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Kleinstaaten in den internationalen Beziehungen im 21. Jahrhundert. Das Fürstentum Liechtenstein

Strategien und Rollenverständnisse

Diplomarbeit 2014 92 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

Erkenntnissinteresse

Politikwissenschaftliche Relevanz

Methode und Aufbau der Arbeit

Literatur- und Forschungslage

2. Der Kleinstaat als Forschungsobjekt - Definitionsansätze und Theorien
2.1. Staat - Kleinstaat - Mikrostaat Versuch einer Abgrenzung des Begriffes Mikrostaat
2.2. Das Fürstentum Liechtenstein - ein Mikrostaat?
2.3. Begriffserklärung Außenpolitik
2.4. Kleinstaaten und ihre Rollenverständnisse im internationalen System
2.4.1. Der Integrationsskeptiker
2.4.2. Der Pragmatische Mitspieler
2.4.3. Der Selbstbewusste Partner
2.5. Außenpolitische Strategien von Mikrostaaten
2.6. Mikrostaaten in den internationalen Beziehungen - Motive für eine Mitgliedschaft
2.7. Kleinstaaten und die Herausforderungen der Interdependenz
2.8. „Outsourcing“ mikrostaatlicher, hoheitlicher Aufgaben

3. Liechtensteins traditionelle und aktuelle Außenpolitik
3.1. Liechtensteins internationale Beziehungen im Wandel der Geschichte
3.2. Liechtensteins außenpolitischer Aufbruch
3.3. Liechtensteins Neutralität - Geschichte und Ausblick
3.4. Die politischen Träger der liechtensteinischen Außenbeziehungen
3.5. Außenpolitische Ziele und Prioritäten des Fürstentum Liechtensteins

4. Liechtenstein in den internationalen Beziehungen - Rollenverständnisse und Strategien
4.1. Bilaterale Beziehungen
4.1.1. Die Beziehung zur Schweiz
4.1.2. Beziehungen zu Österreich
4.1.3. Beziehungen zu anderen Staaten
4.1.4. Liechtensteins Rollenverständnis gegenüber seinen Nachbarstaaten und in den bilateralen Beziehungen
4.2. Multilaterale europäische Beziehungen
4.2.1. Liechtenstein und Europa - Integration in die Europäische Union
4.2.1.1. Indirekte Zusammenarbeit und Integration mit der EU
4.2.1.2. Direkte Zusammenarbeit und Integration mit der EU
4.2.1.3. Der europäische Integrationswille Liechtensteins mit Zukunftsausblick
4.2.2. Liechtensteins Rollenverständnis in seinen multilateralen europäischen Beziehungen
4.3. Multilaterale globale Beziehungen
4.3.1. Die Vereinte Nationen
4.3.1.1. Mikrostaaten und die Vereinten Nationen
4.3.1.2. Liechtensteins Weg in die Vereinten Nationen
4.3.1.3. Aspekte und Prioritäten aktueller liechtensteinischer UN-Politik
4. 3.2. Liechtensteins Rollenverständnis gegenüber der UN und in den globalen multilateralen Beziehungen

5. Herausforderungen und Zukunft eines Mikrostaates
5.1. Mikrostaaten und die Herausforderungen der Globalisierung Wo liegen Lichtensteins Chancen?
5.2. Fazit und Ausblick - Rollenverständnisse und Strategien

6. Verzeichnisse
6.1. Literaturverzeichnis
6.2. Quellenverzeichnis
6.3. Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abk ü rzu ngsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Erkenntnissinteresse

Kleinstaaten sind in vielerlei Hinsicht besondere Akteure auf der Bühne der internationalen Politik: Sie zählen wenig Einwohner, besitzen kaum ökonomische und verfügen kaum über militärische Macht. Und nichtsdestotrotz müssen sie in einer weitgehend anarchisch organisierten Welt ihre eigene Unabhängigkeit immer wieder gegen ungleich größere und in allen Bereichen potentere Staaten behaupten, wollen sie nicht als eigenständige Mitglieder der internationalen Staatengemeinschaft von der politischen Landkarte verschwinden. Dabei sind ihren Möglichkeiten der kleinstaatlichen Außenpolitik durch die personellen und materiellen Ressourcen enge Grenzen gesetzt. Einige Kleinstaaten betreiben gar seit wenigen Jahren oder Jahrzehnten erst Außenpolitik.

Entgegen der Auffassung der „Realistischen Schule“ hat der Kleinstaat überlebt und scheint weiterhin eine beliebte Gesellschaftsform zu sein. Durch die politischen Umwälzungen ab 1989 stieg der Anteil der europäischen Kleinstaaten bis zum Jahr 1993 erheblich an. Nicht nur in Europa zeigt sich diese Tendenz der Vermehrung von Kleinstaaten, sonder auch global gesehen. Zurzeit zählen die Vereinten Nationen 185 Mitgliedstaaten - von diesen gehören die Mehrzahl zur Kategorie der Kleinstaaten und Mikrostaaten. Die Erforschung kleiner Staaten in der Politikwissenschaft wurde lange Zeit sehr unzulänglich behandelt. Kleinstaaten wurden anfänglich von US-amerikanischen Wissenschaftlern aus im Sinne der „Realistischen Schule“ untersucht. Erst Jahre später begannen Wissenschaftler der betroffenen Länder - auch im Focus der Herausforderungen in den internationalen Beziehungen - dieses Thema zu erforschen.

Auch die Liechtensteinische Politikwissenschaft brachte hier eine große Anzahl von Grundlagenliteratur heraus. Auslöser hierfür könnte in der aktiven Kleinstaatenpolitik, der aktiven Neutralitätspolitik in der Praxis und der wissenschaftlichen Kleinstaatenbefassung in der Theorie liegen. Ein weiterer Grund hierfür könnte in der Einsicht Liechtensteins zu finden sein, dass man nun mal ein Mikrostaat ist und so mit allen Vor- und Nachteilen auf internationalen Parket bestehen muss.

Gerade Liechtenstein bietet hier einen sehr interessanten Forschungsschwerpunkt, da es zum einen zu den winzigsten Staaten Europas zählt und auch durch seine bilateralen Verträge zur Schweiz in einer Sonderrolle in den internationalen Beziehungen auftritt.

