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Die Landwirtschaft und die Ländliche Gesellschaft im Deutschen Kaiserreich

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 20 Seiten

Geschichte - Allgemeines

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. DIE LANDWIRTSCHAFT IM „LANGEN 19. JAHRHUNDERT“
2.1 Die Agrarreformen
2.2 Von der Hochkonjunktur in die Agrarkrise
2.3 Der Agrarprotektionismus
2.4 Die Verwissenschaftlichung und Technisierung

3. DIE LÄNDLICHE GESELLSCHAFT
3.1 Die Großgrundbesitzer
3.2 Die Bauern
3.3 Die Landarbeiter

4. DIE ORGANISIERTE LANDGESELLSCHAFT
4.1 Der Bund der Landwirte (1893 – 1914)
4.2 Interessenvertretungen der Landarbeiter?

5. ZUSAMMENFASSUNG

6. LITERATURVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

Ziel dieser Arbeit ist es, die Landwirtschaft sowie die ländliche Gesellschaft des Deutschen Kaiserreiches (1871 – 1914) näher zu betrachten. Beachtenswert ist es, dass nicht nur die Gesellschaft auf dem Lande einzeln herausgearbeitet bzw. vorgestellt werden kann. Die Landwirtschaft, eng mit der Landgesellschaft verbunden, spielt in dieser Thematik eine ebenso große Rolle wie die politische Organisation der Großgrundbesitzer, Bauern und Landarbeiter. Bei der Betrachtung der Landwirtschaftsgeschichte erscheint es außerdem sinnvoll, nicht nur die Entwicklung der Landwirtschaft im Deutschen Kaiserreich zu beschreiben, sondern deren Geschichte im sogenannten „langen 19. Jahrhundert“ (nach Hobsbawm) zu erläutern. Dieser Zeitraum beginnt im Jahre 1789 und endet mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges 1914. Besonders wichtig bei der Erschließung der Thematik ist der Industrialisierungsprozess, der sich im 19. Jahrhundert im deutschen wie europäischen Raum mit positiven wie auch negativen Folgen zu beobachten ist. Im Hinblick auf die Entwicklung der Landwirtschaft im zweiten Punkt dieser Arbeit wird diese Problematik aufgegriffen. Gleichfalls beleuchtet wird der Eingriff des Staates auf die Landwirtschaft in dem Kapitel, das den Agrarprotektionismus beschreibt. In Punkt 2.4 geht es um die Professionalisierung und die Technisierung der Landwirtschaft. Auch hier sind Vorgänge zu beobachten, die im Bezug zur Landgesellschaft wichtig erscheinen.

Im dritten Abschnitt wird dann die Ländliche Gesellschaft näher beschrieben, wobei auch hier Ansatzpunkte bzw. Entwicklungen vor Beginn des Kaiserreiches zu suchen sind. Die Gesellschaft ist in drei Gruppen aufgeteilt: Großgrundbesitzer, Bauern und Landarbeiter.

Die organisierte Landgesellschaft rückt im vierten Punkt der Arbeit in den Mittelpunkt. Hier geht es vor allem um die politische Organisation der drei Gruppen auf dem Lande. Hier soll die Frage geklärt, ob und in welchem Umfang die Großgrundbesitzer, die Bauern und die Landarbeiter politisch repräsentiert wurden. Der Punkt 4.1, der den Bund der Landwirte beschreibt, soll einen thematischen Schwerpunkt setzen, da diese Organisation eine Art Sonderstellung im Deutschen Kaiserreich einnimmt.

Zwei Fragen werden gestellt, die diese Arbeit zu beantworten versucht. Die erste Annahme geht davon aus, dass die feudalen Strukturen, die vor der Bauernbefreiung bestanden, auch nach den Agrarreformen nachhaltig bestehen blieben und sich diese alten sozialen Strukturen nicht an die neuen Erfordernisse, welche die Umwälzung der Landwirtschaft bzw. deren Rationalisierung benötigte, anzupassen versuchten. Ferner ergibt sich aus der ersten Annahme eine weitere Frage: Durch die Beibehaltung der feudalen Strukturen auf dem Lande war es den unteren Schichten nicht möglich, sich Interessenvertretungen wie z. B. Gewerkschaften oder Parteien anzuschließen. Weiterhin wird angenommen, dass die Sozialdemokratie bzw. die Arbeiterbewegung keinen Einfluss auf dem Land aufbauen konnte. Dies führte dazu, dass Politik auf dem Lande stets „von oben“ und nie „von unten“ erfolgte.

