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Afghanistan und seine Nachbarn. China, Iran, Indien und Pakistan und ihre Verstrickungen und Verbindungen in die afghanische Politik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 47 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Naher Osten, Vorderer Orient

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

1. Fragestellung und Vorgehensweise

2. Forschungsstand und Quellenlage

II. Interessen und Einflüsse der afghanischen Nachbarstaaten
1. Interessen und Einflüsse Chinas in Afghanistan
a) Wunsch nach Sicherheit und Stabilität in Xinjiang
b) Rolle Chinas im „Kampf gegen den Terror“
c) Beziehungen Chinas zur afghanischen Regierung und den Taliban
d) Ökonomische Interessen Chinas in Afghanistan
2. Interessen und Einflüsse Irans in Afghanistan
a) Unterstützung der Nordallianz gegen die Taliban – Irans Rolle im afghanischen Bürgerkrieg
b) Politische und Ökonomische Zusammenarbeit mit Karzai und Hazara
c) Flüchtlingsfrage, Drogenschmuggel, Wasserfrage – Probleme zwischen Iran und Afghanistan
d) Zusammenarbeit mit dem alten Erzfeind – Iran und die Taliban
e) Neueste Entwicklungen und intensivierte Kooperation mit der Regierung Karzai
3. Interessen und Einflüsse Indiens in Afghanistan
a) Konflikt mit Pakistan und Feindschaft zu den Taliban
b) Indophilie in afghanischer Gesellschaft und Regierung
c) Geoökonomische Beziehungen und Indien als „Soft Power“
4. Interessen und Einflüsse Pakistans in Afghanistan
a) Streit um die Durand-Linie und Verhältnis zu den Paschtunen
b) Pakistan und die Taliban prä 9-11
c) Pakistans doppeltes Spiel im „Krieg gegen den Terror“
d) Geringe Ökonomische Prioritäten Pakistans

III. Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Folgen der Nationalinteressen

IV. Fazit

V. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

The future we are trying to build in Afghanistan is one that we will share in peace with Pakistan, with Iran, (…), and with China, India (…), and it is a future that we cannot build without the goodwill and support of these neighbors[1], erklärte Präsident Hamid Karzai 2009 bei einer Afghanistan-Konferenz der UN in Den Haag und betonte die Bedeutung der Nachbarstaaten für die weitere Entwicklung seines Landes. Nicht ohne Grund: Die Geschehnisse und Entwicklungen in Afghanistan sind direkt mit den geopolitischen, ethnischen, kulturellen und ökonomischen Interessen und Einflüssen seiner mittelbaren und unmittelbaren Nachbarn verknüpft[2]. Man kann den Afghanistan-Konflikt nicht vollständig erfassen, ohne die Rolle von Pakistan, Indien, Iran und China in Betracht zu ziehen[3]: „ It's not possible to resolve the challenges internal to Afghanistan without addressing the challenges, especially in terms of security, related to Afghanistan's neighbors[4], erklärte auch General David Petraeus Anfang 2009. Für jede dieser vier Nationen spielt der Staat am Hindukusch eine besondere Rolle. Sei es aufgrund unruhiger Lagen in den Grenzgebieten, ethnisch-kulturellen Verbundenheiten, als möglicher Verbündeter gegen einen anderen Rivalen, aus geookönomischen Gründen, als Transitland oder im Kampf gegen den illegalen Drogenhandel. Jeder der vier Staaten verfolgt in Afghanistan eigene Interessen und möchte die innerafghanischen Verhältnisse zu seinen Gunsten beeinflussen – der eine forscher, der andere zurückhaltender. Diese Verstrickungen bleiben für den dortigen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungsprozess natürlich nicht ohne Folgen, was der nationale Sicherheitsberater der USA, James Jones, 2009 in einem Debriefing nach einem Treffen zwischen Barack Obama, Hamid Karzai und Asif Alsi Zardari auf den Punkt brachte: „ We have several countries, but we have one theater[5]. Insbesondere, wenn divergierende Interessen am Werk sind und Afghanistan zum Spielball ausländischer Kräfte verkommt, was es bereits in seiner Vergangenheit mehrfach war: Ob als Pufferstaat zwischen Großbritannien und Russland im 19. Jahrhundert[6] oder als Schauplatz des kalten Krieges zwischen der Sowjetunion und den USA im späteren 20. Jahrhundert[7]. Auch heute stören unterschiedliche Interessenlagen und bilaterale Konflikte die Stabilität Afghanistans. Doch so sehr die Nachbarstaaten Teil des Problems sind, können sie auch Teil der Lösung sein[8].

