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Wege der Dialektik zwischen Selbstbehauptung und Selbstentfremdung in Adornos "Dialektik der Aufklärung"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 30 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Annäherung und Grundlegungen
2.1 Das Dialektische in Adornos Philosophie

3. Das begriffliche Denken
3.1 Identifizierbarkeit des Nichtidentischen

4. Die Odyssee als Allegorie für die Dialektik der Aufklärung
4.1 Die Episode der Selbstpreisgabe
4.2 Rückschlüsse aus dem homerischen Epos
4.3 Die Odyssee als Allegorie für die Dialektik der Aufklärung

5. Naturbeherrschung als Selbstentfremdung
5.1 Denken und außersprachliche Wirklichkeit
5.2 Naturbeherrschung und Selbstbeherrschung
5.3 Dogmatismus des Rationalen
5.4 Der Mensch als Herr, die Natur als Knecht
5.5 Odysseus Vorbeifahrt an den Sirenen als Exempel

6. Anerkennung und Versöhnung
6.1 Individuum und Gesellschaft
6.2 Selbstbehauptung in der Gesellschaft
6.3 Hegels Idee der Anerkennung
6.4 Versöhnung als Idee in der „Dialektik der Aufklärung“

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Um Adornos Philosophie zu begreifen, ist es von Relevanz das dialektische seines Denkens selbst zu durchdringen, da dies die Grundlage ist auf welcher seine Philosophie aufbaut. Dialektik findet sich bei Adorno in nahezu allen Bereichen der Philosophie, wobei die Bereiche nicht unabhängig voneinander fungieren, sondern immer aufeinander aufbauen beziehungsweise aufeinander einwirken. In der „Dialektik der Aufklärung“ beziehen Adorno und Horkheimer die dialektischen Verhältnisse explizit zwar nur auf die sich zum bürgerlichen Kapitalismus entwickelnde Gesellschaft und die kritische Analyse davon, jedoch sind auch hier schon die Ideen der „Negativen Dialektik“ präsent. Es soll in dieser Arbeit nachvollzogen werden, in welchen Zusammenhang das begriffliche Denken, welches Horkheimer/Adorno schon in der mythischen Figur des Odysseus ausmachen, mit bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsstrukturen und in welchem Verhältnis dazu das Individuum steht und wie dieses sich als ebensolches konstituieren kann. Dabei soll Bezug genommen werden auf Hegels Theorie der Anerkennung aus der „Phänomenologie des Geistes“, da diese, so die These dieser Arbeit, in der „Dialektik der Aufklärung“ wiedergefunden werden kann. Es wird sich zeigen, dass Adorno zwar im Geiste Hegels Philosophie betrieben hat, jedoch, und das entspricht wiederum seinem dialektischen Denken selbst, kritisch darauf Bezug genommen und auch das Denken Hegels nicht einseitig betrachtet hat. Im Fokus der Arbeit soll die Analyse der Entwicklung des begrifflichen Denkens hin zu Selbstbehauptung und Selbstentfremdung in der Gesellschaft stehen. Für Horkheimer/Adorno beginnt die Aufklärung mit dem Mythos. Anhand des homerischen Epos über die Irrfahrten des Odysseus zeigen sie, wie schon der mythische Mensch die Grundlagen für die kommende Entwicklung des Menschen geschaffen hat. Vergessen wird dabei, so die Kritik, das dialektische Moment der Aufklärung. Denn Aufklärung bedeutet nicht nur Fortschritt, sondern auch Regression. Um dies zu verstehen, ist es notwendig dort anzusetzen wo Aufklärung selbst ihr Primat sieht: bei der Vernunft. Deshalb soll in dieser Arbeit zu Beginn das begriffliche Denken betrachtet werden und es sollen Probleme aufgezeigt werden, welche das begriffliche Denken mit sich bringt. Von dort soll sukzessive fortgeschritten und Herrschaftsverhältnisse, die seit der Entwicklung des begrifflichen Denkens sozusagen weitervererbt wurden aufgedeckt werden. Bei der Betrachtung der unabkömmlichen Dialektik der Dinge, stellt sich die Frage, wie und ob der Mensch aus dieser Dialektik ausbrechen und in Folge dessen ein Leben führen kann, welches ein Außerhalb des Zwanges zur individuellen Selbsterhaltung kennt. Es gilt deswegen Adornos Begriff der Versöhnung mit Hegels Anerkennungstheorie in Beziehung zu setzen und vor allem Unterschiede auszumachen, um sich an Adornos Vorstellung einer versöhnten Gesellschaft und damit des versöhnten Menschen anzunähern.

