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Identität. Der Balanceakt zwischen Selbstverwirklichung und Anpassung in der Jugendphase

Am Beispiel des HHG Bottrop

Facharbeit (Schule) 2015 24 Seiten

Psychologie - Entwicklungspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Vorwort und Einleitung
1.1 Ziel der Projektarbeit
1.2 Ausblick

2 Basistheorien
2.1 Erik H. Eriksons psychologische Theoriegrundlagen
2.1.1. Bedeutung für den Gesamtzusammenhang
2.2 Lothar Krappmanns soziologische Theoriegrundlagen
2.2.1. Bedeutung für den Gesamtzusammenhang
2.3 George H. Meads soziopsychologische Theoriegrundlagen
2.3.1. Bedeutung für den Gesamtzusammenhang
2.4 Integration der Theorien

3 Datenauswertung
3.1 Konzeption des Fragebogens
3.2 Vergleich der männlichen Teilnehmer
3.2.1 Durchschnitt Selbst- und Fremdbild
3.3 Vergleich der weiblichen Teilnehmer
3.3.1 Durchschnitt Selbst- und Fremdbild
3.4 Dateninterpretation
3.4.1 Vergleich mit Erikson
3.4.2 Vergleich mit Krappmann
3.4.3 Vergleich mit Mead
3.5 Fehleranalyse

4 Fazit

5 Literatur- und Abbildungsverzeichnis

Literatur

Internetquellen

Abbildungsverzeichnis

1 Vorwort und Einleitung

„Identität ist der Schnittpunkt zwischen dem, was eine Person sein will, und dem, was die Welt ihr zu sein gestattet“ (Erikson, 1973, zit. n. http://www.zitate.eu/de/zitat/220897/erik-h.-erikson, 15-02-03). Ausgehend von Erikson fasziniert mich die Identitätsentwicklung bei Kindern und Jugendlichen[1], nicht zuletzt dadurch, dass ich selbst unmittelbar davon betroffen bin. Zum einen durch meine zugewiesene Rolle als Jugendlicher[2], zum anderen weil ich mich selbst frage, wer ich bin und wie ich wirken möchte. Es stellt sich mir nun die Frage was ich sein will und was meine Umwelt mir gestattet. Individuell und besonders möchte meiner Erkenntnis nach jeder Jugendliche sein, doch wie individuell kann ein Mensch sein, wenn das Ziel ist, ihn zu sozialisieren und damit nützlich für die Gesellschaft zu machen. Wie sehen Jugendliche das selbst und wie hat sich diese Wahrnehmung vom Beginn der weiterführenden Schule bis zum Ende verändert? Werden Kinder wirklich nur zu Nachahmern und gehen in der Masse als eines von vielen unter? Auf diese Fragen erhoffe ich mir mit der Auseinandersetzung dieses Themas mögliche Antworten.

1.1 Ziel der Projektarbeit

Mit dieser Projektarbeit soll gezeigt werden, wie Kinder sich selbst sehen und wie sich ihre subjektive Wahrnehmung (Selbstbild) von der relativ objektiven Wahrnehmung (Fremdbild) differenziert. Dadurch wird der Wandel von Prioritäten von Kindern und Jugendlichen in Bezug auf das angepasste und das individuelle Leben im Zeitraum zwischen der fünften und der zwölften Klasse dargestellt. Am Ende der Projektarbeit soll ein Vergleich der Theorien mit der Datenauswertung herausstellen, inwiefern die Theorien im Jahr 2015 noch gültig sind.

1.2 Ausblick

Um Antworten auf die oben genannten Fragen zu erhalten werden zunächst im folgenden Kapitel drei Basistheorien zur Identitätsentwicklung knapp zusammengefasst. Dabei bezieht sich die Arbeit vor allem auf „Jugend und Krise“ von Erikson, „Soziologische Dimensionen der Identität“ von Krappmann und diverse Sammlungen zu Mead. Anschließend folgt der empirische Teil, in dem die Fragebögen der Schüler des Heinrich-Heine-Gymnasiums Bottrop, unter Berücksichtigung des theoretischen Teils, ausgewertet und analysiert werden. Zum Schluss werden die Ergebnisse zusammengefasst und es wird die Vereinbarkeit von Theorie und Empirie diskutiert. Voraussichtlich lässt sich erwarten, dass Unterschiede der Identitätsentwicklung zwischen Mädchen und Jungen zu konstatieren sind und dass ältere Schüler individueller sind.

2 Basistheorien

Drei bedeutende Autoren der psychologischen und soziologischen Forschung zum Identitätsbegriff und der Identitätsentwicklung waren Erikson, Krappmann und Mead. Dabei wird Mead als Integrationstheorie der psychologischen und soziologischen Theorie gesehen. Diese betrachteten den Forschungsgegenstand aus unterschiedlichen Blickwinkeln und vor verschiedenen Hintergründen. Die resultierenden Theorien sollen in dieser Arbeit dargestellt, integriert und für den empirischen Teil nutzbar gemacht werden.

