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Deutsch-italienische Fremdbegegnungen in aktuellen deutschsprachigen Erzähltexten und Spielfilmen

Eine interkulturelle Analyse

Examensarbeit 2011 91 Seiten

Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Interkulturelle Fremdbegegnungen
2.1. Zu den Begriffen Kultur und Interkulturalität
2.2. Der, die, das Fremde: Die Erfahrung der Fremdheit
2.3. Kategorisierungsprozesse und die Theorie der sozialen Identität

3. Italienbilder - Deutschlandbilder

4. Von italienischen Gastarbeitern zu Bekannten?

5. Stereotype in Literatur und Film

6. Deutsch-italienische Fremdbegegnung in Literatur und Film - Eine Analyse
6.1. Das Bild des Italieners in Der Makkaronifresser von Gudrun Pausewang
6.2. Solino von Fatih Akin: Emigration und Entfremdung
6.3. Das Kind unterm Salatblatt von Luigi Brogna: Heimat und Identität
6.4. Der, die, das Fremde und das Ich in Maria, ihm schmeckt’s nicht! von Jan Weiler
6.5. Klischees und Stereotype in der gleichnamigen Verfilmung von Jan Weilers Roman Maria, ihm schmeckt’s nicht!
6.6. Quattro Stagioni von Stefan Ulrich: Das Sehnsuchtsland Italien

7. Ein Vergleich der Darstellung von deutsch-italienischer Fremdbegegnung und Fremdwahrnehmung in den analysierten Erzähltexten und Filmen

8. Schlussbetrachtung

9. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Literatur war seit Jahrhunderten das wichtigste Medium und gilt bis heute als eines der wich- tigsten Medien für die Vermittlung und Verbreitung von Vorstellungen, Ideen, Beobachtun- gen, Wahrnehmungen und damit von Bildern von anderen Welten und Ländern. Beispielswei- se haben besonders Literaten und Gelehrte sowie Intellektuelle des 18. Jahrhunderts durch ihre Schriften über ihre in Italien aus verschiedensten Beweggründen gemachten Reisen ent- scheidend zur Entwicklung eines deutschsprachigen Italienbildes beigetragen. „Das Land, wo die Zitronen blühen“ aus dem Mignonlied, welches u.a. in dem Reisebericht Italienische Rei- se von Goethe um 1816/17 veröffentlicht wurde, ist in Deutschland zum Inbegriff, wenn nicht gar zum Synonym für Italien geworden.

War das Reisen in ferne Länder bis ins 18. Jahrhundert noch sehr beschwerlich und nur wenigen Privilegierten vorbehalten, änderte sich dies mit der Erfindung der Eisenbahn im 19. Jahrhundert. Das Reisen gestaltete sich für eine breite Bevölkerungsschicht einfacher und bequemer. Im 19. Jahrhundert spielen nicht nur Forschung, Exploration, Handel, Erwerbs- möglichkeiten oder religiöse Motive für das Reisen eine Rolle, sondern mit fortschreitendem technischen Fortschritt und zunehmendem Ausbau der Verkehrswege begann die Ära der Vergnügungsreisen und des organisierten Tourismus. Ein neuer Wirtschaftszweig entstand.1 Im letzten Jahrhundert entwickelte sich dieser Entwicklungszweig enorm. So sprechen wir heute bereits vom Massentourismus.

Die rege Reisetätigkeit immer größerer Bevölkerungsschichten, die natürlich mit ihren eigenen Eindrücken und Bildern zurückkamen, beeinflussten in zunehmendem Maße neben der Literatur die Entstehung eines Bildes vom anderen Land. Zudem ist es nicht verwunderlich, dass in der Bundesrepublik seit den 1950er Jahren gerade das seit der Romantik zum Sehnsuchtsland stilisierte Italien als potentielles Reiseziel wiederentdeckt und bis heute eines der beliebtesten Reiseziele der Deutschen geblieben ist - 20022 war es gar das beliebteste Reiseland der deutschen Bevölkerung. Der wirtschaftliche Aufschwung und der damit verbundene steigende Wohlstand der Bevölkerung bildeten dabei die Grundlage und eine wichtige Voraussetzung für den deutschen Tourismus ins Ausland.

Selbstverständlich spielen heute auch die audiovisuellen Medien wie Film und Fernsehen eine entscheidende Rolle bei der Prägung eines Bildes über ein anderes Land. Zunehmend ermöglichen sie nicht nur das vielfältige und einfache Teilhaben an weit entfernten, fremden bzw. bisher unbekannten Welten, sondern auch die Auseinandersetzung mit dem Anderen oder gar Fremden, das für den Betrachter dabei auch Vorlage für die Gestaltung der je eigenen Lebensweise werden kann.3

Die Betrachtung vielfältiger Möglichkeiten an Lebensformen und Lebensweisen wirkt auch auf die biographische Konstruktion von Individuen ein, wobei hier neben den visuellen Be- rührungen mit anderen Lebenswelten besonders Kontakte aufgrund von Migration eine Rolle spielen. Migrationsbewegungen, deren Ursachen überwiegend in der wirtschaftlichen und sozialen Not der Migranten liegen, tragen zur Begegnung mit Kulturen anderer Gesellschaften bei.4 Gerade Deutschland und Italien verbindet seit nunmehr fast sechzig Jahren eine gemein- same Migrationsgeschichte, die ihren Anfang in der sogenannten Gastarbeiterpolitik der BRD in den 1950er Jahren nahm.5

Im Zuge der Globalisierung sowie der Technologisierung kommen immer mehr Menschen als Reisende, als Konsumenten von Film und Fernsehen oder als Migranten unmittelbar oder indirekt in Kontakt mit Kulturen verschiedenster Gesellschaften. In der heutigen Welt, in der Entfernungen oder Grenzen kaum noch eine Rolle spielen, berühren sich unterschiedliche Kulturen immer häufiger und verschmelzen zum Teil unter den Bedingungen der fortschreitenden Technologisierung und der zunehmend notwendigen Mobilität. Das führt dazu, dass das Thema der Interkulturalität, des interkulturellen Verstehens, seit Jahren in der öffentlichen Diskussion präsent ist.

Dieses Aufeinandertreffen, diese Berührungen mit bzw. zwischen Kulturen anderer Gesellschaften ist Gegenstand dieser Arbeit. Dabei richtet sich der Blick primär auf die Begegnungen zwischen Deutschen und Italienern in Literatur und Film. Insbesondere wird hierbei den Fragen nachgegangen, inwieweit diese Begegnungen als Fremdbegegnung bezeichnet werden können und was unter „fremd“ zu verstehen ist. Gleichzeitig möchte ich in meinen weiteren Ausführungen herausarbeiten, wie in diesem Kontext der Begriff „Kultur“ aufzufassen ist und in welchem Zusammenhang diese Begegnungen mit Wahrnehmungs- und Identitätskonzeptionen aus der Sozialpsychologie stehen.

Im Anschluss daran wird ein Einblick in die deutsche Italien- und die italienische Deutsch- landwahrnehmung vorwiegend in der Literatur vergangener Zeiten sowie eine kurze Dar- stellung der italienischen Migrationsbewegung nach Deutschland seit der Gastarbeiterpolitik und deren Auswirkung auf die jeweilige deutsche und italienische Fremdwahrnehmung erfol- gen. Zudem wird die Bedeutung und Funktion von Stereotypen in der interkulturellen Fremdwahrnehmung in Literatur und Film erläutert, da diesen bei der anschließenden Analyse eine wichtige Rolle innewohnt.

Die Analyse anhand des Korpus, der vier deutschsprachige Erzähltexte sowie zwei deutsch- sprachige Filme umfasst, unterliegt zum einen der expliziten Betrachtung der jeweiligen dar- gestellten Fremdwahrnehmung der Italiener und Italiens bzw. der Deutschen und Deutsch- lands. Zum anderen soll anhand der Analyse aufgezeigt werden, ob und inwieweit sich das Bild der Deutschen von Italienern und über Italien seit den 1960er Jahren bis heute gewandelt hat.

Es wird darüber hinaus, bezüglich des Themas des interkulturellen Verstehens, der Frage nachgegangen, ob bzw. inwieweit Fremdbegegnungen als Bedrohung oder Faszination dargestellt und verstanden werden und ob sich dem Fremden angenähert oder sich von ihm abgegrenzt bzw. distanziert wird.

2. Interkulturelle Fremdbegegnungen

Das Thema interkultureller Fremdbegegnungen ist Gegenstand verschiedener Wissen- schaftsstränge der Geisteswissenschaften wie beispielsweise der Soziologie, Psychologie, der Geschichts-, Literatur- sowie der Kulturwissenschaften, verweist es doch auf jegliche Form von Berührungen zwischen Kulturen, die über beteiligte Kulturträger gestaltet und vermittelt werden. Um einen Zugang zu diesem Thema zu ermöglichen, kann sich ein Einblick in die sozialpsychologischen Forschungen und deren Grundannahmen über Sozialverhalten als hilf- reich erweisen. Schließlich betrachten diese, wie Menschen sich wahrnehmen, wie sie persön- liche Einstellungen und Überzeugungen entwickeln und wie und auf welche Weise Menschen interagieren. Und gerade interkulturellen Fremdbegegnungen liegen letztendlich Interaktionen zwischen den Beteiligten basierend auf der Wahrnehmung zu Grunde.

