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Oral History. Der Zeitzeuge im schulischen Geschichtsunterricht

Ist es sinnvoll, Berichte von Zeitzeugen im Geschichtsunterricht einzusetzen?

Hausarbeit 2015 20 Seiten

Didaktik - Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist "Oral History"?
2.1 Ursprung und Entwicklung des Begriffs "Oral History"
2.2 Oral History als Methode der Geschichtswissenschaften

3. Erinnerung und Gedächtnis
3.1 Kollektives Gedächtnis
3.2 Kommunikatives und kulturelles Gedächtnis

4. Warum Zeitzeugenberichte im Geschichtsunterricht?

5. Analyse des Nutzens und eventuell auftretender Probleme
5.1 Videoaufnahmen/Dokumentationen
5.1.1 Nutzen von Videoaufnahmen/Dokumentationen als Zeitzeugenbericht
5.1.2 Probleme beim Einsatz im Unterricht
5.2 Audioaufnahmen
5.2.1 Nutzen von Audioaufnahmen als Zeitzeugenbericht
5.2.2 Probleme beim Einsatz im Unterricht
5.3 Geschriebene Zeitzeugenberichte
5.3.1 Nutzen geschriebener Zeitzeugenberichte
5.3.2 Probleme beim Einsatz im Unterricht
5.4 Ein Zeitzeuge als „lebendige Quelle“ vor einer Schulklasse
5.4.1 Nutzen eines realen Zeitzeugen im Unterricht
5.4.2 Probleme beim Einsatz eines realen Zeitzeugen im Unterricht

6. Schlussbetrachtung

7. Literaturverzeichnis
7.1 Printmedien
7.2 Internetquellen
7.3 Zeitschriften

1. Einleitung

„In der Erinnerung gibt es keine Grenzen; nur im Vergessen liegt eine Kluft, unüberwindlich für eure Stimme und euer Auge.“

So beschrieb der libanesische Dichter Gibran in seinem Werk „Im Garten des Propheten“ den Begriff, um den es hier in dieser Hausarbeit gehen soll. Nun, was meinte Gibran konkret damit?

Für ihn würden einstige Erlebnisse nur durch Erinnern wieder lebendig, „nur durch ihr Andenken g[ing]en sie nicht verloren und nur durch Begegnungen bl[ie]ben sie vermittelbar.“ (Baumann, o. J.).

Jeder Mensch hat wohl diese Situation der Teilhabe an den Geschichten anderer Menschen schon einmal erlebt: „Erzählungen, Fotos, Tagebücher oder andere mit Erinnerung[en und Erfahrungen] aufgeladene Gegenstände lassen uns eintauchen in eine unbekannte, neue Welt – wenn man es denn schafft jemandem oder etwas seine Geschichte zu entlocken.“ (vgl. ebd.).

Jedes Kind hat auch seinen Eltern oder Großeltern zumindest einmal die Frage gestellt, wie es früher denn so war.

Und hier kommt nun die Wissenschaft ins Spiel, denn seit „einiger Zeit hat […] [die Wissenschaft] diese doch recht persönliche Fragestellung entdeckt. Mit einher geht die Diskussion um die Anerkennung einer wissenschaftlichen Methode, der Oral History“ (vgl. ebd.).

Dieser Begriff „Oral History“ geht zurück auf die Ethnologie, wo Kulturen, die eine rein mündliche Überlieferung und keine Schriftkultur haben, als „Oral Traditions“ oder „Oral Societies“ bezeichnet werden. In solchen Gesellschaften ist die mündliche Überlieferung oft in ritualisierter Form die einzige bestehende Geschichte und nimmt als solche einen viel größeren Stellenwert als mündliche Überlieferung in westlichen Industrienationen ein.

Das Vokabular aus der Ethnologie wird jedoch in der Geschichtsforschung in einen völlig anderen Zusammenhang gebracht: ‘Diachrones Interview’, ‘Erinnerungsinterview’, ‘Oral-History-Interview’, ‘biografisches Interview’ – dies alles sind unterschiedliche Bezeichnungen für die gleiche Methode, nämlich diejenigen Personen, die an Ereignissen, Epochen und Entwicklungen, die erforscht werden sollen, selbst teilgenommen haben, ihre Erinnerungen erzählen zu lassen.

In dieser Praxis-Hausarbeit im Modul G 5 soll der Fokus speziell auf dem schulischen Geschichtsunterricht liegen. Insbesondere soll die Frage beantwortet werden, ob es sinnvoll ist, Zeitzeugen in den schulischen Geschichtsunterricht einzuladen oder auch deren Berichte als schriftliches, visuelles oder auditives Quellenmaterial in den Unterricht zu integrieren. Der Schwerpunkt der Analyse soll auf dem Besuch eines Zeitzeugen - zum Beispiel auf Einladung eines Lehrers - im Unterricht liegen.

Anderes Quellenmaterial, das auf der Grundlage von Zeitzeugenberichten erstellt wurde, soll im Zusammenhang dieser Hausarbeit nur kurz angesprochen und erläutert werden.

