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Das Problem der Wahrnehmung. Was können wir über unsere extramentale Realität wissen?

Seminararbeit 2014 35 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Wahrnehmungstheorien
2.1 Die Sinnesdatentheorie
2.1.1 Die Konzeption der Sinnesdatentheorie
2.1.2 Argumente für die Annahme von Sinnesdaten
2.1.3 Schwierigkeiten der Sinnesdatentheorie
2.2 Die Adverbialtheorie
2.2.1 Die Konzeption der Adverbialtheorie
2.2.2 Schwierigkeiten der Adverbialtheorie
2.3 Der Intentionalismus
2.3.1 Die Konzeption des Intentionalismus
2.3.2 Schwierigkeiten des Intentionalismus
2.4 Der Disjunktivismus
2.4.1 Die Konzeption des Disjunktivismus
2.4.2 Schwierigkeiten des Disjunktivismus
2.4.3 Ein Argument gegen den Disjunktivismus

3 Wahrnehmungswissen
3.1 Erkenntnisvollzug und Wissenserwerb
3.2 Reliabilismus, Kontextualismus und Invariantismus
3.2.1 Gettier und das Ende der Standardanalyse
3.2.2 Der Reliabilismus
3.2.3 Der Kontextualismus
3.2.4 Der Invariantismus

4 Eigene Positionierung
4.1 Das Dilemma der etablierten Theorien
4.2 Die Gegenstände der Wahrnehmung
4.3 Die Konstitution unseres Wahrnehmungsapparates
4.4 Der Passungscharakter unser Wahrnehmung
4.5 Fehlannahmen und überzogene Ansprüche
4.6 Evolutionäre Erkenntnistheorie

5 Schlussbetrachtungen

1 Einleitung

Die Wahrnehmungsphilosophie beschäftigt sich unter anderem mit der Frage, ob die Dinge, die uns in der Wahrnehmung phänomenal erscheinen, tatsächlich auch die Gegenstände der externen Realität darstellen, genauerhin, ob es sich dabei um ebendiese Gegenstände handelt, oder ob es uns bloß so erscheint, als blickten wir direkt und unvermittelt auf unsere Umwelt. Eine andere Möglichkeit wäre die, dass wir es in der Wahrnehmung gar nicht mit den externen Gegenstände zu tun haben, sondern bloß mit geistigen Bildern, mentalen Repräsentationen oder so genannten Sinnesdaten. Daneben existieren noch andere Ansätze, solche etwa, die das Problem auf der Ebene der Sprache zu lösen versuchen. Eine weitere Frage tut sich auf, wenn man bedenkt, dass unser Vorwissen um die Welt in unsere Weise des Erkennens, des Deutens und des Verstehens der Welt mit einfließt. So lässt sich danach fragen, ob unsere elementare Erfahrung, sprich, ob unsere Wahrnehmung diesem begrifflichen Denken vorausliegt, oder ob unsere Erfahrung nicht selbst schon begrifflich strukturiert ist, sodass wir einen Begriff der Wahrnehmung konstruieren müssten, der diese begriffliche Komponente bereits enthält. Der Auffassung des Common Sense zufolge sind die externen Gegenstände unserer Umgebung tatsächlich die Dinge, die uns auch phänomenal erscheinen. Hier gibt es einen Dissens unter den verschiednen Theorien, die sich in ihrer Grundauffassung z.T. diametral gegenüberstehen.

Ein daran anschließendes Gegenstandsgebiet beschäftigt sich mit der Frage, ob wir überhaupt in der Lage sind, sicheres Wissen über die externe Realität zu erwerben, wobei die Existenz dieser Außenwelt von fundamental-skeptischen Positionen gänzlich angezweifelt wird. In der vorliegenden Arbeit werde ich diesen und weiteren Fragen nachgehen, die mit diesen Prob- lemfeldern eng zusammenhängen. Einer vollständigen, abschließenden Beantwortung aller sich ergebender Fragen wird eine Arbeit dieses Umfangs jedoch nicht gerecht werden können.

