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Heinrich Heines kritisches Verhältnis zur Romantik in der "Loreley"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Epoche der Romantik

3. Analyse der Romantikkritik in Heines Loreley
3.1. Romantische Motive und Symbole
3.2. Die sprachliche Umsetzung als Ausdruck der Kritik

4. Fazit

5. Bibliographie

1. Einleitung

Die Loreley: Im Volksglauben dargestellt als eine nixenartige Gestalt von anmutiger Schönheit, welche passierende Schiffer mit ihrem sirenengleichen Gesang betört, wodurch diese letztlich die gefährlichen Klippen übersehen und zu Tode kommen. Die Sage um die Loreley wurde im Jahr 1801 vom deutschen Schriftsteller Clemens Brentano erschaffen. Bereits wenige Jahre später wurde das Thema von Heinrich Heine erneut aufgegriffen. 1824 in Gedichtform verfasst und 1837 vom deutschen Komponisten Friedrich Silcher vertont, erlangte Heines Loreley im weiteren Verlauf der Literaturgeschichte ungeahnte Berühmtheit und zählt heute zu einem seiner bekanntesten Werke.

Heine, der 1797 als Sohn des jüdischen Kaufmannes Samson Heine zur Welt kam, ist „ein bis heute weit diskutierter Exponent, bei dem der Sprung zwischen den Weltenbildern deutlich wird.“[1] Obwohl seine Werke, wie auch die Loreley, aufgrund ihrer Entstehungszeit der späteren Romantik (ca. 1805-1830) zugeordnet werden, begreift sich Heine selbst als Kind unterschiedlicher Epochen: „Um meine Wiege spielten die letzten Mondlichter des 18ten und das erste Morgenroth des 19ten Jahrhunderts.“[2] Diese ambivalente Zugehörigkeit zu den Epochen, bestehend aus dem Ende der Romantik und dem Anfang von Biedermeier, Vormärz und Jungem Deutschland, äußert sich in Heines Werken vor allem darin, dass er „konsequent […] die Epochenbilder gegeneinander aus[spielt], wenn er hochromantische Verklärung in Klischeebildern und volksliedhaften Strophen vorführt, um sie dann mit einer desillusionierenden Pointe zu versehen“[3]

Zudem findet man in Heines Werken häufig kritische Ansatzpunkte die Epoche der Romantik betreffend. Ein Beispiel hierfür ist die Romantische Schule, eine Abhandlung Heines aus dem Jahre 1836. Hier setzt er sich offen mit dem Gegenstand „Romantik“ auseinander und beantwortet seine eigene Frage, was genau die romantische Schule gewesen sei, wie folgt:

Sie war nichts anders als die Wiedererweckung der Poesie des Mittelalters, wie sie sich in dessen Liedern, Bild- und Bauwerken, in Kunst und Leben, manifestirt hatte. Diese Poesie aber war aus dem Christenthume hervorgegangen, sie war eine Passionsblume, die dem Blute Christi entsprossen.[4]

Die Romantik war für Heine demnach ein Symbol für das Mittelalter und dessen Unfreiheit und so führt er weiter an, dass die „Menschen […] jetzt das Wesen dieser Religion erkannt [haben], sie […] sich nicht mehr mit Anweisungen auf den Himmel abspeisen [lassen].“[5] Desweiteren kritisierte Heine nicht nur die Romantik an sich, sondern auch deren Umsetzung mit den Worten:

Aber nie und nimmermehr ist dasjenige die wahre Romantik, was so viele dafür ausgeben; nämlich ein Gemengsel von spanischem Schmelz, schottischen Nebeln und italienischem Geklinge, verworrene und verschwimmende Bilder […].[6]

Trotz Heines wiederkehrender Kritik an der Romantik lassen sich in seinen Werken romantiktypische Merkmale erkennen. Dies gilt ebenfalls für die Loreley. Das Gedicht ist zeitlich der späteren Romantik (ab 1805) zuzuordnen und demnach in der Blütezeit der Romantik entstanden, weshalb man eine Kritik an dieser Epoche aufgrund der Datierung zunächst kaum vermuten würde, sie sogar als perfektes Beispiel für die romantische Dichtkunst betrachten könnte. Dennoch ist das Ziel der Arbeit, herauszuarbeiten inwiefern das Gedicht als romantikkritisierendes Werk zu verstehen ist. Dies geschieht im Folgenden zunächst durch die allgemeine Beschreibung des Epochenbegriffs der Romantik. Im Hauptteil erfolgt eine Analyse von Motivwahl und Symbolik in der Loreley, wie auch eine Analyse Heines sprachlicher Umsetzung, wie zum Beispiel mit dem Mittel der Ironie[7].

2. Die Epoche der Romantik

Bei dem Versuch, die Epoche der Romantik klar zu determinieren, stößt man zwangsläufig auf die Definition einer kulturgeschichtlichen Epoche der „irrationale[n], gefühlsbesetzte[n] Geist- und Lebensphilosophie“.[8] Entstanden zu Zeiten der beginnenden Industrialisierung, der französischen Revolution und eines politisch beengten Deutschlands floh der Mensch vor dem „alltäglichen Leben […] und erschuf sich in der ‚grenzenlosen‘ Phantasie poetische Gegenwelten zur ‚prosaischen‘ Wirklichkeit.“[9]

Doch lässt sich der Zeitabschnitt „Romantik“ weder als tragfähiger Stilbegriff darstellen, „wenngleich er sich als Epochenbegriff eingebürgert hat“[10], noch ist die Eingliederung in eine präzise Zeitspanne einfach zu bestimmen. Zwar gibt es für diese Epoche, die ebenfalls als Reaktion auf die „subjektive[…] Überspitzung des Klassizismus-Programms“[11] begriffen wird, einen klaren Beginn um 1790, doch erscheint es als schwierig, ein exaktes zeitliches Ende festzulegen. Dies resultiert unter anderem aus der weiteren Unterteilung der Epoche in Früh-, Hoch- und Spätromantik, aber auch aus dem Fakt, dass im Bereich der Musik selbst bis in das frühe 20. Jahrhundert hinein noch spätromantische Tendenzen auszumachen sind.[12] Im weiteren Verlauf wird unter dem Begriff „Romantik“ allerdings ausschließlich die literaturgeschichtliche Epoche diskutiert, die ihren Anfang um 1790 erlebte und ihr Ende gegen 1848 zu verzeichnen hatte.

