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Die Fertilitätsintention von Frauen in Deutschland und den Niederlanden

Eine Untersuchung arbeitsbezogener Einflussfaktoren auf die Intention ein Kind zu bekommen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 22 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Stand der Forschung und Hypothesen

3 Daten und Operationalisierung
3.1 Abhängige Variable
3.2 Unabhängige Variablen
3.2.1 Arbeitsbelastung
3.2.2 Stress
3.2.3 Untypische Arbeitszeiten
3.2.4 Kontrollvariablen
3.3 Fehlende Werte

4 Analyse
4.1 Häufigkeiten
4.2 Logistische Regressionsanalyse

5 Ergebnisse

6 Zusammenfassung der Ergebnisse
6.1 Diskussion
6.2 Ausblick

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Mit einer Geburtenrate von 8,4 lebend geborenen Kindern pro 1000 Einwohner in Deutschland bleibt das Land deutlich unter dem internationalen Durschnitt von 10,4 Geburten (vgl. Eurostat 2013a: 3). Zwar bleibt die Zahl der Geburten in den letzten drei Jahrzehnten in Deutschland relativ konstant, dennoch ist sie minimal sinkend (vgl. Pötzsch, Weinmann & Haustein 2013: 8).

Neuere Studien versuchen diesen Rückgang der Geburtenraten auf internationaler Ebene zu erklären. Sowohl die Politik als auch die Presse weisen darauf hin, dass es wichtig wäre, sich die Frauen anzusehen, die im geburtsfähigen Alter sind. Im Fokus dieser Diskussionen um die sinkenden Geburten sind zumeist erwerbstätige Frauen, die gezwungen sind sich zwischen einer Karriere oder der Familie zu entscheiden. In Deutschland steht nicht mehr das aus den 1950er Jahren vorherrschende bürgerliche Familienmodell im Fokus, welches vorsah, dass der Ehemann arbeitete und die Frau sich um den Haushalt kümmerte (Philipov 2011: 7). Es hat ein sozialer Wandel stattgefunden, der eine Vielfalt von neuen Lebensformen mit sich brachte (vgl. Hradil 2004: 113). Frauen können sich durch diesen Wandel selbstverwirklichen, durch die Bildungsexpansion eine bessere schulische Ausbildung genießen und selbst entscheiden, wie sie ihr Leben führen wollen (ebd.: 94). Dieser Wandel bringt aus politischer Sicht das politische Problem mit sich, dass viele Frauen sich entscheiden eher zu arbeiten als eine Familie mit (vielen) Kindern zu gründen. Dies führte bisher und wird vermutlich auch in Zukunft zu einem Rückgang der Geburten führen.

Im Jahr 2011 beteiligten sich 71% der Frauen und 81% der Männer im Alter von 20 bis 64 Jahren am deutschen Arbeitsmarkt (vgl. Mischke & Wingerter 2012: 9). Daraus lässt sich schließen, dass anteilsmäßig fast gleichviele Frauen und Männer am Arbeitsmarkt tätig sind, die Männer jedoch leicht dominieren.

Die Politik und Presse äußern des Öfteren die Annahme, dass Frauen eine Entscheidung zwischen der Erwerbstätigkeit und ihrer Karriere und der Gründung einer Familie treffen müssten. Es besteht die Annahme, dass Frauen sich eher für die Karriere als für ein Kind entscheiden und es keine Möglichkeit für sie gibt, die Karriere und eine Familiengründung zu vereinbaren (vgl. Schröder 2006:1).

Basierend auf der Annahme, dass Frauen von ihrer Erwerbstätigkeit systematisch beeinflusst werden, wenn die Frage der Fertilitätsintention gestellt wird, wird in dieser Arbeit untersucht, welche arbeitsbezogenen Faktoren einen tatsächlichen Einfluss haben.

Es wird angenommen, dass Frauen, die einer Erwerbstätigkeit nachgehen und im geburtenfähigen Alter sind (18-45 Jahre) und sich gegen ein Kind entscheiden, von arbeitsbezogenen Faktoren wie Stress am Arbeitsplatz, die Arbeitsbelastung und atypischen Arbeitszeiten beeinflusst werden.