In einem weiteren Schritt werde ich mich der Frage zuwenden, inwiefern eine Philosophie der Wahrnehmung, die sich gegenüber den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen abschottet, dem Phänomen überhaupt gerecht werden kann. Dabei wird deutlich werden, dass eine solche Philosophie nicht bestehen kann, ja, dass sie vielmehr, auf Grund sich stets neu auftuender Probleme, letztlich doch wieder auf die empirisch-epistemische Ebene zurückverwiesen wird.

Als einen Zentralbegriff, der gleichsam als Bindeglied zwischen dem Innen und dem Außen unserer Erfahrungswelt fungiert, wähle ich den Begriff der Wahrnehmungskonstitution. Diese vermag, wie sich zeigen wird, das zentrale Moment auf geeignete Weise zum Ausdruck zu bringen, welches die Verbindung zwischen uns und unserer Außenwelt gewährleistet.

2 Wahrnehmungstheorien

2.1 Die Sinnesdatentheorie

2.1.1 Die Konzeption der Sinnesdatentheorie

Die Sinnesdatentheorie ist eine "gehaltsinternalistische Theorie"1, nach welcher der Gehalt mentaler Zustände im Falle von subjektiv ununterscheidbaren Wahrnehmungsepisoden alleine vom wahrnehmenden Subjekt her bestimmt wird. Der Kerngedanke dabei ist, dass alles, was uns in unserer Wahrnehmung aus der Perspektive der 1. Person erscheint, nicht die physischen, extramentalen Objekte sind, sondern alleine deren Erscheinungsweisen in uns. Die Sinnesda- ten lassen sich etwa im Sinne von Lockes "ideas" oder von Humes "impressions" denken2 ; sie sind folglich im Empirismus verortet, wobei sie der tradierten Meinung entsprechend als nicht-materielle Entitäten aufzufassen sind.3 Doch wie ist man zu dieser Auffassung gelangt?

Schon Edmund Husserl hatte auf den Umstand hingewiesen, dass ein Gegenstand, der uns in unserer Wahrnehmung erscheint, niemals der ganze Gegenstand sein kann: "Eine äußere Wahrnehmung ist undenkbar, die ihr Wahrgenommenes in ihrem sinnendinglichen Gehalt erschöpfte, ein Wahrnehmungsgegenstand ist undenkbar, der in einer abgeschlossenen Wahr- nehmung im strengsten Sinn allseitig ist, nach der Allheit seiner sinnlich anschaulichen Merkmale gegeben sein könnte."4 Alles, was uns in der visuellen Wahrnehmung erscheint, nehmen wir perspektivisch und damit begrenzt wahr (Husserl spricht hier von einer "perspek- tivischen Abschattung" der Objekte). Doch diese perspektivische Begrenztheit des sinnlich Gegebenen verweist uns auf ein "Nichtgegebenes"; Husserl spricht in diesem Zusammenhang von einem "Mitbewussthaben".5 Dieser von Husserl geschilderte Aspekt der perspektivischen Abschattung der Wahrnehmungsgegenstände macht also bereits im Falle einer normalen, d.h. im Falle einer veridischen Wahrnehmung, durch welche ein Gegenstand in den ihm zukom- menden Eigenschaften adäquat erfasst wird, deutlich, dass das, was uns in der Wahrnehmung erscheint, nicht der (ganze) Gegenstand sein kann, welcher außerhalb unseres phänomenalen Bewusstseins existiert. Alleine dies lässt bereits das Problem aufleuchten, welchem wir bei der Wahrnehmung gegenüberstehen. Diese Situation wird nun verschärft durch eine Reihe von Beispielen, bei denen eine solch adäquate, veridische Wahrnehmung nicht gegeben ist.