Ursprünglich vom Begriff „Roman“ abgeleitet, bedeutet der Begriff „romantisch“ so viel wie „phantastisch, abenteuerlich, irrational.“[13] So gilt als Grundvorstellung dieser literarischen Epoche vor allem „Märchenhaftes und Wunderbares, Ur- und Altertümliches, Volkstümliches und Kindliches, Seltsames und Fernes, Ritterlich- Mittelalterliches [und schließlich auch] Nächtlich-Dunkles, Gespenstisches, Grausiges, Schreckenerregendes.“[14] Im Folgenden werden jedoch nur diejenigen Stilmittel, Motive und Symbole der Romantik analysiert, die auch in Heines Loreley Verwendung fanden. Anhand einer klaren Gegenüberstellung der romantiktypischen Merkmale der Lyrik mit Heines Umsetzung soll nun belegt werden, dass dieses Werk das kritische Verhältnis des Dichters zur Romantik widerspiegelt.

3. Analyse der Romantikkritik in Heines Loreley

3.1. Romantische Motive und Symbole

Die Darstellung der romantischen Naturverbundenheit Ein häufig gewähltes Motiv in der romantischen Dichtung ist das der Natur. Der Blick auf die Natur erscheint in dieser Epoche als etwas Neues, das Gerhard Schulz mit den Worten von Alexander von Humboldt wiedergibt, welcher über die Literaten vor der Romantik sagte:

[U]nunterbrochen [seien] Staatsmänner, Heerführer, und in ihrem Gefolge Literaten durch Helvetien nach Gallien [gegangen, aber] alle diese Reisenden wissen nur über die unfahrbaren scheußlichen Wege zu klagen; das Romantische der Naturszenen beschäftigt sie nie.[15]

Doch ist damit nicht nur das rein Wunderbare der Natur gemeint, das bis zur Romantik nach Humboldts Auffassung kaum Beachtung fand. Er spricht hier vielmehr davon, dass ästhetische Qualitäten der Natur ebenfalls auf den Menschen bezogen werden können.[16] So lässt sich das romantische Naturmotiv letztlich als Spiegelbild der menschlichen Seele und den eigenen Empfindungen begreifen. Demnach ist der Blick auf die Natur innerhalb der Epoche der Romantik weniger als Beobachtung zu definieren, welche die tatsächliche Schönheit der Natur wiedergibt. Sie ist eher eine Reflexion dessen, welche Art von Gefühlen und Sehnsüchten in dem jeweiligen Naturbild ausgedrückt werden. Das bekannteste Beispiel für diese Seelenspiegelung ist die „Blaue Blume“, erstmals verwendet von dem deutschen Schriftsteller Novalis, welche in der Romantik den symbolischen Inbegriff für die Sehnsucht und das Streben nach dem Unendlichen darstellt.

Dieser den Naturbildern in der Romantik beigemessenen Bedeutung wird Heines Loreley wenig gerecht. Mit den Worten „Die Luft ist kühl und es dunkelt, / Und ruhig fließt der Rhein; / Der Gipfel des Berges funkelt / Im Abendsonnenschein“[17] (V. 5-8) beginnt er in der zweiten Strophe seines Werks mit der Schilderung der Landschaft und schließt sie ebenfalls in dieser Strophe ab.

[...]


[1] Jeßing, B., Köhnen, R. 2007, S. 62

[2] Heine, H.: Prosanotizen. In: DHA, Bd. 10, S. 339

[3] Jeßing, B., Köhnen, R. 2007, S. 62

[4] Heine, H.: Die Romantische Schule. In: DHA, Bd. 8/1, S.126

[5] Heine, H.: Die Romantische Schule. In: DHA, Bd. 8/1, S. 127

[6] Heine, H.: Die Romantik. In: DHA, Bd. 10, S.195

[7] Anmerkung: In dieser Arbeit ist bei dem Begriff „Ironie“ ausschließlich von der rhetorischen Figur, nicht von der literarisch-philosophischen Haltung der „romantischen Ironie“ die Rede.

[8] Kremer, D. 2007, S. 330

[9] Handerer, J. 2013, S. 68

[10] Schmitz-Emans, M. 2004, S.8

[11] Jeßing, B., Köhnen, R. 2007, S. 50

[12] Schmitz-Emans, M. 2004, S.7

[13] Handerer, J. 2013, S. 68

[14] Schmitz-Emans, M. 2004, S.8

[15] Zitat nach Humboldt. In: Schulz, G. 1996, S. 98

[16] Vgl. Schulz, G. 1996, S. 98

[17] Aus Heines Loreley wird im Folgenden mit Versangaben zitiert nach der Ausgabe: Heine, H.: Die Heimkehr. In: DHA, Bd. 1/1, S.207f.

Details

Seiten
20
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668013452
ISBN (Buch)
9783668013469
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v302906
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für deutsche und niederländische Philologie
Note
2,0
Schlagworte
Heinrich Heine Loreley Romantik

Autor

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