Diese Arbeit soll versuchen, aus liechtensteinischer Perspektive, die außenpolitischen Rollenverständnisse des Fürstentums gegenüber anderen Staaten und Regionen und zu Letzt natürlich auch in den internationalen Organisationen zu untersuchen. Hierbei können Rollenverständnisse als außenpolitische Konzepte verstanden werden, die sich in den internationalen Beziehungen des Kleinstaates offenbaren. Hauptaugenmerk soll hier auf die Außenpolitik der letzten 30 Jahre gelegt werden, da bedingt durch den politischen Umbruch ab 1989 auch das Fürstentum sich neuen außenpolitischen Rahmenbedingungen und Herausforderungen ausgesetzt sah. Letztendlich ist in diesen Jahren auch mit einer aktiveren Außenpolitik des Liechtensteins zu rechnen, da es sich gegenüber der Schweiz außenpolitisch zu emanzipieren versucht und in internationalen Organisationen seine Anerkennung als Mikrostaat sucht.

Dem Aspekt der geographischen Größe eines Staates wird besondere Aufmerksamkeit gewidmet, da die Kleinstaatentheorie hier einen kausalen Zusammenhang zwischen der Kleinheit und der daraus resultierenden, außenpolitischen Verhaltensmustern sieht. Des Weiteren soll die Frage nach der Veränderung bzw. Entwicklung der Rollenverständnisse im Laufe der letzten 30 Jahre beantwortet werden.

Politikwissenschaftliche Relevanz

Die Zahl der souveränen Staaten in der Welt ist seit der Beendigung des Ersten Weltkrieges stark gestiegen und seit den politischen Umwälzungen in Europa, in den Anfangsjahren der 1990er, gab es eine regelrechte “Proliferation von Kleinstaaten“. Diese unerwartete Vermehrung souveräner, kleiner Staaten und der sich daraus ergebenen Problematiken haben das Interesse der Politikwissenschaft an der Mikrostaatenforschung neu entfacht. Gerade in Europa ist die eingehende Beschäftigung mit kleineren Staaten im Hinblick auf die EU-Integration und die Herausforderungen der Globalisierung höchst aktuell. „Die Rolle der Kleinstaaten im Haus Europa ist im geschichtlichen Rückblick gesehen eine durchaus relevante und für die Entwicklung der europäischen Integration wesentlich. Es ist anzunehmen, dass die Kleinstaaten auch in Zukunft ihre Rolle wahrnehmen werden.“ (Neisser 2003 : 80)

Momentan konzentriert sich die aktuelle Kleinstaatenforschung überwiegend an den europäischen Staaten und hat dessen politische Systeme, die EU-Integration und eben ihre Außenpolitik als gegenwärtigen Forschungsschwerpunkt.

In dieser Arbeit soll darauf aufbauend, die außenpolitischen Strategien und eben auch deren Rollenverständnis in den internationalen Beziehungen untersucht werden. Als neuen Aspekt, und dadurch von politikwissenschaftlichem Interesse, kommt hier die Untersuchung einmal aus der Innensicht von Kleinstaaten hinzu und nicht wie bisher in der politikwissenschaftlichen Forschung nur von „außen“.

Methode und Aufbau der Arbeit

Für die methodische Analyse der außenpolitischen Strategien und des Rollenverständnisses Liechtensteins in dessen internationalen Beziehungen wurde ein deduktives Verfahren gewählt. Außenpolitische Entscheidungsträger im Fürstentum Liechtenstein sind neben dem Fürsten als Staatsoberhaupt auch der liechtensteinische Landtag und das liechtensteinische Staatsvolk. Für die hier vorliegende Arbeit wurden Reden, Stellungsnahmen und Positions- und Arbeitspapiere dieser Institutionen als Quellen ausgewählt um die Sicht aus dem “Inneren“ des Fürstentums auf die internationalen Beziehungen zu beleuchten und zu erläutern. Die außenpolitischen Vertreter Liechtenstein stammen überwiegend aus dem akademischen Bereich oder wendeten sich nach dem Ausscheiden aus der Politik der Kleinstaatenforschung zu, so dass hier einige relevante politikwissenschaftliche Arbeiten vorliegen. Neben Primärquellen wurde selbstverständlich diese Arbeiten genutzt um die außenpolitischen Strategien und außenpolitischen Rollenverständnisse herauszuarbeiten und zu analysieren.

Kleinstaatenforschung, die sich mit dem Rollenverhalten von Kleinstaaten wissenschaftlich auseinandersetzt, nimmt fortlaufend die Perspektive der Außenansicht auf das zu untersuchende und beschreibende Objekt ein. Hier muss aber ein Perspektivwechsel realisiert werden um zu einer Innenansicht zu gelangen. Die Herausforderung besteht hier nach Fachtermini zu suchen mit denen sich die Kleinstaaten selbst charakterisieren und identifizieren. So werden Rollenkonzepte definiert, die für die Einstellungsmuster von Kleinstaaten typisch sind.

Hier beginnt die eigentliche Analyse des liechtensteinischen Rollenverständnisses und der außenpolitischen Strategien durch Begutachtung der vorliegenden wissenschaftlichen Literatur. Es wird nach Indikatoren gesucht, die Aufschluss über das Rollenverständnis und die Strategien geben könnten. Im Bezug auf Liechtenstein sind angemessene Indikatoren: Situationsrollen, Interessen, Perzeption und Ziele. Um es nicht dazu kommen zu lassen, dass diese Rollenverständnisse als abstrakte Begriffe da stehen und somit losgelöst von der Realität bleiben, werden die Fakten aus der realpolitischen liechtensteinischen Wirklichkeit mit einbezogen.

Die Arbeit beginnt mit einem Kapitel über das Forschungsobjekt Kleinstaat. Hier werden zuerst die verschiedenen Ansätze und Definitionsversuche von Kleinstaatlichkeit aufgezeigt um dann zu klären ob sie sich auf das Fürstentum anwenden lassen. Es werden weiterhin drei typische Rollenverständnisse von Kleinstaaten analysiert und eine Erwartungshypothese für das Fürstentum Liechtenstein formuliert. Auch soll hier die theoretischen Grundlagen für außenpolitische Strategien von Mikrostaaten und deren Motive für eine Mitgliedschaft in internationalen Organisationen dargelegt werden. Um dann abschließend die Frage der Abhängigkeit und das “Outsourcing“ kurz zu beleuchten. Den Anfang des zweiten Teils macht das Fürstentum Liechtenstein und seine historischen Außenbeziehungen um dann im Folgenden näher auf die politischen Träger der liechtensteinischen Außenpolitik einzugehen. Die Neutralität Liechtensteins wird hier ebenfalls einen wesentlichen Punkt einnehmen und die Formulierung der aktuellen außenpolitischen Ziele und Prioritäten der liechtensteinischen Außenpolitik.

