Lade Inhalt...

Der Aspekt der "Nachfolge" im vierten Evangelium

Seminararbeit 2014 24 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Das Johannesevangelium
2.1 Die Situation der johanneischen Gemeinde
2.2 Religions- und textkritische Schwierigkeiten
2.3 Das Verhältnis zu den Synoptikern

3 Die Nachfolge Christi im vierten Evangelium
3.1 Der Ruf in die Nachfolge Christi
3.1.1 Der Gott Israels und sein Wort
3.1.2 Der Täufer und sein Ruf in die Nachfolge Christi
3.1.3 Der gute Hirte und die Seinen
3.1.4 Immanenz und Selbstoffenbarung
3.1.5 Zeichen und Wunder
3.1.6 Lebensbrot und Eucharistie
3.2 Nachfolge konkret
3.2.1 Nachfolge in der Liebe untereinander
3.2.2 Nachfolge im Halten der Gebote
3.2.3 Nachfolge als Bleiben in Christus
3.2.4 Nachfolge im Erbringen reicher Frucht
3.2.5 Nachfolge in Gemeinschaft
3.3 Konsequenzen der Nachfolge

4 Schlussbetrachtungen

1 Einleitung

Die Frage, wie Nachfolge Christi im Johannesevangelium zu verstehen ist, gestaltet sich auf den ersten Blick nicht ganz einfach. So eindeutige Instruktionen über die Nachfolge wie bei den Synoptikern finden sich im Johannesevangelium nicht - vgl. etwa Mk 8,34 oder Mt 8,22.

Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.

Folge mir nach; lass die Toten ihre Toten begraben!

Die Theologie des vierten Evangelisten ist eine gänzlich andere. Er macht wie kein anderer deutlich, dass es Gott selbst ist, der sich in diesem Jesus den Menschen völlig offenbart, in diesem Jesus aus Nazareth, der die Theophanie Gottes ist. Während Lukas die Geburt Jesu und seine Kindheitsgeschichten eindrücklich darstellt, reflektiert der vierte Evangelist über das Geheimnis der Menschwerdung Gottes, durch den höchst selbst wir in Jesus Christus zum ewigen Leben befreit sind. Anstelle einer Weihnachtsgeschichte wird die Menschwerdung im Johannesprolog auf einer mehr theoretischen, philosophisch-theologischen Ebene vermittelt.

Die eigentümliche Logos-Theologie prägt das gesamte vierte Evangelium; sie ist die zentrale Botschaft des vierten Evangelisten. Von daher ist es geboten, auch den Aspekt der Nachfolge unter dieser Perspektive zu betrachten. Es zeigt sich dann, dass im Johannesevangelium der Aspekt der Nachfolge weniger instruktiv, sondern vielmehr adhortativ ist. Es finden sich, wie bereits gesagt, nur wenige detaillierte Anweisungen über die Nachfolge Christi. Vielmehr ist es hier der Ruf in die Nachfolge, der sich aus dem gesamten Bild des Johannesevangeliums ergibt. Die Menschwerdung Gottes und seine liebende Heilstat in Jesus Christus verlangt nach einer Antwort; sie fordert alle Menschen, welche die Botschaft hören, auf, sich für oder gegen die Heilsbotschaft Gottes zu entscheiden. Für jene aber, bei welchen das Wort auf fruchtbaren Boden fällt, kann es nur eine Antwort geben: die Nachfolge Christi.

Um die Botschaft in ihrer Ursprünglichkeit tiefer zu verstehen, ist eine genauere Kenntnis der Entstehungsbedingungen und des Umfeldes der damaligen Zeit hilfreich und nützlich. Daher werde ich zunächst das gesamte Johannesevangelium etwas genauer betrachten. Anschließend werde ich zum eigentlichen Thema übergehen. Dabei werde ich jedoch nicht chronologisch verfahren; wer dies möchte, sei an dieser Stelle auf die exegetischen Kommentare verwiesen, die den Text i.d.R. versweise vom Anfang bis zum Ende des Evangeliums auslegen. Vielmehr werde ich das Thema unter drei wesentlichen Aspekten betrachten: Der Ruf in die Nachfolge (3.1), die konkrete Nachfolge (3.2) sowie die Konsequenzen (3.3), die sich hieraus ergeben.