1. Fragestellung und Vorgehensweise

Ziel der folgenden Arbeit ist es, die einzelnen Interessen und Einflüsse Pakistans, Indiens, Irans und Chinas in Afghanistan herauszuarbeiten und miteinander zu vergleichen. Der zeitliche Fokus liegt dabei auf dem jüngsten Zeitraum seit Beginn des 21. Jahrhunderts, wobei gegebenenfalls auch auf frühere Entwicklungen eingegangen wird. Die Leitfragen lauten dabei: Welche Interessen und Ziele verfolg(t)en die einzelnen Staaten in Afghanistan? Gibt es gemeinsame Interessen oder stehen sich diese diametral entgegen? Welche Mittel wenden sie an, um diese zu erreichen? Welche Folgen hat(te) dies? Welche Rolle spielen Afghanistans Nachbarn für die zukünftige Entwicklung des Landes?

Hierfür werden in Kapitel II, dem Hauptteil, zunächst, die einzelnen Staaten betreffende, ausführliche Unterkapitel gebildet, in welchen der Fokus auf die singulären Interessen und Aktivitäten Chinas, Irans, Indiens bzw. Pakistans in Afghanistan gelegt wird. Dabei geht es unter anderem um sicherheitspolitische Aspekte, ökonomische Fragen, das Drogenproblem, ethnisch-religiöse Konflikte sowie den indisch-pakistanischen Konflikt und dessen Einfluss auf Afghanistan. Anschließend werden in Kapitel III die jeweiligen Nationalinteressen miteinander verglichen, um daraufhin zu erfahren, welche Einflüsse die Nachbarn Afghanistans gegebenenfalls gemeinsam ausüb(t)en, was dies zur Folge hat und wo konträre Interessen das Land womöglich erneut zum Spielball anderer Mächte verkommen lassen. Schließlich soll auch ein Blick auf die Zukunft gelegt werden, mit dem Ziel die jeweiligen Handlungsoptionen der Nachbarstaaten einzuordnen, die Möglichkeiten und Grenzen bestehender und möglicher weiterer multilateraler Zusammenarbeit aufzuzeigen sowie die Folgen möglicher zukünftiger Handlungen hervorzuheben. Ein abschließendes Fazit mit Beantwortung der Leitfragen und einer Zusammenfassung aller Ergebnisse dieser Arbeit folgt in Kapitel IV.

Generell wurde auf die erneute Übersetzung englischer Zitate in dieser Arbeit größtenteils verzichtet, um ihre Authentizität zu wahren und mögliche Verfälschungen zu vermeiden. Auch wurde diese Arbeit kurz vor den afghanischen Präsidentschaftswahlen verfasst, womit noch nicht auf den neuen Machthaber und seine Policies eingegangen werden kann. Ankündigungen der favorisierten Präsidentschaftskandidaten Abdullah Abdullah und Ashraf Ghani wurden allerdings berücksichtigt.

2. Forschungsstand und Quellenlage

Die Literaturlage ist aufgrund der Aktualität und Bedeutung des Themas für die kontemporäre Weltpolitik exzellent und mehr als ausschöpfend - es herrscht kein Mangel an Forschungsarbeiten und/oder Quellen.

Als besonders nützlich für die Analyse erwiesen sich diverse von Wikileaks veröffentlichte Dokumente und Quellen, wie diplomatische Depeschen/Cables, interne ISAF-Berichte oder auch private E-Mails. Es ist nicht Aufgabe dieser Arbeit die Methoden von Wikileaks zu bewerten – für die zeitgeschichtliche, historische und sicherheitspolitische Forschung stellen ihre Veröffentlichungen allerdings eine Goldgrube dar.

Auch kontemporäre Pressequellen wurden für diese Arbeit umfangreich ausgewertet, verwendet und zitiert, von der New York Times über den Spiegel, Reuters, Al Jazeera, den Daily Telegraph, die pakistanische Express Tribune oder The Guardian, neben vielen weiteren Publikationsmedien.

