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Diskriminierung von Theater-, Film- und Kulturschaffenden durch das NS-Regime

Facharbeit (Schule) 2015 28 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Hinführung zum Jahr 1933

2. Die Bedeutung der darstellenden Kunst für die NS-Regierung

3. Folgen der Diskriminierung an Kulturschaffenden am Beispiel von Leni Riefenstahl, Joachim Gottschalk und Heinrich George
3.1. Leni Riefenstahl
3.2. Joachim Gottschalk
3.3. Heinrich George

4. Fazit

5. ANHANG 1 - Bibliografie
5.1. Literatur
5.2. Internet-Quellen
5.3. Zeitschriften
5.4. TV

6. ANHANG 2 - Originalabbildung Völkischer Beobachter

7. ANHANG 3 - Mitschrift aus „Je später der Abend“ - Talkshow vom 30.10.1976

1. Hinführung zum Jahr 1933

Die Medien Theater und Film wurden im Nationalsozialismus als sehr wichtig erachtet, denn ihnen wurde viel Einfluss und Macht zugesprochen. Gerade aus diesem Grund war es für die damaligen Staatsmänner von enormer Wichtigkeit, diese Form des künstlerischen Ausdrucks nicht nur zu kontrollieren, sondern vor allem für die nationalsozialistische Idee zu nutzen. Schon bei seiner Rede auf dem ersten Parteitag nach der Machtübernahme am 01. September 1933 ist Hitler auf die darstellende Kunst eingegangen. In dieser Rede sagte er, dass es mit zu der Erziehung einer Nation gehöre, den Mensch vor diesen Großen [den Künstlern] die nötige Ehrfurcht beizubringen, denn die Künstler seien die Fleischwerdung der höchsten Werte eines Volkes.[1]

Hitler hat sich von den Instrumenten ,Theater’ und ,Film’ viel versprochen. Er hat dessen Entwicklung in der Zeit der Weimarer Republik, miterlebt. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts war das Deutsche Theater eine Institution und mit keinem anderen in Europa vergleichbar. Günther Rühle beschreibt dies in seinem Werk über die Geschichte des Theaters in Deutschland sehr bildlich. Für die Bürger, welche nach dem 1. Weltkrieg immer mehr in den Handlungsfokus der Stücke gerückt sind, hatte das Theater nahezu eine therapeutische Bedeutung. Die damaligen, aktuellen Themen, wie beispielsweise das eingeengte Leben der Frau, das Familienbild, Erziehung und Moral, sind vordergründig im Theater bearbeitet worden. Hier wurden Themen beleuchtet, über die außerhalb niemand zu sprechen wagte - es wurden Wahrheiten über das Leben gezeigt und neu definiert.

Diese Wahrheiten sollten im Nazi-Regime wiederum verändert werden und das Theater war auch jetzt der richtige Ort dafür. Allerdings war bis zu diesem Zeitpunkt der größte Teil der Theaterwelt von Juden bestimmt gewesen, wie z. B. Max Reinhardt oder Leopold Jeßner. Auch wenn es auf der Hand liegt, dass dem Deutschen Theater ohne diese Theaterschaffenden nie eine solche Bedeutung zugekommen wäre, so sind sie ab 1933 von ihren Ämtern enthoben worden, was entweder Emigration oder später den Tod zur Folge hatte.[2]

Weil die nationalsozialistischen Machthaber ab 1933 eine eigene ,Literatur-Epoche’ schaffen wollten, in der die Stücke der Juden - und das waren nahezu alle existierenden Werke - verbannt werden und keine Bedeutung mehr haben sollten, haben Kulturpolitiker die deutsche Bevölkerung mit Nachdruck dazu aufgerufen, zu schreiben. Sogar im Rundfunk wurde mit Gewinnspielen gelockt und zum Schreiben aufgefordert. So kam es dazu, dass während Hitlers

Zeit an der Macht insgesamt 2000 Theaterstücke uraufgeführt worden sind. Davon sind allerdings die meisten direkt nach der Premiere wieder aus dem Programm genommen worden, das sie die Ideologie der Nazis nicht optimal wiederspiegelten.[3]

Das primäre Thema des Theaters war nach wie vor der Krieg. Dieser ist als ein Erlebnis dargestellt worden, dessen Schrecken man nicht vergessen sollte. Das Ziel war es meist, die Niederlage in ein positive Erinnerung umzukehren.

