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Öffentlichkeitsarbeit der Verweigerung und Kunst. Eine Fallstudie anhand der Band "Böhse Onkelz"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 47 Seiten

Medien / Kommunikation - Public Relations, Werbung, Marketing, Social Media

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Methodik

3. Sinn und Zweck von Öffentlichkeitsarbeit für Musiker

4. Definition von PR nach der DPRG

5. Konfliktdarstellung Böhse Onkelz

6. Songtexte als Mittel der Kommunikation mit einer Öffentlichkeit
6.2. Medienkritische Texte
6.3. Ironisch- Pathetische Texte
6.4. Zwischenfazit

7. Printmedien
7.1. Fanzines
7.2. Flyer
7.3. Interviews
7.4. Biografie
7.5. CD-Booklets
7.6. Plakate

8. Digitale Medien
8.1. Offizielle Website
8.2. Social Network
8.3. Exemplarische Analyse zur Bekanntmachung der Wiedervereinigung
8.4. DVD-Veröffentlichungen
8.5. Zwischenfazit

9. Elektronische Medien

10. Sonstige Arten der Öffentlichkeitsarbeit
10.1. Konzerte
10.2. B.O.S.C
10.3. Soziales Engagement

11. Zusammenfassung Bibliographie:

Anhang:

Abbildungsverzeichnis:

1. Einleitung

„Unser Leben war nicht keimfrei, war nicht von Engeln bewacht/ Doch es ist schon ganz schön hart, was ihr daraus macht./ Was glaubt ihr zu wissen? Was glaubt ihr wer wird sind?/ Ihr habt jahrelang gelogen - Die Presse stinkt!/ […]/ Ihr habt wie Hund uns gehetzt, unsere Lieder verboten/ Ich weiß warum, denn wenn wir treten, dann nach oben./ Das ist das Leben, das wir wählten. Wir wollen kein anderes haben./ Ihr redet, was ihr hören wollt - nicht was wir sagen!“[1]

Mit Zeilen wie diesen versucht sich die Rockband „Böhse Onkelz“ von den Medien abzugrenzen. Zweifelsohne liegen die Gründe dafür sowohl in der Historie der Musikgruppe, als auch in den Medienberichten. Daher soll am Anfang dieser Arbeit eine kurze Betrachtung der Bandgeschichte von 1980 bis 2014 stehen, um den Konflikt besser verstehen zu können. Im Besonderen Fokus der Betrachtung wird das Stigma des Vorwurfs des Rechtsradikalismus in Hinblick auf die PR-Arbeit der Band gelegt werden. Da es hier auch darum gehen soll, wie Kunst als Öffentlichkeitsarbeit funktionieren soll, werden im Folgenden die allgemeinen Ziele und Aufgaben der Öffentlichkeitsarbeit für Musiker dargestellt. Ein Augenmerk soll auf den Songtexten und deren sprachlichen Eigenschaften liegen. Diese exemplarische Analyse umfasst Songtexte der Band, welche im Zeitraum von 1985 bis 2005 entstanden und stellen damit den Rahmen für den Korpus.

Im Anschluss sollen einige weitere Strategien abseits der klassischen Öffentlichkeitsarbeit aufgezeigt werden, wodurch die Band versuchte ihre Fans zu erreichen und in gewisser Art und Weise mit einer Öffentlichkeit zu kommunizieren. Als Korpus sollen unter anderem Fanzines, Internetauftritt, DVD- Veröffentlichungen, Flyer und einige wenige Interviews mit der Fachpresse dienen.

Angesichts der öffentlichen Darstellung der Band und Repressionen gegen die Band, wie Indizierungen oder unangekündigten Polizeieinsätzen vor Auftritten der Böhsen Onkelz, sagte Bassist und Texter Stephan Weidner: „Es ist schon komisch, dass man den Staat scheinbar vor uns schützen muss, doch ich frage mich, wer schützt uns vor dem Staat?“[2] Setzt man dieses Zitat in Verbindung zu der anfangs zitierten Textstellen, so zeigen sich zwei Strategien bereits jetzt: Abgrenzung und Provokation. Wie diese realisiert werden und welchen Erfolg diese Strategien haben, soll die folgende Analyse aufzeigen. Auf Grund der Fülle des Materials kann eine Analyse dieses Umfangs nur exemplarisch und nicht allumfassend sein.

