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Das bolivianische Schulsystem im ländlichen Raum

Examensarbeit 2015 83 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Regionalgeographie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A Abbildungsverzeichnis

B Vorwort und Hinweise

1 Fragestellung und Zielsetzung der Arbeit

2 Methodisches Vorgehen
2.1 Gütekriterien
2.2 Feldarbeit
2.2.1 Expertengespräch
2.2.2 Mündliches Quantitatives Interview
2.2.3 Beobachtung
2.3 Dokumentenanalyse

3 Schule und Unterricht in Bolivien
3.1 Das Schulsystem
3.2 Lehrplananalyse
3.2.1 Rahmenbedingungen
3.2.2 Unterrichtsfächer
3.2.3 Inhalte der Fächer
3.3 Reformen und politische Rahmenbedingungen der letzten 20 Jahre
3.3.1 Reformen
3.3.2 Politische Rahmenbedingungen heute
3.4 Vergleich: Bolivien - Deutschland (Bayern)
3.4.1 Vergleich der Schulsysteme
3.4.2 Vergleich der Lehrpläne
3.4.3 Bewertung der Unterschiede

4 Schulsituation in Charazani
4.1 Aktuelle Situation
4.1.1 Primaria
4.1.2 Colegio
4.2 Schulsituation im historischen Vergleich
4.3 Stärken
4.4 Schwachstellenanalyse
4.4.1 Ausstattung
4.4.2 Schulweg
4.4.3 Englischunterricht

5 Eignung der Schulausbildung für eine nachhaltige Überlebenssicherung
5.1 Definition „Nachhaltige Überlebenssicherung“
5.2 Nachhaltige Überlebenssicherung in Charazani

6 Mögliche Maßnahmen für eine Verbesserung der Schulbildung
6.1 Verpflegung & Umweltbildung
6.2 Englisch & Computerunterricht

7 Fazit und Ausblick

C Literatur- und Quellenverzeichnis

D Anhang
Anhang 1 – Lehrplan (Ministerio de Educación 2013a:53)
Anhang 2 – Topographische Karte Charazani 1:50.000 (Gladenbeck)
Anhang 3 – E-Mail Max Steiner
Anhang 4 – Quantiatives Schülerinterview: Auswertung
Anhang 5 – Qualitatives Interview mit Schuldirektor (Auswertung)
Anhang 6 – Qualitatives Interview mit 2. Bürgermeisterin (Ausschnitt)

E Danksagungen

F Wahrheitsgemäße Erklärung

A Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Forschungsgruppe Charazani Zentrum (eigene Aufnahme - August 2014)

Abbildung 2: Bevölkerungspyramide Bolivien und Deutschland (CIA 2014a / CIA 2014b)

Abbildung 3: Charazani vom Hausberg herab + Funktionen (eigene Aufnahme - August 2014)

Abbildung 4: Schulen Boliviens (eigene Darstellung nach Ministerio de Educación o.J. - Januar 2015)

Abbildung 5: Das Bolivianische Schulsystem und dessen Schuljahre (Ministerio de Educación 2012:95)

Abbildung 6: Sonderschulen Boliviens (eigene Darstellung nach Ministerio de Educación o.J. - Januar 2015)

Abbildung 7: Zielsetzungen des Lehrplans (Ministerio de Educación 2012:5)

Abbildung 8: Themengebiete des Lehrplans (Ministerio de Educación 2012:14)

Abbildung 9: Wordcloud der Themenbereiche des Lehrplans lengua extranjera (eigene Darstellung - Januar 2015)

Abbildung 10: Wordcloud der Themenbereiche des Lehrplans geografía (eigene Darstellung - Januar 2015)

Abbildung 11: Frühere Reformen und Gesetze zum Schulsystem (Ministerio de Educación 2012:46)

Abbildung 12: Kinderarbeit in Bolivien (ZEIT ONLINE GmbH 2014)

Abbildung 13: Arbeitstätigkeit der Schüler Charazanis (eigene Erhebung - August 2014)

Abbildung 14: Das bayrische Schulsystem (Kultusministerium Bayern o.J.)

Abbildung 15: Primaria in Niñocorin (eigene Aufnahme - August 2014)

Abbildung 16: Stundenplan der Primaria (eigene Aufnahme - August 2014)

Abbildung 17: Klassenzimmer der Primaria (eigene Aufnahme - August 2014)

Abbildung 18: Eingang zum colegio Charazani (eigene Aufnahme - August 2014)

Abbildung 19: Beispiel eines Klassenzimmers (eigene Aufnahme - August 2014)

Abbildung 20: Schulen Municipio Charazani / Curva (eigene Darstellung nach Ministerio de Educación o.J. - Januar 2015)

Abbildung 21: Anwesenheitsquote Schüler Charazani 1992 - 2001 - 2014 (INE 2004 & eigene Erhebung - Januar 2015)

Abbildung 22: Verbreitung von Unterernährung in Bolivien 1990-2014 (FAO 2014:21)

Abbildung 23: Verbreitung unterernährter Kinder unter 3 Jahren in Bolivien 1989-2012 (FAO 2014:21)

Abbildung 24: Begrüßungsessen im colegio Charazani (eigene Aufnahme - August 2014)

Abbildung 25: Computerraum colegio Charazani (eigene Aufnahme - August 2014)

Abbildung 26: Dauer Schulweg Schüler colegio Charazani (eigene Erhebung - August 2014)

Abbildung 27: Englisch Plakat im Klassenzimmer (eigene Aufnahme - August 2014)

Abbildung 28: Interesse der Schüler am Englischunterricht (eigene Erhebung - August 2014)

Abbildung 29: Wunsch aus Charazani nach der Schulausbildung wegzuziehen (eigene Erhebung - August 2014)

