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Eine Betrachtung des Patwah auf der Insel Jamaika

von Christin Franke (Autor) Susanne Dräger (Autor)

Hausarbeit 2013 37 Seiten

Kulturwissenschaften - Karibik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Auffassung von Kreolsprachen
2.1. Zur Auffassung von Kreolsprachen nach Bußmann
2.1.1. Pidginsprache
2.1.2. Kreolsprache
2.2. Zur Auffassung von Kreolsprachen nach Glissant

3. Jamaika im Überblick

4. Die historische und soziale Eingliederung des Patwah
4.1. Die Entstehungsgeschichte des Patwah
4.2. Zwischen Patwah und Standard English
4.2.1. Sprecher und Anwendungsbereiche des Patwah auf Jamaika
4.2.2. Sprecher und Anwendungsbereiche des Standard Englisch auf Jamaika
4.3. Erweiterung der Sprachskala nach Cassidy (1961)

5. Linguistische Merkmale des Patwah
5.1. Die fünf Elemente nach Cassidy
5.1.1. Preservations
5.1.2. Borrowings
5.1.3. New formations
5.1.4. Transferred meanings
5.2. Exemplarische Einblicke in die Grammatik des Patwah
5.2.1. Zeitformen und die Verwendung von Verben
5.2.2. Pluralbildung
5.2.3. Syntax
5.2.4. Neologismen
5.2.5. Frage- und Füllwörter und weitere Gewohnheiten
5.3. Zwischenfazit

6. Patwah als Kreolsprache
6.1. Sprachkontinuum
6.2. Zum Bewusstsein der Sprache auf Jamaika

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Jamaika, eine Insel der Sonne, des Meeres. Wer denkt dabei nicht an Bob Marley, an Reggae und gute Laune? Es leben rund 2,8 Millionen Einwohner auf der karibischen Insel und oft gestaltet sich der Alltag der jamaikanischen Bevölkerung schwierig. Es herrscht eine starke Spaltung in die reiche Ober- und die ökonomisch schlecht situierte Unterschicht. Die Mittelschicht bildet neben der Oberschicht einen recht kleinen Teil der Bewohner[1] der Insel, sodass die Unterschicht in der jamaikanischen Bevölkerung dominiert. Eine Einteilung, die ungerecht erscheint, und in der Geschichte Jamaikas verwurzelt ist.

In vielerlei Hinsicht liegt es nahe zu sagen, dass eine Bevölkerungsschicht eines Landes oder einer Region einzigartig ist. Auf Jamaika liegt eine Besonderheit vor allem in der Alltagssprache des Großteils der Bewohner begründet, denn diese sprechen nicht die Amtssprache der Insel, das Queens Englisch, sondern Patwah.[2] Genau diese Sprache soll in dieser Arbeit genauer beleuchtet werden.

Ein weiterer Blick in die Geschichte Jamaikas gibt Aufklärung über die zahlenmäßig hohe Bevölkerungsrate der Unterschicht und kann mit Einbezug sprachwissenschaftlicher Aspekte dazu dienen ein Verständnis für die Entstehung und die heutige Verwendung des Patwah zu entwickeln. Der Schriftsteller, Dichter und Philosoph Édouard Glissant (1928-2011) geht davon aus, dass es sich bei dem jamaikanischen Patwah um keine Kreolsprache handelt, denn er würde „die wunderbare Sprache der jamaikanischen Dichter […] nicht kreolisch nennen.“[3] Eine Kreolsprache entsteht häufig, wenn verschiedene Kulturen mit verschiedenen Sprachen aufeinandertreffen und sich vorerst über den kleinsten gemeinsamen Nenner verständigen. Der Ausbau und die Etablierung dieser Sprache, kann schließlich als Kreolsprache bezeichnet werden, sobald das Stadium des Pidgin überwunden ist.[4]

Ob und inwiefern Glissant mit dieser Aussage, dass die jamaikanische Sprache keine Kreolsprache sei, dem sprachwissenschaftlichen Konsens entspricht, soll im Fokus dieser Arbeit stehen. Liegt Glissant mit dieser Aussage richtig? Welche Einflussfaktoren und geschichtliche Entwicklungen lassen erkennen, dass es sich bei der jamaikanischen Sprache um eine Kreolsprache handelt? Wie und mit welchen Eigen- oder Besonderheiten zeigt sich das Patwah heute auf der Insel Jamaika?