2. Methodik

Diesem Analyseteil wurde eine kleine empirische Studie zu Grunde gelegt, welche im Vorfeld dieser Arbeit durchgeführt wurde. (siehe Anhang 1) Es wurden 40 Probanden im Alter von 20 bis 40 Jahren befragt. Darunter befanden sich 19 Frauen und 21 Männer. Sowohl Geschlechter, als auch Altersgruppen wurden für die Auswertung zusammengefasst und nicht separat betrachtet. Es ist anzumerken, dass diese Umfrage zur Untermauerung beispielsweise Entkräftung von Thesen dienen soll und keinen Anspruch auf Verallgemeinerung haben kann.

Der Fragenkatalog setzte sich aus drei Blöcken zusammen. Einerseits allgemeine Fragen zu den Themen PR und Öffentlichkeit mittels auf die Arbeit spezifisch zugeschnitten Formulierungen. Der zweite Teil beschäftigte sich mit den „Böhsen Onkelz“ selbst und deren Wahrnehmungen durch Medien und Kunst. Der letzte Block beinhaltet Fragen zur persönlichen Beziehung zu den Medien.

Dabei gab es sowohl einfache Entscheidungsfragen, als auch offenere Fragestellungen mit Freiraum für längere Ausführungen und Begründungen.

Da zu großen Teilen Lieder analysiert und zitiert werden sollen und es sich somit um die Darstellung der literarischen Gattung Lyrik handelt, wird aus pragmatischen Gründen die literaturwissenschaftliche Zitierweise verwendet.

3. Sinn und Zweck von Öffentlichkeitsarbeit für Musiker

„Kein Kundenvertrauen ohne schlüssige Öffentlichkeitsarbeit; denn die so genannte SecondHand-Realität der Medien […] überlagert und formt immer mehr die tatsächliche Realität.“[3] stellen Fischer und Wiendl fest. Nimmt man diese Aussage als Grundaxiom für ein Handeln, welches gute Öffentlichkeitsarbeit zur Folge hat, so ergibt es sich, dass eine gute Medienarbeit unabdingbar für Erfolg in jeglicher Hinsicht ist.

Grundsätzlich lassen sich die zu nutzenden Medien in drei Kategorien[4] unterteilen. An erster Stelle stehen hierbei die Printmedien (zu denen Zeitungen, Zeitschriften, Prospekte/Broschüren, als auch Plakate oder Flugblätter zählen). Gegenüber diesen, eher klassischen Medien, gewinnen elektronische (TV, Video, Telefon, Foto) und digitale (Internet, CD- ROM, DVD, Blu- Ray) Medien immer mehr an Bedeutung und lösen diese vielfach bereits ab. (siehe Abb. 01) Beispielsweise ist es möglich, dass ein Künstler durch ein einfaches Video auf YouTube innerhalb von kürzester Zeit einen hohen Grad an öffentlichem Interesse wecken kann.[5] Jedoch scheint es wichtig nach einem solchen Erfolg medial präsent zu sein, um relevant und aktuell für eine breite Öffentlichkeit zu bleiben. Als für Musiker besonders wichtige Kanäle lassen sich klar Interviews mit Zeitungen, Zeitschriften, online Magazinen oder mit Radio- beziehungsweise Fernsehsendern festmachen. Ferner sind Pressekonferenzen, so wie der Internetauftritt beziehungsweise die Präsens auf verschiedensten Plattformen wie Facebook. Twitter oder YouTube von höchster Relevanz. Dennoch sind Musiker Kunstschaffende. Daher werden in dieser Arbeit die veröffentlichten Musikstücke und deren Aufmachung im Mittelpunkt stehen, da sich diese direkt an den Konsumenten richten und auch als eine Subkategorie der für Öffentlichkeitsarbeit relevanten Medien zuzuordnen sind. Da dies so wohl digital, in Form von MP3, als auch elektronisch, in Form von Musikvideos, so wie in Printform, im Sinne von Textbüchern zu den CDs oder ähnliches, vorkommen kann, handelt es sich im Falle einer Musikveröffentlichung meist um eine Mischform.

