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Freud über den Gottesglauben als Illusion

Essay 2015 7 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Freud über den Gottesglauben als Illusion

1841 hatte sich Ludwig Feuerbach in seiner Schrift „Das Wesen des Christentums” kritisch gegen die Religion gewandt - mit der These, Gott sei nur eine Projektion des endlichen Menschen, der Unendlichkeit ersehne. Dieser These schließt sich Freud in seinem Werk „Die Zukunft einer Illusion“ (1927) weitestgehend an, indem er ebenfalls artikuliert, dass der Gottesglaube einem menschlichen Wunschdenken entspringe. Freud nennt dieses Phänomen Illusion und bezieht seinen psychoanalytischen Ansatz mit in die diesbezüglichen Untersuchungen ein.

Freud verstand das Verhalten und Erleben eines jeden Menschen als Resultat innerseelischer Prozesse und unterschied das Bewusste vom einflussreicheren und größeren Unterbewussten. Hinzukommend spiegelt nach Freud die innerseelische Dynamik des Menschen gleichzeitig die Entwicklung der gesamten Menschheit (Phylogenese) und die frühkindliche Entwicklung (Ontogenese) des Einzelnen wider. (Vgl. LÖFFLER: Einführung Religionsphilosophie, S. 21). Diesem Ansatz folgt auch Freuds Religionsdeutung, in dem sich mehrere Theorieansätze begegnen, die hier nicht in Gänze dargestellt werden können. Um den vorgegebenen Rahmen nicht zu sprengen, konzentriere ich mich bei der Darstellung auf folgende Leitfragen:

1. Was hat die Ontogenese (=Individualgeschichte) des menschlichen Individuums mit der Religion zu tun?
2. Inwiefern ist nicht nur die persönliche, sondern auch die soziokulturelle Bedeutung der Religion fragwürdig?
3. Illusion oder Irrtum - welchem Begriff kann man die Religion eher zuordnen?

1. Was hat die Ontogenese (=Individualgeschichte) des menschlichen Individuums mit der Religion zu tun?

Jeder Mensch erfährt in seiner Kindheit Gefühle der Furcht und Hilflosigkeit und entwickelt daraus das Bedürfnis nach Schutz, das die Eltern und insbesondere der Vater stillen. So liest der Vater dem Kind, das einen Albtraum hatte, eine Geschichte vor und wiegt es, bis es wieder schlafen kann. Jedoch erscheint der Vater auch oft als Übermacht, vor dem das Kind Respekt hat und vor dem es sich sogar fürchtet. Der Vater ist also liebende und Respekt einflößende Figur zugleich. Eine weitere Hilflosigkeit, die schon in der Kindheit erfahren wird, ist ein bedrohtes Selbstwertgefühl, das daraus resultiert, dass das Kind Antworten auf Fragen, die es beschäftigen, nicht finden kann. Oftmals fungiert hier erneut der Vater als rettende Figur, die Fragen beantworten kann. Überdies erscheint der Vater teilweise sogar als Rivale, mit dem das Kind um die Anerkennung der Mutter buhlen muss. Aus der Vermischung von Liebe, Bewunderung, Respekt, Furcht und Rivalität kann sich nun ein andauernder Vaterkomplex entwickeln, der die gesamte Entwicklung eines Menschen begleitet.

Das Fehlen einer sittlichen Weltordnung sowie die Ungerechtigkeit und Endlichkeit des irdischen Lebens beschäftigt den Menschen bereits in der Kindheit und ruft ebenfalls Gefühle der Hilflosigkeit hervor. Diese werden oftmals durch eine Vermenschlichung der Natur (in Märchen oder Erzählungen) überwunden, denn dadurch erscheint diese berechen- und beeinflussbar.

Wenn der Mensch das Kindheitsalter hinter sich gelassen hat, findet er sich immer noch oft in Situationen wieder, in denen er sich fürchtet und hilflos ist, und er entwickelt wie in der Kindheit ein Bedürfnis nach Schutz, dem aber niemand mehr auf dieselbe Art und Weise abzuhelfen vermag, wie es früher der Vater tat. Der Mensch beginnt sich nach einer noch mächtigeren Vaterfigur zu sehnen - und findet sie in Gott. Denn „durch das gütige Walten der göttlichen Vorsehung wird die Angst vor den Gefahren des Lebens beschwichtigt.“ (FREUD: Zukunft einer Illusion, S. 133). Auf scheinbar nicht zu beantwortende Fragen des Menschen, wie die „nach der Entstehung der Welt und der Beziehung zwischen Körperlichem und Seelischem“ (Ebd.), liefert Gott eine Antwort. Auch die Forderungen nach Gerechtigkeit und einer sittlichen Weltordnung finden in der Vorstellung von Gott ihre Erfüllung, außerdem gibt es auch ein endliches Leben, ein Leben, vor dessen Ende man sich fürchten muss, hier nicht mehr.

