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Die Raum- und die Zeitstruktur in der Erzählung „Die Dame mit dem Hündchen” von Anton Čechov

Bachelorarbeit 2008 53 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINFÜHRUNG
1.1 EINLEITUNG
1.2 GRUNDLAGEN
1.3 FRAGESTELLUNG
1.4 AUFBAU DER ARBEIT

2. DIE KONSTRUKTION DER ERZÄHLUNG

3. DER HANDLUNGSRAUM

4. DIE STRUKTUR DES RAUMES IN DER ERZÄHLUNG “DIE DAME MIT DEM HÜNDCHEN”: “INNEN”- UND “AUSSEN”-RÄUME
4.1 “INNEN”-RÄUME
4.2“AUSSEN”-RÄUME

5. GRENZE
5.1 PHYSISCHE GRENZE
5.2 GEOGRAPHISCHE GRENZE
5.3 FIGURATIVE GRENZE

6. GRENZÜBERSCHREITUNG
6.1 DIREKTE GRENZÜBERSCHREITUNG
6.2 INDIREKTE GRENZÜBERSCHREITUNG

7. DIE ZEITSTRUKTUR IN DER ERZÄHLUNG “DIE DAME MIT DEM HÜNDCHEN”
7.1 OPPOSITION DER JAHRESZEITEN: SOMMER UND WINTER
7.2 DIE STRUKTUR DER ZEIT
7.2.1 DIE ZEITLINIE
7.2.2 DIE ZEITSTRUKTUR

8. SCHLUSSBETRACHTUNG

9. LITERATURVERZEICHNIS

1. EINFÜHRUNG

1.1 EINLEITUNG

Die vorliegende Arbeit widmet sich der Untersuchung der Struktur des Raumes und der Zeit in der Erzählung “Die Dame mit dem Hündchen” (1899) von Anton Pavlovič Čechov (1860-1904). Doch vor einer ausführlichen Analyse der Raum- und der Zeitstruktur, soll die Erzählung in eine der drei im Folgenden angeführten Schaffensperioden von Čechov eingeordnet werden.

Das literarische Schaffen von Anton Čechov beginnt etwa 1880. Während seines Medizinstudiums schreibt Čechov unter dem Pseudonym Antoša Čechonte erste kleine humoristische Geschichten, die er in Zeitungen bzw. Zeitschriften veröffentlicht.1 Der Dichter Grigorovič macht Čechov letztendlich auf sein Talent aufmerksam und empfiehlt ihm, seine schriftstellerische Fähigkeiten weiterzuentwickeln, um sich mit seriöseren literarischen Arbeiten beschäftigen zu können.

Zwischen 1886 und 1894 widmet Čechov sich seiner schriftstellerischen Selbstfindung und versucht vergeblich einen Roman zu schreiben. Während dieser Schaffensperiode entstehen nach und nach mehrere Erzählungen und auch das erste Drama mit vier Akten. Zu diesem Zeitpunkt schreibt Čechov bereits unter seinem richtigen Namen.2 Etwa ab 1895 beginnt die letzte und die wohl wichtigste Periode seiner schriftstellerischen Tätigkeit, der seine bedeutenden Erzählungen und die großen Dramen zuzuweisen sind. Dieser Schaffensphase Čechovs kann die Erzählung “Die Dame mit dem Hündchen” zugeordnet werden, die wohl zu den gelungensten Werken Čechovs und zu einer der wenigen optimistischen Erzählungen des Autors gezählt werden kann.

1.2 GRUNDLAGEN

Nachdem die Erzählung einer der insgesamt drei Schaffensphasen von Čechovs literarischen Wirken zugewiesen wurde, soll auf die allgemeine Klärung des Begriffes des Raumes und des Begriffes der Zeit in einem literarischen Werk näher eingegangen werden, was dem besseren Verständnis der Thematik dienen soll. Bei der Untersuchung einer literarischen Welt kann festgestellt werden, dass diese “künstlich” erschaffene Welt, genauso wie die objektive Welt, nicht außerhalb eines räumlich-zeitlichen Rahmens existieren kann. Raum und Zeit stellen jeweils eine Form der Existenz einer literarischen Welt dar und gehören somit zu den unentbehrlichen Attributen eben dieser literarischen Welt. In der Geschichte der Wissenschaft liegen bekanntlich jeweils zwei unterschiedliche Entwürfe des Raum- und des Zeitbegriffs vor. Zum einen wird nach Isaak Newton der Raum als Materie beinhaltende Leere und die Zeit als ein gleichmäßig verlaufendes Etwas definiert. Eine andere Konzeption, die auf Überlegungen von Aristoteles zurückzuführen ist, kommt in Albert Einsteins Relativitätstheorie zum Ausdruck, die Raum und Zeit als untrennbares Ganzes betrachtet.3