Abbildung 30: Wunschtätigkeit nach der Schule (eigene Erhebung - August 2014)

Abbildung 31: Müll an den Abhängen Charazanis (eigene Aufnahme - August 2014)

B Vorwort und Hinweise

Im Vorfeld möchte ich auf einige formale Aspekte eingehen, die den Produktionsprozess der Zulassungsarbeit erleichtern und / oder Vorgehensweisen meinerseits erklären sollen. Die folgenden vier Punkte sind hierfür relevant:

1. Alle Geschlechtermarker in dieser Arbeit sind sowohl für Männer als auch Frauen zu sehen (z.B. Schüler und Schülerinnen -> Schüler). Es wird also ausschließlich die maskuline Form verwendet, sofern nicht durch Einzelfälle oder beim Verweis auf bestimmte Personen eine Ausnahme von dieser Regelung getroffen wird. Dies ist allein dem Lesefluss dienlich und soll kein diskriminierendes Element darstellen.

2. Im Laufe dieser Zulassungsarbeit wird die Quellenangabe „Max Steiner“ immer wieder verwendet, allerdings ohne konkreten Verweis im Literaturverzeichnis. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass Hr. MA Msc Int. HSG Steiner die Reisebegleitung beim Großen Geländeseminar Bolivien der FAU Erlangen-Nürnberg im August 2014 war. Er ist als Gastdozent im Fachbereich Internationale Wirtschaftswissenschaften an der Universidad Autonomina Gabriel Rene Moreno, Santa Cruz de la Sierra, Bolivien lehrend tätig. Viele Informationen zu Land und Leute habe ich somit direkt von ihm mündlich im informellen Gespräch erhalten. Sofern es möglich ist, versuche ich diese Informationen durch eine weitere Quelle abzusichern. Wenn dies nicht der Fall ist, so wird auf Herrn Steiners fachliche Kompetenz aufgrund seines wissenschaftlichen Hintergrundes vertraut. Gründe für angebrachten Zweifel an der Richtigkeit seiner Aussagen gab es zu keinem Zeitpunkt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Forschungsgruppe Charazani Zentrum (eigene Aufnahme - August 2014)

Die Forschungsgruppe in Charazani, Bolivien bestand aus folgenden Kommilitonen (von links nach rechts): Michaela Bösl (Bachelor Kulturgeographie [BA KG]), Martina Häring (BA KG), Alina Bogenschütz (BA KG), Jannike Klußmeyer (Lehramt Realschule), Daniela Schlenker (BA KG), Helena Lazovic (Master KG) und mir (Lehramt Gymnasium). Teile der Untersuchungen vor Ort wurden durch die genannten Personen durchgeführt oder jene waren unterstützend tätig. Einige Personen werden für ihren Einsatz an gegebener Stelle gesondert hervorgehoben. Bei Bildern mit dem Hinweis „eigene Aufnahme“ stammt die Aufnahme von einer der oben genannten Personen oder mir. Die Erlaubnis zur Verwendung der Bilder ohne nähere Quellenangabe habe ich mir von allen im Vorfeld der Arbeit mündlich eingeholt.

4. Alle Interviewpartner werden aus Gründen des Datenschutzes anonymisiert. Statt dem Klarnamen wird ein Kürzel verwendet, zum Beispiel: A1. Die Liste mit den Namen im Anhang 7 darf nur für die weitere Forschung in Charazani verwendet werden.

1 Fragestellung und Zielsetzung der Arbeit

Bolivien weist laut dem Central Intelligence Agency CIA (o.J.) World Factbook mit 5.500 US-Dollar das geringste Pro-Kopf-Einkommen unter allen südamerikanischen Ländern auf (Stand 2013). 10,6 Millionen Einwohner leben auf einer Fläche drei Mal so groß wie Deutschland. In der Verfassung sind 36 unterschiedliche Sprachen als offizielle Sprachen anerkannt. Darüber hinaus handelt es sich um eine sehr junge Bevölkerung, das Durchschnittsalter beträgt nur 23,4 Jahre. Zum Vergleich: Dieser liegt in Deutschland mit 46,1 Jahren beinahe doppelt so hoch. Der Grund für diesen markanten Unterschied liegt primär im Anteil der Kinder an der Gesamtbevölkerung. Während der Altersbereich von 0-14 Jahren in Deutschland nur 13,0 %

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Bevölkerungspyramide Bolivien und Deutschland (CIA 2014a / CIA 2014b)

der Bevölkerung ausmacht, so liegt er in Bolivien bei 33,3 %, also einem Drittel (CIA 2014a & b), wie auch Abbildung 2 graphisch verdeutlicht. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung ist folglich in einem Alter, in dem üblicherweise eine Schule besucht wird. Des Weiteren ist in Bolivien aber auch Kinderarbeit keine Seltenheit. Selbst der Präsident Evo Morales berichtet, „wie er früher Schafe gehütet und in einer Bäckerei geholfen habe“ (Busrghardt 2014). Bildung ist ihm ein großes Anliegen, was sich daran zeigt, dass seit seiner Amtszeit das Schulsystem durch eine große und mehrere kleine Reformen erneuert wurde (siehe 3.3), jedoch erst im Jahre 2012 führte das Bildungsministerium einen neuen Lehrplan ein.

