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Darstellung des soziologischen Tatbestands in Freundschaften und Familie nach Émile Durkheim

Essay 2015 9 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem „soziologischen Tatbestand“ nach Émile Durkheim, insbesondere auf dessen Auslegung im Hinblick auf Freundschaften und Familie. Durkheim (1858-1916) war ein französischer Soziologe zur Zeit des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Zusammen mit Karl Marx und Max Weber, wird er als einer der wichtigsten Begründer der modernen Soziologie angesehen. Die damalige Zeit war von den Spannungen zwischen dem Deutschen Reich und Frankreich geprägt; der verlorene deutsch-französische Krieg (1870/71) führte in Frankreichs Dritter Republik - neben dem gesellschaftlichen Wandel von einer Agrar- zu einer Industriegesellschaft - zu teilweise schweren politischen Auseinandersetzungen innerhalb der Bevölkerung. In diesem Essay geht es in einem ersten Schritt um die Definition des soziologischen Tatbestandes. Diesen determiniert Durkheim in „Die Regeln der soziologischen Methode“, im Jahr 1895 unter dem Namen „Les régles de la méthode sociologique“ veröffentlicht.

Im Anschluss soll unter Zuhilfenahme des im Jahr 2012 erschienen Films 3 Zimmer/Küche/Bad von Dietrich Brüggemann, die Frage beantwortet werden: „Wie stellt sich der soziologische Tatbestand nach Émile Durkheim in Freundschaften und der Familie dar?“ Ein abschließendes Fazit beendet das Essay.

Émile Durkheim diente der soziologische Tatbestand oder „fait social“, (soziale Tatsache) dazu, eine eigenständige Theorie der Soziologie zu entwickeln. Er stellte fest, dass das Verhalten jedes menschlichen Individuums zwar von sozialer Natur ist, allerdings noch keinen fait social darstellt.

„Jedes Individuum trinkt, schläft, ißt, denkt, und die Gesellschaft hat alles Interesse daran, daß diese Funktionen regelmäßig vor sich gehen. Wären sie aber soziologische Tatbestände, so gäbe es keinen besonderen Gegenstand der Soziologie, ihr Gebiet würde mit dem der Biologie und der Psychologie zusammenfallen“ (Durkheim 1980, S. 105).

Die soziologischen Tatbestände existieren, nach seiner Beschreibung, außerhalb einer Person, also außerhalb des individuellen Bewusstseins. Zudem sind die faits social „…mit einer gebieterischen Macht ausgestattet, kraft deren sie sich einem jeden aufdrängen, er mag wollen oder nicht“ (Durkheim 1980, S. 106).

Soziologische Tatbestände sind nicht durch das Individuum zu beeinflussen, es kommt vielmehr auf die soziale Form, also auf die Gesamtheit eines Handlungsmusters an. Durkheim spezifiziert dieses Wesen wie folgt:

„Sie nehmen körperhafte Gestalt, wahrnehmbare, ihnen eigene Formen an und bilden eine Realität sui generis[1] die sich von den individuellen Handlungen, in denen sie sich offenbart, vollständig unterscheidet. […] Keine dieser Normen geht vollständig in den Anwendungen auf, die die Einzelnen von ihr machen, da sie ja vorhanden sein können, ohne wirklich angewendet zu werden“ (Durkheim 1980, S. 109f.).

Die sozialen Tatsachen sind demnach nicht allgemein weil sie kollektiv, sondern kollektiv weil sie allgemein sind. Sie stellen auch gegen eine große Zahl von Individuen eine Allgemeinheit her:

„Es ist ein Zustand der Gruppe, der sich bei den Einzelnen wiederholt, weil er sich ihnen aufdrängt. Er ist in jedem Teil, weil er im Ganzen ist, und er ist nicht im Ganzen, weil er in den Teilen ist“ (Durkheim 1980, S. 111).

In einer Zusammenfassung definiert Émile Durkheim den soziologischen Tatbestand als:

„…jede mehr oder minder festgelegte Art des Handelns, die die Fähigkeit besitzt, auf den Einzelnen einen äußeren Zwang auszuüben; oder auch, die im Bereiche einer gegebenen Gesellschaft allgemein auftritt, wobei sie ein von ihren individuellen Äußerungen unabhängiges Eigenleben besitzt“ (Durkheim 1980, S. 114).