Im weiteren Verlauf dieser Arbeit wird ein theoretischer Rahmen gespannt. Auf der Basis dieser Studien werden sodann Hypothesen aufgestellt, die mittels erster deskriptiver und später mittels einer logistischen Regression getestet werden. Die Datengrundlage bietet der European Social Survey, Runde fünf aus dem Jahr 2010. In dieser logistischen Regression wird aufgrund der kleinen Stichprobe für Deutschland (N=275) auch die Niederlande mit in das Modell aufgenommen (N=223), sodass die Stichprobe 498 Personen umfasst. Die Niederlande wird deshalb mit in die Analyse mit einbezogen, da die Voll- und Teilzeitmodelle sich in beiden Ländern ähneln. Auch in den Niederlanden nehmen 71% der Frauen einen Platz am Arbeitsmarkt ein, ähnlich wie auch in Deutschland, gehen anteilsmäßig mehr Männer (83%) als Frauen zwischen 20 bis 64 Jahren einer Beschäftigung nach (vgl. Mischke & Wingerter 2012: 9). Zwar arbeiten mehr niederländische Frauen gegenüber deutschen Frauen eher in Teilzeit (im Jahr 2011 lag der Wert bei 49,1%) als in Vollzeit (vgl. Eurostat 2013b), jedoch gehen sie häufiger untypischen Arbeitszeiten nach (vgl. Konle-Seidl & Eichhorst 2008: 63).

2 Stand der Forschung und Hypothesen

Der Zusammenhang zwischen der Erwerbsarbeit und der Fertilitätsintention von Frauen in europäischen Ländern wird in unterschiedlichen Studien untersucht. Viele dieser Studien bleiben in ihrer Untersuchung allerdings oberflächlich und rein demographisch (siehe hierzu auch Čipin & Međimurec 2013: 2). In diesem Kapitel sollen einige Studien vorgestellt werden, die eine strukturelle Untersuchung zum Zusammenhang zwischen der Erwerbsarbeit und der Fertilitätsintention vornehmen. Diese beschränken sich jedoch nicht auf Deutschland, da die meisten Studien länderübergreifend durchgeführt werden.

Čipin und Međimurec (2013) sind der Ansicht, dass Eltern bei der Planung von Kindern vor allem von ökonomischen Einflüssen (Zeit und Geld) abhängig sind, aber auch soziale und psychologische Umstände berücksichtigen müssen. Alleinstehende Frauen aber auch Partner überlegen sich, ob ihre Ressourcen ausreichen, um ihrem Kind ein gutes Leben schenken zu können – dies machen sie nicht nur von aktuellen Situationen abhängig, sondern planen soweit, dass sie ihrem Kind lebenslang eine solide Grundlage bieten können (vgl. Čipin & Međimurec 2013:3). In ihrer Studie finden die Autoren heraus, dass Frauen, die untypische Arbeitszeiten haben, z.B. nachts oder am Wochenende arbeiten, eher kein Kind möchten als Frauen, die reguläre Arbeitszeiten haben (vgl. Čipin & Međimurec 2013: 16). Die Autoren nehmen an, dass dies eng mit dem Zugang zur formalen Kinderbetreuung zusammenhängt. Die formale Kinderbetreuung wird oftmals nicht an Wochenenden oder zu Abendstunden angeboten. Familien werden gezwungen, informelle Kinderbetreuer zu engagieren oder auf Kinder zu verzichten, wenn sie keine Zeit haben um sich um die Kinder zu kümmern oder nicht von informellen Kinderbetreuern abhängig sein wollen.