In der Forschung wurde das Thema der Landgesellschaft immer wieder aufgegriffen. Jedoch wurde hier immer die Frage gestellt, ob sich der Thematik wirtschaftsgeschichtlich oder sozialhistorisch genähert werden sollte. „Die Agrargeschichtsschreibung des 19. und 20. Jahrhunderts fand […] etwa zwischen 1960 und 1970 ihre bis heute wirkende, paradigmatische Ausprägung als Zweig makroökonomisch und demographisch ausgerichteter Wirtschaftsgeschichte […]. Soziale Handlungsbedingungen erscheinen bei diesem Ansatz als ‚Datenkranz‘.“[1] Besonders hervorzuheben sind die Veröffentlichungen von Puhle, wo sich intensiv mit politischen Agrarbewegungen, vor allem auch mit dem Bund der Landwirte, beschäftigt wird. Außerdem ist noch das Buch von Aldenhoff-Hübinger zu erwähnen. Hier wird die Agrarpolitik und der Protektionismus untersucht mithilfe eines Vergleichs zwischen dem Deutschen Kaiserreich und Frankreich. Wehler beschäftigt sich in seinem Werk über die Gesellschaftsgeschichte Deutschlands gleichfalls mit der ländlichen Gesellschaft sowie mit der Entwicklung der Landwirtschaft. Ritter und Tenfelde erläutern in einem Kapitel die Arbeit auf dem Land in ihrer Publikation über die Arbeiter im Deutschen Kaiserreich. Zum Abschluss wären noch die Werke von Buchsteiner, von Friedeburg und Brakensiek zu nennen, die auf regionalem Sektor wie z. B. Nordwestdeutschland (Brakensiek), Pommern (Buchsteiner) und Hessen bzw. Kurhessen (von Friedeburg) angesiedelt sind. Hier wird deutlich, dass in der Betrachtung der Landgesellschaft enorme regionale Unterschiede bzw. Besonderheiten zu beobachten sind. Dies soll in den nächsten Punkten behandelt werden. Kluge und seine Veröffentlichung zur Agrarwirtschaft und ländlichen Gesellschaft im 20. Jahrhundert muss ebenso genannt werden, da hier ein guter Überblick über die Thematik sowie Grundprobleme der Forschung aufgezeigt werden.

2. DIE LANDWIRTSCHAFT IM „LANGEN 19. JAHRHUNDERT“

Der Beginn ist hier die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, in der bestimmte Reformen beschlossen wurden, die im Hinblick auf das Bauerntum als wichtig zu erachten sind.

Zunächst soll der Versuch unternommen werden den Begriff „Landwirtschaft“ zu definieren. Klar wird hier, dass die Stadt hierbei ausgegrenzt werden muss. „…landwirtschaftliche Tätigkeit [bedeutet] die Erzeugung von Pflanzen und Tieren, die als Ausgangsbasis für die Herstellung von Nahrungsmitteln […], Viehfutter […] und Rohstoffen […] dienen. Die Besonderheit […] liegt in der Umwandlung und Veredlung von Rohstoffen für Haushalt und Fabrik; somit ist Landwirtschaft sowohl ein Teil des Gesellschaftlichen als auch des Ökonomischen.“[2] Landwirtschaft gilt hier als Ausgang der Produktion bzw. Urproduktion[3], da sie die Funktion hat, den Bedarf an Nahrungsmitteln zu decken, den eine Gesellschaft benötigt, um zu überleben.

Nun sollen die Agrarreformen in den Mittelpunkt der Betrachtung rücken.

