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Der Einfluss der formalen Kriterien des Gedichts auf den Inhalt im „Poem ohne Held“ von Anna Achmatova

Hausarbeit 2011 13 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Beschreibung der formalen Kriterien

3. Überblick über die Themen des Inhalts im „Poem ohne Held“

4. Einfluss der formalen Kriterien auf den Inhalt im „Poem ohne Held“

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das „Poem ohne Held“ ist ein Werk, das eine sehr interessante Geschichte der Entstehung hat. Anna Achmatova arbeitete daran über zwanzig Jahre, von 1940 bis 1962. Dieses Poem hat vier Varianten, wodurch die Autorin den Leser nach der „eigentlichen“ Version des Poems suchen lässt1. Dadurch ist die Ambivalenz des Textes zusätzlich erhöht2.

In der vorliegenden Arbeit werde ich versuchen den Einfluss der formalen Kriterien des Gedichts auf den Inhalt des Poems darzustellen. Dafür werde ich in dem nächsten Kapitel die Kriterien beschreiben und mit Beispielen des Textes belegen. Danach werde ich einen Überblick über die Themen, die im Poem vorkommen, präsentieren. Dazu muss ich sagen, dass es nur ein kleiner Überblick ist, weil das Poem ein bewegter Text ist, „der seine Alternative ständig mitdenkt […]“3.

Im letzten Kapitel werde ich versuchen die Thesen zu beweisen, dass die formalen Kriterien einen Einfluss auf den Inhalt des Poems haben und die wichtigsten Mittel für die Dichterin sind.

In dieser Arbeit werde ich mich auf die vierte Variante beziehen, obwohl diese auch nicht abgeschlossen ist, weil dieses Poem keine „letzte Hand“ von der Autorin bekam4.

2. Beschreibung der formalen Kriterien

Bei der Beschreibung der formalen Kriterien werde ich zwei Punkte genau definieren und darstellen. Das sind das Versmaß und die Reimform.

Im „Poem ohne Held“ verwendete Achmatova den 3-hebigen Knittelvers. Diesen benutzte sie schon in ihren früheren Werken. Das möchte ich am Beispiel 1 des Gedichtes „Смятение“ zeigen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten5

In den späteren Werken arbeitete Achmatova mehr mit den klassischen Versmaßen6. In der Zeit von 1950 bis 1965 kam der Knittelvers in ihrer Poesie immer weniger vor, aber dieser wurde dennoch das wichtigste Mittle des Versmaßes im „Poem ohne Held“ und in der Bearbeitung des Poems7 (Beispiel 2):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten8

Dabei nimmt der Knittelvers des Poems eine reguläre Form an: der Anfang jedes Verses beginnt immer als Anapest (˅˅–), in der Mitte des Verses erscheint der Versfuß als Jambus (˅–) oder als Anapest (˅˅–)9. Der größte Teil davon ist aber Anapest10. Dadurch bekommt das Poem eine leichte Melodie11. Diese wurde auch dadurch erreicht, dass die Betonungen an den Stellen, wo sie sein sollten, weggelassen wurden (der Dibrachys) (˅˅(–))12. Der Anapest verleiht der Melodie jedoch eine rhythmische Bewegung mit einem ungestümen Lauf nach vorne13.

Die Struktur der Strophe im Poem ist eine Innovation14. Achmatova verwendete die Strophe mit sechs Versen, da der Reim dabei aabccb ist15 (Beispiel 3):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten16

An manchen Stellen variieren aa- und cc- Reime von 2 bis 6 Versen17 (Beispiel 4):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten18 19

Dabei sind aa- und cc- Reime weiblich (AA, CC) und bb-Reime männlich (bb)20. Eine Strophe bekommt dann zusätzliche weibliche Reime, wenn die Emotionen des Poems steigen21. In dem zweiten Teil „Решка“ wird die lyrische Spannung abgebaut und regelmäßige Strophen mit sechs Versen verwendet22. Der Reim wird im Poem immer „klassischer“ als in den anderen Dichtungen der Autorin, da Achmatova nicht mehr so viele ungenauere Reime benutzt23.

Man muss zum Reimschema sagen, dass dieses (AAbCCb) bei Michail Kuzmin in „Второй удар“ aus „Форель разбивает лёд“ (1905-1908) in einer anderen Variante (AAxBBx) vorkommt24. Der Unterschied zu Achmatova liegt darin, dass Kuzmin die dritten und sechsten Verse nicht reimt (Beispiel 5):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten25

3. Überblick über die Themen des Inhalts im „Poem ohne Held“

Im Poem werden mehrere Themen von der Autorin angesprochen26. Manche Themen kann man direkt entdecken, die anderen sind versteckt. Dobin schreibt darüber:

„[…] в поэме сложный вихревой водоворот течений, видимых и подводных. Пересеченость многих орбит бытия и сознания […] Страницы дневника - и летопись века. Взгляд сверху, с самой высокой точки - и зорко подмеченные детали. Канун первой мировой войны - и дни Великой Отечественной.“27.

In diesem Kapitel möchte ich einen kleinen Überblick über die enthaltenen Themen des Poems geben.