2. Annäherung und Grundlegungen

Für das Verständnis der folgenden Analyse von Herrschaft und Unterdrückung, von Selbstentfremdung und Selbstbehauptung, welche Adorno/Horkheimer allegorisch in der Odyssee verwirklicht sehen, ist es zunächst von Bedeutung, die Vorstellung der Autoren von Dialektik überhaupt offenzulegen. Denn auf genau dieser Vorstellung gründet alles Denken bei Horheimer/Adorno. Dialektische Bewegungen finden überall statt. Das Verhältnis von Begriff und Sache, von Subjekt und Objekt, von Mensch und Natur, Herrschaft und Beherrschtheit, bei der Konstituierung des Individuums in der Gesellschaft: in allen Bereichen, auf die jeweils noch eingegangen werden soll, findet sich Dialektik wieder.

2.1 Das Dialektische in Adornos Philosophie

Die Philosophie Adornos ist aus jeglicher Perspektive dialektisch. Dialektik bezeichnet für ihn dabei nicht die antike Vorstellung vom Verfahren des Denkens, sondern geht darüber hinaus. Nicht nur im Geist, in der Denkbewegung, finden sich dialektische Verhältnisse, sondern auch in der Struktur der Dinge liegt Dialektik.1 Adorno grenzt seinen Begriff der Dialektik sogar bewusst von der antiken Vorstellung ab:

„Platonische Dialektik ist die Lehre, die Begriffe richtig zu ordnen, aufzusteigen vom Konkreten zum Allerhöchsten und Allgemeinen. Die Ideen sind zunächst nichts anderes als die obersten Allgemeinbegriffe, zu denen das Denken sich erhebt. Auf der anderen Seite bedeutet Dialektik auch wieder, daß man Begriffe von oben her in der richtigen Weise unterteilt. Platon sieht sich bei der Frage der richtigen Unterteilung der Begriffe vor dem Problem, die Begriffe so einzuteilen, daß sie den darunter befaßten Sachen angepasst sind. Auf der einen Seite ist logische Begriffsbildung zu fordern, aber sie darf nicht gewaltsam, nach einem Schema vollzogen werden, sondern die Begriff müssen so gebildet werden, daß sie der Sache angemessen sind.“2

Die Denkbewegung wie sie Platon vollzieht ist für Adorno nun keine dialektische Bewegung in seinem Sinne. Denn die Ideenlehre Platons und die daraus resultierende Entwicklung von Begriffen, ist für Adornos Vorstellung von Verhältnissen überhaupt zu einseitig. Denn in allen Verhältnissen herrscht gegenseitige Bedingtheit, so auch im Verhältnis von Sache und Begriff. Nach Adorno ist „die Grunderfahrung der Dialektik

[...] das Weitertreiben der Begriffe durch die Konfrontation mit dem, was von ihnen ausgedrückt wird“3 Das Sein der Dinge spielt also zu jederzeit in die Begriffsbildung mit hinein und Begriffe werden somit zu etwas Dynamischem. Übersieht man die Dinge selbst, so gehen diese im Begriff nicht auf und sind somit auch nicht vollständig erfasst. Dahinter steht ein Gedanke, der sich nicht nur von Platon abgrenzt, sondern auch eine Kritik des Erzeugungsdualismus Kants darstellt.4 Denn im Gegensatz zu Kant, der von einer Unerkennbarkeit der „Dinge an sich“ ausgeht und somit von einer erst subjektiven Konstitution der Objekte aus einem prinzipiell nicht erkennbaren Material, respektiert die dialektische Logik Adornos die Gegenstände als bereits konstituiert5, wobei sich das Subjekt eben über „die Kunst […] , die begriffliche Ordnung durch das Sein der Gegenstände zu korrigieren“6 an diese annähert. Die Erkenntnismethode muss sich also nach dem Erkenntnisgegenstand richten und darf diesen zu keiner Zeit außer Acht lassen. Auch das ist Dialektik bei Adorno. Die bloß „begriffliche Manipulation“7 soll überwunden werden um den Dingen gerecht zu werden. Denn durch die begriffliche Manipulation können die Dinge, kann die Natur nie so erfasst werden, wie sie ist. Es bleibt immer ein letzter Rest der Nichtidentität des Dings mit dem Begriff und durch die Festsetzung der Begriffe werden die Dinge somit präformiert, was schon eine Art der Unfreiheit darstellt.8 Bei Adorno sollen sich aber Begriffe bei der Beschäftigung mit der Sache im Denken erst entwickeln. Nun könnte man dieser Vorstellung von Dialektik den Vorwurf machen, was darauf folge, sei eine willkürliche Begriffsbestimmung ohne jegliche Grenzen und Beurteilungsmöglichkeiten der Übereinstimmung der Begriff mit dem was sie bezeichnen sollen. Doch genau das ist nicht das Ziel der Dialektik:

„Aufgabe der Dialektik ist es, die Begriff soweit zu verfolgen, vor allem den Begriff mit dem von ihm Gemeinten solange zu konfrontieren, bis sich zeigt, daß sich zwischen einem solchen Begriff und der von ihm gemeinten Sache Schwierigkeiten ergeben, die dann dazu nötigen, den Begriff mit dem Fortgang des Denkens in gewisser Weise zu verändern, ohne daß man dabei jedoch die Bestimmungen, die der Begriff ursprünglich gehabt hat, aufgeben dürfte.“

Es gilt also in der Denkweise Adornos sich des dialektischen Verhältnisses zwischen Dingen und Begriffen bewusst zu werden und daraus resultierend eine sich in mehrere Richtungen orientierende Denkbewegung zu schaffen. Und wieder wird deutlich:

Dialektik ist nicht nur Methode, sondern auch Praxis. Denn im Anschluss an Hegel, konstatiert auch Adorno, dass sich durch die Veränderung der Begriffe auch die Dinge verändern.9 Auch wenn sich Adorno immer wieder von der Hegelschen Philosophie abgrenzt10, erinnert die Konzeption stark an Hegels „Bewegung des Begriffs“. Es liegt dahinter die Vorstellung „vom Gegenstand, von dem, was durch den Begriff entfaltet werden soll, die von einem selber Bewegten ist, von einem also, das nicht ein sich selbst Gleiches, das nicht ein ein für alle Mal mit sich Identisches, sondern das eigentlich selbst ein Prozeß ist.“11 Die Bedeutung der Theorie der begrifflichen Manipulation der Dinge in Adornos Philosophie ist nicht zu unterschätzen. Sie bildet die Grundlage, auf der die spätere Kritik von Herrschaftsverhältnissen fußt. Adorno schreitet anhand der Analyse der Begriffe sukzessive zum Herrschaftsverhältnis des Menschen über den Menschen voran. In der Negativen Dialektik heißt es:

„Naturbeherrschung und Herrschaft in der Gesellschaft konvergieren in der Strukturgleichheit des Äquivalenzprinzips kapitalistischen Tausches und seines geheimen Vorbild, des Identitätsprinzips des Begrifflichkeit naturbeherrschender Vernunft.“12

Die emanzipativen Bestrebungen des Menschen, in welchen Adorno, wie sich zeigen wird, auch ein dialektisches Verhältnis erkennt, stützen sich also auf das Verhältnis von Begriffen und Dingen und damit auf das Denken überhaupt.13 Um den Weg vom Denken bis zur Herrschaft der Menschen über Menschen nachvollziehen zu können und mitzugehen, soll im Folgenden ein genauerer Blick auf das begriffliche Denken und das damit einhergehende Identitätsprinzip geworfen werden.

3. Das begriffliche Denken

Das begriffliche Denken ist der erste Schritt auf dem Weg zur Naturbeherrschung des Menschen, welche später in der Herrschaft von Menschen über Menschen mündet.

