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Brautwerbung und Frauenraub. Die Schilderung von Gewalt in der "Kudrun"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 35 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnung

1. Einleitung

2. Gewalt im Mittelalter

3. Das WerkKudrun

4. Hagen-Teil
4.1 Hagens Jugend und Herrschaft

5. Hilde-Teil
5.1 Brautwerbung und Krieg

6. Kudrun-Teil
6.1 Werbung um Kudrun
6.2KudrunsEntfuhrung
6.2.1 Die erste Eskalation der Gewalt
6.3 Kudruns Gefangenschaft
6.4 Der letzte Kampf
6.5 Die Vergeltung

7. Kudrun und Gerlint

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Forschung betrachtete die Kudrun noch bis in die siebziger Jahre lediglich in Bezug auf das Nibelungenlied. Hierzu trug wohl vor allem ihre Anordnung im Ambraser Heldenbuch neben dem Nibelungenlied und der Klage sowie ihre stilistischen Mittel, wie die Gliederung in Aventiuren und die vom Autor gewählte Strophenform, bei. Zudem sind inhaltliche Parallelen zum Nibelungenlied auszumachen. Hermann Schneider nannte die Kudrun zudem eine der „rätselreichsten aller Heldenepen“1. Selbst heute noch ist die Auffassung, das Epos sei ein „Gegenentwurf zum Nibelungenlied“2, reiche jedoch inhaltlich und stilistisch nicht an ihren Vorgänger heran, in der Forschung weit verbreitet.3

Viele Arbeiten beschäftigen sich zudem mit den genealogischen Aspekten und der Frage nach den verschiedenen Generationen im Werk sowie den damit einhergehenden Motiven von Rache und Versöhnung. In den Forschungsergebnissen nimmt hierbei die junge Generation den versöhnenden Part ein, während das Handeln der älteren Generation von Rachegedanken bestimmt ist. Adolf Beck kam zu dem Schluss, dass die Rache am Ende durch christliches Handeln ersetzt werde und sich der „Rachegeist“ letztendlich „durch die Gestalten [...] und durch den Geist der Versöhnung überwinden lässt“4.5

Diese Arbeit setzt sich in Bezug zu den bisherigen Forschungsergebnissen mit der Rache und der damit in der Regel einhergehenden Gewalt in der Kudrun auseinander. Hierbei spielen vor allem die zahlreichen Gefechte eine entscheidende Rolle, deren maßgeblicher Bestandteil die Massenschlacht darstellt.6 Dabei geht die Arbeit näher auf die Schilderung der Auseinandersetzungen durch den Erzähler ein, welchen Ausgangspunkt sie haben und wie die Lösung zum Beilegen des Konflikts aussieht. Weiterhin soll es zur näheren Betrachtung der Charaktereigenschaften der einzelnen Figuren kommen, der Darstellung ihrer Gewaltbereitschaft und welche Auslöser letztendlich zur Gewaltanwendung führen. Zuvor gibt diese Arbeit noch ein kurzen Überblick über das Werk und versucht zunächst, den Begriff Gewalt näher zu erläutern, während in Kapitel 2 eine verdichtete Zusammenfassung über die Gewalt im Mittelalter erfolgt. Letztendlich soll diese Arbeit feststellen, welches Ausmaß die Gewalt in der Kudrun einnimmt und ob Kudrun tatsächlich, wie in der bisherigen Forschung resümiert, als , Friedens- und Ehestifterin‘ den Auslöser für die Gewalt beilegen kann.

2. Gewalt im Mittelalter

Zur näheren Analyse der Gewalt im Kudrunepos ist zunächst eine genaue Definition des Begriffs Gewalt notwendig sowie darauf folgend eine kurze Betrachtung von Gewaltanwendungen im Mittelalter. Hieraus lassen sich Schlüsse im Bezug auf die Kudrun ziehen.

