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Kiezdeutsch. Multiethnolekt und Ausdruck soziokultureller Identität

Hausarbeit 2012 19 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Begriffsbestimmung des Ethnolekts Kiezdeutsch
1. Kiezdeutsch als sprachliche Interferenz
1.1 Dialekt, Soziolekt und Ethnolekt
1.2 Kiezdeutsch als Varietät der deutschen Sprache
2. Grammatische und syntaktische Eigenschaften und Neuerungen
2.1 Artikel- und präpositionslose Ortsangaben
2.2 Sprachliche Verkürzungen
2.3 Zusammenzug von „lassma“, „musstu“ und „ischwör“
2.4 Funktionsverbgefüge
2.5 Innovative Wortstellungsoptionen
2.6 Verwendung des Fokusmarkers „so“

II. Mythos Kiezdeutsch als Zeichen mangelnder Integration
1. Situation der Türken in Deutschland
1.1 Migration und sozialer Hintergrund
1.2 Begriffserklärung „Kanak Sprak“
2. Verbreitung des Mythos
2.1 Mediale Verarbeitung und Repräsentation
2.2 Vorurteil „Halbsprachigkeit“

III. Kiezdeutsch als nationenübergreifendes Phänomen
1. Begriffsbestimmung „Code-switching“
2. Sprachliche Tendenzen Ethnolekte anderer Länder
2.1 Beispiel Rinkebysvenska

Zusammenfassung und Ausblick

Quellenverzeichnis

Literaturquellen

Einleitung

„Mancher Türke hat gelernt, es deutschen Kleinbürgern gleichzutun und ist zum netten Kollegen „Ali“ mutiert, den man mal nach Feierabend zum Stammlokal mitnimmt. Andere haben den Sprung zur Universität geschafft und verkehren in deutschen oder internationalen akademischen Kreisen. Für wirkliche Intellektuelle war Interkulturalität immer etwas Selbstständiges“ (Zaimoglu, 1995, S. 18). Einleitend zu der folgenden Arbeit „Kiezdeutsch. Multiethnolekt und Ausdruck soziokultureller Identität“ habe ich ein Zitat aus Feridun Zaimoglus literarischem Geschichtenband „Kanak Sprak. 24 Misstöne vom Rande der Gesellschaft“ gewählt. Zaimoglu pointiert darin eine Tendenz und soziales Problem, das ich auf den kommenden Seiten näher erläutern und kritisieren möchte. Mit der Migrationswelle sogenannter „Gastarbeiter“ aus den Mittelmeerregionen gegen Ende der fünfziger Jahre lies sich ein sprachliches Phänomen beobachten, das sich vor allem in den Großstädten Deutschlands niederschlug. Durch das Aufeinandertreffen verschiedenen Sprachen und Kulturen entwickelte sich innerhalb kürzester Zeit ein neuer multilingualer Ethnolekt, der im Allgemeinen auch als „Gastarbeiterdeutsch“, „Türkendeutsch“ oder „Kanak Sprak“ bekannt ist. Da diese gängigen Bezeichnungen in der Regel jedoch inkorrekt oder von negativem Beigeschmack sind, möchte ich auf eben jenes sprachliches Phänomen aufmerksam machen, das fortan unter der Bezeichnung „Kiezdeutsch“ geführt wird.

Die deutsche Sprache und Sprache im Allgemeinen befinden sich in einem steten Wandel, der sich sowohl im Grundwortschatz als auch vor allen Dingen in der grammatischen Struktur widerspiegelt. „Lautstrukturen verändern sich, Wörter ändern ihre Bedeutung, es entwickeln sich neue Endungen, andere entfallen, es entstehen neue Möglichkeiten der Wortstellung und der Kombination von Wörtern und Wortgruppen ebenso wie neue Beschränkungen“ (Wiese, 2012, S.30). Eben diese aufgezählten lautlichen Veränderungen und Variationen garantieren die Dynamik und Lebendigkeit der eigenen Sprache und schaffen Raum für neue Strömungen. Unter genannten Aspekten habe ich mich im Folgenden einer sehr jungen Tendenz sprachlicher Neuerungen genähert, einem Trend, der sich in erster Linie in der Jugendsprache niederschlägt. In meiner Arbeit möchte ich mich unter anderem gegen eine weitverbreitete Meinung stellen, nämlich dass diese sprachliche Neuerung von minderer Intelligenz und einem sozial schwachen Status zeugt. Stattdessen soll diese Art von Jugendsprache als ein sprachliches Phänomen auf einer sprachwissenschaftlichen Basis betrachtet werden. „In der öffentlichen Wahrnehmung tritt der „typische Kiezdeutschsprecher“ oft klischeehaft als männlicher Jugendlicher türkischer Herkunft auf, möglichst in aggressiver Pose“ (Wiese, 2012, S. 14). Dass die Realität sehr viel anders und weitaus spannender geprägt ist, möchte ich in den folgenden Kapiteln unter Beweis stellen.

