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Zusammenhang zwischen explizitem und implizitem Selbstwertgefühl

Ein systematisches Review der neueren empirischen Forschungsliteratur

Bachelorarbeit 2014 68 Seiten

Psychologie - Persönlichkeitspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Hintergrund und methodische Grundlagen
2.1 Das Selbstwertgefühl
2.2 Explizites Selbstwertgefühl
2.2.1 Messungen
2.3 Implizites Selbstwertgefühl
2.3.1 Messungen
2.4 Duale Prozesstheorien – Zusammenhang zwischen explizitem und implizitem Selbstwertgefühl
2.5 Vier Formen von Selbstwertkombinationen
2.5.1 Fragiles Selbstwertgefühl
2.5.2 Verletztes Selbstwertgefühl
2.6 Narzissmus
2.6.1 Grandiose Narzissten – offener Narzissmus
2.6.2 Vulnerable Narzissten – verdeckter Narzissmus
2.7 Fragestellung

3. Methode
3.1 Vorgehen
3.2 Ein-und Ausschlusskriterien für Literatur
3.3 Einbezogene Quellen

4. Ergebnisse
4.1 Selbstwertdiskrepanz und Narzissmus
4.2 Defensive Verhaltensweisen und fragiler Selbstwert
4.3 Selbstwertgefühl und Gesundheit
4.4 Auswirkungen des Selbstwertgefühles auf Depression
4.5 Steigerung des impliziten Selbstwertgefühles

5. Diskussion
5.1 Einschränkungen und methodische Schwächen
5.2 Ausblick auf zukünftige Forschung

Literaturverzeichnis

Pressemitteilung

Anhang

Zusammenfassung

In der vorliegenden Arbeit wurde anhand von 23 Studien das Zusammenwirken von explizitem und implizitem Selbstwertgefühl auf verschiedene Facetten des Erlebens und Verhaltens untersucht. Duale Prozesstheorien konnten in der Vergangenheit die fehlende bzw. marginale Korrelation von beiden Anteilen des Selbstwertgefühles begründen. Die zudem unzureichende Korrelation verschiedener indirekter Messverfahren fand in dieser Abschlussarbeit eine mögliche Erklärung durch die unterschiedliche Gewichtung der Items auf den Domänen agentic und communion. Des Weiteren erreichte die fragile Selbstwertschätzung (hoher expliziter und niedriger impliziter Selbstwert) die stärkste Ausprägung von Narzissmus sowie die größte Tendenz der Anwendung defensiver Verhaltensweisen nach einer selbstwertbedrohlichen Situation. In Bezug auf das physische und psychische Wohlbefinden fungierte ein hoher expliziter oder impliziter Selbstwert als Schutzfaktor vor gesundheitlichen Einschränkungen und dem Erleben von negativem Affekt. Ein hoher expliziter Selbstwert zeigte sich negativ verbunden mit Depressionen, während ein hoher impliziter Selbstwert als Indikator für diese angesehen werden kann. Die klassische Konditionierung erwies sich als probates Mittel, um das implizite Selbstwertgefühl zu steigern, die Untersuchungen zeigten zudem, dass es bei fehlender kognitiver Kapazität (z. B. durch Zeitdruck ausgelöst) explizite Betrachtung erfahren kann.

Das Selbstwertgefühl hinsichtlich seiner Unterteilung in explizites und implizites Selbstwertgefühl zu betrachten erscheint unter den gegebenen Ergebnissen sinnvoll. Zusätzlich legte die Sichtung der vorliegenden Untersuchungen den Schluss nahe, dass sich der Multidimensionalität des impliziten Selbstwertgefühls in weiteren Studien gewidmet werden sollte, ebenso wie dem verletzten Selbstwertgefühl und dem vulnerablen Narzissmus, welche in der Vergangenheit noch keine befriedigende Beachtung erfuhren.

Schlagwörter: defensive Verhaltensweisen, Depression, Duale Prozesstheorien, explizites Selbstwertgefühl, implizites Selbstwertgefühl, Narzissmus

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 Subskalen der MSWS sowie beispielhafte Items nach Rentzsch und Schütz (2009, S. 105)

Tabelle 2 Auszug der SSES nach Heatherton und Polivy (1991)

Tabelle 3 Ablauf eines Selbstwert-IATs nach Greenwald und Farnham (2000)

Tabelle 4 Vier mögliche Selbstwertschätzungen

Tabelle 5 Gliederung eines strukturierten Interviews zur verbalen Defensivität

Tabelle 6 Mittelwerte und Standardabweichungen des Selbstwertgefühles in Exp. 3

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1. Musterbeispiel der RSES (Rosenberg, 1965).