Im Bereich der Forschungsliteratur finden sich einige gute Aufsätze zu bilateralen Beziehungen mit Afghanistan:

Als primäre Informationsquelle zu den chinesisch-afghanischen Beziehungen wurde auf Zhao Huashengs „China and Afghanistan. China's Interests, Stances and Perspectives“ zurückgegriffen, einem Report des „Center for Strategic & International Studies“ in Washington. Dieser erweist sich als besonders nützlich, da Huasheng diverse chinesische Presse- und Regierungsquellen auswertete und sie dem westlichen Forscherkreis damit zugänglich macht.

Politikprofessor Mohsen M. Milani von der University of South Tampa (Florida), dient mit seinem 2006 im Middle East Journal erschienenen und an der Stanford University präsentierten 20-seitigen Aufsatz „Iran's Policy towards Afghanistan“ als Hauptinformationsquelle über die iranisch- afghanischen Beziehungen bis 2005.

Einblicke in die indisch-afghanischen Beziehungen und die indischen Motive in Afghanistan erhält der Leser in Prof. Ramesh Travedis 2008 erschienenem Buch „India's Relations with her Neighbours“, hier natürlich speziell im Kapitel „India-Afghanistan Relations“.

Einen guten Überblick über die pakistanisch-afghanischen Beziehungen bis 2006 bietet schließlich die vom „Carnagie Endowment for International Peace“-Think Tank veröffentlichte 20-seitige Analyse „Pakistan-Afghanistan Relations in the Post-9/11 Era“, in welcher auch auf die Rolle Indiens und den hintergründig schwelenden pakistanisch-indischen Konflikt und dessen Folgen für Afghanistan eingegangen wird. Auf diesen konzentriert sich auch die von Larry Hanauer und Peter Chalk für das RAND Center for Asia Pacific Policy[9] durchgeführte 90-seitige Analyse „India's and Pakistan's Strategies in Afghanistan“, welche sehr deutlich die kontraproduktive und destruktive Politik Pakistans und die Rolle Indiens als „Soft Power“ darstellt.

II. Interessen und Einflüsse der afghanischen Nachbarstaaten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Arte, 07.10.11, http://www.arte.tv/de/afghanistan-neue-seidenstrasse-und- bergbauzentrum/i18n/4189388,property%3DimageData,v%3D2,CmPart%3Dcom.arte-tv.www.jpg (abgerufen am 03.04.2014).

1. Interessen und Einflüsse Chinas in Afghanistan

a) Wunsch nach Sicherheit und Stabilität in Xinjiang

China teilt sich mit Afghanistan über den Wakhan-Korridor nur eine relativ winzige und kaum geschützte Grenze von etwas weniger als 100 km Länge, begrenzt auf die Xinjiang Region im äußeren Westen Chinas bzw. die Badakhshan-Provinz im Nordosten Afghanistans[10]. Ein fundamentalistisch-religiöser Einfluss in der Grenzregion soll möglichst gering gehalten werden, um ein Überschwappen auf das muslimisch-uigurisch geprägte und erdöl-, gas- und kohlereiche Gebiet Xinjiang zu verhindern[11], wo einzelne, mit den Taliban kooperierende, uigurische Gruppen wie das „East Turkistan Islamic Movement“ seit Jahrzehnten separatistische Ziele gegenüber dem chinesischen Zentralstaat verfolgen und damit dessen territoriale Integrität bedrohen. Dabei schrecken sie auch nicht vor blutigen Terroranschlägen zurück: beispielhaft sei das „Massaker von Kunming“ genannt, bei welchem Anfang März 2014 uigurische Angreifer wahllos mit säbelartigen Messern auf hunderte Reisende im Bahnhof Kunmings einstachen und dabei 30 Menschen töteten[12]. Die Stabilisierung Xinjiangs durch Herstellung von langfristiger Sicherheit gehört politisch zum absoluten Primärinteresse Chinas in Afghanistan[13] und war auch ein Grund, weswegen man 2001 der UN-Resolution 1373 zustimmte und damit einen amerikanischen bzw. internationalen Militäreinsatz in Afghanistan legitimierte[14].

