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Mensch und Metropole - Die Rolle der Großstadt im Roman der Neuen Sachlichkeit

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 21 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Provinz versus Metropole - Anti-Moderne und Anti-Urbanismus

3. Mensch und Metropole im Programm der Neuen Sachlichkeit
3.1 Urbane Ästhetik
3.2 Roman-Typen und die Metropole
3.2.1 Das „Girl“ und die „Neue Frau“ am Beispiel Irmgard Keuns
3.2.2 Urbane Kinderliteratur am Beispiel Erich Kästners
3.2.3 Der Angestellte im Roman am Beispiel Hans Falladas
3.2.4 Hauptrolle: Großstadt am Beispiel Alfred Döblins

4. Ergebnis

Literaturnachweis

1. Einleitung

„Die Weltstadt selbst liegt als Extrem von Anorganischem inmitten der Kulturlandschaft da, deren Menschentum sie von seinen Wurzeln löst, an sich zieht und verbraucht.“1

In seiner „deutschen Philosophie“2, der Utopie vom „Untergang des Abendlandes“ spiegelt sich bei Oswald Spengler eine als allgegenwärtig empfundene Unsicherheit und Sinnleere wider, die er in der mechanischen, „seelenlosen“ Zivilisation der Gegenwart begründet sieht3. Zentrum dieser "Seelenlosigkeit" ist die Weltstadt, die der „organisch gewachsenen Provinz“ das Leben aussaugt. „Der Untergang des Abendlandes“, erstmals erschienen 1918, spiegelt in vielen Bereichen eine Unsicherheit wider, die für die Menschen der Weimarer Republik allgegenwärtig war.

Das schon um die Jahrhundertwende mit der zunehmenden Entmythisierung der Welt durch die Naturwissenschaften von Vertretern der jungen Avantgarde als Aufbruch in die Moderne empfundene veränderte Menschen- und Weltbild4 ruft unter Zeitgenossen große Verunsicherung und Skepsis hervor. Die u.a. von Bloch proklamierte „Krise des Ich“5 scheint sich weiter fortzusetzen, insbesondere auf die Großstadt mit ihren vielfältigen Umweltreizen und -forderungen kann das „Individuum“ scheinbar nur noch reagieren, auch in der - nicht mehr nur industriellen - Arbeitswelt stellt der Einzelne nichts als eine Funktion dar. Dem klassischen Ideal der selbstbestimmten Persönlichkeit scheint kein Raum mehr gelassen in einer Massenkultur.6

Die Großstadt, in Deutschland synonym für Berlin, ist Zentrum der Avantgarde. Die frühexpressionistischen Künstler der „Brücke“ etwa stellen die Metropole gern als Moloch und Dämon dar7, gleichzeitig ziehen sie 1910 von Dresden nach Berlin um. Moderne und Metropole bedingen sich. Expressionistische düstere Visionen von der Großstadt, konkret Mensch und Metropole umgesetzt in Bildern von „stürzenden Häuserfronten und torkelnden Straßen“8, unterscheiden sich zwar deutlich in ihren Umsetzungen von denen der Neuen Sachlichkeit, die Beschäftigung der neusachlichen Künstler mit dem Phänomen Metropole ist jedoch nicht weniger intensiv.

„Auch wenn sich die Modernebewegungen [...] des

Frühexpressionismus und Dadaismus in der Kontinuierungsphase einer modernen Industriegesellschaft formieren, die Neue Sachlichkeit jedoch an eine fortgeschrittene, kapitalisierte Zivilisationsgesellschaft gebunden ist, läßt sich die Kontinuität der in Auseinandersetzung mit einer veränderten Realität, vorzugsweise mit dem urbanisierten Lebensraum, entworfenen literarischen Strategien kaum übersehen.“9

Das Sujet Großstadt ist allgegenwärtig. Berlin - im Deutschland der Weimarer Republik das Synonym für Großstadt - ist ein Ort, an dem literarisches Leben stattfindet, und Berlin ist selbst Gegenstand der Literatur:

