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Mentalitätenforschung. Über Jürgen Kamms Aufsatz „Mentalität, Habitus und Lifestyle“

Essay 2015 12 Seiten

Kulturwissenschaften - Sonstiges

Leseprobe

Einleitung

In seinem Aufsatz „Mentalität, Habitus und Lifestyle“ beschäftigt sich der Autor Jürgen Kamm mit den grundlegenden Fragen der Mentalitätenforschung. Unter Rückbezug auf das Konzept des Habitus nach Pierre Bourdieu verknüpft Kamm dabei leitende Begriffe der Mentalitätenforschung als Teil der Kulturwissenschaft mit praktischen, aktuellen Beispielen. „Unter Berufung auf Bourdieu [verweist Jürgen Kamm dabei] auf die Verbindung von Lifestyle und die verschiedenen Arten des Kapitals.“[1] Mentalität und Lebensstil stehen für Kamm dabei in einem engen Verhältnis miteinander.

Den Grundlagen der Mentalitätenforschung und dem Konzept des Habitus nach Bourdieu vorausgehend, führt der Autor zuerst das Beispiel unterschiedlicher Mentalitäten in Ost- und Westdeutschland an, auf welches er sich auch abschließend noch einmal beziehen wird. Dem Leser wird anhand der divergierenden Deutsch-Deutschen Mentalitäten jene Problematik näher gebracht, die mit der Begründung von Ursachen unterschiedlicher Denkweisen einhergeht. Zu deren Lösung soll die mentalitätsorientierter Forschung als Teilbereich der Kulturwissenschaft beitragen. In einem anschließenden theoretischen Teil beleuchtet Kamm die Grundlagen der Mentalitätenforschung, wobei er an Pierre Bourdieus Konzept zum Habitus anknüpft. Am Beispiel sogenannter „Make-Over-Programmes“ gelingt es dem Autor abschließend die Begriffe Habitus und Lifestyle miteinander zu verbinden. Ideologischen Verschönerungsprogrammen wie „What not to wear“ wird darin die Funktion zugesprochen, das habitualisierte Verhalten eines Individuums zu erschüttern, „da es neue Verhaltens- und Handlungsoptionen offeriert und diese [...] in neue Regelwerke fasst.“[2]

In der hier vorliegenden Arbeit soll in erster Linie Jürgen Kamms Ansatz vorgestellt und erörtert werden, um anschließend etwaige neue Anknüpfungspunkte zu finden. Kamms Aufsatz ist dabei als ideale Ausgangsbasis für die Vorstellung jener Grundfunktionen einer Mentalitätenforschung einzuordnen, bietet aber zeitgleich viel Raum für weitere Interpretationen und Überlegungen. Während Jürgen Kamm die Frage nach den Gründen Deutsch-Deutscher Mentalitäten weitestgehend unbeantwortet lässt, soll daher in einem abschließenden Kapitel dieses Essays an die Konzeption der Nation als Kulturträger nach Klaus P. Hansen angeknüpft werden. Unter Zuhilfenahme seines Aufsatzes „Zulässige und unzulässige Komplexitätsreduktion beim Kulturträger Nation“ werden weitere Argumente einer unterschiedlichen Mentalität innerhalb einer Nation vorgestellt. Jürgen Kamms Thematik einer Divergenz Deutsch-Deutscher Mentalitäten gestaltet sich als unheimlich komplex, ein Erklärungsversuch scheint daher unter Rückgriff neuer Ansätze und Lösungsvorschläge nur als sinnvoll.