Der Mensch hat die Fähigkeit anhand seiner Wahrnehmung von seiner Umgebung und von seinen Mitmenschen über Gegebenheiten, Zustände und Verhalten Interpretationen und Mut- maßungen anzustellen. Er zieht daraus seine Schlussfolgerungen und ist somit in der Lage Situationen ein zu schätzen, sich zu orientieren sowie seine Handlungsweisen den gegebenen Umständen anzupassen, um die Wirklichkeitsbewältigung zu gewährleisten. Die Befähigung zur Wirklichkeitsbewältigung, die letztendlich das menschliche Sozialverhal- ten darstellt, entwickelt er in einem fortdauernden Lernprozess, der Sozialisierung. Dem Sozi- alverhalten liegen vor allem kulturelle wie soziale Einflüsse zu Grunde, die aus dem Bestehen organisierter Gesellschaften hervorgehen sowie auf Primärgruppen in der Gesellschaft zu- rückzuführen sind.6

Von klein auf lernt der Mensch in und von seiner Umgebung auf aktivem und passivem, di- rektem und indirektem Wege, wie er sich in welcher Situation und unter welchen Umständen zu verhalten und zu handeln hat. Er wird aufgrund des Sozialisierungsprozesses zum Mitglied der Gesellschaft, dadurch dass er mit sozialen Einstellungen und Rollen ausgestattet wird, die seiner Gesellschaft entsprechen und seiner Stellung in ihr angemessen sind.7 Einer bestimm- ten Gesellschaft zugehörig zu sein, bedeutet, dass der Einzelne den kulturellen Werten dieser Gesellschaft verhaftet ist.8 Daneben erfordert und sichert die gesellschaftliche Zugehörigkeit ein gewisses Maß an Verhaltenskonformität ihrer Mitglieder sowie persönliche Abhängigkeit von dienlichen sozialen Verbindungen und Beziehungen.9 Gerade die menschliche Daseins- gemeinschaft, die von Gesellschaft zu Gesellschaft strukturell verschieden beschrieben ist, wird als der bedeutendste Sozialisierungsfaktor für das Verhalten angesehen, wobei in der Sozialpsychologie kulturelle Einflüsse, die sich in den charakteristischen Strukturen verschie- dener Gesellschaften zeigen, als die bedeutendsten der sozialen Einflussfaktoren angesehen werden.10 So werden Kulturen verschiedener Daseinsgemeinschaften in der Sozialpsycholo- gie dahingehend untersucht, welche Faktoren bei der Entwicklung unterschiedlicher Motive, Ansichten, Interessen und Werte in verschiedenen Gruppen von Personen bedeutend sind. Im Vergleich dieser werden die jedem menschlichen Verhalten zu Grunde liegenden Gemein- samkeiten, die vor allem primäre Bedürfnisse sowie erlernte Motive wie beispielsweise sozia- le Anerkennung umfassen und nur in einem sozialen Rahmen befriedigt werden können, auf- gezeigt.11 Und eben Gesellschaften sind es, die die Grundlage zur Zufriedenstellung der Bedürfnisse ihrer Mitglieder schaffen, d.h. sie treffen die institutionellen Vorkehrungen, die das Sozialverhalten einer Gesellschaft formen und bilden.12 Dabei bestimmen sie u.a. Wert- vorstellungen und Einstellungen des Einzelnen sowie die Art und Weise des Umgangs mit den Mitmenschen, die im Sozialisierungsprozess durch die Mitglieder der Gesellschaft wie Eltern, Lehrer usw. in jeweiligen sozialen Kontexten vermittelt werden.

Ist oben bereits die eingeschränkte Verhaltenskonformität der Mitglieder einer Gesellschaft im Kontext der gesellschaftlichen Zugehörigkeit eines Individuums angesprochen worden, so ist damit auf den Umstand verwiesen, dass sich das Sozialverhalten von Mitgliedern einer Gesellschaft voneinander auch immer unterscheidet. Das hängt zum einen damit zusammen, dass der Einzelne verschiedenen, aber eben nicht allen eine Gesellschaft ausmachenden Pro- zessen und Ereignissen ausgesetzt ist. Da zum anderen die Träger einer Gesellschaft die ver- mittelten bzw. die zu vermittelnden Normen und Werte bis zu einem gewissen Maß individu- ell unterschiedlich interpretieren können, trägt das, besonders in größeren, heterogenen und flexibleren Gesellschaften, zu zahlreichen Interpretationsmöglichkeiten und demzufolge zu Verhaltensunterschieden bei.13 Daher sind bereits innerhalb einer Gesellschaft Differenzie- rungen im Sozialverhalten der einzelnen Mitglieder zu beobachten und festzustellen. Nun untersucht die Soziologie u.a. die Struktur einer Gesellschaft mit Blick auf den Einfluss sozia- ler Differenzierungen wie gesellschaftliche Klasse, Alters- und Geschlechtsgruppierungen sowie auf die Übernahme von Wertvorstellungen oder auch auf das Lernen von Rollenverhal- ten. Damit sind sozialpsychologische Konzepte und Theorien von Identität und Intergruppen- beziehungen sowie soziale Kategorisierungsprozesse und Sozialisierungsprozesse verbunden. In Begegnungen von Kulturen verschiedener Gesellschaften spielen diese eine wichtige Rolle, da sie immer an das Sozialverhalten der beteiligten Personen gekoppelt sind.

Nun ist bereits mehrfach der Begriff „Kultur“ gefallen, ohne dass er näher bestimmt wurde. Wofür genau dieser Begriff steht, soll nun im Folgenden genauer betrachtet werden, um anschließend die Thematik der Fremdheit sowie die sozialpsychologischen Theorien über Identität und Prozesse der Kategorisierung erfassen zu können.

2.1. Zu den Begriffen Kultur und Interkulturalität

Je nach gesellschafts-, natur- und geisteswissenschaftlichen Fachdisziplinen erfährt der Be- griff der Kultur nahezu unerschöpfliche Bestimmungsversuche und vielschichtige sowie sich wandelnde Bedeutungsnuancen. Leitet sich der Begriff ursprünglich von „agri culti“14 ab, das für Ackerbau steht, erfuhr er in der Antike durch Cicero die metaphorische Übertragung des Ackerbaus zur Bezeichnung der Philosophie als „cultura animi“15, wodurch ihm seither die Bedeutung der Pflege, Bildung und auch der Verehrung innewohnt.16 Dem antiken Kulturver- ständnis lag dabei die Vorstellung über die „Pflege und Verehrung des Unverfügbaren“17 zu Grunde, wobei diese Vorstellung als die Differenz zwischen eigenständiger Kontrolle des Menschen und den notwendigen, nicht beeinflussbaren Bedingungen und Umständen, die den Gottheiten sowie dem eigenen Glauben entsprachen und als von diesen abhängig betrachtet wurden, verstanden werden kann.18

Dabei war der Kulturgedanke keinesfalls an Gesellschaft gebunden. Die Idee, dass gesell- schaftliche Verhältnisse als kulturelle Zustände verstanden werden können, entwickelte sich erst ab Mitte des 17. Jahrhunderts.19 Bis heute hat sich dieser Gedanke aufrechterhalten. Demnach wird Kultur ganz allgemein „als Produkt und Lebensbedingung des gesellschaftli- chen Menschen“20 betrachtet. Von der Grundüberlegung ausgehend, dass nur die Menschen Kultur haben, steht Kultur daher auch für die Verallgemeinerung von mannigfaltigen Ver- hältnissen des Menschen als Mitglied der Gesellschaft.21 Dem Kulturbegriff wird dadurch eine gesellschaftliche Funktion zugeschrieben, wodurch mit ihm auch immer soziale Phäno- mene verbunden sind. So liegt das Augenmerk bei der Bestimmung von Kultur vor allem in Fachdisziplinen der Ethnologie, Soziologie, Geschichte sowie der Kulturwissenschaften auf der Betrachtung der Vielfalt zeitlich, räumlich und sozial verschiedener Daseinsgemein- schaften, aus der Einblicke in das geistig-soziale Funktionieren von Wirklichkeitsbewältigung bei Menschengruppen gewonnen werden. Dabei wird angenommen, dass Kultur „als we- sentliches und eigenständiges Moment tätiger Gestaltung der Umwelt durch die Menschen [verstanden wird], das letztlich durch die materiellen Anforderungen und Mittel der koopera- tiv realisierten Reproduktion von Individuen und Gesellschaften bestimmt wird“22. Zudem wird der Begriff grundlegend in Zusammenhang gestellt mit einerseits den Systemen gesell- schaftlicher Vermittlungen, über die menschliches Handeln symbolisch, rational, sinnlich etc. geregelt wird, und andererseits mit den Werten, Zielen, Richtlinien, die die Einstellungs- und Handlungsorientierungen konkreter Systeme bestimmen.23

In der konkreten Begriffsbestimmung von Kultur(en) unterliegen ihr je nach Gegenstand und Auffassung diverse theoretische Konzepte und Ansätze. Insbesondere erfuhr der Kulturbegriff ab dem 18. Jahrhundert, mit dem verstärkten Aufkommen von Entdeckungsreisen und Darstellungen darüber sowie durch die Kolonialisierung und dem damit verbundenen Beginn des Welthandels, eine starke Fokussierung auf den Vergleich divergierender menschlicher Daseinsformen.24 Diese Bestimmungsdimension des Vergleichs ist bis heute im Kulturbegriff enthalten, wenngleich sie nicht mehr das alleinige Hauptcharakteristikum in der Betrachtung von Kultur darstellt und eher im Kontext von Interkulturalität zum Tragen kommt, worauf in diesem Punkt weiter unten noch genauer eingegangen wird.

Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert hat sich vor allem aus den Sozialwissenschaften ein Kulturbegriff herausgebildet, der sich als das allumfassende Ganze versteht. Dieses allumfassende Ganze, das Wissen, Glauben, Überzeugungen, Riten, Bräuche, Traditionen und Gewohnheiten beinhaltet, eignet sich der Mensch im Laufe des Sozialisierungsprozesses als Mitglied der Gesellschaft an.25 Damit umschreiben alltägliches Verhalten, Erwartungen, Verhaltensmuster und Wertsysteme den Kulturbegriff.

Demnach wird Kultur als Handlungssystem aufgefasst, das durch soziales Handeln - ein Handeln, das auf eine Absicht und auf das Verhalten Anderer ausgerichtet und im Geschehen daran orientiert ist - beschrieben ist.26 Daran ist die Auffassung von Kultur als Wertsystem anzuknüpfen, ist damit doch die (Be-)Wertung, die Bedeutungszuschreibung von und die Ori- entierung an Handlungen verbunden.27 Hier schließt auch die Theorie von Kultur als Bedeu- tungs- und Orientierungssystem aus der Kulturpsychologie an. Dementsprechend wird unter Kultur ein interpretierbares, kommunizierbares und damit vermittelndes Bedeutungssystem verstanden, das dazu beiträgt, die vielgestaltigen Aspekte der Welt zu einem sinnhaften Gefü- ge auszurichten:

(…) die Kulturpsychologie [geht] davon aus, daß der Mensch dazu in der Lage ist, die Welt und seine Position in der Welt mit spezifischen Bedeutungen zu belegen und dadurch sinnhafte Strukturen zu schaffen. Dieses Sinn- und Bedeutungssystem ist gegenüber anderen Menschen potentiell kommunizierbar und somit auch an nachfolgende Generationen tradierbar, wobei diese die tradierten Sinn- und Bedeutungssysteme ihrerseits reflektieren und verändern können.28

Aufgrund der Wahrnehmung der (sozialen) Umgebung des Menschen ist ihm durch diese Sinnstiftung Orientierung für die Wirklichkeitsbewältigung geboten, wodurch es dem Men- schen möglich wird, die Welt und sich selbst in einer gewissen Art und Weise so zu deuten und zu verorten, wie es von der zugehörigen Gemeinschaft verstanden und anerkannt wird.29 Gerade die Orientierungsfunktion kultureller Bedeutungssysteme verweist auf den Umstand, dass es ein zentrales Bedürfnis des Menschen ist, sich in seiner Welt zurechtzufinden sowie Ursachenzusammenhänge bestehender Ereignisse zu erfassen.30 Dieses Bedürfnis nach Orien- tierung wird dahingehend zufriedengestellt, als dass der Mensch im Zuge der Sozialisierung mit einem zunehmenden Repertoire an zuverlässigem Wissen über seine dingliche sowie so- ziale Welt ausgestattet und es ihm dadurch ermöglicht wird, über Erfahrungen und Fähigkei- ten zu verfügen, die es ihm erlauben, mit diesem Wissen erfolgreich umzugehen.31 Der Ding- und Personenwelt, die den Menschen umgibt, und damit auch den sich darin vollziehenden Ereignisabfolgen sowie Handlungen und Handlungsabläufen werden Bedeutung und Sinn zugeschrieben, wobei diese Bedeutungs- und Sinnstiftung vor allem auf dem „Fundus sozial geteilter Bedeutungs- und Sinnzuweisungen“32 basiert. Diese Sinnstiftung erfolgt im Prozess der Wahrnehmung, der sich zwar als ein individueller Akt darstellt und sich bei jeder Person unterschiedlich vollzieht, der jedoch auch immer an die kollektiven, sozial verbindlichen Werte und Normen gekoppelt ist, die durch die Kultur vermittelt werden.33 Kultur ist demnach an den individuellen Sozialisierungsprozess eines Menschen, in dem er in Auseinandersetzung mit seiner sozialen Umwelt die sozial relevanten Denk- und Ver- haltensweisen entfaltet und damit in die soziale Gemeinschaft stetig hineinwächst, gebunden und wird nach dem Kulturpsychologen Alexander Thomas als ein „universelles, für eine Ge- sellschaft, Organisation und Gruppe aber sehr typisches Orientierungssystem“34 definiert, welches „das Wahrnehmen, Denken, Werten und Handeln aller ihrer Mitglieder“35 beeinflusst und „somit deren Zugehörigkeit zur Gesellschaft“36 aufzeigt und bestimmt. Die Annahme, dass den verschiedenen Gemeinschaften auch verschiedene kulturelle Bedeu- tungssysteme innewohnen, ist zudem mit den Fragen nach der Reichweite solcher Systeme und ihrer Beziehung zueinander verbunden. Hierzu ist festzuhalten, dass zum einen das Be- deutungssystem einer bestimmten Gesellschaft nicht als konform, sondern als vielschichtig und variabel anzusehen ist, und dass zum anderen diese variierenden Systeme auch miteinan- der interagieren können.37 Demnach werden Bedeutungssysteme auch bezüglich gesellschaft- licher Schichten, Gruppen sowie sozialer Institutionen als verschieden betrachtet, die jedoch miteinander in Beziehung stehen. Es ist damit auf den Umstand verwiesen, dass Kultur im Zusammenhang mit Identitätsbildung und -findung des Menschen steht und der Einzelne an verschiedenen Kulturen gleichzeitig teilhaben kann, da er in Abhängigkeit der vorzufindenden Situation seine Identität verschieden definieren kann und bezüglich seines aktivierten Identi- tätsanteils sich auch unterschiedlich verhält und gar verschiedene Ansichten vertritt.38 Zudem liegen dem Kulturbegriff als Bedeutungssystem semiotische Überlegungen zu Grunde, insofern „sich ein kulturelles Bedeutungssystem anhand bestimmter Zeichen und Symbole manifestiert bzw. mit ihrer Hilfe vermittelt wird, wodurch kulturell geteilte Wissensbestände entstehen“39. Dabei wird die (nonverbale sowie verbale) Sprache des Menschen als eines der wichtigsten Symbolsysteme angesehen.40 Hierbei wird dem Fakt Rechnung getragen, dass alle Formen des menschlichen Lebens von zeichenhaften Verweisungssystemen abhängen, da sich die menschliche Bezugswelt als mittelbar und künstlich darstellt, d. h. sie strukturiert sich auf der Grundlage sozialer sowie institutioneller Gesellschaftskonventionen. Folglich stellen Symbole „dinglich fixierte Äußerungsformen“41 dar, die Verweisungsgefüge schaffen und als Sinngebilde erscheinen, zumal sie aus der Interaktion und Kommunikation der Menschen entspringen.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass unter dem Kulturbegriff grundlegend eine Art der menschlichen Wirklichkeitsbewältigung zu verstehen ist. Kultur ist dabei als ein handlungsre- levantes, intra- sowie interindividuelles und symbolhaftes Bedeutungs- und Orientierungssys- tem aufzufassen, dem kollektive Ziele, die die Individuen in konkreten Situationen umsetzen, veranschaulichen oder beobachten können, bestimmte Handlungsregeln sowie soziale Nor- men, Werte und Ansichten und das Bilden sowie das Tradieren eines kollektiven und indivi- duellen Selbst- und Weltverständnisses zu Grunde liegen. Demnach ist die den Menschen aus Zeichen und Symbolen, denen entsprechende Bedeutungen zugeschrieben sind, umgebende Welt als konstitutiv für die Identität einer Gruppe, einer Gemeinschaft oder Gesellschaft bzw. Nation anzusehen.42

Bei der Abgrenzung von Kulturen wird meistens auf politische und geographische Einheiten zurückgegriffen, womit oft Interaktionen zwischen Trägern unterschiedlicher Nationalkulturen im Fokus interkultureller Betrachtung stehen. Letztendlich wird dabei prinzipiell davon ausgegangen, dass die binnenkulturellen Differenzierungen innerhalb einer Gemeinschaft bzw. einer Nation als nicht im hohen Maße gravierend anzusehen sind, da die individuelle Sicht der Welt des Einzelnen von seinen Mitmenschen auf der Basis des gemeinsamen, kulturspezifischen Hintergrundwissen grundsätzlich verstanden, wenn auch nicht von allen gleichermaßen akzeptiert und anerkannt wird.43

An dieser Stelle ist hervorzuheben, dass innerhalb nationalstaatlicher Grenzen keine kulturelle Homogenität vorherrscht. Jedoch ist bereits hier darauf hinzuweisen, dass in der Fremdbe- gegnung von Personen verschiedener nationaler Herkunft kulturell Divergierendes nichtsdes- toweniger gerade aufgrund der Nationalität wahrgenommen und anhand dieser erklärt wird. Personen verschiedener nationaler Herkunft werden dabei als Repräsentanten ihrer zugehöri- gen Nation und damit als nationale Kulturträger angesehen. Da Kultur durch „sozialräumliche Begrenzung“44 beschrieben ist und Kultur und Raum in Beziehung stehen, erfolgt die Be- schreibung von Kultur in Begegnungen von Personen anhand der Beobachtung von Verschie- denem und Ähnlichen, von Gemeinsamkeiten und Unterschieden, wobei die Divergenzen ausschlaggebend bei der Abgrenzung von Kulturen sind und Kultur i.d.R. in nationalen Gren- zen begriffen wird.