I. Begriffsbestimmung des Ethnolekts Kiezdeutsch

1. Kiezdeutsch als sprachliche Interferenz

„Menschliche Sprache sind dynamische Systeme, das heißt sie sind ständigem Wandel unterworfen. Variation ist daher ein natürlicher, zentraler Bestandteil von Sprachen: Sprachen sind nicht starre, einmal festgeschriebene und unveränderliche Regelwerke, sondern Systeme, die im und durch den Gebrauch eines Sprechergemeinschaft und durch diesen leben und sich daher mit Variationen dieses Gebrauchs verändern“ (Wiese, 2012, S.29). Befasst man sich mit dem Phänomen Kiezdeutsch in der deutschen Sprache, so tritt eine Meinung und Auffassung verstärkt in den Vordergrund. Heike Wiese, Professorin für Deutsche Sprache der Gegenwart an der Universität Potsdam, hat in ihrer Position als Sprecherin des dortigen Zentrums für „Sprache, Variation und Migration“ ein Sachbuch mit Fallbeispielen „Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht“ verfasst. Wie sich schon am Titel erahnen lässt, greift Wiese darin nicht vorschnell gefasste Klischeevorstellungen auf, sondern analysiert Kiezdeutsch kritisch als eine Form von deutschem Dialekt. Während meiner Arbeit habe ich primär mit dieser Lektüre gearbeitet, welche sowohl alte Vorstellungen aufräumt als auch einen neuen, sinnvoll strukturierten und in sich logischen Ansatz bietet. Daher möchte ich mich im Folgenden vor allem auf die Ansichten von Heike Wiese stützen.

Wiese betrachtet wie schon eben erwähnt Kiezdeutsch nicht als bloße Form von unterentwickelter Artikulation zwischen Migrantenkindern, vielmehr analysiert sie diese neu entstandene Ausdrucksweise als einen neuen deutschen Dialekt, der ebenso grammatischen Regeln und linguistischen Neuheiten folgt, wie auch etwa das Bayerische oder das Schwäbische von der deutschen Standardsprache abweicht.

Sie kritisiert, dass in der öffentlichen Wahrnehmung der „typische Kiezdeutschsprecher“ eben sehr häufig klischeehaft als männlicher Jugendlicher türkischer Herkunft abgetan wird, welcher sich dieser Art von Slang bedient, um seine aggressive, abwehrende Haltung gegenüber des Deutschen klar zu machen. Tatsächlich sprechen aber in der Realität ebenso viele Mädchen und junge Frauen Kiezdeutsch wie auch männliche Jugendliche (vgl. Wiese, 2012, S. 14). Denn „Kiezdeutsch ist ein Sprachgebrauch im Deutschen, der sich unter Jugendlichen in Wohnvierteln wie Berlin-Kreuzberg entwickelt hat, in denen viele mehrsprachige Sprecher/innen leben [...] Kiezdeutsch ist aber natürlich nicht auf Kreuzberg beschränkt, sondern tritt überall dort in Deutschland auf, wo Menschen unterschiedlicher Herkunft und mit unterschiedlichen Erst- und/oder Zweitsprachen zusammenleben, das heißt grundsätzlich in multiethnischen Wohngebieten“ (Wiese, 2012, S.13). Für das allgemeine Verständnis muss jedoch zunächst unter den Begriffen Dialekt, Soziolekt und Etholekt unterschieden werden.

