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Lernüberprüfungsfragen. Figurationssoziologie, Netzwerktheorien, Interdependenzen & Sozialer Wandel

Hausarbeit 2012 6 Seiten

Soziologie - Allgemeines und Grundlagen

Leseprobe

Lernüberprüfungsfragen

1) a) Norbert Elias spricht von „Figuration“ und „Interdependenzen“ von Menschen; weiterentwickelt wurde der Ansatz in Richtung Netzwerktheorien (auch: „Figurationssoziologie“). Klären Sie die Begriffe „Figuration“, „Interdependenz“ und „Netzwerke“ und beziehen Sie sie aufeinander. b) „Übersetzen“ Sie die wesentlichen Aussagen der Individualisierungstheorie(n) in diese Begrifflichkeiten. Welche Veränderungen von Figurationen, Netzwerken, Interdependenzen werden behauptet?

a) Der Soziologe Norbert Elias kritisiert die allgemeingebräuchliche Auffassung, „die“ Gesellschaft stehe einem Individuum gegenüber. Im Alltag kommen Menschen, wenn sie über sich selbst nachdenken, meist zu dem Schluss, dass es sie selbst und „die Anderen“ gibt. Dies ist nach Elias jedoch eine mangelhafte Annahme, da es seiner Meinung nach keine derartige Subjekt-Objekt-Trennung gibt. Schon allein Ausdrucksweisen wie „das Kind und seine Familie“ setzen eine solche Trennung voraus. Was dabei jedoch nicht beachtet wird, ist die Tatsache, dass das Nicht-Vorhandensein eines Kindes den Begriff der Familie auflöst. Somit ist ein Kind ein Teil der Definition einer Familie und nicht ein ihm entgegenstehendes Objekt. Dies ist nach Elias ebenfalls auf die Beziehung von Individuum und Gesellschaft übertragbar. Diese Beziehung besteht nicht aus einem Menschen, dem Ich, und einer abstrakten Ausdrucksweise, „die Gesellschaft“, da sich Letztere aus vielen Individuen zusammensetzt, von denen eines das „Ich“, also man selbst, ist. Eine Trennung zwischen beiden Ausdrücken würde einer Gleichsetzung des Gesellschaftsbegriffs mit statischen Objekten, wie Häusern oder Steinen, bedeuten. Doch Gesellschaft ist wandelbar, da sie aus Menschen und ihren Beziehungen zueinander zusammengesetzt ist (vgl. Elias 1986, S. 9f). Aus diesem Grund entwirft Elias ein genaueres Gesellschaftsmodell; eine Figuration aus miteinander in wechselseitigem Bezug stehenden Individuen. Eine „Figuration“ bedeutet vorerst einmal die Kombination aus verschiedenen Figuren oder Modellen. Elias führt diesen Begriff bewusst ein, da er jene Spaltung zwischen Individuum und Gesellschaft aufheben soll. Durch die Existenz zweier verschiedener Auffassungen von Menschen, nämlich einmal die, dass alles nach dem Individuum ausgerichtet werden muss (Egozentrisches Modell) und die, dass die Gesellschaft den höchsten Wert darstellt, wird die allgemeine Ansicht verstärkt, es gäbe beides als zwei voneinander getrennt existierende Objekte. Elias gebraucht den Begriff „Figuration“ deshalb als sprachliches Werkzeug, welches jene Aufspaltung lockern soll. Figuration bedeutet bei ihm ein Verflechtungsmodell, aus dem klar hervorgeht, dass eine Gesellschaft nur durch Individuen entsteht und sie deshalb keine eigene, vollkommen autonome Existenz besitzt (vgl. Elias 1986, S. 139ff). Prof. Dr. Helfferich führt dazu in ihrem Skript auf: „Die Gesellschaft handelt nicht (…), wohl aber können die Menschen ein Interesse an der Aufrechterhaltung von bestimmten Strukturen haben.“ (Helfferich 2011a, S. 5). Dieses Zusammenwirken von Menschen umschreibt Elias als „Interdependenzen“, also als wechselseitige Abhängigkeiten. Menschen haben Bedürfnisse, die sie als Einzelwesen nicht immer erfüllen können, sondern die nur durch andere Menschen verwirklicht werden. Sie sind sozial an ihre Mitmenschen gebunden, da sie beispielsweise darauf angewiesen sind emotionale Beziehungen aufzubauen. Ohne jene Bindungen zu Anderen können Individuen nicht existieren, denn Beziehungen, welcher Art sie auch sein mögen (Hass oder Liebe gegenüber Mitmenschen) sind überlebensnotwendig oder würden bei ihrer Abwesenheit den Einzelnen zumindest ins Unglück stürzen. Jeder ist mit anderen immer in irgendeiner Form in Kontakt. Diese verschiedenen Arten der Beziehungen beschreibt Elias mit „Valenzen“, also Wertigkeiten. Der eine findet sein Glück in einer festen Partnerschaft, wohingegen der nächste frei auf der Suche bleiben möchte. Doch beide leben in Bezug auf andere. Der Mensch hat laut Elias ein tiefes Bestreben nach der Gesellschaft anderer, ihm gleichgesinnter Individuen (vgl. Elias 1986, S. 146ff). Handlungen eines Menschen haben somit immer Auswirkungen auf andere. Dies lässt sich ebenfalls auf Machtgefälle im Beruf oder einer Regierung übertragen, denn Machtgefälle entstehen nicht durch Einzelne, sondern durch Interaktion. Durch diese Interaktionen von Menschen, welche sowohl im Kleinen, z. B. dem Freundeskreis oder der Familie, als auch im größeren Rahmen, z. B. der Politik, stattfinden, entwickeln sich laut Elias ganze Netzwerke; Schon allein durch den sprachlichen Gebrauch, indem sogenannte Fürwörter existent sind („Ich“, „Du“, „Wir“, etc.) ist jeder Mensch in ein Netzwerk von Personen eingebunden. Der Mensch ist sozusagen zur Interaktion mit anderen gezwungen. Diese Vernetzung sowohl bezüglich der Kommunikation als auch der Affektregulation von Menschen ist nach Elias für den Einzelnen unabdingbar, denn „Das Bild einer solchen Figuration ist eine Bedingung für das Bild, das er von sich selbst als einzelnem hat, für das Bewußtsein (sic!) seiner persönlichen Identität.“ (Elias 1986, S. 139). Durch Interaktionen mit anderen, von denen jeder abhängig ist, da es niemanden gibt, der nicht mit anderen verflochten ist (vgl. Elias 1986, S. 139), entstehen somit Vernetzungen oder Netzwerke, da jeder in wechselseitiger Abhängigkeit zu anderen steht („Interdependenz“). Durch diese Netzwerke und auf Grund der Interdependenz von Menschen entsteht das komplex verflochtene Modell einer Gesellschaft, welche Elias als Figuration bezeichnet. Und da Beziehungen zwischen Menschen nie statisch sind, ist auch eine Gesellschaft nie feststehend, sondern immer im Wandel.

