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Humor und Entfremdungstechniken in Art Spiegelmans "Maus"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 15 Seiten

Amerikanistik - Literatur

Leseprobe

Die Rolle des Humors in der amerikanischen Holocaustliteratur, wie zum Beispiel Terrence Des Pres und Slavoj Zizek sie darlegen, ist nur unscharf von Ver fremdungs tech ni ken unterschieden. Die antimimetische Darstellung, die Des Pres in „Holocaust Laughter?“ beschreibt, und die Brechts Entwurf des epischen Theaters folgt, ist ursprünglich eine Verfremdung des Dargestellten mit dem Ziel, eine distanzierte und kritische Haltung des Zuschauers hervorzurufen. Humor ist bestenfalls Nebeneffekt, vielleicht erwünscht, aber nicht der springende Punkt. Zizek schlägt unter dem Titel „Camp Comedy“ ebenfalls vor, den inneren Konflikt eines Nazis „in a mocking Brechtian manner“ darzustellen. Es stellt sich auch hier die Frage, ob nicht die Verfremdung gemeint ist, wo von der Komödie die Rede ist. Könnten die „protective fictions“, von denen später im Text die Rede ist, nicht ebenso gut ernst sein? Des Pres’ Konzept des comic shield dagegen legt nahe, dass dem Humor eine Sonderrolle zukommt, die über die reine Entfremdung hinausgeht. Es liegt also nahe, Humor wie Entfremdung auf Ähn lich kei ten und Unterschiede hin zu untersuchen, und ihre Funktion in der Holocaust li te ra tur anhand von Beispielen aus Art Spiegelmans Maus zu analysieren. Dabei steht bereits jetzt zu vermuten, dass die Trennung keine absolute ist, denn eine Entfremdung mag immer etwas komisch wirken, während die Einführung von Humortechniken in einen Kontext, in dem nach Des Pres bislang ein „attitude of solemnity“ (217) un ge schrie be nes Gesetz war, zwangsläufig eine Entfremdung bedeutet. Es bleibt also im Folgenden zu untersuchen, wo sich Humor und Entfremdung überschneiden, und wo sie einander ablösen. Ein grundsätzliches Problem ist dabei die Begriffsbestimmung des Humors, der sich über die subjektive Empfindung und daraus resultierende Leserreaktion – im offensichtlichsten Fall das Lachen – definiert. Der Effekt kann aber auch graduell stärker oder schwächer sein; im Fall von Maus handelt es sich wohl eher um das, was Freud einen „humoristischen Beiklang“ (245) nennt. Um das Problem zu umgehen beschränke ich mich darauf, nachzuweisen, wo in den genannten Texten Humor tech niken angewendet werden, wie Freud sie in Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten beschreibt. Dabei werde ich Freuds Gebrauch der Begriffe des Witzes, des Komischen und des Humors folgen, ohne die Gründe ihrer Unterscheidung hier zu wiederholen.

Die Form des Comics allein bedeutet bereits eine Entfremdung – es ist das erste zu diesem Thema, und zeigt damit über den Weg des Kontrastes, dass übliche Formen der Darstellung ebenfalls von ihren Medien abhängig sind, deren Eigenschaften sich auf das Dargestellte auswirken. Obwohl das Comic in aller Regel der Unterhaltung dient, ist es kaum per se komisch, im Gegenteil ließe sich argumentieren, dass sich die Entfremdung auch auf das Medium erstreckt, und die vielleicht selbstverständlich erscheinende Annahme, es könnte nur der Unterhaltung dienen, in Frage stellt. So bemerkt Sander Gilman: „Indeed, Spiegelman’s text works against the popular American assumption that `serious´ themes cannot be dealt with in the form of the illustrated text“ (280). Das gleiche gilt für die deutschen Katzen und die jüdischen Mäuse, die zwar an „Tom und Jerry“ erinnern, aber aus den Opfern und Tätern der Konzentrationslager keineswegs lustige Figuren machen. Der Anteil des Humors beschränkt sich vorerst auf jene Erleichterung, auf die ich später zu sprechen kommen werde. Der illustrierte Text als Medium erlaubt aber darüber hinaus auch die Trennung von Text und Bild, wie in der Darstellung der Deutschen als Katzen, der Juden als Mäuse, der Polen als Schweine und so weiter deutlich wird, die sich allein auf die visuelle Ebene beschränkt. Abgesehen von Spiegelmans metanarrativen Eingriffen, in denen er sich reflexiv mit der Umsetzung seines Buches auseinandersetzt, ist weder von Mäusen, noch von Katzen die Rede, wenn Juden oder Deutsche gemeint sind. Damit besteht eine Spannung zwischen dem Originaltext seines Vaters und seiner graphischen Umsetzung, die einen Kontrast von Wort und Bild mit sich bringt.

Mit seiner Katz und Maus Metapher übernimmt Spiegelman den national sozialis ti schen Vergleich der Juden mit Mäusen (beziehungsweise Ratten), und die den beiden Bänden vorangestellten Zitate zeigen, dass er sich dieser Tradition durchaus bewusst ist[1]. Die Gleichsetzung von Nationalitäten und Tierrassen findet sich an verschiedenen Stellen national sozialistischer Propaganda (wie auch im Eingangszitat aus Mein Kampf), und legt nahe, dass es dem natürlichen Lauf der Dinge entspricht, wenn deutsche Juden töten[2]. Durch die zunächst naiv scheinende Übernahme dieser Sicht in der graphischen Umsetzung wird der Vergleich gesteigert, und zeigt eine Ähnlichkeit zu Freuds Technik des Vollnehmens abgeblasster Redensarten, denn, so Freud: „[…] man frischt den Vergleich auf, man gibt ihm seine Vollkraft wieder, indem man eine Modifikation aus ihm ableitet und solcherart einen zweiten, neuen Vergleich aus ihm gewinnt“ (97). Freud erläutert diese Technik anhand eines Beispiels von Lichtenberg:

Es ist fast unmöglich, die Fackel der Wahrheit durch ein Gedränge zu tragen, ohne jemandem den Bart zu sengen.