Mit dem Arbeitsauftrag die Überlebenssicherung in einem Yunga-Tal zu untersuchen, machte sich eine 27-köpfige Gruppe Studierende mit Prof. Dr. P. Pohle und Doktorandin V. Buitrón Cañadas im August 2014 auf den Weg nach Bolivien. Ziel des Besuches war dabei die Forschung an einer lokalen Schule im Ort Charazani, der Hauptstadt des gleichnamigen Municipios nord-westlich des Regierungssitzes Boliviens, La Paz. Charazani ist ein Dorf mit 723 Einwohnern (Stand 2012 [Instituto Nacional de Estadística - INE o.J.]), gelegen auf etwa 3.300 m über Normalnull. Abbildung 3 zeigt eine Aufnahme vom Hausberg aus herab auf den Ort. Dass Charazani eine zentrale Funktion in der Region hat zeigt die Anwesenheit einer größeren Herberge (Unterkunft), eines Krankenhauses und des colegios, also der Sekundarstufe des bolivianischen Schulsystems. Auf der Plaza findet wöchentlich ein Markt statt. Der Ort wurde deshalb für die Untersuchungen gewählt, weil er zum einen die eben genannten zentralen Funktionen aufweist, zum anderen aber dennoch sehr abgeschnitten von der Außenwelt ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Charazani vom Hausberg herab + Funktionen (eigene Aufnahme - August 2014)

Während des Aufenthaltes gab es weder Internet, noch fließend warmes Wasser. Darüber hinaus wurde das gleiche Gebiet in den 1980er Jahren bereits durch Wolfgang Schoop, Lothar Mahnke und Wilhelm Lauer untersucht. Dies ermöglichte der Forschergruppe in vielen Forschungsfeldern Vergleiche zu ziehen, sowie potentielle Entwicklungslinien nachzuzeichnen.

Diese Arbeit will das bolivianische Schulsystem dahingehend analysieren, wie es aufgebaut ist und welche Inhalte gelehrt werden. Zwei Schulen in der Charazani Region, eine Grundschule in Niñocorin und ein colegio in Charazani, fungieren dabei als Untersuchungsgegenstand. Um die Vorgänge vor Ort besser verstehen zu können ist es vorab notwendig einen Blick auf das Schulsystem Boliviens allgemein und dessen Lehrpläne zu werfen. Beides wird auf Stärken und Schwächen überprüft und mit den bayrischen Äquivalenten verglichen. Erst dann wird der Fokus auf Charazani gesetzt, es werden also die lokalen Schulen untersucht und ihre Stärken und Schwachpunkte diskutiert. Zuletzt folgt ein Ausblick über potentielle Verbesserungsmöglichkeiten für die Zukunft. Daher ist diese Arbeit im Fachbereich Entwicklungsgeographie verortet. Aus diesen Voraussetzungen heraus ergeben sich folgende Forschungsfrage und Hypothesen:

Wie ist das bolivianische Schulsystem aufgebaut und wie sieht die Überlebenssicherung durch Unterricht im ländlichen Raum anhand zweier Beispiele aus?

Hypothese 1: Das bolivianische Schulsystem und der Lehrplan unterscheiden sich signifikant von den bayrischen Äquivalenten.

Eine erste Informationssuche hat gezeigt, dass Bolivien das ärmste Land Südamerikas ist. Dementsprechend wird vermutet, dass unter den fehlenden finanziellen Mitteln auch das theoretische Konzept des Schulsystems leidet und daher keine deutschen Standards erwartet werden können.

Hypothese 2: Die Bildungssituation hat sich in den letzten 20 Jahren allgemein verbessert, jedoch besteht weiterhin Handlungsbedarf.

Es wird vermutet, dass sich das Schulsystem in den letzten Jahren unter der Amtszeit von Evo Morales durch gezielte Programme verändert hat, diese jedoch ihre Wirkung bisher noch nicht gänzlich entfalten konnten. Die Hypothese bezieht sich unter anderem sowohl auf die Ausbildung des Lehrerkollegiums als auch auf die Ausstattung und der Unterrichtspraxis an den Schulen.

Hypothese 3: Die Schulausbildung schafft die Grundlage für eine erfolgreiche Überlebenssicherung in Bolivien.

Es ist zu prüfen, ob die Schulausbildung, am Beispiel von Charazani, ausreichend ist, um den Kindern eine erfolgreiche Überlebenssicherung nach ihrem Schulabschluss zu gewährleisten. Durch hohe Wanderungsraten, wie die Forschung gezeigt hat, sollte die Überlebenssicherung für ganz Bolivien möglich sein, nicht nur für das Yunga Tal, in welchem Charazani sich befindet.

2 Methodisches Vorgehen

Die folgenden Erläuterungen stellen die verwendeten Methoden in der Feldforschungswoche in Charazani sowie bei der anschließenden Ausarbeitung und Auswertung dar. Als Methoden kamen vor allem Interviews und Beobachtungen vor Ort zum Einsatz, aber auch eine Auswertung von Fachliteratur fand im Vorfeld und im anschließenden Produktionsprozess der Arbeit statt. Zuerst soll ein allgemeiner Blick auf die Gütekriterien einer Untersuchungsmethode geworfen, anschließend ein Überblick über die Methoden der Feldforschung gegeben und schließlich mit der Dokumentenanalyse beendet werden. Es wird dabei nach einer allgemeinen Beschreibung jeweils auf die Vor- und Nachteile, sowie auf Probleme bei der Durchführung eingegangen.