b) Beck erklärt laut Helfferich in seinem Buch „Risikogesellschaft“, dass sich die heutige moderne Gesellschaft dadurch auszeichnet, dass der Wert individueller Verwirklichung von Menschen wichtiger genommen wird als der der Eingliederung von Einzelnen in die Gemeinschaft. Zum einen gibt es mehr Gestaltungsmöglichkeiten des eigenen Lebens, da keiner mehr in traditionelle Rollenvorgaben oder Versorgungsaufgaben eingebunden ist, woraus eine „Selbstzentrierung“ des Einzelnen resultiert. Jeder macht das eigene Ich zum Zentrum seiner Lebensplanung und ist somit auch eigenverantwortlich, wenn er durch Fehlentscheidungen oder Mangel an Organisation scheitert. Zum anderen gibt es nach Beck in der modernen Gesellschaft gerade auf Grund dieser Freiheiten bezüglich Lebensplanung und Gestaltung eine stärkere Abhängigkeit des Einzelnen von Staat und Arbeitsmarkt, da jeder dazu gezwungen ist, sein Leben selbst zu gestalten und somit den Anforderungen der Gesellschaft gerecht werden muss (z. B. ist man in der Pflicht, eine Arbeit zu finden, da man nur so ein besonders gelungenes Leben gestalten und die eigene Zukunft organisieren kann). Dies ist somit eine Gegensätzlichkeit (Paradox): Einerseits wird in der heutigen Gesellschaft eine zunehmende Privatindividualisierung und Autonomie des Einzelnen abverlangt, andererseits wird das Individuum jedoch stark durch gesellschaftliche Rahmenbedingungen gebremst und entmündigt, da es auf bestimmte Bedingungen keinen Einfluss nehmen kann (z. B. Bildungszugänge). Becks zweite Dimension der Individualisierung, nämlich die der Selbstzentrierung, lässt sich somit als übertragbar auf Elias Begriff der Interdependenzen von Menschen bezeichnen. Menschen sind nach Beck einerseits auf sich allein gestellt, jedoch andererseits auch wieder von anderen abhängig, da sie in Konkurrenz zu den Mitmenschen stehen (z. B. auf dem Arbeitsmarkt). Durch die eigene Lebensplanung erfährt jeder Zurechnung oder Abstoßung von anderen, das bedeutet, die Privatindividualisierung des Einzelnen steht in wechselseitiger Abhängigkeit zu den Mitmenschen und muss dadurch flexibel sein. Becks erste Dimension der Individualisierung beschreibt soziale Netzwerke; Es gibt in der modernen Gesellschaft neue Beziehungsformen, neue Sozialkontakte (über Schichten hinweg) und freie Mobilität (bzgl. Wohnort). Dies bedeutet gleichzeitig, dass auch die gebildeten Netzwerke der Menschen in ständigem Wandel und trotzdem unabdingbar für das soziale Miteinander sind. Becks dritte Dimension beschreibt sie Einbindung des Individuums in höhere Institutionen, z. B. den Staat. Diese starke Einbindung des Individuums in den Staat und die Wirtschaft würde nach Elias ein Figurationsmodell darstellen, denn der Einzelne existiert nicht unabhängig von der Gesellschaft, sondern jeder lebt in starker Abhängigkeit zu ihr (vgl. Helfferich 2011b, S. 2f). Der Politikwissenschaftler Michael Vester beschreibt die Veränderung von Figurationen, Netzwerken und Interdependenzen in einem Aufsatz genauer; demnach hat sich eine Gesellschaft mit zunehmendem Wohlstand entwickelt. Durch Einkommenssteigerungen gibt es für den Einzelnen vielseitige Kosummöglichkeiten und Kinder aus Arbeiterfamilien haben eine hohe Mobilität in Ausbildungsberufen bekommen. Durch die Abwanderung in Städte ergeben sich neue Nachbarschaften und soziale Netzwerke und durch sozialstaatliche Absicherungen wurde die Unsicherheit des Proletariats aufgehoben. Es gibt für den Einzelnen einen größeren Umfang an Freizeit und stärkere Konkurrenz um Bildungszugänge und Statusanerkennung (vgl. Vester 2010, S. 30). Somit ist es den Menschen in der modernen Gesellschaft möglich, neue Bindungen einzugehen (z. B. Lebenspartnerschaft statt Ehe), freie Entscheidungen bezüglich des Wohnortes und der Sozialkontakte zu treffen und staatliche Sozialleistungen zur Absicherung des Lebensstandards zu erhalten.

