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Politeia. Inwieweit lässt sich Platons Gerechtigkeitsbegriff mit dem heutigen Gerechtigkeitsverständnis vereinbaren?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 20 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Gerechtigkeitsbegriff nach Platon
2.2. Gegenüberstellung von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit
2.3. Die Bedeutung der Gerechtigkeit im Staatsmodell
2.3.1. Einfluss der Gerechtigkeit auf die Seelenlehre
2.3.2. Zusammenhang zwischen der Seelenlehre und dem Staatsmodell
2.3.3. Platons Ständeordnung
2.3.4. Die Gerechtigkeit im Staatsmodell
2.3.5. Das Verhältnis der Gerechtigkeit zur Freiheit
2.3.6. Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern
2.4. Gerechtigkeitsbegriff aus heutiger Sicht
2.4.1. Definition der Gerechtigkeit aus heutiger Sicht
2.4.2. Bezug zu Platons Staatsmodell

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Gerechtigkeit (griech. dikaiosyne) gilt als einer der umstrittensten Grundbegriffe, mit dem sich wohl jedes vernunftbegabte Individuum schon einmal ausgiebig auseinandersetzen musste. Spätestens dann, wenn jemand Unrecht erleidet, wird er sich über den Gerechtigkeitsbegriff Gedanken machen und sich Gerechtigkeit wünschen. Dadurch, dass sich der Gerechtigkeitsbegriff vielfach unterteilen lässt und in den unterschiedlichsten Zusammenhängen, wie z.B. bei einzelnen Handlungen, Personen, Regeln, Gesetzen oder Institutionen angewandt werden kann, lässt sich dieser Begriff auch nur schwierig definieren.

Eine Gemeinsamkeit lässt sich jedoch bei allen Untersuchungen über die Gerechtigkeit festhalten, nämlich dass sie nur im Vergleich mit anderen Individuen oder Sachverhalten - kurzum in einer Gemeinschaft - betrachtet werden kann.

Handlungen orientieren sich an sozialen Kontexten, wie z.B. Gemeinschaften, Institutionen oder Staatsmodellen und werden in diesem Zusammenhang als gerecht oder ungerecht bewertet. Die Handlung der einzelnen Individuen steht in Wechselwirkung mit der Gemeinschaft. Wenn die einzelnen Individuen ungerecht handeln, kann es keine gerechte Gesellschaft geben und umgekehrt ist es für den Einzelnen schwierig in einer ungerechten Gesellschaft gerecht zu handeln.

Platon hat 380 v.Chr. ein ideales Staatsmodell entwickelt, in dem der Gerechtigkeitsbegriff von zentraler Bedeutung ist. Im Folgenden soll untersucht werden, wie Platon Gerechtigkeit versteht und welche Funktion diese in seinem Staatsmodell einnimmt.

Bei der kritischen Untersuchung in Bezug auf die Gerechtigkeit werde ich mich auf vier unterschiedliche Themenaspekte aus seinem Werk „Politeia“ beschränken: Ständeordnung, Freiheitsbegriff, Seelenteile und Geschlechterunterscheidung.

Bei der Untersuchung soll nicht nur herausgearbeitet werden, inwieweit die Gerechtigkeit im Staatsmodell verankert ist, sondern insbesondere die Frage, ob sein Staatsmodell aus heutiger Sicht gerecht ist und welche aktuellen Bezüge sich herstellen lassen.

2. Hauptteil

2.1. Gerechtigkeitsbegriff nach Platon

Platon hatte sich enttäuscht aus dem politischen Alltag zurückgezogen, da er die attische Demokratie, die zu der Zeit vorherrschte, ablehnte. Der zeitgeschichtliche Hintergrund führte dazu, dass sich die Menschen damals intensiv mit dem Thema der Gerechtigkeit auseinandersetzten. Hierbei ging es nicht nur um den allgemeinen Gerechtigkeitsbegriff, sondern insbesondere um die Bedeutung der Gerechtigkeit im Zusammenleben in einer Gesellschaft. Platon widmete sich nach seinem Rückzug aus dem politischen Alltag der theoretischen Politik zu, in dem er ein Gegenbild zur attischen Demokratie entwarf. In seinem Werk „Politeia“ hatte er sich vor allem mit der Frage beschäftigt, wie eine Staatsordnung aufgebaut sein sollte, damit das Leben in einer Gemeinschaft gerecht verläuft.