2.1 Gütekriterien

Die verwendeten Methoden sollen zum einen erläutert, zum anderen sollen aber auch ihre Stärken und Schwächen gezeigt werden. Diese Informationen sind insofern wichtig, als dass man die Hauptgütekriterien Reliabilität, Validität und Objektivität der Ergebnisse der jeweiligen Methoden abwägen und bewerten kann. Die drei Hauptgütekriterien, erstmals beschrieben von Lienert im Jahre 1961, sind diejenigen, mit welchen die verwendeten Methoden analysiert und hinterfragt werden sollen. Für diese Arbeit wird als Quelle die 6. Auflage Lienerts in Zusammenarbeit mit Raats aus dem Jahre 1998 verwendet, die in manchen Bereichen einige Überarbeitungen zu ihrem Original erhalten hat. Auch wenn diese Kriterien ursprünglich in psychologischen Tests ihren Ursprung haben, so sehe ich sie trotzdem als geeignet, um sie auch auf die von der Forschungsgruppe verwendeten Methoden anzuwenden. Bevor die Methoden analysiert werden sollen die Hauptgütekriterien kurz definiert werden:

Reliabilität

Die Reliabilität beschreibt den Grad der Messgenauigkeit. Das heißt, sie gibt an, ob ein Ergebnis auch genau ist, oder ob Ungenauigkeiten auftreten könnten, die entweder im Instrument oder am Forscher ihren Ursprung haben können. Dieses Kriterium kann bestmöglich eingehalten werden, indem ein Test mehrfach unter gleichen Bedingungen durchgeführt wird. Weicht das Ergebnis signifikant ab, so ist die Reliabilität nicht ausreichend gegeben. Es ist allerdings zusätzlich zu beachten, wie stabil das zu untersuchende Element ist. Das Ergebnis zur Frage nach Durst oder Hunger ist zum Beispiel wohl sehr viel instabiler, als eine Frage zu großen Lebenszielen, die nicht so sehr von der täglichen oder stündlichen Verfassung abhängen. Die Reliabilität bezieht sich dabei nur das eigentliche Ergebnis, nicht aber die Interpretation des Ergebnisses durch den Forscher (Lienert & Raatz 1998:9).

Validität

Die Validität beschreibt die Gültigkeit eines Tests. Ist ein Test valide, also gültig, dann ist es möglich eine Übereinstimmung von Untersuchungsgegenstand und Ergebnis zu folgern. Die Definition von Lienert & Raatz (1998:10) lautet folgendermaßen:

„Die Validität eines Tests gibt den Grad der Genauigkeit an, mit dem dieser Test dasjenige […][M]erkmal[s] […], das (die)er [sic!] messen oder vorhersagen will, tatsächlich mißt oder vorhersagt. Ein Test ist demnach vollkommen valide, wenn seine Ergebnisse einen unmittelbaren und fehlerfreien Rückschluss auf den Ausprägungsgrad des zu erfassenden […][M]erkmal[s] zulassen […].“

Objektivität

Die Objektivität beschreibt den Grad, in dem Ergebnisse unabhängig vom Untersucher sind. Das bedeutet nach Lienert & Raatz (1998:7), dass es nicht vom Prüfer abhängen darf, wie das Ergebnis einer Untersuchung ausfällt. Bei einem Wechsel der Prüfer und bestmöglicher Objektivität bei der Untersuchung kann man immer noch das gleiche Ergebnis erwarten. Lienert & Raatz (1998:7) sprechen „auch von ‚interpersoneller Übereinstimmung‘ der Untersucher“. Nach gleicher Quelle (S. 8) lässt sich die Objektivität noch für die Bereiche Durchführung, Auswertung und Interpretation einzeln untersuchen. Weil das Ergebnis bei bestimmten Untersuchungsmethoden stark vom Untersucher abhängen kann, sollte man darauf achten, dass auch dieses Gütekriterium bestmöglich eingehalten wird.

2.2 Feldarbeit

Bei der Feldarbeit in der Geographie begibt sich eine Forschergruppe gemeinsam in das zu untersuchende Gebiet. Die Zielsetzung ist es, Primärdaten zu erheben, die durch eine reine Literatur- und Onlinerecherche nicht zugänglich sind. Die notwendigen Untersuchungswerkzeuge und Methoden hängen von den zu gewinnenden Daten ab. Personenbezogene Informationen lassen sich durch Interviews und Beobachtungen am besten erheben. Eine Bodenanalyse oder geomorphologische Fragestellungen erfordern andere Vorgehensweisen. Im Falle dieser Arbeit sind die Fragestellungen ausschließlich der Kulturgeographie zuzuordnen.

Die Feldarbeit hat den Vorteil, dass mehrere Experten in den verschiedenen Phasen des Forschungsprozesses zusammenarbeiten. Sie können Einblicke geben, die eine Literaturrecherche nicht offenbaren kann. Voraussetzung dafür ist das notwendige Vertrauen zwischen den Partnern. Wird im Laufe der Untersuchung deutlich, dass eine Fragestellung so nicht untersucht werden kann, besteht die Möglichkeit einer Neuausrichtung auf einen relevanteren Bereich, der in der Vorbereitung nicht ersichtlich war.

Ihre Grenzen liegen zum einen im hohen Planungsaufwand und Ressourcenverbrauch (Personal, Kosten). Hinzu kommt eine hohe zeitliche Investition der Forschungsgruppe durch die Anreise und die eigentlichen Untersuchungen vor Ort. Findet die Untersuchung im Ausland statt, so ist die Sprache eine Komponente, die Probleme bereiten kann. Zum anderen birgt der unmittelbare Besuch bei Menschen vor Ort auch methodische Risiken, wodurch die Ergebnisse durch die Forscher zum Beispiel aus Sympathie oder Antipathie nicht mehr neutral bewertet werden.