b) Rolle Chinas im „Kampf gegen den Terror“

Generell übereinstimmende Interessen betonten China und die USA auch im Anschluss immer wieder in gemeinsamen Erklärungen, wie auch Ende 2009: „ Both sides support the efforts (...) to fight terrorism, maintain domestic stability and achieve sustainable economic and social development“ [15] . Eine aktive US-Präsenz möchte China daher auch über 2014 hinaus gerne erhalten sehen, auch um dauerhafte Sicherheit für chinesische Infrastrukturprojekte sicherzustellen[16]. Allerdings war und ist China nicht gewillt, sich aktiv-militärisch am internationalen Einsatz im Nachbarland zu beteiligen[17]. Auch, da man keine dem „Westen“ und speziell keine den USA untergeordnete Rolle einnehmen möchte, welchen man trotz gemeinsamer Interessen weiterhin mit Misstrauen und einer gewissen weltpolitischen Rivalität begegnet[18]. Lediglich bei der Ausbildung von afghanischen Sicherheitskräften gibt es chinesische Aktivitäten[19]. Umso bemühter ist man, die „Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit“ zu fördern und zu stärken, einen Zusammenschluss aus Russland, China und zentralasiatischen Staaten mit Iran und Afghanistan als Beobachtern bzw. Dialogpartnern, welcher „sich hauptsächlich gegen grenzüberschreitenden Terrorismus, islamistische Bewegungen und Drogenhandel richtet. (...) Handel, Investitionen und Infrastruktur sollten gefördert, neue Transportkorridore geschaffen werden.“[20].

Im Januar 2010 erklärte der damalige chinesische Außenminister Yang Jiechi prinzipielle Wünsche Chinas an die Entwicklung in Afghanistan: Ein von Afghanen regiertes Afghanistan als unabhängiger und souveräner Staat; Frieden durch politische Aussöhnung; Förderung einer progressiven Gesellschaft; Afghanistan als freundlicher Nachbar; Ökonomische Entwicklung; Internationale Kooperation durch Institutionen wie die „Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit“[21]. Diese Ziele wiederholte Jiechi leicht modifiziert mit Handlungsempfehlungen Ende 2011 in seiner Rede auf der Internationalen Afghanistan-Konferenz in Bonn [22] .

c) Beziehungen Chinas zur afghanischen Regierung und den Taliban

Die Beziehungen zwischen Peking und der afghanischen Regierung werden in der Literatur als normal bis gut beschrieben[23], mit regelmäßigen Staatsbesuchen auf beiden Seiten, wobei China bisher nur durch seine Außenminister und nicht durch den Präsidenten oder Premierminister vertreten wurde[24]. 2006 unterzeichneten beide Staaten ein Abkommen über „Gute Nachbarschaft und Kooperation“, primär in den Bereichen Sicherheit und Ökonomie. So arbeitet man unter anderem in Terrorabwehr sowie dem Kampf gegen Drogenschmuggel und organisiertes Verbrechen zusammen[25]. Anfang 2014 wurde noch einmal die Festigung dieser Kooperation erklärt: „ To strengthen the cooperation in aspects such as anti-terrorism, the fight against the East Turkistan Islamic Movement and transnational crimes, the Chinese side will continue to offer training and material assistance to Afghan military and police“ [26]. Kabul sieht die Partnerschaft zu China dabei auch als mögliche Alternative zu jener mit den USA[27], was angesichts der chinesischen Zurückhaltung aber eher ein Wunsch zu bleiben scheint.

Die Taliban behandelt man in Peking mit ablehnender Vorsicht - primär stört sich China dabei an den engen Verbindungen zwischen Taliban und dem „East Turkistan Islamic Movement“[28], welches mindestens bis 2011 von den Taliban Waffen, Ausbildung und Unterkunft erhielt[29] und damit auch Unterstützung bei der Planung und Durchführung mehrerer Aufstände in Xinjiang.

Insgesamt ist das chinesische Interesse an innerafghanischer Politik und ihren Strukturen jedoch relativ begrenzt - Peking möchte sich nicht allzu aktiv in domestische Fragen und Konflikte einmischen[30]. Auch, da man die Taliban als langfristig präsenten politischen Akteur perzipiert, mit dem es sich im Notfall zu arrangieren gilt und mit welchem man keine offene Feindschaft pflegen möchte - aus sicherheitspolitischen wie aus ökonomischen Motiven[31].

d) Ökonomische Interessen Chinas in Afghanistan

Ökonomisch und entwicklungspolitisch unterstützt China seinen Nachbar bei der Nutzung natürlicher Ressourcen, der Stromproduktion, dem Straßenbau bzw. Infrastruktur im Allgemeinen[32], sowohl finanziell durch Hilfszahlungen in unterer dreistelliger Millionenhöhe (zwischen 2002 und 2011 zahlte man insgesamt ca. 228 Millionen US-Dollar[33] ), als auch durch Know-How und Assistenz vor Ort, ähnlich den chinesischen Aktivitäten in Afrika[34]. So beteiligten sich der chinesische Staat und chinesische Unternehmen aktiv unter anderem an verschiedenen Infrastrukturprojekten wie dem Bau von Krankenhäusern oder Bewässerungsanlagen[35].