Bedeutung mentalitätsorientierter Forschung

In einem ersten praktischen Beispiel setzt sich Jürgen Kamm in seinem Aufsatz mit den differenzierten Denkweisen zwischen Ost- und Westdeutschland auseinander. In Anlehnung an Florian Schuller, Direktor der Katholischen Akademie Bayern, und Joachim Gauck, amtierender Bundespräsident und von 1990 bis 2000 Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR, weist Jürgen Kamm auf die unterschiedlichen Mentalitäten hin, welche sich im Zusammenhang mit der Trennung und Wiedervereinigung Ost- und Westdeutschlands über die Jahrzehnte hinweg gebildet haben. In zahlreichen Statistiken werden eben jene unterschiedliche Mentalitäten festgehalten, welche sich vor allem in den unterschiedlichen Auffassungen gegenüber den Begriffen Freiheit, Rechtsstaat und Wirtschaft äußern.[3] Diese Gegensätze sind „nicht ausschließlich auf ökonomische Ungleichheiten rückführbar und somit auch nicht vorschnell statistisch messbar, sondern sind [...] unterschiedlichen Denkweisen, Verhaltensmustern und Werterepertoires geschuldet.“[4] Neben Zitaten von Schuller und Gauck führt Kamm noch weitere Meinungen und Forschungsergebnisse zur Bewertung ost- und westdeutscher Mentalitäten an, die allesamt unterschiedliche ausfielen. Um die komplexen Hintergründe jener differenzierter Denkweisen zu klären, ist ein Rückgriff auf die Mentalitätenforschung nötig. Erst diese „divergierende Bewertungen [der Deutsch-Deutschen Verhältnisse] unterstreichen die Bedeutung weiterer mentalitätsorientierter Forschungen.“[5] Neben Politik und Volkswirtschaft ist „die Mentalitätenforschung als Teilgebiet der Kulturwissenschaft [daher] aufgerufen,“[6] an einer Aufschlüsselung von Problematiken wie die der differenzierten Denkweisen zwischen Ost- und Westdeutschland mitzuwirken. Mit der Divergenz Deutsch-Deutscher Mentalitäten hat Jürgen Kamm ein praktisches, lebensnahes Beispiel gewählt, welches nahezu jeder Leser durch persönliche Erfahrungen nachvollziehen kann. Die konkreten Ursachen jener aufgeführten Gegensätze lassen sich weder durch ökonomische Disziplinen wie die Politik oder die Wirtschaft statistisch messen, noch ausreichend begründen. Mit Rückgriff auf die Mentalitätenforschung können diesbezüglich zwar keine einheitlichen Fakten erlangt, jedoch neue Ursachen und Möglichkeiten erörtert werden. Jürgen Kamm weitet in seinem Aufsatz den Ansatz seiner Problematik aus, indem er es am Beispiel Großbritannien durchexerziert. Mit dem Aufkommen sogenannter „Make-Over-Programmes“ soll das habitualisierte Verhalten der britischen Arbeiterschicht erschüttert und anschließend neu zusammen gesetzt werden. Verschönerungsprogramme wie „What Not to Wear“ kritisieren die bisherigen Standards ihrer jeweiligen Protagonisten und drängen sie in eine Außenseiterrolle, die nur durch eine Veränderung ihres gewohnten Habitus beheben kann.[7] Jürgen Kamm versucht mit diesem Beispiel eine Brücke zur Problematik Deutsch-Deutscher Mentalitäten zu schaffen. Sowohl die Protagonisten jener Lifestyle-Sendungen als auch zahlreiche Bürger Ostdeutschlands werden unter dem Erwartungsdruck von außen in eine Außenseiterrolle gedrängt, so Kamm.[8] Im direkten Vergleich soll unter Zuhilfenahme der Mentalitätenforschung die Gründe für die Erschütterung ihres habitualisierten Verhaltens erörtert werden.

Definitionsversuch Kulturbegriff

Um seinen Lesern den Begriff Kultur näher zu bringen, zieht Jürgen Kamm in seinem Aufsatz mehrere Definitionen heran und vergleicht diese miteinander. So versteht der britische Kulturtheoretiker Raymond Williams die Kulturwissenschaft „als Analyse des Beziehungsgeflechts zwischen den verschiedensten gesellschaftlichen Praktiken, die den gesamten Lebensvollzug eines Kollektivs [...] konstituieren.“[9] In seinem Aufsatz „Culture is ordinary“ schreibt Williams: „We use the word culture in these two senses: to mean a whole way of life – the common meanings; to mean the arts and learning – the special processes of discovery and creative effort.“[10] Raymond Williams vertritt die Vorstellung einer gemeinsamen Kultur. Die Bedeutung einer Gesellschaft ergibt sich erst aus den kollektiv gesammelten Erfahrungen eines jeden Individuums, von welchen jeder einzelne einer Gemeinschaft profitieren kann.[11] Seine Kulturkonzeption kann daher als erfahrungsnah beschrieben werden, jedoch somit aber auch abhängig von den von ihren persönlichen Lebensweisen geprägten Individuen einer Gesellschaft. Sein Begriff der Kultur konstituiert sich allerdings nur im Kollektiv.[12] Auch der Kulturwissenschaftler Klaus P. Hansen versteht unter Kultur die Gewohnheiten eines Kollektivs. Laut Hansen richtet sich unser kulturelles Handeln nach „konkreten Standardisierungen, die sich in vier große Bereiche untergliedern lassen: Handeln, Denken, Empfinden und Kommunizieren.“[13] Alle vier kollektiven Standardisierungen können vier Wissenschaftsdisziplinen zugeteilt werden. Während das Handeln der Soziologie zuzuschreiben ist oder das Denken der Geschichtswissenschaft, lässt sich das Empfinden der Psychologie zuordnen und das Kommunizieren der Semiotik.[14] Innerhalb dieser beiden ersten Definitionsversuche von Kultur und Kulturwissenschaft, gehen sowohl Raymond Williams als auch Klaus P. Hansen von einem Kollektiv aus, welchem der Begriff der Kulturwissenschaft einverleibt wird bzw. diesen prägt. Das Individuum in der kulturellen Gesellschaft tritt dabei in den Hintergrund, es gerät lediglich durch seine „Teilhabe an unterschiedlichen kollektiven Praktiken“[15] in den Fokus. Der amerikanische Soziologie Ward H. Goodenough wiederum definiert den Kulturbegriff „als den notwendigen Wissensvorrat, über den ein Individuum verfügen muss, um innerhalb seiner Gemeinschaft sozial akzeptabel handeln zu können.“[16] In seinem Aufsatz „Cultural Anthropology and Linguistics“ schreibt Goodenough:

[A] society's culture consists of whatever it is one has to know or believe in order to operate in a manner acceptable to its members [...]. [C]ulture is not a material phenomenon; it does not consist of things, people, behavior, or emotions. It is rather an organization of these things. It is the forms of things that people have in mind, their models for perceiving, relating, and otherwise interpreting them.[17]

Goodenough will damit ausdrücken, dass die Kultur einer Gesellschaft innerhalb allem obliegt, was die Mitglieder einer Gesellschaft als nötig erachten, innerhalb ihrer Gemeinschaft sozial akzeptabel zu fungieren. Erst die Organisation jener Verhaltensweisen und Normen macht eine Kultur aus. Was diese drei Ansätze, sowie eine Vielzahl an weiteren Definitionsversuchen zum Kulturbegriff gemeinsam haben, ist die Mentalität im Sinne eines Kollektivbewusstseins, auf welches sich auch die beiden Forschungsansätze der Kollektivpsychologie und der Wissenssoziologie berufen. Diesen Ansätzen liegt die gemeinsam geteilte Vorstellung zugrunde, wonach Wissen nicht primär individualpsychologisch konstituiert ist, sondern sich als Resultat sozialer Interaktion und damit sprachlicher Kommunikation darstellt.[18]

Praktische Analyse von Mentalitäten

Unter Rückbezug auf sich selbst, erörtert Jürgen Kamm zehn von ihm aufgestellte Punkte über die Theorien und Methoden einer historisch-soziologischen Mentalitätenforschung. Als besonders wichtig für den weiteren Verlauf seiner Analyse erachte ich vor allem den ersten Punkt, „Mentalitäten sind Formen standardisierten Denkens, die kollektiv geteilt werden.“[19] Kamm fasst hier in einem prägnanten Satz die Bedeutung eines Kollektivs innerhalb der Mentalitätenforschung zusammen. Er erweitert diese Aussage in Punkt 3: „Die in Mentalitäten eingelagerten Gewissheitsvorräte bestimmen das kollektiv geteilte Wirklichkeitsmodell und somit das, woran die Mitglieder einer Gesellschaft glauben.“[20] In Punkt 7 – „Mentalitäten besitzen daher handlungsleitende (direktive) Funktionen“[21] – bringt Kamm jene Eigenschaften von Mentalitäten hervor, die schon zuvor Ward H. Goodenough formuliert hat. Erst das Kollektiv entscheidet darüber, „welche Handlungsziele innerhalb einer Gesellschaft als besonders erstrebenswert erachtet werden.“[22] Der dritte Punkt Kamms Theorien bringt jedoch auch die Krux der Mentalitätenforschung zum Ausdruck. „Da Mentalitäten Sinngewissheiten darstellen, [...] besteht kein Zwang zu deren Artikulation, weil sie im stillschweigenden Konsens von allen Individuen akzeptiert werden.“[23] Ohne Hinterfragung jener Mentalitäten einer Gesellschaft, können diese auch nicht hintergangen werden. Um also im Beispiel divergierender Deutsch-Deutschen Mentalitäten die Ursache unterschiedlicher Denkweisen zu klären, muss zuallererst „eine Erforschung der je verschiedenen Erwartungshorizonte durchgeführt werden.“[24]