2.2.1 Expertengespräch

Methode

Bei einem Expertengespräch werden dem Interviewpartner Fragen gestellt, die nicht durch vorgegebene Antwortmöglichkeiten eingeschränkt sind. Der Interviewte kann also völlig frei antworten. Üblicherweise ist es notwendig diese Art von Interviews aufzuzeichnen, da für eine Mitprotokollierung beim Interview selbst meist keine Zeit ist, bedingt durch die große Menge und Geschwindigkeit der Informationen. Dies ist dann zentral, wenn man keinen Informationsverlust durch Vergessen oder Überhören riskieren möchte. Zu dieser Aufnahme muss der Interviewpartner natürlich zustimmen - verdeckte Aufnahmen wären zwar grundsätzlich kein Problem, aber zumindest moralisch und in bestimmten Kontexten auch rechtlich fraglich. Hochschild definiert diese Art der Interviews folgendermaßen:

„Teilstandardisierte Interviews orientieren sich an einem grob strukturierten Ablaufschema, einem sogenannten Leitfaden. Dieser beinhaltet alle anzusprechenden Themenbereiche, geordnet in der Reihenfolge, die der Vorstellung eines idealtypischen Gesprächsablaufs entspricht. Der Leitfaden versteht sich als grober Orientierungsrahmen für den Interviewverlauf, von dem jederzeit abgewichen werden kann.“ Hochschild 2008:7

Vorteile

Diese Methode eignet sich vor allem, wenn man Fragen stellen möchte, welche man nur schwer eingrenzen kann, da einem über das Thema kaum Informationen vorliegen oder der Sachverhalt als solcher zu undurchsichtig erscheint, als dass man vorgefertigte Kategorien erstellen könnte. Ein weiterer Positivpunkt ist, dass man bestimmte Antworten nicht auf Kategorien eingrenzen muss, die möglicherweise den Kern des Themas verfehlen würden. Somit ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass man auch brauchbare Ergebnisse bekommt, zumal man einfach nochmal Nachfragen kann, falls Informationen fehlen oder unklar formuliert worden sind. Dies bewirkt, dass die Validität sehr gut erfüllt ist, weil der Fokus vom Forscher immer wieder neu auf das Ziel ausgerichtet werden kann. Wie eben erwähnt, dient der Fragebogen daher nur als Leitfaden.

Nachteile

Das qualitative Interview hat den Nachteil, dass die Menge der befragten Personen üblicherweise nur sehr klein ist, da das Interview normal länger dauert, als es bei einem quantitativen Interview der Fall ist. Darüber hinaus liegt es an der Interpretationsweise des Forschers, wie das Ergebnis ausgewertet und interpretiert wird, worunter die Objektivität leiden kann (auch für quantitative Interviews gültig). Die Inter-Subjektivität durch mehrere Forscher verringert die Gefahr von Fehlinterpretation immerhin. Es ist schwer eine allgemeingültige Aussage zur Reliabilität zu treffen, aber ob der Forscher sympathisch ist oder nicht, kann zum Beispiel Auswirkungen auf die Genauigkeit oder sogar Richtigkeit der Antworten haben. Daher ist sie hier im Einzelfalle nochmal genauer zu betrachten.

Probleme bei der Durchführung

In der Studie kam diese Methode hauptsächlich für Lehrerinterviews, sowie beim Bürgermeisterinterview in Charazani zum Einsatz. Im Großen und Ganzen gab es im Feld keine größeren Probleme, nur ein paar kleinere, sprachlicher Natur sowie eine anfängliche Verwirrung bei der Einleitung des Interviews, vor allem in der Schule. Alle Interviewpartner waren aber einverstanden, dass das Interview aufgezeichnet wird. Daher konnten Sequenzen, die vor Ort nicht verstanden wurden, problemlos durch Anhören der Aufnahmen noch nachträglich protokolliert werden.

2.2.2 Mündliches Quantitatives Interview

Methode

Das standardisierte, oder auch quantitative Interview ist im Vergleich zum qualitativen Interview besser geeignet, wenn man Informationen von einer größeren Menschenmenge erhalten möchte, um zum Beispiel zu sehen, ob bestimmte Punkte miteinander korrelieren. Zu diesem Zwecke werden beim Erstellen des Fragebogens Antwortmöglichkeiten bereits vorgefertigt. Dies beschleunigt den Befragungsprozess und erhöht somit auch die mögliche Anzahl der Befragten.

„Egal wer oder wieviele [sic!] Personen den Fragebogen erhalten, jede Person soll sich mit einem identischen Erhebungsinstrument auseinandersetzen. Eine Anpassung der Befragung an die individuelle Situation der Befragten ist nicht möglich.“ (Hochschild 2008:7)

Allerdings ist auch eine Mindestanzahl an Interviewpartnern notwendig, um signifikante, das heißt aussagekräftige Daten zu erhalten. Die Mindestgröße der Stichprobe hängt von verschiedenen Faktoren, wie dem Stichprobenfehler-Grenzwert, der Grundgesamtheit und dem Vertrauensniveau ab.

Vorteile

Der große Vorteil des standardisierten Interviews ist die hohe Aussagekraft der Daten, sofern die Umsetzung den Regeln der Reliabilität, Validität und Objektivität entspricht, und eine ausreichend große, repräsentative Zielgruppe befragt wurde. Über die Durchführungsobjektivität kann gesagt werden, dass sie bei dieser Methode bei korrekter Durchführung sehr gut erfüllt ist, da die Fragen festgelegt sind und somit nicht geändert werden können.

Nachteile

Die Validität ist stark vom Ersteller des Fragebogens beeinflusst, da dieser die Umfrage und somit die Fragen und Antwortmöglichkeiten vorgibt. Zielen sie in eine falsche Richtung dann sind keine brauchbaren Ergebnisse zu erwarten. Deswegen muss hier bereits beim Erstellen große Sorgfalt herrschen. Eine nachträgliche Änderung der Fragen oder Adaption an unerwartet auftretende Ereignisse im Laufe der Befragung ist nicht mehr möglich, zumindest nicht ohne die vorherigen Daten unbrauchbar für die Auswertung zu machen. Außerdem braucht man eine große Anzahl an Teilnehmern, um ein möglichst gutes Ergebnis zu erhalten, andernfalls würde darunter die Reliabilität stark leiden – ein tatsächliches Meinungsbild wäre nicht mehr zu erkennen.

