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Vergessen wir des Genitivs?

Genitivschwund und Genitivrektion im Deutschen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 20 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Genitiv als Kasus
2.1 Funktionswandel

3. Historische Entwicklung

4. Genitivschwund: Ursachen und Entwicklung
4.1 Konkurrierende Konstruktionen im verbalen Bereich
4.2 Ersatz des Genitivs
4.3 Der Genitivschwund im Bereich der Adjektive
4.4 Adverbiale Verwendung
4.5 Prädikative Verwendung
4.6 Präpositionen
4.6.1 Präpositionale Verwendung
4.6.2 „Semantische Verdeutlichung“
4.7 Regionale Gründe

5. Genitivrektion: Ursachen und Entwicklung
5.1 Präpositionale Verwendung
5.2 Interne und externe Faktoren
5.2.1 Interne Faktoren
5.2.2 Externe Faktoren

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Lied vom sterbenden Genitiv singen heute – zu Recht – diejenigen, die an die Genitivergänzung denken. Hier sind in der Tat nur noch Reste einstiger Mannigfaltigkeit vorhanden […]. In der Gegenwartssprache kommt die Genitivergänzung allenfalls im Bereich des gehobenen Ausdrucks […] vor.[1]

Vergessen wir des Genitivs? Der Genitivschwund ist ein durchaus bekanntes, aber nicht ganz so rezentes Phänomen, wie man glauben möchte. Die Akkusativ-Rektion des Verbes vergessen etwa, hat sich durch den Sprachwandel soweit eingebürgert, dass heute wohl kaum einer sich noch des Genitivs bedienen würde. Lediglich Indizien, wie etwa der Name Vergissmeinnicht, lassen uns heute noch darauf schlieβen.

Populärstes Beispiel, und wohl auch Grund für die vermehrte Auseinandersetzung mit dem Thema, ist Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“, welches als Kolumne „Zwiebelfisch“ startete und mittlerweile in drei Bänden und in der zwölften Auflage erschienen ist.

Die Frage, die sich in erster Linie aufdrängt, ist, ob der Genitiv wirklich dem Tode geweiht ist. Gibt es genauso „falsche“ Genitiv-Rektionen? Welche Schlüsse kann man aus dem jeweiligen Gebrauch ziehen?

Ist es überhaupt richtig von Fehlern zu reden? Was sagen die Grammatiken zu diesem Thema?

Welches sind die Gründe, die dazu führen, dass Unsicherheiten, die den Genitiv betreffen, vermehrt auftreten?

Hierzu werden zum einen, wie bereits erwähnt, Ratgeber aber auch der Duden zu Rate gezogen.

Um diesen theoretischen Aspekt dem praktischen gegenüberzustellen, werden Korpusanalysen von Claudio Di Meola mit eigenen erhaltenen Resultaten verbunden. Hierzu werden Cosmas II und das DTA verwendet.

Anschlieβend soll geprüft werden, welche Schlussfolgerungen auf dieser Basis gezogen werden können.

2. Der Genitiv als Kasus

Grebe sieht den Sinn der Kasus in einer „besondere[n] Verhaltensart“, die „an den Wesen der Dinge ausgedrückt werden soll“.[2]

Helbig hingegen verneint die funktionalen Attribute der Kasus und bezieht sich hierbei auf Admoni:

In Wahrheit „dient“ der Kasus nur dazu, „die syntaktische Funktion des Substantivs und aller substantivischen und substantivierten Wörter in seiner morphologischen Struktur zum Ausdruck zu bringen“.[3]

“Die grammatische Kategorie Kasus ist so alt wie umstritten, und es gibt keine vollkommen befriedigende Definition.”[4] Genau hier stellt sich wahrscheinlich schon das erste Problem: wie soll man den Genitiv als Unterkategorie der Kasus definieren, wenn schon diese nur schwer charakterisierbar sind? Zwar kann man den Genitiv zu entsprechenden Flexionsendungen markieren; umgekehrt aber ist es durch das Phänomen des “Synkretismus” nicht immer möglich anhand dieser Endungen zweifelsfrei den Genitiv zu erkennen. Eine andere Erkennungsmöglichkeit bietet die Stellung des Attributs innerhalb des Satzes, aber auch hier wiederum, ist sie kein Garant für eine eindeutige Einordnung, da Verschiebungen wegen Hervorhebungen durchaus oft vorkommen. Wie häufig solche Situationen, oft unbewusst, entstehen, zeigt allein der letzte Satz: “wegen Hervorhebungen”. Hier gibt es keinen klaren Indikator für einen Kasus, es könnte sich genauso gut um eine den Dativ regierende Konjunktion handeln.

2.1 Funktionswandel

Während die Kasus häufig über ihre Funktion im Satz definiert werden, und die jeweilige Rolle bei Nominativ (Urheber der Handlung), Akkusativ (Objekt) und Dativ (“Zielgröβe”[5] ) klar definiert ist, hat sich beim Genitiv scheinbar ein Wandel vollzogen.