Abbildung 2. Zusammenhänge des expliziten und impliziten (mittels IAT erfassten) Selbstwertgefühles sowie Narzissmus (Zeigler-Hill, 2006, S. 133)

„The conceptions of childhood will long remain latent in the mind, to reappear in every hour of weakness, when the tension of reason is relaxed, and the power of old associations is supreme.“ (Lecky, 1891, zit. nach Wilson, Lindsey & Schooler, 2000, S. 101)

1. Einleitung

Untersuchungen zum Selbstwertgefühl haben eine lange Tradition in der Psychologie. Nachdem das Selbstwertgefühl über viele Jahrzehnte hinweg als eindimensionales Konstrukt begriffen wurde, zeigte sich, dass neben den explizit geäußerten Selbstsichten weitere, sich tiefer im Unterbewusstsein befindende, existieren – die impliziten. Letztgenannte empfingen durch Greenwalds und Banajis (1995) Arbeiten zu impliziten Einstellungen an erheblicher Aufmerksamkeit in der sozialpsychologischen Forschung. Mit dem Implicit Association Test (IAT; Greenwald, McGhee & Schwartz, 1998; vgl. 2.3.1.1) stand das erste Messinstrument zur Verfügung, welches auch die automatisch stattfindenden Selbstbewertungen, die implizite Selbstsicht, erfassen konnte. Untersuchungen hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen implizitem und explizitem Selbstwertgefühl ergaben nur eine marginale Korrelation untereinander (z. B. Bosson, Swann & Pennebaker, 2000). Es handelt sich bei ihnen somit um unabhängige, jedoch miteinander in Beziehung stehende Anteile des Selbstwertgefühles. Das Wirksamwerden des jeweiligen Konstruktes findet durch die Dualen Prozesstheorien eine gute Erklärung (vgl. 2.4). Geht man1 davon aus, dass sowohl explizites als auch implizites Selbstwertgefühl eine jeweils hohe oder niedrige Ausprägung erfahren, ergeben sich vier mögliche Kombinationen der Selbstwertschätzung (vgl. 2.5), von denen besonders die diskrepanten – die fragile und die verletzte – mit negativen Auswirkungen auf das allgemeine Wohlbefinden und Verhaltensaspekte verbunden sein sollten.

Diese Beziehung sowie die unterschiedlichen Auswirkungen der Ausprägung dieser auf diverse Bereiche des Erlebens und Verhaltens sind Gegenstand der vorliegenden Arbeit.

Eine vielfach mit Selbstwertgefühlen in Zusammenhang gebrachte Erscheinung ist der Narzissmus (vgl. Campbell, Rudich & Sedikides, 2002; Rohmann, Neumann, Herner & Bierhoff, 2012; Sedikides, Rudich, Gregg, Kumashiro & Rusbult, 2004). Seine Entstehung sowie der genaue Zusammenhang mit Gefühlen des Selbstwertes unterscheiden sich über verschiedene Theorien hinweg. Unstrittig jedoch ist die Annahme, dass Narzissmus mit einer diskrepanten Selbstwertschätzung einhergeht (vgl. 2.6). In jüngster Zeit wird sich verstärkt der Differenzierung zweier verschiedener Subtypen gewidmet - dem offenen und dem verdeckten Narzissmus. Hier wird eine Parallele zwischen der fragilen sowie der verletzten Selbstwertschätzung gesehen. Da sich die Forschung bislang verstärkt dem fragilen Selbstwert sowie dem offenen Narzissmus zuwendete, ist die erste Hypothese des vorliegenden Literaturreviews, dass der fragile Selbstwert mit der stärksten Ausprägung von Narzissmus einhergeht.

Zudem wird vermutet, dass bei dieser Selbstwertkombination der geringe implizite Selbstwert dazu führt, dass Personen defensive Verhaltensweisen (z. B. Selbsttäuschung) anwenden, um die Diskrepanz ihres Selbstwertgefühles in selbstwertbedrohlichen Situationen weniger intensiv zu spüren.

Über verschiedene Studien hinweg (Baumeister, Campbell, Krueger & Vohs, 2003) erwies sich ein hoher Selbstwert als positiv für das psychische Wohlbefinden. Dies führt zu der nächsten Fragestellung, ob ein hoher expliziter Selbstwert allein Depressionen vorbeugen kann und welchen Anteil der implizite Selbstwert für das psychische und physische Wohlbefinden des Einzelnen hat.