„Das Selbst, das die Ordnung und Unterordnung an der Unterwerfung der Welt lernte, hat bald Wahrheit überhaupt mit dem disponierenden Denken ineingesetzt, ohne dessen feste Unterscheidungen sie nicht bestehen kann. Es hat mit dem mimetischen Zauber die Erkenntnis tabuiert, die den Gegenstand wirklich trifft.“14

Mit der Abwendung vom Mythos, beginnt für Adorno und Horkheimer die Aufklärung. Während der vor-mythische Mensch noch versucht mit der Natur eins zu werden und dem „mimetischen Zauber“ gleichsam zu verfallen, will der aufgeklärte Mensch die Natur „anwenden“15, was zu einer Trennung von Sprache und Natur führt. Das Natürliche, was im unerkannten Zustand zu Angstempfindungen beim Menschen führen kann, soll erkannt werden, in dem es dem begrifflichen Denken angepasst wird und die Vernunft sich die Natur selbst begreifbar macht.

3.1 Identifizierbarkeit des Nichtidentischen

Entscheidend für Adornos Konzeption vom begrifflichen Denken ist die Identifizierbarkeit des Nichtidentischen.16 Als Nichtidentisches versteht Adorno das, was bei der Bildung von Begriffen hinter den Dingen zurückbleibt, was also nicht erfasst werden kann indem man die Dinge begrifflich manipuliert. Die Unterscheidung von Nichtidentischem und Identischem tritt aber erst durch den Begriff überhaupt zu Tage.17 Das bedeutet also nicht, dass Adorno eine Begriffslosigkeit anstrebt: „Die Utopie der Erkenntnis wäre, das Begriffslose mit Begriffen aufzutun, ohne es ihnen gleichzumachen“.18 Wie genau diese Utopie Wirklichkeit werden kann, soll an dieser Stelle nicht behandelt werden. Das Zitat zeigt, dass ein einfaches Subsumieren des Nichtidentischen unter den Begriff, diesem nicht gerecht werden würde. Das Identifizieren des Nichtidentischen ist genau der Vorgang des Denkens den Adorno kritisiert und in seiner Idealvorstellung wird sich das Denken selbst in seiner Tätigkeit dem Drang zum Identifizieren bewusst und kritisiert diesen. Es ist also eine selbstkritische Philosophie die Adorno hier vorschlägt.19 Die von ihm beabsichtigte Denkbewegung findet Adorno im unversöhnten Zustand der Menschen allerdings nicht vor. Die Vernunft versucht den Schauder, den das Nichtidentische ihr einflößt, eben durch begriffliche Sprache zu überwinden und wird so zum Instrumentarium für die Zwecke des Menschen.20 Im begrifflichen Denken ist Naturbeherrschung bereits immanent angelegt, denn nur dadurch konnte sich der Mensch von einer als übermächtig empfundenen Natur emanzipieren.21 Durch das Erfassen von vormals Nichtbegrifflichem, worauf Begriffe nach Adorno verweisen, wird die Natur identifiziert und somit vom Schauder befreit. Da aber Begriffe der Form nach allgemein sind, sich inhaltlich aber aufs Besondere beziehen22, lässt sich im begrifflichen Denken wiederum Dialektik ausmachen: die allgemeine Form der Sprache ist notwendig, um systematische Sprache überhaupt zu konstituieren. Doch durch die Bezeichnung des Besonderen, welches mittels Begriffen des Allgemeinen identifiziert werden soll, distanziert sich Sprache gleichzeitig von den zu identifizierenden Phänomenen. „Das Besondere ist inhaltlich nur bestimmbar, kann nur gedacht werden durch die formale Allgemeinheit unserer Begriffe. Und umgekehrt ist der Allgemeinbegriff auf inhaltliche Konkretisierung angewiesen, will er nicht leere Form, inhaltsleere Hülse bleiben.“23 In dieser Problematik der Sprache, liegt nun für Adorno die Problematik der gesellschaftlichen Verhältnisse, welche sich, wie zu zeigen sein wird, in einem strukturgleichen dialektischen Verhältnis wiederfinden. Das Problem dabei ist, dass sich das Denken, genau wie die aufklärerischen Bestrebungen über dieses Verhältnis nicht genug bewusst sind und somit die Reflexion der Verhältnisse zu kurz kommt. Den Verlauf von begrifflichem Denken bis hin zur Herrschaftsdialektik macht Adorno am homerischen Epos deutlich. Wirkte die Natur, zu der in der Mythologie auch die Götter gehören, früher unvermittelt auf die Menschen ein, hat sich der Mensch spätestens im Mythos, Sprache als Instrumentarium geschaffen seine Umgebung zu identifizieren und zu erkennen.24 Besonders deutlich wird dies in der Episode der Selbstpreisgabe Odysseus bei der Begegnung mit dem Kylopen Polyphem .