Die traditionelle Funktion des Genitivs ist die des Objekts – oder in der Terminologie der Valenzgrammatik: der Verbergänzung. Die Bedeutung des Genitivs im verbalen Bereich geht jedoch immer mehr zurück; das läβt sich daran illustrieren, daβ die Zahl der Verben, die den Genitiv regieren, sehr gering ist (etwa 40 nach Kolvenbach 1973)[6] und immer mehr zurückgeht.[7]

Auffallend ist, laut Lauterbach, dass viele der bleibenden Verben reflexiv sind, also insofern “immun” gegen den Akkusativ sind, als dass die in Frage kommende Stelle schon pronominal besetzt ist. Beispiele hierfür sind zwei- und dreiwertige Verben, wie sich bedienen oder sich erfreuen und beschuldigen oder versichern.

3. Historische Entwicklung

„Casus Nominum sunt[8] sex“ so Claius 1578 und bezog sich auf die sechs lateinischen Kasusformen. 1663 beschränkt Schottel seine Definition auf die Numerusfunktion und die formale Identifizierung der Kasus.

Die Kasus entstammen also dem Lateinischen und die deutsche Sprache war im Mittelalter nicht nur auf 4 Kasus beschränkt, sondern 6, von welchen der Ablativ und der Vokativ entfallen sind. Zudem scheint es, dass es am Anfang keine klare Trennung zwischen Numerus und Kasus gegeben hat.

Erst Adelung gibt konkrete 3 Sachverhalte an, welche die Kasus betreffen:

- Er trennt Morphologie und Kasus, und somit auch Form und Funktion. 1804 bringt es Joachim Heinrich Campe in seinem Verdeutschungswörterbuch auf den Punkt: „Die Endung ist ja nicht der Casus, sondern wird durch den jedesmahligen Casus bestimmt.“
- Sollten Fälle auftreten, welche nicht unter einem der 4 bekannten Kasus passen, so soll „jetzt konsequenterweise die Suche nach Art und Zahl beginnen. Hierbei entstünde dann etwas Ähnliches, wie Fillmores Kasusgrammatik. […] Adelung hat diese, potentiell das System der lateinischen Grammatik auflösende Konsequenz klar erkannt. Er war vielleicht gerade deshalb hier formal äuβerst rigoros, um einem möglichen Chaos keine Chance zu geben.
- Nachdem Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ als Ausdruck der Verbindung zwischen Nominalgruppen definiert sind, ist es nur logisch, ihre Funktion detailliert festhalten zu wollen. Beim Genitiv allerdings, gelingt es Adelung nur bedingt:

[Der Genitiv,] welcher zugleich der verwickeltste und schwerste Casus für die Syntax aller Sprachen ist, weil dieses Verhältniβ oft nur sehr dunkel empfunden werden konnte, oder vielmehr, weil die Spracherfinder alle Verhältnisse, wovon sie nun sehr dunkle Begriffe hatten, durch diesen Casum ausdruckten.[9]

Aufgrund dieser Schwierigkeiten verweist er deswegen die Kasus in die Kategorie der Syntax. Schlussfolgernd kommt er also zum Einen zu der Einsicht, dass es keine allgemeingültige Bedeutung der einzelnen Kasus gibt; zum Andern, dass die Explikation letztendlich nur eine Beschreibung der Fakten darstellt, also keine weiteren Schlüsse aus ihr gezogen werden kann.

1825 gibt Michaelis folgende Definition des Genitivs:

Der Genitiv bezeichnet eine genaue Verbindung des Einen mit dem Andern, eine Abhängigkeit des Einen vom Andern, als des Erzeugten (geniti) von seinem Erzeuger, des Bewirkten von der Ursache, des Theiles vom Ganzen, der Eigenschaft von ihrem Subjekt, des Zustandes von seinem Gegenstande, des Bedingten von der Bedingung, der Folge von ihrem Grunde, des Erfolgs von der Thätigkeit; kurz der Genitiv ist nothwendig, um die innere oder äuβere Verbindung oder Gemeinschaft zwei oder mehrerer Wesen auf die kürzeste Weise und unmittelbar zu bezeichnen, zum Beispiel das Erzeugniβ der Natur; die Wärme des Feuers…[10]

Diese Definition beschränkt sich nicht mehr nur auf die Beschreibung des Kasus, sondern liest sich viel mehr wie eine Gebrauchsanweisung. Sie steht stellvertretend für die Behandlung des Genitivs während der gesamten ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Naumann führt mehrere Autoren und Positionen zu unterschiedlichen Zeitpunkten an, deren Aufzählung den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. In diesem Zusammenhang wichtig ist nur seine Erkenntnis (S.227): „Je eingehender sich die Sprachwissenschaftler […] mit der Semantik dieses Kasus befaβt haben, desto unlösbarer wurde ihnen ihre Aufgabe.“

[...]


[1] Engel S.141.

[2] Grebe S. 175.

[3] Helbig S.52, Admoni, S.98.

[4] Lauterbach S.61.

[5] Glinz S.159-170.

[6] Kolvenbach S.123.

[7] Lauterbach S.61.

[8] Naumann S.212-217.

[9] Adelung S. 392.

[10] Michaelis S.129.

Details

Seiten
20
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783956876615
ISBN (Buch)
9783668005716
Dateigröße
580 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v301946
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
2,0
Schlagworte
Genitiv Nominativ Dativ Akkusativ Cosmas II DTA Duden Grammatik

Autor

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