Das Model of dual attitudes (Wilson et al., 2000) – eine der dualen Prozesstheorien – geht davon aus, dass sich das implizite Selbstwertgefühl aufgrund seiner automatisch erfolgenden, lange gespeicherten Einstellungen sowie seiner Trägheit nur schwerlich verändern ließe. Gleichwohl existieren Studien, die belegen, dass das implizite Selbstwertgefühl nicht unbewusst ist und zu Tage treten kann, wenn die kognitiven Kapazitäten eingeschränkt sind. Aus diesem Grund widmet sich die letzte Fragestellung der weiteren Untersuchung der Möglichkeit der Steigerung des impliziten Selbstwertes.

Nicht nur explizites und implizites Selbstwertgefühl sind maximal schwach korreliert, auch die unterschiedlichen Messinstrumente zur Erfassung des impliziten Selbstwertgefühles erreichten keine zufriedenstellende Korrelation, obwohl sie dasselbe Konstrukt erfassen sollten. Eine mögliche Erklärung für dieses Phänomen wird im theoretischen Teil angesprochen und findet beim Vergleich der Ergebnisse miteinander sowie in der Diskussion eine genauere Erläuterung.

Im zweiten Punkt der vorliegenden Arbeit erfolgt eine Einführung in den theoretischen Hintergrund des Selbstwertgefühles inklusive seiner Unterformen – dem expliziten und impliziten Selbstwertgefühl – sowie in die methodischen Grundlagen ihrer Erfassung. Zudem wird das Krankheitsbild des Narzissmus vorgestellt. Es schließt sich in Punkt 3 die Erläuterung des methodischen Vorgehens der Literaturrecherche und -auswahl an, während in Punkt 4 die Ergebnisse des Literaturreviews in Hinblick auf die Fragestellung aufgeführt werden. Der fünfte Abschnitt der vorliegenden Arbeit reflektiert diese Ergebnisse hinsichtlich der Vergleichbarkeit der einzelnen Studien, der Einschränkungen sowie der Bedeutung für weitere Untersuchungen.

2. Theoretischer Hintergrund und methodische Grundlagen

Für die Betrachtung des aktuellen empirischen Forschungsstandes hinsichtlich der Zusammenhänge zwischen explizitem und implizitem Selbstwertgefühl ist es unerlässlich, vorab einen Überblick bzgl. des Selbstwertgefühles im Allgemeinen (vgl. 2.1), des expliziten (vgl. 2.2) und impliziten Selbstwertgefühles (vgl. 2.3) inklusive der damit verbundenen Messverfahren im Besonderen, des theoretischen Verständnisses anhand der Dualen Prozesstheorien (vgl. 2.4) sowie der verschiedenen Kombinationen, die Menschen in ihren Selbstwerten aufweisen können (vgl. 2.5), zu schaffen. Des Weiteren erfolgt ebenfalls eine kurze Darstellung des Narzissmus (vgl. 2.6), da dieser mit seinen Subtypen des offenen und verdeckten Narzissmus eng verwoben mit dem expliziten und impliziten Selbstwertgefühl scheint. Abschließend erfolgt in Bezug auf diese theoretische Einführung die Ableitung der Fragestellung (vgl. 2.7).

2.1 Das Selbstwertgefühl

Unter Selbstkonzept versteht man das Wissen, welches der Mensch über sich selbst hat. Die Bewertung von diesen Kenntnissen - die positive oder negative Einschätzung gegenüber sich selbst - wird als Selbstwertgefühl bezeichnet (Baumeister et al., 2003).

Selbstbewertungen beeinflussen unter anderem die Verhaltenssteuerung, sodass Selbstwertgefühl und Verhalten in einer Art Rückkopplungskreislauf zueinander stehen: Während die Höhe des Selbstwertgefühles das Verhalten beeinflusst, wirken sich wiederum die von außen erfolgten Reaktionen auf ein Verhalten auf die Höhe des Selbstwertgefühles aus (Branden, 2005; Kanning, 2000). Ab dem Erwachsenenalter gilt das Selbstwertgefühl als relativ stabiles Konstrukt, so dass es zu den Persönlichkeitseigenschaften hinzugezählt werden kann (Asendorpf, 2009; Petersen et al., 2006). Hierbei ist jedoch zwischen dem habituellen Selbstwertgefühl (trait self-esteem) und dem situationsspezifischen Selbstwertgefühl (state self-esteem) zu differenzieren: Während für ersteres die relative Stabilität gilt, ist letzteres anfälliger für Stimmungsschwankungen. Aus Sicht von Kanning (2000) bewegt sich der situationsspezifische Selbstwert um den habituellen Selbstwert. Letzterer kann als Durchschnittswert des Selbstwertes verstanden werden.