Auch schon vorher, als die linksgesinnten Theatermacher ihre Stücke noch zeigen durften, war der Krieg das primäre Thema, jedoch war hier die Zielsetzung eine andere: Die Schrecken des Krieges sind vor 1933 dafür genutzt worden, um die künftige Vermeidung von Krieg in den Vordergrund zu stellen, während später im nationalsozialistischen Theater der Frontgeist gestärkt und der Hunger nach Krieg geweckt werden sollte.[4]

Im Folgenden wird ein Überblick gewährleistet, wie die darstellenden Künste im Dritten Reich von den Machthabern gebraucht und missbraucht wurden, um eine verkehrte Wirklichkeit darzustellen. Vornehmlich werden aber Individuen beleuchtet, die sich als Künstler mit den Vorgehensweisen und Vorschriften der Nazis arrangieren mussten. Inwiefern dies möglich war - oder auch nicht - wird am Beispiel von drei sehr bekannten Schauspielern der nationalsozialistischen ,Epoche’ dargestellt: Leni Riefenstahl, Joachim Gottschalk und Heinrich George. Nachdem die individuellen Lebenswege und die daraus resultierenden Charakterzüge dieser Persönlichkeiten betrachtet worden sind, wird der Umgang des Einzelnen mit der Eliminierung der künstlerischen und auch persönlichen Freiheiten aufgezeigt, sowie den Konsequenzen, die jeder Einzelne daraus zog.

2. Die Bedeutung der darstellenden Kunst für die NS-Regierung

Das Wesentliche dieser revolutionären Entwicklung ist, daß der Individualismus zertrümmert wird, entthronisiert erscheint und daß an die Stelle des Einzelmenschen und seiner Vergottung nun das Volk und seine Vergottung tritt. […] Die deutsche Kunst des nächsten Jahrzehnts wird heroisch, sie wird stählern-romantisch, sie wird sentimentalitätslos-sachlich, sie wird national mit großem Pathos und sie wird gleichfalls verpflichtend und bindend sein, oder sie wird nicht sein.[5]

So hat es der Leiter der Reichskulturkammer Joseph Goebbels zwei Tage nach der Bücherverbrennung, welche am 10. Mai 1933 stattfand, auf der Konferenz der Theaterleiter in Berlin ausgedrückt. Das war das erste Mal in der Geschichte Deutschlands, dass sich eine Partei in solchem Ausmaß in die Belange der Kunst eingemischt hat. Auch Adolf Hitler war der Meinung, dass das Volk unter anderem durch Individualismus weich werde.[6] Laut dem o. a. Zitat soll nicht ein Einzelmensch vergöttert werden, sondern das Volk an dessen Stelle treten. Erinnert man sich aber an Szenen aus dem Nationalsozialismus, in denen Adolf Hitler in gottgleicher Selbstinszenierung zum Volk sprach, so erscheint diese Aussage doch sehr paradox.

Auf diese Weise wurde nun vollständige Kontrolle über die darstellenden Künste ausgeübt. Die regierende Partei wollte, dass das Theater das zerrissene Volk wieder zusammenführt. Es sollte eine Einheit schaffen und die Besucher sollten diese einheitliche Gemeinschaft erleben. Gehen Menschen miteinander einer gemeinsamen Tätigkeit nach, so verbindet sie dies über die Unbekanntheit hinweg. Es fällt leicht mit den anderen Besuchern, welche man nie zuvor gesehen hat, in ein Gespräch zu kommen, da ein gemeinsames Interesse schon unausgesprochen vorhanden ist: in diesem Fall ist es das Theater oder das spezielle Stück, das angeschaut wird, über das man gemeinsam lacht, weint oder kritisch nachdenkt. Es entsteht eine Verbundenheit.

Selbst 1943, nachdem das Schiller-Theater, unter damaliger Intendanz von Heinrich George, durch Luftangriffe der Alliierten, zerbombt wurde, wurde die Kraft der Gemeinschaft aufrechterhalten und es wurde weiter gespielt. Einer der Schauspieler des Hauses, Will Quadflieg, sagte über die Bedeutung des Theaters: Die Berliner kamen aus der schon zerstörten Stadt in unser zerbombtes Theater. Das

Bühnenhaus und der Zuschauerraum waren eingestürzt, wir hatten aus dem Foyer eine Behelfsbühne gemacht. Unsere Theaterbesessenheit war nicht angeschlagen, und die Überzeugung der Menschen, das Theater habe ihnen auch unter diesen schweren Bedingungen etwas zu geben, war nie ins Wanken geraten.[7]

Dieses Phänomen, diese durch die darstellende Kunst gefesselte, verharrende und beinahe verschworene Gemeinschaft, die sich daraus bildete, nutzten die NS-Politiker für sich und vor allem für ihre Ideologien. So haben Sie es nicht nur in Theater und Kino vollzogen, sondern auch beispielsweise in der Hitlerjugend, wo die Gemeinschaft weit über der Individualität des Einzelnen stand. Propagandafilme wie ,Jud Süß’ oder ,Hitlerjunge Quex’, in denen speziell die Jugendlichen angesprochen werden, stellten die Spitze des Eisberges dar.