„Im Verlaufe der zwanziger Jahre vergrößert sich die Zahl künstlerischer Werke, in denen die Stadt Berlin Handlungsort ist, Schauplatz von persönlichen oder historischen Ereignissen, ja, in denen die Stadt selbst aktiv die Ereignisse des Geschehens mitbestimmt.“10

Man sprach von der Metropole und meinte Berlin - mit über vier Millionen Einwohnern war Berlin eine der größten Städte der Welt. Und wie sich progressive Moderne und Metropole bedingen, wenden sich national-völkische und rechts-konservative Schriftsteller und Intellektuelle von Berlin ab. Gerade auch demokratiefeindlichen Kräften war die Stadt suspekt. Hier wurde am 9.November 1918 gleich zweimal die Republik ausgerufen, schließlich wurde Berlin zur Hauptstadt der ersten Demokratie auf deutschem Boden. Die Befürchtungen der Provinz konnten die Entwicklung Berlins vorerst jedoch nicht aufhalten. Immer mehr Leute kamen in die Stadt. Im Gegensatz zu natürlich wachsenden Städten wie Köln oder München wuchs Berlin vor allem durch Zugezogene aus ganz Deutschland sowie durch Einwanderer, deren erster Anlaufpunkt die Stadt häufig war.

Mensch und Metropole

Die Reflexion dieses „urbanisierten Lebensraumes“, der Gegenüberstellung von Provinz und Metropole, der allgemeinen und individuellen Problemdarstellungen des Großstadtlebens in unterschiedlichen Romanen, die in eine Zeit fallen, in der eindeutig die ästhetischen Grundsätze der Neuen Sachlichkeit dominieren11, möchte ich in dieser Arbeit untersuchen. Die ausgewählten Beispiele scheinen mir deshalb für eine solche Untersuchung geeignet, da es sich bei allen um eine Art „Aufbruchsroman“ mit dem Weg aus der Provinz in die Großstadt handelt und durch den - teils scheinbar naiven - Blick der Hauptfigur diese beiden Lebensräume - in noch zu untersuchender Weise - voneinander abgrenzt. Welche Bedeutung hat das Phänomen Metropole/Berlin für die Literatur der ausgehenden Weimarer Republik?

2. Provinz versus Metropole - Anti-Moderne und Anti-Urbanismus

Nach dem verlorenen Weltkrieg wirken seine fatalen wirtschaftlichen und politischen Folgen fort. Nach einer gewissen Phase der Stabilisierung brechen sich ab 1929 erneut chaotische Elemente Bahn, Freikorps-Truppen und politisch motivierte Kundgebungen beherrschen zunehmend das Straßenbild, Wirtschaftskrise und Inflation verunsichern immer mehr. Dieses instabile Lebensgefühl läßt Kästner seine Hauptfigur „Fabian“ 1931 so ausdrücken: „Wir leben provisorisch, die Krise nimmt kein Ende.“12 13

Und das politische Leben, das vermeintlich zur Instabilität beiträgt, spielt sich nicht in der Provinz, sondern in der Großstadt ab. Überhaupt ist die Großstadt, deren „Formen der Intellekt entwirft“, für viele das manifestierte „künstliche, wurzellose Leben“14 und das Stadtvolk ist „anorganische Masse, etwas Flukturierendes“15, wie Spengler es in seiner Untergangsutopie ausdrückt. Spengler liefert ein einfaches Ordnungsgerüst: er stellt der „unmenschlichen Großstadt“ die „organisch gewachsene“ Provinz gegenüber mit Gegensätzen wie Kultur versus Zivilisation, Seele versus Intellekt oder Religion versus Materialismus16, wie um der chaotisch verwirrten Zeit (mit der Großstadt als ihrem fatalen Höhepunkt) eine einfache Ordnung anzubieten. Diese Gegensätze werden von der konservativen und völkisch-nationalen Kulturkritik aufgegriffen und verstärkt. Die Schlagworte „Boden“ und „Großstadt“, die die zeitgenössische Kulturkritik der Weimarer Republik bestimmt, erscheinen bereits um die Jahrhundertwende als Antipoden, zwischen denen der einzelne persönlich oder politisch wählen muss.17

Auch Nietzsche beeinflusste mit seiner Stadt- und Berlinkritik die Kulturpessimisten:

„Speie auf die große Stadt der Aufdringlinge, der Unverschämten, der Schreib- und Schreihälse, der überheizten Ehrgeizigen: wo alles Abrüchige, Anrüchige, Lüsterne, Düstere, Übermürbe, Geschwüre, Verschwörerische zusammenschwärt [...].“18

Das Bild von städtischer Fluktuation und Betrieblichkeit, das bei Spengler ein Unbehagen in der Konfrontation mit den städtischen Massen spüren lässt, wächst sich zu einer offenen Abneigung gegen den Prozess der Verstädterung (der Literatur) aus. Und die neusachliche gilt als eine für diesen Prozess repräsentative19, wenn nicht verantwortliche Kulturbewegung. Sie wird für konservative bis hin zu völkisch-nationalen Kritikern zum Inbegriff einer großstädtischen Ästhetik20, in einer entsprechenden Zeitschrift wird sie gar als „geistige Impotenz Berliner Intellektueller“21 diskreditiert. Im gleichen Blatt, dem völkisch-nationalen „Deutschen Volkstum“ wird Berlin einer aktiven Provinzialisierung beschuldigt, insofern als dass die Stadt andere (nicht-städtische) Regionen ihren kulturellen Vorgaben untertänig machen wolle:

„A new cultural era is beginning in which Germany becomes a slave to Berlin.“22 „Der Geist des deutschen Volkes erhebt sich gegen den Geist von Berlin. Die Forderung des Tages lautet: Aufstand der Landschaft gegen Berlin.“23

Die Großstadt als verschlingender Moloch ist schon von alters her der bevorzugte Angriffspunkt apokalyptischer Untergangsphantasien24 und setzt sich über Spengler hinaus so fort. So ist Anti-Urbanismus ein bedeutender Teil der gesamten anti-modernen Bewegung.

Die Krise des Ich setzt sich fort im Gefühl des Zerrissenwerdens: herausgerissen aus der „Fraglosigkeit traditioneller Übereinkünfte“ und gestellt in die „modernen Verflechtungen der Märkte, Nachrichten und Waren, welche wiederum ohne Ort, ohne Zentrum, ohne festen Halt sind.“25 Diesen festen Halt, die Überwindung der „Bodenlosigkeit“ versucht man durch die literarische Idealisierung und Überhöhung des ländlichen Lebens zu kompensieren. Idealisiert wird dementsprechend vergangenes „Leben in Fülle und Selbstverständlichkeit, dessen Gestalt von innen heraus gewachsen und geworden ist“26. „Heimat“, „Blut“ und „Boden“ sind die Motive der völkischen Kultur-Opposition, die der kriegerischen Anti- Moderne sind „Nation“ und „Deutschland“.27 Mit seiner Parole „Los von Berlin“ forderte Friedrich Lienhard schon 1902 die Abkehr von Materialismus, Skeptizismus, Traditionslosigkeit und Vermassung28, den Merkmalen, die einerseits der Großstadt zugeschreiben werden, die aber andererseits auch die anti-moderne Kritik der „seelenlosen“ Neuen Sachlichkeit zuschreibt. Auch das Schimpfwort von der Berliner „Asphaltliteratur“ - gegen linke Schriftsteller gerichtet - hatte in dieser Kulturkritik, diesem Anti-Urbanismus ihren Ursprung.

Grundsätzlich hatten aber auch linksbürgerliche und revolutionäre Schriftsteller oftmals ein sehr kritisches Verhältnis nicht nur zur Großstadt überhaupt, sondern auch konkret zur Stadt Berlin. Als Beipiel kann hier Brechts „Im Dickicht der Städte“ dienen, in dem die Großstadt als Dschungel dargestellt wird.

„Eine progressive großstädtische Literatur ist häufig eine großstadtkritische Literatur [...]. Das Moment kritischer Reflexion gehört untrennbar zur großstädtischen Kunst und prägt, je mehr die Urbanisierung alle Bereiche des Lebens umfasst, auch die künstlerischen Produktionen.“29

3. Mensch und Metropole im Programm der Neuen Sachlichkeit

3.1 Urbane Ästhetik

Auch wenn sich die Neue Sachlichkeit dem Namen nach nicht in die „Ismen-Kette“ von Naturalismus und Expressionismus einreihen läßt, so ist sie doch noch als Phase dieser Modernebewegung zuzuordnen.