Die Grundbausteine für die Bewertungen, die ein Mensch sich selbst zuschreibt, scheinen schon in der frühsten Kindheit gelegt zu werden:

„Diese Bewertung entspringt aber tiefen, im Unbewußten [sic!] liegenden Wurzeln und ist willentlich nur bedingt modifizierbar. […] Wie bereits erwähnt, hängt unsere innerpsychische Bewertungsinstanz in hohem Maße mit den Bewertungen und Urteilen zusammen, die uns von seiten [sic!] der wichtigen Bezugspersonen von früh an entgegengebracht wurden.“ (Jacoby, 1991, S. 68) Dies bedeutet jedoch nicht, dass das Selbstwertgefühl durch die Prägung, die es in der Kindheit erfahren hat, ein für allemal auf ein Niveau festgelegt wurde – es kann sich durch neue Erlebnisse und Erfahrungen in verschiedene Richtungen entwickeln. Die Auseinandersetzung mit der Umwelt ist also zudem ein entscheidender Faktor für die Selbstwertentwicklung (Branden, 2005; Jacoby, 1991; Waibel, 1994).

Die Stabilität und Höhe des Selbstwertgefühles steht in Beziehung mit vielen (mal-) adaptiven Verhaltensweisen sowie psychischem Wohlbefinden. So konnten Kernis, Grannemann und Barclay (1989) sowie Papps und O'Caroll (1998) nachweisen, dass ein instabiler hoher Selbstwert die größten dispositionalen Anzeichen des Erlebens von Wut und Feindseligkeit aufwies, wobei ein stabiler hoher Selbstwert mit den geringsten Tendenzen zu diesem Erleben einherging. Ein instabiles Selbstwertgefühl scheint auch - gerade unter Stress - ein guter Prädiktor für paranoide Symptome zu sein (Kesting, Bredenpohl, Klenke, Westermann & Lincoln, 2013; Thewissen et al., 2007). Zudem steht ein niedriger Selbstwert, sowohl bei Heranwachsenden als auch bei Erwachsenen, in Verbindung mit Suizidgedanken (Marcenko, Fishman & Friedman, 1999; Overholser, Adams, Lehnert & Brinkman, 1995; Reinherz, Tanner, Berger, Beardslee & Fitzmaurice, 2006; Rizwan & Ahmad, 2010). Baumeister et al. (2003) konnten in einer Metaanalyse zeigen, dass ein niedriger Selbstwert einen Risikofaktor für Essstörungen darstellt sowie die weitläufige Annahme widerlegen, dass Personen mit einem hohen Selbstwertgefühl tatsächlich beliebter sind als andere. Zudem besteht nach ihnen empirische Evidenz dafür, dass psychisches Wohlbefinden und ein hohes Selbstwertgefühl miteinander im Einklang stehen.

Zu Beginn der wachsenden Forschungsaktivitäten zum Selbstwertgefühl während der 1970er-Jahre (Baumeister et al., 2003) wurde das Selbstwertgefühl als eindimensionales Konstrukt angesehen und durch Selbstbeurteilungen erfasst. Die geläufigste Form zur Erfassung des allgemeinen Selbstwertgefühls ist die Rosenberg Self-Esteem Scale (RSES; Rosenberg, 1965), die heutzutage bei der Messung des expliziten Selbstwertgefühles Anwendung findet (vgl. 2.2.1). Mit fortschreitendem Forschungsinteresse wurde diese Annahme jedoch zugunsten der Sicht des Selbstwertgefühles als Eigenschaftshierarchie aufgegeben, nach der sich das allgemeine Selbstwertgefühl aus verschiedenen, bereichsspezifischen Selbstwertgefühlen zusammensetzt (Shavelson, Hubner & Stanton, 1976). Nach Kanning (2000, S. 39) ist somit „anzunehmen, daß [sic!] sich ein jeder Selbstwert auf einem Kontinuum von sehr globalen bis hin zu sehr spezifischen Bewertungen der eigenen Person bewegt.“ Das globale Selbstwertgefühl besteht nach Tafarodi und Swann (1995, 2001) aus zwei interdependenten, jedoch eigenständigen Domänen, der self-competence und dem self-liking. Letzteres stellt die eigene Bewertung aus dem Blickwinkel einer Art moralischen Instanz dar und beinhaltet die Zustimmung oder Ablehnung der eigenen Person auf Basis internalisierter sozialer Werte. Die andere Domäne hingegen bezieht sich auf die wahrgenommene Erfahrung des Selbst als fähigem Handelnden und schließt Bewertungsbereiche wie Intelligenz und Dominanz mit ein.