2) Welche Aspekte von Sozialem Wandel sind a) soziologisch respektive b) für Soziale Arbeit von besonderem Interesse und worin bestehen die Unterschiede und Gemeinsamkeiten?

a) Sozialer Wandel bezeichnet in der Soziologie nachhaltige Änderungen in der sozialen Struktur einer Gesellschaft und stellt neben sozialer Differenzierung (Komplexität einer Gesellschaft), sozialer Ungleichheit und sozialer Ordnung einen grundlegenden Prozess dar, der allen gesellschaftlichen Vorgängen zugrunde liegt (vgl. Esser 2000, S. 307). Der Soziologe Esser sieht im besonderen Fokus der Soziologe bezüglich des Sozialen Wandels von Gesellschaften eine besondere Theorie, nämlich die Evolutionstheorie sozialen Wandels. Laut Esser gibt es für Wandel von Gesellschaften keine Gesetze, nach denen dieser abläuft, sondern immer wieder Verzweigungen von Entwicklungspfaden, wodurch diese immer neue Richtungen einschlagen können (multilineare Evolution). Für die Soziologie ist somit von besonderem Interesse, die Hintergründe für einen sozialen Wandel zu erforschen, da Gesellschaften zwar zeitweise stabile Gebilde der Reproduktion bilden, diese jedoch immer wieder in einen Prozess der Wandlung geraten (vgl. Esser 2000, S. 376f). Die Fragen, welche es soziologisch gesehen zu untersuchen gilt, sind: Aus welchen Gründen findet eine Wandlung der Gesellschaft statt? Von wem geht diese aus? Bedingt die Existenz einer Gemeinschaft auch die des sozialen Wandels? Nach Esser „gibt [es] in den modernen Gesellschaften (…) keine eindeutigen Bewegungen mehr in eine bestimmte Richtung, sondern nur noch eine Art von (…) Dauermobilisierung der Gesellschaft, die gerade dadurch „besteht“ und sich reproduziert, daß (sic!) alles in Bewegung ist, und für die der beständige soziale Wandel fast das Einzige ist, was Bestand hat.“ (Esser 2000, S. 381). Dieser vielschichtigen Wandlung versucht die Soziologie durch theoretische Ansätze auf den Grund zu gehen, wobei der Fokus auf dem Schwerpunkt liegt, wie ein Übergang von einfach strukturierten zu komplexen Gesellschaften von statten geht. Trotz allem ist für Soziologen ebenfalls wichtig das Sozialverhalten der Menschen und dessen Wandlung zu untersuchen, da eine Gesellschaft aus Individuen besteht und es somit erst interne Umbrüche geben muss, damit diese auch in großen Strukturen ablaufen können. Auch liegt es beispielsweise im Interesse von multilinearen Evolutionstheoretikern, die Anfänge und Ziele des sozialen Wandels zu ergründen, sofern es diese denn gibt, sowie auch dessen Ablauf (gradlinig oder verzweigt) (vgl. Esser 2000, S. 393). Und da Sozialer Wandel laut Esser keinen speziellen Gesetzen unterworfen ist, sondern nur bestimmten Richtungen, welche wie Gesetze wirken können, darf sich die Soziologie bei der Erforschung von gesellschaftlichen Umstrukturierungen nicht auf die Makroebene (Sozialstruktur und Kultur) beschränken bzw. beziehen. Sie muss sich mit der Mikro- (Individuen) und Mesoebene (z. B. Institutionen) befassen, da Sozialer Wandel meist als „Ergebnis des situationsbezogenen Handelns menschlicher Akteure zu interpretieren (…) ist.“ (Esser 2000, S. 309).

