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Entwicklungstheorien. Darstellung und kritische Beleuchtung der Modernisierungstheorie

Hausarbeit 2015 16 Seiten

Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Definition
1.1 Entwicklung
1.2 Entwicklungstheorie

2 Großtheorien
2.1 Dependenztheorie
2.2 Modernisierungstheorie
2.2.1 Definition
2.2.2 Modernisierungstheorie nach Walt Whitman Rostow
2.2.3 Diskussion und Kritik der Modernisierungstheorie
2.3 Kritik der Großtheorien

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung

"Es gibt keinen für alle Kontinente und Ländergruppen mit verschiedenen Strukturproblemen passenden entwicklungstheoretischen Universalschlüssel. Unterentwicklung ist ein vielschich- tiger Zustand und Prozess, der nicht mit griffigen Formeln erfasst werden kann“ (Nuscheler 2012, S.155); so schreibt der Politikwissenschaftler Franz Nuscheler. Mit diesem Zitat bringt er eine Problematik zu Tage, mit der sich die Entwicklungstheorie seit einiger Zeit beschäftigen muss; denn Entwicklungstheorien den Charakter von Großtheorien zuzuschreiben, bringt inso- fern seine Schwierigkeiten mit sich, da Großtheorien für sich den Anspruch besitzen, mithilfe eines Maximums an empirisch fundiertem Wissen universell gültig Lösungsansätze zu finden; dieser allgemeingültige Anspruch kann jedoch, aufgrund der Vielzahl von unterschiedlichen Bedingungen der unterentwickelten Länder von Entwicklungstheorien nicht erfüllt werden.

Und auch wenn sich die Modernisierungstheorie unter allen Erklärungsansätzen bis heute durchgesetzt hat, so muss dies keinesfalls heißen, dass sie universell gültig und die einzig wahre Entwicklungstheorie ist. Es könnte auch lediglich bedeuten, dass diese Theorie in einem Gebiet, das nur wenig erfolgreiche Ansätze hervorgebracht hat, sich als am erklärungsstärksten erwie- sen hat.

Genau aus diesem Grund soll die folgende Arbeit die Modernisierungstheorie nicht nur ausführlich darstellen und erläutern, sondern diese auch kritisch beleuchten und durch Ansätze der Dependenztheorie, welche als Gegenparadigma zur Modernisierungstheorie betrachtet werden kann, erweitert werden.

Als Reaktion auf die Aussagen und Meinungen zahlreicher Forscher und Politiker, welche die Zeit der Großtheorien im Bereich der Entwicklungstheorie und so auch die der Modernisierungstheorie als beendet betrachten, soll hier die Frage geklärt werden, ob Entwicklungstheorien und insbesondere die Modernisierungstheorie als deren bekanntester Vertreter den heutigen Ansprüchen gerecht werden.

Haben die Entwicklungstheorien in einer Welt, die noch immer stark von Entwicklung, Unterentwicklung und ungleicher Ressourcenverteilung geprägt ist, allgemein versagt oder scheint nur die Modernisierungstheorie als bisher erklärungskräftigste Theorie nicht mehr als Grundlage für zahlreiche entwicklungspolitische Handlungen und Operationen zu dienen?

1 Definition

1.1 Entwicklung

Der Begriff der Entwicklung, als Gegenteil zur Unterentwicklung, scheitert daran, dass er Äweder vorgegeben noch als allgemeingültig definierbar noch wertneutral, sondern abhängig von Raum und Zeit sowie insbes[ondere] von individuellen und kollektiven Wertvorstellungen“ (Nohlen/Band 1, 2010, S.206) geleitet ist. Es handelt sich hierbei also um einen Änormative[n] Begriff, [der u.a. von] Vorstellungen über die gewünschte Richtung gesellschaftl[icher] Veränderungen [und] Theorien über die Ursachen von Unterentwicklung“ (Nohlen/Band 1, 2010, S.206) geprägt ist. ÄWachstum, Wandel [und] Unabhängigkeit [sind dabei zentrale Begriffe, die versuchen die] konkurrierenden Entwicklungstheorien, Modernisierung[s- und Dependenztheorie,] zu verknüpfen“ (Nohlen/Band 1, 2010, S.207).