Je allgemeiner das Selbstwertgefühl untersucht wird, desto niedriger ist seine Aussagekraft. Der Einbezug des impliziten und expliziten Selbstwertgefühles ermöglicht hingegen eine differenzierte Betrachtung.

2.2 Explizites Selbstwertgefühl

Das explizite Selbstwertgefühl beschreibt den Teilbereich der Selbstbewertungen, welcher der eigenen Person bewusst zugänglich ist. Es stellt das Ergebnis kognitiver Prozesse sowie aktiver Verarbeitung selbstrelevanter Stimuli sowie differenzierter Selbstbewertungen dar (Bosson, Brown & Zeigler-Hill, 2003; Creemers, Scholte, Engels, Prinstein & Wiers, 2012; Kernis, 2003) und erreicht um das 30. Lebensjahr herum seine Grundstabilität (Vater et al., 2013). Die Erfassung des expliziten Selbstwertgefühles erfolgt typischerweise mittels Fragebogen, Interviews und Selbstbeurteilungen (Jordan, Whitfield & Zeigler-Hill, 2007). Zu beachten ist jedoch die begrenzte Validität dieser Messungen, da sie beispielsweise durch selbstwertdienliche Attributionen, Selbsttäuschung, Reihenfolgeeffekte, soziale Erwünschtheitstendenzen sowie weiteren Formen der Selbstdarstellung verzerrt sein können. Punkt 2.4 legt dar, in welchen Situationen das explizite Selbstwertgefühl zutage tritt. Wie schon unter 2.1 ausgeführt, wurde das allgemeine Selbstwertgefühl in der Vergangenheit oftmals mit dem explizitem Selbstwertgefühl gleich gesetzt und mit der Rosenberg Self-Esteem Scale (Rosenberg, 1965) erfasst (vgl. 2.2.1.1).

2.2.1 Messungen

Im Folgenden werden stellvertretend für die verschiedenen existierenden Verfahren zwei Messinstrumente näher vorgestellt, denen unterschiedliche Faktorenstrukturen zu Grunde liegen: Die Selbstwertskala von Rosenberg (RSES; Rosenberg, 1965) sowie die Multidimensionale Selbstwertskala (MSWS; Schütz & Sellin, 2006). Zusätzlich wird ein Überblick über weitere mögliche Verfahren gegeben (vgl. 2.2.1.3).

2.2.1.1 Rosenberg Self-Esteem Scala (RSES)

Die RSES gehört zu den prominentesten und am meisten bewährten Verfahren der expliziten Selbstwertgefühlsmessung. Sie weist eine eindimensionale Struktur auf und untersucht anhand von zehn Items das globale Selbstwertgefühl mittels einer 4-stufigen Likert-Skala, die von absoluter Zustimmung bis zu absoluter Verneinung reicht (vgl. Abb. 1). Die Hälfte der Items besteht aus positiv formulierten und die andere Hälfte aus negativ formulierten Statements, die aus dem aktuellen Gefühlszustand heraus bewertet werden sollen. Jede Bewertung ist dabei mit einer bestimmten Punktanzahl verbunden, die zu einem Gesamtergebnis aufaddiert wird. Ein höherer erreichter Wert bei der RSES entspricht einem höheren Selbstwertgefühl (Huang & Dong, 2012). Eine deutsche Version haben von Collani und Herzberg (2003) zur Verfügung gestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1. Musterbeispiel der RSES (Rosenberg, 1965).

2.2.1.2 Multidimensionale Selbstwertskala (MSWS)

Die Multidimensionale Selbstwertskala (MSWS; Schütz & Sellin, 2006) stellt die Weiterentwicklung und deutschsprachige Adaption der Multidimensional Self-Concept Scale (MSCS; Fleming & Courtney, 1984) dar. Im Gegensatz zur RSES werden bei der MSWS sechs verschiedene Facetten des Selbstwertgefühles mit je 5 - 7 (insgesamt 32) Items erfasst (vgl. Tab. 1). Neben der Auswertung einzelner Subskalen ist es zudem möglich einen Gesamtwert der Selbstwertschätzung zu bilden.