b) Soziale Arbeit steht durch den Wandel von Gesellschaften vor immer neuen Aufgaben; in unserer heutigen modernen Gesellschaft müssen Sozialarbeiter stärker als früher anbietend, unterstützend und aktivierend wirken, da es gilt Menschen für ein Leben in dieser komplexen Gesellschaftsstruktur fit zu machen, wenn sie daran zu scheitern drohen. Dies beschreibt die Bundeszentrale für politische Bildung in ihrer Beilage „Aus Politik und Zeitgeschichte“ zur Wochenzeitschrift „Das Parlament“. Da sich die heutige Gesellschaft durch starke Individualisierung auszeichnet, strebt es die Sozialarbeit an Autonomie und Verantwortlichkeit von Personen zu stärken, da diese vom interdependenten Druck der Strukturen abverlangt werden. Sie legt Wert darauf die Individualisierung zu fördern indem sie Menschen dazu zu befähigen versucht, sich und ihr Leben selbst zu steuern (vgl. Lutz 2008, S. 10). Die Herausforderungen und somit auch Interessen Sozialer Arbeit liegen in der Postmoderne auf zwei Ebenen: zum einen in der Arbeit mit neuen Gemeinschaften, da sich die traditionelle Familienstruktur und nachbarschaftliche Bezüge zunehmend auflösen bzw. verändern (z. B. Arbeit mit Patchwork-Familien) und zum anderen in der zuvor angesprochenen Stärkung von Individuen, da diese im Zwang sind sich unter institutionell und lebensgeschichtlichen Vorgaben der Gesellschaft die eigene Biographie selbst zu basteln. Da biographische Entwürfe heutzutage immer nur kurz Bestand haben und immer wieder neu definiert werden müssen, versucht die Sozialarbeit ebendieser Selbstplanung und Selbstverarbeitung von Biographien aktive Handlungsmodelle des Alltags anzubieten, in denen das Selbst eines Individuums das Zentrum darstellt (vgl. Seelmeyer 2008, S. 122). Seelmeyer führt weiter auf, dass diese Bestärkung und Hilfe in der Identitätsfindung der Menschen zentral ist bei postmoderner Sozialen Arbeit, da in der heutigen komplexen Gesellschaftsstruktur soziale Grundprobleme auf die Individualebene verschoben werden. Der Psychoanalytiker Erikson schreibt dabei der Phase der Adoleszenz, also dem Erwachsenwerden, eine besondere Bedeutung zu, denn vor allem Jugendliche haben als zentrale Entwicklungsaufgabe die Identitätsfindung. Da in der heutigen Gesellschaft immer die Gefahr einer Identitätsdiffusion besteht, also Verwirrung durch einen Überfluss an Identitätsangeboten (z. B. Vorbildern), ist für sie Sozialarbeit die Jugendhilfe von großem Interesse; Jugendlichen muss auf der Suche nach ihrem „Platz“ im Leben geholfen werden und Orientierungsangebote müssen Strukturen schaffen, die in der modernen Gesellschaft so komplex und vielseitig sind, dass sie oft eher einschüchternd als freiheitsbietend wirken (vgl. Seelmeyer 2008, S. 126).

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Details

Seiten
6
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668016743
Dateigröße
409 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v302052
Institution / Hochschule
Evangelische Fachschule für Sozialpädagogik Freiburg
Note
1,7
Schlagworte
Soziologie Figurationssoziologie Elias Netzwerktheorien Interdependenzen Sozialer Wandel Figuration Netzwerk Individualisierungstheorie Individualisierung Soziale Arbeit

Autor

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