Didaktische sowie bildungspädagogische Elemente sollen in dieser Hausarbeit weitestgehend vernachlässigt werden, da diese eine tiefere Analyse benötigen, um zufriedenstellende Ergebnisse zu erzielen. Diese sollen zum einen aufgrund der Beschreibung des Moduls G 5 und zum anderen aufgrund der benötigten Komplexität hier nicht weiter behandelt werden.

Nachfolgend möchte ich die Vorgehensweise erläutern, um die Kernfrage dieser Hausarbeit beantworten zu können.

Zunächst soll die Begrifflichkeit „Oral History“ erläutert und der Mensch als lebendige Quelle fokussiert werden. Ferner soll darauf eingegangen werden, welche Bedeutung die Methode „Oral History“ für die moderne Geschichtswissenschaft hat.

Um sich der Kernfrage zu nähern, ist es nach diesem Abschnitt unabdingbar, den Fokus auf den Menschen als „lebendige Quelle“ zu legen. Hierzu soll eine Analyse der Zweckmäßigkeit diverser möglicher Quellen den Einsatz von Zeitzeugen im Geschichtsunterricht be- oder widerlegen. Dazu sollen konkrete Beispiele aus den jeweilig genannten Arten von Zeitzeugenberichten ebenfalls analysiert werden. In erster Linie soll auf die mögliche, potenzielle Beeinflussung bei der Entstehung der „Quelle“ eingegangen sowie die daraus resultierende Problematik hierbei beleuchtet werden.

Es folgt eine abschließende Schlussbetrachtung, in der die Vorgehensweise und die Ergebnisse dieser Arbeit noch einmal zusammenfasst werden. Abschließend soll die Kernfrage dieser Hausarbeit unter Einbezug der Ergebnisse beantwortet werden. Doch zunächst muss geklärt werden, wie der Begriff der „Oral History“ überhaupt definiert wird.

2. Was ist "Oral History"?

2.1 Ursprung und Entwicklung des Begriffs "Oral History"

Bereits lange vor der eigentlichen „Oral History“ hat es schon das Sammeln und Verschriftlichen von mündlichen Berichten zu mehr oder weniger zurückliegenden Ereignissen gegeben.

Lediglich die Absichten waren hierbei andere als typischen Erfahrungs- und Erinnerungsmustern auf die Spur zu kommen (vgl. zur Geschichte der Oral History: Niethammer 1979; Niethammer 1985; u. a.).

Zum Beispiel verhörte Bischof Jacques Fournier zwischen 1318 und 1325 rund 500 „ang eklagte“ Häretiker aus Montaillou, einem Dorf in den Pyrenäen.

Ungefähr 650 Jahre später benutzte der französische Historiker Emmanuel LeRoy Ladurie die einst angefertigten Protokolle, um in seinem Buch „Montaillou“ (1979) das damalige Alltagsleben und die Mentalität der Dorfbewohner zu rekonstruieren (vgl. Henke-Bockschatz, 2014).

Ähnlich wie Ladurie verwendete der amerikanische Historiker John C. Dann Zeitzeugenberichte für sein Buch über den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1977). Diese wurden ursprünglich im Jahre 1832 aufgeschrieben, um stattliche Pensionsansprüche von Kriegsteilnehmern begründen zu können (vgl. Ritchie, 2003).

Beide genannten Bücher basieren auf einer großen Zahl mündlicher Berichte, die schriftlich fixiert worden sind.

Auch in anderen Forschungsbereichen wie den Geistes- und Sozialwissenschaften wurden lange vor der Einführung der Begrifflichkeit „Oral History“ Zeitzeugenberichte als gängige Forschungsmethode genutzt.

So nutzen Psychologen das „Erzählte“ ihrer Patienten, um deren Gesundheitszustand zu interpretieren, um tieferliegende Leiden ebendieser zu verstehen und zu lindern. Diese Art der „Oral History“ ist jedoch zu einem sehr spezifischen Nutzen bestimmt und wohl kaum in gleichem Maße wie die Geschichtswissenschaft daran interessiert, mittels Interviews etwas über die Besonderheit früherer Ereignisse und Verhältnisse herauszufinden (vgl. Wierling 2003).

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kam es in Amerika zu Bestrebungen, mündliche Überlieferungen spezieller Gruppen, insbesondere der Native Americans, aufzunehmen und somit zu speichern. Während der großen Depression in den 1930er-Jahren wurden arbeitslose Schriftsteller damit beauftragt, die Lebensgeschichten einfacher Bürger aufzuzeichnen. Ähnliches wurde auch im Zweiten Weltkrieg veranlasst, wo demnach Militärhistoriker „lebendige“ Schilderungen der Tagesereignisse nach unmittelbaren Kämpfen aufnehmen sollten (vgl. Ritchie 2003, 21f.)

Im Jahr 1948 gründete die University of Columbia das Columbia Oral History Office. Im gleichen Zug wurde in den Vereinigten Staaten damit begonnen, Tätigkeiten von Eliten wie Politikern, Senatoren, Wirtschaftsbossen und anderen hochrangigen Personen für die Nachwelt zu erhalten. Hier wurden insbesondere enge Mitarbeiter befragt und das Gesagte dokumentiert (vgl. Henke-Bockschatz, 2014).