Tabelle 1 Subskalen der MSWS sowie beispielhafte Items nach Rentzsch und Schütz (2009, S. 105) Anmerkungen. SWS = Selbstwertschätzung; * = invertiertes Item.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2.1.3 Überblick über weitere Verfahren

Weitere Verfahren zur Erfassung des expliziten Selbstwertes sind unter anderem der Self-Attributes Questionnaire (SAQ; Pelham & Swann, 1989), in welchem die Teilnehmer auf Skalen von 0 – 9 ihre eigenen Attribute auf fünf Domänen ihres Selbstkonzeptes im Vergleich zu denen ihrer Mitmenschen (Personen im selben Alter, Kommilitonen etc.) einschätzen sollen. Die Domänen beziehen sich auf die Bereiche intellektuelle sowie soziale Kompetenz, musische/künstlerische sowie sportliche Fähigkeiten und das äußere Erscheinungsbild.

Bei der Self-Liking and Competence Scale (SLC; Tafarodi & Swann, 1995) werden die zwei unterschiedlichen Aspekte des globalen Selbstwertgefühles mittels einer 5-Punkt-Likert-Skala erfasst. Auf dieser bewerten sich die Teilnehmer in Bezug auf den Grad der Zustimmung oder Ablehnung hinsichtlich 20 vorgefertigter Aussagen, von denen sich die eine Hälfte auf den Aspekt der Selbstkompetenz und die andere auf den Bereich der Selbst-Bejahung bezieht.

Die State Self-Esteem Scale (SSES; Heatherton & Polivy, 1991) erfasst mittels 20 Aussagen drei verschiedene Komponenten des aktuellen Selbstwertgefühles. Diese Facetten bestehen aus der sozialen Wertigkeit, dem physischen Erscheinungsbild sowie dem Selbstwertgefühl in Bezug auf die eigene Performanz. Jede Aussage soll aus dem aktuellen Gefühlszustand heraus auf einer 5-stufigen Skala (1 = keinesfalls bis 5 = extreme Zustimmung) bewertet werden (vgl. Tab. 2).

Tabelle 2 Auszug der SSES nach Heatherton und Polivy (1991) Anmerkungen. * = invertiertes Item.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.3 Implizites Selbstwertgefühl

Nach Greenwald und Banaji (1995, S. 5) wird das implizite Selbstwertgefühl definiert als „the introspectively unidentified (or inaccurately identified) effect of the self-attitude on evaluation of self-associated and self-dissociated objects.“ Ausgangspunkt ist die Annahme, dass das Selbst Bewertungen vornimmt, die automatisch und überlernt sind und spontane Reaktionen auf selbstwertrelevante Stimuli beeinflussen (Creemers et al., 2012; Greenwald & Banaji, 1995). Seit den 1990er-Jahren liegt ein besonderes Augenmerk auf der Erfassung dieser Konstrukte (Greenwald & Banaji, 1995). Während bei Messungen des expliziten Selbstwertgefühles die aktuell präsenten Selbstbeurteilungen erfasst werden, soll die indirekte Selbstwertmessung dazu beitragen auch Gefühle und Einstellungen zu erfassen, ohne dass diese bewusst verzerrt werden. Die oftmals vertretene Auffassung, dass das implizite das Pendant zum expliziten Selbstwertgefühl darstellt und somit vollkommen unbewusste Bewertungen vornimmt (z. B. Dijksterhuis, 2004; Pelham et al., 2005; Petersen et al., 2006; Zeigler-Hill & Terry, 2007), darf angezweifelt werden. Zwar ist es möglich, dass der implizite Selbstwert auch unbewusste Prozesse mit einschließt, das Konzept der Automatizität jedoch scheint der impliziten Selbstwertbeurteilung gerechter zu werden. Letzteres ist breiter angelegt und erfüllt, wenn eine der Bedingungen für gesteuerte Prozesse nicht gegeben ist. Eine dieser Voraussetzungen ist die Bewusstheit, weitere sind Intention, Effizienz und Kontrolle (Bargh, 1994). In Abschnitt 2.4 wird näher auf die unterschiedliche Systemarbeit von explizitem und implizitem Selbstwert eingegangen.

Das implizite Selbstwertgefühl entwickelt sich schon in frühster Kindheit durch die Interaktion mit der Hauptfürsorgeperson (Bowlby, 1982; DeHart, Pelham & Tennen, 2006). Bedrohliche Informationen aus den ersten Beziehungserfahrungen werden selektiv aus dem Bewusstsein ausgeklammert, bestehen jedoch auf einer impliziten Ebene weiter fort: “He [Bowlby] concluded that an individual may report a certain conscious attitude, while holding a contrasting attitude at a deeper, less conscious level of information processing.“ (Vater et al., 2013, S. 38)

Dem impliziten Selbstwertgefühl wird eine wichtige „Puffer“-Funktion beim Schutz vor selbstwertbedrohlichen Erfahrungen, wie z. B. dem Scheitern oder der Ablehnung, zugeschrieben. So zeigten sich Individuen mit niedrigem implizitem Selbstwertgefühl ängstlicher während eines selbstwertbedrohlichen Interviews, als Personen mit hohem implizitem Selbstwert (Spalding & Hardin, 1999). Dieses hohe implizite Selbstwertgefühl scheint Menschen davor zu bewahren, maladaptive Strategien (z. B. Fremdgruppenabwertung, Vorurteile und Selbsttäuschung) anwenden zu müssen, um ihr Selbstwertgefühl aufrecht zu erhalten bzw. nach Misserfolgserlebnissen wieder herzustellen (Dijksterhuis, 2004).

