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Doch das Gute überwog. Aus den Tagebüchern meines Großvaters

Forschungsarbeit 2015 214 Seiten

Geschichte - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

Vorbemerkungen

Leben am Wasser

Arm und zufrieden

Niemals rückwärts

Die Geldsorgen hatten ein Ende

Erster Weltkrieg
Weihnachten sind wir wieder zuhause
Aufbruch ins Inferno
Allmählich kommt das Sterben näher
„Argonnerwald, um Mitternacht,
ein Pionier stand auf der Wacht“
Zwischen den Kriegen
Der Weg zur Hitler-Diktatur
Machtergreifung
Konzentrationslager und Untersuchungsgefängnis

Zweiter Weltkrieg
An der Westfront
An der Ostfront
Rückschau auf die Zeit im Osten
Holocaust im Baltikum
Operation Gomorrha
Die Katastrophe von Hamburg
Schlussphase des Zweiten Weltkrieges
Entnazifizierung
Großvater und die jüdischen Mitbürger
Großvater und die Rote Kapelle
Großvater und der Nationalsozialismus
Nachkriegszeit
Nachwort

Vorbemerkungen

Was nicht aufgeschrieben ist, wird vergessen, so, als ob es nie geschehen wäre. Erst sehr spät, lange nach dem Tod meiner Großeltern und der beiden Elternteile, entwickelte sich in mir der Wunsch, Näheres über mich und meine Familie zu erkunden. Nach ihrem Tod konnte ich frei recherchieren und brauchte auf niemanden Rücksicht zu nehmen.

Die größere emotionale Distanz, die die Enkelgeneration auszeichnet, erleichterte mir die Nachforschungen, auch wenn diese aufwendig und nervenaufreibend waren und mich vorübergehend belasteten.

Wenn ich jetzt gelegentlich nachfragen möchte, bekomme ich keine Auskunft, sind die Familienmitglieder nicht mehr da.

Es scheint ein Merkmal des Alters zu sein, dass man anders als in der Jugend, wo man primär im Hier und Jetzt lebt, eher eine Rückschau auf das Leben halten möchte. Vielleicht ist jetzt erst der Zeitpunkt gekommen, über sein eigenes Leben nachzudenken oder um mit Sabine Bode, der Autorin des Bestsellers “Die vergessene Generation“, zu sprechen: „Im Alter rückt die Kindheit wieder näher. Da hat man das Bedürfnis und endlich auch die Zeit, sich mit seinen Wurzeln und den frühesten Eindrücken zu beschäftigen.“1

Auf den ersten Blick mögen die Aufzeichnungen meines Großvaters einen sehr privaten Charakter haben. Über das persönliche Erleben hinaus sind sie jedoch Spiegelbild sich wandelnder Zeiten und damit zeitgeschichtliche Dokumente von allgemeiner Bedeutung.

Dies ist eine ganz persönliche Geschichte, meine Geschichte, die Geschichte meiner Familie, erzählt von meinem Großvater, verknüpft mit den politischen Ereignissen insbesondere des letzten Jahrhunderts. Es ist eine Reise in eine Familiengeschichte durch die verschiedenen Zeitabschnitte, eine Mischung aus privater Chronik und politischen Ereignissen. Wer insbesondere die Kriegstagebücher liest, ist gefangen von dem Grauen der geschilderten Ereignisse, aber auch von der Sprache, welche die Gräuel oft sehr distanziert und banal darzustellen scheint. Gleichzeitig, und das verwundert den Leser, nimmt sich der Soldat Zylmann Zeit, die Kunstdenkmäler im besetzten Land aufzusuchen und in ihre Geschichte einzutauchen. Er beschreibt mit malerischen Worten die vom Krieg geschundene Natur, so dass man für einen kurzen Augenblick das Grauen des Krieges vergisst. Gefahren und Verwundbarkeit werden häufig heruntergespielt, sei es zum Selbstschutz oder um die eigene Familie nicht zu beunruhigen.

Nach wie vor vermag kein anderes historisch-politisches Thema die Gemüter so zu erregen wie die Fragen nach unserer Vergangenheit. Und so ist mein Großvater, der beide Kriege durch- und erlebte und in Notizen festhielt, ein guter Zeitzeuge, insbesondere während der Zeit des Nationalsozialismus. Fragen nach seinem Verhältnis zum Dritten Reich mussten zwangsläufig gestellt werden. War er verstrickt in das Nazisystem oder verhielt er sich, wie die Masse der Bevölkerung, passiv? Wie nahe stand er dem NS-Apparat? Was wusste er von den Gräueltaten an der jüdischen Bevölkerung? Ich weiß, dass es schwer auszuhalten ist, das in der Familie eingebrannte positive Bild meines Großvaters zu hinterfragen, um es möglicherweise in Frage zu stellen.

Ich habe versucht, das niederzuschreiben, von dem ich Kenntnis bekommen habe und von dem ich meine, dass es über das eigene Interesse hinaus einem größeren Kreis zugänglich gemacht werden sollte. Es ist kein erschöpfendes Bild einer Familiengeschichte, zu ungleich gewichtet sind die erhaltenen Dokumente und zwangsläufig subjektiv die von mir erfolgte Auswahl.2 Dennoch ist es eine bewegende Reise in die Vergangenheit einer deutschen Familie. Folgen wir den Spuren meines Großvaters.

Leben am Wasser

Die Vorfahren meiner Familie väterlicherseits stammen aus Ostfriesland, genauer gesagt von der unteren Ems. Es ist ein Land „fruchtbarer Marschen, […] ein Land der Weite, der Winde und eines ungeheuren Himmels“, wie mein Großvater Peter Zylmann (1884-1976) schwärmt.3 Die Faszination der See und damit das unmittelbare Erleben zahlreicher Sturmfluten hatten die Vorfahren geprägt. Der Beruf des Sielwärters wurde über Generationen weitergeben, so hatte mein Ururgroßvater Egbert Zylmann (1811-1857)4 das Amt des Sielwärters bereits von seinem Vater, Detert Jans Zylmann, meinem Urururgroßvater, übernommen, dessen Geburtsjahr 1770 urkundlich belegt ist. Ab hier verlieren sich die Spuren, denn weiter zurück lässt sich die namengebende Linie nicht verfolgen.

Über die Deutung und Herleitung unseres Familiennamens finden sich folgende Angaben in den "Lebenserinnerungen" meines Großvaters: „Mein Vater [Harm Zylmann] hat mir die Überlieferung vermittelt, daß die Familie aus dem benachbarten Holland nach Ostfriesland gekommen sei, doch hat sich darüber nichts Sicheres feststellen lassen. Während meines Aufenthalts in Antwerpen stellte ich fest, daß in meiner Nachbarschaft, in der Mechelnsche Steenstraat, ein Dr. med. Zylmans wohnte. Das könnte ein Hinweis sein, doch ich bin infolge des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges nicht mehr dazugekommen, dieser Spur nachzugehen. Möglicherweise ist die Meinung von der holländischen Herkunft überhaupt nur eine späte Bildung, zu der die holländische Form des Namens den Anlaß gegeben haben könnte. [Die Silbe] Zyl entspricht dem deutschen ‘Siel‘.“5 „Fraglos“, so fährt mein Großvater fort, „ist unser Familienname ein Berufsname, wie das Sielwärteramt [der Vorfahren] beweist. Er kann in dem deich- und sielreichen Holland, aber auch in Ostfriesland entstanden sein, ohne dass unter den Namensträgern eine Blutsverwandtschaft zu bestehen braucht. Wenn mit dem [Urururgroßvater] die Spur verloren geht, so kann das damit zusammenhängen, dass zu diesen Zeiten überhaupt erste feste Familiennamen sich einbürgerten; der Abschluß dieses Prozesses wurde von Napoleon durch Dekret vom 18. August 1811 herbeigeführt.“6 Im protestantisch geprägten Ostfriesland wurde bis 1811 vorwiegend die sogenannte patronymische Namensgebung angewandt, d.h., dass der Nachname des Kindes aus dem Vornamen des Vaters abgeleitet wurde. Der Sohn von Ulrich Reemts hieß beispielsweise Reemt Ulrichs. „Die weitere Vorfahrenforschung“, so mein Großvater, „müßte die Vornamen Detert und Jans zur Grundlage nehmen.“ So könnte der Vater seines Urgroßvaters und meines Urururgroßvaters den Namen Jan Deterts getragen haben.7 Mit der Abschaffung der patronymischen Namensgebung durch das kaiserliche-französische Dekret vom 18. August 1811 sollten alle Familien einen festen Familiennamen annehmen. Ein ähnliches Gebot erließ 1826 auch König Georg IV. von Hannover. Doch vielfach wurde die alte Namensgebung in Ostfriesland beibehalten. Soweit zur Herleitung unseres Familiennamens.