„[...] sie darf innerhalb der deutschsprachigen Literatur als die letzte Phase dieser literarischen Moderne gelten, die sich in Auseinandersetzung mit den Prozessen der Industrialisierung und Urbanisierung konstituierte.“30

Zeigen läßt sich diese Kontinuität der Moderne nicht nur am Sujet Großstadt als solchem, sondern auch an einer terminologischen Verbindung31 zwischen den Kunstbewegungen. Schon im Frühexpressionismus bemühte man sich um die „Ausbildung einer der industriellen Lebenswelt adäquaten urbanen Literatur.“32 Schlüsselbegriffe sind neben Sachlichkeit auch Wahrheit, Objektivität, Beobachtung der äußeren Wirklichkeit, Realitätsbezug, Anti-Subjektivismus und Anti-Psychologismus. Die urbanisierte Lebenswelt fordert eine urbane Ästhetik. Dies nimmt die „Neue Sachlichkeit“ schon als gegebene Voraussetzung an, es ist die Grundlage des neusachlichen Diskurses.33

Es geht der neusachlichen Ästhetik um eine zeitgemäße Anpassung der Formen. Die Montageform etwa weist nicht nur auf eine Verbindung zum Dadaismus, sie soll jetzt den Texten Authentizität und Objektivität verleihen.34 Neu ist auch die Forderung nach dem Gebrauchswert von Literatur, der mit dem „erzieherischen Impetus“35 Hand in Hand geht.

[...]


1 Spengler: Der Untergang des Abendlandes, ab Kap. VI

2 Spengler: Der Untergang des Abendlandes, S.IX

3 Spengler: Der Untergang des Abendlandes, ab Kap. VI

4 Leiß/Stadler: Deutsche Literaturgeschichte, S.5

5 Ebd., S.28

6 Ebd., S.29

7 Ebd., S.39

8 Leiß/Stadler: Deutsche Literaturgeschichte, S.39

9 Becker: Neue Sachlichkeit, S.360

10 Kähler: Berlin - Licht und Asphalt, S.72

11 Becker: Neue Sachlichkeit, S.359f.

12 Midgley: Writing Weimar, S.261

13 Kästner: Fabian, S.47

14 Spengler: Der Untergang des Abendlandes, ab Kap. VI

15 Ebd.

16 Spengler: Der Untergang des Abendlandes, ab Kap. VI

17 Haß: Vom „Aufstand der Landschaft gegen Berlin“, S.340

18 Nietzsche nach Bergius: Berlin als Hure Babylon, S.102

19 Becker: Neue Sachlichkeit, S.339

20 Ebd.

21 Stapel nach Becker: Neue Sachlichkeit, S.339

22 Stapel nach Midgley: Writing Weimar, S.264 (leider gelang es mich nicht, das deutsche Originalzitat ausfindig zu machen, daher beließ ich es anstelle einer möglicherweise unkorrekten Re-Übertragung bei der englischen Übersetzung)

23 Stapel nach Kähler: Berlin - Asphalt und Licht, S.91

24 Herzinger: Die Hure Babylon, http://www.theomag.de/14/rh1.htm

25 Haß: Vom „Aufstand der Landschaft gegen Berlin“, S.342

26 Spengler: Der Untergang des Abendlandes, S.

27 Haß: Vom „Aufstand der Landschaft gegen Berlin“, S.342

28 Leiß/Stadler: Deutsche Literaturgeschichte, S.39

29 Kähler: Berlin - Licht und Asphalt, S.74

30 Becker: Neue Sachlichkeit, S.360

31 Ebd.

32 Ebd.

33 Ebd., S.361

34 Ebd., S.363

35 Ebd., S.362

Details

Seiten
21
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638315050
ISBN (Buch)
9783640676170
Dateigröße
635 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v30186
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Neuere deutsche Literaturwissenschaft
Note
1,5
Schlagworte
Mensch Metropole Rolle Großstadt Roman Neuen Sachlichkeit Literatur Weimarer Republik

Autor

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