Begall und Mills (2010) nehmen an, dass die wöchentliche Arbeitszeit (Voll- oder Teilzeitarbeit), Jahre im Bildungssystem und eine Partnerschaft gute Prädiktoren sind, um zu testen, ob eine Frau die Intention hat ein Kind zu bekommen oder nicht (Begall & Mills 2010: 449). Weiterhin gibt es, nach Meinung der Autorinnen, Unterschiede zwischen Frauen, die schon ein Kind haben und Frauen, die noch keine Kinder haben (vgl. ebd. 449). Die von den Autorinnen produzierten Ergebnisse lassen darauf schließen, dass the ‘objective’ indicators of labour market position and conditions (labour force experience, working hours, educational attainment of a woman […], prevalence of part-time work, etc.) are strong predictors of the intention to become a mother“. (Begall & Mills 2010: 450)

Es gibt demnach nicht nur wichtige demographische Einflüsse, sondern auch arbeitsbezogene Faktoren, wie die wöchentliche Arbeitszeit oder die Konditionen am Arbeitsplatz, die eine Fertilitätsintention vorhersagen können. Philipov (2011) macht auf ein Phänomen aufmerksam, welches er als die „rush hours of life“ bezeichnet (vgl. Philipov 2011: 5). Junge Erwachsene müssen innerhalb einer geringen Zeitspanne wichtige Entscheidungen für ihr weiteres Leben treffen: sie vollenden ihre Ausbildung (dabei sind sie zumeist zwischen 18-25 Jahre alt), beginnen zu arbeiten, sie ziehen aus dem Elternhaus aus – viele junge Leute ziehen erst mit Mitte 20 in eine eigene Wohnung – und sind ab Mitte bis Ende 20 schon in einem Alter, in welchem sie eine eigene Familie gründen. All diese Lebensereignisse nehmen eine Menge Zeit in Anspruch. Junge Erwachsene müssen sich überlegen, welches Ereignis ihnen wichtiger ist:

One solution to this “competition” is to postpone some of the events to later age: particularly those which are strongly bounding or irreversible, such as entry into a marriage or becoming a parent.” (vgl. ebd.: 15, Hervorhebung im Original)

Aus diesem Grund liegt in den meisten Ländern das Durchschnittsalter von Frauen, die ihr erstes Kind gebären bei 29 Jahren (vgl. Pötzsch, Weinmann & Haustein 2013: 20; Eurostat 2013c). Philipov weist daraufhin, dass zwar die typische Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen in den meisten europäischen Ländern nicht mehr dominiert, trotzdem sind es noch immer zumeist die Frauen, die die Hausarbeit übernehmen und sich um die Familie kümmern. Frauen sind, sofern sie sich für ein Kind entscheiden, einer Doppelbelastung ausgesetzt und müssen die Hausarbeit und die Erwerbstätigkeit mehr vereinbaren als Männer:

„[W]omen feel the burden of work for pay and work at home at a greater extent than men do.” (Philipov 2011: 7) Da viele Frauen erst nach dem ersten Kind merken, wie stark diese Doppelbelastung ist, sinken ihre Intentionen ein weiteres Kind zu bekommen (vgl. Begall & Mills 2010: 450f.)

Basierend auf den Funden bereits bestehender Untersuchungen, wird in dieser Analyse untersucht, ob es Zusammenhänge zwischen arbeitsbezogenen Faktoren und der Fertilitätsintention gibt.

Auf der Basis der Ergebnisse vorliegender Studien wird die Annahme begründet, dass es einen negativen Zusammenhang zwischen der Fertilitätsintention und negativen arbeitsbezogenen Faktoren gibt. Es werden folgende Hypothesen begründet:

H1: Untypische Arbeitszeiten, nächtliche Arbeit, Arbeit am Abend und am Wochenende und auch Überstunden, haben einen negativen Effekt auf die Fertilitätsintention. Es wird angenommen, dass Frauen, die untypische Arbeitszeiten haben, mehr Probleme damit haben familiären Verantwortungen nachzukommen, als Frauen die „normalen“ Arbeitszeiten nachgehen.

H2: Stress am Arbeitsplatz (z.B. zeitlicher Druck, harte Arbeit) hat einen negativen Effekt auf die Fertilitätsintention. Negative Joberfahrungen wie Stress sind übertragbar auf das Privatleben. Leidet eine Person unter Stress, verringert dies die Fertilitätsintentionen, da Stress im Privatleben häufig zu Konflikten führt. Mit einem Kind wird mehr Stress auf sich genommen, daher wird angenommen, dass Personen die unter Stress leiden, diesen im Privatleben vermeiden wollen und sich gegen ein Kind entscheiden.