Zeit ihres Lebens begleiten Sturmfluten die Insel- und Küsten-bewohner. Unter Namen wie „Julianenflut“ (1164), „Marcellusflut“ (1219,1362), „Allerheiligenflut“ (1436, 1532, 1570), „Weihnachts-flut“ (1717) oder „Hamburgflut“ (1962), um nur einige zu nennen, sind sie den Menschen nicht zuletzt wegen der vielen tausend Opfer im Gedächtnis geblieben. Die Sturmflut, die in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember 1717 die deutsche und angrenzende Nordseeküste verwüstete, wird als die schwerste der Neuzeit bezeichnet. Mehr als 10 000 Menschen verloren ihr Leben, darunter allein über 2 700 in Ostfriesland.

Untergegangene, im Meer versunkene Städte haben immer wieder unsere Phantasie angeregt. So schreibt mein Großvater in seinen Lebenserinnerungen: „Aus dem Munde meines Vaters sind mir die Riesenfluten mit dem Untergang von Land, Dörfern, Menschen und Vieh vertraut, und die Kirchenglocken des im Dollart unter-gegangenen Torum, des ostfriesischen Vineta, habe ich in meiner Jugend läuten hören.“8

Den meisten Menschen im Binnenland hingegen ist die Gefahr von Sturmfluten nur zu Zeiten großer Katastrophen gegenwärtig. So kommt es gelegentlich, ausgelöst durch das Zusammenwirken von aufkommender Flut und Winden, auch in vom Tidenhub abhängigen Flüssen zu ungewöhnlich hohem Ansteigen des Wassers, zu Unwettern und zu Flutopfern. Diese Ereignisse sind zwar nicht so spektakulär wie die Jahrhundertfluten, aber dennoch nicht weniger dramatisch, wie am 22. Oktober 1800 an der unteren Ems geschehen. Die nachfolgenden Ausführungen, aufgezeichnet von meinem Großvater aufgrund intensiver Ahnenforschung, stützen sich weitgehend auf Hinweise aus der Ortschronik von Holtgaste, einer kleinen Ortschaft in der ostfriesischen Gemeinde Jemgum im Landkreis Leer und auf Eintragungen in das Kirchenbuch der dortigen evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde.

Am Morgen des 22. Oktobers 1800 fuhr ein Segelboot unter der Leitung des Berufsschiffers Geerd Beerens (Berends) mit einer kleinen Gruppe hauptsächlich Soltborger Einwohnern nach Leer zum Besuch des Gallimarktes.9 Auf der Rückreise der Festbesucher am späten Nachmittag erhob sich ein fürchterlicher Sturm, der zum Orkan wurde. Auf der Höhe von Großsoltborg kenterte das Schiff.10

Hier tritt nun mein Urururgroßvater Detert Jans Zylmann in Erschei-nung. Er wurde um 1770 geboren in einer Zeit sehr schwieriger Lebensbedingungen. Die Säuglingssterblichkeit war sehr hoch, jedes zweite Kind wurde tot geboren. Von seinen sechs Kindern überlebten nur vier. Seine erste Frau starb mit 36 Jahren, lag doch die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen um 1800 bei unter 40 Jahren.

Detert Jans Zylmann war von Beruf Sielwärter und verrichtete lange Jahre seinen Dienst am Siel Großsoltborg. Am diesem 22. Oktober 1800 hatte er Dienst: „Folgendes möge hier in Beziehung auf sein Leben eine Stelle finden. Am unglücklichen Abend des Gallimarkttages im Jahre 1800 hört Detert Zylmann mitten auf der Ems unter dem Toben eines furchbaren Orcans einen Noth und Hilferuf. Es drängt ihn zu helfen. Er findet zwei Gefährten und bindet einen kleinen Nachen los. Seine Frau will ihn mit Gewalt zurückhalten, aber mit den Worten 'ich soll und will helfen, Gott sei uns gnädig dazu', windet er sich los, besteigt mit den beiden andern das Boot, stürzt sich in tiefster Finsterniß in die brausende Fluth, und Sturm und Wogendrang bewältigend errudert er ein umgeschlagenes Schiff, von dem fortwährend Todesruf sein Herz durchschneidet. 8 Personen, welche bis dahin an dem Bord des Schiffes und an den Segeln sich festgehalten hatten, nimmt er auf in sein kleines Fahrzeug, mit welchem, bis zum Sinken geladen, er und seine Geretteten glücklich das Ufer erreichen.“ 19 Personen, so die Eintragung im Holtgaster Kirchenbuch, waren bereits ertrunken. In späteren Jahren, so erfahren wir weiter, hat Detert Jans Zylmann noch mehrere Personen aus Todesgefahr errettet. Die Eintragung endet mit folgenden Worten: „Daß ihm von Menschen eine Auszeichnung oder ein Lohn für diese edlen Thaten geworden, ist mir nicht bekannt. Die Ernte ist ja auch nicht hier, sondern dort, wo der Verewigte nun ist. Gott vergelt' es ihm!“ Detert Jans Zylmann starb am 17. Mai 1845 im hohen Alter von 75 Jahren.

Arm und zufrieden

Kehren wir zurück zu meinem Großvater Peter Zylmann. Sein Vater war „Landgebräucher“ in Leer, also ein kleiner, aber selbständiger Bauer mit einer Kuh. Dies konnte die Familie jedoch kaum ernähren. So war sein Vater gezwungen, jede Arbeit zu übernehmen, „die sich ihm bot, als Graber und Mäher, Kornwieger und Kassenbote, auch im Dienste des Magistrats.“11 Peter und seine beiden Geschwister, der ältere Bruder Egbert und die ebenfalls ältere Schwester Anni, mussten nach Kräften mithelfen, die Existenz der Familie zu sichern, oft durch schwere Arbeit. Das Leben war hart und entbehrungsreich; es herrschte zwar nie Not, wenn auch von Wohlstand keine Rede sein konnte.12 „Meine Kinderjahre verbrachte ich in einem Hause mit nur einem Wohnraum, an den sich die Stallung und der zu dem kleinen Betrieb notwendige Wirtschaftsraum anschloss.“13 Geboren am 5. Februar 1884 in Leer, lebte er zu Füßen des geheimnisvollen Plytenbergs. Dieser 9 m hohe, künstlich aufgeschüttete Erdhügel hat Peter schon zu als Kind fasziniert. Anfänglich war er davon überzeugt, beim Plytenberg handle es sich um ein Wikinger-Schiffsgrab. Bohrungen hatten Holz zutage gefördert, das eine solche Annahme stützte. Diese Vermutung hat sich jedoch als falsch erwiesen. Heute gibt es „eine Reihe von gewichtigen Argumenten für die Deutung des Plytenbergs als Ausguck und Vorposten der spätmittelalterlichen Festung Leerort.“14 Dennoch, so das wissenschaftliche Resümee, „ist es ihm [Peter Zylmann] in erster Linie zu verdanken, dass in der Öffentlichkeit das Interesse an dem Hügel wachgehalten wurde.“15