Primär auf Profit und Ressourcengewinnung zielt dagegen das größte chinesische Projekt: der Ausbau der Aynak-Kupfermine, wofür die „Chinese Metallurgical Group“ um die vier Milliarden US-Dollar investiert, neben weiteren Aktivitäten im Schienenbau, der Kohleförderung und der Stahlproduktion[36]. Die meisten Arbeiten beginnen dabei aber voraussichtlich erst nach Abzug der internationalen Truppen bzw. einer möglichen Unterzeichnung des Truppenabkommens zwischen Afghanistan und den USA, welches die US-Präsenz vor Ort verlängern würde - China möchte zunächst die dann möglicherweise veränderte Sicherheitslage prüfen, bevor es zu viel Personal und Material nach Afghanistan schickt[37]. Auch bei der Nutzung afghanischer Öl- und Gasreserven nimmt China als zahlungskräftiger Geschäftspartner eine Vormachtstellung ein: Ein das nordafghanische Amu Darya Becken betreffendes, im Dezember 2011 geschlossenes Förderabkommen zwischen der afghanischen Regierung und der „China National Petroleum Corporation“ garantiert Kabul eine Profitbeteiligung von 70%, sowie den Bau einer Raffinerie[38]. Wie viel Öl dabei tatsächlich gefördert werden kann, scheint jedoch völlig offen: der afghanische Minenminister Wahidullah Shahrani nennt immer wieder divergierende Zahlen bezüglich existierender Ölreserven[39]. Auch kam es zu bis zu den ersten Ölförderungen im Oktober 2012 zu Verzögerungen, da der ehemalige afghanische Verteidigungsminister und in der Region ansässige Warlord Abdul Dostum von den Chinesen eine Profitbeteiligung - genau genommen eine Art Schutzgeld - verlangte, was als weiteres Beispiel für die problematische Sicherheitslage gesehen werden kann[40].

Insgesamt ist die chinesische Rolle in Afghanistan als zurückhaltend einzustufen. Man hat ein starkes Interesse an einer stabilen Sicherheitslage in den Grenzgebieten und nahe eigener Wirtschaftsprojekte und allgemein einem „ruhigen“ Afghanistan, möchte dafür allerdings im Vergleich zu anderen Staaten nicht allzu viel investieren. Neben der Lage in Xinjiang stehen ökonomische Aktivitäten und Rohstoffförderung für Peking im Mittelpunkt des Engagements in Afghanistan.

2. Interessen und Einflüsse Irans in Afghanistan

a) Unterstützung der Nordallianz gegen die Taliban – Irans Rolle im afghanischen Bürgerkrieg

Die Beziehungen zwischen dem Iran und den Taliban waren in den neunziger Jahren von großer Abneigung, Hostilität und religiös-ideologischen Differenzen zwischen den sunnitischen Paschtunen und den schiitischen Persern geprägt. Auch die Finanzierung der Taliban durch seinen Erzfeind Saudi-Arabien stieß dem Iran dabei sauer auf. Daher unterstützte Teheran im Kampf gegen die „Achse Kabul-Islamabad-Riad“ die afghanische Nordallianz mit Militärberatern, Ausbildern, Geld und umfangreichen Waffenlieferungen[41]. Gleichzeitig war der Iran bedacht darauf, nicht direkt in einen aktiven Kampf gegen die Taliban einzutreten[42], selbst als diese 1997 die iranische Botschaft in Kabul schließen ließen[43] und kurz darauf acht iranische Diplomaten entführten, aus Wut und Rache für die Unterstützung ihrer Bürgerkriegsgegner durch Teheran[44]. Dies führte zwar zumindest zu einem massiven iranischen Truppenaufmarsch an der Grenze, doch einen aktiven und heißen Krieg wollten der damalige Neu-Präsident Khatami, Ayatollah Khameini und Alt-Präsident Rafsanjani auch aus Vorsicht nicht in Kauf nehmen: „ Afghanistan ist wie ein Sumpf. Jeder kann hineinfallen, aber nur wenige kommen sicher und unbeschädigt wieder heraus“ [45] . In der Folge nahmen die Konflikte zwischen Taliban und dem Iran dennoch weiter zu: Ein iranisches Kulturzentrum in Masar-i-Sharif wurde geplündert, die Verfolgungen, Diskriminierungen und Massaker an afghanischen Schiiten, den Hazara, intensiviert, der Zufluss des Helmand Flusses in den Iran blockiert[46].

