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Die Persönlichkeitsveränderung Heinrich Bölls während des Krieges und ihre Auswirkungen auf die Kurzgeschichten „Die Verwundung und andere Erzählungen“

Essay 2015 8 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Heinrich Böll, 1917 geboren, war einer der bedeutendsten Schriftsteller der Nachkriegszeit. Er diente der deutschen Wehrmacht während des zweiten Weltkriegs von 1939 bis zum Ende 1945. Seine ersten Schreibversuche begannen schon etwas von dem Krieg allerdings mehr oder weniger erfolglos. Er selbst schrieb in einem Brief an Fritz J. Raddatz im Jahre 1970 „Meine ersten schüchternen Publikationsversuche fallen in die Jahre 1936:37:38 – damals schickte ich Gedichte an die „Junge Front“, eine eindeutig oppositionelle katholische Wochenzeitung – leider – oder vielleicht sogar Gott sei Dank – ohne Erfolg.“[1] Als er dann November 1938 als Soldat vereidigt wird, beginnt er Briefe an seine Familie und später an seine Frau Annemarie Cech – spätere Böll - zu schreiben. Diese Briefe, die er fast täglich verfasst, sind ein Zeugnis von seinen Anfängen des Schreibens selbst und zugleich Übungsstücke für das kommende literarische Werk. Die Briefe handeln hauptsächlich von seinen Eindrücken und Empfindungen als Soldat während des Krieges. Da Heinrich Böll sich nach dem Krieg zu einem hoch geschätzten Schriftsteller entwickelt und 1972 sogar den Nobelpreis für Literatur erhält, kommt die Frage auf, ob sich Heinrich Böll während seines Soldateneinsatzes persönlich verändert hat, und wenn ja, welche Rolle seine Veränderung für seine spätere literarische Laufbahn hat. Mit dieser Frage soll sich im Folgenden auseinander gesetzt werden, anhand seiner Feldpostbriefe und seiner späteren Kurzgeschichten „Die Verwundung und andere Erzählungen“.