Hiermit soll ein Übergang vom Theorieteil zum dritten Teil, dem Analyseteil, geschaffen werden. Hier werden anhand der realpolitischen Ebene in den bilateralen Beziehungen, der multilateralen europäischen und der multilateralen globalen Beziehungen Rollenverständnisse und Strategien analysiert. Bezug nehmend zu den drei Unterkapiteln werden Zwischenfazite zum entsprechenden Rollenkonzept formuliert.

Im letzten Teil der Arbeit soll kurz auf die Globalisierung und die daraus resultierenden Herausforderungen und Chancen für den Mikrostaat Liechtenstein eingegangen werden um dann im Schlussfazit die eingangs erarbeiteten Erwartungshypothesen noch einmal aufzugreifen und Fragen zu beantworten. Auch soll hier die Anwendbarkeit der Theorie am speziellen Beispiel Liechtensteins noch einmal reflektiert werden.

Literatur- und Forschungslage

Innerhalb der Politikwissenschaft wurden wenige Konzepte so stark moniert und dann trotz allem für politikwissenschaftliche Analysen genutzt wie die der Kleinstaatentheorie. Hier teilt die Theorie ihr Schicksal mit Realität auf die sie sich bezieht. Sie wurden des Öfteren schon für nicht mehr existent und ihre Gesellschaftsform für nicht überlebensfähig gehalten.

Aber todgesagte leben anscheinend länger und der Kleinstaat wird nach momentaner Einschätzung auch weiterhin existent sein. Hier mag auch der Grund liegen warum die Kleinstaatenforschung immer wieder ihre Verwendung fand, eben um diese „kleinstaatlichen Phänomene“ zu erklären und zu ergründen. Hauptsächliches Problem bestand in der Tatsache, dass Kleinstaaten im internationalen System als Akteur existieren, sich für die wissenschaftliche Analyse als Einheit aber als untauglich erweisen.

Herangehensweisen und Interessen bei der Analyse kleiner Staaten unterlagen immer dem aktuellen Zeitgeschehen und der damit verbundenen Sichtweise auf dieses Thema. Auch waren sie stark von der wissenschaftlichen Herkunft der Autoren und deren Forschungs- und Theorietradition abhängig. Anfänglich galt das wissenschaftliche Interesse mehr den Großstaaten und Kleinstaaten wurden erst gar nicht betrachtet. Bedingt war dies, durch die Dominanz US-amerikanischer Wissenschaftler in der Politikwissenschaft. Dem Phänomen Kleinstaat wurde erst durch Vertreter der “Realistischen Schule“ Beachtung geschenkt und sich inhaltlich, von der Theorie des Realismus geprägt, mit der sicherheitspolitischen Fragestellung auseinandersetzten.

Erwähnt werden sollen hier die Werke von Annette Baker Fox: “The Power of small states“ und von David Vital: „The inequality of states: a study of the small power in international relations“. Andere Autoren wie Robert Keohane und Marshall Singer beschränkten sich auf Einzelaspekte des Kleinstaatenphänomens wie Konfliktverhalten, auf kleinstaatliches Allianzverhalten fokussierte sich Robert Rothstein und Daniel Frei beleuchtet den Aspekt von Verhalten zum Umgang mit der Gefahr externer Abhängigkeiten. Den wissenschaftlichen Höhepunkt erreichte die Kleinstaatenforschung bis Ende der 1960er Jahre und wurde dann aufgegeben.

Seit Ende der 1960er Jahre tauchte das Forschungsthema Kleinstaat auch immer mehr in der europäischen Wissenschaft auf. Mit zunehmendem Maß beschäftigten sich Wissenschaftler aus Kleinstaaten wie Österreich, der Schweiz und Liechtenstein mit der Erforschung Kleinstaatlicher Problematiken. Hier wurde der Kleinstaat aber mehr aus sozioökonomischen Gesichtspunkten betrachtet und untersucht.

Autoren wie Hans Vogel: „Der Kleinstaat in der Weltpolitik“, Ottmar Höll; „Small states in Europe and dependence“ und Erling Bjøl: „The Power oft he Weak“ seien hier erwähnt. Die Kleinstaatentheorie entwickelte sich allerdings nie zu einer relevanten Leittheorie und auf Grund einer noch immer nicht gefundenen gemeinsamen Definition des Begriffes Kleinstaat wurde auch hier Ende der 1980er Jahre die Kleinstaatentheorie aufgegeben.

Erst durch die politischen Umwälzungen in Europa seit dem Beginn der 1990er Jahren und die dadurch neu entstandenen Kleinstaaten scheint die Kleinstaatenforschung in Europa wieder ein Comeback zu feiern. Gerade aus den direkt “betroffenen Staaten“ ist in den letzten Jahren eine Vielzahl von wissenschaftlichen Abhandlungen zum Thema Kleinstaat erschienen. Besonders hervorzuheben sind hier die skandinavischen Länder und die mitteleuropäischen Kleinstaaten wie Österreich, die Schweiz und eben auch das Fürstentum Liechtenstein. International gesehen wurden diese Beiträge zur Kleinstaatenforschung wenig wahrgenommen, wenn nicht sogar ignoriert und in US-amerikanischen Arbeiten wurde erst gar keine Bezüge zu diesen Arbeiten hergestellt. Bedingt sicher auch durch die Sprachbarriere, da viele dieser europäischen wissenschaftlichen Abhandlungen in der jeweiligen Landessprache verfasst wurden. Weitere Gründe liegen auch in der noch immer sehr US-dominierten Politikwissenschaft und der Annäherung an das “Kleinstaatenproblem“ welches von den amerikanischen Politologen eher mit kausal argumentierenden Ansätzen begegnet wird. Seit den späten 1990er Jahren ist innerhalb Europas das Verlangen nach und eine Berechtigung für die Erforschung des Kleinstaatenphänomens existent.