Der Begriff „Interkulturalität“ ist eine zusammengesetzte Ableitung aus dem Präfix „inter“ und dem Nomen „Kultur“, wobei das Präfix in seiner Bedeutung des „zwischen“ und „mitei- nander“45 die Betrachtung von Interkulturalität als ein „wechselseitige[s] Aufeinanderbezogensei[n] verschiedener kultureller Kontexte und die Vorstellung eines Pro- zesses, der aus diesem Aufeinanderbezogensein resultiert“46 bewirkt. Dabei wird der dem Be- griff der Interkulturalität zu Grunde liegende Prozessgedanke als ein Wahrnehmungs-, Erfah- rungs- sowie Erkenntnisprozess, der aus der selbstreflexiven Beobachtung und Bekanntschaft kultureller Pluralität entsteht, verstanden.47 Dementsprechend bezeichnet Interkulturalität die Begegnung mit anderen kulturellen Kontexten und Identitäten, mittels dieser wechselseitig die entsprechende Kulturbezogenheit der eigenen Identität und damit die eigenen Wahrneh- mungs- und Handlungsweisen erlebbar und feststellbar werden.48 Dadurch dass die Einstel- lungen, Ansichten, Weltbilder, Normen und Wertsysteme der angehörigen Kultur und Gesell- schaft in die Erfahrungen des eigenen Selbst involviert sind, werden andere kulturelle Kontexte und Identitäten anhand des kollektiven Vorverständnisses, d.h. anhand der Über- zeugungen, Denkweisen sowie Weltanschauung der dem Selbst angehörigen Kultur, wahrge- nommen und erkannt.49 Genauer gesagt, wird in der Begegnung mit einer anderen Kultur bzw. mit Trägern anderer Kulturen, in der ein Vergleich zwischen dem Eigenem, dem Be- kannten und Vertrauten, und dem Anderen, der Verschiedenheit, stattfindet, die Zugehörigkeit zur eigenen Kultur und zur Gesellschaft bewusst und erfahrbar. Demzufolge ist der Interkul- turalität auch die Einbeziehung der Betrachtungsweise sowie die Einflussnahme des Anderen bzw. des Fremden auf das eigene Selbst mit eingeschrieben.

Dieser Begriffsbestimmung von Interkulturalität ist eine, zumindest theoretische, Zielfor- mulierung der Überwindung von Ethnozentrismus, die den Weg dafür ebnen soll, in der je- weiligen Wirklichkeitsbewältigung die Sicht- und Handlungsweise des Anderen mitzudenken und zu antizipieren, eingeschrieben. Demzufolge liegt ihr damit auch ein Begriff des Fremden zu Grunde, insofern „Fremde“ als Bezeichnung einer wechselseitigen Beziehung zwischen einem jeweils Eigenem und einem dazu komplementären als fremd verstandenen Anderen zu verstehen ist.

Diese Annahme des, dem Thema der (interkulturellen) Fremdheit zu Grunde liegenden, dialektischen Beziehungsgeflechts zwischen dem Fremden und dem Eigenen soll nun Gegenstand der folgenden Betrachtung sein.

2.2. Der, die, das Fremde: Die Erfahrung der Fremdheit

Etwas oder jemanden als fremd zu bezeichnen oder auch zu charakterisieren, setzt eine Posi- tionierung des Betrachters voraus, mittels derer eine Person, ein Land bzw. Ort oder auch eine Erfahrung kategorisiert wird. Dank der Substantivierung des Adjektivs „fremd“ ist auch die Rede von dem Fremden (Person/ Sache) oder der Fremde. Dabei ist die Kategorie der Fremde bzw. des Fremden nicht nur eine relative Größe in Abhängigkeit vom entsprechenden Stand- punkt. Vielmehr verweist sie zugleich auf ein komplexes Phänomen, das im Ausdruck der Kategorie Fremde für ein Verhältnis besteht.50 Indem jemand oder etwas als fremd bestimmt wird, wird ein Verhältnis darüber ausgedrückt, wie eine Person sich selbst gegenüber einem anderen Menschen, einem Objekt oder einer Situation sieht.51 Demnach wird in der Betrach- tung bzw. Wahrnehmung des Fremden eine Beziehung zwischen dem hergestellt, was als Ei- genes angesehen und dem, was dem Eigenen als nichtzugehörig und damit als fremd bewertet wird.52 Und dadurch, dass etwas oder jemand als fremd bezeichnet wird, erfährt das jeweils Eigene erst eine Kontur, wird es erst sichtbar sowie umgekehrt eine Person, Sache oder ein Erlebnis erst die Bestimmung des Fremden erfährt, wenn es vom Eigenen als divergent wahr- genommen bzw. bewertet wird.

Daneben kann zwischen zwei Bedeutungsdimensionen von Fremdheit unterschieden werden. Die erste Dimension beinhaltet die soziale Fremdheit und betrachtet Fremdheit als die Beto- nung der Nichtzugehörigkeit eines Anderen, wodurch die Distanz zwischen sozialen Gruppen bzw. zwischen Angehörigen dieser akzentuiert wird.53 Mit Distanz ist zunächst auf ein räum- liches Ausmaß verwiesen, d.h. Fremdheit bezieht sich auf einen anderen Ort bzw. befindet sich außerhalb des Raumes der Zugehörigkeitsgruppe. Des Weiteren kann von Distanz auch im übertragenen Sinne die Rede sein und damit auf zeitliche, kulturelle, politische bzw. natio- nale Abstände deuten. Hierbei bieten gerade kulturelle bzw. nationale Zuordnungskriterien in der Wahrnehmung von Andersartigkeit eine schnelle und vereinfachte Möglichkeit der Unter- scheidung zwischen Eigenem und Fremden, die dann meist affektiv besetzt ist und über Ab- grenzung erfolgt.54

Die zweite Dimension beinhaltet die kulturelle bzw. lebensweltliche Fremdheit, die auch als „Unvertrautheit“55 verstanden werden kann. Indem etwas oder jemand als unvertraut wahrge- nommen wird, muss dieses bzw. dieser jedoch nicht zwingend als nichtzugehörig gelten, d.h.

Nichtzugehörigkeit kann vertraut und das Unvertraute kann zugehörig sein.56 Vielmehr ist mit Unvertrautheit auf die Kontingenz der Erfahrungen und die Begrenztheit des Wissensvorrates des Menschen verwiesen und verdeutlicht, dass die Wirklichkeitsbewältigung eines Individu- ums ein Prozess der Verwandlung von Fremdem in Vertrautes ist, setzt es sich doch einerseits durch Fremderfahrung mit seiner Welt lernend auseinander und vermittelt ihm andererseits Vertrautes, lebensweltliche Gewissheit, Orientierung und Handlungsfähigkeit.57 Dabei ist Fremdheitserfahrung generell als ambivalent anzusehen, geht sie schließlich „mit Einstellun- gen auf einem Kontinuum zwischen Furcht und Faszination“58 einher. Sonach kann Fremdheit „die Negation des Eigenen, des Hiesigen und Heimischen, des Sicheren und Vertrauten“59 benennen, wodurch es eine Gefahr und Bedrohung darstellt. Indem sie jedoch in ihrem Reiz des Neuen und Anderen Neugier und Interesse zum Erkunden und Entdecken auslösen kann, wohnt Fremdheit auch immer Faszination inne.60