Gewalt (ahd. giwalt, mhd. gewalt) ist zunächst die Fähigkeit, mit „[jemandem] oder etwas zu verfahren“7, dabei ist sie meist mit der „Anwendung von Zwang“8 verknüpft. Das Frühneuhochdeutsche Wörterbuch definiert die Gewalt einerseits als die „faktische Macht verschiedener Art und Größen“9 und die damit verbundene „über das übliche Maß hinausgehende Handlungsfähigkeit, Handlungspotenz, Verfügungsgewalt der Überlegenen“10. Sowie andererseits die schädigende oder verletzende Gewalt, die gegen einen Sachgegenstand oder eine Person gerichtet sein kann und damit einhergehend der Einsatz von Nötigung, Gewaltanwendung und Gewaltakten. Diebstahl, körperliche Misshandlung, Notzucht und militärische Angriffe fallen ebenfalls unter diesen Bereich.11 In Bezug auf Kudruns Gefangenschaft ist der „faktische[r] Besitz, [die] faktische Verfügung, [die] freie Hand über Sachen unterschiedlichster Art [...] sowie über Personen“12 interessant, bei der die Gewalt in Bezug auf Personen häufig zu Geiselhaft und Gewahrsam tendiert.13

In der Adelskultur des Mittelalters nahm die Ausübung von Gewalt schließlich einen hohen Stellenwert ein. Die erfolgreiche Bewältigung von Kriegen mehrte den Ruhm und das Ansehen eines Herrschers, zudem war so die Ausweitung des eigenes Reiches und die Sicherung der eigenen Macht gewährleistet. Öffentliche Hinrichtungen konnten weiterhin mögliche Widerstände von vornherein unterbinden. Einen besonderen Stellenwert bei Auseinandersetzungen nahm im Mittelalter außerdem der Zweikampf ein, wie der Sachsenspiegel dokumentiert. Zweikämpfe eigneten sich auch dafür, Konflikte erfolgreich beizulegen, „denn es sei rühmlicher, mit Körperkräften, als mit Worten zu streiten“14. Das Recht gehörte dem Stärkeren, also dem im Kampf Überlegenen.15 Im ritterlichen Zweikampf auf Turnieren und Festen konnten die Kontrahenten zudem Ruhm und Ehre erlangen.16

Kam es im Mittelalter zu Konflikten, denen nicht auf friedliche Weise beizukommen war, folgte in der Regel eine bewaffnete Auseinandersetzung. In diesem Fall waren alle Verwandten, Lehnsleute und Freunde der eigentlichen Feinde in die Konfrontation eingebunden - allerdings konnten diese zuerst entscheiden, ob der Anspruch nach Beistand gerechtfertigt war. Kamen sie der Aufforderung nach, standen sich so ganze Heere gegenüber, die Situation drohte schnell zu eskalieren. Traditionell versuchten die jeweiligen Kontrahenten jedoch zunächst, ihren Gegner zu schwächen und zur Kapitulation zu bewegen, indem sie vornehmlich dessen Land und Leute heimsuchten. Durch diese Maßnahmen trug vor allem die Landbevölkerung den größten Schaden davon.17 Auch ganze Städte konnten bewaffneten Auseinandersetzung zum Opfer fallen, wie etwa Mailand im Jahr 1162 Kaiser Friedrich Barbarossa. Dennoch warNachrichtenaustausch zwischen den Gegnern keine Seltenheit. Auf diesem Weg wurden Drohungen, Ort und Zeit für die nächste kriegerische Auseinandersetzung und Vergleiche ausgetauscht. Dies sollte eine Eskalation der Gewalt verhindern. Hochrangige Personen traten zudem als Vermittler zwischen den involvierten Parteien auf.18 Mittelalterliche Fehden konnten außerdem jederzeit durch Kapitulation oder einen Kompromiss beendet werden. Je eher einer der Kontrahenten die Möglichkeit der Unterwerfung nutzte, desto besser fiel das Übereinkommen für seine Seite aus. Ab dem 10. Jahrhundert jedoch seien nach Horst Brunner längere Haftstrafen sowie erniedrigendere Unterwerfungsrituale auf die unterlegene Partei zugekommen. Dennoch nutzten die Betroffenen wohl öfter diese Möglichkeit der Konfliktlösung und verzichteten auf Gewalt, um auf diesem Weg ihr eigenes Leben zu retten. Häufig konnten diese Adelspersonen auch nach ihrer Unterwerfung noch hohe Ämter und Würden bekleiden. Lothar von Supplinburg wurde sogar zum König gewählt.19

Die Adelskultur übte die Gewalt jedoch nicht nur praktisch aus, sondern stellte deren Erfordernis auch rituell und symbolisch dar. Vor allem in der mittelalterlichen Literatur, beispielsweise dem

Heldenepos oder dem höfischen Roman, kommt den kriegerischen Auseinandersetzungen große Bedeutung zu. Insbesondere der Zweikampf wird hier häufig geschildert, denn er dient nicht nur dem Machterhalt, sondern auch der Festlegung von Hierarchien, der Selektion und der Zuteilung von höfischen Frauen. Die literarischen Kämpfe spiegeln nach Udo Friedrich „komplexe kulturelle Ordnungsmuster, die den Status von Gewalt legitimieren oder reflektieren“20.