George Edward Moore verschärft den von Husserl dargestellten Aspekt der perspektivischen Begrenztheit der Wahrnehmungsgegenstände, indem er die mit der je unterschiedlichen Per- spektive einhergehenden Unterschiede in der Erscheinung hervorhebt. So sieht etwa ein Brief aus der einen Perspektive rechteckig, aus der anderen Perspektive jedoch rautenförmig aus. Bei der Analyse des Wahrnehmungsvorgangs macht Moore geltend, dass wir es stets nur mit Sinnes"daten" (partizip perfect passiv von dare) wie Form, Größe und Farbe etc zu tun haben6, Gegebenes also, das von Wahrnehmungssubjekt zu Wahrnehmungssubjekt variiert: "Obwohl wir alle denselben Umschlag sahen, haben ... nicht einmal zwei von uns dieselben Sinnesdaten gesehen."7 Es geht hier nicht um Empfindungen, also um ein bestimmtes Erlebnis, wie Moore hierzu bemerkt, sondern alleine um das den Sinnen inhaltlich Gegebene.8 Daraus zieht er den logischen Schluss, "daß, wenn wir alle denselben Umschlag gesehen haben, der Umschlag [...] nicht identisch mit den Sinnesdaten war, die wir gesehen haben. Der Umschlag kann nicht dasselbe Ding sein wie jede der Menge von Sinnesdaten, die jeder von uns gesehen hat."9

Daran anknüpfend haben Alfred Ayer u.a. auf das Problem der Sinnestäuschung hingewiesen. So erscheint etwa ein ins Wasser getauchter Stock geknickt, während derselbe außerhalb des Wassers völlig gerade aussieht.10 "Dann folgt, daß mindestens eine der visuellen Erscheinungen trügt; denn der Stock kann nicht zugleich krumm und gerade sein."11 George Berkeley, radikaler Empirist, hätte mit seiner Definition "esse est percipi" (Sein ist Wahrgenommensein) sicherlich kein Problem damit gehabt, da sich nach ihm Sein eben gerade erst in der und durch die Wahrnehmung konstituiert. Berkleys Diktum wird von vielen Sinnesdatentheoretikern geteilt, und so sind laut "Ayers semantischem Ansatz [] Wahrnehungsurteile über materielle Objekte von Aussagen über Sd. abgeleitet; Aussagen über materielle Objekte lassen sich nach Ayer ohne Bedeutungsverlust in Aussagen über Sd. übersetzen."12

Aus der Annahme, dass immer dann, wenn uns etwas Physisches in einer bestimmten Weise phänomenal erscheint, (da uns die extramentale Realität, d.h. die physischen Gegenstände an sich, nicht zugänglich sind), es ergo immer auch etwas geben muss, das diese Eigenschaften besitzt (man nennt dies das "phänomenale Prinzip"), wird, unter Zugrundelegung der intra- mentalen Ununterscheidbarkeit, gefolgert, dass es sich bei einer veridischen Wahrnehmung wie auch bei einer Illusion oder gar einer reinen Halluzination stets um Sinnesdaten handelt.13

2.1.2 Argumente für die Annahme von Sinnesdaten

Die oben ausführlich dargestellten Argumente, das "Variationsargument" und das "Argument der Sinnestäuschung", haben die gleiche Struktur - sie lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Prämisse 1: Das Phänomen bzw. die Erscheinung variiert.

Prämisse 2: Der extramentale Gegenstand variiert nicht.

Konklusion: Es ist nicht der Gegenstand, der uns erscheint.

Dieses Argument berücksichtigt einerseits also ganz normale (veridische) Wahrnehmungen sowie andererseits solche Fälle, in denen eine verlässliche Wahrnehmung versagt (Illusionen). Wie aber sieht es im Fall einer Halluzination aus, in der gar kein physisches Objekt existiert? Hierzu hat man das oben dargestellte Argument so erweitert, dass es für alle Fälle gelten soll. Dieses Argument ist in der Literatur als "Argument von der Relativität der Wahrnehmung" bekannt. Seine logische Struktur fasst Alexander Staudacher wie folgt zusammen.14

(R1) Manchmal erscheinen Gegenstände ... anders, als sie faktisch beschaffen sind, d.h. sie scheinen sinnlich erfahrbare Eigenschaften zu besitzen,die sie de facto nicht besitzen.