4. Die Odyssee als Allegorie für die Dialektik der Aufklärung

Es soll zuerst ein vorbereitender Blick auf die Episode der Selbstpreisgabe Odysseus geworfen werden und die Allegorie der Odyssee für die Dialektik der Aufklärung im Allgemeinen eingeführt werden, bevor die Entstehung von Selbstaufgabe und Selbstbehauptung und daraus folgend die Entstehung von Herrschaftsverhältnissen betrachtet werden.

4.1 Die Episode der Selbstpreisgabe

Diese Episode soll wie auch die folgenden Episoden unter dem Gesichtspunkt betrachtet werden, welches Strukturmodell der Aufklärung Adorno anhand der Odyssee erkennt.

Odysseus zeigt in diesem Teil die aufgeklärte Einsicht, dass Worte von ihrer Bedeutung abtrennbar sind, dass es eine Differenz zwischen Wort und Gegenstand gibt, die der dem Mythos angehörige Kyklop nicht erkennen kann. Durch die Entbindung von der mythischen Sprachebene, deren performatives Moment darin besteht, dass zwischen Dingen und ihren Namen nicht unterschieden wird, steht Odysseus auf einer aufgeklärten Stufe und damit für den Subjektivismus der Bürgerlichkeit, der es dem Einzelnen ermöglicht Begriffe aus sich selbst heraus zu entwickeln. Anhand der Stufe der Sprachentwicklung zieht Adorno eine Parallele zur Stufe der Entwicklung hinsichtlich der Organisation des Ackerbaus und somit der Arbeit und der Gesellschaft und von dort aus zum Denken selber. Da kein „systematischer Ackerbau betrieben werde“, sei auch keine „systematische, über die Zeit disponierende Organisation von Arbeit und Gesellschaft erreicht [...]“.25 Die Sprachentwicklung und die Organisation der Arbeit dürfen nicht jeweils isoliert betrachtet werden, sondern steht für das Denken selber, welches im Falle des den Mythos repräsentierenden Kyklopen „gesetzlos, unsystematisch, [und] rhapsodisch“26 ist. Odysseus kann sich auf diese ihm physisch überlegene Macht einlassen, da er in aufgeklärter Weise überlegen ist. Das ist das Schema der List:

„List […] besteht darin, den Unterschied auszunutzen. Man klammer sich ans Wort, um die Sache zu ändern. So entspringt das Bewußtsein der Intention: in seiner Not wird Odysseus dem Dualismus inne, indem er erfährt daß das identische Wort Verschiedenes zu bedeuten vermag.“27

In dieser Listhandlung liegt inbegriffen, dass es nicht mehr die Physis ist, die den Stärkeren hervorbringt, sondern die Vernunft. Odysseus hat erkannt, welches Opfer er bringen muss, um sich aus der Höhle des Kyklopen zu befreien und er hat erkannt, „daß das alte Opfer selbst mittlerweile irrational ward“, was sich „der Klugheit des Schwächeren als Dummheit des Rituals“28 präsentiert. Auch die List, die Odysseus sich zur Selbsterhaltung zu Nutze macht, lebt also von dem Unterschied zwischen Wort und Sache.29 Den Nominalismus Odysseus machen Horkheimer/Adorno als Prototyp bürgerlichen Denkens fest30, auf welchen im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch eingegangen werden soll. Odysseus verschweigt all das was den mythischen Helden ausmacht, gibt sich selbst auf, um sich selbst zu behaupten. Diese Dialektik aus Selbstaufgabe und Selbstbehauptung ist wiederum Charakteristikum der bürgerlichen Gesellschaft. Denn, wer herrschen will, muss sich zunächst unterwerfen.31 Aus diesem Grund muss sich Odysseus auch zuerst den mythischen Bedingungen anpassen, um sich selbst zu behaupten, er muss an ihnen teilhaben, um Herrschaft über sie ausüben zu können. Fortschritt funktioniert nicht losgelöst von Regression.