Probleme bei der Durchführung

Bei der Durchführung mit den Schülern des colegios kam es insofern zu Problemen, als dass sie solch eine Form der Meinungsforschung nicht kannten und daher etwas verwirrt auf die Fragen reagierten, vor allem zu ihrer Einschätzung wie wichtig ihnen Englisch sei. Oftmals mussten die Interviewer massiv Hilfestellung leisten, wodurch ein komplett unbeeinflusstes Meinungsbild für einzelne Schüler nicht mehr garantiert werden konnte. Des Weiteren konnten nur 27 Schüler befragt werden, was zwar ca. 12 % aller Schüler dieser Schule ausmacht, bei einem Stichprobenfehler-Grenzwert von 10% , einem Vertrauensniveau von 90 % und der Grundgesamtheit von 223 aber deutlich unter der notwendigen Stichprobengröße von 53 zurückbleibt[1]. Eine ausführlichere Befragung war aus Zeitgründen nicht mehr möglich. Jedoch sind die Ergebnisse auch so aussagekräftig genug, dass fehlerhafte Interpretationen unwahrscheinlich sind. Hinweis zur Durchführung: Bei der Befragung wurde ich durch die ganze Forschungsgruppe unterstützt.

2.2.3 Beobachtung

Methode

Die Beobachtung ist eine Methode welche immer dann eingesetzt werden kann, wenn eine sprachliche Barriere vorliegt oder man nicht in das Geschehen eingreifen möchte, um möglichst unbeeinträchtigte Daten zu erheben. Diese Methode eignet sich ebenfalls, um einen ersten Überblick über das Untersuchungsgebiet und dessen Bewohner zu bekommen. Üblicherweise geschieht die Beobachtung ohne Eingreifen in die Geschehnisse, da der Untersuchungsraum dadurch beeinflusst werden könnte. Trotzdem sind die Handlungsweisen beobachteter Personen durch die reine Anwesenheit der Beobachter schon verzerrt (außer bei der verdeckten Beobachtung). Die Beobachtungen zeichneten sich durch folgende von Hochschild (2008:8f) festgelegte Kriterien aus: direkt (eigene Beobachtung), offen (öffentliches Notizen nehmen), unstrukturiert (kein Beobachtungsplan) und natürlich (kein künstliches Umfeld). Einzig der Punkt teilnehmend oder nicht teilnehmend (kein Einfluss auf das Geschehen) kann nicht eindeutig festgelegt werden, es war eine Mischung aus beiden.

Vorteile

Die Vorteile der Beobachtung in der eben beschriebenen Variante sind zum einen, dass man (soweit möglich) völlig unvoreingenommen die Lage betrachten konnte, da keinerlei relevante Informationen zu den Schulen und den Abläufen vor Ort vorlagen. Gleichzeitig ist die Beobachtung eine gute Möglichkeit zur Informationsgewinnung von Punkten, die entweder zu privat und persönlich wären, um sie direkt anzusprechen oder die wegen mangelnden Interviewpartnern nicht geklärt werden konnten. Die Beobachtung eignet sich auch besonders als Ergänzung zu Interviews, sodass die gegebenen Antworten indirekt auf ihre Richtigkeit überprüft werden können.

Nachteile

Wie schon in der Methodenbeschreibung erwähnt, stört der Beobachter den untersuchten Raum bereits durch seine Anwesenheit. Höchst problematisch, aber ebenso charakteristisch ist dabei der Beobachter als Instrument, denn die Beobachtung findet durch dessen Augen statt und das Abbild der Realität wird dadurch individuell konstruiert, abhängig von den Vorerfahrungen des Beobachters. Daher ist eine subjektive Darstellung zu erwarten, die stark vom jeweiligen Beobachter beeinflusst ist. Die Erfüllung des Gütekriteriums der Objektivität ist deshalb genau zu überprüfen.

Probleme bei der Durchführung

Die Dorfbegehung und die damit verbundenen Beobachtungen verliefen ohne größere Probleme. Ein Nachteil war allerdings, dass die Gruppe durch ihr mitteleuropäisches Aussehen deutlich auffiel und daher das Dorfgeschehen und das Verhalten der Bewohner zumindest teilweise beeinflusst haben dürften. Die Beobachtungen in der Schule waren erfolgreicher, da die Forscher dort ab dem ersten Tag bekannt waren und eine gewisse Vertrauensbasis, vor allem bei den Schülern, aufbauen konnten. Leider wurden der Forschergruppe keine Unterrichtshospitationen gewährt, Gründe dafür nannte man keine. Vermutlich fehlte hier eine größere Vertrauensbasis, die erst noch stärker aufgebaut werden muss – immerhin war dies die erste Gruppe dieser Art in den letzten Jahrzehnten in Charazani.

2.3 Dokumentenanalyse

Methode

Die Literaturanalyse ist ein zentraler Bestandteil des wissenschaftlichen Arbeitens. Sie besteht aus der Auswertung von Literatur, die einen Mehrwert für die zu schreibende Arbeit besitzt und dient vor allem bei nicht-empirisch forschenden Arbeiten als Hauptmethode. Sie ist aber auch bei einer Arbeit mit empirischer Forschung ein essentieller Bestandteil, da in den wenigsten Fällen eine Forschung bei Stand null beginnt. Daher ist es wichtig, dass die Analyse und Zitation gründlich erfolgen. Dazu gehört auch, dass die Quellen daraufhin untersucht werden sollten ob sie wissenschaftlichen Standards entsprechen, sofern möglich.

