Lade Inhalt...

„Die Befremdung der eigenen Kultur“. Möglichkeiten und Grenzen der Ethnographie als Forschungsstrategie in der Soziologie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 24 Seiten

Soziologie - Methodologie und Methoden

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Ethnographie als Forschungsstrategie in der Soziologie

2. Die Methodologie der Ethnographie
2.1. Die längere Teilnahme am Geschehen
2.2. Die Praxis der Feldforschung
2.3. Ethnographie als Medium gesellschaftlicher Selbstbeobachtung
2.4. Ethnographisches Schreiben und Protokollieren

3. Das Verhältnis von Theorie und Empirie in der Ethnographie

4. Möglichkeiten und Grenzen der Ethnographie
4.1. Was bietet die ethnographische Forschungsstrategie an?
4.2. Welche Probleme wirft die Auseinandersetzung mit Ethnographie auf?

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Ethnographie steht im Ruf, eine komplexe und schwierige Forschungsmethode zu sein. Im angloamerikanischen Sprachraum kann mit ihr sogar die gesamte qualitative Sozialforschung gemeint sein (vgl. Knoblauch 2001: 123). Im deutschsprachigen Raum versteht man hinge­gen unter Ethnographie zumeist teilnehmende Beobachtung in Kombination mit ergänzenden Erhebungsverfahren. Die Ethnographie zeichnet sich dadurch aus, eine offene, flexible Forschungsstrategie zu sein, die ihren Forschungsgegenstand unvoreingenommen zu betrachten und zu beschreiben sucht. Auch bekannt als Feldfor­schung, hat die Ethnographie gerade in der Soziologie, wo sie in den letzten Jahren zunehmende Anwendung findet, mit gewissen Beschuldigungen zu kämpfen: Sie sei „aus der Sicht der soziologischen Theorie hoffnungslos empiristisch, aus der Sicht der standardisierten Sozialforschung unrettbar vorwissenschaftlich, und aus der Sicht der postmodernen epistemologi­schen Kritik selbstverständlich nichts als literarisch“ (Amann/Hirschauer 1997: 7). Auch die (Erhebungs-)Methodenpluralität (von der teilnehmenden Beobachtung und ihrer Protokollierung, über Interviews und Audio- und Videoaufzeichnungen bis hin zu Ana­lyse von Dokumenten, Geräten, Gegenständen) sowie die entsprechenden vielfältigen Auswertungsverfahren machen aus der Ethnographie eine umstrittene und gleichzeitig anzie­hende Forschungsperspektive.

In der folgenden Arbeit möchte ich herausfinden, welche Möglichkeiten die Ethnographie als Forschungsansatz in der Soziologie bietet und wo sie an ihre Grenzen stößt. Dafür werde ich die ethnographische Forschungsstrategie in der Soziologie darstellen. Danach werde ich auf die Besonderheit der Methodologie in Bezug auf die teilnehmende Beobachtung, die Feldforschung, die Ethnographie als Medium der gesellschaftlichen Selbstbeobachtung und das ethnographische Schreiben eingehen. Danach werde ich auf das Verhält­nis von Theorie und Empirie bzw. über die Offenheit und Flexibilität im ethnographische­n Forschungsansatz zu sprechen kommen. Schließlich möchte ich die Möglichkeite­n und die Grenzen der Ethnographie aus den vorherigen Punkten herausarbeiten, weiter ergänzen und diskutieren.