Bis zum 20. Jahrhundert herrscht Newtons Konzeption von Raum und Zeit vor und lässt den Raum der literarischen Welt als Ort der Handlung und die Zeit als Dauer der Handlung begreifen. Diese Betrachtung kann jedoch den eigentlichen Sinn und die Funktion von Raum und Zeit in der literarischen Welt nicht erfassen und schließt deshalb diese beiden Begriffe aus der Liste der literaturwissenschaftlichen Kategorien aus. Die newtonsche Definition von Raum und Zeit ist heutzutage beispielsweise bei historisch-literarischen Analysen gebräuchlich.

In den 1960er Jahren entwickelt sich in der Literaturwissenschaft die Auffassung von Raum und Zeit, mit der sich das wissenschaftliche Denken des 20. Jahrhunderts definieren lässt. Der Begriff des Raumes und der Begriff der Zeit werden somit anhand von Konflikten, Situationen, Figuren und deren Verhältnissen untereinander determiniert. Neben Michail Bachtin - eine Betrachtung seiner Forschungsansätze würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen - setzt sich Jurij Lotman in den 1970er Jahren mit der Thematik des literarischen Raumes auseinander und definiert diesen als eine Art “… континуум, в котором размещаются персонажи и совершается действие.”4 Der literarische Raum übernimmt demnach in einem Werk einerseits die Funktion eines Hintergrunds bzw. einer Kulisse und soll dabei helfen, eine Charakterbeschreibung der Protagonisten auszuarbeiten. Andererseits trägt der literarische Raum dazu bei, eine außergewöhnliche Stimmung zu vermitteln, schafft aber auch Intertextualität bzw. verweist auf den einen oder anderen (außerliterarischen) Diskurs. Neben diesen Funktionen, die meistens in Kombination miteinander auftreten, trägt der literarische Raum nach Lotman vor allem zur Konstituierung und zur Dekodierung des jeweiligen Weltmodells bei. Dies wird jedoch erst aufgrund der Zeichen- und Modellfunktion eines Werkes möglich.5 Sprachliche Zeichen stellen dabei die Raumbeschaffenheit in Form semantischer Oppositionen dar und stehen in Wechselbeziehung mit anderen, nicht räumlichen und emotionsbesetzten Oppositionen:

“Понятия ,высокий - низкий‘, ,правый - левый‘, ,близкий - далекий‘, ,открытый - закрытый‘, ,отграниченный - неотграниченный‘, ,дискретный - непрерывный‘ оказываются материалом для построения культурных моделей с совсем непространственным содержанием и получают значение: ,ценный - неценный‘, ,хороший - плохой‘, ,свой - чужой‘, ,доступный - недоступный‘, ,смертный - бессмертный‘ и т.п.”6

Somit bringt der Autor bzw. der Künstler seine Beziehung zur Wirklichkeit durch seine räumliche Vorstellung zum Ausdruck: “… xудожественное пространство представляет собой модель мира данного автора, выраженную на языке его пространственных представлений.”7 Der literarische Raum ist sozusagen ein erlebter bzw. erinnerter und ein illusorischer Raum, der vor allem durch die Weltsicht und die Befindlichkeit des Autors geprägt ist. Außerdem wird der Raum aufgrund des Mediums der literarischen Sprache transformiert.8 Dabei werden die Objekte der realen Welt in einem literarischen Werk subjektiv und bildlich dargestellt, wohingegen dieselben Objekte etwa in einer wissenschaftlichen Arbeit objektiv und abstrakt beschrieben werden.