1.1 Dialekt, Soziolekt und Ethnolekt

Zitiert man das Fremdwörterbuch des Dudens, werden thematisierte Begriffe wie folgt definiert: Ein Dialekt ist eine Mundart, die örtlich oder landschaftlich begrenzt ist und durch sprachliche Sonderformen gestaltet wird. Man hat es hierbei also mit einer regionalen Variante einer Sprache zu tun. Ein Soziolekt hingegen definiert den Sprachgebrauch einer sozialen Gruppe (vgl. Duden, 2005). Infolgedessen ist der Soziolekt ein Unterbergriff des Dialekts. Kiezdeutsch ist keine eigenständige Sprache, dennoch aber eine Variation des Deutschen. Diese wird von einer Gruppe aus einem bestimmten sozialen Umfeld aufgegriffen, folglich liegt ein Soziolekt vor. Um diese Reihe fortzusetzen, muss man sich bewusst machen, dass Kiezdeutsch in der Regel in Stadtvierteln mit starkem Migrationshintergrund gesprochen wird oder zumindest entstanden ist. In dieser Position agiert dieses sprachliche Phänomen auch als Ethnolekt, was die Bezeichnung eines Sprachstils ist, der von einer ethnischen Minderheit aufgegriffen und gesprochen wird. „Ethnolekte sind Sprechweisen, die typisch für Sprecher/innen einer bestimmten Herkunft sind und meist im Kontext von Migration entstanden sind“ (Wiese, 2012, S. 44).

1.2 Kiezdeutsch als Varietät der deutschen Sprache

„Bei Kiezdeutsch hat die Entwicklung einen anderen Weg genommen: Hier haben Ethnolekte nicht zu einem generellen neuen urbanen Dialekt beigetragen, sondern zu einer multiethnischen Jugendsprache. Diese Jugendsprache bildet ebenfalls einen eigenen Dialekt, mit systematischen grammatischen Eigenheiten“ (Wiese, 2012, S. 45). Die Schnittfläche zwischen Kiezdeutsch und Jugendsprache ist also sehr groß, da Kiezdeutsch in erster Linie eine Varietät davon ist. Eine Varietät bezeichnet ein linguistisches System, das von einer Sprechergruppe in einem bestimmten sozialen Kontext benutzt wird. Sie entsteht in „Abhängigkeit von Sprechern und Hörern, Umstände, Zeit und Ort, also in verschiedenen sozialen Interaktionsbedingungen“ (Dittmar, 1997, S.1). Eben jene Varietät kann durch einen Slang ausgedrückt werden, einer Umgangssprache oder umgangssprachlichen Ausdrucksweise einer bestimmten sozialen Gruppe (vgl. Duden, 2005). Auch eine Jugendsprache geht in der Regel mit einer solchen sprachlichen Varietät einher, indem sie sich von der deutschen Standardsprache systematisch und grammatisch absetzt.

Die Verwendung von Kiezdeutsch eröffnet dem Sprecher eine Vielzahl neuer Möglichkeiten. Da es sich in einem vielsprachigen Kontext entwickelt hat, kann es auf eben jene Vielzahl an Sprachen und Varietäten zurückgreifen. So entsteht ein ganz neuer, „äußerst innovativer Dialekt [...der seinen Sprechern] eine Vielzahl zusätzlicher sprachlicher Kompetenzen“ (Wiese, 2012, S.46) eröffnet.

2. Grammatische und syntaktische Eigenschaften und Neuerungen

Viele Sprecher und Sprecherinnen von Kiezdeutsch beherrschen nicht nur die deutsche Sprache sondern daneben auch noch eine oder mehrere andere Sprachen fließend. „Diese vielsprachigen Kompetenzen erzeugen ein dynamisches sprachliches Umfeld, das sprachliche Innovationen besonders begünstigt“ (Wiese, 2012, S. 36). Daher hat sich Kiezdeutsch sehr rasch und komplex entwickeln können. Um welche sprachlichen Neuerungen und lautlichen Veränderungen es sich hauptsächlich handelt, soll im kommenden genau erläutert und analysiert werden.