Ein weiterer Definitionsansatz versucht von den Bedürfnissen der Menschen her zu argumentieren und beschreibt Entwicklung als ÄVerbesserung der Lebensbedingungen der Masse der Bevölkerung“ (Nohlen/Band 1, 2010, S.207).

Das Ämagische Fünfeck des Entwicklungsbegriffes“ von D. Nohlen und F. Fischer versucht den weitläufigen Begriff Entwicklung in wenigen Aspekten zusammenzufassen und vereint so die verschiedenen Ansätze in sich. Der Faktor ÄWachstum“, bezogen auf Wirtschaft und Finanzen greift den modernisierungstheoretischen Ansatz auf, während mit der Begrifflichkeit ÄUnab- hängigkeit“ von anderen Staaten den Dependenztheoretikern Rechnung getragen wird. Das Recht auf ÄArbeit“ und die Möglichkeit der beruflichen Verwirklichung drückt die Idee der Befriedigung der Grundbedürfnisse aus. Hinzu kommen nun noch die beiden Aspekte ÄPartizi- pation“ (aktiv oder passiv) und ÄGleichheit“ (vor Gerichten, zwischen Geschlechtern, Rasse, Religion und Herkunft). Neueste Entwicklungen sorgten dafür, dass aktuell noch Äökologische Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein“ als sechster, stark zukunftsorientierter Faktor addiert wurde (vgl. Nohlen/Band 1, 2010, S.206).

1.2 Entwicklungstheorie

Nach Nohlen und Nuschelers Definition handelt es sich bei Entwicklungstheorien um ÄTheo- rien, welche den Entwicklungsprozeß der […] Staaten der Dritten Welt in seinen Vorausset- zungen, darunter den Ursachen der Unterentwicklung, und in seinen Merkmalen zu erklären versuchen sowie in starker Praxisorientierung in Form von Entwicklungsmodellen und Ent- wicklungsstrategien auf Veränderung der gesellschaftlichen Wirklichkeit abzielen“ (Noh- len/Band 1, 2010, S.210).

Entwicklungstheorien sind somit sowohl empirisch-analytisch als auch normativ. Sie besitzen den Anspruch die Realität zu systematisieren und damit Erkenntnis zu schaffen um im besten Fall wirkungsvolle Handlungsanweisungen und Empfehlungen zur Beschleunigung des Fortschritts in unterentwickelten Ländern und Gebieten zu geben (vgl. Stockmann/Menzel/Nusche- ler 2010, S.16). Die normative Orientierung auf ein in der Zukunft liegendes gewünschtes Ziel sorgt dafür, dass Entwicklungstheorien keinesfalls wertfrei oder objektiv sein können. Die geforderte Objektivität kann dabei lediglich durch die empirische Komponente in Form von Beobachtungen und Beschreibungen erfüllt werden (vgl. Fischer 2008, S.12).

2 Großtheorien

2.1 Dependenztheorie

Die Dependenztheorie als Gegentheorie zur Modernisierungstheorie zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie die Verursachung von Unterentwicklung in exogenen Faktoren sieht. Ih- ren Ursprung hat die Theorie in der These, die besagt, dass der europäische Reichtum auf dem Imperialismus und der Ausbeutung der besetzten Länder gründet (vgl. Nohlen/Band 1, 2010, S. 158).

Von großer Bedeutung ist dabei auch das ÄZentrum-Peripherie-Modell“, welches die Abhän- gigkeitsbeziehungen in der gegenwärtigen Weltgesellschaft versucht zu analysieren. Das Mo- dell geht davon aus, dass die Industrienationen, welche als Zentrum bezeichnet werden, die unterentwickelten Länder, welche durch die Peripherie symbolisiert werden, sowohl wirtschaft- lich als auch politisch dominieren, in Abhängigkeit halten und deren Entwicklungschancen u.a. durch ungleiche Handelsbedingungen beeinträchtigen (vgl. Nohlen/Band 2, 2010, S.1247).