(R2) Immer dann, wenn etwas eine sinnlich erfahrbare Eigenschaft für ein Wahrneh- mungssubjekt zu besitzen scheint, dann gibt es etwas, was diese Eigenschaft besitzt und dessen sich das Wahrnehmungssubjekt unmittelbar bewusst ist.

(aus R1 und R2)

(R3) In manchen Wahrnehmungssituationen gibt es etwas, dessen sich das Wahrneh- mungssubjekt unmittelbar bewusst ist und welches sinnlich erfahrbare Eigenschaften besitzt, welche der physische Gegenstand [...] nicht besitzt.

(R4) Wenn a eine sinnlich erfahrbare Eigenschaft besitzt, die b nicht besitzt, dann sind a und b verschieden.

(aus R3 und R4)

(R5) In manchen Wahrnehmungssituationen hat das Wahrnehmungssubjekt ein unmittel- bares Bewusstsein von etwas anderem als dem Gegenstand, der in dieser Situation wahrgenommen wird.

(R6) Wahrnehmungssituationen, in denen die wahrgenommenen Gegenstände anders erscheinen [...] und Wahrnehmungssituationen, in denen Gegenstände so erscheinen, wie sie de facto beschaffen sind, weisen eine derartige Kontinuität auf, dass dieselbe Analyse des Wahrnehmungsprozesses für sie angegeben werden muss.

(aus R5 und R6)

(R7) In allen Fällen der Wahrnehmung hat das Wahrnehmungssubjekt ein unmittelbares Bewusstsein von etwas anderem als dem physischen Gegenstand, [...].

Möchte man dieses Argument angreifen, so scheint es am sinnvollsten, die Prämisse (R2) in Frage zu stellen - das "phänomenale Prinzip". Dieses ist der "Dreh- und Angelpunkt aller Sinnesdatenargumente"15. Der ontologische Status von Sinnesdaten ist nämlich alles andere als Konsens in dieser Diskussion, und so stellt sich die Frage, "was" es denn tatsächlich "ist", das sich in einer halluzinativen Wahrnehmungsepisode zeigt, und ob diesem - metaphysisch gesprochen - tatsächlich der Status eines Seienden zugesprochen werden kann.16

Auch die Prämisse (R6) ist alles andere als unangreifbar, denn aus der Annahme, dass Wahr- nehmungsepisoden unterschiedlicher Art, veridische und nicht-veridische Wahrnehmungen (Illusionen und Halluzinationen) alleine auf Grund der individuellen Ununterscheidbarkeit solcher Episoden denselben Analyseprozess erforderten, ist keineswegs zwingend.17

Howard Robinson hat darüber hinaus ein auf Halluzinazion basierendes kausales Argument für die Annahme von Sinnesdaten entworfen. Die Struktur lautet wieder nach A. Staudacher18:

(KH1) Es ist theoretisch möglich, durch eine Aktivierung eines Gehirnprozesses, der für das Auftreten von Wahrnehmungen relevant ist, eine Halluzination hervorzurufen, die von einer Wahrnehmung subjektiv absolut ununterscheidbar ist.

(KH2) Wenn Wahrnehmungen und Halluzinationen dieselbe neuronale Ursache haben, müssen sie in wesentlichen Hinsichten gleichartig sein. So ist es [] nicht plausibel zu sagen, dass die Halluzination ein Sinnesdatum beinhaltet, aber die Wahrneh- mung nicht, wenn beide dieselbe unmittelbare neuronale Ursache aufweisen.

(KH3) Diese beiden Prämissen implizieren [], dass die für die Wahrnehmung relevanten Prozesse im Gehirn ein unmittelbares Objekt unseres Wahrnehmungsbewusstseins hervorrufen, welches mit nichts in unserer physischen Umwelt identifiziert werden kann, das heißt, sie rufen ein Sinnesdatum hervor.