Vorteile

Die Zitation von anderen Texten ist eine zeitsparende Ergänzung zur eigenen Forschung, da einem dadurch bereits ein großer Teil der eigenen Forschungs- und Recherchearbeit abgenommen worden ist. So kann man an vorhergehende Erkundungen anknüpfen und andere Ansichten mit in die eigene Arbeit einfließen und vergleichen. Man kann diskutieren, ob es zu den eigenen Ergebnissen noch andere Sichtweisen gibt. Dies bedeutet also einen massiven Mehrwert und ist daher zentral bei jeder wissenschaftlichen Arbeit.

Nachteile

Es gibt zwei signifikante Nachteile der Literaturanalyse. Zum einen besteht die Gefahr, dass die Analyse und Interpretation zu subjektiv durchgeführt wird und die eigentliche Aussage des Quelltextes verfälscht wird. Zum anderen könnte die Qualität des Quelltexts nicht wissenschaftlichen Standards entsprechen, sondern beispielsweise spekulativ sein, die Spekulationen aber als Fakten darstellt. Daher sollte bei einer guten Literaturanalyse auch ein Blick auf die Quellen des Textes geworfen werden um dies zu verhindern, was mit entsprechendem Mehraufwand verbunden ist.

Probleme bei der Durchführung

Da für mich durch eine mehrjährige universitäre Ausbildung mit vielen Hausarbeiten der Umgang mit Literatur kein wirkliches Problem darstellt, gab es in diesem Bereich nur wenige Probleme. Einzig die mit dem Thema verbundene spanische Literatur sorgte vereinzelt für kleine Verständnisschwierigkeiten, die aber durch gängige Übersetzungsprogramme und Wörterbücher befriedigend beseitigt werden konnten, und daher Fehlinterpretationen mit großer Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden können.

3 Schule und Unterricht in Bolivien

Dieses Kapitel soll in bolivianische Schulsystem einführen, da diese Informationen wichtig für das Kapitel 4 sein werden, in dem ein Blick auf zwei Schulen in Charazani geworfen wird. Zu diesem Zwecke wird zuerst der heutige Stand des Schulsystems erklärt inklusive einer kurzen Untersuchung der staatlichen Lehrpläne. Anschließend erfolgt ein Blick auf die Entwicklung der letzten 20 Jahre und aktuelle Reformen, die noch weitere rezente und zukünftige Veränderungen der Situation an den Schulen erklären könnten. Als letzter Teil dieses Kapitels wird ein Vergleich zum deutschen, bzw. wegen der deutschen föderalen Struktur zum bayrischen Schulsystem unternommen. Dieser Vergleich thematisiert neben den groben Strukturen auch den Lehrplan der beiden Länder (secundaria vs. Gymnasium). Dadurch soll eine Einordnung der Informationen für den Leser ermöglicht werden.

3.1 Das Schulsystem

Zunächst soll darauf eingegangen werden, was ein Schulsystem ist. In diesen Begriff fließen verschiedene Teilbereiche mit ein: Die Gesetzgebung, das Bildungsministerium, die Schulen als Institutionen und als physische Objekte, alle weiteren Richtlinien, die den Schulbesuch regeln und strukturieren (auch Schulabschlüsse) und die Finanzierung des Ganzen. Das Gabler Wirtschaftslexikon (o.J.) beschreibt es folgendermaßen:

„Der Begriff des Schulsystems beschreibt die Gesamtheit aller schulischen Institutionen eines Staats. Dies schließt die einzelnen Schulformen, aber auch zahlreiche Regeln zum Schulbesuch und zum Verhältnis der einzelnen Schulformen zueinander, sowie zu den rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen ein.“.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Schulen Boliviens (eigene Darstellung nach Ministerio de Educación o.J. - Januar 2015)

Das bolivianische Schulsystem sieht für die reguläre staatliche Schulausbildung zwölf Jahre vor, sechs davon in der primaria und sechs in der secundaria, auch colegio genannt, wie die Abbildung 5 zeigt. Das übliche Einschulungsalter in die primaria beträgt 6 Jahre, denn eine teilweise angebotene Vorschule inicial ist optional und vor allem in ländlichen Bereichen kaum verbreitet (siehe 4.2). Im ganzen Land gibt es dennoch 9.504 Schulen der inicial -Stufe. Im Vergleich dazu besuchen die Schüler Boliviens 15.221 primarias. Der Übertritt in die secundaria erfolgt mit zwölf Jahren in eine der 4.707 Bildungseinrichtungen. Bei einer regulär verlaufenden Schulausbildung beträgt das Alter der Absolventen ca. 18 Jahre. Die letzten beiden Schuljahre werden laut Aussage der Schüler des colegios in Charazani pre-promoción (sec. 5. Klasse) und promoción (sec. 6. Klasse) genannt. Mit dem Schulabschluss diploma de bachiller erhalten die Schüler die allgemeine Hochschulreife und können an den Universitäten Boliviens studieren. Den colegios parallel geschaltete Schulen mit niedrigerem Leistungsniveau, wie es die bayrische Sekundarstufe vorsieht, gibt es in Bolivien nicht. Staatliche Schulen können im ganzen Land kostenlos besucht werden, sowohl von Kindern als auch

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Das Bolivianische Schulsystem und dessen Schuljahre (Ministerio de Educación 2012:95)

von Erwachsenen, wie die untenstehende Grafik mit dem Vermerk „ y Adultas “ zeigt. Insgesamt sind in Bolivien 16.999 Unidades Educativas (UE) zu finden, also Schulen, die aus mehreren Schularten bestehen können, wie einer primaria und secundaria. Aber auch eine einzelne Stufe, wie eine inicial kann eine UE bilden.