Im Gegensatz zur Modernisierungstheorie folgt die Dependenztheorie demzufolge makrosozi- ologischen Forschungslinien und versucht Strukturfragen zu klären (vgl. Nohlen/Band 1, 2010, S. 627).

2.2 Modernisierungstheorie

2.2.1 Definition

Modernisierungstheorien beschäftigen sich weniger mit der Frage der Verursachung von Unterentwicklung, sondern gehen direkt von dem Tatbestand der Unterentwicklung aus und sind auf der Suche nach jenen Faktoren, die eine Gesellschaft daran hindern, sich weiter zu entwickeln (vgl. Nohlen/Band 1, 2010, S. 626).

Sehr charakteristisch für Modernisierungstheorien ist dabei die Tatsache, dass Hinderungsfak- toren hauptsächlich endogenen Ursprungs sind, Modernisierung somit als interne Leistung der Gesellschaft angesehen und Äeine Eigenleistung der in diesem Prozeß begriffenen Gesellschaften“ (Berger 1996, S. 47) darstellt.

Des Weiteren gehen die Modernisierungstheorien davon aus, dass sich Ädie einzelnen Züge der Modernisierung […] wechselseitig [unterstützen und die so entstehenden] Modernisierungsprozesse in einem gemeinsamen Ziel“ (Berger 1996, S. 46) konvergieren. Beginnt der Modernisierungsprozess demnach in einem Land, so sehen Modernisierungstheorien keine Bedenken darin, dass sich dieser positive Trend fortsetzen wird.

Eine weitere zentrale These ist jene, die besagt, dass die Vorläufer die Nachzügler nicht behindern, also die Industrienationen den unterentwickelten Ländern bei dem Prozess der Modernisierung nicht im Wege stehen (vgl. Berger 1996, S. 46).

Modernisierung im Kontext der Modernisierungstheorien ist außerdem ein Ämultidimensiona- ler Vorgang [bei welchem sich] verschiedene Aspekte - Industrialisierung, Demokratisierung, Säkularisierung - […] zu einem umfassenden Wandlungsprozeß zusammen“ (Berger 1996, S. 10) fügen; Modernisierung wird dabei als Äein soziale[r] Prozess [bezeichnet], in dem die Struk- turen [großer] sozialer Systeme [wie Gesellschaften] in einen Zustand versetzt werden, der ihnen eine im Vergleich zur Vergangenheit als besser beurteilte Umweltbewältigung und Ge- staltung der Lebensbedingungen ermöglicht“ (Görlitz/Prätorius 1987, S. 309f).

Die darin enthaltene Wertung vom Besseren bezieht sich dabei auf das Neue, Effektivere und Wirksamerer und ruft eine Unterscheidung zwischen ÄTradition und Moderne [als] Ausgangsund Endpunkt des Weges, den die Entwicklungsgesellschaften zu durchlaufen haben“ (Nohlen/Band 1, 2010, S. 626) hervor. Somit ist nicht das jeweils Modernste der Gegenstand der Modernisierungstheorien, sondern die Fähigkeit der Sozialsysteme den Fortschritt zu institutionalisieren (vgl. Görlitz/Prätorius 1987, S. 309). Unterentwickelte Gesellschaften sind somit Übergangsgesellschaften auf dem Weg von der Tradition zur Moderne.