[...] Die „Fackel der Wahrheit“ ist eigentlich kein neuer Vergleich, sondern ein längst gebräuchlicher und zur fixierten Phrase herabgesunken, wie es immer zutrifft, wenn ein Vergleich Glück hat und vom Sprachgebrauch akzeptiert wird. Während wir in der Redensart „die Fackel der Wahrheit“ den Vergleich kaum mehr bemerken, wird ihm bei Lichtenberg die ursprüngliche Vollkraft wiedergegeben, da nun auf dem Vergleich weitergebaut, eine Folgerung aus ihm gezogen wird. (97)

Der Vergleich wird als solcher spürbar, und gibt die Unterschiede von Juden zu Polen als Ergebnis der Kultur, nicht der Natur, zu erkennen: Die falschen Papiere, mit denen sich Vladek und Anja als Polen ausgeben, werden graphisch als Schweinemasken umgesetzt, Anjas jüdisch wirkende Kleidung als Mauseschwanz (138). Dass Juden ebenso wenig Mäuse sind, wie die Wahrheit eine Fackel, wäre nicht der Rede wert, da der Vergleich weit davon entfernt ist, von unserem Sprach gebrauch akzeptiert oder gar eine fixierte Phrase zu sein. Ihre Bedeutung erhält Spiegelmans Tiermetapher erst durch den Zusammenhang mit der Übertragung des sprachlichen Unterschiedes zwischen Juden, Polen und anderen in einen graphischen Kontext, der eine Entfremdung bedeutet. So beschreibt Viktor Shklovsky eine Möglichkeit der defamiliarization in Art as a Technique anhand eines Beispiels von Tolstoi als „[...] method of seeing things out of their normal context“ (20). Spiegelman bedient sich also des Vollnehmens eines nationalsozialistischen Vergleiches, um eine sprachliche Unterscheidung zu entfremden, womit der Vergleich verstärkt und als solcher erkennbar wird. Das Vollnehmen abgeblasster Redensarten hat ebenfalls den Charakter einer Entfremdung, da es den Vergleich in ein neues Licht rückt, und ihm die Selbstverständlichkeit nimmt. Eine Unterscheidung beider Techniken ist aber deshalb notwendig, weil sich Freuds Vollnehmen auf den nationalsozialistischen Vergleich bezieht, und nur im Zusammenhang mit diesem verständlich ist, während die Entfremdung der sprachlichen Unterschiede auf seinen historischen Kontext verzichten könnte. Sie würde auch dann noch funktionieren, wenn Juden Eisbären und Deutsche Affen wären, wäre aber dann weniger plausibel, und wird durch den Bezug zu dem historischen Vergleich gewissermaßen legitimiert. Ich möchte also vorschlagen, die Umsetzung des national sozialisti schen Vergleichs auf der graphischen Ebene als eine Kombination beider Techniken zu lesen. Zum einen bedeutet sie eine Modifikation des ursprünglichen Vergleichs, die ihn auffrischt, und als solchen erkennbar macht. Zum anderen überträgt sie die sprachliche Unterscheidung in einen graphischen Kontext, entfremdet sie somit, und rückt sie ins Zentrum der Aufmerksamkeit – des Autors und des Lesers.

[...]


[1] Art Spiegelman, The complete Maus (London: Penguin, 2003) Das Eingangszitat des ersten Bandes stammt von Adolf Hitler: „The Jews are undoubtedly a race, but they are not human“ (10); das des zweiten Bandes ist einem Zeitungsartikel der 30er Jahre aus Pommern entnommen: „Mickey Mouse ist the most miserable ideal ever revealed…. Healthy emotions tell every independent young man and every honorable youth that the dirty and filth-covered vermin, the greatest bacteria carrier in the animal kingdom, cannot bet the ideal type of animal…. Away with Jewish brutalization of the people! Down with Mickey Mouse! Wear the Swastika Cross!“ (164). Auch der Titel weist durch das deutsche Wort Maus auf den Ursprung des Vergleiches hin. Alle folgenden Zitate aus Maus entstammen ebenfalls dieser Ausgabe; alle Hervorhebungen entsprechen denen im Text.

[2] http://www.shoa.de/content/view/289/46/ Diese Seite zeigt Bilder aus dem Propagandafilm „Der ewige Jude“, die mit dem Sprechertext unterschrieben sind. Dabei werden Bilder von Juden mit einem Text über Ratten unterlegt und umgekehrt; auch die Nazis haben also mit einem Kontrast von Bild und Text gearbeitet.

Details

Seiten
15
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783668024748
ISBN (Buch)
9783668024755
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v304154
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – John F. Kennedy Institut
Note
1,0
Schlagworte
Art Spiegelman Maus Holocaust Literatur Humor Komödie Auschwitz Bertolt Brecht Slavoj Žižek Terence Des Pres Entfremdung Verfremdung

Autor

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