„Der sagenumwobene Hügel mit dem davor sich erstreckenden, noch nicht eingedeichten und durch seine Naturschönheit überwältigenden Hammrich wurde die Heimat des jungen Peter Zylmann.“16 Diese Landschaft war seine „Erlebnisheimat.“17 „Wie unauslöschlich sich diese Landschaft […] dem Kindergemüt eindrückte“ schildert er eindrucksvoll in seinen „Lebenserinnerungen.“18 „Der Hammrich19 war in allen Jahreszeiten in seiner ungebrochenen Natur stark und schön. Im Frühling ein Blumenteppich mit seinen gelben Flächen der Dotterblumen, dem pfingstlichen Wiesenschaumkraut, im Sommer duft- und hitzeerfüllt, mit weißen Zelten der Mäher, dem Klingen der geschärften Sensen, der frohen Arbeit des Heuens, die mir immer die festlichste Arbeit des Jahres blieb. Im Herbst zogen die ersten Stürme über ihn hin, die Ems wälzte ihre Fluten über die Ufer, im Winter brandeten sie bis an den Fuß des Plytenbergs und spülten den Deich vor unserem Haus hoch hinauf, und manche Nachtstunde habe ich, in Finsterniß umbraust, allein auf dem Deich zugebracht. Als Kinder genossen wir große Freiheit. Der Hammrich und das Emsufer waren unser Reich.“20 Es waren glückliche Kinderjahre, wie mein Großvater in einer Rückschau auf sein Leben berichtet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Plytenberg 1932 (Postkarte)

Niemals rückwärts

Nach dem Besuch der sechsklassigen Volksschule (1890-1898) wurde er Lehrling im Katasteramt. In der Urkunde des Königlichen Kataster-amtes zu Leer aus dem Jahre 1898 finden sich folgende Angaben: „Peter Zylmann […] tritt nunmehr als Zögling ein und soll in allen vorkommenden schriftlichen Arbeiten ausgebildet werden. Während der Zeit bis zum 1. Mai 1900 hat […] Zylmann keinerlei Anspruch auf eine Entschädigung. Bei dauernd zufriedenstellenden Leistungen wird jedoch der Katasterkontrolleur […] Zylmann hin und wieder eine kleine Entschädigung zukommen lassen.“ Auf diese Weise konnte mein Großvater einen bescheidenen Beitrag zum Unterhalt der Familie beisteuern.

Die wirtschaftliche Lage seiner Eltern ermöglichte nicht den Besuch einer höheren Schule. Von 1900 bis 1906 war er Bürogehilfe im Polizeiamt seiner Vaterstadt. Hier bekam er „Einblick in die Kehrseite des Lebens“, wie es der Schriftsteller und Freund der Familie Berend de Vries einmal formulierte.21 „Ich gewann Einblick in die soziale, kulturelle Struktur unserer Breitenschichten und wurde geradezu zwangsläufig in eine Haltung gedrängt, die die lebenslange Grundlage für mein Gesamtverhalten blieb: denen zu helfen, die der Hilfe am meisten bedürfen.“22 Aus dieser Zeit hat sich ein „Transportzettel“ erhalten, in dem Peter Zylmann aufgefordert wird, den aus Straußberg entwichenen „Zwangszögling Albert Krone aus Deßau in die Schulanstalt in Staußberg zurückzuführen.“

“Mein Gehalt im Polizeiamt betrug achtzig Mark monatlich. Zur Verbesserung meiner Einnahme gab ich die Jahre hindurch regelmäßig Privatunterricht an Schüler und Schülerinnen der höheren Lehranstalten, zudem schrieb ich kleine Aufsätze für die Zeitungen.“23 „Aber ein Drang nach Wissen trieb ihn“, wie Wilhelmine Siefkes, Leeraner Schriftstellerin und Freundin des Hauses, in einer Würdigung zu seinem 75jährigen Geburtstag schreibt, „in den freien Abendstunden sich zu erarbeiten, was man eigentlich nur auf der höheren Schule finden konnte, die zu besuchen dem Mittellosen nicht möglich war. Planvoll legte er diese Arbeit an: weil man sich vom Militärdienst nur dann für einige Jahre zurückstellen lassen konnte, wenn man die Prüfung zum 'Einjährigen' [Mittlere Reife] bestand, nahm er sich das Ziel vor, das er mit eisernem Willen durch manche schlaflose Nachtstunde erzwang. Das liest sich leicht“, fährt Siefkes fort, „doch was für eine Leistung das war, geht einem erst auf, wenn man bedenkt, daß ein Junge mit Volksschulbildung es unternimmt, auf eigene Faust in fremde Sprachen, Mathematik, Geschichte und was alles noch dazu gehört, so einzudringen, daß er dann ein Examen ablegen kann.“24 Mit zwei Mitschülern erhält er Unterricht in der englischen Sprache bei einem jüdischen Lehrer. Weitere Fächer waren Deutsch, deutsche Literatur, Französisch, Englisch, Mathematik, Geschichte und Geographie. Neben verschiedenen Lehrern halfen ihm Mitschüler. „Gearbeitet habe ich in der Regel des Abends nach Ablauf meiner Dienstzeit, häufig jedoch auch morgens und mittags.“25 Am 19. und 20. März 1903 erfolgte die Prüfung mit dem Ergebnis: „Sie, Herr Zylmann! Hm, von ihrer Geometrie will ich nicht sprechen“, so der Prüfungsleiter, „aber sie haben sonst in allen Fächern Genügendes geleistet, besonders aber im Deutschen und Französischen gutes, sodaß wir ihnen ohne Bedenken den Schein erteilen dürfen.“ Dazu die Bemerkung des Prüflings: „Ich klappte pflichtgemäß zu einem Winkel von 90° nach vorn zusammen.“26

Anschließend bereitete er sich auf die Reifeprüfung vor, die er Ostern 1906 als Externer am Gymnasium Leer erfolgreich ablegte. Akribisch zählt er die Arbeitsstunden auf und kommt von 1903 bis zur Reifeprüfung auf eine Zahl über 3 400.27 Nach bestandener Prüfung schreibt er in sein Tagebuch: “Eine wichtige Epoche meines Lebens liegt jetzt hinter mir, wohl die wichtigste meines Lebens; denn jetzt trete ich in die Reihe der Studierenden ein und habe denselben Bildungsgang wie diese durchzumachen, ohne durch die Fesseln eines anderen Berufes beengt zu werden [..]. Numquam retrorsum!“28 Er hatte mit bewundernswerter Willenskraft und Selbstdisziplin den sozialen Aufstieg geschafft. “Es waren keine einfachen Jahre, die ich bis zur Reifeprüfung zurücklegen mußte. An den Achtstundendienst [im Polizeiamt] schlossen sich lange Arbeitsabende bis in die Nacht hinein an.“29

Die Geldsorgen hatten ein Ende

Noch im selben Jahr meldete sich mein Großvater als “Einjährig-Freiwilliger“ beim Göttinger Infanterieregiment 82.30

Mit eigenen Ersparnissen begann er 1907 mit dem Studium der Fächer Germanistik, Englisch und Geographie in Berlin und Göttingen. Neben diesen Fächern hatte er noch Geschichte, Ur- und Kunst-geschichte sowie Philosophie belegt. „Das Studium finanzierte er mit dem Darlehen eines Leeraner Gönners und mit Zuwendungen seines Bruders Egbert, der inzwischen Pastor in Brasilien war.“31