Besonders erwähnenswert für das Fürstentum Liechtenstein ist hier das Liechtenstein- Institut mit zahlreichen Veröffentlichungen zu relevanten Themen wie: Kleinstaates in der internationalen Politik, dem politischen Systemen von Kleinstaaten und der EU- Integration. Erwähnenswerte Autoren, die sich auf liechtensteinischer Seite mit dem Forschungsbereich Mikrostaaten in den letzten Jahrzehnten auseinandergesetzt haben, sind Arno Waschkuhn, Gerard Batlinger, Marzell Beck, Erhard Busek, Hans Geser und Romain Kirt. Zusammenfassend muss hier aber auch gesagt werden, dass die wissenschaftliche Literatur der Kleinstaatenforschung, auch gerade mit dem Themeninhalt Fürstentum Liechtenstein, doch sehr unzureichend ist und eher einen vernachlässigten Teil der Politikwissenschaft darstellt. Bei der Analyse der Literatur für diese Arbeit trifft man immer auf die oben genannten Autoren und kaum auf “nicht- liechtensteinische“ Vertreter dieses politikwissenschaftlichen Zweiges. Die Zukunft wird zeigen ob sich die Kleinstaatenforschung als anerkannter wissenschaftlicher Bereich in der Politikwissenschaft durchsetzten kann.

2. Der Kleinstaat als Forschungsobjekt - Definitionsans ä tze und Theorien

2.1. Staat - Kleinstaat - Mikrostaat Versuch einer Abgrenzung des Begriffes Mikrostaat

Mikrostaaten fallen unter den Oberbegriff Kleinstaaten und können auch als Kleinst- oder Zwergstaaten bezeichnet werden. (vgl. Bruha/Gey-Ritter 1998 : 154) In der wissen- schaftlichen Literatur werden noch weitere Unterscheidungen getroffen, zu finden sind hier Begriffe wie Miniaturstaat, Diminutivstaat oder gar Liliputstaat - als besonders kleine Art des Kleinstaates, aber zum Teil werden diese Begriffe auch synonym für Kleinstaat genutzt. (vgl. Geser 2001 : 89) Sowohl für den Klein- als auch für den Mikrostaat fehlt eine homogene Begriffsbestimmung, sprich es besteht keine Einigkeit darüber, wann von einem Klein- bzw. Mikrostaat oder eben von einem normalen Staat gesprochen wird.

Zum Teil sehen einige Autoren (vgl. Ehrhardt 1970 : 8 ff.) in den verwendeten Begriffen eine Geringschätzung oder sogar Diskriminierung der Kleinstaaten. In dieser Arbeit soll der Begriff Mikrostaat daher eine neutrale Anwendung finden und als Synonym für Kleinststaat, Zwergstaat oder Ministaat verwendet werden. Der Begriff Mikrostaat wird zwar zur Beschreibung kleiner Staaten in der völkerrechtlichen und staatsrechtlichen Literatur immer häufiger genutzt, aber bisher ist eine einheitliche Definition nicht existent. (vgl. Geser 1992 : 628) Da mit dem Begriff Mikrostaat keinerlei besonderen völkerrechtlichen Rechte oder Pflichten verbunden sind, ist eine einheitliche Definition praktisch auch nicht wirklich notwendig. Mikrostaaten stellen keine eigene Kategorie im Völkerrecht, auch die Kategorie des Kleinstaates ist nicht weiter definiert und besitzt keinerlei rechtliche Relevanz. (vgl. Hummer 2004 : 111, 116 f.)

Ungeachtet das dem Mikrostaat in der wissenschaftlichen Literatur keine genaue Definition erfährt, kann nicht geschlussfolgert werden, dass die Forschung darüber unbedeutend ist. (vgl. Kirt/Waschkuhn 2001 : 26)

Im Zuge der sogenannten “Mikrostaatenkriese“ der Vereinten Nationen umschrieb der ehemalige UN-Generalsekretär U Thant Kleinstaaten „…entites which are exceptionally small in area, population and human and economic resources…“ (U Thant 1966/67, S. Add.1; para.163) Hier werden zwar für die Bestimmung der Kleinheit eines Staates schon einige Anknüpfungspunkte genannt, aber es bleiben noch genauere Definitionsaspekte offen.

Die zu dieser Zeit stark forcierte Kleinstaatenforschung, orientierte sich zur Einstufung von Staaten in Klein- oder Mikrostaaten sehr stark an der Bevölkerungsgröße, wobei auch hier die festgesetzten Obergrenzen sehr unterschiedlich ausfielen. (vgl. Hummer 2004 : 46)

Die in den Definitionen genannten Bevölkerungsgrößen schwankten größtenteils zwischen drei Millionen (vgl. Waschkuhn 2009 : 759), einer Million (vgl. Kilian 2002 : 220) bis hinunter auf 300.00 (vgl. Ehrhardt 1970 : 93f.; 102) oder nur 100.000 (vgl. Hummer 2004 : 32) Einwohnern. Des Weiteren findet man in der wissenschaftlichen Literatur noch anderweitige Herangehensweisen um Kleinstaaten zu definieren. Hier werden Faktoren wie Staatsfläche, Bruttoinlandsprodukt, das Maß der effektiven Staatsmacht oder die jeweilige politische Selbstwahrnehmung des Staates herangezogen. (vgl. Gstöhl 2001a : 102) Selbst hier unterscheiden sich die verschiedenen Autoren wieder in der Größendefinition von Einwohnerzahl und Staatsgebiet. Aus Sicht vieler Autoren haben die Nichtexistenz einer allgemeinen breit anerkannten Definition und die damit zusammenhängende Willkür bei der Bestimmung eines Klein- oder Mikrostaates das Unvermögen der Bezeichnung als politikwissenschaftlichen Begriff zu Folge. (vgl. Gstöhl 2001a : 101 f.)

Hummer entgegen argumentiert, dass es so einen Kategorienansatz nicht geben kann, da es sich bei dem Kleinstaatenbegriff um einen Typenbegriff und eben nicht um einen Gattungsbegriff handelt. Klein- bzw. Mikrostaaten sind genau, wie jeder andere Staat jeweiliger Größe, gleichberechtigte Völkerrechtssubjekte. (vgl. Hummer 2004 : 23, 42)

Da in internationalen Organisationen aber versucht wird den Mikrostaat besonderen Regeln zu unterwerfen, muss aber eben eine breite anerkannte, eindeutige Definition gefunden werden. Im weiteren Verlauf sollen kurz Definitionsversuche einiger Autoren aufgezeigt werden, um schlussfolgernd daraus zu einer Arbeitsdefinition des „Mikrostaates“ für den weiteren Verlauf dieser Arbeit zu gelangen.

