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Johann Gottlieb Fichte und seine Position zur französischen Revolution

Essay 2013 7 Seiten

Geschichte - Allgemeines

Leseprobe

„Die Französische Revolution erscheint mir wichtig für die gesamte Menschheit.“1 Die heutige Geschichts- und Politikwissenschaft stellt die Französische Revolution als Wendepunkt der Menschheitsgeschichte dar. Doch die unmittelbaren Reaktionen der nachfolgenden Jahre hätten unterschiedlicher nicht sein können. Von einer gänzlichen Ablehnung durch die Aristokratie über eine kritische Betrachtung durch zum Beispiel Edmund Burke bis hin zu einer vollkommenen Befürwortung durch die Reihen der Aufklärer. Ein deutscher Vertreter der letztgenannten Gruppe soll im Rahmen dieses Essays genauer untersucht werden, um darzustellen, inwieweit die Aufklärer ihre Ziele für die Gesellschaft in der Revolution durchzusetzen suchten.

Die Rede soll von dem in der Mitte des 18. Jahrhunderts geborenen deutschen Erzieher und Philosoph Johann Gottlieb Fichte sein, der durch seine Lektüre von Kants Werken selbst Ende des 18. Jahrhunderts mit der Publikation von philosophischen Schriften, auch über die Berechtigung der französischen Revolution, begann und hierbei auch über die Stellung des Menschen in der Gesellschaft spricht:

Die Zeiten der Barberei sind vorbei, ihr Völker, wo man euch im Namen Gottes anzukündigen wagte, ihr seiet Herden Vieh, die Gott deswegen auf die Erde gestzt habe, um einem Dutzend Göttersöhnen zum Tragen ihrer Lasten, zu Knechten und Mägden ihrer Bequemlichkeit und endlich zum Abschlachten zu dienen; daß Gott sein unbezweifeltes Eigentumsrecht über euch an diese übertragen habe und daß sie Kraft eines göttlichen Rechts und als seine Stellvertreter euch für eure Sünden peinigten: ihr wißt es oder könnt euch davon überzeugen, wenn ihr es noch nicht wißt, daß ihr selbst Gottes Eigentum nicht seid,sondern daß er euch sein göttliches Siegel, niemandem anzugehören als euch selbst, mit der Freiheit tief in eure Brust eingeprägt hat.2

Aufgrund der Annahme, dass Gott den Menschen schuf, gesteht Fichte dem Menschen einen göttlichen Funken im tiefsten Innersten zu, der ihn über die Tiere und zu einem Gesellschaftsmitglied erhebt, dessen erstes Mitglied Gott wäre. Diesen göttlichen Funken meint Fichte im Gewissen zu sehen. Dementsprechend ist der Mensch dazu verpflichtet, nach Maßgabe des ihm inhärenten Gesetztes selbst über sich zu bestimmen. Fichte beschreibt einen Menschen, der das Recht dazu hat, nach seinem Gewissen zu handeln und sich in Hinsicht dessen, eigene Gesetze aufzuerlegen. Diese Gesetze sind die Einzigen, an die der Mensch sich halten muss. Innerhalb dieser selbstauferlegten Gesetze, kann er sich unter der Bedingung, dass er in diesem Rahmen pflichtgemäß handelt, frei bewegen. Diese Rechte sind jedoch unveräußerlich. Niemand hat das Recht, auch nicht ein Fürst, diese Rechte einzufordern oder zu beschränken. Lediglich das Individuum hat die Möglichkeit innerhalb seines Gesetzes Einschränkungen festzulegen. Diese müssen sich aber weiterhin in dem Rahmen bewegen, dass der Mensch frei und vernünftig bleibt, da er sich sonst wiederum zum Tier herabwürdigt und alle Rechte verwirkt. Fichte bedenkt dies leider nicht, da er sagt, dass es dem Menschen möglich wäre, seine Rechte freiwillig aufgeben. Er spricht hierbei zwar ausschließlich von den Rechten zu äußeren Handlungen und nicht inneren Gesinnungen, doch befähigen gerade die äußeren Handlungen zum freien Denken. Weiterhin sagt er aus, dass ein Gesellschaftsvertrag nur dann gültig ist, wenn der Mensch sich freiwillig daran bindet und sich aus diesem Grund ein Gesetz auferlegt. Lässt der Mensch sich nun ein Gesetz aufzwingen, gibt er damit seine Menschheit, seine Persönlichkeit und Freiheit auf. Die Fürsten würden dementsprechend nicht mehr über Menschen, sondern über tierische Individuen regieren bzw. diese verwalten.3

Weiterhin sieht Fichte die Denkfreiheit als innigen Bestandteil des Menschen an. Sie ist eine notwendige Bedingung, damit ein Mensch von sich behaupten kann, er wäre ein selbstständiges Wesen,4 denn wenn man an der Schwelle des Nachdenkens angelangt ist, wird der Mensch vom Wesen der Vernunft, welche ihm von Natur aus innewohnt, zum Handeln getrieben. Es ist die Bestimmung der menschlichen Vernunft keine absoluten Grenzen anzuerkennen. Erst durch die Ablehnung dieser wird die Vernunft zur Vernunft und der Mensch zu einem vernünftigen, selbstständigen, freien Wesen. Die Nachforschung ins Unbegrenzte ist laut Fichte ein unveräußerliches Menschenrecht.5 Auch sieht Fichte in der freien und ungehinderten Selbsttätigkeit, also dem Wirken aus eigener (körperlicher und geistiger) Kraft heraus, die einzig wahre Glückseligkeit für einen Menschen. Seine Vorstellung von Glückseligkeit, die eines einfachen Bürgers, und die der Fürsten stehen in einem starken Kontrast zueinander. Es ist nicht möglich einen Konsens dieser beiden Begriffskonzepte zu finden.

In diesem Sinne unterscheidet er drei Arten von Freiheit: Zum einen die transzendentale Freiheit, welche das „Vermögen [ist], erste unabhängige Ursache zu sein“6, also die Vernunft, die jedem Menschen von Beginn an inne ist. Zum anderen kategorisiert er die kosmologische Freiheit, welche den vollkommen freien Zustand eines Menschen beschreibt, also wenn er von nichts außer von sich selbst abhängig ist. Als Letztes benennt Fichte die politische Freiheit, welche beinhaltet, dass der Mensch ausschließlich nach den Gesetzen, die er sich selbst auferlegt hat, lebt und sich eben keine Gesetze von den Fürsten aufzwingen lässt und keine unveräußerlichen Rechte veräußert. Unter dieser Imagination entsteht eine Diskrepanz zur Wirklichkeit.

[...]


1 Fichte, Johann Gottlieb: Beiträge zur Berichtigung der Urtheile über die französische Revolution, in: Fichte, Immanuel Hermann (Hrsg.): Fichtes Werke, Bd. VI: Zur Politik und Moral, Berlin 1971, S. 39.

2 Fichte, Johann Gottlieb: Sämtliche Werke, Bd. 6, Leipzig o. D., S. 10.

3 Vgl. Fichte: Beiträge zur Berichtigung der Urtheile über die französische Revolution, S. 10-17.

4 Vgl. Fichte, Johann Gottlieb: Schriften zur Französischen Revolution, Leipzig 1988, S. 17.

5 Vgl. Ebd., S. 26.

6 Fichte: Beiträge zur Berichtigung der Urtheile über die französische Revolution, S. 101. 3

Details

Seiten
7
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668003040
Dateigröße
364 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v302140
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Politikwissenschaft
Note
Schlagworte
johann gottlieb fichte position revolution

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