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. Kompanie des Göttinger Infanterieregiments Nr.82

(Mitte Zylmann)

1911 legte er das Staatsexamen ab. Mit der Anstellung als Referendar am Realgymnasium Einbeck 1911 „hatten alle Geldsorgen ein Ende.“32 „Zylmann, Kandidat d. h. Sch.“33 gibt Unterricht in Französisch, Latein und Erdkunde. Hier in Einbeck lernte er seine spätere Frau Martha Weeck (9.1.1888 - 17.6.1979) kennen, die wie er aus der Jugendbewegung kam.34 Beide nahmen im Oktober 1913 mit einigen Tausend Menschen aus Wandervogelgruppen und studentischen Vereinigungen an einem Treffen auf dem Hohen Meißner in Nordhessen teil. Man wollte „freideutsch“ sein und das Leben „aus eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung“ gestalten. „Das Treffen war als Alternative gedacht zu den hurrapatriotischen Feiern gleichen Datums am Völkerschlachtdenkmal in Leipzig, das mit kaiserlichem Pomp eingeweiht wurde, zur Erinnerung an den 'deutschen Sieg' 1813. Mit dem 'Freideutschen Jugendtag' trat erstmals die bürgerliche deutsche Jugendbewegung in die Öffentlichkeit.“35 „Für [seine] politische Entwicklung war diese Umbruchzeit entscheidend. Durch das Elternhaus konservativ geprägt, aber im Sinne von Parteipolitik eher unpolitisch, empfand [mein Großvater] durchaus national, und als sich in Leer, zufällig und von außen an ihn herangetragen, die Frage eines Parteieintritt stellte, ging er zur Deutschen Volkspartei. Bald aber verließ er sie wieder und wandte sich der SPD zu.“36 „Ich war nun dort, wohin ich gehörte.“37 Der SPD blieb er ein Leben lang verbunden.

Ostern 1912 übersiedelte er nach Belgien und wurde Lehrer an der Allgemeinen Deutschen Schule in Antwerpen und Hauslehrer bei dem deutschen Kaufmann Wilhelm von Mallinckrodt. Diese Zeit in Antwerpen nutzte er, um sich mit der Problematik der „Flämischen Bewegung“ auseinanderzusetzen.38

Erster Weltkrieg

Weihnachten sind wir wieder zuhause

Am 19. Juli 1914 beendet mein Großvater seinen Schuldienst in Antwerpen. „Friedlich sind unsere Gedanken. [Die belgischen Bürger] ahnen ebenso wenig wie wir, was die nächste Zeit an Schrecken bringen wird. Wohl hatten wir den Mord von Sarajewo mit Schrecken vernommen, und meinen österreichischen Schülern hatte ich mein Beileid ausgesprochen. Dass aber Serbiens Tat in ihren Folgen in erster Linie Belgien zum Verderben werden würde, wir träumten es nicht. Ich nahm herzlichen Abschied von meinen flämischen Freunden […] und rief ihnen ein frohes Wiedersehn zu. Wir hatten den ganzen Sack voller schöner Pläne…“39 Es folgen in Leer ein paar „unbeschreiblich schöne Tage. Martha und ich gehen jeden Morgen zum Baden. Morgens bringt [Mutter] uns eine Tasse Tee ans Bett. Abends spazieren wir drei öfters auf der Landstraße zum Großen Stein und schauen mal über den Deich in die Ems. Es ist alles so friedlich und fein, wir verleben stille Stunden und denken an die Zukunft.“40 Etwas später schreibt er: „In den letzten Tagen des Juli liegt eine bleierne Hitze über dem Lande und Gerüchte schwirren umher. Urlauber der Marine werden zurückberufen, der Kaiser ist plötzlich von seiner Nordlandreise zurückgekehrt. Russland nimmt eine drohende Haltung gegen Österreich-Ungarn an, das Serbien wegen der Mordtat zur Rechenschaft ziehen will. Und am 31. Juli folgt eine aufregende Nachricht nach der anderen: In Österreich-Ungarn ist infolge der russischen Mobilmachung ebenfalls mobil gemacht. Ultimatum Deutschlands an Russland, binnen 12 Stunden die Kriegsvorbereitungen einzustellen. Die Aufregung in der Stadt wird immer größer, die Zeitungsredaktionen werden umlagert, und am Abend ist die Stadt von größeren Menschenmengen durchflutet als zur Reichstagswahl. […] Abends kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel der 'Kriegszustand'!“41 Beim Gang durch die Stadt überall das Wort „Mobil“. „Jetzt war nicht mehr auf friedlichen Ausgang der Dinge zu hoffen, die Entscheidung war gefallen. Wir [Martha und ich] verabredeten […] die Kriegstrauung zu vollziehen.“42 Am 2. August 1914 heirateten beide.43 Es war der Tag der Mobilmachung.

Der Kriegsausbruch wurde vielerorts stürmisch begrüßt. „Auf zum Preisschießen nach Paris“ war nur eine Parole der ausrückenden Soldaten. Im Taumel nationaler Begeisterung schreibt ein Mainzer Dichter44:

„Auf zum Kampfe, laßt alles liegen,

Es gilt für die Gerechtigkeit!

Wir Deutschen wollen und müssen siegen,

Wir kämpfen nicht zum Zeitvertreib.

Weil wir durch Hinterlist gezwungen,

Zu zieh'n das blanke, scharfe Schwert,

So ist von Anfang schon errungen

Der Sieg, und das hat großen Wert.

So zieht denn fort, ihr wack'ren Streiter,

Behüt' euch Gott, es muß gescheh'n!

So kann's unmöglich gehen weiter –

Zielt gut, trefft oft, auf Wiederseh'n –

Sie ziehen fort – unheimliche Stille

Folgt kurze Zeit sodann ein Sieg –

Durch Kampfesmut und Gotteswille,

Ein schöner, großer, deutscher Sieg.

Das mächt'ge Wort das ist gesprochen,

Der Krieg ist da, jetzt nur d'rauf los!

Nicht hat der Adler sich verkrochen,

Er zeigt die Kralle dem Franzos',

Schon hören wir von großen Siegen,

Von deutscher Heeres Tapferkeit;

Die Feinde müssen unterliegen,

Gott seis gelobt, in Ewigkeit!“

Wie es scheint, kann mein Großvater diese überschwängliche Begeisterung nicht teilen. „Es herrscht eine merkwürdig gespannte aber gefaßte Stimmung, doch sind wir alle aufgeregter, als wir es zeigen wollen.“

Aufbruch ins Inferno

Er wird eingezogen.45 Auf dem Bahnsteig dann ein kurzer Abschied. „Alle versuchten zu lächeln, und dass man eine Träne im Auge hatte, wurde nicht zugegeben.“46 Die Reise geht mit Unterbrechungen über Oldenburg, Bremen, Hannover und Kassel, Bebra, Frankfurt/Main, Kaiserslautern, Homburg, Saarbrücken nach Freisdorf (franz. Freistroff), Lothringen, 30 km nördlich von Metz. In Hannover „Hurrarufen und ein tausendstimmiges 'Deutschland über alles'. Der Kreuzer ‘Augsburg ‘ hat Libau47 mit Erfolg beschossen. In manchen Augen Freudentränen, denn nun kann ja an einem Siege nicht mehr gezweifelt werden.“

Aber auch andere, nachdenkliche Töne sind zu hören: „Gestern noch auf stolzen Rossen, heute durch die Brust geschossen, morgen in das kühle Grab. Was wir so oft als Jungens gesungen“, schreibt mein Großvater, „jetzt ist es furchtbare Wirklichkeit.“