Wie bereits erwähnt, gehören der Begriff der Zeit sowie der Begriff des Raumes zur Grundstruktur der literarischen Welt. Im Laufe der Jahre haben verschiedene Literaturwissenschaftler immer wieder versucht den Begriff der Zeit in einem literarischen Werk umfassend zu definieren. Dies ist letztendlich einem französischen Literaturwissenschaftler namens Gérard Genette meisterhaft gelungen, der das wohl bislang komplexeste Analysemodell bezüglich der Struktur der Zeit in literarischen Werken vorgelegt hat. Nach Genette basiert die erzähltheoretische Analyse der Zeitstruktur auf einer Gegenüberstellung von erzählter Zeit und Erzählzeit. Diese Gegenüberstellung geht aus einer in jedem Werk bestehenden Dichotomie von discours (Geschichte) und von histoire (Geschehen) hervor. Der Terminus discours wird dabei als “das durch einen kausalen Erklärungszusammenhang motivierte und zu einem sinnvollen Ganzen integrierte Geschehen einer Erzählung”9 und der Terminus histoire als “die Folge von chronologisch aufeinander folgenden Ereignissen mit konstantem Subjekt”10 definiert.

Die Erzählzeit stellt die Zeit dar, die der Erzähler für das Erzählen seiner Geschichte braucht. Unter anderem bemisst sich die Erzählzeit nach dem Seitenumfang der Erzählung selbst. Der Begriff der erzählten Zeit definiert die Dauer der erzählten Geschichte. Jede Erzählung zeichnet sich dabei durch eine charakterisierende Interaktion von erzählter Zeit und Erzählzeit aus. Dieses Verhältnis der beiden Zeiten wird von Genette als Erzähltempo bezeichnet und in Form von drei unterschiedlichen Fragen geordnet: “In welcher Reihenfolge?” (Ordnung), “Wie lange?” (Dauer) und “Wie oft?” (Frequenz).

Der Ablauf der Geschehnisse in der Zeit und der Ablauf ihrer Darstellung im Erzählrahmen stimmen meistens nicht überein, sondern sehr oft liegt der Fall einer narrativen Anachronie vor, die als eine Umstellung der Ereignisfolge beschrieben werden kann. Eine Anachronie tritt in zwei Formen auf: Analepse und Prolepse. Im Falle einer Analepse (Rückwendung) wird ein Ereignis nachträglich dargestellt, während im Falle einer Prolepse (Vorausdeutung) ein Ereignis, das in der Zukunft liegt, vorweggenommen erzählt wird. Was die Kategorie der Dauer angeht, unterscheidet Genette fünf verschiedene Arten von Verhältnissen zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit: Pause, Dehnung, Szene, Raffung und Ellipse. Unter dem Begriff Pause wird eine Unterbrechung der fortlaufenden Darstellung der Handlung zugunsten von Beschreibungen, Kommentaren und Reflexionen verstanden. Dehnung (zeitdehnendes Erzählen) stellt eine zeitlupenartige Schilderung dar, wobei die Erzählzeit besonders umfangreich ist. Der Begriff Szene beschreibt die Verbindung zwischen der Dauer der erzählten Begebenheit und der Dauer der Erzählung, die in erster Linie in dialogischen Erzählpassagen festgestellt werden kann.

Raffung (zeitraffendes Erzählen) wird von Genette als zusammenfassendes Erzählen eines weitläufigen Handlungsabschnittes definiert. Ellipse (Zeitsprung) ist ein Abschnitt der Zeit des dargestellten Geschehens, der in der Erzählung weggelassen wird. In der Kategorie Frequenz unterscheidet Genette insgesamt drei Formen: singulatives (was einmal geschieht, wird einmal erzählt), repetitives (was einmal geschieht, wird mehrmals erzählt) und iteratives (was mehrmals geschieht, wird einmal erzählt) Erzählen.11

1.3 FRAGESTELLUNG

Nachdem die Begriffe von Raum und Zeit in einem literarischen Werk definiert wurden, besteht die Möglichkeit, die Raum- und die Zeitstruktur in der Erzählung “Die Dame mit dem Hündchen” nach dem vorliegenden Raster zu untersuchen. Dabei ergeben sich vor allem die folgenden Fragen: Nach welcher Raumkonstellation wird die Raumstruktur im vorliegenden Werk aufgebaut und welche Rolle wird dabei dem Begriff Grenze und deren Überschreitung zugewiesen?

Im Rahmen der Untersuchung der Thematik der Grenze und der Grenzüberschreitung stellt sich ebenfalls die Frage nach der Typisierung der Grenze und deren Übertretung im vorliegenden Werk, wobei neue Begriffe, die einer Simplifizierung der Raumstrukturanalyse dienen sollen, eingeführt werden. Des Weiteren steht die Struktur der Zeit im Mittelpunkt der Betrachtung und es wird untersucht, auf welche Art und Weise diese in der Erzählung “Die Dame mit dem Hündchen” konstituiert wird.