„Public Relations (PR) bzw. Öffentlichkeitsarbeit (ÖA)[6] […] bezeichnet das Bemühen, eine Öffentlichkeit bzw. Teilöffentlichkeit durch die Selbstdarstellung von Interessen beeinflussen und damit Interessen durchsetzen zu wollen. PR erfolgt (überwiegend) durch Kommunikation.“[7]

Grundsätzlich lässt sich demnach feststellen, dass Öffentlichkeitsarbeit in jedem Fall ein kommunikativer Akt[8] zwischen Sender, also der Band oder dem Musiker, und dem Rezipienten darstellt. Dies entspricht dem klassischen Organon-Modell von Karl Bühler. (siehe Abb. 02). Dennoch lässt sich erkennen, dass es in der Literatur unterschiedliche Begriffe und Betrachtungsweisen des Begriffes Kommunikation existieren. So lässt sich dieser Prozess einerseits als Informationstransfer definieren. Dies entspricht der einfachen Übermittlung einer Nachricht, beziehungsweise Information, des Senders an den Empfänger.[9] Von Relevanz wird für die folgende Analyse die Kodierung dieser Nachricht sein. Ferner ist die Absicht, als auch der „korrekte Empfang einer Botschaft, als konstitutive Bedingung für Kommunikation“[10] zu betrachten.

Wie die für diese Arbeit konzipierte Umfrage ergab, ist die Meinung über die Wichtigkeit von PR ausgeglichen. 10 % meinen sie sei gänzlich unwichtig, 32,5% meinten, dass sie eher unwichtig sei. Dem gegenüber stehen 37,5%, welche meinen, dass PR wichtig sei und 20% geben an sie für fast unverzichtbar zu halten[11]. (siehe Abb.04)

4. Definition von PR nach der DPRG

Bereits 1984 definierte die Deutsche Public Relations Gesellschaft, kurz DPRG, Öffentlichkeitsarbeit wie folgt:

„PR ist das bewußte, geplante und dauerhafte Bemühen um ein Vertrauensverhältnis zwischen Unternehmen, Institutionen oder Personen und ihrer Umwelt. Öffentlichkeitsarbeit meint vor allem aktives Handeln durch Information und Kommunikation auf konzeptioneller Grundlage. Sie ist darum bemüht Konflikte zu vermeiden oder bereinigen zu helfen.“[12]

Da im Falle der Band „Böhse Onkelz“ ein Konflikt zu Grunde liegt, soll dieser im Folgenden kurz dargestellt werden.

5. Konfliktdarstellung Böhse Onkelz

Seinen Ursprung des Konfliktes zwischen Medien und Band liegt im Jahre 1981. Die Band nahm zu dieser Zeit erste Lieder auf und veröffentlichte zwei Stücke auf dem Punk-Sampler „Soundtrack zum Untergang“. In Folge der Kommerzialisierung des weitgehend unpolitischen Szene, verloren die Mitglieder schnell das Interesse an dieser Subkultur und wandten sich mehr der Oi-Bewegung zu. Innerhalb dieser Szene versuchte man unpolitische Musik zu machen, welche besonders provokant und unangepasst sein sollte.[13] Das aus diesem Gedanken resultierende Album „Der nette Mann“, welches 1984 veröffentlicht wurde, sollte bereits ein Jahr später von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften wegen nationalsozialistischen Texten indiziert werden. Grund dafür waren besonders Texte von Liedern wie „Türken raus“, „Böhse Onkelz“, „Frankreich ‚84“ oder „Deutschland“.

1985 verließ die Band die Skinheadszene, da man sich nicht mehr mit dieser identifizieren konnte und wollte. Stephan Weidner (Texter und Bassist der Band) sagte dazu 2013 folgendes:

„Ich will das nicht schön reden, aber zumindest habe ich das zu der damaligen Zeit als nicht besonders demokratiegefährdend (…) angesehen, sondern es ist einfach eine Geschichte, die da sicher gedankenlos ist und es gab da sicher Momente, in denen ich dachte: „ok, damit möchte ich einfach nichts mehr zu tun haben! das ist nicht mehr das, was mich ursprünglich mal zu einem Skin oder zu einem Punk gemacht. […] Das macht mir einfach keinen Spaß. Es wird politisch, es wird ernst, es wird brutal und es wird einfach etwas, womit wir uns nicht mehr identifizieren konnten. Auch eine wichtige Erfahrung in der Retrospektive.“[14]

In den Folgejahren veröffentlichte die Band einige Alben auf denen sie sich klar gegen rechts positionierten, was zu Beginn einfach kein Thema war, da die Band kein Thema in den Medien war. Als das Album „Heilige Lieder“ jedoch Anfang der 90er Jahre auf Platz 5 in die Albumcharts einstieg, stieg das Interesse schlagartig an.