1.Ethnographie als Forschungsstrategie in der Soziologie

Mit dem Begriff Ethnographie bezeichnete man ursprünglich die Beschreibung eines Volkes bzw. einer Ethnie. Ethnographinnen[1] richteten ihre Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Kultur und untersuchten ihre Wissensbestände und -formen, ihre Alltagspraxis und Lebenswelten. Die Ethnographie hat ihre Wurzeln in der Ethnologie und Kulturanthropologie, wo sie benutzt wurde, um fremde Völker und Kulturen zu untersuchen. Anders als in diesen Disziplinen beschäftigt sich die sozialwissenschaftliche Ethnographie mit der eigenen Kultur bzw. mit den „Kulturen der eigenen Gesellschaft“ (Lüders 2003: 390). Der Fokus richtet sich somit nicht mehr auf das „Fremde“ sondern auf das „Eigene“, auf das, was bekannt, aber nicht unbedingt vertraut ist. Das Besondere der Ethnographie besteht aber in ihrer Art der Betrachtung: Diese mehr oder weniger bekannte, mehr oder weniger vertraute (Sub)Kultur oder Gruppe, die als Gegenstand fungiert, muss methodisch verfremdet werden: Sie wird betrachtet, als sei sie fremd (vgl. Amann/Hirschauer 1997). Es geht um kulturelle Phänomene, die entdeckt werden müssen. Der Erkenntnisstil des Entdeckens ist also das Grundprinzip der Ethnographie als Forschungsstrategie. Sie beschränkt sich nicht nur auf ein bestimmtes Gebiet, denn durch das Entdecken ist es möglich, alle Gegenstände und alle Bereiche der Gesellschaft „kurios“ zu betrachten. Dadurch ergibt sich in der Soziologie die Möglichkeit, gewöhnliche Ereignisse und Felder, die früher in der soziologischen Forschung kaum Platz fanden, aus einem soziologischen Blickwinkel zu betrachten: „Die ethnographische Herausforderung besteht darin, mit Hilfe dieser Heuristik der Entdeckung des Unbekannten die Soziologie an den Phänomenen zu erneuern“ (Amann/Hirschauer 1997: 9). Besonders in ausdifferenzierten und pluralistischen Gesellschaften, wo es mehrere Optionen gibt, das Leben zu gestalten (Milieus), wo mehrere (Sub)Kulturen zueinander treffen und zusammenleben, scheint es ein zunehmendes Interesse und eine zunehmende Neugierde an diesem „Anderen“ der eigenen Kultur, an diesen Existenzformen und Lebensweisen zu geben, die zwar räumlich sehr nah sind, doch angesichts der Vielfalt unbekannt bleiben. Die Ethnographie kann in diesem Kontext Hilfe leisten, indem sie dieses Interesse ernst nimmt, sich mit dem Unbekannten der eigenen Kultur auseinandersetzt, es beschreibt und analysiert. Insofern kann man die Ethnographie im soziologischen Sinne als ein „Medium der gesellschaftlichen Selbstbeobachtung[2] “ (Lüders 2003: 390) betrachten.

2. Die Methodologie der Ethnographie

Basierend auf der teilnehmenden Beobachtung, mit der sich die Sozialforscherin, die ins Feld geht, die Hände „schmutzig macht“ und direkten Kontakt zu dem Erforschten hat, besteht das methodologisch Besondere der Ethnographie darin, dass die Forscherin keinen äußerlichen Methodenzwang befolgen muss. Die „Forschungsphilosophie“ der Ethnographie beruht auf einen „»weichen« Methoden-, aber »harten« Empiriebegriff“ (Amann/Hirschauer 1997: 9). Der Forschungsprozess beginnt mit Beobachtungen und Erfahrungen, es gibt kein Forschungsinstrument, das die Erhebung der Daten kontrolliert, sondern eine subjektive Wahrnehmung der Forscherin über das, was im Feld geschieht. Insofern besitzt die Ethnographie eine Methodenfreiheit, wodurch sie aber einen besonderen Ruf bekommen hat: Sie sei eine „hemdsärmlige und fröhliche Wissenschaft“ (Girtler nach Amann/Hirschauer 1997: 17). In Bezug auf diese Methodenfreiheit lassen sich vier grobe Charakteristika bzw. Momente der Ethnographie festlegen: Die längere Teilnahme am Geschehen (teilnehmende Beobachtung), die Praxis der Feldforschung, die Ethnographie als Medium gesellschaftlicher Selbstbeobachtung und das Schreiben und Protokollieren ethnographischer Texte, die im Folgenden geschildert werden.