Nun ist bei weitem nicht alles, was anders ist auch gleichzeitig fremd. Wahrnehmbare Merk- male wie physiognomische oder auch gesellschaftlich-kulturelle Divergenzen müssen nicht zwangsläufig trotz ihres Andersseins als fremd aufgefasst werden, sondern können auch als Unterschied zwischen dem eigenen und dem jeweils anderen Selbst, und damit als Verhältnis der Alterität verstanden werden.61 So ist der Mensch im täglichen Miteinander aufgrund ge- sellschaftlicher Alters- und Geschlechtsgruppierungen mit Differenzen zwischen den Ge- schlechtern, den Generationen oder Angehörigen sozialer Gruppen konfrontiert, ohne diese als Merkmale von Fremdheit zu deuten. Löst die Wahrnehmung von Divergenzen beispiels- weise anhand der Körpergestalt oder der Haarfarbe von Personen gewöhnlich kein Erleben von Fremdheit aus, können andere körperliche Merkmale wie Hautfarbe oder Augenform wiederum als deutliche Signale von Fremdheit verstanden werden.62 Demnach ist Fremdheit nicht zwingend aus der Andersheit zu schlussfolgern, sondern entsteht erst aus der Deutung wahrgenommener Andersartigkeit und ist damit als das „aufgefaßte Andere, als Interpretament der Andersheit“63 zu begreifen. Diese Interpretation der Andersheit erfolgt nicht willkürlich, sondern ist an wahrgenommenen Eigenschaften oder Verhaltensweisen, die aus dem wechselseitigen Verhältnis von Eigenem und Fremden entspringen, der Fremde bzw. des Fremden orientiert.64 Hierbei sind das Eigene und das Fremde als korrelative Begriffe zu verstehen, wird schließlich das, was eine Person als fremd erlebt, als verschieden von seinem Selbstsein, von seiner physischen sowie sozialen Identität, erfahren. Und dadurch dass Identi- tät durch Distinktheit und Konsistenz bewahrt und erkannt wird, zieht Distinktheit immer auch Unterscheidbarkeit von dem, was anders ist, nach sich.65 Demnach konstituiert Fremd- heit das Selbstsein des Menschen mit, indem der Mensch sich je nach Situation auch in ge- wissem Maße als unterschieden vom Anderen versteht. Damit wird zugleich auch impliziert, dass, je unsicherer sich ein Mensch seiner Identität ist, umso größer wird seine Verunsiche- rung in der Fremdbegegnung sein.66

In Begegnungen zwischen Menschen, die Zugehörige verschiedener Kultursysteme bzw. Personen verschiedener nationaler Herkunft sind, kann die Wahrnehmung fremder Denk- und Verhaltensweisen Irritationen hervorrufen. Hierbei können schließlich die Erfahrung und das Erleben des Fremden, das vom jeweils angehörenden Bedeutungssystem abweicht bzw. diesem nicht mehr entspricht, zu einem Orientierungsverlust führen. Diesen von der jeweils eigenen Kultur unterschiedenen Situationen wohnt ein erlebter Fremdheitscharakter inne. Aus diesem Erleben des Fremden entsteht generell „eine Tendenz zur Wiedergewinnung von Vertrautheit, Orientierungs- und Handlungssicherheit“67 durch beispielsweise sozialen Vergleich, Kategorisierung sowie Stereotypisierung und Generalisierung.

Die Wahrnehmung des Fremden ist nur zu einem gewissen Grad subjektiv und individuell, denn Individuen sind in ihrer Wahrnehmung und Deutung an kollektive Deutungs- und Sinn- prozesse gebunden, so dass das, was jeweils als fremd verstanden wird, immer auch „von vorherrschenden Modellen und deren sich wandelnden Funktionen in einer Kultur und Ge- sellschaft abhängig“68 ist. Daneben unterliegen der Fremdwahrnehmung auch individual- und sozialpsychologische Wahrnehmungsmuster, die zugleich an affektive Qualitäten geknüpft sind.69 Oben ist bereits auf die Ambivalenz der Fremdheit eingegangen. Hierzu ist festzuhal- ten, dass der Faszination und Furcht bestimmte Ordnungs- und Orientierungsmuster - Exo- tismus, Xenophobie bzw. Ethnozentrismus - zu Grunde liegen. Diese Orientierungsmuster werden im Laufe der Persönlichkeitsentwicklung und Sozialisierung entwickelt, ordnen die Fremdwahrnehmung in spezifischer Weise und bewerten die erfahrene Fremdheit zudem als interesseweckenden Reiz, als Gefahr oder als der eigenen Kultur bzw. Gesellschaft Unterle- genes.70 Demnach bewirkt Exotismus vor allem die positive Bewertung des jeweils Fremden, indem ihm eine besondere Anziehungskraft zugeschrieben wird und dabei das vom Eigenen Unterscheidende zuweilen gar eine Idealisierung erfahren kann.71 Mittels des Ethnozentris- mus hingegen werden andere Gruppen anhand des eigenen sozialen sowie kulturellen Wert- system wahrgenommen und anhand von Ordnungskategorien der eigenen Gemeinschaft be- wertet, wobei eine positive Voreingenommenheit gegenüber der eigenen Gruppe mitwirkt.72 Daneben ist Xenophobie als eine zuweilen unangemessene Furcht vor allem Fremden zu ver- stehen und wird eher als eine regressive Verhaltensreaktion von Personen und Gruppen aufge- fasst.73

Diese affektiv besetzten Wahrnehmungsmuster sind am Prozess der Wiedererlangung von Vertrautheit sowie Orientierungs- und Handlungssicherheit durch die Aktivierung von den gerade oben genannten Handlungen des sozialen Vergleichs, der Kategorisierung usw. beteiligt.74 In diesem Prozess der Auseinandersetzung mit dem als andersartig wahrgenommenen Fremden können die beteiligten Personen ein Bild von sich selbst entwickeln, wobei sie dieses mit dem Bild, das sie sich vom Anderen, vom Fremden, machen, anhand eigener Interaktionserfahrungen, von Berichten von anderen, (un)bekannten Personen oder gar anhand von Phantasien, von eigenen Vorstellungen, vergleichen.75

Solche sozialen und kulturellen Vergleichsprozesse mittels Kategorisierungen und Stereo- typisierungen sowie sozialem Anschlusshandeln sind grundlegend in der Fremdheitserfahrung aufgrund interkultureller Begegnungen und sollen im folgenden Punkt genauer dargestellt werden.

2.3. Kategorisierungsprozesse und die Theorie der sozialen Identität

Das Erleben und Wahrnehmen von Ähnlichkeit und Verschiedenheit gehört zu den Grunder- fahrungen des Menschen. Diese sind zumeist mit polarisierten Erfahrungen, d.h. mit dem Er- leben von Nähe und Distanz, Sympathie und Antipathie, Zugehörigkeit und Ausgrenzung verbunden.76 Zudem beeinflusst die angenommene bzw. beobachtete Ähnlichkeit oder An- dersartigkeit zwischen der eigenen Person und anderen Individuen das eigene Verhalten An- deren gegenüber. Die Wahrnehmung der Andersheit bzw. der Gemeinsamkeit kann sich auf äußerliche Merkmale, auf persönliche Ansichten, Interessen, Lebensverhältnisse u.v.m. be- ziehen, aufgrund derer Vorstellungen darüber gewonnen werden, wer man selbst und wer der Andere ist.77 Eine entscheidende Rolle zur Begründung der eigenen Identität sowie der Identi- tät des Anderen spielt somit die Wahrnehmung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden.

Daneben ist die Wahrnehmung an Prozesse der Kategorisierung oder auch Gruppierung ge- koppelt, ist der Mensch schließlich in der Lage, je nach Situation einzelne Personen und Ob- jekte bzw. Sachverhalte anhand gemeinsamer Merkmale zu bedeutungshaltigen Gruppen von Objekten und Subjekten zusammenzufassen.78 So versucht der Mensch in der Wirklichkeits- bewältigung systematisch kategoriale Zusammengehörigkeiten zwischen Personen und Din- gen, Sachverhalten oder Situationen wahrzunehmen, da gerade das Kategorisieren nicht nur das Gedächtnis entlastet und die Informationsverarbeitung beschleunigt, sondern auch zu ei- ner schnellen Orientierung in der sozialen Umwelt beiträgt.79 Um zu einer schnellen und vor- erst groben Einschätzung der gegebenen sozialen Situation zu gelangen, orientiert sich der Mensch an bemerkbaren und ihm aufschlussreichen Merkmalen, an denen er Hypothesen über wahrscheinliche Handlungsweisen und -verläufe und weitere charakteristische Eigenschaften der Umgebung sowie der gegenwärtigen Person(en) bildet, um sein Verhalten zielgerichtet und sicher steuern zu können.80

Ist der Kategorisierungsprozess an ein Präferenzsystem, dem das soziale bzw. kulturelle Werte- und Bedeutungssystem innewohnt, gekoppelt und stellt er zur kognitiven Orientierung einen neutralen Prozess der Informationsverarbeitung dar, kann er aufgrund der vollziehenden Einschätzungen der jeweiligen Interaktionspartner und -situationen auch immer mit normierten Bewertungen einhergehen.81

Hier stellt sich nun die Frage wie und wann Kategorien zur Bewertung von Personen aktiviert werden und wohin das Kategorisieren führt bzw. führen kann.82

Um diese Frage zu beantworten, ist festzuhalten, dass durch Kategorisierungen große Klassen bzw. Schemata geschaffen werden, die die Anpassung des Menschen in den jeweiligen sozia- len Kontexten lenkt. An diese Schemata werden so viele Einzelobjekte bzw. -personen wie möglich angepasst, um dazugehörige (soziale) Objekte schnell identifizieren zu können. Zu- dem reichert jede Kategorie ihren Inhalt immer auch mit Emotionen an, die durch alle Ele- mente der Kategorie wachgerufen werden. Überdies beruhen sie auf vorherrschende Unter- schiede zwischen den Merkmalen von Objekten, die verschiedenen Kategorien zugeordnet wurden.