Der Gerechtigkeitsbegriff nimmt somit in seinem Werk „Politeia“ eine zentrale Stellung ein und er setzt sich in verschiedenen Kapiteln mit der Frage nach der Definition der Gerechtigkeit auseinander.

Im Eingangsgespräch, an dem neben Sokrates - Kephalos, Polemarchos, Thrasymachos, Glaukon und Adeimantos - beteiligt sind, ging es zunächst einmal um eine Gegenüberstellung von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in ihrer extremsten Form eines Individuums. Im weiteren Verlauf wurde die Gerechtigkeit auf die Struktur der Polis-Gemeinschaft übertragen.

Da im Folgenden der Gerechtigkeitsbegriff – bezogen auf das Staatsmodell -im Vordergrund steht, wird an dieser Stelle zwar nicht auf die Definition des Gerechtigkeitsbegriffes in Bezug auf den Einzelnen verzichtet, jedoch auf deren Hinführung, die insbesondere im Eingangsgespräch stattfand.

Um den Gerechtigkeitsbegriff nach Platon verstehen zu können, müssen unterschiedliche Aspekte beleuchtet werden, hierzu zählen u.a. die Idee der vier Tugenden, sowie die Ontologie (Seinslehre).

Für das Verständnis des Gerechtigkeitsbegriffes im Allgemeinen ist es notwendig zu hinterfragen, was diese an sich bedeutet. Arschylos (476 v. Chr.) erwähnte zum ersten Mal in seiner Tragödie „Sieben gegen Theben“ die Tugend der Gerechtigkeit als eine Kardinaltugend, die zu drei weiteren, nämlich Besonnenheit, Tapferkeit und Frömmigkeit gehört. Platon übernahm diese Idee der 4 Tugenden und ersetzte lediglich die Frömmigkeit durch die Weisheit. Nach Platon ist die Gerechtigkeit also die oberste Tugend, die für die Ordnung und den Zusammenhalt dieser Tugenden sorgt.

Diese 4 Kardinalstugenden werden bei Platon auf eine soziale Hierarchie der Seelenteile angewandt. Die Gerechtigkeit, als die oberste Kardinaltugend ist somit für die soziale und seelische Ordnung zuständig.

Laut Platon besteht die Gerechtigkeit in einem Haben und Tun des Eigenen und Seinen. (Vgl. 6.1.2., 433e.343 a). Das heißt, dass jedem Individuum eine Tätigkeit zugeordnet wird, zu welcher es nach seinem Wesen geschaffen ist und der es in vollem Maße nachgehen soll. Man spricht laut Platon erst dann von gerecht, wenn jeder seiner zugeteilten Tätigkeit nachgeht und sich nicht im Bereich einer anderen bewegt. Auf das Staatsmodell übertragen heißt das, dass ein Staat erst dann gerecht ist, wenn innerhalb des Ganzen die einzelnen Tätigkeiten richtig zugeordnet sind, im richtigen Verhältnis zueinander stehen und jeder der Aufgabe nachgeht, die seiner Begabung entspricht.

2.2. Gegenüberstellung von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit

Nachdem soeben der Gerechtigkeitsbegriff nach Platon vorgestellt wurde, soll nun untersucht werden, was Ungerechtigkeit in Bezug auf sein Staatsmodell bedeutet.

Von einer ungerechten Handlung spricht er dann, wenn sich jemand auf Kosten anderer einen Vorteil in Bezug auf einen materiellen Sinn oder ein Besitzverhältnis sichert. Dies bedeutet nach Platon, dass ein gerechter Mensch nichts besitzen darf, was einem anderen gehört.

Zudem spricht er dann von Ungerechtigkeit, wenn sich jemand als gerecht ausgibt, obwohl er in Wirklichkeit ungerecht handelt. Dies ist nach ihm die größte Ungerechtigkeit, die es gibt, denn diese Person wird mit Anerkennung und Wertschätzung überschüttet, obwohl sie nicht der Gerechtigkeit wegen handelt, sondern lediglich des Ruhms wegen. An dieser Stelle stellt sich für mich die Frage, inwiefern man wissen oder überprüfen kann, ob jemand nur des Ruhms oder der reinen Gerechtigkeit wegen gerecht handelt.