„Das kam in die Charts und es gab Kollegen, die wollten dann quasi die Chartregeln

nehmen, um ein rechtsradikales Album aus den Charts zu entfernen. Und das hat mich dann dazu gebracht mir das zu besorgen und anzuhören. War auch klar, dass meine Kollegen das alle nicht gehört haben. Sie haben, wie so viele immer auf Berichte verlassen, die sie irgendwo mal gelesen oder aufgeschnappt hatten. Das ging ja wie ein Schneeballsystem. Die Band hatte damals das Image rechtsradikal zu sein, obwohl sie es ja nicht waren.“[15]

So beschrieb Udo Lange, der damalige Vorsitzende vom Bellaphone Verband und Mitarbeiter bei den Plattenfirmen Virgin/EMI die Situation in dieser Zeit. In der Folge häuften sich Konzertverbote, öffentliche Anschuldigungen von Prominenten (beispielsweise von „Die Ärzte“, „Die Toten Hosen“, Marek Lieberberg oder Michel Friedmann) und Presseberichte, welche die Band einen Hang zum Rechtsextremismus vorwarfen. Stephan Weidner sagte dazu 2004:

„Das, was uns da wiederfahren ist - dafür brauchen wir nicht „Danke“ zu sagen und mich in der Öffentlichkeit als rechtsradikal abstempeln zu lassen und das über 24 Jahre. […] Das ist auch keine gute Publicity! Man sagt ja oft negative Publicity ist auch gute. Aber die wollten nichts anderes als uns fertig machen!“[16]

Dem entgegen steht das Ergebnis der Umfrage auf eben diese Behauptung. 55% sind der Meinung, dass negative Publicity trotzdem eine gute ist. (siehe Abb. 05) Dennoch ist anzumerken, dass diese Frage nicht auf das Thema hin spezifiziert wurde und das Stigma des Rechtsradikalismus ein sehr starkes ist, was für Verkaufszahlen und Sympathien in einer breiten Masse eher hinderlich, als förderlich ist. Festzuhalten ist dennoch, dass jegliche Art von Publicity den Bekanntheitsgrad steigern kann, was auch die Umfrage mit 85% bestätigte. (Abb.06)

Daraufhin versuchte man anhand von Flyern, Pressekonferenzen, Interviews, Auftritten bei antifaschistischen Festivals oder mit Liedern gegen diese Vorwürfe anzukämpfen, was jedoch zu großen Teilen nicht gelang. 1999 stellte die Band ihre Pressearbeit nahezu komplett ein und informierte die Öffentlichkeit über ihren eigenen Fanclub („B.O.S.C.“), ein eigenes Fanzine und über ihre Kunst. Ein letzter großer Versuch der Zusammenarbeit mit den Medien endete 2001 in der Ausstrahlung einer Dokumentation über die Band, welche von dem Musiksender MTV

produziert wurde. Danach gab es nur noch vereinzelte Interviews mit der Fachpresse.

Die Band löste sich 2005 auf und verabschiedete sich nach Alben mit einem Konzert vor 120 000 Menschen. 2014 wurde die Wiedervereinigung der Band bekanntgegeben und mit zwei Konzerten vor 200 000 Menschen zelebriert. Damit hat es die Band geschafft die größte Eigenproduktion Europas in Bezug auf Konzerte aufzustellen. Wie dies trotz der Verweigerung von klassischer PR-Arbeit möglich ist, soll in der Folge geklärt werden.