Auch dieses Argument steht und fällt letztlich mit der Geltung des phänomenalen Prinzips.19 Es fußt auch auf dem Gleiche-Ursache-Gleiche-Wirkung-Prinzip (GUGW-Prinzip) bzw. auf dem Gedanken der Supervenienz. Dabei spricht Robinson von einer prinzipiellen Möglichkeit der künstlichen Instanziierbarkeit eines bestimmten phänomenalen Gehaltes, also von einer logischen Unwidersprüchlichkeit. Alexander Staudacher bemerkt hierzu, dass eine solche künstliche Instanziierung "auch insofern empirisch möglich ist, als dies in keinem Wider- spruch zu einem der bekannten Naturgesetze steht"20. Jedoch zieht es Staudacher in Betracht, die These von der bloßen Möglichkeit einer solchen Instanziierbarkeit anzuzweifeln.21

Damit mag er wohl Recht haben, doch ist eine solche künstliche Instanziierung auch gar nicht erforderlich. Dieselbe Konsequenz ergibt sich nämlich ebenso aus der umgekehrten Schluss- folgerung des Supervenienzprinzips bzw. des GUGW-Prinzips. Was ist damit gemeint? - Betrachtet man etwa Patienten mit einer posttraumatischen Belastungsstörung, etwa infolge eines Kriegseinsatzes, nach Folter oder jahrelanger Misshandlung etc., dann kann eine etwa auftretende, nicht (äußerlich) reale mentale Episode für die betreffende Person individuell ununterscheidbar sein. Aus dem Prinzip der Supervenienz bzw. des GUGW-Prinzips ergibt sich nun in umgekehrter Lesart, dass der gleichen Wirkung (der mental ununterscheidbaren Wahrnehmungsepisode) die gleiche Ursache korrespondiert, genauer, dass dieser die gleiche neuronale Ursache zu Grunde liegen muss. Es ist demnach überhaupt nicht erforderlich, solch einen Zustand künstlich hervorrufen können zu müssen. Möchte man das Argument in diesem Punkt also erfolgreich angreifen, so müsste man zeigen können, weshalb das GUGW-Prinzip bzw. das Prinzip der Supervenienz für eine kausale Verursachung mentaler Phänomene durch physische Ereignisse keine Geltung beanspruchen können soll.

2.1.3 Schwierigkeiten der Sinnesdatentheorie

Die Vorstellung von Sinnesdaten als mentalen Objekten ist eine metaphysische Konstruktion, welche den o.g. Problemen Rechnung tragen soll. Dabei ist jedoch nicht einsehbar, in welcher Weise eine Beziehung zwischen den physischen Gegenständen und den Sinnesdaten bestehen soll. Damit Sinnesdaten nicht rein zufällig auftreten, bedarf es eines kausalen Bezugspunktes zwischen den physischen Objekten und den mentalen "Objekten", die als Sinnesdaten gelten. Ich werde später noch auf diesen Punkt (Sinnesdaten als "Objekte") zu sprechen kommen.

Die merkwürdige Situation dieses metaphysischen Konstruktes zeigt sich auch darin, dass sich die Meinung darüber, was Sinnesdaten überhaupt sein sollen, ständig gewandelt hat.22 Auch die Auffassung, wonach ein ausgedehnter Geist die Objekte einfangen soll23, mutet mehr sagenhaft (oder philosophiegeschichtlich gesprochen "romantisch") an, als dass sie eine Erklärung liefert, welche den Erkenntnissen der Naturwissenschaften Rechnung trägt.

Schließlich ist auch schwer einzusehen, wo sich solche Sinnesdaten genau befinden sollen.24 Die Idee von Frank Cameron Jackson, Sinnesdaten befänden sich einige Meter vom Körper entfernt25, unterstreicht nur einmal mehr die Absurdität dieses metaphysischen Konstrukts.