Indem die Wahrnehmung der sozialen Umwelt über kognitive Prozesse der Informations- verarbeitung erfolgt, sind Informationen über Menschen, Dinge und Begebenheiten in Wis- sensstrukturen organisiert und als Schemata mental vorhanden.83 Neue Informationen und wahrgenommene Phänomene werden dabei an bereits vorhandenen Schemata geprüft und abgeglichen, um feststellen zu können, ob sie sich zur Zuschreibung von Bedeutungen, Ver- mutungen oder auch Beurteilungen eignen, wobei bei befremdenden Phänomenen mehrere Schemata zur Interpretation herangezogen werden können. Hierbei gilt, dass das am leichtes- ten und schnellsten zugängliche Schema aktiviert wird.84 Dadurch werden neue Informationen anhand bereits vorhandener Schemata von einem externen Objekt in einen mentalen Inhalt übertragen.85 Der Mensch verfügt neben Schemata über Objekte auch über Ereignisschemata, „Fremden“-Schemata, die jeder Einzelne im Laufe des Sozialisierungsprozesses durch eigene Erfahrungen bzw. durch Unterweisung seines sozialen Umfelds entwickelt, und Personen- schemata, die sich in konkret handelnde Personen, in Personengruppen sowie -typen und in Eigenschaften von Menschen unterscheiden lassen. Und gerade Zuordnungen von Individuen und Personengruppen zu sozialen Kategorien, d.h. zu Merkmalsklassen, sind für die Hand- lungsorientierung des Menschen in seiner Umgebung unentbehrlich.86

In diesem Zusammenhang ist auch auf die Tatsache hinzuweisen, dass soziale Kategorisie- rung auch immer mit Stereotypisierung einhergeht. Stereotypisierung beschreibt schließlich die Wahrnehmungsform, in der die bei der mentalen Informationsverarbeitung wahr- genommenen Gegebenheiten durch Merkmals- und Eigenschaftszuschreibungen in sozialen Kontexten erfolgt.87 Stereotype beschreiben somit allgemeine Wahrnehmungsurteile über Personen und Gruppen und bieten dem Menschen „eine Orientierungsmöglichkeit, indem sie Komplexität reduzieren“88.

Dienen diese Merkmalszuschreibungen dazu, zwischen Personen bzw. Personengruppen zu unterscheiden, so werden sie dann aktiviert, wenn die Gruppenzugehörigkeit für die Selbstde- finition der Person wichtig und zentral oder auch die Unterscheidung in eigene und andere Gruppe für die Person in dem Moment bedeutend wird.89 In diesem Kontext ist auch auf den Umstand zu verweisen, dass der Mensch nicht ausschließlich als Individuum, das allein indi- viduell denkt, fühlt und handelt, sondern auch als Mitglied von Gruppen zu verstehen ist.90 In Abhängigkeit von der sozialen Situation sowie den Gegebenheiten akzentuiert der Mensch unterschiedliche Aspekte seines Selbst und gelangt damit zu einem unterschiedlichen Ver- ständnis seines Selbst, wobei sein Verhalten in den jeweiligen sozialen Gegebenheiten nach seinem aktuellen Selbst-Verständnis, d.h. als Individuum oder als Gruppenmitglied, ausge- richtet ist.91 Sonach beeinflusst die Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen92 bzw. Kategorien das Wahrnehmen, Bewerten und Agieren von sich selbst und von anderen Personen. Aus den Selbst-Interpretationen, mit denen der Mensch sein persönliches Erfahren und Handeln sowie die Reaktionen seiner sozialen Umwelt in einen Sinnzusammenhang bringt, ist das Selbst- Verständnis begründet, das hingegen als Orientierungsgrundlage für das Erfahren und Han- deln dient.93 Hierbei spielen insbesondere individuelle und kollektive Selbst-Aspekte, d.h. die kognitive Einordnung in soziale Gruppen, eine bedeutende Rolle. Diese Selbst-Aspekte ent- sprechen kognitiven Kategorien, die zum Arrangement des Wissens über die eigene Person eingesetzt werden können und Eigenschaften physischer sowie charakterlicher Natur, soziale Rollen, Interessen, Denk- und Verhaltensweisen sowie Fähigkeiten darstellen.94 Im Zuge der in diversen sozialen Rollen, Interaktionen und Gegebenheiten gesammelten Erfahrungen einer Person werden solche Selbst-Aspekte ausgebildet, die generell nicht nur als individuell, son- dern auch als sozial-geteilt erfahren werden und damit potenziell Kategorien- bzw. Gruppen- zugehörigkeiten bekräftigen können. Im Intergruppenkontext bedeutet dies, dass eigenes und anderes Erleben und Handeln bereits anhand eines einzigen Selbst-Aspekts gedeutet wird und anhand diesem sich der Mensch schon als der Gruppe zugehörig sieht bzw. anhand diesem sich sein aktuelles Selbstbild bereits manifestiert.95 In diesem Zusammenhang führt soziale Kategorisierung zu einer Betonung der Ähnlichkeiten innerhalb und der Verschiedenheiten zwischen den Gruppen.

Den im Prozess der Kategorisierung aufgenommenen und eingeordneten Informationen wer- den Bedeutungen zugeschrieben, so dass die Wahrnehmung von Anderen meist mit Beurtei- lungen einhergeht. In Gruppenprozessen führen die Betrachtung sowie Vorstellung und Be- wertung anderer Personen zur Anwendung von Stereotypen, die die Wahrnehmung von Individuen anhand der Merkmalszuschreibungen generalisiert.96 In dem Maße wie die Person sich mit der Gruppe identifiziert, stellen die typischen Merkmale der Gruppe die Basis für die Selbstinterpretation dar.97

Indem die soziale Umwelt anhand von Merkmalszuschreibungen sowie Merkmalsklassen in Nichtzugehörigkeit und Zugehörigkeit zu Personengruppen je nach sozialem Kontext geteilt wird, wird ein Gefühl der sozialen Zugehörigkeit gefestigt und damit die soziale Identität ge- stärkt. Doch diese Unterscheidung zwischen Eigen- und Fremdgruppenmitgliedern hat für das soziale Verhalten und die soziale Beurteilung beträchtliche Konsequenzen. Zwischen Eigen- und Fremdgruppen finden soziale Vergleiche statt. Diese Vergleichsprozesse sind so angelegt, dass die eigene Gruppe zu positiven Vergleichsergebnissen gelangt, da man sich deutlich von der Fremdgruppe abheben will, wird doch dem Bedürfnis nach positiver Bewertung sozialer Identität gefolgt.98 Hierbei werden die wahrgenommenen Unterschiede deutlich betont. Jegli- ches Verhalten von Personen der Fremdgruppe wird nicht mehr als individuell typisches, son- dern als gruppentypisches Verhalten interpretiert und damit als gleichförmig und einheitlich wahrgenommen.99 Das Verhalten der Eigengruppenmitglieder wird hingegen als eher verän- derlich und individuell wahrgenommen und bewertet. Diese Betonung der Unterschiede zwi- schen den Gruppen und die damit verbundene Abwertung der Fremdgruppenmitglieder zur Aufrechterhaltung positiver Distinktheit sind damit ideale Voraussetzungen für Vorurteilsbil- dung, Stigmatisierung und Diskriminierung.100

Diese gerade gegebenen Ausführungen entsprechen der Theorie der sozialen Identität. An diese Theorie ist auch das Konzept der kulturellen Identität gekoppelt, das vor allem dann greift, wenn sich eine Person in einer ihrer kulturell anderen Umgebung befindet. Hierbei wird interkulturelles Verhalten als „ein Intergruppenverhalten im Sinne der SIT [Theorie der sozialen Identität] aufgefasst“101. Es wird davon ausgegangen, dass sich die in der Fremde, als das interpretierte Andere verstanden, befindende Person sich selbst als Gruppenmitglied bzw. Träger ihrer eigenen Kultur betrachtet und sich dadurch auch ihrer Kultur verpflichtet fühlt.102 Demnach sticht für die Person ihre Zugehörigkeit zu ihrer Kultur hervor aufgrund der Wahr- nehmung und des Erlebens der Verschiedenheiten beispielsweise anhand unterschiedlicher Sprache, Alltagsstrukturen oder Verhaltensweisen in der interkulturellen Fremdbegegnung, wodurch die Identität sowie das Selbstbild der eigenen Person als Angehöriger ihrer Kultur verstärkt werden kann.103

Im Kontext interkultureller Fremdbegegnungen besteht die Gefahr, dass Träger anderer Kul- turen aufgrund ihrer Verschiedenheit zur eigenen selbst angehörenden Kultur als Fremdgrup- penmitglieder wahrgenommen werden und dadurch die eigene Wahrnehmung vorrangig auf Unterschiede und Nichtzugehörigkeit ausgerichtet ist, wodurch man sich eher vom Fremden bzw. dem Anderen distanziert, als sich diesem anzunähern. So wird eine Person, die eine stark ausgeprägte und sozial gesicherte kulturelle Identität besitzt, in Situationen der Fremdheit dazu tendieren, sich vom Fremden abzugrenzen bzw. an der eigenen kulturellen Identität fest- zuhalten und diese gegebenenfalls vor Fremdeinflüssen verteidigen, um sich so einen Teil ihrer kulturellen Souveränität zu bewahren.104 Dadurch wird die Kategorie der kulturellen Zugehörigkeit äußerst eingegrenzt und die der Nichtzugehörigkeit stark ausgedehnt.105 Eine produktive Auseinandersetzung mit dem Fremden bzw. ein Bekannt- und Vertrautmachen mit dem Fremden wird dadurch verhindert.