1.4 AUFBAU DER ARBEIT

Aufgrund der dargelegten Fragestellung lässt sich eine Gliederung der folgenden Arbeit erstellen. In erster Linie steht die Struktur des Raumes im Mittelpunkt der Betrachtung. Die Kapitel 2 bis 6 setzen sich mit der Thematik der Raumstruktur in der Erzählung “Die Dame mit dem Hündchen” auseinander, wobei im Kapitel 2 die Komposition der Erzählung und im Kapitel 3 der Handlungsraum im Vordergrund der Betrachtung steht. Anschließend geht es um die Problematik der Raumkonstellation im vorliegenden Werk. Dabei werden im Kapitel 4 die Begriffe des “Innen”-Raumes und des “Außen”-Raumes näher in Augenschein genommen. Weiterhin wird im Kapitel 5 die Frage nach der Grenze und ihrer Arten angegangen, um im Anschluss im Kapitel 6 auf die mit der Grenzthematik verbundene Problematik der Grenzüberschreitung und deren Folgen einzugehen.

Im Kapitel 7 steht die Zeitstruktur in der Erzählung “Die Dame mit dem Hündchen” im Mittelpunkt der Betrachtung, wobei in erster Linie auf die Opposition der Jahreszeiten, Sommer und Winter, eingegangen wird. Anschließend wird die Zeitstruktur des Werkes anhand der von Genette ausgearbeiteten erzähltheoretischen Zeitstrukturanalyse untersucht. In der Schlussbetrachtung der vorliegenden Arbeit werden die Ergebnisse der Raum- und der Zeitstrukturuntersuchung zusammengefasst. Des Weiteren wird auf zwei weitere Werke Čechovs eingegangen, um die Vielfalt der Raum- und der Zeitstrukturen aufzuzeigen.

2. DIE KOMPOSITION DER ERZÄHLUNG

Vor der Untersuchung der Raum- und der Zeitstruktur der Erzählung “Die Dame mit dem Hündchen” soll es um die Komposition der Erzählung gehen, um auf inhaltliche und narrative Besonderheiten dieser Erzählung hinzuweisen. Die zu untersuchende Erzählung besteht aus insgesamt vier Kapiteln, deren jeweilige Länge zwischen drei und fünf Seiten beträgt. Bereits im ersten Kapitel, das genauso wie das vierte Kapitel einen Umfang von etwa drei Seiten aufweist, werden dem Leser nähere Information über Dmitrij Gurov und seine Familie mitgeteilt: Der Leser erfährt, dass Gurov noch nicht 40. Jahre alt, unglücklich verheiratet und der Vater von einer zwölfjährigen Tochter und von zwei Söhnen ist. Schätzungsweise in der Mitte des ersten Kapitels lernt Gurov die ihm zuvor unbekannte Dame mit dem Hündchen - Anna Sergeevna - kennen, die, wie er selbst, unglücklich verheiratet ist. Beide Protagonisten sind ohne ihre Ehepartner unterwegs und schon bald entwickelt sich zwischen den beiden eine Liebesbeziehung. Für Gurov hat diese Affäre beinahe einen routinehaften Charakter und in seinem Verhalten gegenüber Anna Sergeevna kann anfangs immer ein unterschwelliger Ton von Ironie vernommen werden. Nach einigen Wochen reist Anna Sergeevna nach S. ab und die beiden sind sich ziemlich sicher, dass sie sich nie mehr wiedersehen werden. Nach Annas Abreise am Ende des zweiten Kapitels kehrt Gurov nach Moskau zurück und geht wie gewohnt seinen Aufgaben nach. Er ist davon überzeugt, Anna Sergeevna bald vergessen zu können, doch seine Erwartungen gehen nicht in Erfüllung. Die Erinnerungen an seine sommerliche Romanze verblassen nicht. Im Gegenteil, die Gestalt von Anna Sergeevna gewinnt in Gurovs Gedanken immer mehr an Präsenz, so dass er sich dazu entscheidet, in die Provinzstadt S. zu reisen, um dort, wenn möglich, Anna Sergeevna zu treffen. Dort angekommen, versucht Gurov mit seiner Geliebten in Verbindung zu treten, was ihm zunächst nicht gelingt.