Ein wichtiger Aspekt der durkheim’schen Theorie, ist das Begreifen des fait social als ein „Ding“. Diese Dinghaftigkeit der soziologischen Tatbestände ist für ihn die Grundvoraussetzung der soziologischen Betrachtungsweise (vgl. Durkheim 1980, S. 115). In seinem Vorwort zur zweiten Auflage präzisiert er:

„Ein Ding ist jeder Gegenstand der Erkenntnis, der der Vernunft nicht von Natur aus zugänglich ist, von dem wir uns auf Grund einfacher gedanklicher Analyse keine angemessene Vorstellung bilden können; ein Ding ist all das, was unserem Verstande nur zu erfassen gelingt, wenn er aus sich selbst hinausgeht und auf dem Wege der Beobachtung und des Experimentes von den äußerlichsten und unmittelbar zugänglichsten Eigenschaften zu weniger leicht sichtbaren und tieferliegenden fortschreitet“ (Herv. i. Org.) (Durkheim 1980, S. 89f.).

Seiner Meinung nach sind soziologische Phänomene nicht die Wirkung von Ideen, aus denen sie abzuleiten sind, vielmehr führen sie ein „Eigenleben“ (vgl. Durkheim 1980, S. 119). Er besteht darauf gesellschaftliche Normen wie Naturgesetzte zu erforschen, also zu belegen (vgl. Durkheim 1980, S. 124). Eine Untersuchung der sozialen Tatbestände ist demnach nur durch Definition und Klassifikation (vgl. Durkheim 1980, S. 131) und durch die Loslösung der sozialen Tatsachen von den individuellen Handlungen möglich (vgl. Durkheim 1980, S. 139). Zudem unterscheidet Durkheim zwischen „normalen“ und „pathologischen“ faits social: „Die einen treten im ganzen Bereiche der Gattung allgemein auf; „… nicht gerade bei sämtlichen Individuen, aber doch bei der Mehrzahl von ihnen…“ (Durkheim 1980, S. 147). Damit definiert Durkheim die normalen Tatbestände, die pathologischen Tatbestände zeichnen sich für ihn dadurch aus, dass sie „…nur ausnahmsweise vorkommen. Sie finden sich auch nicht nur bei der Minorität, sondern selbst da, wo sie vorkommen, geschieht es zumeist, daß sie nicht das ganze Leben des Individuums andauern“ (Durkheim 1980, S.147).

Anhand von Szenen des Filmes 3 Zimmer/Küche/Bad soll nun Durkheims Theorie eingehender betrachtet werden. Im Mittelpunkt des Filmes stehen die Freundschaften von acht jungen Menschen die sich gegenseitig bei diversen Umzügen, vorwiegend innerhalb Berlins helfen. Drei dieser Freunde sind Geschwister, deren Eltern im Verlauf des Filmes ihre Trennung verkünden. Die freundschaftliche Beziehung zwischen den Protagonisten[2] Dina und Phillip spielt in dem Film eine gesonderte Rolle: Beide verbindet eine platonischen Liebe; während Dina dieses Verhältnis für sich zu nutzten weiß, und Phillip stets als ihren besten Freund vorstellt und erwähnt, leidet Philip. Er wünscht sich heimlich eine „echte“, libidinöse Beziehung - doch dies scheitert immer wieder aus verschiedensten Gründen.

Zum besseren Verständnis ist es an dieser Stelle nötig die Auffassungen Durkheims zur Freundschaft und Familie zu skizzieren die in seiner Abhandlung „Über die Teilung der sozialen Arbeit“ beschrieben werden. Freundschaft ist demnach eine besondere Form der Solidarität:

„[Es] bilden sich kleine Freundeskreise, in denen jeder seine Rolle gemäß seinem Charakter einnimmt und ein unverfälschter Austausch an Diensten stattfindet. Einer schützt, der andere tröstet; dieser berät, der andere führt aus. Dieser Aufteilung der Funktionen oder, um den Fachausdruck zu gebrauchen, diese Arbeitsteilung bestimmt die Freundschaftsbeziehungen“ (Durkheim 1977, S.96).