H3: Belastende arbeitsbezogene Faktoren wie unflexible Zeiteinteilung, ein unsicherer Arbeitsplatz oder mangelnde Unterstützung von Arbeitskollegen können dazu führen, dass es eine Unzufriedenheit mit der Arbeitsstelle gibt, die – ähnlich wie bei der Stressvariablen – mit ins Privatleben übernommen wird. Ist eine Person in einem unsicheren Jobverhältnis, es besteht die Gefahr für den Verlust des Arbeitsplatzes, hat dies einen negativen Effekt auf die Fertilitätsintention, da ein gesicherter Arbeitsplatz für die Meisten eine wichtige Voraussetzung ist, um eine Familie zu gründen.

3 Daten und Operationalisierung

Bei den für die Analyse verwendeten Daten handelt es sich um Sekundärdaten des European Social Survey. Der ESS erhebt seit 2002 in einem Jahresrhythmus von zwei Jahren auf internationaler Ebene Daten aus inzwischen über 30 verschiedenen Ländern.

Für diese Arbeit wurde auf den Datensatz für Deutschland und die Niederlande aus dem Jahr 2010 zurückgegriffen (Welle fünf), da in diesem Modul mehr persönliche Fragen zu Einstellungen im Arbeitsleben und zum persönlichen Wohlbefinden gestellt wurden.

Aus der Analyse wurden alle Männer ausgeschlossen, sodass das Sample nur Frauen umfasst. Weiterhin wurden alle Personen aus der Analyse ausgeschlossen, die keiner bezahlten Beschäftigung nachgehen und nicht in das gebärfähige Alter passen (18-45 Jahre). Das ursprüngliche Sample von 4860 Personen (Deutschland und Niederlande zusammen) wurde durch diese Maßnahmen auf 498 Personen gekürzt.

3.1 Abhängige Variable

Die Fertilitätsintention wird durch die Frage gemessen, ob eine Person vorhat in den nächsten drei Jahren ein (weiteres) Kind zu bekommen. Die Variable wurde zu einem Dummy gemacht, indem die Antwortmöglichkeiten „auf gar keinen Fall“ und „wahrscheinlich nicht“ mit 1 codiert wurden und die Antworten „wahrscheinlich ja“ und „auf jeden Fall“ den Wert 0 erhielten.

3.2 Unabhängige Variablen

Es wird angenommen, dass arbeitsbezogene Faktoren einen Einfluss auf die Fertilitätsintention haben. Daher werden die Arbeitsbelastung, Stress, untypische Arbeitszeiten und einige Kontrollvariablen als Prädiktoren in das Modell aufgenommen.

3.2.1 Arbeitsbelastung

Es werden drei Variablen in das Modell aufgenommen, die eine Belastung am Arbeitsplatz untersuchen. Alle Variablen wurden auf einer vierstufigen Skala gemessen, wobei der Wert 1 für „stimmt nicht“, der Wert 2 für „stimmt eher nicht“, der Wert 3 für „stimmt eher“ und der Wert 4 für „stimmt“ stehen.

Die Variable „Ich kann mir aussuchen wann ich anfange und aufhöre zu arbeiten“ wird zu einem Dummy. Dieser erhält den Wert 1 für die Aussage „stimmt nicht“ oder „stimmt eher nicht“. Die Variablen „Mein Arbeitsplatz ist sicher“ und „Ich erhalte Hilfe von meinen Arbeitskollegen“ werden ebenfalls zu Dummies. Sie erhalten den Wert 1, wenn die Ausprägung „stimmt nicht“ zutrifft.

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Details

Seiten
22
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656978916
ISBN (Buch)
9783656978923
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v301207
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Arbeit; Familie; Logistische Regression; Intention für ein Kind; Frauen; Internationaler Vergleich;

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