2.1 Artikel- und präpositionslose Ortsangaben

Vorangestellt seien zwei Beispiel, anhand deren ich ein Phänomen erklären möchte, dass sich in erster Linie in neuen Ortsangaben äußert. Ein Satz wie „Wir gehen Görlitzer Park“ (Wiese, 2012, S. 53) erscheint auf den ersten Blick als grammatisch unstimmig und falsch. Ein zweites Beispiel „Ich steige heute Hauptbahnhof um“ (Wiese, 2012 S. 54) soll dagegen im Vergleich klar machen, dass Kiezdeutsch keineswegs die große Unbekannte im deutschen Sprachsystem ist, sondern sich viel stärker an der deutschen Standardsprache anlehnt als vielleicht bisher angenommen. Bei beiden Sätze wird eine Nominalphrase ohne Präposition und Artikel als Ortsangabe gebraucht. Noch immer bedient Kiezdeutsch im Volksglauben zwei Klischeevorstellungen: Zum einen betrachtet man das Phänomen in all seinen grammatischen Neuerungen als eine Schöpfung unter jugendlichen Sprechern die unter Missachtung jeglicher Schulgrammatik stattfindet, zum anderen herrscht der weit verbreitete Aberglaube, dass Kiezdeutsch eine bloße Form von Migrantendeutsch, in der Regel hauptsächlich aus türkischen Mund entstanden, ist. Beide Vorurteile können widerlegt werden. Denn es ist nur schwer zu leugnen, dass eine Phrase wie „Ich steige heute Hauptbahnhof um“ nicht Teil eines täglichen Gesprächs unter deutschen Einwohnern jeglicher Altergruppen und sozialen Klassen sein könnte, im Gegenteil. Im informellen Standarddeutsch ist diese Form von bloßer Ortsangabe jedoch scheinbar nur auf Haltestellen beschränkt, was von einer sehr „exzentrische[n| grammatische[n] Regel [zeugt], die eindeutig Verbesserungspotenzial hat“ (Wiese, 2012, S. 56). Was Heike Wiese damit auszudrücken und zu thematisieren versucht, ist, dass Kiezdeutsch lediglich bereits vorhandene grammatische Details des Deutschen aufgreift und erweitert. „Kiezdeutsch verallgemeinert und baut hier also etwas weiter aus, das es im Deutschen schon gibt, das aber dort stärker beschränkt ist“ (Wiese, 2012, S. 57).

Um den zweiten Vorbehalt begreiflich zu machen, verlangt es den Leser oder Zuhörer von Kiezdeutsch ein breiter gefächertes Sprachverständnis. „Wer sich im Türkischen auskennt, weiß, dass es dort keinen bestimmten Artikel gibt und vor den Nomen auch keine Präpositionen stehen. Manchmal hört man deshalb die Auffassung, dass die bloßen Ortsangaben [...| in Kiezdeutsch entstanden sind, indem die türkische Grammatik auf das Deutsche übertragen wurde. Dagegen spricht aber sowohl die Form als auch der Gebrauch dieser Konstruktion in Kiezdeutsch. [...Denn] wenn hier tatsächlich einfach aus dem Türkischen übertragen würde, dann würde die Präposition nicht einfach wegfallen, sondern als Endung an das Nomen treten“ (Wiese, 2012, S. 57). Kiezdeutsch lehnt sich also offensichtlich an der deutschen Grammatik an, die dem Türkischen als nichtgermanische Sprache aber vollkommen fremd ist.

2.2 Sprachliche Verkürzungen

Eine weitere grammatische Neuerung von Kiezdeutsch ist die Verkürzungen bzw. auch Vereinfachung bei Phrasen wie „Hast du Handy?“ oder „Ich frag mein Schwester“ (Wiese, 2012, S. 60). Das Fehlen von Artikeln, Pronomen oder Flexionsendungen sind ein weiteres charakteristisches Merkmal dieser Form von Jugendsprache. Betrachtet man diese Beispiele, wirkt es auf den ersten Blick so, als ob Kiezdeutsch die standarddeutsche Grammatik verkürzt oder vereinfacht. Genau diese Verkürzungen sind jedoch nicht typisch Kiezdeutsch sondern vielmehr allgemein typisch Deutsch. „Grundsätzlich können wir in der Entwicklung des Deutschen die Tendenz beobachten, dass Flexionsendungen und Flexionswörter [...] verkürzt werden oder entfallen“ (Wiese, 2012, S. 60f). Die Verkürzung der Flexionsendung im zweiten Beispielsatz zeugt daher von keinem anderen Ursprung und schon gar nicht von mangelnden Deutschkenntnissen wie zum Beispiel allgemeine Verkürzungen in der Standardsprache von „ich sage“ zu „ich sag“.

Ebenso findet man das Auslassen von Artikeln in allgemein gängigen Phrasen wie „kannst dir vorstellen“. Und wieder bedient sich das Kiezdeutsch in seinen grammatischen Veränderungen nicht unbedingt an Neuerungen sondern baut ältere, gängige Tendenzen weiter aus oder greift diese auf (vgl. Wiese, 2012, S. 61).