Schließlich steht Gurov seiner Angebeteten gegenüber und sie gestehen sich gegenseitig ihre Liebe. Von da an kommt Anna alle zwei bis drei Monate nach Moskau. Gegenüber ihrem Mann behauptet sie, in Moskau einen Arzt wegen eines Frauenleides konsultieren zu müssen. Sie wohnt immer im “Slavjanskij Bazar”, wo Gurov sie jedes Mal aufsucht. Vergebens versuchen die beiden eine Lösung aus ihrer verzwickten Situation zu finden:

“И казалось, что ещё немного - и решение будет найдено, и тогда начнётся новая, прексрасная жизнь; и обоим было ясно, что до конца ещё далеко-далеко и что самое сложное и трудное только ещё начинается.”12

An dieser Stelle bricht die Erzählung ab und die Frage, ob die beiden Liebenden letztendlich einen Ausweg finden, bleibt unbeantwortet. Festzuhalten wäre, dass im Verlauf der gesamten Geschehnisse der Erzählung der Schwerpunkt der Handlung offensichtlich auf der Seite von Dmitrij Gurov liegt, denn beinahe alle Ereignisse werden dem Leser aus seiner Sicht mitgeteilt. Teilweise bekommt der Leser sogar einen Einblick in die Gedanken- und in die Gefühlswelt des männlichen Protagonisten - Gurov. So werden dem Leser etwa Gurovs Gedanken bezüglich Anna Sergeevna kurze Zeit nach deren Bekanntschaft mitgeteilt: “Что-то в ней есть жалкое всё-таки, - подумал он и стал засыпать.”13 Alle anderweitigen Kommentare in der Erzählung kommen vonseiten des auktorialen Erzählers, der dem Leser beispielsweise bestimmte Informationen über die Protagonisten und deren Lebensverhältnisse verrät oder sich etwa der Darstellung der Landschaft widmet. Im folgenden Kapitel steht der Handlungsraum im Mittelpunkt der Untersuchung.

3. DER HANDLUNGSRAUM

Zwei Welten stehen sich in der Erzählung “Die Dame mit dem Hündchen” gegenüber: die des Alltags, der Banalität, der Gefangenschaft und Einsamkeit und die der persönlichen Freiheit, der Natur und Liebe. Die erste ist zum einen durch die Provinzstadt S., in der Anna Sergeevna mit ihrem unterwürfigen, langweiligen Ehemann lebt, besetzt. Das Haus der beiden wird durch keinerlei Farbangabe genauer bezeichnet; lediglich der graue Zaun, der das Haus umgrenzt, wird erwähnt. Wie Gurov von einem Portier erfährt, leben die Eheleute von Dideric in reichen Verhältnissen:

“Швейцар дал ему нужные сведения: фон Дидериц живёт на СтароГончарной улице, в собственном доме ... живёт хорошо, богато, имеет своих лошадей, его все знают в городе.”14

Offensichtlich gehören die Eheleute von Dideric zum wohlhabenden Provinzadel. Der Ehemann von Anna Sergeevna ist bei einer Behörde tätig, während Anna Sergeevna, dem üblichen Bild der Frau von damals entsprechend, ihren Alltag mit nichts anderem als Klavierspielen verbringt. Ihres Alltags überdrüssig geworden, flieht Anna Sergeevna nach Jalta: “… со мной что-то делалось, меня нельзя было удержать, я сказала мужу, что больна, и поехала сюда ...”15 Des Weiteren wird die erste Welt, das heißt die Welt des Alltags und der Banalität, der Gefangenschaft und Einsamkeit, zusätzlich auch in der Welt von Moskau, in der Gurov sich aufhält, ersichtlich. Die Welt von Moskau ist somit von Banalität und “… тяжёлых на подъём …”16 Moskauer erfüllt, die eben diese Banalität in ihrem Alltag ausleben. Vor seiner persönlichen Wandlung, die auf seine Liebe zu Anna Sergeevna zurückzuführen ist, gehören Besuche zu Jubiläen, gesellschaftlichen Zusammenkünften und Besuche in Klubs zu Gurovs Alltag:

“… тянуло в рестораны, клубы, на званые обеды, юбилеи, и уже ему было лестно, что у него бывают известные адвокаты и артисты и что в Докторском клубе он играет в карты с профессором.”17

Die alltägliche Welt der Provinzstadt S. und von Moskau werden der Traumwelt von Jalta entgegengestellt. Jalta, ein südlich gelegener Kur- und Urlaubsort am Schwarzen Meer, stellt in der Erzählung “Die Dame mit dem Hündchen” eine von Freiheit und Liebe erfüllte Welt dar, die von beinahe malerisch vorgeführten Naturbildern umrandet wird. Die Natur rückt vor allem deswegen in den Vordergrund, da Anna Sergeevna und Gurov sich hauptsächlich im Freien aufhalten. So finden etwa die meisten Mahlzeiten draußen statt: “… потом каждый полдень они встречались на набережной, завтракали вместе, обедали, гуляли, восхищались морем.”18 Die Strandpromenade wird zum Treffpunkt aller Reisenden, zu denen auch Gurov und Anna Sergeevna zählen: “Они гуляли и говорили о том, как странно освещено море”19.