3. Das Werk Kudrun

Die Kudrun entstand wahrscheinlich in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Etwa um das Jahr 1240 wurde sie von einem anonymen Verfasser niedergeschrieben. Heute ist das Werk nur noch in einer Handschrift, dem Ambraser Heldenbuch, überliefert. Diese Handschrift beinhaltet noch weitere Erzählungen, die der Gattung Heldenepik zuzuordnen sind. Darunter befinden sich unter anderem das Nibelungenlied, die Nibelungenklage sowie Biterolf und Ortnit. Die Kudrun bildet hierbei das Zentrum der Heldenepen. Kaiser Maximilian I. gab das Ambraser Heldenbuch wahrscheinlich in Auftrag, Hans Ried fertigte es zwischen 1506 und 1515 in frühneuhochdeutscher Sprache an.21 Viele der in der Handschrift enthaltenen Heldenepen beinhalten das Motiv der Brautwerbung, wobei dies vermutlich auf Kaiser Maximilians Vorliebe für dieses Genre zurückzuführen ist.22

In der Forschung gibt es jedoch Uneinigkeit darüber, ob die Kudrun ohnejeden Zweifel der Gattung Heldenepik zugeordnet werden kann. Tatsächlich spielte seit dem 18. Jahrhundert bei der Bestimmung der Gattungszugehörigkeit der Kudrun lediglich die Intertextualität des Werkes mit dem Nibelungenlied eine entscheidende Rolle. Die Forschung ordnete sie daher ohne weiteres ebenfalls der Gattung Heldenepik zu. In den 1950er Jahren kam jedoch die Frage auf, inwiefern romanhafte Elemente das Nibelunglied und damit einhergehend auch die Kudrun geprägt haben könnten. Die Zugehörigkeit zum Epos, Roman oder auch zur Spielmannsdichtung und Hagiographie war schließlich nicht mehr einwandfrei auszumachen. Karl Stackmann kam zu dem Entschluss, dass es sich bei dem Werk um einen „Spätling im Kreise der Spielmannsromane“23 handeln müsse, während Werner Hoffmann in ihm eine Vermischung aus „Heldensage und spielmännisch-novellistisch-legendärer Unterhaltungsliteratur“24 sieht. Jedoch sei laut Hoffmann der Bezug der Kudrun zum Nibelungenlied als gattungsbestimmendes Element anzusehen, weshalb das Werk mit Einschränkungen der Heldenepik zuzuordnen sei.25 Allerdings analysierte die Forschung auch die christlichen Elemente in der Kudrun sowie das duldsame und vergebende Gemüt der Titelheldin, weshalb der Text ebenso als christliches Epos bezeichnet wurde. Bei den christlichen Elementen in dem Werk handelt es sich jedoch nach Ann-Katrin Nolte um reine Formeln, wobei der Erzähler damit die Absicht verfolge, aufzuzeigen, dass Gott in das Geschehen eingreift und Handlungsabläufe durch ihn bewirkt werden.26

Betrachtet man jedoch allein die formalen Gestaltungskriterien vom höfischen Roman und dem Heldenepos, lässt sich eine Gattungszuordnungen der Kudrun leichter vornehmen. So weist das Epos eine Strophenform auf, während der Roman in Reimpaarversen gehalten ist. Zudem unterscheiden sich Wortschatz und Sprachstil eminent voneinander. Der Erzähler gibt sich im Roman häufig längeren Exkursen hin und kommentiert das Geschehen, im Epos dagegen steht der Erzähler mehr im Hintergrund der Handlung. Auch die Anonymität des Autors ist ein entscheidendes Kriterium für das Epos, dessen Handlung sich meist auf ein historisches Ereignis im ,heroic age‘ bezieht. Daher sind Ort und Zeit im Epos näher bestimmt, während diese im Roman häufig unbestimmt bleiben. Auf die formalen Kriterien gestützt, lässt sich die Kudrun somit der Heldenepik zuordnen, zumal die mediävistische Forschung inzwischen auch höfische Erzählelemente in der mittelalterlichen Heldenepik anerkennt.27