Platon greift an dieser Stelle auf die Erziehung zurück. Nicht nur die Ausübung gewisser Tätigkeiten muss erlernt werden, sondern auch das gerechte Handeln. Diejenigen, die die Tugend der Gerechtigkeit innehaben, werden einer Probe unterzogen. Ihnen wird jeglicher Glanz entzogen, sodass sie nicht des Ruhmes, sondern lediglich der Gerechtigkeit wegen, gerecht handeln können. Wenn sie trotz der Probe weiterhin gerecht handeln, sind sie wahrhaft tugendhaft gerecht. Allerdings ist an dieser Stelle fraglich, wie lange man nach Platon dieser Probe unterworfen sein muss und ob diese überhaupt irgendwann aufgehoben werden kann. Falls nicht, bedeutet dies, dass ein gerechter Mensch niemals Anerkennung für sein Handeln erfahren wird. Hieraus ließe sich, wie Thrasymachos einbringt, schlussfolgern, „dass Gerechtigkeit immer Nachteile mit sich bringt, während der Ungerechte überall einen Vorteil davon trägt.“ (Vgl. 6.1.1., S. 157)

2.3. Die Bedeutung der Gerechtigkeit im Staatsmodell

2.3.1. Einfluss der Gerechtigkeit auf die Seelenlehre

Um den Gerechtigkeitsbegriff in Platons Ständeordnung untersuchen zu können, muss – wie bereits erwähnt – zunächst einmal die Seelenlehre (Ontologie) definiert werden.

„Nach Platon hat jeder Mensch eine unsterbliche Seele, die die Ideen einmal geschaut hat (eine Erfahrung, die die Sterblichen bei der Geburt vergessen). Wenn wir sterben, kehrt die Seele ins Reich der Ideen zurück. Wahres Wissen ist nach Platon Erkenntnis der Ideen – er beschreibt es auch als Erinnerung an das vorgeburtliche Wissen -, und begründet das wie folgt: Unsere Meinungen wandeln sich fortwährend. Wahres Wissen jedoch kann nicht derart wandelbar sein. Wenn sich herausstellt, dass etwas kein Wissen ist, dann war es das auch niemals. Was einmal Wissen ist, kann nicht irgendwann aufhören, Wissen zu sein. […] Wir können nach Platon nur durch philosophische Reflexion zu wahrem Wissen gelangen: zu Wissen von den ewigen, unwandelbaren und vollkommenen Ideen.“ (Vgl. 6.2.4, S. 77)

Platon unterscheidet in seiner Seelenlehre drei Seelenteile, denen jeweils einzelne Tugenden zugeordnet werden. Im Folgenden wird anhand der Abbildung eines Pferdewagens (Vgl. 6.5.1.) die Wechselwirkung der Seelenteile zueinander gezeigt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6.5.1.

Wie die Abbildung zeigt, setzt sich die Seele aus einem begehrenden, einem mutigen und einem vernünftigen Teil zusammen.

Aus Platons Sicht ist eine Harmonie zwischen den einzelnen Teilen erstrebenswert, die nur mittels der ausgleichenden Gerechtigkeit erreicht werden kann. Die ausgleichende Gerechtigkeit verbindet alle Seelenteile miteinander und führt zu einem gerechten Verhältnis zwischen den einzelnen Teilen. Das richtige Zusammenwirken zwischen den Seelenteilen verhält sich so, dass die Vernunft als Wagenlenker die beiden unterschiedlichen Pferde „Mut“ und „Begierde“ führt. Zudem sorgt die Vernunft dafür, dass die „Begierde“ gebändigt oder gemäßigt wird. Die „Begierde“ ist auf Sinneswahrnehmungen ausgerichtet und ist dafür zuständig, dass körperliche Bedürfnisse, wie z.B. Essen und Trinken, befriedigt werden.

Nach Platons Seelenverständnis bedeutet dies also, dass Gerechtigkeit dann vorliegt, wenn „jeder dieser drei Seelenteile seine ihm eigentümliche Aufgabe verrichtet.“ (Vgl. 6.2.2., S. 142)

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Details

Seiten
20
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668008403
ISBN (Buch)
9783668008410
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v302676
Institution / Hochschule
Technische Universität Darmstadt – Institut für Philosophie
Note
2,3
Schlagworte
Philosophie Platons Gleichnisse Gerechtigkeit Ungerechtigkeit Seelenlehre Staatsmodell Freiheitsbegriff

Autor

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