In Kassel wird er der 5. Kompanie des Landwehr-Infanterie-Regiments Nr.83 zugeteilt. Auf dem Weg zum Bahnhof Kassel hat er ein besonderes Erlebnis: „Ich muss mit Trauer an eine junge Frau und ihr Töchterchen denken, die ihren Mann, den Unteroffizier Weitzmann, einen prächtigen Menschen, zur Bahn brachten; sie gingen zusammen neben mir. Alle drei konnten nur mühsam die Tränen zurückhalten. 'Sei hübsch brav', sagte er zu seiner Tochter, 'bis ich wiederkomme.' Er ist nicht wiedergekommen. Er fiel als einer der Ersten von uns am 25.8[1914].“

Auf den Bahnhöfen werden die Soldaten durch Frauen vom Roten Kreuz mit Lebensmitteln versorgt und überall gibt es schreckliche Abschiedsszenen. „Ich bin froh, dass es endlich losgeht.“ In Homburg sieht er einen Zug mit gefangenen Franzosen, „die ersten Gefangenen, die wir zu Gesicht bekommen.“ In Freisdorf nimmt er Quartier: „ich gehe früh ins Bett, der Revolver liegt auf einem Tischchen eine Armlänge von meinem Bett. Aber niemand überfiel mich.“ Sein Regiment gehört zur Armee des Kronprinzen (1882-1951), Sohn des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II. Die ersten Tage vergehen mit Schanzarbeiten in Filsdorf.48 Riesige Schützengrabenstellungen werden ausgehoben, da man einen Durchbruchsversuch der Franzosen vermutet.

Zu einem Zwischenfall kommt es, als der Korporalschaftsführer Unteroffizier Menke nicht zum Dienst erscheint. „Nach langem Suchen fand man ihn, er hatte sich am Rotwein völlig betrunken […].“ Er erhielt drei Tage Arrest. „Jetzt sitzt er im Keller des katholischen Ortspfarrers, wo das Arrestlokal eingerichtet worden ist. Ich habe meinen Zug streng gewarnt, sich an dem ungewohnten Rotwein zu betrinken.“

Allmählich kommt das Sterben näher.

Es geht das Gerücht um, Belfort sei gefallen, „wir hätten 18 000 Tote und 13 000 Verwundete auf unserer Seite.“ Dennoch gibt es, neben der Darstellung von Schrecken und Brutalität auch besinnliche Momente. Während einer Wache schreibt Kompanieführer Zylmann: „Es ist ein wundervoller Abend, die Sonne geht rot unter, es dämmert, ich sitze hoch oben auf dem Abhange, im Tale steigen die Nebel, von einem Dorfe links erklingt die Betglocke und im Tale Kinderlachen. Alles ist Friede, man versinnt sich und möchte sich der friedvollen Stimmung ganz hingeben. Da tritt ein Posten mit aufgepflanztem Seitengewehr auf mich zu und macht eine Meldung, und fort ist der Frieden.“

Am 19. August 1914 erhält er die Nachricht, „dass wir bei Chateau Salins 7 000 Gefangene gemacht haben sollen, dazu 28 Geschütze und 3 Fahnen.“ Zwei Tage später verbreitet sich das Gerücht, dass die „Franzosen auf ganzer Linie [zwischen Metz und Straßburg] im Rückmarsch [seien]. Unsere Mannschaften waren außer sich vor Freude, sangen patriotische Lieder und ließen Kaiser Wilhelm II. hochleben. Zum Schluss sangen sie 'Lobe den Herrn'." Es kommt zu feindlichen Fliegerangriffen. Man schießt zurück, aber ohne Erfolg.

Am 23. August 1914 um 11 Uhr überschreiten die Soldaten unter Hurra-Geschrei und Absingen von „Es braust ein Ruf wie Donnerhall“ die französische Grenze. Erste Eindrücke von Kampf und Tod. „Vor uns liegt Audun-le-Roman, welches völlig brennt. Der Ort ist systematisch von den Deutschen angezündet worden, weil kleine Vorhute der Deutschen hier auf hinterlistige Weise überfallen und z.T. niedergemacht worden sind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Schanzarbeiten bei Filsdorf

Ich habe später Offiziere kennengelernt, die selbst tote Deutsche mit ausgestochenen Augen gesehen haben […]. Auf dem Weg dorthin kommen wir an einem Friedhof vorbei, wo gerade mehrere tote Kameraden beerdigt werden. Trauriger Anblick. Cèst la guerre.“ Es sind die ersten Eindrücke von Kampf und Tod. „Einige Leute schaufeln Gräber, und auf dem Wagen am Eingang liegen drei gefallene Soldaten, ein Deutscher und zwei Franzosen. Sie sind in Zeltbahnen eingehüllt, die vor Staub und geronnenem Blut starren. Unter einer Zeltbahn schaut ein nackter Fuß hervor, blutig und leichenfahl. Wir werden alle beklommen, vorne verstummt der Gesang, und als das ganze Regiment am Friedhof vorbei ist, schweigen alle. Die Eindrücke von diesem ersten Tage in Feindesland und die folgenden überstürzten sich so schnell, dass mir manches nur noch wie halbverwischte Träume in der Erinnerung haften geblieben ist.“

Bei Einmarsch in Landres wird die Truppe beschossen. Die Zerstörung des Dorfes erfolgt als Vergeltung. „In den meisten Häusern liegen Leichen, halb zerschmettert, halb verkohlt. An der Straße lag bei unserer Ankunft die Leiche eines Mannes in Zivilkleidern, der Kopf war ihm mit einem schweren Gegenstand völlig gespalten, das Gehirn war herausgequollen und eine Horde Schmeissfliegen bedeckte es.“

Immer wieder geraten Zivilisten zwischen die Fronten. So stieß mein Großvater auf seinem Vormarsch „ auf eine junge Frau, die mit einem Kopfschusse tot auf der Erde lag, mit dem Gesicht nach unten; neben ihr lag ebenfalls ein totes Kind. Wahrscheinlich waren die beiden von der Schlacht überrascht und zu spät geflohen.“

Die Truppe hat die Erlaubnis, Lebensmittel zu beschaffen (zu requirieren). „Es ist streng verboten, Wertsachen zu stehlen.“ In großer Zahl werden Hühner, Gänse, Schweine und viel Rotwein herbeigeschafft, „sogar eine Flasche Curaçao, die ich aber für die Offiziere der Batterie beschlagnahme.“ „Mir ist dieser Tag mit Toten, brennenden Dörfern und all dem Jammer ein unheimlicher Tag. Ich stehe noch ganz unter dem Eindruck.“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Skizze vom Überschreiten der Grenze

Immer wieder wird die Truppe um meinen Großvater in Kämpfe verwickelt. „Alles geht leise, aber die Franzosen sind auf der Hut und empfangen uns mit Gewehrfeuer, so dass unsere in Stellung gehen müssen. Die Franzosen zünden das vorliegende Dorf an, um die Annäherung der Deutschen besser sehen zu können. Die Infanterie- Geschosse sausen auch über uns hin.“

„Vor uns, im Westen, stampft der große Schnitter dröhnend über das Schlachtfeld und hält reiche Ernte. Ununterbrochen rollt der Geschützdonner, ohne Aufhören knattert das Infanteriefeuer, und Maschinengewehre lassen in Pausen ihr hässliches tak tak erklingen.“ Auf Befehl muss mein Großvater mit einigen Kameraden Lebensmittel und Wasser besorgen, dabei „sehe ich mit großer Strenge darauf, dass nichts beschädigt wird und nur notwendige Lebensmittel genommen werden. In einem staatlichen Tabakladen finde ich 9 Päckchen guten Tabak […].“ Bei diesen „Besorgungen“ hatte er seinen Revolver „immer schussbereit, da wir infolge der zahlreichen Franktireur-Geschichten49 ein tiefes Misstrauen gegen die Bevölkerung hatten.“ Gelegentlich gelingt es ihm, „teils gegen Bezahlung, teils durch das Anerbieten der freundlichen Bevölkerung mehrere Flaschen Wein [und sonstige Lebensmittel] aufzutreiben.“