Seit den 1970er-Jahren wurde die „Oral History“ verstärkt als „Geschichte von unten“ verstanden und eingesetzt. Dies wiederum bedeutete auch diejenigen Menschen zu Wort kommen zu lassen, die sozial oder auch gesellschaftlich als benachteiligt galten. Es widmeten sich diesem Anliegen nicht so sehr professionelle Historiker als vielmehr eher laienhafte „Historiker“, die sich in lokal organisierten „Geschichtswerkstätten“ zusammenfanden (vgl. ebd.).

Technische Innovationen, wie die Erfindung und Verbreitung tragbarer Audio- und Videorekorder, begünstigten das Vorhaben die Aussagen von Zeitzeugen zu „sammeln“ und letztenendes zu dokumentieren (vgl. ebd.).

Das „LUSIR-Projekt“ (Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet 1930-1960) fand in der Bundesrepublik Deutschland besondere Beachtung. Hier wurden Zeitzeugeninterviews mit Bürgern aus allen sozialen Schichten des Ruhrgebietes geführt (vgl. Niethammer 1985). Diese werden bis dato nachhaltig ausgewertet, transkribiert und der Forschung zugänglich gemacht.

2.2 Oral History als Methode der Geschichtswissenschaften

Ein wichtiger Aspekt der „Oral History“ ist nicht das Interview im „klassischen Sinne“. Es sollen dem Zeitzeugen nach Möglichkeit keine Fragen im eigentlichen Interview-Stil gestellt werden. Vielmehr geht es darum, den Zeitzeugen einfach das Erlebte erzählen zu lassen. Niethammer formuliert das Prinzip des „Oral History-Interviews“: „Dem Gesprächspartner wird Raum zur Entfaltung seiner eigene[n], selbst strukturierten Erzählung gegeben.“ (Obertreis, 2011).

Dennoch galt die „Oral History“ unter einigen Historikern nicht nur aufgrund angezweifelter wissenschaftlicher Relevanz und Misstrauen gegenüber der Erinnerungsleistung des Menschen als fragwürdige „Quelle“.

Mehr noch scheint Kritikern die intersubjektive Überprüfbarkeit der Ergebnisse unsicher, da der Historiker an der Produktion seiner Quellen mehr oder weniger direkt beteiligt ist. Allein aus diesem Grund ist es unumgänglich, Gespräche mit Zeitzeugen gründlich vorzubereiten.

Das Hauptinteresse in Zeitzeugeninterviews liegt nicht auf historischen Informationen. Vielmehr gilt es, das einst persönlich Erlebte, die eigene Wahrnehmung und zuletzt die Verarbeitung der vergangenen Strukturen kritisch zu reflektieren und diese anhand von historisch gesicherten Quellen zu überprüfen (vgl. Murken, o. J.). Der Vorteil der „Oral History“ liegt dennoch klar auf der Hand:

„Als Interpretation beansprucht sie lediglich Laienstatus und unterscheidet sich von der gleichnamigen geschichtswissenschaftlichen Forschungsoperation, die einerseits als ein intersubjektiv überprüfbares Verfahren gelten kann und deren Aussagen andererseits den Regeln der Quellenkritik standhalten müssen. Einer solchen qualitativen Interpretation können auch die Zeitzeugeninterviews unterzogen werden, wenn es darum geht, ihre Geschichte auf den historischen Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen." (ebd.)

Somit erfüllt ein Zeitzeuge mindestens zwei wichtige Funktionen:

1.) Historische Quellen können anhand der Aussagen des Interviewten kritisch geprüft und deren Wahrheitsgehalt bestätigt werden und

2.) das Interview gibt eventuelle neue, bisher unbedachte Fragen auf, woraus sich ein neuer Forschungsansatz ergibt.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die „Oral History“ eine hermeneutische Methode zur Produktion und Bearbeitung mündlicher Quellen ist. Sie wird als eigene Forschungsrichtung mit spezifischen Inhalten verstanden, kann aber auch nur Teil einer umfassenderen historischen Forschung sein.

Da diese Disziplin auf Erinnerung, Erleben und der Verarbeitung von Ereignissen basiert, erfolgt nun eine Darstellung der Gedächtnistypen nach Aleida Assmann.

3. Erinnerung und Gedächtnis

Damit Zeitzeugeninterviews besser verstanden werden können, ist es unumgänglich einige kurze Ausführungen zu der Thematik des Erinnerns und des Gedächtnisses zu machen. Nachfolgend soll kurz auf drei verschiedenen Arten des Gedächtnisses eingegangen werden.

[...]

Details

Seiten
20
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783956872884
ISBN (Buch)
9783668003859
Dateigröße
732 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v301592
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Kulturwissenschaften
Note
Schlagworte
Zeitzeugen; Oral History; Schule; Unterricht; Berichte von Zeitzeugen; Geschichtsunterricht;

Autor

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