Laut Waschkuhn zählen Staaten mit einer Einwohnerzahl von 15 Millionen zu der Kategorie der Kleinstaaten, wonach Staaten mit gerade nur drei Millionen Einwohner dann zur Kategorie der Mikrostaaten gehören. Zur genaueren sozialwissenschaftlichen Bestimmung möchte er dann noch Variablen wie territoriale Fläche, das Bruttosozialprodukt und die Bevölkerungsgröße mit einfließen lassen. (vgl. Marxer /Pàllinger 2009 : 901)

Bei weniger als 15 bzw. 10 Millionen Einwohnern ziehen Vertreter der US-amerikanischen Kleinstaatenforschung die Grenze. Sollten es weniger als eine Million Einwohner sein, sprechen sie von Mikro- bzw. Kleinststaaten.

Dabei betonen sie wie sich der Staat selber in den Beziehungen zu den Nachbarstaaten und sich in seiner Selbstwahrnehmung sieht, ob er sich selber als Mikro- oder Kleinstaat fühlt und bezeichnet. (vgl. Förster/Lambertz 2004 : 7)

Eine genauere Definition erfuhr der Begriff Mikrostaat bei der UNO zuerst auch nicht. In der politischen und völkerrechtlichen Diskussion wurden sie mit nicht mehr als einer Bevölkerungsgröße von einer Million beschrieben. (vgl. Gstöhl 2001a : 102) Wie weiter oben schon erwähnt, definierte im Jahr 1967 der UN-Generalsekretär U Thant die „Mikrostaaten“ als Staaten, die aus dem Zerfall der Kolonialreiche hervorgingen und „außergewöhnlich klein an Gebiet, Bevölkerung und menschlichen und wirtschaftlichen Ressourcen“ waren. (vgl. Gstöhl 2001a : 103)

Als „unabhängige, effektive politische Einheiten auf zugehörigen Gebiet mit weniger als 300. 000 zugehörigen Einwohnern, die völkerrechtliche Rechte und Pflichten von Staaten nicht hinreichend wahrnehmen kann“ beschrieb sie Ehrhardt. (Ehrhardt 1970 : 87) Beitritte zur UNO oder zur EU, verbunden mit deren Anerkennung und Zugestehen des internationalen Status der Mikrostaaten, zeigen, dass diese Ansicht heutzutage veraltet ist.

Eine explizite Definition von Mikro- oder Kleinstaaten existierte bei der EU anfänglich ebenfalls nicht. Bei der Anzahl der Abgeordneten oder der Stimmengewichtung im Rat orientierte man sich an der Bevölkerungszahl der jeweiligen Länder. In Zusammenhang mit der 2004 stattgefundenen EU-Erweiterungsrunde wurde klar, dass die EU die Kleinststaaten als eigene Staatenklasse betrachtet. Zur Abgrenzung gegenüber anderer kleiner EU-Mitgliedsstaaten wie Malta oder Luxemburg wählte man als Klassifizierung eine Bevölkerungszahl von maximal 100.000 Einwohnern.

(vgl. Marxer/ Pàllinger 2009 : 901)

Als primäres Abgrenzungskriterium sollen in dieser Arbeit die Bevölkerungsgröße und die geographische Größe eines Landes gewählt sein. Ein Mikrostaat ist ein Staat, dessen Einwohnerzahl weniger als 100.000 Einwohner beträgt. Demnach versteht die vorliegende Arbeit, deren Ziel die Untersuchung von Strategie- und Rollenverhalten von Kleinstaaten in internationalen Beziehungen ist, unter den europäischen Mikrostaaten die bevölkerungsärmsten und geographisch kleinsten Staaten Europas zu denen das Fürstentum Liechtenstein nun einmal gehört. Das Fürstentum Liechtenstein, genauso wie die anderen europäischen Kleinstaaten, bildet somit auch einen Sonderfall, da es nicht aus dem Dekolonisierungsprozess hervorgegangen ist. So wird auch untersucht werden, ob Liechtenstein als Mikrostaat in der internationalen Gemeinschaft anerkannt ist.

2.2. Das F ü rstentum Liechtenstein - ein Mikrostaat?

Trotz langjähriger Kleinstaatenforschung besteht nicht wirklich Einigkeit über eine exakte Definition für diese Staatenkategorie. (vgl. Kirt/Waschkuhn 2001 : 26) Ungeachtet dessen ist die Feststellung, dass es sich bei dem Fürstentum Liechtenstein um einen Mikrostaat handelt, zweifelsohne gerechtfertigt. Völlig unabhängig davon, ob die traditionellen Abgrenzungskriterien (vgl. Kocher 2003 : 16 ff.) wie Bevölkerungszahl und Staatsfläche zugrunde gelegt werden, oder aber diesem grundlegenden Kriterienkatalog um weitere relationale oder attributive Merkmale (vgl. Geser 2001 : 97) erweitert werden.

Liechtenstein ist mit seiner Bevölkerungszahl von 36.842 Einwohnern (Stand 31. Dezember 2012), einer Gesamtfläche von 160 Quadratkilometern und einer Bevölkerungsdichte von 218 Personen pro Quadratkilometer in jeglicher Hinsicht ein kleines und relativ dicht besiedeltes Land. Fügt man aber zusätzlich noch das Kriterium der Fähigkeit eines Staates seinen Einfluss auf internationaler Ebene geltend zu machen hinzu (vgl. Keohane 1969 : 296), so hat, im Gegensatz zu den anderen europäischen Mikrostaaten, das Fürstentum Liechtenstein als gleichberechtigtes Mitglied in der EFTA und des EWR durchweg den integrationspolitischen Rang eines europäischen Kleinstaates.

Auch auf ökonomischer Ebene sind die Unterschiede zwischen den restlichen europäischen Kleinststaaten und Liechtenstein enorm. Schlussfolgernd nimmt das Fürstentum somit eine Zwischenposition ein, denn strukturell gleicht es eher einem Mikrostaat, aber wirtschaftlich und integrationspolitisch doch mehr einem Kleinstaat.