Die Briefe, die Heinrich Böll an seine Familie schreibt, beginnen am, 30.08.39. Von Anfang an wird deutlich, dass Heinrich Böll kein Befürworter des Krieges ist, wie er mit seinen Worten „Hoffentlich können wir bald den Krieg abblasen und wieder bis auf weiteres friedliche Zivilisten werden“[2], klar stellt. Ebenfalls deutlich wird hier, dass er große Hoffnung auf das baldige Kriegsende hat, dass noch nicht einmal richtig begonnen hat. Heinrich Böll schreibt fast jeden Tag, und wenn er einmal einige Tage nicht schreibt, entschuldigt er sich stets dafür und schildert die Beweg-Gründe hierfür. Es vergeht kaum ein Brief, indem er nicht von seinen Besuchs/Urlaubsplänen berichtet, um seine Familie im schönen Köln wiedersehen zu können. Anknüpfend an solch eine Äußerung schreibt er am 27.09.39 „Der Mensch lebt ja nur von Hoffnung, und vorläufig will ich einmal auf Urlaub hoffen. Bereits nach einem Monat im Wehrdienst, scheint Heinrich Böll ein Stück seiner Lebenslust verloren zu haben, obwohl er die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat. Nach einem anstrengenden Marsch und anderen körperlichen Tätigkeiten schreibt er seiner Familie „Man legt den Zivilisten ab, er wird wirklich kaputt gemacht. Man wird – nicht gerade stumpfsinnig – aber 300 Prozent kalt und gleichgültig, und völlig interesselos. Mir persönlich wäre es jederzeit völlig gleichgültig, ja manchmal sogar willkommen, wenn ich von irgendwem oder irgendwoher plötzlich und unerwartet „kaltgemacht“ würde.“[3] Worte solcher Art, waren in dieser Zeit allerdings eher selten, da Böll sich sicher zu sein scheint, dass des Krieges Tage bald gezählt sind. Nicht selten schreibt er, dass es nun bald vorbei sein würde, so denke er. Gründe für diese Annahme äußert er allerdings nicht. Böll schildert seiner Familie stets alles genau so wie er es empfindet und versucht sie nicht in einer trügerischen Fassade von Frohsinn zurück zu lassen. „Was schreibt der deutsche Soldat nach Hause? Daß er sich unsagbar glücklich fühlt, dienen zu dürfen und an diesem großen Werk, Europa ein anderes Gesicht geben wird. Daß die Stimmung fabelhaft, das Essen reichlich und schmackhaft und die Löhnung bezaubernd ist. Daß schreibt der deutsche Soldat nach Hause.“[4] Interessant ist hier, dass Böll sehr ironisch formuliert, er nimmt den „klassischen Deutschen Soldaten“ buchstäblich auf den Arm und will sich zugleich von diesem abgrenzen. Ganz treffend hat die Literaturkritik zum Buch Heinrich Bölls „Briefe aus dem Krieg“ dessen Lage zu dieser besagten Zeit formuliert: „Hier ist noch kein literarischer Nukleus zu entdecken, hier fällt kaum ein poetischer Blick auf eine Welt im Ausnahmezustand, hier ist lediglich ein Schriftsteller in Wartestellung zu beobachten.“[5] Man könnte fast sagen, dass Böll zu diesem Zeitpunkt andere Sorgen hatte, als das Schreiben. Zunehmend werden Bölls Briefe düsterer und sind von Heimweh, Leid und Wut durchzogen. Besonders auffallend sind zwei sehr literarische Textstellen Bölls, eine am 18.08.1940 die lautet „ So führen wir scheinbar ein sonniges Leben, aber leider nur scheinbar, es ist nichts, ein etwas zigeunerhaftes Leben zu führen, ohne die sonnige Freiheit eines Zigeuners.“[6] und Ende des Jahres dann „es ist gewiß sonderbar, ich liebe nicht die Finsternis, sondern die Dunkelheit, in der das Licht leuchtet; vielleicht quält mich die Helligkeit des Tages nur, weil ich weiß, daß sie gelogen ist.“ Auch, wenn Heinrich Böll immer mehr in Selbstmitleid zu versinken scheint, kommt in ihm der bisher noch unbekannte und auch unversuchte Schriftsteller hindurch. Dies scheint er auch selbst zu verspüren und beginnt im Juni einen Brief an Annemarie Cech: „Ich fühle eine unbändige Lust, ein großes, dickes Buch zu schreiben, ein starkes und farbiges Epos von der Gewalttätigkeit des menschlichen Lebens.“[7] Wenig später schreibt er ebenfalls an seine spätere Ehefrau „ich müsste ein grosses Buch schreiben können, dass nur ein voller Gesang wäre des menschlichen Leidens, der menschlichen Leidenschaft und eine Symphonie aller Schönheit und Verworfenheit des Lebens.“[8] Und weiter, „meine Seele lechzt gerade zu nach einem Werk.“ Es scheint, als habe Heinrich Böll einen unendlichen Drang, seine Erlebnisse niederzuschreiben. Dennoch, während seiner kompletten Zeit als Soldat, ist das einzig niedergeschriebene seine Feldpost. Hier schon ist eine deutliche Entwicklung Heinrich Bölls zu erkennen. Um ein kurzes Zwischenresumée zu ziehen; während Böll anfangs noch relativ optimistisch gegenüber dem Kriegsende und seiner Soldatenzeit eingestellt ist, so merkt man jetzt, dass er zunehmend pessimistischer geworden ist. „Es kommt mir doch etwas unwahrscheinlich vor, dass die Entscheidung dieses Jahr noch fällt, aber das wir die Hälfte umhaben ist nun einigermaßen sicher“.[9] Er bittet Gott indirekt in einem Brief an Annemarie, ihm wenigstens die Gesundheit des Geistes und seines Herzens behalten zu lassen.[10] Signifikant ist Heinrich Bölls ständige Auseinandersetzung mit dem Christentum. Es ist unverkennbar, dass Böll Gott als eine große Stütze ansieht. So schreibt er Ende 1942 „Gott wird uns Stärke geben und Kraft.“[11] Soviel Lebensfreude und Willenskraft Heinrich Böll auch in den Monaten während des Krieges verloren hat, sein Gott-Glaube bleibt bis zum Ende stets bestehen. Dennoch scheint sich Bölls Stimmung von Tag zu Tag zu verschlechtern. Während er bisher nur ausschließlich von seinem eigenen Leiden berichtet hat so scheint es, als würde er mittlerweile auch einen Hass gegen alle seine Mitmenschen hegen. „Eine irrsinnige Lebenswut hat mich gepackt, ich hasse dieses ganze blöde Gesindel und den irrsinnigen Krieg, der doch nur für die Machtgelüste einiger weniger geführt wird; ich hasse mein Gewehr und das grausame Mordgerät, alles hasse ich bis aufs Blut, mit meiner ganzen Kraft und meinem ganzen Wesen hasse ich denk Krieg mit allen seinen Erscheinungen.“[12] Man sollte annehmen, dass hier der Tiefpunkt seiner Soldatenzeit erreicht sei. Da man aber nicht unerwähnt lassen sollte, dass Böll bis zu diesem Zeitpunkt noch keinen Fronteinsatz hatte, sondern sich bisher mehr oder weniger nur auf den Krieg „vorbereitet“ hatte und sich hauptsächlich in den Kasernen aufgehalten hatte, so kommt es zu der drastischsten Veränderung Bölls erst 1994 in Russland. Dort sollte er seinen ersten Fronteinsatz haben. Hier verändert er den Ton radikal: „Das Leben ist grausam, und der Krieg, jeder Krieg ist ein Verbrechen; für immer bin ich absoluter Anti-Militarist geworden in diesen letzten Monaten elender Quälerei“ schreibt Böll am 11. Mai 1944. „Ich hasse den Krieg... Gott weiß, ich kenne nun den Krieg, alle und jede Möglichkeit... glaube nichts“ heißt es dann weiter in einem Brief vom Juni 1944, wenige Wochen nach seiner Verwundung. Und schließlich: „Ich weiß jetzt, daß der Krieg ein Verbrechen ist – ich hasse die Hölle der Uniform, überhaupt die Uniform an sich.“[13] Nach diesem Einsatz in Russland und der dort entstandenen Verwundung, einem weiteren Fronteinsatz in Rumänien und dort ebenfalls erfolgter Verwundung kehrte Böll Ende 1944 ins Rheinland zurück. Hier simuliert er einige Fieberanfälle, sodass er bis zum 26. März 1945 krank gemeldet ist. Böll ist des Krieges mehr als nur überdrüssig. Zu dem Zeitpunkt ist sein Leben von Leid, Schmerz und Resignation durchzogen. Deshalb ist seine Entlassung am 15. September 1945 eine Befreiung für Böll und seine Seele. Doch, das Ende des Krieges ist nicht das Ende des gedanklichen Gefängnisses in dem sich Soldaten nach dem Krieg nicht befreien können.