Zur Beantwortung dieser Fragen wird zunächst der Begriff der Kreolsprache genauer beleuchtet werden. Anschließend werden die Auffassungen von Édouard Glissant und Hadumod Bußmann bezüglich Kreolsprachen gegenübergestellt, um eine Gegenposition zu der Aussage Glissants aufzeigen zu können. Ein Überblick über das Land bzw. die Insel Jamaika soll eine Basis der Betrachtung schaffen.

Heute gibt es neben dem Patwah als Sprache des Alltags, das Standard English[5] als Amtssprache. Es sollen die Möglichkeiten und Grenzen dieser Sprachräume aufgezeigt werden, um ein lebhaftes Bild des jamaikanischen Patwah entwerfen zu können. Im Folgenden werden linguistische Merkmale und Sprachbeispiele genannt. Dabei eröffnen sich fünf Elemente der jamaikanischen Sprache nach Cassidy. Anschließend wird ein exemplarischer Einblick in die Grammatik des Patwah erfolgen. Zum Schluss erweist es sich als bedeutsam, nochmals das Sprachkontinuum, welches die Grenzziehungen der beiden auf Jamaika bestehenden Sprachen beinhaltet, zu beleuchten. Schließlich wird das Bewusstsein der Jamaikaner zu ihrer Sprache erörtert, wodurch sich weitere fundamentale Aspekte eröffnen.

Zur Bearbeitung des Themas wurde vor allem einschlägige Fachliteratur verwendet. Hierunter fallen:„Kultur und Identität. Ansätze zu einer Poetik der Vielheit“ von Édouard Glissant (1996) „Jamaica Talk. Three Hundred Yearsof the English Language in Jamaica” von Frederic Cassidy (1961) und das Lexikon der Sprachwissenschaft von Hadumod Bußmann (2008). Zudem wurden aufgrund der Aktualität des Themas verschiedene Internetquellen genutzt.

2. Zur Auffassung von Kreolsprachen

Kreolsprachen sind sprachliche Phänomene, die im wechselseitigen Kontakt zwischen verschiedenen Kulturen und Sprechergemeinschaften entstehen. Oft findet dieser Kontakt aufgrund historischer Begebenheiten statt. Im Folgenden soll die Auffassung von Kreolsprachen von Bußmann (2008) und Glissant (1996) aufgezeigt werden.

Da in dieser Arbeit die jamaikanische Sprache Patwah thematisiert werden soll, ist zu erwähnen, dass die Schreibung des Wortes hingegen anderen Formen wie beispielsweise Patois, aufgrund ihrer Entsprechung mit der Lautsprache der jamaikanischen Sprecher gewählt wurde. Bußmann verweist auf das altfranzösische Wort patoier, was mit Gestikulieren und auf la patte, was mit der Pfote übersetzt werden kann, hin. Des Weiteren zeichnet sich für das Patois im Sinne Bußmanns eine Eingeschränktheit des Sprechergebiets sowie die Verwendung des Patois in nicht offiziellen Situationen ab. Zudem weist es in vielen Fällen keine Schriftsprache auf und kann häufig als negativ konnotiert aufgefasst werden.[6]

2.1. Zur Auffassung von Kreolsprachen nach Bußmann

Die deutsche Sprachwissenschaftlerin Hadumod Bußmann zeigt in ihrem sprachwissenschaftlichen Lexikon (2008) den Charakter von Kreolsprachen auf. Um jedoch zu verstehen, wie sich eine Kreolsprache bildet, soll an dieser Stelle auch ein Blick auf das Phänomen des Pidgin erfolgen, was sich oft als Vorläufer einer Kreolsprache darstellt.