Sehr eindringlich schildert mein Großvater das Vorrücken in Feindesland. Beim Weitermarsch durch verschiedene Ortschaften immer wieder das gleiche Bild: brennende Dörfer, „halb verbranntes oder versengtes Vieh und angsterfüllte Pferde, die die Luft mit ihrem Gestöhn und Wiehern erfüllen. Hier und da liegen Leichen, wie grauenhafte Bilder der Hölle. In einem brennenden Hause hockten drei verkohlte Menschen. Keiner von uns sprach, man hörte nur den dumpfen Schritt der Kolonnen, das Knistern und Prasseln der Feuersbrunst und das Klopfen des eigenen Herzens. Das ganze bisherige Leben war ausgelöscht, man schwamm wie ein Ertrinkender auf einem endlosen Meere des Schreckens, in welchem jede neue heran stürzende Woge eine andere, grausige Fratze zeigte.“

Mehrere meinem Großvater nahestehende Offiziere werden bereits in den ersten Tagen getötet. Auch er gerät des Öfteren unter Beschuss: „Dann blitzte es auf, und mit gewaltigem Krach krepierte eine Bombe über uns in der Luft, wir warfen uns auf den Boden, verletzt wurde auch jetzt niemand“ und „über unseren Köpfen erklangen immer häufiger kurze singende Laute wie das Zwitschern von Vögeln, es waren zu hochgehende feindliche Geschosse. Plötzlich rief ein Mann: 'Ich habe meinen Teil schon!' Er hatte einen Armschuss erhalten.“

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Schlachtfeld bei Montmédy

Über meinen Großvater wird das Gerücht verbreitet, er sei getötet worden: „Ich sei in einem Haferfelde […] getroffen [worden] und tot auf dem Rücken liegen geblieben.“ Es bleibt zum Glück ein Gerücht. Dennoch gerät auch er in bedrohliche Situationen. Als die Truppe unter massivem Beschuss liegt und das feindliche Artilleriefeuer „in solcher Anzahl um mich einschlug“, glaubt er, das Ende sei gekommen: „Jetzt ist es aus, aus dieser Hölle kommst du nicht mehr lebend heraus.“ Und er hat Glück: „Einmal sausten 4 Schrapnells50 im Umkreis von 20 m um mich in die Erde, eines unmittelbar an meinem Knie vorbei einen Meter vor mir in den Boden. Aber es krepierte nicht, auch nicht die beiden nächsten, nur das vierte, das am weitesten entfernt war, das aber niemanden verletzte.“

Ende August 1914 schlägt ihm sein Bataillonskommandeur für das Eiserne Kreuz vor für Verdienste „um die Schlacht vom 25.8.“ An diesem Tag kam es zu einem Gefecht mit vielen Verlusten, es war der Tag „unserer Feuertaufe“.

Wegen einer Erkrankung am Fuß ist sein Marschieren eingeschränkt. „Der Bataillonskommandeur hat daraufhin angeordnet, dass mir ein Reitpferd besorgt werde.“ Es ist ein erbeutetes französisches Kavalleriepferd. Nach ersten kläglich gescheiterten Reitversuchen findet mein Großvater zusehends Freude am Ausreiten. Eine Begegnung mit Generalfeldmarschall Häseler hinterlässt einen bleibenden Eindruck: „Er sprach mich an, er war freundlich wie immer.“

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Generalfeldmarschall Graf von Haeseler (1836-1919)

Am 30. August beginnt die „Erzwingung des Maasüberganges.“ In den Ortschaften, durch die die Einheit kommt, brennen Gebäude; ganze Dörfer stehen in Flammen, nicht selten von den Franzosen selbst entfacht (Kriegstaktik der verbrannten Erde.) Mein Großvater erfährt von der Fernsprechabteilung, „dass unsere Verluste auf der ganzen Linie enorm seien“, wenngleich der Gegner „in Auflösung“ begriffen ist. „In Fleury, [dem Sitz des Generalkommandos], finde ich einen gedeckten Tisch vor, gebratene Tauben duften herrlich, sie sind wegen Spionageverdachts standrechtlich erschossen; wir müssen überall auf Befehl die Tauben abschießen, wegen Brieftaubengefahr.“ In Dun-sur-Meuse hat mein Großvater ein Erlebnis ganz besonderer Art. Er findet Quartier bei „einer jungen hübschen Frau von etwa 25 Jahren und einem alten Mütterchen. Die Frau führt mich in mein Zimmer. Ein großes Bett steht in einer Ecke, da soll ich schlafen, und in der anderen Ecke liegt in einem Bette ein etwa 5jähriges Mädchen, und ein Baby liegt in einer Wiege mitten im Zimmer. 'Wo schlafen Sie', frage ich die Frau! Sie zeigt auf das Bett, wo das Kind schläft. Die grand-mère schläft im Hinterhause. Ich bin etwas perplex, ziehe aber vor, die abenteuerliche Nachbarschaft nicht alleine zu teilen. Denn wenn ich honest bleibe, so glaubt es mir später doch kein Mensch. Deshalb hole ich meinen Burschen aus dem Quartier und lasse ihn Stroh und Decken ins Zimmer legen. So wie zwischen Tristan und Isolde das Schwert lag, so bildete [der Bursche] die Schutzmauer gegen alle sündhaften Anwandlungen. Ich will mich ausziehen und sage wiederholt: 'Merci Madame' zu meiner jungen Wirtin. Aber unbekümmert um meine krampfhaften Versuche bleibt sie mit einem unbestimmten Lächeln mit dem Lichte in der Hand im Zimmer stehen. 'Hols der Teufel', denke ich, 'wenn du durchaus sehen willst, wie ein rauher Krieger sich auszieht, dann sollst du das Vergnügen haben. Und ruhig entnehme ich meinem Koffer ein Nachthemd, beginne mich auszuziehen, ziehe mich immer mehr aus, bis es nichts mehr auszuziehen gibt, steige gelassen in mein wallendes Nachthemd und schlüpfe ins Bett. 'Merci Madame, bonne nuit!' Madame sagt mir ebenfalls freundlich gute Nacht, löscht das Licht aus, und dann vernehme ich eine Weile ein Rascheln und Rauschen und Knipsen und Knacken, und endlich herrscht Ruhe. Aber nur mit Einschränkungen. Denn in der Wiege bewegt es sich ohne Unterlass, das Kindlein scheint Flöhe zu haben, und zwar recht viele, es wälzt sich immer hin und her.“ Am nächsten Morgen erzählt Leutnant Zylmann sein Abenteuer, „und man lacht gewaltig über die Schutzmaßnahmen, die ich gegen die Versuchung […] getroffen habe.“

Am 4. Oktober veranstaltet mein Großvater mit seinem Zuge in der Kirche von Sommerance, einem kleinen Ort in den Ardennen, einen Gottesdienst. Er lässt die Glocken läuten. „Zum ersten Mal hören wir diese friedlichen Klänge in Feindesland.“ Er liest aus der Bibel, spricht das Vaterunser, und zum Schluss „singen wir begeistert stehend 'Deutschland über alles'! Es lag eine feine Stimmung über der anspruchslosen Feier, man verspürte einmal wieder, dass die Woche noch einen Sonntag hat. Die Frauen verstanden zwar kein Wort, doch waren sie sehr gerührt und weinten, sie hatten auch allen Grund, ihren Jammer zu beweinen.“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten51

„Argonnerwald, um Mitternacht, ein Pionier stand auf der Wacht“

Einige Tage später unternimmt mein Großvater in Begleitung von Offizieren und Soldaten einen Erkundungsmarsch in den Argonner-wald. Sie stoßen „auf zahlreiche französische Schützengräben, tief eingeschanzt und sehr geschickt durch das Laub verdeckt. Auch manches einsame Kreuz mit lakonischer Inschrift, geschmückt mit Helm oder Käppi, stand verborgen im Walde. Die darunter schlafenden Krieger werden für alle Zeiten dort ruhen, unauffindbar, vergessen, das dicht fallende Laub wird jede Spur auslöschen.“

Am 9. Oktober bricht großer Jubel aus: Antwerpen ist gefallen: „Ich bin gespannt, was aus meiner beweglichen Habe geworden ist.“

Am 16. Oktober vermerkt er, dass „in der letzten Nacht 3 Schützen-gräben vorne genommen worden sind und in der vorigen ebenfalls mehrere wichtige Stellungen.“ Außerdem berichtet er über die Festnahme dreier Spione, von denen bereits zwei standrechtlich erschossen wurden, außerdem von etwa 70 französischen Überläufern, über deren weiteres Schicksal allerdings nichts vermerkt ist.