2.1 Erik H. Eriksons psychologische Theoriegrundlagen

Der Ich-Psychologe[3] Erikson[4] modifiziert das psychosexuelle Entwicklungsmodell und „übersetzt […] die Phasenlehre Freuds ins Soziale“a(http://www.yadvashem.org/yv/de/education/lesson_plans/erikson.pdf, 01.04.15, S.1). Bei Eriksons psychosozialer Phasenlehre bekommt die sexuelle Entwicklung einen weniger großen, die Umwelt jedoch einen umso größeren Stellenwert, als noch zuvor bei Freud, denn Eriksons Theorie besagt, dass Identität im Zuge der Interaktion zwischen Zögling und Umwelt erfolgt (vgl. ebd.). Erikson schreibt selbst, dass sich das Individuum in die Rolle anderer hineinversetzt.

Identität, „ein[…] Prozeß, der auf allen Ebenen des seelischen Funktionierens vor sich geht, durch welches der Einzelne sich selbst im Lichte dessen beurteilt, wovon er wahrnimmt, dass es die Art ist, in der andere ihn im Vergleich zu sich selbst und zu einer für sie bedeutsamen Typologie beurteilen“ (Erikson, 1968, S. 19)

Damit bringt Erikson zum Ausdruck, dass Selbst- und Fremdbild unbewusst erzeugt werden und dass das Individuum einen Vergleich dieser beiden Bilder projiziert (vgl. ebd.). Dieser Prozess schreitet „ständig wechselnd und sich entwickelnd“ (ebd., S. 19) voran und ist optimaler Weise ein „Prozeß zunehmender Differenzierung, der immer umfassender [wird]“ (ebd., S. 19).[5]

Der Identitätsbegriff bei Erikson wird weiter dadurch geprägt, dass Ich-Identität dann vorliegt, wenn das Individuum für sich selbst und für die Umwelt homogene Eigenschaften vorweisen kann, dass es erkennbar für sich selbst und andere machen. Diese Kontinuität wird durch soziale Interaktionen mit den „Anderen“, den Gegenspielern der „Selbste“ erlangt. (vgl. ebd., S. 219). Dabei soll man zu einem gut „organisiertem Ich innerhalb einer sozialen Wirklichkeit entwickelt“ (ebd., S. 47) werden. In dieser sozialen Wirklichkeit macht Ich-Identität „mehr als die reine Tatsache der Existenz [aus]; es ist sozusagen die Ich-Qualität“ (ebd. S. 47). Dies wiederum lässt auf das Übereinstimmen von Selbst- und Fremdbild schließen, da der „Stil [der eigenen Individualität] mit der Gleichheit und Kontinuität der eigenen Bedeutung für signifikante andere […] übereinstimmt“ (ebd., S. 47). „Das Gefühl der Ich-Identität ist also die angesammelte Zuversicht des Individuums, das der inneren Gleichheit und Kontinuität auch die Gleichheit und Kontinuität seines Wesens in den Augen anderer entspricht“ (Erikson, 1950, S. 256, zit. nach Krappmann, 1981, S. 90). Kann der junge Erwachsene das von sich behaupten, hat er seine Identitätskrise überwunden und weist größtenteils homogenes Verhalten auf, das sein Agieren in Interaktionen antizipierbar machen lässt.

Die acht Phasen des Lebens

Erikson subdividiert das gesamte menschliche Leben in acht Phasen, welche jeweils „einen bestimmten Konflikt dar[stellen], dessen Bewältigung das Fundament bildet, um die Krise der folgenden Phasen zu bearbeiten“ (ebd., S. 90) Dabei wollte Erikson „mit seinem Begriff [der Krise] tatsächlich […] nur Gefühle der Unsicherheit und des Unbehagens beschreiben“ und nicht den Eindruck erwecken, dass Jugendliche sich im Zustand eines „gefühlsmäßigen Durcheinanders“ befinden (vgl. Mietzel, 2005, S. 121). Bei Eriksons Modell wird Identität nur im Zusammenhang mit der fünften Stufe, dem Jugendalter, genannt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„Wir nehmen an, dass […] erst in der Adoleszenz […], in der geistigen Reifung und in der sozialen Verantwortung die Vorbedingungen entwickelt [werden können], um die Krise der Identität zu erleben und zu durchlaufen“ (Erikson, 1968, S. 91).

Damit meint er jedoch nur, dass nach der Jugendphase ein Fundament der Identität vorliegt, welches nicht mehr völlig zu ändern ist. Allerdings ist eine konstante Homogenität nicht gewährleistet, da das Individuum noch weitere Krisen durchläuft, die diese verändern können (vgl. Lohauß, 2013, S. 42). Erikson wendet sich somit „gegen ein statisches Bild von Identität [und] lehnt […] auch die Idee ihrer Unveränderbarkeit ab“ (Zirfas, 2010, S. 47). „Jede […] Position der vitalen Persönlichkeit [steht] systematisch zu allen anderen in Beziehung“ (Erikson, 1968, S. 93f.). Deshalb baut jede Stufe auf die zuvor konstituierende Stufe auf und entwickelt die Identitätsbildung. Der Prozess der Identitätsbildung ist demzufolge nie abgeschlossen und entwickelt sich stets weiter.