2.1.1. Pidginsprache

Bußmann bezeichnet die Pidginsprache nach Thomason & Kaufman (1988) als:

„eine aus einer sprachlichen Notsituation entstandene Mischsprache: Beim Kontakt von Sprechern von zwei oder mehr Sprachen ohne gegenseitiges Sprachverständnis werden Struktur und Vokabular der einzelnen muttersprachlichen Systeme durch mutual accommodation nachhaltig reduziert, um eine Verständigung herbeizuführen (Vgl. THOMASON & KAUFMAN [1988]); […]“[7]

Weiter schreibt Bußmann, dass die Pidginsprachen neben der Muttersprache erlernt werden und zumeist während der Kolonialzeit durch die Besetzung der Gebiete in Übersee entstanden sind. Die Entwicklung des Pidgin ist demnach nicht selten mit der Ausweitung der europäischen Staaten verbunden. Dabei gingen die europäischen Sprachen, als dominanter Einfluss in die neuentwickelte Mischsprache mit ein. Bußmann spricht im Zusammenhang mit diesem dominanten Einfluss von „ superstrate languages“ bzw. von der „Spendersprache“ des Pidgin.[8] Weiter heißt es:

„Formal sind P. [Pidginsprachen] gekennzeichnet durch (im Vergleich mit der Ausgangssprache) vereinfachte phonologische, morphologische und syntaktische Strukturen, durch einen stark reduzierten Wortschatz, eine Tendenz zur Umschreibung und Metaphorik.“[9]

2.1.2. Kreolsprache

Den Charakter der Kreolsprache genau zu betrachten ist für diese Arbeit elementar, daher soll an dieser Stelle genauer auf das sprachliche Phänomen eingegangen werden. Es ist wichtig zu erwähnen, dass einer Kreolisierung nicht notwendigerweise eine Pidginsprache vorausgestellt ist, dennoch ist dieser Zusammenhang vielfach zu beobachten.[10] In Bußmann werden Kreolsprachen:

„[…] als ehemalige […] Pidginsprachen, die inzwischen als vollausgebaute und vereinzelt auch standardisierte Muttersprachen fungieren [bezeichnet], wobei die funktionellen und grammatischen Beschränkungen, Vereinfachungen und Reduktionen des Pidgin beseitigt sind.“[11]

Zudem sind Kreolsprachen häufig aus dem Kontext einer Kolonialbesetzung oder einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis entstanden. Dies erklärt in vielen Fällen den Einfluss der dominanten Sprache einer Kreolsprache, denn diese zeigt sich oft als Sprache der Kolonialherren oder einer Sprache der führenden Mächte eines Gebietes. In diesem Zusammenhang lässt sich eine Parallele zu der Problematik der Sklaverei schaffen, denn durch die Verschiffung von Arbeitssklaven finden wir eine Mischung verschiedener Sprachfamilien mit einer dominanten Instanz- die der jeweiligen Kolonialherren. Bußmann nennt hier beispielsweise französisch-basierte Kreolsprachen wie in Haiti oder Mauritius und das englisch-basierte Kreol wie es auf Hawaii, Jamaika oder Papua Neuguinea zu finden ist.[12]

„Die Sklaven kreieren eine neue Sprache durch Verbindung von Elementen der Muttersprache, insbes.[ondere] von syntaktischen und semantischen Elementen, mit Elementen der sozial dominanten Varietäten (primär lexikalische Elemente) unter Hinzunahme von generellen linguistischen Strategien. Diese spielen typischerweise in allen […] Sprachkontakt-Situationen eine wichtige Rolle.[13]

So können Kreolsprachenüber Generationen eine Muttersprachfähigkeit entwickeln. Um das Phänomen des Patwah auf der Insel Jamaika zu untersuchen, soll nun eine Darstellung der Auffassung bezüglich Kreolsprachen von Édouard Glissant erfolgen.