2.2 Die Adverbialtheorie

2.2.1 Die Konzeption der Adverbialtheorie

Um die Probleme der Sinnesdatentheorie zu vermeiden, haben Adverbialtheoretiker eine Form von gehaltsinternalistischem26, direktem Realismus27 entworfen, dem zufolge sich das phänomenale Prinzip erübrigt bzw. dieses so uminterpretiert wird, "dass der Umstand, dass es immer etwas gibt, das F ist, wenn uns etwas F erscheint, nicht verhindert, dass wir uns auch unmittelbar eines physischen Gegenstands bewusst sein können."28 Der phänomenale Charak- ter unserer Sinneserfahrungen wird dabei angemessen berücksichtigt, und die Unterschiede im phänomenalen Erleben werden dabei so erklärt, dass in den Erfahrungen unterschiedliche Bewusstseinszustände mit unterschiedlichem phänomenalem Gehalt gegeben sind.29 So kann die Adverbialtheorie also auch dem phänomenalen Charakter von Sinnestäuschungen oder Halluzinationen Rechnung tragen, ohne dabei auf Sinnesdaten rekurrieren zu müssen.30

Konkret wird der Erfahrungsprozess so vorgestellt, dass man beim Wahrnehmen auf eine je spezifische Weise empfindet. So kann man von einer Gelbempfindung sprechen, wobei die spezifische Empfindungsweise als passiver, nicht als intentionaler Zustand verstanden wird, da Empfindungen selbst auf nichts gerichtet sind. Intentionalität kommt in der Erfahrung erst dort ins Spiel, wo unsere Überzeugungen über den Gegenstand am Werke sind. Sie sind der Grund für den repräsentativen und intentionalen Charakter der Wahrnehmung.

Nach Wilfried Sellars gilt es, im Anschluss an John Ducasse31, die Eigenschaften physischer Gegenstände von den Weisen des Empfindens zu unterscheiden, wobei er die Verbindung zwischen beiden Eigenschaften in der Form einer Analogie gegeben sieht. So besitzen Farben etwa in sich die Disposition, in uns bestimmte Empfindungen zu evozieren. Es sind also nicht mehr die Empfindungen selbst, die etwa blauartig sind, vielmehr inhärieren den physischen Gegenständen Eigenschaften mit dem Potential, strukturell analoge Empfindungszustände in uns hervorzurufen.32 Während Ducasse lediglich zeigen möchte, "dass wir uns in der Wahr- nehmung der physischen Gegenstände und ihrer Eigenschaften unmittelbar bewusst sind33, läuft Sellars' Ansatz letztlich auf eine Form von direktem Realismus hinaus.34

2.2.2 Schwierigkeiten der Adverbialtheorie

Die Adverbialtheorie der Sinneserfahrung zeigt sich jedoch als problematisch dergestalt, dass es ihr nicht wirklich gelingt, den von ihr postulierten Erfahrungsbegriff so zu explizieren, dass die althergebrachten Probleme vermieden werden können. Auch zeigt sich der angestrebte "direkte Realismus" als nicht wesentlich unterschieden von einem "indirekten Realismus", welcher letztlich zu den Problemen der Sinnesdatentheorie zurückführt.35 Dabei besteht die größte Schwierigkeit offenbar darin zu zeigen, wie die gleichzeitige Wahrnehmung mehrerer physischer Gegenstände mit unterschiedlichen Eigenschaften gelingen kann, ohne dabei einen Bezug zu den physischen Gegenständen selbst herzustellen.36