2.3. Begriffserkl ä rung Au ß enpolitik

Laut Werner Link ist Außenpolitik „[...] die aktive und reaktive Gestaltung der Beziehungen einer staatlich organisierten Gesellschaft zu ihrer Umwelt nach Zielvorstellungen, die in Auseinandersetzung mit dieser Umwelt im internen Willensbildungs- und Entscheidungsprozess entwickelt und in konkreten Handlungssituationen umzusetzen versucht werden.“ (Link 1978 : 484) Des Öfteren wird Außenpolitik als Verbindung von Herrschafts-, Sicherheits- und Wohlfahrtspolitik gegenüber der internationalen Umwelt verstanden und verwirklicht. Bei der Analyse von Außenpolitik wird das Augenmerk auf die auswärtigen Beziehungen eines Staates als vorrangigen Akteur gelegt. (vgl. Nohlen 1998 : 33)

Innerhalb der Rollenverständnisse bzw. des Rollenkonzeptes geht man davon aus, dass jeder Staat ein mehr oder weniger stark ausgebildetes Rollenkonzept inne hat und sein eigenes Selbstverständnis in der Politik der internationalen Beziehungen verwirklichen will. „Difficult as they may be to trace and assess, role scenarios seem too central to the continuities and transformations through which action occurs on the global stage to ignore.” (Rosenau 1987 : 64)

Das Analyseziel mikrostaatlicher Rollenverständnisse ist es zu dem konzeptionellen Ausgangspunkt außenpolitischen Handelns eines Staates vorzudringen. Dabei können die Rollenverständnisse als außenpolitische Hauptideologie nicht getrennt von dem spezifischen außenpolitischen Auftreten eines Staates ergründet werden. „Wir gehen davon aus, daß staatliche Rollenkonzepte nachhaltig auf das Rollenverhalten der zentralen Entscheidungsträger einwirken, individuelles Verhalten staatlicher Repräsentanten also eine Ableitung des außenpolitischen Rollenkonzepts einer Nation darstellt.“ (Kirste/Maull 1996 : 287)

Weil nach langfristigen und permanenten Mustern der außenpolitischen Grundhaltungen gefragt wird, muss eine stärkere Fokussierung hin zum Staat vorgenommen werden ohne eine Differenzierung zwischen einzelnen Akteuren und Akteursgruppen zu unternehmen. Situationsrollen sind zu verstehen als wechselnde Rollen, die der Mikrostaat in der Vergangenheit besetzt hat und erlebte außenpolitische Erfahrungen fließen in aktuelle oder zukünftige Rollenverständnisse mit ein. In vergleichbaren politischen Konstellationen neigen Kleinststaaten dazu ähnliche Situationsrollen einzunehmen.

Unter Perzeption ist die Einschätzung der eigenen Position im internationalen System, sowie die Wahrnehmung anderer Akteure in diesem System zu verstehen. Dieser Punkt bedient sich zweier erkenntnismäßiger Faktoren, da erstens ausschlaggebend ist wie der jeweilige Staat sich selber in den internationalen Beziehungen wahrnimmt und zweitens wie er von anderen beteiligten Akteuren im Gegensatz dazu gesehen wird. (vgl. Barrios 1999 : 31 f.)

Das außenpolitische Handeln eines Staates ist auf dessen jeweilige Interessen zurückzuführen. Die Regierung muss in der Lage sein, die Interessenvielfalt gesamtgesellschaftlich in eine zuverlässige und doch flexible Ordnung zu bringen und nach außen zu artikulieren. Repräsentations- und Durchsetzungsfähigkeit spielt hier eine große Rolle. Festgesetzte Ziele werden durch absichtsvolles Handeln erreicht und sind richtungsweisend für die Planung außenpolitischen Handelns.

2.4. Kleinstaaten und ihre Rollenverst ä ndnisse im internationalen System

In seinem Werk „Der Kleinstaat in der Weltpolitik“ entwickelt der Autor Hans Vogel ein Zwei-Ebenen-Modell über kleinstaatliche Verhaltensstrukturen und Verhaltensstrategien. (vgl. Vogel 1979 : 40) (hier auf Seite 13 graphisch dargestellt). Aus der strukturellen Knappheit entsteht eine externe Verkettung, welche wiederum die externe Dependenz erhöhe. Dies könne letztendlich zu einer stärkeren Fremdbestimmung führen. Er ging jedoch bereits Ende der 70er Jahre davon aus, dass diese verhängnisvolle Kausalkette an verschiedenen Stellen durch spezielle, bewusst gewählte, Strategien überwunden oder zumindest gedämpft werden könne. (vgl. Vogel 1979 : 36 ff.) Kleinstaatlichkeit wird als Beginn einer Kausalkette gesehen, durch welche das Rollenverhalten eines Staates determiniert wird. Festzuhalten ist jedoch, dass es kein generalisierbares Verhalten von Mikrostaaten in internationalen Beziehungen gibt.

Allerdings gibt es gewisse „typische“ kleinstaatliche Strategien und Verhaltensweisen um das Manko ihrer Kleinstaatlichkeit auszugleichen und den Herausforderungen der politischen Umwelt zu begegnen. (vgl. Kossdorff 2000 : 51) Ursächlich für die kleinstaatlichen Strategien ist der Wunsch, konflikt- und abhängigkeitsschaffende Strukturen zu verändern. (vgl. Vogel 1979 : 155)

Vogels Modell der kleinstaatlichen Strategien auf der realpolitischen Ebene muss für diese Arbeit zusätzlich mit einer konzeptionellen Ebene ergänzt werden, weil kleinstaatliche Rollenkonzepte exakten außenpolitischen Strategien vorausgehen. In der politischen Praxis sind diese beiden Ebenen untrennbar miteinander verbunden und es besteht eine Wechselwirkung zwischen beiden. Basierend auf dem Rollenverständnis gegenüber einem Staat oder einer Region resultieren dadurch auch die Strategien des Kleinstaates.

Der Erfolg oder auch Misserfolg hat wiederum direkten Einfluss auf die Rollenkonzepte. Dem Mikrostaat sind seine eigenen Möglichkeiten im internationalen System sehr bewusst und diese spiegeln sich direkt in den außenpolitischen Rollenkonzepten wider.