2.2.2 Modernisierungstheorie nach Walt Whitman Rostow

Der amerikanische Ökonom und Wirtschaftshistoriker Walt Whitman Rostow entwickelte un- ter dem Titel ÄThe Stages of Economic Growth“ in den 1960er Jahren eine Stufentheorie, wel- che bis heute zu den anerkanntesten Modernisierungstheorien zählt. Trotz seiner durch den Un- tertitel ÄA Non-Communist Manifesto“ erkennbaren Bekenntnis zur Strömung des Kapitalis- mus, lassen sich in seiner Theorie einige Parallelen zu Karl Marx‘ Thesen herstellen (vgl. Fi- scher 2008, S.39).

Obwohl seine Theorie starken wirtschaftlichen Charakter besitzt, macht Rostow deutlich, dass Gesellschaften interagierende Organismen seien, und wirtschaftliche Entwicklung auf sozialen und politischen Veränderungen basiere (vgl. Rostow 1971, S. 2f).

Rostows fünf Stufen sind universell, d.h. sie bauen aufeinander auf und werden von jedem Land, deren Gesellschaft sich von einer traditionellen zu einer modernen Gesellschaft entwickelt, in derselben Reihenfolge durchlaufen; es kann also keine Stufe wiederholt oder übersprungen werden (vgl. Hauck 2003, S. 84).

Das erste Stadium, das der Ätraditionelle[n] Gesellschaft“ (vgl. Fischer/Hödl/Sievers 2008, S. 40), ist vor allem von Produktionsobergrenzen gekennzeichnet, was jedoch keinesfalls eine sta- tische Gesellschaft zu bedeuten haben muss; Fortschritte in Produktion und Wirtschaft sind möglich, die erreichbare Produktion pro Kopf ist jedoch nach oben begrenzt. Dies beruht vor allem auf der Tatsache, dass nicht genügend Möglichkeiten zur Produktionsentwicklung vor- handen sind oder diese nicht regelmäßig und effektiv genutzt werden (vgl. Rostow 1971, S. 4).

Typisch für eine traditionelle Gesellschaft ist außerdem, dass sie sowohl auf vornewtonscher Wissenschaft und Technik, als auch auf solchen Wertevorstellungen und Haltungen basiert. Newton wird hierbei als ein ÄSymbol für jenen Wendepunkt [gesehen, an welchem] Menschen schließlich allgemein […] zu glauben begannen, dass die Außenwelt einigen wenigen ergründbaren Gesetzen unterliege“ (Fischer/Hödl/Sievers 2008, S. 40).

Des Weiteren sind sowohl die Produktion, als auch der Handel eines Staates in diesem Stadium von starken Schwankungen betroffen. Die Gründe dieser Schwankungen liegen in der starken Beeinflussung durch externe Faktoren wie Krieg oder Seuchen; diese können das gesamte System stark ins Schwanken bringen (vgl. Rostow 1971, S. 4f). Gleichzeitig sind sowohl Produktion als auch Handel ebenfalls stark von der Regierung und deren Handlungen und Entscheidungen abhängig. Diese Abhängigkeit von der Regierung drückt sich auch in den vorherrschenden politischen Strukturen traditioneller Gesellschaften aus. Obwohl in solchen Gesellschaften nicht selten zentrale politische Herrschaften vorzufinden sind, liegt der Schwerpunkt der Macht noch immer in den Händen jener, die Land besitzen. Diese Landbesitzer, welche mit regionaler Macht ausgestattet sind, besitzen meist einen starken Einfluss auf die Zentralregierung, wodurch diese stark geschwächt wird (vgl. Rostow 1971, S. 5).

Außerdem ist eine traditionelle Gesellschaft von Älangfristigem Fatalismus“ (Fischer/Hödl/Sie- vers 2008, S. 41) geprägt. Darunter versteht man, dass die Enkelkinder mit der gleichen Ausgangslage konfrontiert werden, wie es die Großeltern auch schon wurden, und nur selten vertikale Mobilität vorzufinden ist.

[...]

Details

Seiten
16
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668011182
ISBN (Buch)
9783668011199
Dateigröße
691 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v301457
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,3
Schlagworte
Entwicklungstheorien Modernisierungstheorie Dependenztheorie

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