2 Das Johannesevangelium

Das vierte Evangelium wurde gegen Ende des 1. Jh.s verfasst; die Verfasserfrage bleibt nach wie vor unklar. Der Text nimmt ältere Traditionen auf, geht aber auch auf aktuelle Probleme in den Gemeinden ein. Mehr über die aktuelle Situation in der johanneischen Gemeinde sowie zum traditions- und religionsgeschichtlichen Hintergrund siehe weiter unten in (2.1 - 2.3).[1]

Der Text wird nicht selten mit der Gnosis in Verbindung gebracht; der Gnosis-Begriff ist aber relativ unbestimmt; ebenso ist auch die Frage unklar, ob die Gnosis vorchristlichen Ursprungs ist oder ob eine solche vorchristliche Gnosis an eine himmlische Erlösergestalt geglaubt hat. Von daher wäre eine andere Möglichkeit jene, dass der Autor unter Zuhilfenahme der dem Text eigentümlichen Weisheits- und Logoschristologie die das Christentum so gefährdende Gnosis in christliche Bahnen zu lenken versucht hat.

Sprachlich fällt auf, dass der Gegensatz zwischen Glauben und Unglauben stark betont und dessen Folgen aufgezeigt werden. Dabei wirkt Gott gnadenhaft auf den Menschen ein, was den Glauben überhaupt erst möglich macht (6,37-39.44); der Unglaube hingegen wird nicht von Gott initiiert, sondern durch den Menschen selbst verursacht, weil er sich nicht öffnet für das Wirken Gottes in ihm und indem er "die Finsternis mehr liebt als das Licht" (3,19 f.).

Als Gegensätze ergeben sich: Glauben und Unglauben, Licht und Finsternis, Wahrheit und Lüge. Andere Gegensatzpaare sind: Leben vs. in Sünde sterben (8,21-24), von oben sein vs. von unten sein (8,23), von Gott sein vs. vom Teufel stammen (8,44-47), aus dem Geist geboren vs. aus dem Fleisch geboren (3,6), zu Jesus kommen vs. von Jesus weggehen (6,66 f.), Jesu Wort festhalten vs. nicht festhalten (14,23 f.), sehen vs. blind sein (9,39 ff.), lieben vs. hassen (15,18-25), wird nicht gerichtet vs. ist schon gerichtet (3,18).

Das Johannesevangelium verfolgte die Absicht, das historische, irdische Wirken Jesu wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Zu diesem Zweck werden neue, in den früheren Evangelien nicht berichtete Perikopen eingeschoben, so etwa die Auferweckung des Lazarus, aber auch der bereits überlieferte Stoff steht bei Johannes teilweise in anderer Anordnung; so steht etwa der Bericht über die Tempelreinigung am Anfang statt am Ende des Evangeliums. Eine ganz andere Leistung pädagogischer Art kommt zudem in dem vermittelten Erkenntnisgewinn für die Leser seines Evangeliums, allem voran für seine Gemeinde, zum Tragen.[2]

Theologische Grundgedanken[3] des Johannesevangeliums sind vor allem: die geistgewirkte, nachösterliche Anamnese, die durch den gegenwärtig präsenten Parakleten der Gemeinde hilft, das gesamte Christusgeschehen (die Menschwerdung Gottes in der Geburt Jesu, sein irdisches Wirken und die erlösende Bedeutung seines Leidens und Auferstehens sowie der Rückkehr zum Vater) nun tiefer und umfassend zu begreifen. Die Logoschristologie sowie die Betonung der Einheit mit dem Vater in Bezug auf das Wissen und den Willen Jesu prägt den gesamten Text. Somit steht das gesamte Inkarnationsgeschenen, ja somit steht die gesamte Wirkungsgeschichte Jesu von Anfang an unter dem Zeichen des Kreuzes.

Die zentrale Botschaft des vierten Evangeliums liegt in ihrem ausgesprochen echatologischen Charakter begründet. Die Aktualisierung des Jesusgeschehens ruft ins Gedächtnis und unter- streicht, dass sich Gott in Jesus von Nazareth, dem Christus, ein für allemal offenbart hat; ja, er selbst ist die Uroffenbarung Gottes, welche der Heiligen Schrift als Offenbarung zu Grunde liegt. In ihm ist der Logos Fleisch geworden, Gott ist Mensch geworden, geboren in unsere Welt. Durch ihn sind wir mit dem Vater versöhnt, durch ihn erhalten wir die Gotteskindschaft und das ewige Leben, weil er, Christus, es in seinem irdischen Leben für uns erwirkt hat.