Das damalige Volk war noch geprägt vom 1. Weltkrieg. In den vom Krieg handelnden Stücken war es möglich, diese Thematik stückweise zu verarbeiten, gemeinsam mit den anderen Besuchern, die das gleiche Schicksal teilten. Das Theater oder auch das Kino wurde zu einem Raum, in dem man gemeinsam die vergangenen Schrecken durch den Krieg durchleben konnte. Außerhalb war dies nicht möglich. Die wenigsten Menschen haben über Ihre Erlebnisse gesprochen, diese sind vielmehr verdrängt worden. Auch wenn es sich nobel anhört, dass die Menschen einen Raum bekommen haben, indem sie Erlebtes verarbeiten konnten, so blieb es nicht allein dabei. Natürlich ist durch den Inhalt, durch die Aussage und Zielführung des Stückes oder Filmes gleichzeitig manipuliert und in das Denken der Zuschauer eingegriffen worden. Das Theater ist der optimale Ort dazu. Kennt man doch die Euphorie, die Kraft und Stärke, die man spürt nachdem man einen Film, ein Theaterstück, ein Musical oder eine Oper gesehen hat. Es reißt einen mit. Man lässt sich gefangen nehmen von der Thematik und ist dem „Helden“ des Stückes sehr nahe. Ist dieser Protagonist nun ein Kriegsfreund, einer der über Leichen geht für sein Vaterland, wie beispielsweise Schlageter, der Protagonist des gleichnamigen Stückes von Hanns Johst, der am Ende des Stücks einen Märtyrer-Tod stirbt, so wird genau das erreicht, was die nationalsozialistischen Politiker wollten: Der Frontgeist beim Volk wird stark. Der Krieg wird schmackhaft gemacht, indem er verherrlicht wird.

Um ein reines, nationalsozialistisches Theater zu realisieren, musste vorerst die sogenannte ,Säuberung’ (Personenaustausch), stattfinden. Zwei Tage nach dem Reichstagsbrand vom 27. auf den 28. Februar 1933 konnte man im ,Völkischen Beobachter’ lesen: „Jetzt wird rücksichtslos durchgegriffen.“[8] (siehe auch: Abb. 1, Anhang)

Auf die Künste bezogen war die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 eine von vielen Antworten dieser Ankündigung. Sie war ein deutliches Zeichen der Entschlossenheit und Konsequenz der Nationalsozialisten. Ziel bei der Säuberung war nicht nur das Entfernen von allem undeutschen aus den deutschen Theatern, sondern auch die Vernichtung des bis dato etablierten linken Theaters, welches in der Republik starken Einfluss gehabt hat. Das Zitat von Joseph Goebbels (s. o.) etabliert sich dadurch immer mehr zu einer Groteske. Das Volk soll zwar an erster Stelle stehen und sogar an die Stelle des Einzelmenschen treten, jedoch wird das Volk vorerst so gestaltet, wie es keine Gefahr mehr für die Führung Deutschlands ist. Es wird so lange aussortiert, bis alle Glieder des Volkes das Gleiche wollen, denken und fühlen. Das Volk erscheint so als ein Ganzes, welches in ein und die selbe Uniform passt. Wie im völkischen Beobachter angekündigt, ist hier innerhalb einer ganzen Bevölkerung rücksichtslos selektiert worden. Für Individuen war in diesem Volk kein Platz. Es erscheint so, als wäre alles menschliche vernichtet worden und nur maschinenartige Wesen durften existieren und sich opfern für das Vaterland, um Hitlers Traum wahrwerden zu lassen: Eine Neuordnung Europas.