2.1. Die längere Teilnahme am Geschehen

Ein besonderes Merkmal der Ethnographie stellt der Aufwand für die Datengewinnung dar. Diese Datengewinnung ist zeitlich gestreckt. Um das Bild des erforschten Gegenstandes so ausführlich wie möglich aus der Teilnehmer(Insider)perspektive rekonstruieren zu können, müssen Ethnographinnen sich über eine längere Zeit im Feld aufhalten. Dieses Interesse bewegt die Ethnographin dazu, „sich den jeweils gelebten situativen Ordnungen und Praktiken auszusetzen, anzupassen, in einem gewissen Sinne auch zu unterwerfen“ (Lüders 2003: 391). Um eine erfolgreiche und informative Teilnahme zu erreichen, muss die Ethnographin zuerst einen Zugang zum Feld finden: Sie muss in ihren Berichten beschreiben, wie sie Zugang zu ihrem Feld bekommen hat, welche Probleme und Hindernisse sie überwinden musste, wie aus der Forscher-Erforschte-Beziehung eine Vertrauensbeziehung entstanden ist, welche Informanten bzw. Informationsregulatoren eine wichtige Rolle spielten. Indem diese Erfahrungen zur Sprache gebracht werden, wird vor allem das Bild des Feldes in Bezug auf seine Struktur rekonstruiert, denn „die Art und Weise, wie man Zugänge gewinnt, [spiegeln] meistens schon zentrale Charakteristika des Feldes wider“ (ebd.: 392). Und einmal „im Geschehen“ muss die Forscherin sich bemühen, eine von der Gruppe akzeptierte Rolle zu übernehmen. Diese Rolle, genauer gesagt: Positionierung im Feld, die sie annimmt, wird aber überwiegend von der Eigendynamik des Feldes definiert, geformt und verändert. Insofern ist von großer Relevanz, wie sich die Forscherin das erste Mal vorstellt, ob und wie sie von einer bestimmten Person[3] den anderen vorgestellt wird und letzten Endes wie sie selbst im Geschehen aktiv ist, wie sie sich selbst darstellt und positioniert. Doch nicht nur die Rolle der Forscherin wird durch diese Faktoren beeinflusst, sondern auch die sich aus der Teilnahme in einer bestimmten Rolle ergebenden Ergebnisse der Forschung. Je nachdem, ob die Forscherin Zugang zu den Schlüsselpersonen im Feld bekommt oder nicht, eine offene oder eine (mehr oder weniger) verdeckte[4] Beobachtung anstrebt, ob die beobachtete Gruppe sie in ihrer Rolle als Forscherin akzeptiert oder eher als neugierigere Interessentin betrachtet, erlebt die Forscherin etwas anderes im Feld, ihre Erfahrungen werden durch das Geschehen und seine Dynamik aber auch durch ihr eigenes Handeln geprägt und letztendlich auch definiert. Wenn man also eine Teilnahme anstrebt, die sich über einen längeren Zeitraum erstrecken soll, muss man sich im Klaren sein, dass die Forscherin sich nicht ständig aus dem Geschehen zurückziehen und die Rolle der forschenden, distanzierten Beobachterin annehmen kann, sondern dass Ethnographien vor allem von der aktiven Teilnahme der Forscherin leben, wo Vertrauen aufgebaut wird und Beziehungen entstehen (vgl. ebd.). Demzufolge sind Felder keine statischen Gegenstände, bei denen immer die gleiche Methode anzuwenden ist, wo alles gleich geregelt ist und konstant bleibt. Denn jedes Feld weist eine eigene Dynamik an Beziehungen aus, existiert für sich selbst, verändert sich und regelt sich auch von selbst. „Das Feld ist kein Dschungel, sondern ein sich ständig selbst methodisch generierendes und strukturierendes Phänomen“ (Amann/Hirschauer 1997: 19).

2.2. Die Praxis der Feldforschung

Bei der ethnographischen Forschung handelt es sich um eine situationsabhängige Praxis, die durch die am Geschehen teilnehmenden Akteure und ihre Lebensformen, Verhaltensweisen und Ansichten geprägt und geformt wird. Wenn man also eine ethnographische Forschung in einem bestimmten Feld anstrebt, muss man bedenken, dass es sich nicht um ein rigides, sondern um ein sich ständig veränderndes, abwechselndes und lebendiges Feld handelt. Die Forscherin muss also in der Lage sein, sich diesen Umständen anzupassen, sich in das Feld einzufügen und sich mit den vorerst unbekannten Bedingungen vertraut zu machen. Die erste Frage, die die Forschung begleitet lautet: „What the hell is going on here“ (Geertz nach Amann/Hirschauer 1997: 20). Dementsprechend muss aber auch das methodische Vorgehen konzipiert sein: Die Forscherin muss auch im Stande sein, die methodische Herangehensweise an diese Gegebenheiten anzupassen. In diesem Kontext wäre ein strenges Methodenverfahren eher kontraproduktiv, denn dadurch könnten gewisse Zugänge, Informationen, Beziehungen und Erkenntnisse verloren gehen. Aus diesem Grund sollte der „Methodenzwang primär vom Gegenstand und nicht von der Disziplin ausgehen“ (ebd.: 19). Man sollte sich auf das Feld einlassen und zunächst schauen, was dort gerade passiert und wie diese Situationen zustande kommen. Selbst Verunsicherung, wenn man ein unbekanntes Feld betritt, ist ein konstruktives Moment der Forschung, denn sie ermöglicht der Forscherin, die Dynamiken des Feldes mit einem geschärften Blick zu betrachten.