Dieser Konflikt, welchen die DPRG in ihrer Definition bereits erwähnte, auf diese Band heute noch immer relevant ist, zeigt das Ergebnis der Befragung. 19 von 40 Personen waren der Meinung, dass es sich bei den „Böhsen Onkelz“ um eine tendenziell rechte Band handle. Dem gegenüber steht nur eine knappe Mehrheit. Eine Person gab an sich darüber nicht sicher zu sein. (siehe Abb. 07) Daher steht die Frage im Raum mit welchen Mitteln ein solch starkes Stigma zu überwinden ist.

6. Songtexte als Mittel der Kommunikation mit einer Öffentlichkeit

Geht man davon aus, dass die Kunst, welche ein Musiker beziehungsweise eine Band produziert das direkteste Mittel der PR ist, so ist es wichtig exemplarisch einige Liedtexte zu betrachten, um deren Wirkung für die Öffentlichkeit herauszustellen. Abbildung acht zeigt, dass 45% der Befragten angeben die Band durch ihre Lieder zu kennen. Dies entspricht nicht einmal der Hälfte der Probanden, was zeigt, dass Musik und Kunst nur sehr begrenzt als PR in Hinblick auf Verkaufszahlen, Informationsvermittlung oder ähnlichen dient.

Der Autor dieser Arbeit legt den Liedtexten eine Systematik zugrunde, welche versucht die einzelnen Texte in grobe Kategorien einzuordnen, wobei es zu Schnittstellen zwischen diesen kommen kann. (Abb.09) Für die folgende Betrachtung sollen die emotional-motivierten und fiktiven Texte ausgeklammert werden. Von Bedeutung für die Analyse sind besonders die politischen, medienkritischen und teilweise auch ironisiert-pathetischen Texte. Dies ist sinnvoll, da sich aus diesen drei Teilbereichen Textauszüge der Umfrage (Frage 10) zusammensetzen.

6.1. Politische Texte

Mit ihren politischen Liedern wie „Nenn mich wie du willst“, „Häßlich, brutal und gewalttätig“, „Ohne mich“, „Hass-tler“, „Macht für den der sie nicht will“, „Deutschland im Herbst“ oder „Worte der Freiheit“ versucht die Band entweder gesellschaftlich- politische Themen, wie den Mauerfall, oder sich von politischen Extremen abzugrenzen.

Speziell die zweite Motivation lässt sich aus der Motivation der Klarstellung ableiten. Die Band versuchte mit Liedern gegen rechte oder linke Radikale eine neutrale Stellung zu beziehen und sich von beiden Polen abzugrenzen. Diese Lieder sollen anstelle der Pressearbeit klare Positionen vermitteln und Anhängern aufzeigen, dass Extremisten nicht erwünscht sind. Die Sprache, welche hierfür verwendet wird ist meist eine klare, wenn auch sehr vulgäre.

vor Hass/ Dumm wie Brot/ Ihr habt verschissen / Eure Führer sind tot“ Diese zweite Strophe des Liedes „Ohne mich“, welches 1998 auf dem Album „Viva los tioz“ veröffentlicht wurde, richtet sich insbesondere gegen Rechtsextremisten. Die Band nimmt Bezug auf ihren Wandel weg von der faschistischen Subkultur, der sie einst angehörte und geht nach kurzer Erwähnung eigener Fehler in die Offensive durch Beschimpfung. Falls es rechte Tendenzen innerhalb der Hörerschaft geben sollte, so wird ihre Erwartungshaltung hier gebrochen und sich dieser entgegengestellt. Die erste Strophe des Liedes richtet sich gegen die linke Antifa-Bewegung und wirft dieser Naivität und Blindheit vor. Diese Vorwurfslyrik erstreckt sich über das gesamte Lied, welches im Refrain den Satz: „Ohne mich/ Mich kriegt ihr nicht“enthält. Die Band grenzt sich somit lyrisch von allen Extremen ab und präsentiert sich der Öffentlichkeit als Opposition zu diesen. Die Strategien, welche verwirklicht werden soll, sind Ehrlichkeit und Abgrenzung durch Provokation, hier durch das Stilmittel der Beleidigung. Ähnlich verhält es sich mit dem Stück „Deutschland im Herbst aus dem Jahr 1993.