[...]


[1] Hamid Karzai Statement, International Conference on Afghanistan, Den Haag, 31.03.2009, http://www.afghanistan-un.org/wp-content/uploads/2009/03/karzai-at-hague-conference-on-afghanistan.pdf, S. 11.

[2] Vgl. Henning Rie>

[3] Auch die nördlichen Nachbarn Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan versuchen durchaus Einfluss auf die Geschehnisse in Afghanistan zu nehmen und verfolgen eigene Interessen, wie z.B. die Sicherstellung des Zugangs zum indischen Ozean und dem generellen Wunsch nach Stabilität in Zentralasien. Auf die Rolle dieser Staaten wird jedoch aus Kapazitätsgründen und aufgrund ihrer vergleichsweise geringen Relevanz und Macht nicht näher eingegangen.

[4] Rede von General David Petraeus vor United States Institute of Peace, 08.01.2009, zitiert nach: Ashley J. Tellis: Implementing a Regional Approach to Afghanistan, in: Ashley J. Tellis/Aroop Mukharji: Is a Regional Strategy viable in Afghanistan? Carnegie Endowment for International Peace, Washington DC, 2010, http://carnegieendowment.org/files/regional_approach.pdf, S. 92.

[5] Jim Garamone: Hope for Future Afghanistan, Pakistan Talks. US Department of Defense, 07.05.2009, http://www.defense.gov/news/newsarticle.aspx?id=54229.

[6] Vgl. Jörg Baberowski: Afghanistan als Objekt britischer und russischer Fremdherrschaft im 19. Jahrhundert, in: Wegweiser zur Geschichte – Afghanistan, Paderborn 2009, S. 27.

[7] Vgl. Reinhard Schlagintweit: Afghanistan als Staat im 20. Jahrhundert, in: Wegweiser zur Geschichte – Afghanistan, Paderborn 2009, S. 40ff.

[8] Vgl. Riecke, a.a.O., S. 10.

[9] Ein US-amerikanischer Think Tank, welcher die US Army berät.

[10] Vgl. Michael W. Cotter: Afghanistan and its Neighbors. A Primer for Today's World, Chapel Hill, 2001, in: www.unc.edu/depts/diplomat/archives_roll/2001_10-12/cotter_mideast/cotter_mideast.html ; Vgl. Raffaello Pantucci / Alexandros Petersen: Finding common Ground in Afghanistan. Foreign Policy, 16.08.2012, http://southasia.foreignpolicy.com/posts/2012/08/16/finding_common_ground_in_afghanistan.

[11] Vgl. Cotter, a.a.O.

[12] Vgl. Petra Kolonko: Chinas 11. September und die Folgen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.03.2014, http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/asien/terrorismus-chinas-11-september-und-die-folgen-12840236.html.

[13] Vgl. Zhao Huasheng: China and Afghanistan. China's Interests, Stances and Perspectives. Report of the CSIC Russia and Eurasia Programm, Washington D.C., 2012, https://csis.org/files/publication/120322_Zhao_ChinaAfghan_web.pdf, S. 1 ; Vgl. Ankit Panda: China in Afghanistan: All about Xinjiang now?, in: The Diplomat, 26.02.2014, http://thediplomat.com/2014/02/china-in-afghanistan-all-about-xinjiang-now-2/

[14] Vgl. Huasheng, a.a.O., S. 8.

[15] Joint Statement von Hu Jintao und Barack Obama, 17.11.2009, in: Xinhua: China, US vow to advance Ties, expand Co-Op on Global Issues, http://al.china-embassy.org/eng/zggk/t627607.htm.

[16] Vgl. Panda, 2013, a.a.O.

[17] Vgl. Huasheng, a.a.O., S. 1.