2.1 Die Agrarreformen

Diese Reformen, die am Beginn des 19. Jahrhundert entwickelt und verabschiedet wurden, sollten tiefgreifende Veränderungen im Verhältnis der Bauern zu den Gutsherren bewirken. „Schließlich handelte es sich darum, die aus dem Mittelalter in die Neuzeit fortbestehenden Feudalabhängigkeiten abzubauen, zu denen unter anderen Leibeigenschaft, Arbeitsleistungen wie Hand-, Span- und Gesindezwangsdienste, Natural- und Geldleistungen zählten.“[4] Ziel war es, das Bauerntum unabhängiger von den Gutsherren im Wirtschaftskreislauf agieren zu lassen sowie die Umwälzung der Landwirtschaft in kapitalistische Wirtschaftsformen. Außerdem sind hier die enormen regionalen Unterschiede in der Durchführung der Reformen zu beachten. „Manche Gebiete wurden von diesem Prozeß kaum oder gar nicht erfaßt, in anderen wiederum war er um die Jahrhundertwende schon weit fortgeschritten, am weitesten vielleicht in der Provinz Sachsen.“[5]

Jedoch konnte die „Bauernbefreiung“ nicht sofort nach den Beschlüssen von 1807 bzw. 1811 umgesetzt werden. Es sollte bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts dauern, bis sich die Bauern vom Feudalismus endgültig lösen konnten. „Erst nach dem Schock der Revolution von 1848 wurde die Ablösung der alten feudalrechtlichen Verpflichtungen abgeschlossen. Hatten sich von 1811 bis 1848 rund 70 000 preußische Bauern durch Landabtretung und rund 170 000 durch Geldzahlungen befreit, so waren es allein von 1850 bis 1865 rund 640 000, die sich von 6,3 Millionen Spanndienst- und 23,4 Millionen Handdiensttagen loskauften.“[6] Bei der Beschäftigung der Thematik taucht neben dem Begriff „Bauernbefreiung“ auch dieser auf: „Agrarrevolution“. Jedoch behandelt dieser Punkt auch die Technisierung und Veränderung des Produktionsprozesses durch die Chemie, welche die Produktionsstruktur und die Wirtschaftlichkeit veränderten und im Punkt 2.4 angesprochen werden. Die Agrarreformen waren zum Teil der Wirkungsfaktor für die Hochkonjunktur, die dann in den 1870er Jahren in der Agrarkrise mündete, was im nächsten Punkt behandelt wird.

2.2 Von der Hochkonjunktur in die Agrarkrise

Neben den Agrarreformen, welche die kapitalistischen Wirtschaftsformen auf dem Land freisetzte, sind ebenso andere Faktoren für die Hochkonjunkturphase der Landwirtschaft verantwortlich, die sich von den 1850er Jahren ausgehend, bis zur Agrarkrise in den 1870er Jahren, erstreckte. Vor allem das Bevölkerungswachstum forderte die Produktivität der Landwirtschaft heraus. „Wie schon in früheren Jahrhunderten wirkte der Bevölkerungsdruck mit seiner zunehmenden Nachfrage nach Nahrungsmitteln auf dem Agrarmarkt preistreibend, doch wurde diese Tendenz jetzt noch verstärkt durch die infolge der Industrialisierung wachsenden Masseneinkommen, deren Kaufkraft vornehmlich aus dem auf dem Nahrungssektor greifen mußte.“[7] Ein anderer Grund für das Wachstum der Wirtschaft ist im Urbanisierungsprozess zu suchen, der im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert zu beobachten ist. Die Freisetzung der Lohnarbeit in den Städten aufgrund des Arbeitskräftebedarfs in den Fabriken wirkte sich auch auf die Landwirtschaft aus. „Wegen der Verstädterung und Industrialisierung sowie wegen der allgemeinen Ausbreitung der Lohnarbeit nahm die Marktabhängigkeit zahlreicher Konsumenten, die sich nicht mehr selber versorgen konnten, unablässig zu.“[8]