Das Schulsystem sieht außerdem Sonderschulen vor, die auf verschiedenste Erkrankungen der Schüler eingehen. Davon gibt es 119 im ganzen Land (1), viele sind auf mehr als einen der folgenden Bereiche ausgelegt: Auf Lernschwächen (2 - discapacidad intelectual / mental) sind 76 Schulen spezialisiert, Gehörlose (3 - discapacidad auditiva) 63 Schulen und sehbehinderte Schüler (4 - discapacidad visual) erhalten in 48 Schulen angepassten Unterricht. Auf mehrfache Behinderungen sind 57 Schulen (5 - discapacidad multiple) vorbereitet und 48 Schulen sind für körperliche behinderte Schüler (6 - discapacidad motora / fisica) entsprechend ausgelegt (siehe Abbildung 6). Weil neben Schwächen auch (7) Hochbegabungen (talento superior) unter Schülern nicht unüblich sind gibt es einige wenige Schulen, die sich auf diese Gruppe spezialisiert haben. Alle neun dieser Einrichtungen beherbergen zusätzlich eine Reihe anderer Schüler mit Lernbehinderungen (Ministerio de Educación o.J.). Ob die Schüler getrennt

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Sonderschulen Boliviens (eigene Darstellung nach Ministerio de Educación o.J. - Januar 2015)

oder nur inklusiv in einer Klasse unterrichtet werden, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden, ebenso wenig die Frage, ob nur eine Schulart oder mehrere Schularten pro Schule oder UE abgedeckt sind, da hierüber keine genauen Daten vorliegen.

Neben den staatlich organisierten Schulen gibt es auch private Schulen (escuelas privadas), die sich teilweise durch einen bestimmten Fokus oder eine bestimmte Religionsausübung von den öffentlichen Schulen unterscheiden. Als Beispiel soll die Deutsche Schule - El Colegio Alemán in Santa Cruz de la Sierra genannt werden, deren Besonderheit der integrierte Deutschunterricht ist. So kann man, in Kombination mit einem Auslandssemester in Deutschland, über diese Schule ein allgemeines deutsches Abitur erwerben. Genauso sind aber auch bolivianische Abschlüsse möglich. Der entscheidende Unterschied zu den staatlichen Schulen ist allerdings, dass die Schulbildung nicht mehr kostenlos erfolgt, sondern zum Teil beträchtliche monatliche Beiträge kostet. Daher stehen diese Schulen, die vor allem durch ihre deutlich gehobenere Ausbildung bestechen, nur Kindern der oben Einkommensschicht zur Verfügung, allerdings kommen auch wenige weitere Kinder durch Stipendien in den Genuss dieser Ausbildung (Max Steiner).

3.2 Lehrplananalyse

Im folgenden Abschnitt wird der Lehrplan der Sekundarstufe der staatlichen, bolivianischen Schulen analysiert. Diese inhaltliche Einengung liegt zum einen am Untersuchungsschwerpunkt colegio, zum anderen aber auch daran, dass mein persönlicher Studienschwerpunkt das bayrische Gymnasium ist und ich daher mit dessen Lehrplan am besten vertraut bin. Das wird für Punkt 3.4 besonders relevant werden, dem Deutsch-Bolivianischen Vergleich. Das Vorgehen erfolgt von den übergeordneten Strukturen des Lehrplans bis hin zu den Inhalten. Als Quelle diente hierbei die Website des Bildungsministeriums von Bolivien, daher erfolgt die Analyse direkt am Originaltext und nicht über Sekundärliteratur.

3.2.1 Rahmenbedingungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 7: Zielsetzungen des Lehrplans (Ministerio de Educación 2012:5)

Der bolivianische Lehrplan hat fünf aufeinander aufbauende Zielsetzungen, welche durch die Schulbildung erreicht und umgesetzt werden sollen (siehe Abbildung 7). Die Bildung soll zum einen die Produktion (producción) fördern, aber auch die kommunale und die gemeinschaftliche Entwicklung unterstützen (desarrollo comunitario). Bildung soll beständig, also nachhaltig (permanencia) und nah am Lebensalltag der Schüler sein, was mit dem Ausdruck ‚Erziehung über das Leben im Leben‘ beschrieben wird (de la vida en la vida). Es soll also um Inhalte gehen, die für die Schüler in ihrem jeweiligen Lebensumfeld relevant sind, immerhin ist Bolivien durch eine massive soziale (indigene Stämme vs. europäische Abstammung) und natürliche (tropischer Regenwald [Tierra Caliente] vs. andines Hochland [Tierra Helada]) Heterogenität gekennzeichnet, die mit divergierenden Anforderungen an den Lebensalltag einhergeht. Als nächster Punkt wird die vollständige produktive Erneuerung des Landes durch Bildung genannt (innovación productiva integral). Ziel hierbei ist es, das Land durch die Bildung zu neuer Größe zu verhelfen. Mit welchen Themengebieten dies erreicht werden soll, zeigt Abbildung 8.

[...]


[1] Hinweis: errechnet mit http://www.bauinfoconsult.de/Stichproben_Rechner.html.

Details

Seiten
83
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668016026
ISBN (Buch)
9783668016033
Dateigröße
3.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v303143
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Geographie
Note
1,7
Schlagworte
Bolivien Ländlicher Raum Schulsystem Bildung Geographie Entwicklung Entwicklungsgeographie Zulassungsarbeit Charazani La Paz Überlebenssicherung Lifelyhood Nachhaltigkeit Umweltbildung Fremdsprachenunterricht Evo Morales

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Titel: Das bolivianische Schulsystem im ländlichen Raum