Für die Erfassung des impliziten Selbstwertgefühles stehen verschiedene Messverfahren zur Verfügung. Bislang konnte jedoch lediglich für zwei Instrumente - den Name Letter Test (NLT; Nuttin, 1985) und den Implicit Association Test (IAT; Greenwald et al., 1998) - eine zufriedenstellende Validität und Reliabilität festgestellt werden (Bosson et al., 2000). Im folgenden Abschnitt wird auf die Problematik eingegangen, die mit der Messung des impliziten Selbstwertes einhergeht sowie zusätzlich ein kurzer Überblick über weitere Messinstrumente gegeben.

2.3.1 Messungen

Während bei der Erfassung des expliziten Selbstwertgefühles auf Selbstberichte oder Fragebogen zurückgegriffen werden kann, muss der implizite Selbstwert indirekt gemessen werden, um möglichst Einstellungen zu erfassen, die sich - soweit möglich - der willentlichen Beeinflussung entziehen. Um bei Verfahren zur Erfassung des impliziten Selbstwertgefühls auch von impliziter Messung sprechen zu können, müsste für die jeweiligen Verfahren gewährleistet sein, dass die Versuchspersonen nicht erkennen, welches Konstrukt gemessen wird, sie keinen direkten Zugang zu ihm haben und sie zudem das Messergebnis nicht kontrollieren können (De Houwer, 2006). Da dies jedoch bei den wenigsten Instrumenten gegeben ist, wird im Folgenden von indirekten Verfahren gesprochen, die bei der Erfassung des impliziten Selbstwertes Anwendung finden. Seit mehr als zwei Jahrzehnten schreitet die Forschung zu indirekten Verfahren immer weiter voran und zahlreiche verschiedene Methoden wurden erstellt.

Neben des bereits in Abschnitt 2.3 erwähnten Problems der mangelnden Reliabilität und Validität vieler indirekter Messverfahren besteht eine weitere Schwierigkeit in der fehlenden Teilung der Ansicht, welche Verfahren tatsächlich ein genaues Abbild des impliziten Selbstwertgefühles darstellen: Viele korrelieren untereinander nicht, obwohl sie eigentlich dasselbe Konstrukt messen sollten (Bosson et al., 2000). Zeigler-Hill (2006) liefert hierfür drei mögliche Erklärungen: Zum einen handele es sich beim impliziten Selbstwert aller Wahrscheinlichkeit nach nicht um ein eindimensionales Konstrukt, zum anderen sei die fehlende Konvergenz zwischen den Verfahren durch unterschiedliche kognitive Prozesse bedingt und des Weiteren steuere die niedrige Test-Retest-Reliabilität der verschiedenen Messverfahren viel zu der mangelhaften Konvergenz bei.

Bosson (2006) beschreibt drei kognitive Funktionen, die den Erfassungsmethoden zugrunde liegen: So werden erstens Objekte, die mit dem Selbst eng verknüpft sind meist mit etwas Positivem besetzt ohne dass sich die Person selbst dessen bewusst ist. Dies ist zum Beispiel beim NLT sowie der Initials Preference Task (IPT) der Fall, bei denen die Buchstaben aus dem eigenen Namen bzw. die der Initialen bewertet werden. Zweitens ermöglicht die Aktivierung affektiver Zustände eine schnellere Verarbeitung bei ähnlichen Informationen - wie beim IAT - und zuletzt führt die Begegnung mit Objekten zu einer automatischen Aktivierung ihrer Bewertungen. Im Folgenden werden nun bewährte Verfahren sowie neuere Entwicklungen der indirekten Messung vorgestellt.