Diese Umstände erlauben der Forscherin, verschiedene methodische Verfahren (neben der teilnehmenden Beobachtung) einzusetzen wie z.B. Interviews, Videoaufzeichnungen, Gruppengespräche. Doch der Einsatz weiterer Erhebungsmethoden hängt weniger von einer vorgefertigten methodischen Entscheidung ab, sondern entspringt aus der jeweiligen Situation des jeweiligen Feldes (vgl. Lüders 2003: 393). Somit ist die ethnographische Forschung zunächst offen für alle Forschungsmethoden. Diese Verfahren können bzw. müssen aber manchmal an den Gegenstand angepasst werden. Dies ist ebenfalls eine Entscheidung, die aus der Dynamik des Feldes hervorgeht. Allgemein gilt, dass „der Methodenzwang und die Methodizität ethnographischer Wissensproduktion im Feld des Empirischen [liegen], in der Kontakt- und Erfahrungssituation“ (Amann/Hirschauer 1997: 20). Infolge dessen handelt es sich bei der Ethnographie nicht um eine durch externe methodische Vorschriften und Hypothesen festgelegte Methode, sondern um eine „opportunistische und feldspezifische Erkenntnisstrategie [5] (ebd.). Es geht also nicht darum, dass eine Methode richtig und eine andere falsch sei – es geht mehr darum, zu erkennen, welche Methoden im jeweiligen Fall anzuwenden sind, welche eher unpassend erscheinen und welche u.U. angepasst werden müssen.

Obwohl es in der ethnographischen Feldforschung im Grunde keine methodischen Vorschriften gibt, die besagen, wie Forschung in jedem Fall zu betreiben sei, muss die Forscherin einige Bedingungen erfüllen, um überhaupt forschungsfähig sein zu können. Diesbezüglich müssen gewisse Distanzierungsschritte erfolgen, um die Erfahrungen zu methodisieren. Das heißt, die gemachten Erfahrungen zu organisieren, immer wieder das Gefühl der Befremdung[6] hervorzurufen und eine mehr oder weniger objektivierende Haltung gegenüber dem Gegenstand zu übernehmen (vgl. Amann/Hirschauer 1997: 27f). Erfahrungen werden hauptsächlich dadurch methodisiert, dass sie festgehalten werden: Das Beobachtete, Gehörte und Erlebte wird notiert und somit zum Material soziologischer Analyse. Doch um dies zu erreichen, müssen bestimmte Voraussetzungen gegeben sein. Die Forscherin muss zuerst ausgebildet sein, das heißt eine Soziologin sein. Darüber hinaus muss sie eine Beobachterrolle einnehmen, die für das Feld akzeptabel ist, aber auch „von Handlungszwängen entlastet und für Beobachtung, Selbstbeobachtung und Aufzeichnung freistellt“ (ebd.). Schließlich ist es notwendig, dass die Forscherin die Teilnahme im Forschungsfeld unterbricht, indem sie zum universitären Arbeitsplatz zurückkehrt und dort ihre Erfahrungen im Kollegenkreis weiter verarbeitet, übersetzt, vermittelt und rekonstruiert: „Dem »going native« wird ein »coming home« entgegengesetzt, das dem Individualismus der Datengewinnung einen Kollektivierungsprozeß entgegenstellt“ (ebd.: 28). Auf diese Weise wird erreicht, das Gefühl ständig etwas Neues zu erleben, am Leben zu erhalten und sich weiterhin über das Geschehen zu wundern. Denn dieses Gefühl ist ein Kennzeichnen dafür, dass die mitgebrachten Vorannahmen nebensächlich wurden und dass die beobachtende Person eine offene, flexible Haltung gegenüber dem Feld und seinem Geschehen entwickelt hat.