An die Spitze des Theaters sind Menschen gesetzt worden, die die Ideologien der Politiker gleichgesinnt geteilt haben. Hanns Johst und später auch Franz Ulbrich, der aus Weimar gekommen ist, waren die führenden Kräfte im Staatstheater.[9] Der Tag, an dem Max Reinhardt und Leopold Jeßner Deutschland verlassen haben, galt als das Ende des Theaters der Republik. Dies war am 01.03.1933. Von da an begann eine neue ,Epoche’ in Deutschland. Den Startschuss setzte am 04.04.1933 das Stück ,Ewiges Volk’ von Kurt Kluge unter der Regie von Karl Heinz Martin, welches seine Premiere im Deutschen Theater in Berlin feierte.[10] Es handelte von den Gebirgskämpfen in Kärnten um 1918 und war Kluges erstes Stück, mit dem er der nationalsozialistischen Ideologie Zustimmung schenkte, galt er vorher doch eher als Literat des Friedens.[11] Daran lässt sich erkennen, wie sehr die damaligen Künstler unter dem Druck der Entscheidung standen, ob sie sich dem Regime anpassen, Widerstand leisten oder das Land widerspruchslos verlassen sollen. Einen Mittelweg gab es nicht. Entweder ganz oder gar nicht. Es fällt daher nicht leicht, Personen wie Kurt Kluge einen Vorwurf zu machen.

3. Folgen der Diskriminierung an Kulturschaffenden am Beispiel von Leni Riefenstahl, Joachim Gottschalk und Heinrich George

3.1. Leni Riefenstahl

Kurt Kluge war bei weitem nicht der Einzige, der sich dem Regime anpasste. Eine der berühmtesten Hitler-Sympathisantinnen war Leni Riefenstahl, die eigentlich Helena Bertha Amalia Riefenstahl heißt. Die im Jahr 1902 in Berlin geborene Tänzerin, Schauspielerin, Fotografin und weltberühmte Regisseurin ist die wohl umstrittenste, deutsche Künstlerin des 20. Jahrhunderts. Ihre Karriere begann, als sie in Berlin nach einem Tanzauftritt von dem berühmten Regisseur Max Reinhardt entdeckt und sofort engagiert wurde. Nach nicht mal einem Jahr, aber mehr als 70 Auftritten verletzte sie sich in Prag bei einem Auftritt schwer am Knie und beendete so unfreiwillig ihre Tanzkarriere. Schnell fand sie eine neue Leidenschaft: den Film. Die selbstbewusste, eigenständige und forsche Frau setzte alle Hebel in Bewegung, um den Regisseur Arnold Fanck, der damals den Film „Berg des Schicksals“ in die Kinos brachte, persönlich zu treffen, um ihm von ihren Plänen Schauspielerin zu werden, zu berichten. Das tat sie. Drei Tage später erhielt die damals zweiundzwanzigjährige ein Drehbuch von Fanck zu dem Film ,Der Heilige Berg’ mit ihr als weibliche Hauptrolle. Dies war der Anfang einer jahrelangen Zusammenarbeit zwischen Riefenstahl und Fanck. Bis zu ihrem 31. Lebensjahr arbeitete Sie mit ihm zusammen, bis sie die Herausforderung suchte. Da sie bei Ufa (Universum Film AG) keine Rolle bekam, gründete sie entschlossen ihre eigene Produktionsfirma, die ,L. R. Studiofilm’ und drehte den Film ,Das blaue Licht’, von dem Riefenstahl als einzige überzeugt war. Er wurde ein Erfolg. Sie identifizierte sich mit der Rolle der Berghexe Junta, die sie auch selbst spielte: „[B]eide seien geliebt und gehasst worden. Beide seien verstoßene Außenseiterinnen gewesen, [...] und dafür von der Welt geächtet [worden].“[12] Die Zeit der Dreharbeiten zu ,Das blaue Licht’ gehörte zu den glücklichsten Phasen in Leni Riefenstahls Leben, da sie sich endlich künstlerisch ausleben konnte und sich selbst sehr nahe war. Doch nach der Premiere im Berliner Ufa-Palast im März 1932 stand sie nahezu vor dem finanziellen Ruin, aufgrund der erheblichen Investitionen in den Film und der aktuellen Weltwirtschaftskrise. Voller Angst vor dem Abstieg ließ sie sich von dem Mann in den Bann ziehen, der so viele zu der Zeit begeisterte: Adolf Hitler. Auch wenn sie sich nicht für Politik interessierte, hörte sie der Rede Hitlers im Berliner Sportpalast im Frühjahr 1932 zu und beschrieb diesen Moment als ,Erweckungserlebnis’:

[...]

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Titel: Diskriminierung von Theater-, Film- und Kulturschaffenden durch das NS-Regime