Im „Poem ohne Held“ gibt es sehr viele autobiografische Aspekte der Autorin zu finden. Das Poem beginnt wie ein Tagebuch, weil es mit den Daten und Orten gekennzeichnet ist28, an denen das Poem geschrieben wurde, z. B. „Вместо предесловия“ – 8 April 1943 Taškent oder „Второе посвящение“ – 25 Mai 1945 Fontannyj Dom29. Die Datierung und Ortsbezeichnung findet man auch im Text: „[…] Он ко мне во Дворец Фонтанный […]“30. Die Autorin ist als Figur im Text, sie schreibt über sich und über ihre Taten (Beispiel 6):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten31

Achmatova steht neben den Figuren und führt mit diesen einen Dialog32 (Beispiel 7):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten33

Dabei spricht die Autoren die Figuren per Du an, da sie vielleicht damit die Freundschaft oder gute Bekanntschaft zeigen möchte (Beispiel 8):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten34

Das Thema der Freundschaft spielt im Poem eine sehr große Rolle, da Achmatova das Schicksal ihrer Zeitgenossen auch thematisiert35. Auf das Thema der Zeitgenossen deutet der Name vom ersten Teil „Das Jahr 1913“ hin, weil die Autorin sich an dieses Jahr besonders erinnert, da ihre Freunde sie im Poem besuchen kommen. In der Realität stirbt in diesem Jahr der zwanzigjähriger Dichter Knjazev durch Selbstmord36. Diese Suizidgefahr war in dieser Zeit in der Gesellschaft bei instabilen und verwirten Jugendlichen vorhandeln37, was auch zu einem Thema des Poems wurde. Dabei fragt die Autorin, ob der Protagonist auch einen anderen Tod finden konnte, weil er an der Grenze zu großen historischen Veränderungen stand38 (Beispiel 9):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten39

Im Poem vermischen sich das private Schicksal der Autorin und das Schicksal ihrer Generation: „«Апефеоз десятых годов во всем их великолепии и слабости» диалектически оборачивается как суд истории над ее поколением и ее собственным прошлым.40 “.

1913 ist das Jahr, das die Grenze zwischen den „alten Zeiten“ und dem kommenden „neuen“ XX Jahrhundert ist41 (Beispiel 10):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten42

Das Poem wird zum Geschichtsbuch des Staates, vom ersten Weltkrieg als Erinnerung der Autorin bis zum Großen Väterlichen Krieg als Realität.

[...]


1 Vgl. Henseler 2004, Texte in Bewegung. Anna Achmatovas Spätwerk, S. 213.

2 Ebd.

3 Ebd., S. 236.

4 Ebd.

5 Vgl. A. Achmatova 1998, Sobranie sočinenij v šesti tomach, B. 1, S. 115f.

6 Vgl. Gasparov 1997, Izbrannye trudy. O stiche, S. 491.

7 Ebd.

8 Vgl. A. Achmatova 1998, Sobranie sočinenij v šesti tomach, B. 3, S. 185.

9 Vgl. V. Žirmunskij 1973, Tvorčestvo Anny Achmatovoj, S. 175.

10 Ebd.

11 Vgl. Gasparov 1997, Izbrannye trudy. O stiche, S. 490.

12 Ebd.

13 Vgl. V. Žirmunskij 1973, Tvorčestvo Anny Achmatovoj, S. 175f.

14 Vgl. V. Žirmunskij 1973, Tvorčestvo Anny Achmatovoj, S. 176.

15 Vgl. Gasparov 1997, Izbrannye trudy. O stiche.

16 Vgl. A. Achmatova 1998, Sobranie sočinenij v šesti tomach, B. 3, S. 182. (Hervorhebungen N. E.).

17 Vgl. Gasparov 1997, Izbrannye trudy. O stiche, S. 481.

18 Vgl. A. Achmatova 1998, Sobranie sočinenij v šesti tomach, B. 3, S. 172. (Hervorhebungen N. E.)

19 Vgl. A. Achmatova 1998, Sobranie sočinenij v šesti tomach, B. 3, S. 184. (Hervorhebungen N. E.).

20 Vgl. Gasparov 1997, Izbrannye trudy. O stiche, S. 488.

21 Vgl. V. Žirmunskij 1973, Tvorčestvo Anny Achmatovoj, S. 176.

22 Ebd.

23 Vgl. Gasparov 1997, Izbrannye trudy. O stiche, S. 490.

24 Vgl. Gasparov 1997, Izbrannye trudy. O stiche, S. 488.

25 Vgl. M. Kuzmin 1996, Stichotvorenija. S. 533.

26 Vgl. E. Dobin 1966, „Poėma bez geroja“ Anny Achmatovoj, S. 63.

27 Ebd.

28 Ebd., S. 71.

29 Vgl. A. Achmatova 1998, Sobranie sočinenij v šesti tomach, B. 3, S. 165 und 169.

30 Ebd., S. 169.

31 Ebd., S. 171.

32 Vgl. E. Dobin 1966, „Poėma bez geroja“ Anny Achmatovoj, S. 68.

33 Vgl. A. Achmatova 1998, Sobranie sočinenij v šesti tomach, B. 3, S. 179.

34 Ebd., S.183.

35 Vgl. V. Žirmunskij 1973, Tvorčestvo Anny Achmatovoj.

36 Ebd., S. 145.

37 Ebb., S. 146.

38 Ebd., S. 147.

39 Vgl. A. Achmatova 1998, Sobranie sočinenij v šesti tomach, B. 3, S. 188.

40 Vgl. V. Žirmunskij 1973, Tvorčestvo Anny Achmatovoj, S. 147.

41 Ebd., S. 151.

42 Vgl. A. Achmatova 1998, Sobranie sočinenij v šesti tomach, B. 3, S. 186.

Details

Seiten
13
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668019621
ISBN (Buch)
9783668019638
Dateigröße
575 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v303556
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Slavistik
Note
1,7
Schlagworte
Anna Achmatova; Poem ohne Held; Knittelvers;

Autor

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