Alles in allem stellt die Religion also eine „großartige Erleichterung für die Einzelpsyche“(Ebd.) dar - so wie einst der Vater in der Kindheit Schutz, Hilfe und Erleichterung bot. Der Erwachsene nimmt also durch sein immer noch infantiles Verhalten die Rolle des Kindes ein - und Gott die Rolle des Vaters, indem er dem Menschen „die nie ganz überwundenen Konflikte der Kinderzeit aus dem Vaterkomplex“ (Ebd.) abnimmt und eine universelle Lösung für all seine Hilflosigkeiten bietet.

Dieser Zustand wird von Freud als allgemein menschliche Zwangsneurose eingestuft, die aus den erläuterten Kindheitsneurosen erwachsen ist. Um als Mensch einen freien Willen haben zu können, muss sich der Mensch nun seine Hilflosigkeit eingestehen, den Infantilismus und die Illusion der Religion überwinden und nach anderen Lösungsmöglichkeiten für seine Probleme suchen.

Eine große Stütze und Hilfe kann die Wissenschaft sein. Durch sie ist es „möglich, etwas über die Realität der Welt zu erfahren, wodurch wir unsere Macht steigern und wonach wir unser Leben einrichten können.“ (Ebd. S.365). Durch die Weiterentwicklung wissenschaftlicher Erkenntnisse, durch das Mehr an Wissen tritt die Ur-Funktion der Religion, den Menschen mit der Übermacht der Natur und den ungeklärten Fragen des Lebens zu versöhnen, in den Hintergrund. Der Mensch gewinnt immer mehr an Macht, da sein Wissen über die Weltgeschehnisse stetig wächst. Wenn diese Ur-Funktion der Religion nun gänzlich verschwände, bliebe nur noch ihre soziokulturelle Funktion übrig: den Menschen mit den Kulturverboten zu versöhnen. (Anmerkung: Freud versteht unter Kultur alles, durch das sich das Leben der Menschen vom Leben der Tiere unterscheidet).

2. Inwiefern ist nicht nur die persönliche, sondern auch die soziokulturelle Bedeutung der Religion fragwürdig?

Bei der Beantwortung dieser für mich wichtigen zweiten Leitfrage orientiere mich an Freuds Beispiel des Tötungsverbotes. Das Verbot einen Mitmenschen zu töten ist laut der Bibel von Gott erlassen worden. Durch diesen Umstand gewinnt das Verbot einen sehr feierlichen Charakter, und man könnte schlussfolgern, dass sich daraus eine immense Ehrfurcht ableitet und die Menschen das Gebot eher respektieren. Allerdings ist die Befolgung des Gebots an den Glauben gebunden. Wer also nicht glaubt, kann auch das Gebot getrost ignorieren. Von Gott erlassene Gebote haben einen starren und unwandelbaren Charakter und können den Eindruck erzeugen, es ginge vor allem darum, dass die Menschen durch sie beherrscht werden. Wenn man aber von dieser heiligen Umkleidung des Verbots absieht und rein rational begründet, nämlich, dass ein menschliches Zusammenleben ohne ein Tötungsverbot unmöglich erscheint, fühlt der Mensch, dass das Gebot seinen eigenen Interessen dient. Er wird also nicht gegen das Gebot handeln und es nicht abschaffen wollen, sondern lediglich dessen Verbesserung erstreben. Dies erscheint Freud als ein „wichtiger Fortschritt, der zur Versöhnung mit dem Druck der Kultur führt.“ (Ebd. S.363 f)

Freud meint, man braucht keine Religion für übergeordnete soziokulturelle Gebote.

3. Illusion oder Irrtum - welchem Begriff kann man die Religion eher zuordnen?

Sowohl die persönliche als auch die soziokulturelle Bedeutung der Religion sind also fragwürdig - und Beweise für die religiösen Wahrheiten dürftig.

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Details

Seiten
7
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668051058
Dateigröße
395 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v303153
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Philosophische Fakultät
Note
1,7
Schlagworte
freud gottesglauben illusion

Autor

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Titel: Freud über den Gottesglauben als Illusion