4. Hagen-Teil

In der III. Aventiure des Kudrunepos findet sich die erste Gewalthandlung Hagens gegen seine Mitmenschen im Streit mit dem Grafen Garadie. Als dieser erfährt, dass es sich bei Hagen um den Sohn König Siegebands handelt, versucht er, den jungen Mann als Geisel zu nehmen. Denn der Graf befindet sich schon lange im Krieg mit dem König und hat daher bereits einige seiner Männer verloren. Hagen versucht zunächst zu verhandeln und reagiert diplomatisch. Er bittet darum, nach Irland gebracht zu werden und verspricht zudem, den Streit zwischen seinem Vater und dem Grafen zu schlichten (V. 131,3)28.29 Nachdem dieser jedoch seinen Plan, Hagen gefangen zu nehmen offenbart hat, wird Hagen zornig. Er erklärt: „»ich wil niht gîsel wesen [...]«“ (V. 133,1). Die Entwaffnung Hagens durch die Männer des Grafen misslingt, der Zom Hagens, der sich bisher nur mündlich geäußert hat, manifestiert sich schließlich auch in physischen Attacken gegen die Angreifer. Hier reagiert Hagen jedoch nur auf die körperliche Bedrohung, der er sich durch die Aussage des Grafen ausgesetzt sieht: „daz werte er zorniclîche; jä mohte in sin komen balde leiden.“ (V. 128,4). Hagen gelingt es dreißig der Kreuzfahrer ins Wasser zu schleudern, vom Mord am Grafen können ihn jedoch die drei Prinzessinnen abhalten. Der Erzähler gibt bereits im Vers 128,2 einen kurzen Ausblick auf den weiteren Verlauf der Handlung und erklärt, dass die Schiffsbesatzung die große Kraft Hagens fürchtet. In die Defensive gedrängt wird der Zorn Hagens gegen die Angreifer spürbar. Auch sie erkennen, dass sie bei seiner Kraft und seinem Geschick um ihr Leben fürchten müssen: „ob ihr wurde innen der ûz Irriche, / daz er sie alle slüege“ (V. 139,3,4). Die Bedrohung, die von dem jungen Kämpfer ausgeht, ist fast greifbar. Hagenjedoch kann in dieser Situation bestehen und der Gefahr einer Geiselnahme entgehen, indem er seine Überlegenheit und Kraft behauptet.30

In seinem Heimatland angekommen, entsendet Hagen zwölf der Kreuzfahrer zu seinen Eltern, um die Nachricht von seiner Heimkehr zu überbringen. Da sich die Männer aus Garadie jedoch im Feindesland befinden, müssen sie um ihr Leben fürchten. Tatsächlich tritt König Sigebant ihnen mit Zorn entgegen. Doch auch hier gibt der Erzähler bereits zuvor einen kurzen Ausblick auf das weitere Geschehen:

V. 139,2-139,4 diepilgerine muosten sorgenumbeirlip,

ob ir wurde innen der ûz Irriche,

daz er si alle slüege. daz understuont (dö) Hagene lobeliche.

Die Bedrohung wird abgewendet. Obwohl Hagen durch die Gefolgsleute des Grafen in Bedrängnis geraten war und den status quo nur durch einen Akt der Gewalt erhalten konnte, kommt er seinen früheren Angreifern entgegen. Es gelingt ihm, Frieden zwischen seinem Vater und dem Grafen von Garadie zu erwirken: „[...] der künic mit kusse versuonte sinen zorn“ (V. 159,1).31 An den Hof seiner Eltern zurückgekehrt, kann Hagen schließlich seine höfische Erziehung wieder aufnehmen. Er lernt, was „helden wol gezam, / vor so manigem degene, daz er des äne scham / muoste beliben“ (V. 165,1-3). Der Erzähler betont hierbei Hagens Fähigkeit zur Rache: „daz er getorste rechen siner friunde leit“ (V. 166,2). Der Kämpfer ist mutig und heldenhaft. Nicht umsonst erlangt er schließlich den Beinamen „Välant aller künige“ (V. 168,2). Nach der Schwertleite wird Hagen schließlich zum König gekrönt und heiratet Hilde von Indien. Seinen Amtsgeschäften geht er mit großem Eifer nach, die Rechtsprechung setzt er mit harter Hand durch. Zudem beginnt er, Krieg

gegen seine Feinde zu führen:32

V.l94,1-195,4 Dô begunderîhten herHageneinlrlant.
Swaz er unbillîchez an den liuten vant,
des muosten si entgelten von im harte sere.
inner (einem) järe enthoubet er ahzic oder mere.
Nu schuof er herverte in sîner vînde lant.
durch die armen wolter füeren deheinen brant.
swâ ir mit übermüete deheiner wart erfunden,
dem brach er die bürge und rach sich mit den tiefen verchwunden.