2.3. Ethnographie als Medium gesellschaftlicher Selbstbeobachtung

Die Ethnographie zeichnet sich durch eine „Kopräsenz von Beobachter und Geschehen“ (Amann/Hirschauer 1997: 21) aus. Es geht also um das gemeinsame, gleichzeitige Auftreten von Beobachter und Feld und dessen Interaktion mit den am Geschehen teilhabenden Personen. Als Beobachtende muss man nicht nur „da“ sondern auch „dabei“ sein. Diese Kopräsenz kann unter zwei Aspekten beschrieben werden (vgl. ebd.: 22). Zum einen handelt es sich um einen räumlichen Aspekt, eine Gleichörtlichkeit, denn das für die Forscherin Relevante kann sie nur mitbekommen, indem sie im Feld anwesend ist, also den gleichen Raum mit dem Geschehen teilt. Außerdem spielt Gleichörtlichkeit beim Problem der Selektivität eine bedeutsame Rolle: Nur indem man am Ort des Geschehen ist, kann man nachvollziehen, dass Selektivität eine situationsabhängige Aufgabe ist und entsprechend zu bewältigen ist. Menschliche Aufzeichnungen, also die Informationen, die die Beobachterin durch Selektion aussortiert und festgeschrieben hat, müssen ständig kontrolliert werden und zwar in Hinblick auf ihre Rolle als Ko-Teilnehmer im Geschehen (vgl. ebd.: 23).Wenn es darum geht, die Dynamik sozialer Prozesse zeitlich zu beschreiben, ist die menschliche Selektivität natürlich höher: Die Wahrnehmungs- und Aufzeichnungsmöglichkeiten sind begrenzt. Insofern kann die Forscherin nicht alles berücksichtigen, was um sie herum passiert und sie muss relativ schnell entscheiden, was sie mitschreibt oder nicht. Dennoch ist die menschliche Selektivität durch die „feld- und themenspezifische Fokussierung“ (ebd.) deutlich geringer, vor allem in Bezug auf die Historizität, Kontextuierung und Komplexität. Dies bedeutet, dass durch den weitgefassten, sich auf das Geschehen im Feld konzentrierten Blick eine Fülle an Informationen gesammelt werden können, ohne irgendwelche methodischen Filter durchlaufen zu müssen. Andererseits kennzeichnet sich die Kopräsenz durch einen zeitlichen Aspekt aus, die „ Synchronizität der Begleitung von Sinnbildungsprozessen“ (ebd.). Dadurch ist es möglich, lokale Praxis und lokales Wissen nicht durch Teilnehmer-Schilderungen (also das, was sie über ihre Praxis erzählen), sondern sie als Darstellungen beobachten zu können. Dadurch kann man spätere Teilnehmer-Schilderungen besser, und das heißt: in einem Kontext verstehen. Synchrone Beobachtungen ermöglichen, die „Selbstformulierung“ der Praxis der Teilnehmer zu erheben, also die Art und Weise, wie sie lokale Wissensformen und Praktiken erleben die sprachlich sonst nicht verfügbar sind, weil sie sich im Bereich des Selbstverständlichen und der in-korporierten Routine bewegen. Demnach ist die Leistung der Ethnographie nicht, die Perspektive der Einheimischen zu übernehmen, sondern ihre „Weltansichten als ihre gelebte Praxis zu erkennen“ (ebd.: 24). Und durch diese zwei Aspekte der Kopräsenz kann man die Ethnographie als Medium der gesellschaftlichen Selbstbeobachtung betrachten – also als „Teilhabe an der Introspektion sozialer Situationen“ (ebd.).

[...]


[1] In dieser Arbeit wird (der Einheitlichkeit halber) auf die männliche Form weitgehend verzichtet.

[2] Auf diesen Aspekt wird später genauer eingegangen.

[3] Mit bestimmter Person ist hier vor allem eine bestimmte Rolle dieser Person im Feld gemeint: Von der Akzeptanz oder Ablehnung dieser Schlüsselperson hängt der Erfolg bzw. die Einbettung des Forschers/ der Forscherin im Geschehen ab.

[4] „Verdeckt“ meint hier eine Rolle als Praktikantin, Beraterin o.Ä., wo die Forscherin nicht als Forscherin kenntlich gemacht wird.

[5] Hervorhebung durch die Autorin.

[6] Mit Befremdung ist zum einen die Fähigkeit gemeint, ein mehr oder weniger bekanntes und vertrautes Phänomen so zu betrachten, als wäre es fremd, und zum anderen die daraus entstehende Fähigkeit, sich von allem Geschehen überraschen zu lassen.

Details

Seiten
24
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668018754
ISBN (Buch)
9783668018761
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v303198
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Schlagworte
befremdung kultur möglichkeiten grenzen ethnographie forschungsstrategie soziologie

Autor

Teilen

Zurück

Titel: „Die Befremdung der eigenen Kultur“. Möglichkeiten und Grenzen der Ethnographie als Forschungsstrategie in der Soziologie