4.2 Rückschlüsse aus dem homerischen Epos

Schon das Denken selbst oder besser gesagt der einzelne Gedanke ist eine Form der Herrschaft über die Natur und die Dinge. Denn versteht man Aufklärung als „fortschreitendes Denken“, so entsteht der Drang danach aus der Unsicherheit unaufgeklärten Denkens und der Angst vor dem Unbekannten.32 Formt der Gedanke nun das Unbekannte, so wird es zumindest antizipierbar auch wenn es seinen bedrohlichen Charakter nicht unbedingt verlieren muss.33 Es ist hierbei jedoch der Versuch der Herrschaft festgeschrieben. Aufgeklärtes Denken und damit die Aufklärung selbst hat ein Moment der Herrschaft über das Unbekannte zur Befreiung von der Furcht vor ihm. Die Vernunft ist dabei der „Raum für die Ausübung von Herrschaft.“34 Der Mensch reagiert auf nicht-geistige äußerliche Vorgänge mit Vernunft, um diese erklärbar zu machen. Die Anpassung an die Natur ist keine Anpassung durch Instinkte, sondern eine Herr-Werdung des Natürlichen mittels des Verstandes. Genau wie für das Überleben des Individuums in der Gesellschaft, gilt auch für das Überleben des Menschen in der Natur Anpassung und Freiheit. „Die Prämie ist das Überleben, der Preis aber die Verinnerlichung eines ihm Äußerlichen.“35

[...]


1 Vgl.: Adorno: Einführung in die Dialektik. Berlin 1958, S.9.

2 Ebd. S. 10.

3 Ebd.

4 Vgl.: Müller, Ulrich: Theodor W. Adornos 'Negative Dialektik'. Darmstadt 2006, S.70.

5 Vgl.: ebd.

6 Einführung in die Dialektik, S.10

7 Einführung in die Dialektik, S.11.

8 Vgl.: Müller, S.73.

9 Vgl.: Einführung in die Dialektik, S.18.

10 Eine Abgrenzung ist, das sei hier angemerkt, natürlich immer nur in Bezug auf Hegels Philosophie möglich. Insofern bedeutet Abgrenzung nicht, dass Adorno Anti-Hegelianer ist, sondern dass er Hegels Philosophie kritisch weiterentwickelt.

11 Einführung in die Dialektik, S.20.

12 Adorno: Negative Dialektik, Frankfurt am Main 1966, S.149.

13 Vgl.: Kager, Reinhard: Herrschaft und Versöhnung. Einführung in das Denken Theodor W. Adornos. Frankfurt am Main 1988, S.114.

14 Adorno/Horhkeimer: Dialektik der Aufklärung, Frankfurt am Main 2012, S. 20.

15 Ebd. S.10.

16 Vgl.: Bartonek: Philosophie im Konjunktiv. Nichtidentität als Ort der Möglichkeit des Utopischen in der negativen Dialektik Theodor W. Adornos, Würzburg 2011, S.41

17 Vgl.: ebd. S.41.

18 Negative Dialektik, S.19.

19 Vgl. Bartonek, S.41.

20 Vgl.: Kager, S.36.

21 Vgl. ebd. S.37.

22 Vgl.: ebd.

23 Ebd.

24 Vgl.: ebd. S.37.

25 Dailektik der Aufklärung, S.72f.

26 Ebd.

27 ebd. S.67.

28 Ebd. S.64.

29 Vgl.: ebd. S.67.

30 Vgl.: ebd. S.68.

31 Vgl.: Nölle, Ralf: Sozialphilosophische Variablen. Individuum und Gesellschaft bei Horkheimer/Adorno, Marcuse, Popper und Gehlen. Münster 2004, S.50.

32 Vgl.: Nölle, S.42f.

33 Vgl. ebd. S.43.

34 Ebd. S.44.

35 Ebd.

Details

Seiten
30
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656975823
ISBN (Buch)
9783656975830
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v301152
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart – Institut für Philosophie
Note
1,3
Schlagworte
Philosophie Adorno Horkheimer Dialektik Aufklärung Politik Gesellschaft Kritische Theorie Frankfurter Schule Sozialwissenschaften Versöhnung Praktische Philosophie Anerkennung Hegel

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Titel: Wege der Dialektik zwischen Selbstbehauptung und Selbstentfremdung in Adornos "Dialektik der Aufklärung"