Der Aufbau des Textes trägt Züge eines klassischen antiken Dramas. Die einzelnen Elemente dieses Dramas umfassen Raum und Zeit, die Personen sowie die Darstellung der Dialoge. Die Dramatik des Geschehens von Menschwerdung und Erlösungsgeschehen sowie die Rückkehr zum Vater werden darüber hinaus durch den dramatischen Aufbau des Textes unterstrichen.[4]

2.1 Die Situation der johanneischen Gemeinde

Es gibt Autoren, die eine stufenweise Entwicklung der johanneischen Gemeinde annehmen. Dem hingegen versteht Klaus Wengst das Johannesevangelium grundsätzlich vor dem Hin- tergrund des Ausschlusses der christgläubigen Juden aus der Synagoge. Zu Grunde liegt hier wohl ein rein innerjüdischer Konflikt, der einerseits zum Ausschluss aus der Synagoge, ande- rerseits aber zur Abgrenzung und Identitätsfindung der christgläubigen Juden geführt hat. Durch das sich soeben herausbildende und erstarkende rabbinische Judentum und das regide, mit Repressalien verbundene Vorgehen der jüdischen Führungsschicht gegen christgläubige Juden befinden sich letztere in einer Situation des völligen Ausgeliefertseins. Nicht nur die Bekennenden sind von Verfolgung bedroht, sondern ebenso deren Familienangehörigen.[5] [6]

In diesem Kontext steht für Wengst auch Joh 12,42, wonach sich einige glaubend gewordene Juden aus Angst vor den Pharisäern scheuen, ihren Glauben an Jesus öffentlich zu bekennen. Für Wengst ist dies ein Hinweis auf die aktuelle Situation der johanneischen Gemeinde, da eine solche Machtposition der Pharisäer zur Zeit Jesu - also vor seiner Passion - nicht denkbar sei. Ebenso wird in Joh 16,2ff. den Glaubenden der Synagogenausschluss und die Verfolgung prophezeit. Da aber diese im Schicksal des Blindgeborenen bereits Realität sei, sieht Wengst auch diese Darstellung vor dem Hintergrund der Situation in der johanneischen Gemeinde.

Auch Eduard Lose bemerkt, dass die Trennung von der Synagoge zur Zeit der Abfassung des Evangeliums bereits Realität geworden sei.[7] Dies ergibt sich auch aus dem Befund, "dass die Juden meist mit I bezeichnet werden. Dies betrifft sowohl die Darstellung der jüdischen Gegner Jesu als auch die Juden im Allgemeinen. In den synoptischen Evangelien hingegen wird zwischen den verschiedenen Religionsgruppen [...] unterschieden."[8] Der Evangelist möchte der Gemeinde also Mut zusprechen und ihr darlegen, dass diese sich in einer untrennbaren Schicksalsgemeinschaft mit Jesus befindet.

Der Streit zwischen Synagoge und Johannesgemeinde wirft die Frage nach dem wahren Israel auf (5,31-47; 8,30-59). Die Bedeutung des Sabbats wird dabei jedoch ebensowenig infrage gestellt wie die Geltung des Gesetzes. Sowohl die Synagoge als auch die Johannesgemeinde berufen sich auf dieselbe heilsgeschichtliche Tradition des Alten Testamentes; ihre Argumen- tationen haben also denselben Ausgangspunkt. Der Evangelist begründet die neue christliche Gemeinschaft und legt dies anhand der Heilsgeschichte Israels und ihren Verheißungen dar.

Klaus Wengst weist auf die stetige Gefahr des Abfalls und der Rückkehr zur Synagoge hin. Daher habe es der Evangelist als seine Aufgabe verstanden, der Gemeinde darzutun, weshalb sich der Verbleib in der Gemeinde aus soteriologischer Perspektive lohnt, trotz aller Leiden und Repressalien, denen sich die Christen der johanneischen Gemeinde ausgesetzt sehen. Im Evangelium spiegele sich dies unter anderem in Joh 6,60-71 wieder: die Spaltung der Jesus- jünger sei eine Rückprojektion der gegenwärtigen Verhältnisse in die Zeit Jesu mit dem Ziel, den Mitgliedern der Gemeinde Mut zu machen und sie in ihrer Entscheidung für Christus zu bestärken. Es bleibt jedoch nicht auszuschließen, dass diese Tradition historisch korrekt ist.

Ferner bleibt es fraglich, ob, wie Wengst meint, die Erzälung von Johannes dem Täufer der Integration außerhalb stehender Täuferjünger dienen sollte, oder ob die Tradition historisch ist.