Der Anblick des Meeres verstärkt bei den beiden den Wunsch nach Freiheit und nach einem Ausbruch aus den gewohnten Verhältnissen, der einer Wandlung der Persönlichkeit der beiden vorangeht. In dieser Traumwelt bzw. Zauberwelt wird die Welt des Alltags zurückgedrängt und verschwindet hinter der Kulisse der Natur. Die Gliederung der Handlungsräume basiert nicht nur auf der Polarisierung der beiden Welten. Sie erfordert auch eine weiterführende detaillierte Untersuchung der Struktur des Raumes.

[...]


1 Vgl. dazu Anton Tschechov. 1860-1904. Leben und Werk. Eine Ausstellung des Staatlichen Literaturmuseums Moskau im Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf, 10. März bis 22. April 1979. Hrsg. Joseph A. Kruse. Düsseldorf 1979. S. 16 f.

2 Vgl. dazu Anton Tschechov. 1860-1904. Leben und Werk. Eine Ausstellung des Staatlichen Literaturmuseums Moskau im Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf, 10. März bis 22. April 1979. Hrsg. Joseph A. Kruse. Düsseldorf 1979. S. 16 f.

3 Vgl. dazu Einstein, A. Grundzüge der Relativitätstheorie. 5. Auflage. Berlin 1969. S. 5 ff.

4 Lotman, J. Problema chudožestvennogo prostranstva v proze Gogol’ja. In: O russkoj literature. Sankt-Peterburg 1997. S. 627.

5 Vgl. dazu Lotman, J. Struktura chudožestvennogo teksta. Moskva 1970. S. 266.

6 Lotman, J. Struktura chudožestvennogo teksta. Moskva 1970. S. 267.

7 Lotman, J. Problema chudožestvennogo prostranstva v proze Gogol’ja. In: O russkoj literature. Sankt-Peterburg 1997. S. 622.

8 Ebenda.

9 Matias, M. und Michael, S. Einführung in die Erzähltheorie. 3. Auflage. München 2002. S. 31.

10 Ebenda.

11 Vgl. dazu Genette, G. Die Erzählung. 2. Auflage. München 1998. S. 21-91.

12 Čechov, A. P. Dama s sobačkoj. In: Polnoe sobranie sočinenij i pisem v tridcati tomach. [im Folgenden zitiert als: PSS] Tom desjatyj. 1898-1903. Moskva 1977. S. 143.

13 Čechov, A. P. Dama s sobačkoj. In: PSS. Tom desjatyj. 1898-1903. Moskva 1977. S. 130.

14 Čechov, A. P. Dama s sobačkoj. In: PSS. Tom desjatyj. 1898-1903. Moskva 1977. S. 138.

15 Čechov, A. P. Dama s sobačkoj. In: PSS. Tom desjatyj. 1898-1903. Moskva 1977. S. 132.

16 Čechov, A. P. Dama s sobačkoj. In: PSS. Tom desjatyj. 1898-1903. Moskva 1977. S. 129.

17 Čechov, A. P. Dama s sobačkoj. In: PSS. Tom desjatyj. 1898-1903. Moskva 1977. S. 136.

18 Čechov, A. P. Dama s sobačkoj. In: PSS. Tom desjatyj. 1898-1903. Moskva 1977. S. 134.

19 Čechov, A. P. Dama s sobačkoj. In: PSS. Tom desjatyj. 1898-1903. Moskva 1977. S. 130.

Details

Seiten
53
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783668017764
ISBN (Buch)
9783668017771
Dateigröße
719 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v303236
Institution / Hochschule
Universität Konstanz
Note
2
Schlagworte
raum- zeitstruktur erzählung dame hündchen” anton

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Titel: Die Raum- und die Zeitstruktur in der Erzählung „Die Dame mit dem Hündchen” von Anton Čechov