[...]


[1] Jan Badewien / Hansgeorg Schmidt-Bergmann: Ansichten eines Außenseiters – Heinrich Böll – gefeiert, bekämpft, vergessen? Herrenalber Forum Band 74. Literarischen Gesellschaft Karlsruhe. Juli 2012 in Bad Herrenalb.

[2] Heinrich Böll: Heinrich Böll- Briefe aus dem Krieg 1939-1945. Band 1, Seite 13. Verlag Kiepenheuer & Witsch 2001.

[3] Heinrich Böll: Heinrich Böll- Briefe aus dem Krieg 1939-1945. Band 1, Seite 19. Verlag Kiepenheuer & Witsch 2001.

[4] Heinrich Böll: Heinrich Böll- Briefe aus dem Krieg 1939-1945. Band 1, Seite 32. Verlag Kiepenheuer & Witsch 2001.

[5] Literaturkritik.de „Arbeiten und beten“ Artikel zu Heinrich Böll. Verfasser Unbekannt. 2010

[6] Heinrich Böll: Heinrich Böll- Briefe aus dem Krieg 1939-1945. Band 1, Seite 100. Verlag Kiepenheuer & Witsch 2001

[7] Heinrich Böll: Heinrich Böll- Briefe aus dem Krieg 1939-1945. Band 1, Seite 195. Verlag Kiepenheuer & Witsch 2010

[8] Heinrich Böll: Heinrich Böll- Briefe aus dem Krieg 1939-1945. Band 1, Seite 208. Verlag Kiepenheuer & Witsch 2001

[9] Heinrich Böll: Heinrich Böll- Briefe aus dem Krieg 1939-1945. Band 1, Seite 237. Verlag Kiepenheuer & Witsch 2001

[10] Vgl. Heinrich Böll: Heinrich Böll- Briefe aus dem Krieg 1939-1945. Band 1, Seite 371. Verlag Kiepenheuer & Witsch 2001

[11] Heinrich Böll: Heinrich Böll- Briefe aus dem Krieg 1939-1945. Band 1, Seite 457. Verlag Kiepenheuer & Witsch 2001

[12] Heinrich Böll: Heinrich Böll- Briefe aus dem Krieg 1939-1945. Band 1, Seite 473. Verlag Kiepenheuer & Witsch 2001

[13] Heinrich Böll Stiftung. "Schreiben wollte ich immer…"-Briefe aus dem Krieg. Die grüne politische Stiftung. Januar 2008.

Details

Seiten
8
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668026568
ISBN (Buch)
9783668026575
Dateigröße
404 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v303929
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart
Note
1,7
Schlagworte
persönlichkeitsveränderung heinrich bölls krieges auswirkungen kurzgeschichten verwundung erzählungen

Autor

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