2.2. Zur Auffassung von Kreolsprachen nach Glissant

Das Hauptaugenmerk dieser Arbeit liegt auf der Aussage Glissants, dass die jamaikanische Sprache keine Kreolsprache sei. Glissant erklärt in seinem Aufsatz „Kultur und Identität. Ansätze zu einer Poetik der Vielheit“ (1996):

„Ich nenne eine Sprache Kreolisch, wenn beide Ausgangselemente einander heterogen sind. Zum Beispiel würde ich die wunderbare Sprache der jamaikanischen Dichter, […] bekannt als dub poetry nicht kreolisch nennen. Manchmal wird behauptet, es sei ein jamaikanisches Kreolisch, aber man müsste vielleicht eine andere Bezeichnung dafür finden. Ich würde es jedenfalls nicht Kreolisch nennen, weil es sich um die geniale, aggressive Verformung einer einzigen Sprache, des Englischen, handelt, entstanden aus einem subversiven Gebrauch der Sprache.“[14]

Glissant spricht an dieser Stelle von dub poetry und der Sprache der jamaikanischen Dichter, er verwendet jedoch weder die Begriffe Patwah oder Patois, noch die Bezeichnung Alltagssprache. Da die jamaikanischen Dichter und die dub poetry sich jedoch dem Patwah bedienen, stellt sich diese Kunstform, als Darlegung des Patwah heraus. Habekost (1993) beschreibt dub poetry wie folgt:

„Consequently, its creative concept entails the nation of creolisation, a fusion of African and European elements resulting in an original and indigenously Caribbean cultural expression.”[15]

“The use of standard English is, however, the exception; for dub poets, Patois is not merely one among several freely choosable linguistic varieties in Caribbean society. Rather, it plays the central role in their claim to be ´the voices of the people`. And the great majority of Jamaicans at home and abroad do, after all, speak creole, ´dialect,` vernacular, `dutty language’, ‘baby talk,’ Patois - you name it.”[16]

Wenn Glissant also von dub poetry spricht, kann angenommen werden, dass sich diese in der jamaikanischen Sprache, dem Patwah offenbart und Glissants Aussage demnach diese Sprache als nicht kreolisch einstuft.

Doch was versteht Glissant unter einer Kreolsprache? Glissant betont die Heterogenität der Ausgangssprachen, aus denen sich eine Kreolsprache entwickeln kann, bzw. sich entwickelt hat.[17] Des Weiteren erklärt Glissant:

“Die Kreolsprachen entstehen aus dem Aufeinanderprallen, dem Verzehr, dem wechselseitigen Ineinander-Aufgehen sprachlicher Elemente, die ursprünglich völlig voneinander verschieden waren, und eine unvorhersehbare Resultante hervorbringen.“[18]

Diese Unvorhersehbarkeit der Resultante erweist sich für Glissant als essenziell, da er betont keine Vermischung der Sprachen thematisieren zu wollen. Dies bezieht sich auf die Zusammensetzung verschiedener Sprachen zu einer neuen.[19] Im Kontext der jamaikanischen Sprache heißt es bei Glissant weiter: „Eine Kreolsprache ist also weder das Ergebnis dieser wundervollen Praktik, mit der die jamaikanischen Dichter gewollt und absichtlich auf die englische Sprache einwirken, noch ein Pidgin oder Dialekt.“[20] Hier entwickelt sich eine Problematik, denn Glissant scheint die Sprache der jamaikanischen Dichter als bearbeitetes Englisch zu betrachten. Hingegen betrachtet Habekost (1993), wie bereits erwähnt diese Sprache als eigenständig und nennt sie, Patois.

Glissant beschreibt ebenso die Wichtigkeit der Gleichrangigkeit der mindestens zwei Ausgangselemente bzw. Ausgangssprachen und eröffnet zugleich eine Frage von Identität und Zugehörigkeit:

„Die Erscheinungen der Kreolisierung sind wichtig, weil sie uns die geistige Dimension der menschlichen Gemeinschaften unter einem neuen Blickwinkel zeigen. Mit ihrer Hilfe können die geistigen Landschaften nachempfunden werden, die sie prägten. Denn Kreolisierung bedeutet, daß [sic!] die in Kontakt gebrachten kulturellen Elemente unbedingt als ‚gleichrangig‘ gelten müssen, sonst kann die Kreolisierung nicht wirklich stattfinden. Das heißt, wenn unter den miteinander in Beziehung gesetzten kulturellen Elementen einige als minderwertig betrachtet werden, kann die Kreolisierung sich nicht richtig vollziehen. Sie findet dann statt, aber nur unvollständig und asymmetrisch.“[21]