Es kommt zum Stellungskrieg im Argonnerwald. „Eine gewisse Unruhe packt uns alle, nun sollen wir selbst in den mörderischen Wald, der schon so viele herrliche Menschen verschluckt hat.“ Mein Großvater muss mit seinem Regiment in den Wald rücken. Er packt das Notwendigste in seinen Tornister, nimmt die Achselstücke ab, „die können bei der großen Nähe des Feindes nur schädlich sein“ und gibt seinen Degen „auf die Bagage52, er kann mir nichts nützen.“ Dafür bewaffnet er sich mit einem Gewehr.

„Wunderdinge verrichten unsere Pioniere; sie arbeiten sich in Sappen53 vor, werfen Handgranaten, oder sie graben sich unterirdisch bis unter den feindlichen Graben vor, legen dort Minen und sprengen den Graben in die Luft.“

„Heute haben wir etwa 300 m Boden gewonnen, 3 oder 5 Maschinen-gewehre erbeutet und 40 Mann gefangen [genommen]. „Es sind sehr heftige Kämpfe, Tag und Nacht hält das Infanteriefeuer an, ohne Unterbrechung „rattern die Maschinengewehre. In acht Tagen sind wir sicher wieder aus dem Walde heraus.“54 „Ein gewaltiger Artilleriekampf über uns hinweg. Unsere Flakabwehr hat 3 feindliche Geschütze zum Schweigen gebracht. Da unsere Verpflegung nur durch Essenholen über die alte Römerstraße erfolgen kann, liegt die Straße zu den betreffenden Zeiten immer unter feindlichem Artilleriefeuer. Gerade als ich [eine Deckung] erreiche, platzt in meiner unmittelbaren Nähe ein feindliches Schrapnell.“

Auf einem Marsch, nördlich von Verdun, schreibt er: „Es ist glühend heiß. Wir werden von einem etwa 12 km langen Zuge von Munitionskolonnen, Armeebagage, Proviantkolonnen langsam überholt und sind gezwungen, fast den ganzen Tag neben ihm her zu marschieren, in haushohen Staubwolken, in die kein Luftzug eine Bresche reißt. Der Staub legt sich dick auf uns. Zu beiden Seiten der großen Straße erstrecken sich reife Kornfelder, das Korn steht noch auf dem Halm, Erntegeräte, Mähmaschinen liegen verlassen , der Krieg ist wie ein Donnerschlag in die beginnende Erntearbeit hinein gefahren, mit mächtigem Schritte hat er die fruchtgelben Fluren zerstampft. Einzel- und Massengräber säumen die Straße zu beiden Seiten ein, dort eine Pickelhaube auf einem bescheidenen Holzkreuz, hier ein französisches Käppi. Meist sind die Kreuze namenlos. Nur immer geradeaus geblickt und nicht zu viel an die Toten denken. Den unangenehmsten Eindruck auf Gesicht und Geruch machen aber die zahllosen gefallenen Pferde, die auf den Feldern und besonders häufig in den Chausseegräben liegen.“

Am 1. November 1914, ein Vierteljahr im Krieg und ein Vierteljahr verheiratet, nimmt das Infanterieregiment 144 zwei feindliche Schützengräben. „Die Pioniere haben sich unterirdisch vorgearbeitet und einen feindlichen Graben völlig zerstört, derartig, dass Arme und Beine der Gefallenen aus den Trümmern herausgeragt haben. 48 Gefangene. Die Zahl der Toten war noch nicht festzustellen, doch

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Stellungen im Argonnerwald

dürfte eine Kompanie [etwa 100 – 200 Mann] umgekommen sein.“

Die Nachricht, dass die Türkei Russland, Frankreich und England den Krieg erklärt hat, wird mit großem Hurra quittiert.

Mein Großvater lebt gelegentlich in Erdhöhlen. Es ist „sehr gemütlich dort und warm. Die Erdkamine ziehen sehr gut. Trockenes Laub und Stroh als Lagerstätte, Decken, Umhang, Mantel. Sehr mollig. Die Höhle ist mit dicken Bäumen abgedeckt, darüber liegt eine Reisigdecke, dann Laub und schließlich eine meterdicke Lehmschicht. Der Raum ist sehr groß: 6 m lang, 2,5 m breit, 2 m hoch.“

Er erlebt hier im Argonnerwald sehr hautnah den Krieg. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht Kameraden aus seiner Abteilung zu Tode kommen. Ein besonders schwarzer Tag ist der 6. November. „Mit einer noch nie dagewesenen Heftigkeit wütet heute Nachmittag die feindliche Artillerie […]. Wehe, wenn unser Hüttenlager ausgespäht würde.“ Drei Offiziere und 20 Mann finden den Tod.

“Über der Hölle steht die lachende Sonne. Ich wollte, ich könnte einmal an ihrer Stelle sein und ihr Schmerzenskind, die Erde, betrachten. In diesem Völkerringen muss sie ihr wie ein großer dunkler Raum ohne Türen und Fenster vorkommen, dicht gedrängt voll tollgewordenen Männer, die sich wild und sinnlos bekämpfen. Nur fehlt der Hausknecht, um sie alle herauszuwerfen.“

Der Dauerbeschuss hält mehrere Tage an. „Vor uns sind gestrüppartige Drahtverhaue angelegt, darin haben wir Konservenbüchsen aufgehängt, in denen Steinchen an Bindfäden baumeln, sodass ein heranschleichender Feind sich selbst durch höfliches Klingeln anmelden würde.“

Aber es tauchen auch immer wieder Siegesmeldungen auf, so z.B. berichtet mein Großvater am 11. November, dass „Vienne-le-Château genommen wurde“ und dass im Osten die russische Armee geschlagen und „4 200 Mann und 10 Maschinengewehre erbeutet worden seien.“ Ferner hätten die Türken die Russen im Kaukasus völlig geschlagen. „Hurra. Unsere Stimmung wird wieder ganz anders.“ Und in den Feuerpausen nimmt mein Großvater sich immer noch Zeit, politische und pädagogische Lektüre zu lesen.

Wir hören ferner von Siegesmeldungen über eingenommene Städte und von der Gefangennahme zahlreicher Franzosen.