„Ich höre weiße Geräusche/ Rassenreine Lieder/ Ich höre hirnlose Parolen/ Von Idioten und Verlierern/ Ich hör' die Lügen der Regierung/ Die Lüge eures Lebens /Ich hör' die Lüge über uns/ Ich höre Dich!/ Deutschland im Herbst“

Die letzte Zeile stellt den gesamten, permanent wiederholten, Refrain dar. Der Herbst wird als Metapher für Untergang und den Wandel hin zu Kälte benutzt. Dieses Lied entstand im Kontext zu den Übergriffen auf Asylbewerberheime in Ostdeutschland, bei denen auch Menschen mit T- Shirts der Band gesehen worden sein sollen. Die Band schrieb dazu im Booklet des Best-of- Albums „Gestern war heute noch morgen“: „Nicht weil es gefordert wurde, sondern weil es nötig war“. Die Band verweist damit auf die Erwartungshaltung der Medien und der Öffentlichkeit einen Text gegen Neonazis zu schreiben. Dennoch ist anzumerken, dass dieses Lied nur auf dem Album „Weiß“ zu hören war und demnach eine eher kleine Öffentlichkeit erreichen konnte. Es lässt sich trotzdem feststellen, dass dieses Lied mit hoher Wahrscheinlichkeit von den Fans und Anhängern der Band gehört, oder zumindest registriert, wurde, welche faschistische oder rassistische Tendenzen in ihrem Denken verortet haben. In der breiten Medienlandschaft ist dieses Lied kaum zur Sprache gekommen. Die eher Band- skeptische Punkszene hingegen nahm das Lied durchaus wahr, jedoch wurde die Ernsthaftigkeit und Glaubhaftigkeit der Band in Hinblick auf Kommerzvorwürfe angezweifelt. Sammy Amara, Sänger der Oi!-Punk Band „Broilers“ sagte dazu 2014:

„Man darf nicht vergessen, dass die BÖHSEN ONKELZ mit ‚Deutschland im Herbst‘ einen der wichtigsten Anti-Nazi-Songs überhaupt geschrieben haben. Außerdem hat die Band ein riesiges Potenzial, Jugendliche davon abzubringen rechts zu sein oder rechts zu werden. Was sollen Campino oder ich diesen Kids erzählen? Die bezeichnen uns doch mit diesem grauenhaften Wort ‚Gutmenschen‘. Wenn Stephan Weidner oder die BÖHSEN ONKELZ denen aber etwas sagen, dann hören sie zu, weil diese Band in den Köpfen dieser Leute ankommt.“

Dies zeigt, dass die Wirkung von PR durch Kunst zwar begrenzt ist, aber dennoch wirkungsvoll sein kann, wenn selbst ursprünglich oppositionelle Lager dies einräumen. Ihre Grenze findet die PR Arbeit durch Kunst stets im Interesse des Rezipienten.

6.2. Medienkritische Texte

Die medienkritischen Texte der Band hängen stets mit der eigenen Historie und politischen Diskussionen um die Band zusammen. Dies geschieht innerhalb der Texte meist durch direkte Ansprache einer fiktiven, anonymen Person in der 2. Person Singular. Dadurch wird eine Verallgemeinerung erreicht, welche den Berufsstand des Journalisten in seiner Gesamtheit anprangert:

„Jeder braucht die Zeit/ Die Zeit zum Lernen/ Man kommt nicht auf die Welt/ Und sieht die Dinge, wie sie sind/ Jeder macht mal Fehler/ Große oder kleine/ Jeder macht mal Fehler/ Nur Du machst keine“

„Du bist nicht wie ich/ Wie kannst du für mich reden?/ Du weißt nicht wie ich denke/ Ich leb' mein eigenes Leben/ Du weißt nicht wo ich herkomm'/ Selbst wenn Du es weißt/ Du weißt nicht wie ich fühle/Du weißt nicht was es heißt/ Ich zu sein/ Komm und sag mir was ich meine/ Komm und sag mir wer ich bin/ Analysiere mich, finde nichts/ Und bleib ein dummes Kind“

[...]

Details

Seiten
47
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783956873287
ISBN (Buch)
9783668010161
Dateigröße
656 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v301668
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Kommunikationswissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Böhse Onkelz PR Öffentlichkeitsarbeit Kunst Verweigerung

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Titel: Öffentlichkeitsarbeit der Verweigerung und Kunst. Eine Fallstudie anhand der Band "Böhse Onkelz"