Indem jedoch in der Betrachtung des Fremden individuelle Selbst-Aspekte Beachtung und Bedeutung finden und flexibel sowie offen und interessiert mit dem wahrgenommenen Anderen, d.h. mit eigenkulturell verschiedenen Denk- und Verhaltensweisen, Einstellungen bzw. Wertsystemen, umgegangen wird und damit eine ausdifferenzierende Haltung dem Fremden gegenüber eingenommen wird, ist in interkulturellen Begegnungen ein Aufeinanderzugehen bzw. ein Verständnis und die Akzeptanz des Anderen möglich.

Abschließend und in Überleitung zum nächsten Punkt sei hier noch einmal herausgestellt, dass der Mensch im Zuge der Wahrnehmung seiner Umgebung im Prozess der Informations- verarbeitung die Welt anhand von Kategorien strukturiert, ordnet und dabei auch verallge- meinert, da er ansonsten nicht in der Lage wäre, sich in der Welt schnell orientieren zu kön- nen und Handlungssicherheit in seiner täglichen Wirklichkeitsbewältigung zu gewährleisten. Schließlich ist die Welt durch eine enorme Komplexität charakterisiert, die der Mensch nicht als Ganzes erfassen kann. Soziale Kategorisierungsprozesse bedingen zudem die Bildung von Stereotypen, die, nach Walter Lippmann, „pictures in our heads“106, also Bilder in unseren Köpfen sind und aus inneren Vorstellungen von der Welt bestehen.107 Das Wahrnehmen der (sozialen) Welt erfolgt anhand der dem Menschen vorliegenden Kategorien sowie Schemata, die er im Laufe der Sozialisierung aufgrund eigener Erfahrungen und vor allem durch die kul- turelle Vermittlung seiner sozialen Umwelt entwickelt:

For the most part we do not first see, and then define, we define first and then see. In the great blooming, buzzing confusion of the outer world we pick out what our culture has already defined for us, and we tend to perceive that which we have picked out in the form stereotyped for us by our culture.108

Nimmt der Mensch in der Wahrnehmung seiner Umwelt eine aktive Rolle ein, so sind seine Vorstellungen von der Welt, seine Bilder von sich und vom bzw. von Anderen nicht rein in- dividuell, sondern vor allem auch durch soziale und kulturelle Faktoren geprägt.109 Zudem sind die bis hierher dargestellten Konzepte über Fremderfahrung und Kategorisie- rungsprozesse sowie über die Theorie der sozialen und kulturellen Identität aufschlussreich für die Entstehung und die Existenz von Vorstellungen über andere Länder und Menschen anderer Nationen bzw. Kulturen. Sie ermöglichen nicht nur darzustellen, wie Menschen Fremdes bzw. Andersartigkeit wahrnehmen, sondern zeigen auch auf, dass Menschen in fremder, ihnen andersartiger Umgebung nicht rein zufällig bestimmte Dinge im anderen Land oder an von ihnen kulturell unterschiedenen Personen wahrnehmen.

Im Rahmen dieser Arbeit ist es daher von großem Interesse, welche konkreten deutschen Italienbilder und italienischen Deutschlandbilder und welche Vorstellungen von Italienern und Deutschen zu verschiedenen Zeiten vorherrschend waren und heute noch immer sind. Darüber soll nun im nächsten Punkt ein Überblick erfolgen.

3. Italienbilder - Deutschlandbilder

Begegnungen zwischen Deutschen und Italienern fanden nicht erst mit dem anlaufenden Massentourismus ab 1950 statt, der immer mehr Deutsche in die italienischen Städte und an die Strände gen Süden führte, sondern ereigneten sich bereits seit der im vierten Jahrhundert einsetzenden Völkerwanderung mehr oder weniger konstant.

Hat bereits Tacitus, der als einer der größten Chronisten der Germanen gilt und ein Jahr- hundert nach Caesar lebte, die nördlich der Alpen lebenden Germanen beobachtet und diese als groß, blond und blauäugig, als kämpferisch, als kälteresistent, da sie meist nur mit einer leichten Tunika bekleidet waren, als einfach und schwerfällig beschrieben, die keinen Sinn für Lebenskunst hätten, so finden sich bis heute im aktuellen Bild der Italiener über Deutsche einige Entsprechungen.110 Zweifelsohne ist hier jedoch auch anzuführen, dass solche Entspre- chungen nicht unkritisch auf den Einfluss des Tacitus zurückzuführen sind, zumal seine Chroniken im Mittelalter keine relevante Verbreitung fanden und Germanien als verschwun- den galt.111 Vielmehr entstammen solche Bilder, Eindrücke und Vorstellungen, die in erster Linie mittels des literarischen Mediums belegt und verbreitet waren und immer noch sind, aus den jahrhundertelangen Berührungen und Beziehungen zwischen Deutschen und Italienern. Die Italiener haben bereits ab der Völkerwanderung für Jahrhunderte die Einwohner des heu- tigen Deutschlands vor allem als gefährliche Gegner und Eroberer erlebt. Die italienische Be- zeichnung „invasione dei barbari“ für die Völkerwanderung führt hierbei die Wahrnehmung und Deutung dieses Geschichtsereignisses bereits sinnbildlich vor Augen. Das Bild des ge- walttätigen, niederträchtigen Deutschen war in der italienischen Literatur des Mittelalters weit verbreitet und ist beispielsweise in der politischen Kanzone Italia mia von Francesco Petrarca anhand von Beschreibungen wie „barbarico sangue“112, „tedesca rabbia“113 oder auch „popol senza legge“114 verdeutlicht. Wird anhand dieser Charakterisierung der Deutschen zugleich ein Fremd- bzw.

[...]


1 Vgl.: Bausinger, Hermann (1991): Grenzenlos…Ein Blick auf den modernen Tourismus. In: Hermann Bausin- ger, Klaus Beyrer, Gottfried Korff (Hg.): Reisekultur. Von der Pilgerfahrt zum modernen Tourismus. München: Beck, S. 343f.

2 Spiegel Online, Reise, Urlaubsstatistik(15.07.2003): Deutsche lieben Italien: http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,257225,00.html (27.05.2011)

3 Vgl.: Appadurai, Arjun (1998): Globale ethnische Räume. Bemerkungen und Fragen zur Entwicklung einer transnationalen Anthropologie. In: Ulrich Beck (Hg.): Perspektiven der Weltgesellschaft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 21

4 Vgl.: Lützel, Christoph (1997): Die Migration in Deutschland, Frankreich und in der Europäischen Union. In: Yves Bizeul, Ulrich Bliesener, Mareck Prawda (Hg.): Vom Umgang mit dem Fremden. Hintergrund. Definitionen. Vorschläge. Weinheim, Basel: Beltz, S. 20

5 Vgl.: Haug, Sonja (2006): Storia d`immigrazione e tendenze all`integrazione di emigrati italiani in Germania. In: Francesco Carchedi, Enrico Pugliese (Hg.): Andare, restare, tornare. Cinquant’anni di emigrazione italiana in Germania. Isernia: Cosmo Iannone, S. 45

6 Vgl.: Mann, Leon (1994): Sozialpsychologie. 10. Aufl. Weinheim: Psychologie-Verl.-Union, S. 15

7 Vgl.: Ebd., S. 21

8 Vgl.: Ebd., S. 15

9 Vgl.: Ebd.

10 Vgl.: Ebd., S. 15f.

11 Vgl.: Ebd., S. 17f.

12 Vgl.: Ebd.

13 Vgl.: Ebd., S. 20

14 Baecker, Dirk (2003): Wozu Kultur? 3. Aufl. Berlin: Kadmos, S. 45

15 Ebd.

16 Vgl. dazu auch: Maase, Kasper (1990): Kultur. In: H. J. Sandkühler (Hg.): Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften. Bd. 2. Hamburg: Meiner, S. 900

17 Baecker (2003), S. 45

18 Vgl.: Ebd.

19 Vgl.: Ebd., S. 44

20 Maase (1990), S. 901

21 Vgl.: Ebd.

22 Ebd.

23 Vgl.: Ebd.

24 Vgl.: Ebd., S. 903; Baecker (2003), S. 66

25 Vgl.: Maase (1990), S. 904

26 Vgl.: Baecker (2003), S. 101

27 Vgl.: Erpenbeck, John (1996): Interkulturalität, sozialer und individueller Wertewandel. In: Hans Jörg Sand- kühler, Ram Adhar Mall (Hg.): Das Selbst und das Fremde. Der Streit der Kulturen. Hamburg: Meiner, S. 100ff.