Ein Indiz dafür sind die steigenden Getreidepreise im deutschen Raum. Waren die 1840er Jahre durch Missernten in der Landwirtschaft gekennzeichnet, so kann ab den 1850er Jahren von einem schnellen Anstieg der Produktivität der Landwirtschaft gesprochen werden. „Nach Überwinden dieser Krise stiegen bei stiegen bei zunehmender Produktion bis in die siebziger Jahre die Agrarpreise, da u.a. die Nachfrage nach Getreide stärker stieg als die Nachfrage.“[9] Ein anderes Charakteristikum ist der Anstieg der Bodenpreise von 1850 bis 1875, wobei sich der Bodenwert auf deutschem Gebiet um ca. 85 Prozent steigerte.[10]

Auch in der Tierwirtschaft waren tiefgreifende Veränderungen spürbar. Durch das oben genannte Bevölkerungswachstum kam es zu einem enormen Bedarf an Nahrungsmitteln und neben Getreide war es vor allem Fleisch, was sich als Nahrungsmittel stärker durchsetzen sollte. „Zwischen 1860 und 1900 vermehrte sich etwa der Bestand an Rindern um 26 Prozent, der an Schweinen verdreifachte sich fast. Allein die Schafhaltung, die sich […] insbesondere auf den Gütern Ostelbiens rapide ausgedehnt hatte, entwickelte sich seit den 1870er Jahren rückläufig [fallende Wollpreise]…“[11]

Ein nächstes markantes Merkmal für die Hochkonjunktur betrifft den Anbau von Zuckerrüben. Drei wichtige Auswirkungen des Zuckerrübenanbaus für die Landwirtschaft sind auszumachen: Die Zuckerrübe konnte die meisten Roherträge erwirtschaften. Außerdem waren die Abfallprodukte dieser Pflanze enorm gewinnbringend, denn diese konnten als Futtermittel weiter verwendet werden. Der Anbau der Zuckerrübe erforderte ebenso eine Bodenbearbeitung, die einen besseren Zustand der Böden erforderte und sich so nachhaltig auf andere Pflanzenarten auswirkte.[12] Besonders wichtig beim Anbau dieser Pflanzenart war aber die Zuckergewinnung, was sich auch in den Zahlen deutlich wird. „Innerhalb zweier Jahrzehnte stiegen die Rübenernten von 233 000 (1846) auf 2,4 Mio Tonnen (1866). Mit Hilfe von Zöllen wirksam geschützt, konnten sich Rübenbau und Zuckerindustrie erfolgreich der Konkurrenz überseeischen Rohrzuckers erwehren, der gänzlich von den inländischen Märkten verdrängt wurde.“[13]

Doch nicht nur der Zuckerrübenanbaueine erfuhr eine Steigerung im 19. Jahrhundert erfuhr. Der Hackfruchtbau (vor allem die Kartoffel) allgemein verzeichnete einen enormen Aufschwung. Die Dreifelderwirtschaft als traditionelle Art des Anbaus trat zugunsten des Hackfruchtanbaus zurück. Die Kartoffel sollte sich als neues Nahrungsmittel durchsetzen. „Die rasche Ausdehnung der Kartoffelanbaufläche um die Mitte des 19. Jahrhunderts hing mit der Entdeckung der Kartoffel als wichtiges Nahrungsmittel für die einkommensschwächeren Bevölkerungsgruppen zusammen. […] In einer zweiten Phase wurde die Kartoffel vermehrt auch als Viehfutter verwendet…“[14] Folglich kann aus diesen Punkten gedeutet werden, dass durch den Übergang von der Dreifelderwirtschaft zum Hackfruchtanbau gleichfalls den Rückgang der landwirtschaftlichen Brachflächen verursachte. Bei der Dreifelderwirtschaft lagen die Anbauflächen immer ein Jahr brach bevor sie wieder bewirtschaftet wurden. Der Hackfruchtanbau erfordert keine Brachen. „Die landwirtschaftliche Nutzfläche wuchs von 1800 = 30 Millionen Hektar auf 1878 = 36.73 Mio Hektar um rund zweiundzwanzig Prozent an.“[15]