Um typologische Rollen von Kleinstaaten identifizieren zu können, hat sich die Kleinstaatentheorie bestimmter Elemente der Rollentheorie bedient. Elemente wie das Wertesystem, das Weltbild und eigene Rollenvorstellungen bestimmen, welche Verhaltensweisen ein Staat im Rahmen der internationalen Beziehungen für sich anstrebt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 (oben): Die kleinstaatliche Kausalkette nach Vogel (Realpolitische Ebene)

Quelle: Vogel, Hans: Der Kleinstaat in der Weltpolitik, Zürich 1979, S.40

Abb. 2. (unten): Erweiterung der kleinstaatlichen Kausalkette (Konzeptionelle Ebene) Quelle: Eigene Darstellung

Diese Rollenkonzepte dienen dem Kleinstaat als „Richtschnur für außenpolitisches Handeln“ (Kirste/Maull 1996 : 283) und können normgebend als Einstellungs- und Verhaltensmuster für sein Verhalten sein. (vgl. Kirste/Maull 1996 : 284)

Ausgehend davon, dass diese Rolle durch eine Reihe von unterschiedlichsten Faktoren determiniert wird, können für den vorliegenden Fall Indikatoren wie Perzeption, Situationsrollen, Interessen und Ziele herangezogen werden. Das Gesamtrollenkonzept steht natürlich gleichzeitig in Interaktion mit den einzelnen Indikatoren. Rollenverständnisse leisten einen wichtigen Beitrag zur Erklärung in Bezug darauf, warum und wie Akteure ihr Interessen und Ziele definieren, warum sie Ereignisse in der internationalen Politik auf eine ganz bestimmte Weise wahrnehmen und welche Situationsrolle sie wann auswählen. Ist es möglich diese Einzelkomponenten einem Gesamtrollenverständnis zu zuordnen, sind dann bestimmte außenpolitische Strategien und Handlungsweisen nachzuvollziehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Rollenverständnisse und Indikatoren Quelle: Eigene Darstellung

Am deutlichsten zeichnen sich Rollenkonzepte in Verbindungen zu anderen Staaten ab: „How a state decides to satisfy its interests depends on how it defines itself in relation to other states, which in the field of foreign and security policy is best exemplified through national-role concepts.” (Goetschel 2000 : 12)

Auf der einen Seite entwickeln Staaten selber, geprägt durch eigene Vorstellungen, Werte und Normen, außenpolitische Rollenkonzepte (ego part) und auf der anderen Seite fließen auch Erwartungen der anderen Akteure hinsichtlich des Verhaltens in den internationalen Beziehungen mit in dieses Rollenkonzept (alter part). (vgl. Kirste/Maull 1996 : 286 ff.)

In dieser politikwissenschaftlichen Arbeit soll aber mehr der Aspekt des „ego part“ (Kirste/Maull 1996 : 286), also die Eigendefinition des Rolleninhabers und verbunden damit die individuelle Vorstellung von Mikrostaaten bezüglich ihrer Außenpolitik betrachtet werden. Bisher ist mir keine politikwissenschaftliche Untersuchung zu Rollenverständnissen aus der mikrostaatlichen Innenperspektive bekannt. Schlussfolgernd daraus müssen die Rollenverständnisse hier erst konzipiert werden.

2.4.1. Der Integrationsskeptiker

Gegenüber der Integration hegt der Integrationsskeptiker ein gewisses Misstrauen obwohl er, auch beispielsweises aus ökonomischen Gründen, Mitglied in multilateralen Bündnissen ist. Er nimmt häufig die Rolle des neutralen Beobachters ein und sieht den Nationalstaat als politische Einheit gegenüber supranationaler Integration deutlich im Vorteil. Der Integrationsskeptiker charakterisiert sich durch häufige Kritik gegenüber anderen Staaten oder Integrationsbündnissen um seinen individuellen Sonderstatus als berechtigt hinzustellen. Dänemark war zweitweise innerhalb der Europäischen Union sehr skeptisch gegenüber einer Intensivierung der Integration.

Der dänische Sonderstatus wurde im September 2000 in einem Referendum bekräftigt. (vgl. Petersen 2000 : 320 ff.) Auf Grund der ungebrochenen Vorbehalte innerhalb der dänischen Bevölkerung gegenüber einer fortlaufenden Integration hat Dänemark oft zu einem schwierigen Partner werden lassen. (vgl. Maurer/Wessels 2003 : 110)

Auch die Schweiz sei hier als Beispiel erwähnt. Skeptisch gegenüber einer Integration konzentrierte sie sich mehr auf ihre Rolle als erfolgreicher internationaler Finanzplatz. Dadurch erreicht die Schweiz auch eine Art der globalen Ausrichtung, zieht aber bilaterale Verträge einer eventuellen europäischen Integration vor. Zu beachten ist hier aber auch die Wichtigkeit der Schweiz die Autonomie ihrer Kantone und Gemeinden zu schützen.

Dem Souveränitätsverfechters, als Steigerung gegenüber dem Integrationsskeptiker, ist der Schutz nationaler Interessen wie Territorialität, Autonomie, Souveränität, NichtEinmischung in nationale Angelegenheiten und Autonomie oberste Priorität. Seine Strategie ist durch wenig Kompromissbereitschaft und Hartnäckigkeit in Bezug auf die Durchsetzung seiner Interessen geprägt.

Der Inte grationsskeptiker

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Der Integrationsskeptiker,

Quelle: eigene Darstellung und (vgl. Maag 2005 : 18)

Erwartungshypothesen f ü r das F ü rstentum Liechtenstein

Sollte es passieren, dass das Fürstentum Liechtenstein die Rolle eines Integrationsskeptikers einnimmt, sollte man in den internationalen Beziehungen eine Wichtigkeit für eine relativ große politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit ablesen können. Die Mitgliedschaft in internationalen Organisationen dient in erster Linie der Anerkennung der Souveränität und um international auf sich aufmerksam zu machen. Integration gegenüber der Europäischen Union wird nur so weit betrieben, als das sie zum eigenen Vorteil, wie zum Beispiel der Erschließung von internationalen Absatzmärkten für einheimische Produkte und für Liechtenstein ganz im Speziellen, für den Zufluss von Fremdkapital dient. Als Leitpolitik in internationalen Organisationen wie der UN, würde sich Liechtenstein für die Nicht-Einmischung in nationale Angelegenheiten, die Autonomie und, im Fall des Fürstentums besonders relevant, die Anerkennung der Souveränität stark machen. Gerade durch die enge bilaterale Bindung zur Schweiz, die einer EU-Integration sehr skeptisch gegenüber steht, könnten hier mehr Fakten für die Rolle des Integrationsskeptikers sprechen.