[18] Vgl. Huasheng, a.a.O., S. 2 ; Vgl. Michael D. Swaine: China, in: Ashley J. Tellis/Aroop Mukharji: Is a Regional Strategy viable in Afghanistan? Carnegie Endowment for International Peace, Washington DC, 2010, http://carnegieendowment.org/files/regional_approach.pdf, S. 68.

[19] Vgl. Huasheng, a.a.O., S. 7.

[20] Petra Kolonko: Harmonie in der Halle des Volkes, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.06.2012, http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/china-in-afghanistan-harmonie-in-der-halle-des-volkes-11776741.html.

[21] Yang Jiechi: Chanshu zhongguo zai afuhan wenti shang 4 dian zhuzhang, 28.1.2010, zitiert nach: Huasheng, a.a.O., S. 5.

[22] Remarks by H.E. Yang Jiechi Minister of Foreign Affairs of the People's Republic of China at the International Afghanistan Conference Bonn, 5.12.2011, http://www.fmprc.gov.cn/eng/wjdt/zyjh/t884443.htm.

[23] Vgl. Huasheng, a.a.O., S.1.

[24] Vgl. Ebd., S. 2.

[25] Vgl. Ebd.

[26] Ministry of Foreign Affairs of the People's Republic of China: Wang Yi holds Talks with Foreign Minister of Afghanistan Zarar Ahmed Moqbel Osmani. Peking, 23.02.2014, http://www.fmprc.gov.cn/eng/zxxx/t1131891.shtml.

[27] Vgl. Christian Le Mière: Kabul's new Patron? The Growing Afghan-Chinese Relationship, in: Foreign Affairs, 13.04.2010, http://www.foreignaffairs.com/articles/66194/christian-le-miere/kabuls-new-patron.

[28] Vgl. Huasheng, a.a.O., S.1.

[29] Vgl. Ebd, S. 3.

[30] Vgl. Ebd., S. 2, 8.

[31] Vgl. Ebd., S. 9, 18.

[32] Vgl. Ebd., S. 3.

[33] Vgl. Ebd., S. 6.

[34] Vgl. Jiechi, a.a.O., 2011.

[35] Vgl. Huasheng, a.a.O., S. 6.

[36] Vgl. Ebd.

[37] Vgl. Alexandros Petersen: Afghanistan has what China wants. Foreign Policy, 18.04.2013, http://southasia.foreignpolicy.com/posts/2013/04/18/afghanistan_has_what_china_wants. ; Vgl. Dion Nissenbaum: Delays imperil Mining Riches Afghans need after Pullout, in: Wall Street Journal, 12.06.2012, http://online.wsj.com/news/articles/SB10001424052702304019404577418363707647028?mg=reno64-wsj&url=http%3A%2F%2Fonline.wsj.com%2Farticle%2FSB10001424052702304019404577418363707647028.html.

[38] Vgl. Zhang Rui: China, Afghanistan Sign First Oil Contract. China Network Television, 29.12.2011, http://english.cntv.cn/program/newsupdate/20111229/107468.shtml.

[39] Vgl. Petersen, a.a.O.

[40] Vgl. Hamid Shalizi: China's CNPC begins Oil Production in Afghanistan. Reuters, 21.10.2012, http://uk.reuters.com/article/2012/10/21/uk-afghanistan-oil-idUKBRE89K07Y20121021.

[41] Vgl. Mohsen M. Milani: Iran's Policy towards Afghanistan, in: Middle East Journal, 60 (2), 2006, S. 235, 245; Bhatty / Hoffman, a.a.O., S. 35.

[42] Vgl. Milani, a.a.O., S. 243.

[43] Vgl. Ebd., S. 244.

[44] Vgl. Ebd., S. 245.

[45] Zitat von Rafsandjani aus zweiter Hand, zitiert nach: Milani, a.a.O., S. 245.

[46] Vgl. Ebd.

Details

Seiten
47
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668017863
ISBN (Buch)
9783668017870
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v303406
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Historisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Afghanistan China Iran Indien Pakistan Nachbarschaftspolitik Bilateral Multilateral Außenpolitik Internationale Beziehungen Xinjiang Drogenschmuggel Taliban Paschtunen Karzai

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Titel: Afghanistan und seine Nachbarn. China, Iran, Indien und Pakistan und ihre Verstrickungen und Verbindungen in die afghanische Politik