Der Ausbau der Infrastruktur ermöglichte einen höheren Grad der Mobilität sowie eine Grundlage für den Wirtschaftsaustausch zwischen Stadt und Land. Durch einfachere Transportwege steigert sich der Warenabsatz. Ein Beispiel hierfür ist der Eisenbahnbau. „The growth of the railways had a similar effect. […], the railways began to penetrate the village and small town in the last decades of the nineteenth century. […] This not only locked the countryside more closely into the market economy: it also facilitated movement out of and into the village. The railway carried the occupants of the village to new jobs in the town …”[16] Höhere Mobilität der Landbevölkerung hatte der Ausbau der Infrastruktur zufolge. Dieser Punkt wird wichtig bei der Betrachtung der Landarbeiter im Punkt 3.3. Die Errichtung einer funktionierenden Infrastruktur sowie Erschließung neuer Transportwege etc. bewirkten eine Aufnahme der Landwirtschaft in den Kreislauf des Weltmarktes, was sich aber im Hinblick auf die Agrarkrise in den 1870er Jahren auch als Nachteil auswirkte.

Das Problem der deutschen Landwirtschaft lag hierbei im Import und Export der landwirtschaftlichen Produkte. „Bis zur Jahrhundertmitte hatten die agrarisch entwickelten deutschen Staaten zu den Getreideexportländern gehört. 1852 begann eine Wende insofern einzusetzen, als seither das wichtigste Korn für die Brotherstellung, der Roggen, ständig eingeführt werden mußte. Das Deutsche Kaiserreich war mithin fast von Anfang an von Getreideeinfuhr abhängig.“[17] Dieser Importzwang war folgenreich für die Landwirtschaft im deutschen Kaiserreich, wie die Entwicklungen auf dem landwirtschaftlichen Sektor der USA aufzeigen. „Zu den langfristig wirksamen Faktoren gehörte auch die Globalisierung des Agrarmarktes, für welche die amerikanische Getreideexportoffensive seit 1878/80 den Auftakt bildete. Zwischen 1878/80 und der Mitte der neunziger Jahre hieß das […] anhaltender Preisverfall.“[18] Die Landwirtschaft war vom Weltmarkt und vor allem von den Preisen, die sich daraus entwickelten abhängig. Durch die Landwirtschaft der USA, die Getreide preiswerter auf den Markt anbot als die deutsche Landwirtschaft, kam dieser Preisverfall zustande, der sich auf die Produktivität der Wirtschaft enorm niederschlug. Der Absatz des Getreides ging zurück, da die Konsumenten die Ware billiger aus dem Ausland bekommen konnten. Der Ausbau der Transportwege trug auch dazu bei, indem die Kosten für die Lieferungen sanken. Ein weiteres nicht zu unterschätzendes Problem waren die hohen Lohnkosten und die hohen Bodenpreise, welche die Produktionskosten für Getreide nicht senken konnten, um am Weltmarkt wettbewerbsfähig zu bleiben.[19] Die Agrarkrise mündete in die „Große Depression“ und bedurfte ein Eingreifen des Staates, um diese Krise bewältigen zu könpnen. Dies soll im nächsten Punkt, der den Agrarprotektionismus betrifft, herausgearbeitet werden.

2.3 Der Agrarprotektionismus

Die Phase des Protektionismus ist die Reaktion des Staates auf die Agrarkrise in den 1870er und 1880er Jahren. Ziel war es hier, durch die Einführung von Schutzzöllen im Getreidesektor, die Preise an das Niveau im Kaiserreich anzupassen und den Wettbewerb zugunsten der deutschen Landwirte zu beeinflussen. „Dieser Übergang zum Protektionismus verlief in einzelnen Etappen. Während die Getreideeinfuhr nach 1865 zollfrei war, erhob man 1879 mit Wirkung ab 1. Januar 1880 […] 10 Mark pro Tonne Weizen oder Roggen […]. 1885 wurde der Zoll auf 30 Mark pro Tonne und 1887 auf 50 Mark pro Tonne angehoben…“[20] Diese Schutzzollpolitik sollte jedoch zu Beginn der 1890er Jahre ihr jähes Ende finden, als der Reichskanzler Leo von Caprivi, Nachfolger Otto von Bismarck, mit den Handelsverträgen versuchte, die Landwirtschaft zu beeinflussen. „…nach dem Sturz Bismarcks leitete Caprivi […] in der Handelspolitik einen ‚neuen Kurs‘ ein, der für die Landwirtschaft eine Erleichterung der Getreideeinfuhren brachte, was […] Preisrückgänge von 25-30% zur Folge hatte.“[21] Im Zusammenhang mit dem Bund der Landwirte soll dieser Punkt noch einmal wichtig werden.