In höfischer Manier bestraft Hagen somit nur Personen, die von Hochmut getrieben sind oder deren Taten für ihn nicht hinnehmbar scheinen. Er zerstört die Burgen der Fürsten, verschontjedoch die ärmeren Menschen, indem er darauf verzichtet, das Land zu vernichten. Er ahndet Stolz und Eitelkeit und wird als guter Kämpfer weit über die Grenzen seines Landes hinaus bekannt (V. 196). Schließlich wird ihm eine Tochter, Hilde, geboren, deren Schönheit zahlreiche Werber anzieht. Doch Hagen geht „durch sînen übermuot“ (V 201,2) aggressiv gegen alle Boten vor, die um die Gunst Hildes werbend ausgesandt werden. Kein Kämpfer, der sich nicht mit ihm messen kann, soll seine Tochter zur Frau bekommen: „Boten hiez er hâhen wol zweinzic oder mêr / - [...] / alle die man sande nâch sîner tohter hêre“ (V. 202, 1-3).33

4.1 Hagens Jugend und Herrschaft

Schon als Hagen sich noch auf der Greifeninsel befindet, macht der Erzähler deutlich, dass der noch junge Knabe aufgrund seiner heroischen Veranlagung und seiner Abstammung zu einem große Kämpfer bestimmt ist. So gelingt es ihm schnell, die Rüstung eines an Land gespülten Kreuzfahrers anzulegen und die heranfliegenden Greifen mit dem Schwert zu töten. Der Erzähler betont an dieser Stelle die Unerfahrenheit des Recken, die ihm jedoch noch mehr Wut und Kraft verleiht: „(In sînen) siten tumben grimme (er) was genuoc“ (V. 93,1). Obwohl Hagen sich alles selbst beibringen muss und kein erfahrenen Ritter ihm bei seiner Ausbildung beistehen kann, begreift er sehr schnell: „er lernte swes er gerte, dô er nâch sîner nôt begunde sinnen“ (V. 97,4). Mit der Kraft von zwölf Männern ausgestattet (V. 106,1), erschlägt er wilde Tiere und mehrt seine Kraft (V. 101,2). Zudem nimmt er sich die wilden Tiere teilweise zum Vorbild, wodurch es ihm unter anderem gelingt, gleich einem „pantel wilde“ (V. 98,3) über Steine zu laufen.34

Die Genealogie ist somit der Schlüssel zu Hagens kriegerischem Wesen. Seine Herkunft bestimmt seine heroischen Fähigkeiten, die tief in ihm verankert sind und in bedrohlichen Situationen zu Tage treten. Er ist zum Ritter geboren. Das erkennen auch die Kreuzfahrer um den Grafen von Garadie sogleich, als sie ihn entwaffnen wollen.

[...]


1 Hermann Schneider: Tristan und Kudrun. In: ZfdA 64 (1927), S. 298.

2 Ann-Katrin Nolte: Spiegelungen der Kriemhildfigur in der Rezeption des Nibelungenliedes. Figurenentwürfe und Gender-Diskurse in der Klage, der Kudrun und den Rosengärten mit einem Ausblick auf ausgewählte Rezeptionsbeispiele des 18., 19. und 20. Jahrhunderts. In: Bamberger Studien zum Mittelalter, hg. von Ingrid Bennewitz, Bd. 4, Münster2004, S. 101.

3 Vgl.: Ebd., S. 100f.

4 AdolfBeck: Die Rache als Motiv und Problem in der Kudrun. Interpretation und sagengeschichtlicher Ausblick. In: Germanisch-Romanische-Monatsschrift. N.F.6 (1956), S. 310.

5 Vgl.: Gunda Lange: Nibelungische Intertextualität. Generationenbeziehungen und genealogische Strukturen in der Heldenepik des Spätmittelalters. In: Trends in Medieval Philology, hg. Von Ingrid Kasten, Niklaus Largier u.a., Bd. 17, Berlin/New York 2009, S. 65f.