2.3.1.1 Impliziter Assoziationstest (IAT)

Bei dem Implicit Association Test (IAT; Greenwald et al., 1998) handelt es sich um ein Verfahren, welches die Reaktionszeit der automatischen Assoziationen zwischen Objekt (selbstrelevante vs. selbstirrelevante Wörter) und Attribution (angenehm vs. unangenehm) in einem etwa viertelstündigen Test misst. Eine Übersicht der verwendeten Items jeder Kategorie von Greenwald und Farnham (2000) ist Anhang C zu entnehmen. Der Versuchsablauf besteht aus fünf Blöcken zu je 20 bzw. 40 Stimuli, von denen jedoch nur Block 3b und 5b für die Auswertung herangezogen werden (vgl. Tabelle 3). Während jedem dieser Blöcke soll der Teilnehmer Stimuli, die in der Mitte des Bildschirmes erscheinen, per linkem oder rechtem Tastendruck möglichst schnell und zudem fehlerfrei einer von zwei bzw. zwei von vier möglichen Kategorien zuordnen - bei falscher Zuweisung bleibt der Stimulus so lange im Zentrum des Bildschirms, bis eine korrekte Zuordnung erfolgt. Nach 150ms erscheint jeweils der nächste Stimulus. In Block 1 müssen auftauchende Stimuli der selbstrelevanten bzw. nicht-selbstrelevanten Kategorie zugeteilt werden. Im nächsten Schritt erfolgt die Zuordnung von unangenehmen bzw. angenehmen Reizen. Block 3 und 5 verdienen besondere Aufmerksamkeit. In Block 3 sind selbstrelevante und angenehme sowie unangenehme und nicht-selbstrelevante Wörter miteinander verbunden, bei Block 5 handelt es sich um die Umkehrung: hier befinden sich selbstrelevante und unangenehme Stimuli sowie nicht-selbstrelevante und angenehme Stimuli auf einem Tastendruck. Der Block dazwischen dient als weiterer Übungsblock, in dem zwischen unangenehmen und angenehmen Reizen diskriminiert wird. Der eigentliche Effekt des IATs wird durch die mittlere Reaktionsgeschwindigkeit im Vergleich von Schritt 3 zu Schritt 5 gemessen. Der zeitliche Unterschied gibt Aufschluss darüber, wie stark verschiedene Stimuli mit dem Selbst verbunden sind, sprich wie viel leichter bzw. schwerer es dem Individuum fällt, angenehme bzw. unangenehme Reize mit selbstrelevanten Stimuli in Verbindung zu bringen. So sollten Personen mit einem hohen impliziten Selbstwertgefühl schnellere und fehlerfreiere Assoziationen von dem Selbst und positiven Wörtern aufweisen, als diejenigen mit einem niedrigen impliziten Selbstwertgefühl. Der IAT gehört zu den am häufigsten angewandten Verfahren und weist neben einer zufriedenstellenden Validität auch hohe bis sehr hohe interne Konsistenzen auf. Dennoch müssen auch zum IAT kritische Anmerkungen gemacht werden. So ist es z. B. fraglich, ob die Kategorie „Andere“ bei allen Teilnehmern gleich besetzt ist und diese Differenz zwischen den subjektiven Auffassungen zu einer Verzerrung der Antworten beiträgt. Es handelt sich beim IAT also um ein relatives Maß für die Bevorzugung einer Kategorie, jedoch um kein absolutes, da die Bewertung des Selbst in Abhängigkeit von der Bewertung anderer steht.

Tabelle 3 Ablauf eines Selbstwert-IATs nach Greenwald und Farnham (2000)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anmerkung. Die Anzahl bezieht sich auf die Menge der zuzuordnenden Stimuli. Der kritisierten Mehrdeutigkeit der Kategorien wurde in neueren Entwicklungen vermehrt Beachtung geschenkt. Bei der Go/No-Go Association Task (GNAT; Nosek & Banaji, 2001) existiert lediglich eine Reaktionstaste, welche nur bei passender Darbietung der Stimuli verwendet werden soll. Beim Single Category IAT (SC-IAT, Karpinski & Steinman, 2006) entfällt die Kategorie „andere/nicht ich“.

[...]


1 Auf eine geschlechtsspezifische Ansprache wird in der vorliegenden Arbeit aus Gründen der Lesbarkeit verzichtet – gemeint sind jedoch alle Geschlechter.

Details

Seiten
68
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783956877063
ISBN (Buch)
9783668005846
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v302298
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Institut für Psychologie/Lehrgebiet Sozialpsychologie
Note
1,0
Schlagworte
defensive Verhaltensweisen Depression duale Prozesstheorien explizites Selbstwertgefühl implizites Selbstwertgefühl Narzissmus Selbstwert Selbstwertgefühl Narzisst Psychologie Literaturreview Literaturarbeit

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Titel: Zusammenhang zwischen explizitem und implizitem Selbstwertgefühl