2.3 Der Intentionalismus

2.3.1 Die Konzeption des Intentionalismus

Frank Brentano bestimmt als Hauptmerkmal des Mentalen das Gerichtetsein auf ein Objekt bzw. auf einen Inhalt. Darin begründet liegt ein weiteres Merkmal des Mentalen, und das ist die Repräsentation. "Demnach ist ein mentaler Zustand nicht nur auf einen Gegenstand ge- richtet, sondern repräsentiert ihn in bestimmter Weise, die sich durch einen Dass-Satz mit propositionaler Ergänzung angeben lässt."37 Glauben, hoffen, meinen, wünschen, befürchten und anderes dergleichen mehr sind danach intentionale Zustände, verbunden mit einem pro- positionalen Gehalt. Solche Zustände können unabhängig davon existieren, ob diesen ein wahrer Sachverhalt oder ein extramentales Objekt korrelieren. Dem zufolge erstreckt sich die Extension dieser Beschreibung und Ausdeutung der Wahrnehmung nicht nur auf veridische und fehlerhafte Wahrnehmungen, sondern auch auf Halluzinationen, bei denen überhaupt kein entsprechendes (physisches) Objekt vorhanden ist. Man spricht dann von sog. "intentionalen Objekten". Dennoch können auch die extramentalen, physischen Objekte der Wahrnehmung als intentionale Objekte veridischer Wahrnehmung betrachtet werden. Diese gelten dann als "geistunabhängige, gewöhnliche Gegenstände"38 der Wahrnehmung. Theorien, wonach sich der phänomenale Charakter der Wahrnehmung hinreichend durch deren intentionalen Charak- ter erklären lässt, sind als Repräsentationalismus oder auch als Intentionalismus bekannt. 39

[...]


1 Vgl. Bonk 2013, 285.

2 Vgl. ebd.

3 Vgl. Crone [Enz. Phil. Bd. III] 2010, 2468.

4 Husserl [Philosophie der Wahrnehmung] 2002, 203.

5 Vgl. Husserl [Philosophie der Wahrnehmung] 2002, 203-206.

6 Vgl. Moore [Philosophie der Wahrnehmung] 2002, 223-227.

7 Moore [Philosophie der Wahrnehmung] 2002, 227.

8 Vgl. Moore [Philosophie der Wahrnehmung] 2002, 224 f.

9 Moore [Philosophie der Wahrnehmung] 2002, 228.

10 Vgl. Moore [Philosophie der Wahrnehmung] 2002, 241.

11 Moore [Philosophie der Wahrnehmung] 2002, 242.

12 Vgl. Crone [Enz. Phil. Bd. III] 2010, 2468, 2468.

13 Vgl. Vgl. Crone [Enz. Phil. Bd. III] 2010, 2468, 2467-2470.

14 Staudacher 2011, 124.

15 Staudacher 2011, 128.

16 Vgl. ausführlich: Staudacher 2011, 128-133.

17 Vgl. Staudacher 2011, 133 f.

18 Staudacher 2011, 145.

19 Vgl. ebd.

20 Staudacher 2011, 146.

21 Vgl. ebd.

22 Vgl. hierzu etwa: Staudacher 2011, 151 f.

23 Vgl. Staudacher 2011, 153.

24 Vgl. Staudacher 2011, 183-187.

25 Vgl. Staudacher 2011, 184.

26 Vgl. Bonk 2013, 285.

27 Vgl. Staudacher 2011, 189.

28 Staudacher 2011, 190.

29 Vgl. ebd.

30 Vgl. Staudacher 2011, 189 f.

31 Vgl. Staudacher 2011, 194-198.

32 Vgl. Staudacher 2011, 194-199.

33 Staudacher 2011, 197.

34 Vgl. Staudacher 2011, 196 ff., 201.

35 Vgl. Staudacher 2011, 208-219.

36 Vgl. Bonk 2013, 285.

37 Staudacher 2011, 226.

38 Bonk 2013, 287.

39 Vgl. Bonk 2013, 287. Staudacher 2011, 221-226.

Details

Seiten
35
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668021341
ISBN (Buch)
9783668021358
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v303618
Institution / Hochschule
Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main – Theologische Fakultät
Note
1,0
Schlagworte
Epistemologie Erkenntnistheorie Naturphilosophie Visuelle Wahrnehmung Extramentale Realität Sinnesdatentheorie Repräsentationalismus Intentionalismus Adverbialtheorie Disjunktivismus Wahrnehmungswissen Wissen Reliabilismus Kontextualismus Invariantismus Standardanalyse von Wissen Gettier-Problem Wahrnehmungskonstitution Evolutionäre Erkenntnistheorie

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