Für Émile Durkheim ist Solidarität die Voraussetzung, dass aus einer Gesellschaft eine soziale Einheit entsteht. Er unterscheidet zwischen „mechanischer Solidarität“, beruhend auf Ähnlichkeit und Gleichheit und der in industrialisierten Gesellschaften auftretenden „organischen Solidarität“, welche sich aus sozialer Verschiedenheit und Spezialisierung ergibt (vgl. Hillmann 2007, S.805f.). Familie ist seiner Ansicht nach eine Form der organischen Solidarität, er beschreibt sie als „…immer mehr in das System der sozialen Organe eingeschmolzen. Sie wird selbst eines dieser Organe, mit Sonderfunktionen bedacht, und folglich ist alles, was in ihr geschieht, eine Quelle allgemeiner Rückwirkungen“ (Durkheim 1977, S. 250)

Die erste Filmszene die vor diesem Hintergrund beschrieben werden soll spielt in einem Baumarkt. Dina und Phillip kaufen Malerbedarf für die Renovierung des Zimmers von Philips Freundin. Das Gespräch der beiden ist zunächst ungezwungen. Dina fragt Phillip beiläufig, was dieser zu einer Trennung von ihrem Freund Julian halten würde. Die Antwort von Phillip ist betont „locker“ und flapsig. Daraufhin erklärt sie Phillip, dass sie sich bereits getrennt habe. An seiner Reaktion ist deutlich abzulesen wie „zerrissen“ er durch diese Information ist (vgl. 3 Zimmer/Küche/Bad. 2012. TC: 00:29:48-00:30:41).

Diese Situation ist kennzeichnend für die Beziehung der beiden Akteure. Der eigentliche Wunsch Phillips - eine Beziehung zu Dina - wird in deren Konversation nicht erwähnt. Es kann vermutet werden, dass Phillip sich vor einer Abweisung durch Dina fürchtet und davon ausgeht, dass ein solches Liebesgeständnis den Verlust der Freundschaft mit sich bringt. Für Phillip stellt diese Situation einen soziologischen Tatbestand dar; die Angst vor den Konsequenzen wenn er Dina seine Gefühle mitteilt, übt einen äußeren Zwang auf ihn aus, der zu Sanktionen führen könnte. Durkheim führt dazu eine klare Definition an: „Ein soziales Phänomen ist an der äußerlich verbindlichen Macht zu erkennen, die es über den Einzelnen ausübt oder auszuüben im Stande ist; und das vorhanden Sein dieser Macht zeigt sich … durch das Dasein einer bestimmten Sanktion“ (Durkheim 1980, S. 111f.).

Eine weitere Möglichkeit einen soziologischen Tatbestand als solchen zu erkennen, ist wenn sich der äußerliche Zwang in „…einer unmittelbaren Reaktion der Gesellschaft nach außen überträgt…“ (Durkheim 1980, S. 112). Eine solche Form des soziologischen Tatbestands soll nun an einer weiteren Filmszene belegt werden.

In dieser Sequenz sitzt Phillips Familie beim Weihnachtsessen zusammen. Der Vater erhebt sich zu einer Familienansprache. Nach einer „sentimentalen“ Einführung teilt er den Kindern mit, dass er und seine Frau sich bereits vor 19 Jahren „sexuell getrennt “ hätten, und das sie nun, da alle Kinder das Haus verlassen haben, sich auch räumlich trennen werden. Er rechtfertigt diese späte Enthüllung damit, dass die Eltern ihre Kinder nicht als „Scheidungskinder“ aufwachsen lassen wollten. Daraufhin springt Phillips Schwester Swantje entrüstet auf und verlässt das Haus. Philip und seine zweite Schwester Wiebke laufen ihr wortlos hinterher (vgl. 3 Zimmer/Küche/Bad. 2012. TC: 00:36:07-00:38:40).

[...]


[1] sui generis - lat.: seiner eigenen Art

[2] Aufgrund der besseren Lesbarkeit wird auf eine geschlechterspezifische Formulierung verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichwohl für jedes Geschlecht.

Details

Seiten
9
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783956875922
ISBN (Buch)
9783668005976
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v301909
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Institut für Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
Durkheim sozialer Tatbestand fait social soziologischer Tatbestand

Autor

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