2.4 Die Verwissenschaftlichung und Technisierung

Dieser Punkt spricht die einhergehende Professionalisierung der Landwirtschaft durch den Einsatz neuer technischer sowie chemischer Mittel. Andererseits spielt auch die

[...]


[1] Zimmermann, Clemens: Ländliche Gesellschaft und Agrarwirtschaft im 19. Und 20. Jahrhundert. Transformationsprozesse als Thema der Agrargeschichte, in: Ders. / Troßbach, Werner (Hrsg.): Agrargeschichte. Positionen und Perspektiven (Quellen und Forschungen zur Agrargeschichte, 44), Stuttgart 1998 , S. 140f.

[2] Kluge, Ulrich: Agrarwirtschaft und ländliche Gesellschaft im 20. Jahrhundert (Enzyklopädie Deutscher Geschichte 73), München 2005, S. 1.

[3] Vgl. ebd.

[4] Herrmann, Klaus: Pflügen, Säen, Ernten. Landarbeit und Landtechnik in der Geschichte, Hamburg 1985, S. 155.

[5] Flemming, Jens: Die Landarbeit in der Zeit der Industrialisierung: Der „preußische Weg“, in: Schneider, Helmuth (Hrsg.): Geschichte der Arbeit. Vom Alten Ägypten bis zur Gegenwart, Köln 1983, S. 252.

[6] Wehler, Hans-Ulrich: Das Deutsche Kaiserreich 1871 – 1918 (Deutsche Geschichte 9), 6. Auflage, Göttingen 1988, S. 23.

[7] Klein, Ernst: Geschichte der deutschen Landwirtschaft im Industriezeitalter (Wissenschaftliche Paperbacks, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 1), Wiesbaden 1973, S. 91.

[8] Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Von der 'Deutschen Doppelrevolution' bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1845/49–1914, Bd. 3, München 1995, S. 47.

[9] Walter, Rolf: Wirtschaftsgeschichte. Vom Merkantilismus bis zur Gegenwart (UTB 3387), 5. Auflage, Köln / Weimar / Wien, S. 89.

[10] Vgl. Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte (wie Anm. 8), S. 41.

[11] Flemming: Die Landarbeit (wie Anm. 5), S. 249.

[12] Vgl. Klein: Geschichte der deutschen Landwirtschaft (wie Anm. 7), S. 102.

[13] Flemming: Die Landarbeit (wie Anm. 5), S. 249f.

[14] Hermann: Pflügen, Säen, Ernten (wie Anm. 4), S.170.

[15] Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte (wie Anm. 8), S. 51.

[16] Blackbourn, David: Peasants and Politics in Germany, 1871-1914, in: European History Quarterly 14 (1984), S. 53.

[17] Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte (wie Anm. 8), S. 56.

[18] Aldenhoff-Hübinger, Rita: Agrarpolitik und Protektionismus. Deutschland und Frankreich im Vergleich 1879-1914 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, 155), Göttingen 2002, S. 74.

[19] Vgl. Bade, Klaus J.: Massenwanderung und Arbeitsmarkt im deutschen Nordosten von 1880 bis zum Ersten Weltkrieg, in: AfS 20 (1980), S. 292f.

[20] Walter: Wirtschaftsgeschichte (wie Anm. 9), S. 127.

[21] Klein: Geschichte der deutschen Landwirtschaft (wie Anm. 7), S. 124.

Details

Seiten
20
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668002142
Dateigröße
415 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v302474
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz – Institut für Europäische Geschichte
Note
1,7
Schlagworte
landwirtschaft ländliche gesellschaft deutschen kaiserreich

Autor

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