2.4.2. Der Pragmatische Mitspieler

In einem Integrationsbündnis stehen dem pragmatischen Mitspieler gemeinschaftliche Interessen über den nationalen Interessen und er lässt flexiblen, pragmatischen Lösungen den Vorzug. Dabei zeigt er als sogenannter Mainstreamer ein nur geringes Profil, da er sich der Aufmerksamkeit der großen Partner entziehen und sie nicht verärgern möchte. In Verhandlungen und in seiner Außenpolitik vermeidet er extreme Positionen durch eine neutrale low-profile Politik. Wenn sich die Option bietet, passt er sich durch eine opportunistische Strategie den anderen Akteuren an um sich deren Gunst zu sichern. Er selber sieht sich als loyaler Partner, der seine Interessen über die Gemeinschaft umzusetzen versucht und bietet sich in Konfliktsituationen als Mediator an um zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln. Ebenso charakterisierend ist die Rolle des Pragmatischen Mitspielers durch das Phänomen des sogenannten Trittbrettfahrens. Sprich er profitiert von Situationen und Ergebnissen ohne sich an deren Kosten beteiligt zu haben. Um sich die Möglichkeit des Abschließens neuer Allianzen zu bewahren, ist der Mitspieler auf der „ständigen Suche nach Verbündeten für seine Interessen, Ziele und Aktionen“. (Neisser 2003 : 78)

Portugal und Irland waren zu Beginn Ihrer EU-Mitgliedschaft typische Pragmatische Mitspieler. (vgl. Maurer/Wessels 2003 : 365) Bezüglich der Demokratisierung ein Latecomer, war Portugals Rolle innerhalb der Europäischen Union durch eine offene, flexible und pragmatische Politik geprägt. Diese Strategie ermöglichte Portugal eine problemlose Integration in die EU. (vgl. Wessels 1996 : 316, 329) Auch das EU-Profil Irlands glich anfänglich dem eines kleinen, recht armen Landes mit einer Position an der Peripherie innerhalb des Europäischen Politikgeschehens. Um Ausgleich bedacht, wandelte es sich in die Situationsrolle eines konstruktiven Mitspielers und versuchte als Verteidiger der Europaidee und als Mediator zu wirken. (vgl. Maurer/Wessels 2003 : 268)

Ebenfalls können die drei baltischen Staaten (Estland, Lettland und Litauen) zu der Kategorie der Pragmatischen Mitspieler gezahlt werden. Seit ihrer Unabhängigkeit von der UdSSR verfolgten sie konsequent eine von Pragmatismus gekennzeichnete Außenpolitik bis sie ihr angestrebtes Ziel, eine Zusage zu einer EU-Aufnahme im Jahr 2004, erreicht hatten. (vgl. Bungs 2002 : 114)

Der Pra gmatische Mitspieler

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Der Pragmatische Mitspieler,

Quelle: eigene Darstellung und (vgl. Maag 2005 : 20)

Erwartungshypothese f ü r das F ü rstentum Liechtenstein

In der Rolle des Pragmatischen Mitspielers würde die Außenpolitik des Fürstentum Liechtensteins gerade nach dem Zweiten Weltkrieg, in den Anfangsjahren seiner politischen Außenorientierung, eher durch eine pragmatische Zielsetzung geprägt sein. Bilaterale Beziehungen würden im Focus der alltäglichen Außenpolitik stehen und durch sogenanntes „Trittbrettfahrertum“ und „Outsourcing“ versuchen sich auf die Kernaufgaben eines Staates zu konzentrieren.

Ziel könnte es für Liechtenstein sein, einen sozial gefestigten und ökonomisch erfolgreichen Staat aufzubauen, um sich dann vorübergehend durch eine low-profil- Außenpolitik langsam den Weg in das internationale System zu ebnen. Auch wäre es zu erwarten, dass Liechtenstein um die Nachteile der Kleinstaatlichkeit und der damit verbundenen Abhängigkeit zu begegnen, langsam den Weg in internationale Organisationen sucht.

Dabei aber Irritationen gegenüber Großmächten zu vermeiden sucht und sich langsam Vertrauenswürdigkeit erarbeitet und durch seine Politik der Neutralität als Mediator und Brückenbauer agiert. Eine kooperative Außenpolitik sollte hier gerade in den Beziehungen zu den Nachbarstaaten erkennbar sein.

2.4.3. Der Selbstbewusste Partner

Besonders die Benelux-Staaten sind charakteristisch für die Rolle des Selbstbewussten Partners und insbesondere Luxemburg und Belgien verstehen sich selbst als Motor und Initiator der europäischen Integration und als Verfechter des Gemeinschaftsgedankens. (vgl. Maurer/Wessels 2003 : 310) Seine Rolle sieht Luxemburg als aktiver Mitgestalter der EU-Politik und als Förderer der Ausdehnung der Europäischen Union. Innerhalb der Europäischen Union, neben den Niederlanden und Belgien, besetzt Belgien somit eine pro-aktive und pflichtbewusste Rolle. (vgl. Bossaert 2000 : 363 ff.)

Der Staat in der Rolle des Selbstbewussten Partners möchte als Vorbild wahrgenommen werden und tut sich oftmals als Moralist und Gewissen der Gemeinschaft hervor. Die Beachtung internationaler Rechtsvorschriften (rule of law) und die korrekte Einhaltung von zwischenstaatlichen Verträgen und Integrationsvereinbarungen sind Eckpfeiler und Erwartungen seiner Außenpolitik. In seiner außenpolitischen Strategie ist er multilateral orientiert und bemüht, durch Beherbergung von und Mitgliedschaft in internationalen Organisationen, weiter Prestige, Anerkennung und Einfluss zu erlangen.

(vgl. Dosenrode-Lynge 1993 : 56 ff.)

Innerhalb internationaler Organisation ist die Übernahme von Peace-keeping Missionen, Mediator- und Bridge-builder-Funktionen vorstellbar um einen Beitrag zur Sicherheit zu leisten. (vgl. Kossdorff 2000 : 42 ff.)

Vor Kritik gegenüber seinen Bündnispartnern, bedacht darauf seine Interessen durchzusetzen schreckt er nicht zurück und auf multilateraler Ebene ist er bemüht sein Gewicht durch Bildung von Allianzen auszubauen um seine Ziele schneller umzusetzen.

Der Selbstbewusste Partner

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 3: Der Selbstbewusste Partner,

Quelle: eigene Darstellung und (vgl. Maag 2005 : 22)

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Details

Seiten
92
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783956877049
ISBN (Buch)
9783668005822
Dateigröße
999 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v302297
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
2,2
Schlagworte
Kleinstaat Mikrostaat Microstate internationalen Beziehungen

Autor

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Titel: Kleinstaaten in den internationalen Beziehungen im 21. Jahrhundert. Das Fürstentum Liechtenstein