28 Layes, Gabriel (2000): Grundformen des Fremderlebens. Eine Analyse von Handlungsorientierungen in der interkulturellen Interaktion. Münster, New York, München, Berlin: Waxmann, S. 18

29 Vgl.: Ebd.; Thomas, Alexander (2004): Kulturverständnis aus Sicht der Interkulturellen Psychologie: Kultur als Orientierungssystem und Kulturstandards als Orientierungshilfen. In: H. J. Lüsebrink (Hg.): Konzepte der interkulturellen Kommunikation. St. Ingbert: Röhrig Verlag, S. 145f.

30 Vgl.: Thomas (2004), S. 147

31 Vgl.: Ebd.

32 Ebd., S. 148

33 Vgl.: Ebd.

34 Ebd. zitiert nach Thomas

35 Ebd.

36 Ebd.

37 Vgl.: Layes (2000), S. 19

38 Vgl.: Ebd.

39 Ebd., S. 22f.

40 Vgl.: Ebd., S. 23; Schwemmer, Oswald (2008): Selbstsein und Andersheit. Zum kulturellen Verhältnis von Symbol, Form und Sinn. In: Dirk Baecker, Matthias Kettner, Dirk Rustemeyer (Hg.): Über Kultur. Theorie und Praxis der Kulturreflexion. Bielefeld: transcript, S. 119ff.

41 Schwemmer (2008), S. 123

42 Vgl.: Hofman, Michael (2006): Interkulturelle Literaturwissenschaft. Eine Einführung. Paderborn: Fink, S. 10

43 Vgl.: Thomas (2004), S. 148

44 Corsten, Michael; Bohler, Friedrich (2011): Begegnungen von Kulturen? In: Karl Friedrich Bohler, Michael Corsten (Hg.): Begegnungen von Kulturen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 7

45 Vgl.: Wierlacher, Alois (1993): Kulturwissenschaftliche Xenologie. Ausgangslage, Leitbegriffe und Problem- felder. In: Ders. (Hg.): Kulturthema Fremdheit. Leitbegriffe und Problemfelder kulturwissenschaftlicher Fremdheitsforschung. München: Iudicium, S. 58

46 Albrecht, Corinna (1997a): Überlegungen zum Konzept der Interkulturalität. In: Yves Bizeul, Ulrich Bliesener, Mareck Prawda (Hg.): Vom Umgang mit dem Fremden. Hintergrund - Definitionen - Vorschläge. Weinheim, Basel: Beltz, S. 118

47 Vgl.: Ebd., S. 119

48 Siehe: Ebd.

49 Vgl.: Ebd., S. 120

50 Siehe: Albrecht, Corinna (1997b): Der Begriff der, die, das Fremde. Zum wissenschaftlichen Umgang mit dem Thema Fremde. Ein Beitrag zur Klärung einer Kategorie. In: Yves Bizeul, Ulrich Bliesener, Mareck Prawda (Hg.): Vom Umgang mit dem Fremden. Hintergrund-Definitionen-Vorschläge. Weinheim, Basel: Beltz, S. 85

51 Vgl.: Ebd.

52 Vgl.: Ebd., S. 85f.

53 Siehe: Münkler, Herfried; Ladwig, Bernd (1997): Dimensionen der Fremdheit. In: Herfried Münkler (Hg.): Furcht und Faszination. Facetten der Fremdheit. Berlin: Akademie Verlag, S. 15

54 Vgl.: Ebd., 19ff.

55 Münkler, Ladwig (1997), S. 26

56 Vgl.: Ebd.

57 Vgl.: Ebd.

58 Ebd.

59 Graumann, Carl Friedrich (1997): Die Erfahrung des Fremden: Lockung und Bedrohung. In: Amélie Mummendey, Bernd Simon (Hg.): Identität und Verschiedenheit. Zur Sozialpsychologie der Identität in komplexen Gesellschaften. Bern, Göttingen, Toronto, Seattle: Huber, S. 46

60 Vgl.: Ebd.

61 Siehe: Albrecht (1997b), S. 86

62 Siehe: Ebd.

63 Wierlacher (1993), S. 62

64 Vgl.: Albrecht (1997b), S. 87

65 Vgl.: Graumann (1997), S. 48f.

66 Vgl.: Ebd., S. 49

67 Thomas, Alexander (1993): Fremdheitskonzepte in der Psychologie als Grundlage der Austauschforschung und der interkulturellen Managerausbildung. In: Alois Wierlacher (Hg.): Kulturthema Fremdheit. Leitbegriffe und Problemfelder kulturwissenschaftlicher Fremdheitsforschung. München: Iudicium, S. 259

68 Albrecht (1997b), S. 88

69 Vgl.: Ebd.

70 Vgl.: Ebd., S. 88f.

71 Vgl.: Ebd., S. 89

72 Vgl.: Ebd., S. 90

73 Vgl.: Ebd., S. 90f.

74 Vgl.: Thomas (1993), S. 259f.

75 Vgl.: Ebd.

76 Vgl.: Simon, Bernd; Mummendey, Amélie (1997): Selbst, Identität und Gruppe: Eine sozialpsychologische Analyse des Verhältnisses von Individuum und Gruppe. In: Dies. (Hg.): Identität und Verschiedenheit. Zur Sozialpsychologie der Identität in komplexen Gesellschaften. Bern, Göttingen, Toronto, Seattle: Huber, S. 11

77 Vgl.: Ebd., S. 11

78 Vgl.: Mielke, Rosemarie (2000): Soziale Kategorisierung und Vorurteil. Categorizzazione sociale e pregiudizio. In: Jutta Gallenmüller-Roschmann, Massimo Martini, Roland Wakenhut (Hg.): Ethnisches und nationales Bewusstsein - Studien zur sozialen Kategorisierung. Coscienza etnica e coscienza nazionale - Studi sulla categorizzazione sociale. Frankfurt a. M., Berlin, Bern, Bruxelles u.a.: Lang, S. 14f.

79 Vgl.: Gollwitzer, Mario; Schmitt, Manfred (2009): Sozialpsychologie kompakt. Weinheim: Beltz, S. 66

80 Vgl.: Mielke (2000), S. 14

81 Vgl.: Ebd.

82 Im Folgenden vgl. dazu: Ebd., S. 15ff.

83 Vgl.: Thomas (1993), S. 263

84 Vgl.: Ebd.

85 Vgl.: Mielke (2000), S. 16.

86 Vgl.: Thomas (1993), S. 263

87 Vgl.: Florack, Ruth (2007): Bekannte Fremde. Zur Herkunft und Funktion nationaler Stereotype in der Litera- tur. Tübingen: Max Niemeyer, S. 34

88 Ebd., S. 36

89 Vgl.: Mielke (2000), S. 18

90 Vgl.: Simon, Mummendey (1997), S. 13

91 Vgl.: Ebd.

92 Unter einer sozialen Gruppe ist zu verstehen, dass zwei oder mehr Menschen sich als Zugehörige der gleichen sozialen Kategorie sehen und demzufolge eine gemeinsame soziale Identifikation aufzeigen. Siehe: Ebd., S. 16

93 Vgl.: Ebd.

94 Vgl.: Ebd., S. 16f.

95 Vgl.: Ebd., S. 18

96 Vgl.: Mielke (2000), S. 21

97 Vgl.: Ebd., S. 21f.

98 Vgl.: Thomas (1997), S. 269

99 Vgl.: Ebd., S. 269f.

100 Vgl.: Ebd., S. 270

101 Wakenhut, Roland; Gallenmüller-Roschmann, Jutta (2001): Kulturelle Identität: Einführung und sozialwis- senschaftliche Beiträge zur Entwicklung kultureller Identitäten in Italien. In: Jutta Gallenmüller-Roschmann (Hg.): Kulturelle Identitäten in Italien. Frankfurt a.M., Berlin, Bern u.a.: Lang, S. 20

102 Vgl.: Ebd.

103 Vgl.: Ebd., S. 21

104 Vgl.: Thomas (1997), S. 270

105 Siehe: Ebd.

106 Lippmann, Walter (20041921): Public Opinion: http://www.gutenberg.org/cache/epub/6456/pg6456.html (05.08.2011)

107 Vgl.: Ebd.

108 Ebd.

109 Vgl.: von Scharpen, Antje (1999): Im Spiegel des anderen. Italien und die Italiener in der deutschen und Deutschland und die Deutschen in der italienischen Literatur seit 1945. Berlin: Wissenschaftlicher Verlag Berlin, S. 38f.

110 Vgl.: Mazza Moneta (2000): Deutsche und Italiener. Der Einfluß von Stereotypen auf interkulturelle Kom- munikation. Deutsche und italienische Selbst- und Fremdbilder und ihre Wirkung auf die Wahrnehmung von Italienern in Deutschland. Frankfurt a. M., Berlin, Bern u. a.: Lang, S. 95ff.

111 Vgl.: Ebd., S. 99

112 Petrarca, Francesco (2009): Canzoniere. Introduzione e note di Alberto Chiari. 19. unver. Aufl. Milano: O- scar Classici Mondadori, S. 240 (V.22)

113 Ebd., S. 241 (V. 35)

114 Ebd., S. 241 (V. 43)

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Titel: Deutsch-italienische Fremdbegegnungen in aktuellen deutschsprachigen Erzähltexten und Spielfilmen