Es ist nun fraglich, ob es sich trotz einer Asymmetrie der Ausgangselemente, wie im Fall von Jamaika durch die Besetzung durch Kolonialmächte, beim jamaikanischen Patwah um eine vollständig ausgebildete Kreolsprache handeln kann. Zudem fördert die Auseinandersetzung mit der Thematik der Kreolisierung auf der Insel Jamaika, die bewusste und unbewusste Auseinandersetzung mit der Identität der Einwohner, denn die Einstufung bestimmter Gruppen als „minderwertig“ könnte zu einer Veränderung der Sprache und des Sprachverständnisses führen. So kann es attraktiv oder „cool“ sein in gewissen Situationen Patwah zu sprechen, um die Zugehörigkeit oder die Solidarität mit den ehemaligen Sklaven auf der Insel zu zeigen, deren nachfolgende Generation sich immer noch für eine gleichberechtigte und harmonische Gesellschaft einsetzt.

3. Jamaika im Überblick

Um zu verstehen, wie sich das Wesen von Jamaika zeigt, soll an dieser Stelle ein Überblick über die Insel gegeben werden. Wie bereits erwähnt, zeigt sich innerhalb der Bevölkerung Jamaikas eine Spaltung in die zahlenmäßig starke, arme Unterschicht, die Mittelschicht und die wohlhabende Oberschicht, die einen relativ kleinen Anteil der Bevölkerung ausmacht. Insgesamt liegt die Zahl der Einwohner bei rund drei Millionen.[22] Etwa 90% der Bevölkerung weisen afrikanische Wurzeln auf und 60% der Bevölkerung haben eine protestantische Glaubensausrichtung. Im Zuge des britischen Commonwealth wurde das Land 1962 unabhängig.[23] Trotz dieser Tatsache ist die Queen das Staatsoberhaupt der drittgrößten Karibikinsel. Zudem ist die offizielle Amtssprache Jamaikas Queens English, also das klassische Englisch, aber nicht das Patwah. In Abbildung 1 wird noch einmal die Lage der Karibikinsel deutlich, welche sich zwischen dem Golf von Mexico und dem Atlantischen Ozean befindet bzw. zwischen Nord- und Südamerika. Eine Lage, inmitten von anderen Inseln und Inselgruppen, die während der Kolonialzeit nicht nur umkämpft waren, sondern auch verwirrend und faszinierend zugleich für die einstigen Seefahrer gewesen sein könnten. Abbildung 2 zeigt eine Übersicht über die Insel im Karibischen Meer, mit der südöstlich gelegenen Hauptstadt Kingston. Zudem ist die geographische Beschaffenheit der Insel erkennbar, die auf die Berge im Inneren des Landes und das flachere Umland verweist. Eine Eigenschaft, die wie sich später im geschichtlichen Verlauf[24] der Insel zeigen wird, nicht ganz zu vernachlässigen ist, da durch die geographische Beschaffenheit der Insel, Arbeitssklaven in die schutzbietenden Berge flüchten konnten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenAbbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Geographische Einordnung Jamaikas.[25] Abb. 2: Übersicht über die Insel Jamaika.[26]

4. Die historische und soziale Eingliederung des Patwah

Die Bedeutung und Herkunft des Wortes Patwah wurde bereits in Kapitel 2. aufgezeigt. An dieser Stelle muss betont werden, dass das Patwah, welches in dieser Arbeit thematisiert wird, vor allem einen Einblick in die britische Kolonialzeit bedarf, da es sich um englischbasiertes Patois handelt. Dennoch ergeben sich bei genauer Betrachtung des Themas auch Einflüsse der jamaikanischen Ureinwohner sowie verschiedener Kolonialmächte, deren ausführliche Betrachtung den Rahmen dieser Arbeit überschreiten würde.

