen funktionale Ähnlichkeiten auf: Geständnis wie Aufdeckung der Tat bringen die Wahrheit des Verbrechens hervor, das in der Vergangenheit liegt und dem Publikum unbekannt ist. Augenblick der Hinrichtung wie Moment der Überführung sind Höhepunkt dieses Prozesses, in dem die Wahrheit der Tat aufblitzt. Ob physische Konfrontation oder intellektueller Kampf – in beiden Fällen handelt es sich um die Auseinandersetzung von Verbrecher und Gesetzesvertreter, deren letzterer nach einem festgesetzten Ablauf zu triumphieren hat.

2.2 Das Ritual der Hinrichtung

In der Hinrichtung verschränken sich Wahrheitsfindung und Machtausübung. In ihr verlängert sich das Gerichtszeremoniell, das mit Hilfe der Marter die Wahrheit des Verbrechens hervorbringt, und dessen Verfahren bis zur Hinrichtung in den meisten europäischen Ländern geheim war. Insofern jedes Verbrechen das Gesetz und mit ihm den Souverän angreift, „[…] weil sich im Gesetz die physisch-politische Gewalt des Fürsten repräsentiert findet […]“[12], muss die Vollstreckung aber auch als dessen politischer Racheakt verstanden werden:

Es handelt sich um ein Zeremoniell zur Wiederherstellung der für einen Augenblick verletzten Souveränität. Sie erneuert sie, indem sie ein Feuerwerk ihrer Macht abbrennt. Die öffentliche Hinrichtung, wie hastig und alltäglich sie auch sein mag, fügt sich in die Reihe der großen Rituale der verdunkelten und erneuerten Macht ein (Krönung, Einzug des Königs in eine eroberte Stadt, Unterwerfung aufständischer Subjekte); als Sieg über das den Souverän verletzende Verbrechen entfaltet sie vor den Augen aller eine unüberwindliche Kraft.[13]

Nicht die Gerechtigkeit wird im blutigen Zweikampf von Justiz und Verbrecher erneuert, sondern die Übermacht des Souveräns, weshalb die Hinrichtung bei aller Maßlosigkeit einer sorgfältigen Ökonomie der Macht dient.

Damit hat die Vollstreckung den Charakter einer öffentlichen Kundgebung zugleich von Macht und Wahrheit, die vielfältige Verbindungen von Täter und Straftat herstellt:

Zunächst wird der Schuldige zum Herold seiner eigenen Verurteilung gemacht. Er muß die Wahrheit dessen, was ihm vorgeworfen worden ist, verkünden und bezeugen: Gang durch die Straßen; an Rücken, Brust oder Kopf angebrachte Schrifttafel mit dem Urteil; Halt an mehreren Kreuzungen, Verlesung des Urteils; öffentliche Abbitte an Kirchenpforten, wobei der Verurteilte sich feierlich zu seinen Taten bekennt [...].[14]

Am eindringlichsten veranschaulichen die Schrifttafeln die Einschreibung des Verbrechens in den Körper des Verurteilten; in der Vor- und Nachbereitung der Hinrichtung durch Fliegenden Blätter und Zeitungsberichte lösen sie sich vom Körper, ohne die Bezüge zu ihm aufzugeben. Mit Geständnis und Abbitte übernimmt und reproduziert der Körper die über ihn verhängten Wahrheiten.

Darüber hinaus erlebt die Urszene des Verbrechens in der Hinrichtung eine Wiederholung am Körper des Verurteilten, und wird erst in ihm sichtbar. So kann etwa durch die Einbindung von Tatort oder -waffe in die Marterzeremonie eine Verbindung zur Tat hergestellt werden, und in der symbolischen Marter zum Vorgang der Tat selbst: „[...] die Zunge von Gotteslästerern wird durchbohrt, Unzüchtige werden verbrannt; dem Mörder wird die Faust abgeschlagen [...]“[15]. In äußerster Ausprägung kann die symbolische Marter die Form einer theatralischen Wiedergabe annehmen, die sich der gleichen Instrumente und Gesten bedient. Die Darstellung von Strafe und Verbrechen fällt zusammen: „[Die Marter] kehrt das Verbrechen gegen den sichtbaren Körper des Verbrechers und wiederholt es an ihm; in ein und demselben Schrecken macht sie das Verbrechen kund und zunichte“[16]. Im Übergang von Tat zu Strafe wird der Täter Opfer, während der Henker in der mimetischen Annäherung an den Verurteilten die Rolle des Täters übernimmt. In dem Zweikampf von Verurteiltem und König vertritt er aber zugleich den König (der seinerseits Gesetz und Macht vertritt), wodurch er eine ambivalente Figur wird, die beide Pole der Opposition von machtlosem Verurteiltem und übermächtigem König in sich aufnimmt[17].

[...]


[1] Vgl. U. Suerbaum: Der Krimi, S. 44ff.

[2] Vgl. M. Kayman: The Short Story from Poe to Chesterton, S. 44.

[3] Eine Nähe von Detektivroman ud Indizienverfahren sieht auch Ernst Bloch, vgl. E. Bloch: Philosophische Ansicht des Detektivromans, S. 323.

[4] M. Foucault, Überwachen und Strafen, S. 295.

[5] M. Foucault, a. a. O., S. 86.

[6] M. Foucault, a. a. O., S. 86.

[7] Vgl. P. Smith: Narrating the Guillotine, S. 43.

[8] M. Foucault: Überwachen und Strafen, S.87.

[9] M. Foucault, a. a. O., S. 90.

[10] M. Foucault, a. a. O., S. 90.

[11] M. Foucault, a. a. O., S. 89.

[12] M. Foucault, a. a. O., S. 64.

[13] M. Foucault, a. a. O., S. 64.

[14] M. Foucault, a. a. O., S. 58.

[15] M. Foucault, a. a. O., S. 60.

[16] M. Foucault, a. a. O., S. 73.

[17] Zur Rolle des Henkers vgl. M. Foucault, a. a. O., S. 70, und F. Pearce: Off with their Heads, S. 59f.

Details

Seiten
22
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783668027770
ISBN (Buch)
9783668027787
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v304155
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – John F. Kennedy Institut für Nordamerikawissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Edgar Allan Poe Detektivroman Privatdetektiv Michel Foucault Überwachen und Strafen Justizreform Ritual Indizienverfahren Auguste Dupin Henker

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