Pierre Bourdieus Konzept des Habitus

Auch Bourdieu befasste sich in seinem Werk mit der „Analyse der Alltagskultur.“[25] Kultur sollte dabei „als alltäglicher Bestandteil der Praxis verstanden werden, durch welche die Lebenswirklichkeit der Akteure sich praktisch manifestiert.“[26] Jürgen Kamm verknüpft jene Anschauung von Mentalität nun im weiteren Verlauf seines Aufsatzes mit Pierre Bourdieus Konzept des Habitus. Wie Kamm bereits festgesetzt hat, bilden „Mentalitäten das kollektive, nicht mehr hintergehbare Wissensreservoir einer Gesellschaft.“[27] Jenes Wissen äußert sich in dem Habitus eines Individuums. Der Begriff des Habitus äußert sich in einer Vielzahl von Äußerlichkeiten und Eigenschaften eines Individuums innerhalb eines gewissen Gesellschaftskreises; eine bestimmte Lebensweise oder das äußere Erscheinungsbild sind dabei nur zwei Beispiele. „Im Habituskonzept kommen die grundlegenden [...] anthropologischen Annahmen Bourdieus über die soziologisch fundamentalen Eigentümlichkeiten sozialer Akteure zum Tragen.“[28] Unter dem Begriff des Habitus vereint sowohl Bourdieu in seinem Konzept als zustimmend auch Kamm in seinem Aufsatz all jene Charaktermerkmale eines bestimmten Lebensstils, durch welche sich sowohl Individuum als auch soziale Gruppe definieren.[29] Kamm greift dabei zur exemplarischen Darstellung auf das gelungene Beispiel Pierre Bourdieus zurück, in welchem dieser die finanzielle Situation der französischen Nachkriegsgesellschaft und deren damit einher gehenden Kapitalzuwachs darstellt.

[...]


[1] Wolting, Stephan. “„Die Veranstaltungen der anderen Dozenten sind ganz anders...“. Anderer Stil – falscher Stil – schlechter Stil? Überlegungen zu akademischer Kommunikation in unterschiedlichen kulturellen Kontexten.“Interkulturalität und kulturelle Diversität. Eds. Alois Moosmüller and Jana Möller-Kiero. Münster: Waxmann, 2014. 291-310. 295.

[2] Kamm, Jürgen. “Mentalität, Habitus und Lifestyle.“Interkulturelle Kommunikation und Kulturwissenschaft. Eds. Christoph Barmeyer, Petia Genkova and Jörg Scheffer. Passau: Stutz, 2010. 153-171. 169.

[3] Vgl. Kamm, 154.

[4] Kamm, 154.

[5] Kamm, 157.

[6] Kamm, 154.

[7] Vgl. Kamm, 168f.

[8] Vgl. Kamm, 170.

[9] Kamm, 158.

[10] Williams, Raymond. Resources of Hope: Culture, Democracy, Socialism. London: Verso, 1989. 93.

[11] Williams, 91f.

[12] Vgl. Kamm, 158.

[13] Kamm, 158.

[14] Vgl. Kamm, 158.

[15] Kamm, 158.

[16] Kamm, 159.

[17] Goodenough, Ward H. “Cultural Anthropology and Linguistics.“Report of the Seventh Annual Round table Meeting on Linguistics and Language Study. Ed. Paul L. Garvin. Washington, D.C.: Georgetown University Press, 1957. 167-173. 167.

[18] Kamm, 159.

[19] Kamm, 160.

[20] Kamm, 160.

[21] Kamm, 160.

[22] Kamm, 160.

[23] Kamm, 161.

[24] Kamm, 162.

[25] Hillebrandt, Frank. “Cultural Studies und Bourdieus Soziologie der Praxis. Versuch einer überfälligen Vermittlung.“Pierre Bourdieu und die Kulturwissenschaften. Zur Aktualität eines undisziplinierten Denkens. Eds. Daniel Šuber, Hilmar Schäfer and Sophia Prinz. Konstanz: UVK, 2001. 133-154. 134.

[26] Hillebrandt, 136.

[27] Kamm, 163.

[28] Schwingel, 60.

[29] Vgl. Kamm, 163.

Details

Seiten
12
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668013988
ISBN (Buch)
9783668013995
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v302902
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Lehrstuhl für Vergleichende Literaturwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
jürgen kamm mentalität habitus lifestyle essay

Autor

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Titel: Mentalitätenforschung. Über Jürgen Kamms Aufsatz „Mentalität, Habitus und Lifestyle“