2.1.1. Bedeutung für den Gesamtzusammenhang

Anhand der Theoriegrundlagen lässt sich Identität wie folgt zusammenfassen:

1. Eine relative Homogenität der Persönlichkeit wird vom Menschen selbst und von der Umwelt wahrgenommen.
2. Identitätsbildung ist ein kontinuierlicher Prozess, der in der Jugendphase seinen Höhepunkt besitzt.
3. In Interaktionsprozessen mit der Umwelt erlangt das Individuum Identität.
4. Im voranschreitenden Alter wird die Identität differenzierter und umfassender.

Deshalb wird später analysiert, inwiefern Aussagen des Selbst- und des Fremdbildes übereinstimmen und ob die Ergebnisse tatsächlich differenzierter und umfassender werden. Anhand dessen kann festgestellt werden, ob Ich-Identität schon in der fünften Klasse vorliegt und wie sich die Identitätsentwicklung von der fünften bis zur zwölften Klasse verändert.[6]

2.2 Lothar Krappmanns soziologische Theoriegrundlagen

Wie bereits Erikson, geht auch Krappmann[7] von einer dynamischen, veränderbaren Identität aus:

„Identität ist nicht mit einem starren Selbstbild, das das Individuum für sich selbst entworfen hat, zu verwechseln[, da sie] eine immer wieder neue Verknüpfung früherer und anderer Interaktionsbeteiligungen […] dar[stellt].“ (Krappmann, 1988, S. 7).

So bekommt der Interaktionsprozess, als Voraussetzung für Identität, auch in der soziologischen Theorie einen großen Stellenwert. Doch während bei Erikson Identität noch eine Homogenität von Charaktereigenschaften ausmachte, unterscheidet der Soziologe in zwei Arten der Identität: Die personale Identität beschreibt das Empfinden der Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit der eigenen Person. Die soziale Identität hingegen meint das Empfinden der Akzeptanz und Anerkennung durch die soziale Umwelt (vgl. ebd., S. 9). Auffällig ist außerdem, dass Krappmann sich vom Begriff des „Ego“ deutlich distanziert, da „Identität […] zwar eine Ich-Leistung [ist], aber deswegen […] nicht mit dieser psychischen Instanz[8] gleichgesetzt werden [darf]“ (ebd., S. 24). Krappmann fehle bei der Instanz der Faktor sozialer Interaktion, der gerade als Element der Identität aufgefasst wird (vgl. ebd.). Diese unterschiedliche Verwendung der Instanz, die Identität ausmacht, schließt inhaltliche Übereinstimmungen jedoch nicht aus. Erikson und Krappmann gehen beide von einer Identitätsbildung, im Sinne der ständigen Interaktion aus.[9] „Die Identitätsbalance […] [ist] ein Postulat, das aus der unverzichtbaren Beteiligung an Interaktionen abzuleiten ist“ (ebd., S. 58) jedoch ist „diese Fähigkeit zur Balance […] nicht angeboren, sondern Produkt eines Sozialisationsprozesses“ (ebd., S. 68).

[...]


[1] Die Projektarbeit bezieht sich auf das Alter, indem Kinder zu Jugendlichen werden (Jugendalter). Die Kinder der fünften Klassen befinden sich zwischen dem neunten und zwölften, die der zwölften Klassen zwischen dem 17. und 19. Lebensjahr. Zur Übersicht wird im Weiteren nur von Kindern geredet, der Übergang zum Jugendlichen wird nicht starr an einem Alter festgemacht.

[2] In dieser Arbeit findet sich nur die Verwendung der männlichen Form (Genus). Gemeint sind jeweils sowohl weibliche als auch männliche Schüler.

[3] Ich-Psychologe meint, dass Erikson die zentralen Annahmen Sigmund Freuds zur Instanz des Ich in sein Konzept inkludiert.

[4] Der deutsch-US-amerikanische Psychoanalytiker Erik Homburger Erikson lebte von 1902 bis 1994 und wurde als Schüler von Anna Freud unter anderem Professor in der Harvard University. Dort arbeitete er hauptsächlich an seinem Stufenmodell zur psychosozialen Entwicklung.

[5] Damit lässt sich für meine praktische Arbeit festhalten, dass der Prozess der Identitätsbildung von der fünften zur zwölften Klasse differenzierter und ausgereifter werden müsste.

[6] Vgl. Kapitel 2.1

[7] Der deutsche Soziologe und Pädagoge Lothar Friedrich Krappmann wurde 1936 in Kiel geboren. Seine Dissertation „Soziologische Dimensionen der Identität“ ist ein Grundwerk in der soziologischen Identitätsfrage.

[8] Mit der Instanz ist das „Ich“ im Freudschen Sinn gemeint, also der Vermittler zwischen Es, Über-Ich und Außenwelt

[9] Als Schüler von Freud ist Erikson noch mehr an das psychosexuelle Entwicklungsmodell gebunden, vermutlich driftet deshalb die unterschiedliche Wortwahl der beiden Forscher auseinander.

Details

Seiten
24
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668003064
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v302142
Note
1,0
Schlagworte
Identität Individualität Anpassung Mead Erikson Krappmann

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