2.2 Religions- und textkritische Schwierigkeiten

Was den religionsgeschichtlichen Hintergrund angeht, so bestehen Berührungspunkte mit der altjüdischen Weisheitsspekulation, der Gemeinde von Qumran, der Gnosis sowie mit dem Johannesevangelium vorausgegangenen christlichen Texten, v.a. mit den ersten drei Evange- lien. So stellt sich die Frage nach dem Verhältnis des Johannesevangeliums zu diesen Texten. "Den religionsgeschichtlichen Hintergrund des Joh-Ev. bilden somit jüdische Kreise, die sich synkretistischen Einflüssen geöffnet hatten."[9] [10] Was das Verständnis des Erlösungswerkes Christi angeht, so zeigt das Evangelium deutlich eine antignostische Spitze. "Denn der göttli- che Logos ist nicht nur verkleidet in die Welt gekommen, sondern Fleisch geworden (1,14)."[11]

Eine textkritische Überprüfung des Johannesevangeliums liefert den Befund, dass der Text an mehreren Stellen nachträgliche Korrekturen, Zusätze und Parallelüberlieferungen aufweist. So stehen einige Stellen an einem "falschen", d.h. an einem weniger geeigneten Ort. Auch werden die in 14,31 abgeschlossenen Abschiedsreden in Kap. 15-16 wieder aufgenommen bzw. diese wurden unterbrochen. Ob es sich dabei um eine nachträgliche Ergänzung bzw. um eine Paral- lelfassung zu 13,31-14,31 handelt, ist bisher nicht ganz geklärt. Auch die Erzählung über die Ehebrecherin aus 7,53-8,11, die eher zur synoptischen Tradition gehört, wurde dem hand- schriftlichen Text erst in späterer Zeit hinzugefügt. Ebenso zeigt sich Kapitel 21 ganz klar als Nachtrag, der dem Text (20,30 f.) nach dem Tod des Verfassers (21,23) hinzugefügt wurde.[12]

Einige - vor allem protestantische - Exegeten haben die Vermutung geäußert, die (römischkatholische Kirche habe den Text redaktionell überarbeitet, um den Text auf ihre Auslegung hin zu verengen, d.h. die Kirche habe den Text in ihrem (rechtgläubigen) Sinne verändert. Bultmann denkt hier besonders an die Stellen, mit denen die Kirche später das Sakrament der Taufe (3,5) und der Eucharistie (6,51c-58) gerechtfertigt hat, ferner die Stelle, an der von der Auferweckung der Toten am Jüngsten Tag (5,28f.) die Rede ist.

Eine mögliche Erklärung der Probleme wäre das einfache Vertauschen von Blättern, doch gilt diese Hypothese als recht unwahrscheinlich. Dem hingegen wird vermutet, der Verfasser habe sein Werk unvollendet hinterlassen, ggf. gar in unterschiedlichen Fassungen. Der Herausgeber hätte dann das gesamte Material veröffentlich, was zu den genannten Textschwierigkeiten geführt habe. Doch auch diese These vermag nicht alle Probleme zu lösen, die der Text liefert.

[...]


[1] Zum Folgenden vgl. ausführlich: Lohse 62001, 103-114. Schierse 52001, 119-127. Dohmen und Hieke 2005, 168 ff.. Ohler 32006, 187-193. Charpentier und Burnet 2006, 91-98.

[2] Vgl. hierzu ausführlich: Sasse 2000, 61-67; ferner: Grundmann 1961, 51-54.

[3] Vgl. hierzu ausführlich: Schnelle 42002, 549-552.

[4] Vgl. hierzu ausführlich: Theobald 2009, 14-29.

[5] Vgl. hierzu ausführlich: Sasse 2000, 34-49.

[6] Vgl. Grundmann 1961, 51 ff.

[7] Vgl. Lohse 62001, 114.

[8] Sasse 2000, 40.

[9] Zum Folgenden vgl. ausführlich: Lohse 62001, 103-114. Schierse 52001, 119-127.

[10] Lohse 62001, 111.

[11] Lohse 62001, 111.

[12] Vgl. hierzu ausführlich: Schnelle 32004, 335 ff.

Details

Seiten
24
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668019966
ISBN (Buch)
9783668019973
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v303625
Institution / Hochschule
Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main
Note
2,3
Schlagworte
Neues Testament Synoptiker Paulus Nachfolge Christi

Autor

Zurück

Titel: Der Aspekt der "Nachfolge" im vierten Evangelium