6 Thorsten W. D. Martini: Facetten literarischer Zorndarstellungen. Analysen ausgewählter Texte der mittelalterlichen Epik des 12. und 13. Jahrhunderts unter Berücksichtigung der Gattungsfrage, Heidelberg 2009, S. 306.

7 Hermann Paul: Deutsches Wörterbuch. 9. vollständige und bearbeitete Auflage von Helmut Henne und Georg Objartel unter Mitarbeit von Heidrun Kämpfer-Jensen, Tübingen 1992, S. 349.

8 Ebd.

9 Ulrich Goebel, Anja Lobenstein-Reichmann und Oskar Reichmann (Hgg.): Frühneuhochdeutsches Wörterbuch, Bd. 6, Berlin/New York2010, S. 1788.

10 Ebd.

11 Vgl.: Ebd., S. 1798f.

12 Ebd., S. 1801.

13 Vgl.: Ebd., S. 1802.

14 Paul Herrmann: Erläuterungen zu den ersten neun Büchern der Dänischen Geschichte des Saxo Grammaticus, Leipzig 1901, S. 205.

15 Vgl.: Wolfgang Schild: Verwissenschaftlichung als Entleiblichung des Rechtsverständnisses. In: Vom mittelalterlichen Recht zur neuzeitlichen Rechtswissenschaft. Bedingungen, Wege und Probleme der europäischen Rechtsgeschichte, hg. vonNorbert Brieskorn u.a., Paderborn 1994, S. 247-260.

16 Vgl.: Udo Friedrich: Die symbolische Ordnung1 des Zweikampfs im Mittelalter. In: Gewalt im Mittelalter. Realitäten - Imaginationen, hg. von Manuel Braun und Cornelia Herberichs, München 2005, S. 124f.

17 Vgl.: Horst Brunner, Edgar Hösch, Rolf Sprandel u.a. (Hgg.): Imagines Medii AEVI. Interdisziplinäre Beiträge zur Mittelalterforschung. Bd. 3: Der Krieg im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit. Gründe, Begründungen, Bilder, Bräuche, Recht, Wiesbaden 1999, S. 6f.

18 Vgl.: Ebd., S. 16f.

19 Vgl.: Ebd., S. 20f.

20 Friedrich: Die symbolische Ordnung1 des Zweikampfs im Mittelalter, S. 127.

21 Vgl.: Lange: Nibelungiche Intertextualität, S. 62.

22 Vgl.: Ingrid Bennewitz: Kriemhild und Kudrun: Heldinnen-Epik statt Helden-Epik. In: 7. Pöchlarner Heldenliedgespräch. Mittelhochdeutsche Heldendichtung ausserhalb des Nibelungen- und Dietrichkreises (Kudrun, Ortnit, Waltharius, Wolfdietriche), hg. von Klaus Zatloukal. Wien 2003, S. 17.

23 Karl Stackmann (Hg.): Kudrun, Wiesbaden 1980, S. XXXVII.

24 Werner Hoffmann: Kudrun. Ein Beitrag zur Deutung der nachnibelungischen Heldendichtung, Frankfurt am Main 1967, S. 600.

25 Vgl.: Kerstin Schmitt: Poetik der Montage. Figurenkonzeption und Intertextualität in der Kudrun, Berlin 2002, S. 33f.

26 Vgl.: Nolte: Spiegelungen der Kriemhildfigur in der Rezeption des Nibelungenliedes, S. 101.

27 Vgl.: Schmitt: Poetik der Montage, S. 34f.

28 Versangaben im folgenden zitiert nach: Kudrun. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch, hg. von Uta Störmer-Caysa, Stuttgart 2010.

29 Vgl.: Lange: Nibelungische Intertextualität, S. 80.

30 Vgl.: Martini: Facetten literarischer Zorndarstellungen, S. 311f.

31 Vgl.: Ebd., S. 312f.

32 Vgl.: Ebd., S. 313.

33 Vgl.: Ebd.

34 Vgl.: Lange: Nibelungische Intertextualität, S. 108.

Details

Seiten
35
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783956874789
ISBN (Buch)
9783668005228
Dateigröße
609 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v301750
Institution / Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT) – Institut für Literaturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Kudrun Nibelungenlied Gewalt Kampf Schlacht Eskalation Frauenraub Brautwerbung Friedensstifterin Gerlint Krieg Hilde

Autor

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Titel: Brautwerbung und Frauenraub. Die Schilderung von Gewalt in der "Kudrun"