4.1. Die Entstehungsgeschichte des Patwah

Die komplexe Entstehung des Patwah ist eng mit der Geschichte Jamaikas verbunden. So lässt bereits der Name „Xaymaca“, aus der Arawaksprachgruppe, den heutigen Ländernamen Jamaika erahnen. Die Sprecher der arawakischen Sprachgruppe stammen zu Zeiten der Eroberungswelle der europäischen Staaten vor allem aus Venezuela und Guyana, also der Nordküste Südamerikas und bilden die Ureinwohner Jamaikas.[27] Durch die, vorerst noch spanische Besetzung im 16. Jahrhundert, wurden die ersten afrikanischen Arbeitssklaven auf die Insel gebracht. Doch die Spanier konnten ihre Gebiete nur schwerlich schützen und so war es einigen Sklaven möglich sich in die Sicherheit der schützenden Berge im Inneren des Landes zu flüchten. Diese entflohenen Sklaven bilden die Gruppe der Maroons, die vor allem die afrikanischen Spracheinflüsse bewahrten.[28] Cassidy (1961) schreibt: „The second factor is the possibility of direct survival of African speech among the Maroons.“[29]

Schließlich folgte eine Ablösung der Besatzermächte weg von den spanischen-, hin zu den britischen Kolonialherren. Im Jahr 1656 kam Governor Stoke mit 1600 Menschen auf die Insel Jamaika:

„[…] in 1656 Governor Stoke of Nevis came with 1,600 men, women, and children, servants, and Negro slaves and settled in the East. And between 1671 and 1675 at least three shiploads of settlers were transplanted […].This colony totaled 1,232, of whom there were, in the words of the early account, ‘250 Christians, 31 Indians, and 950 negroes.’”[30]

Durch die letztliche Besetzung Jamaikas durch die Briten in Schüben mit den im Zitat dargestellten Dimensionen, lässt sich herleiten, dass es sich bei der heutigen Sprache des Alltags, dem Patwah, um eine englisch basierte Sprache handelt. Zu Zeiten der Besatzermächte bildete sich jedoch zunächst eine multilinguale Gemeinschaft:

Nor should one be disturbed to find yet other variations where people of many kinds in a new colony have pooled their home differences, seasoned them with the tropical spices of Arawak and Carib Indians, Africans, Spaniards, Frenchmen, and assorted others, until a strong and tasty pepperpot of language is concocted. This, of course, is what happened in Jamaika.[31]

[...]


[1] Im Verlauf der Arbeit werden wir aus Gründen der Lesbarkeit den männlichen Terminus verwenden.Die weibliche Form ist dennoch in unserem Denken eingeschlossen.

[2] Die Schreibung Patwah, erschien den Autorinnen als sinnvollste Entsprechung des Charakters der jamaikanischen Sprache. Siehe auch Kap. 2.

[3] Glissant, (1996:16f.).

[4] Siehe Kap. 2.1.1.

[5] Mit dem Begriff Standard Englisch verweisen die Autorinnen auf die Verwendung des Britischen Englisch oder auch Queens Englisch.

[6] Vgl.: Bußmann, (2008: 512).

[7] Bußmann, (2008:532).

[8] Bußmann, (2008: 532).

[9] Bußmann, (2008: 532).

[10] Bußmann, (2008: 380f.).

[11] Bußmann, (2008:380).

[12] Vgl.: Bußmann, (2008: 380f.).

[13] Bußmann, (2008: 380).

[14] Glissant, (1996:16f.).

[15] Habekost, ((1993:1).

[16] Habekost, (1993:69).

[17] Vgl.: Glissant, (1996:16).

[18] Glissant, (1996:17).

[19] Vgl.: Glissant, (1996:16).

[20] Glissant, (1996:17).

[21] Glissant, (1996:13).

[22] Destatis/Statistisches Bundesamt, (2014).

[23] Bellers, (2004: 302).

[24] Siehe auch Kapitel 4.1.

[25] Easyvoyage, (2014).

[26] Welt-atlas, (2014).

[27] Vgl.: Cassidy, (1961:10).

[28] Vgl.: Cassidy, (1961:11 und 19f.).

[29] Cassidy, (1961:19).

[30] Cassidy, (1961:12).

[31] Cassidy, (1961:2).

Details

Seiten
37
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668006522
ISBN (Buch)
9783668006539
Dateigröße
706 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v302254
Institution / Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Note
1,0
Schlagworte
Patwah jamaikanische Kreolsprache Cassidy Kreolsprachen Glissant Sprachkontinuum

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Titel: Eine Betrachtung des Patwah auf der Insel Jamaika