2.3 Zusammenzug von „lassma“, „musstu“ und „ischwör“

Wörter wie „lassma“ und „musstu“ sind ebenso zu den neuen sprachliche Phänomen in Kiezdeutsch zu zählen. Interessant dabei ist, dass ein solcher Zusammenzug (hier: „lass (ein)mal“ und „musst du“) nicht einfach willkürlich stattfindet. „Was wir hier beobachten, ist die Entstehung von zwei neuen Wörtern, die signalisieren, dass der Satz, in dem sie auftreten, als Vorschlag oder Aufforderung zu verstehen ist“ (Wiese, 2012, S. 64). Es entsteht also nicht nur ein neuer Ausdruck, sondern regelrecht ein neues Subsystem der deutschen Grammatik. Während die Aufforderung „lassma“ in der Regel den Sprecher mit einbezieht, richtet sich „musstu“ an eine vom Sprecher unabhängigen Person. „Die beiden Aufforderungswörter haben dabei die Form von sogenannten Partikeln – festen Ausdrücken, die im Satz nicht durch Flexion verändert werden“ (Wiese, 2012, S. 65). Bemerkenswert ist, dass auch hierbei keine völlige Neuerung an grammatischen Regeln in Kraft tritt. Denn auf ganz ähnliche Weise hat sich die im Standarddeutschen häufig verwendete Partikel „bitte“ entwickelt, welche „aus der ursprünglich komplexen, flektierten (konjugierten) Verbform „ich bitte“ entstand“ (Wiese, 2012, S. 65). Heute bleibt die Form von „bitte“ als Partikel unverändert, ebenso die Ausdrücke „lassma“ und „musstu“, welche ebenfalls nicht mehr an ursprüngliche Flexionsmerkmale gebunden sind (vgl. Wiese, 2012, S. 65). Weiter kennen wir die Form „lassma“ noch aus einem anderen Kontext, und zwar aus einer Wendung, die häufig im Norddeutschen in Gebrauch ist. Dabei verschmelzen die Wörter „lass“ und „mal“ gleich wie im Satz „Lassma stecken“. Während im Kiezdeutscb diese Kontraktion unter Wegfall des Pronomens „uns“ stattfindet („lass uns mal“) und somit die grammatische Regel aus dem Norddeutschen auf eine oder mehrere Personen erweitert, schließt dieser Zusammenzug in seiner ursprünglichen Form nur eine einzige Person ein. „Wir haben hier also im Norddeutschen lediglich eine Zusammenziehung von zwei Wörtern, während in Kiezdeutsch etwas viel Interessanteres, Komplexeres passiert, nämlich die Entstehung einer funktionalen, pragmatisch spezialisieren Partikel“ (Wiese, 2012, S. 67). Auch hier stellt das Kiezdeutsch wieder seine Wandelbarkeit und Vielseitigkeit – ausgehend von einer deutschen Standardsprache – unter Beweis.

Nicht zuletzt ist Kiezdeutsch prädestiniert für die Verwendung des allgemein bekannten „Ischwör“. Dieser recht bekannte und beliebte Kiezdeutsch-Ausdruck wird häufig und gerne in der Öffentlichkeit zitiert und das obwohl die Aussprache des „ch-Lautes“ als „sch“ in der deutschen Standardsprache Gang und Gebe ist. Gerade im gesprochenen Deutsch werden Flexionsendungen nur allzu gerne gekürzt und ein nachfolgendes Pronomen angehängt. So entstehen Verbindungen wie „glaubich“, ausgehend von der Phrase „glaube ich“ (vgl. Wiese, S. 70f). Gerade Jugendliche halten ihr Sprechtempo in der Regel höher als der Durchschnitt, was jedoch nicht von minderer Intelligenz oder Qualität der Konversation zeugt. Kiezdeutsch-Sprecher bedienen sich auch hier aus praktischen Gründen eines längst dagewesenen grammatischen Phänomens, das sie nach ihren Zwecken und Absichten erweitern oder verändern.

2.4 Funktionsverbgefüge

Die Nutzung von Kontextwissen ist immer typisch für eine gesprochene, informelle Sprache. Auch Kiezdeutsch wirkt durch die große Varietät in vielen Sprachkontaktsituationen dynamisch. Vorangestellt seien die Beispielsätze „Machst du rote Ampel“ oder „Hast du U-Bahn“ (Wiese, 2012, S. 81). Was auf den ersten Blick wie ein grober Fehler der deutschen Grammatik erscheint, erweist sich auf den Zweiten als den erneuten Ausbau vorhandener grammatischer Muster des Deutschen. In unserem Fall wird damit die Bildung von neuen Funktionsverbgefügen thematisiert. Auch hier erweist sich Kiezdeutsch nicht als „formelhafte, grammatisch reduzierte Sprache die sich in Drohgebärden erschöpft, sondern eine Varietät mit systematischen sprachlichen Entwicklungen, die in das Deutsche passen“ (Wiese, 2012, S. 77). Aus dem Standarddeutschen bekannte Verbgefüge, die schon im Alt- und Mittelhochdeutschen auftraten, wären Beispiele wie „Angst machen“, „Anklage erheben“ oder „Pfötchen geben“ (vgl. Wiese, 2012, S. 78). Diese zentralen Beispiele sind als Wendungen längst in unserem täglichen Sprachwortschatz verankert. Man muss jedoch bedenken, dass es sich bei dem Dialekt Kiezdeutsch um ein noch sehr junges Phänomen handelt, das mitten in seiner Entwicklung steckt. Sätze wie „Machst du rote Ampel“ und „Hast du U-Bahn“ gehören nicht zum Standardwortschatz sondern sind kontextabhängig, das heißt sie sind an eine bestimmte Situation gebunden. Wie jedoch einleitend erwähnt, macht eben jenes Kontextwissen den Dialekt dynamischer als die deutsche Standardsprache und zeigt sich als eine typische Entwicklung informeller Konversation.

2.5 Innovative Wortstellungsoptionen

Erst ab dem Althochdeutschen trat die Entwicklung einer strikten Verb-zweit-Stellung ein. Davor gestaltete sich die Position des Verbs im Satzgefüge als wesentlich flexibler und wandelbarer. Auch Kiezdeutsch bewahrt sich diese Form von Flexibilität und variiert in Sätzen wie „Danach ich ruf dich an“ (Wiese, 2012, S. 81) bewährte Abfolgen von Subjekt, Prädikat und Objekt. Diese Form von Variation ist durchaus nicht willkürlich gewählt. Eine solche Reglementierung tritt in der Regel nicht beliebig in Kraft, sondern in Sätzen, die mit Adverbialen oder einer Ortsangabe eingeleitet werden. Zu betonen ist, dass eine solche Satzstellung in Kiezdeutsch nur eine von vielen Möglichkeiten bildet. „Wenn wir uns [...] die Wortstellungsmöglichkeiten in Kiezdeutsch ansehen, dann finden wir hier mehr Freiheiten in der Besetzung des Vorfelds und damit mehr Möglichkeiten, die Information im Satz so zu strukturieren, wie es für die Darstellung jeweils am günstigsten ist. [...] Das bedeutet, dass man in Kiezdeutsch mehr Differenzierungsmöglichkeiten für Topiks hat, während das Standarddeutsche hier stärker eingeschränkt ist“ (Wiese, 2012, S. 89). Man kann also keineswegs von einer sprachlichen Einschränkung bei der Verwendung Kiezdeutsch sprechen, im Gegenteil. Sätze lassen sich plastischer gestalten, sowohl mündlich als auch schriftlich. Während das Standarddeutsche lediglich durch die wörtliche Akzentuierung in der gesprochenen Sprache zum Ausdruck bringen kann, welche Phrase des Satzes von Relevanz ist, bietet Kiezdeutsch auch in der Schriftsprache eine solche Möglichkeit. Ein Satz wie „Danach ruf ich dich an“ lässt kaum erahnen, ob im Kontext Bezug auf die Zeitangabe („danach“), den Sprecher („ich“) oder den Hörer („dich“) genommen wird. Es steht zur Möglichkeit, dass der Sprecher durch seinen Satz unterstreichen will, dass er den Hörer erst nach einer vollzogenen Handlung anruft, ebenso gut kann es sein, dass dieser damit unterstreichen will, dass er sich mit einer Unbedingtheit meldet, der Hörer also davon ausgehen kann, dass er vom Sprecher kontaktiert wird und nicht umgekehrt. Eine dritte Möglichkeit wäre aber auch die Betonung darauf, wen der Sprecher anrufen wird (nämlich „dich“ und nicht Person xy). Kiezdeutsch „Danach ich ruf dich an“ hingegen bietet keinen Raum für Variationen, der Akzent liegt mit absoluter Bestimmtheit auf dem Adverbial.

[...]

Details

Seiten
19
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668011243
ISBN (Buch)
9783668011250
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v302894
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Nordische Philologie
Note
1,0
Schlagworte
kiezdeutsch multiethnolekt ausdruck identität

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Titel: Kiezdeutsch. Multiethnolekt und Ausdruck soziokultureller Identität