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Erdhöhle

Anlässlich eines Besuchs des Kaisers im Argonnerwald schreibt der kommandierende General in einem Tagesbefehl: „Seine Majestät der Kaiser und König haben bei seiner heutigen Anwesenheit beim Armee- Oberkommando auszusprechen geruht, dass er der zähen und erfolgreichen Kampfarbeit der unter meinem Befehl im Argonner-walde fechtenden Truppen seinen Dank und besondere Anerkennung zolle. Es gereicht mir zur großen Freude, dies allen beteiligten Kommandostellen und Truppen mitteilen zu können. Es lebe seine Majestät der Kaiser. Der kommandierende General.“

Nach starken Regengüssen am 16. November „sickert und tröpfelt [das Wasser] ohne Unterlass durch die Lehmdecke. Die ganze Höhle ist eine Schwimmbadeanstalt. Alles ist nass in nass“. Nur mit grimmigem Humor lässt sich die Situation ertragen. Doch abends erhellt sich die Stimmung, als bekannt wird, bei im Bereich Ferme-la- Mitte 27 000 Russen gefangen wurden.

„Mit großem Donner flog nun heute morgen [20. November] der feindliche Graben in die Luft“, nachdem Pioniere unter die feindlichen Stellungen Gänge getrieben haben, um dort große Mengen Dynamit zum Explodieren zu bringen. „Die Verluste des Gegners sind dabei entsetzlich gewesen, der vordere Graben ist voll von Toten gewesen. Unsere Truppen […] haben in einem Anlauf beide hintereinander-liegende Gräben genommen und sind bis ins feindliche Lager hineingestürmt, sie haben 4 Offiziere und 187 Mann gefangen-genommen […].“ Aber es gibt auch eigene Verluste. Hinzu kommt die Ausbreitung von Typhus, der bereits mehrere Tote gefordert hat.

Am 22. November erhält mein Großvater das Eiserne Kreuz. („Ich bin natürlich sehr stolz auf die Auszeichnung, muss aber gestehen, dass mancher einfache Mann es mindestens ebenso sehr wie ich verdient hätte.“) Einen Tag später kommt es zu einer direkten Begegnung mit einem gegnerischen Soldaten. Sein Bursche Vogt tötet den Franzosen „durch einen Schuss, sonst wäre einer von uns tot gewesen.“

Immer wieder schießt der Gegner mit schwerer Artellerie. Tote und Verletzte sind auf der Seite der Deutschen zu beklagen. Die feindlichen Gräben liegen z.T. nur 50 bis 70 m entfernt vor den deutschen Stellungen. „An einer Stelle kann man mit dem Scherenfernrohr deutlich einen Beobachtungsposten erkennen. Ich habe einen netten warmen Unterstand, durch eine Zeltbahn verschlossen. Ich sitze bei einer Kerze, schreibe Briefe und lese! Nachts bin ich eine Stunde bei den Leuten draußen, die alle am Gewehr stehen.“

Am 25. November notiert Leutnant Zylmann in sein Tagebuch: „ Ich habe morgens einen ziemlichen Nervenkollaps, bin infolgedessen sehr verquer und gereizt. Ich bin nicht der Erste, der unter starker nervöser Abspannung leidet. Ich schlafe ausserordentlich schlecht und starre nachts oft stundenlang ins Feuer, bevor ich einschlafen kann. Der Ausspruch: 'Dieser Krieg ist eine Nervenfrage' ist so wahr wie ein mathematischer Satz. […] Aus dem Munde vieler Wehrleute habe ich ihre einzige jetzt gültige Philosophie gehört: Wir wollen ja gerne hier stehen und alles aushalten, wenn nur unsere Frauen und Kinder den Krieg nicht selbst in der Heimat erleben müssen. Es gibt ein stilles Heldentum unter den einfachen Leuten, die ohne Zagen dort aushalten, wo eben eine Granate ihren Kameraden erschlagen hat; ein Heldentum, wofür es kein eisernes Kreuz, keine öffentliche Anerkennung gibt. In mir ist allmählich eine tiefe Liebe und Verehrung für die namenlose Heldengröße unserer einfachen Soldaten erwachsen.“

Es kommt immer wieder zu schweren Gefechten, die Verluste auf deutscher Seite sind nicht gering. „Die Höhe ist mit dem Bajonett genommen.“

„Unsere Leute haben es in der […] Stellung ausserordentlich schwer; da wir zwei Gräben besetzen müssen, können unsere Leute nicht täglich abgelöst werden. Sie müssen ohne Unterbrechung 48 Stunden vor ihrer Schießscharte stehen, und dürfen nachts keinen Augenblick schlafen.“ Auch mein Großvater ist häufig 24 Stunden im Schützen-graben. Anfang Dezember sind es bereits 40 Tage und Nächte, die „wir im Wald [Argonnerwald] hausen.“ Die gegnerischen Gräben sind durch die Öffnungen der Panzerschilde deutlich zu erkennen. „Hier und da sieht man einen Franzmann schanzen, man merkt es daran, dass beständig kleine Erdmassen auf die Böschung fliegen. Auf der Straße 400 m vor uns im Tale flitzt dann und wann ein waghalsiger Franzose vorbei, zwei unserer Leute sind damit beschäftigt, sie abzuschießen, was manchmal gelingt.“

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Verbandsstelle im Argonnerwald November 1914 (Mitte Zylmann)

Aus seinem Unterstand heraus schreibt mein Großvater gedankenschwer folgende Zeilen: „Ohne Unterbrechung knallt und dröhnt es an der ganzen Front. Hart schlagen die feindlichen Geschosse an die Schutzschilde, peitschend antworten unsere Gewehre. Das Schlagen und Knacken der Geschosse in den Bäumen nahe und fern ist hier noch schlimmer wie im Lager hinter dem Graben. Die Leute singen leise Lieder, mehrstimmig, wie ein Summen dringt es zu mir unter die Erde. Es sind nur ernste Lieder: 'Steh ich in finstrer Mitternacht', 'Großer Gott wir loben Dich', 'Ich bete an die Macht der Liebe' und ähnliche. Ich trete zu ihnen hinaus, nachdem ich vorher meine Kerze gelöscht habe. Da stehen sie, wie graue Säulen im fahlen Mondschein. Am Himmel jagen die Wolken aus Westen, zackig und zerrissen ragen zu beiden Seiten des Grabens die Stümpfe der von Granaten zerstörten Bäume empor; es sind blutende Hände der grausam von den Menschen verletzten stummen Natur, Schwurhände, gegen Gott gerichtet. Ohne Unterlass knallen und dröhnen und schlagen die Schüsse, misstönig pfeift der Wind in den Baumruinen, und wie eine Klage um eine ewig verlorene Welt des Friedens summen die schönen Volkslieder und verwehen. Schwer legt die Stimmung sich auf unsere Seele, keiner wagt die stumme Frage zu beantworten, die jeder sich stellt: Wirst Du jemals wieder in das friedliche Glück zurückkehren, das du so weit hinter dich gelassen hast? Zwei Kreuze stehen auf der hinteren Böschung des Grabens, dort liegen fünf gefallene Kameraden; wer wird der Nächste sein?“ Und der feindliche Graben liegt nur einen Steinwurf entfernt.

Viele Soldaten hatten sog. Schutzbriefe bei sich, selbstgeschriebene Briefe, die sie im Namen Christi vor feindlichen Kugeln schützen sollten. Aus einem sog. Schutzbrief, den mein Großvater bei einem gefallenen Soldaten gefunden hat, möchte ich folgende Zeilen wörtlich zitieren: „Wer diesen Brief bei sich hat, kann nicht gefangen, noch durch des Feindes Hand verletzt werden. So wahr wie Christus auf Erden gewandelt und gestorben und in Himmel gefahren ist, kann er nicht gestochen, geschossen und nicht am Leben verletzt werden. Fleisch und Geniere [?] sollen unbeschädigt bleiben. Ich schwöre alle Gewehre und Waffen in der Welt, bei dem lebendigen Gott des Vaters, des Sohnes und des Hl. Geistes. Ich bitte im Namen Christi Blut, dass keine Kugel treffen tut, sei sie von Silber oder Blei, Gott im Himmel macht mich vor Alles sicher und frei, im Namen Gottes des Vaters des Sohnes und des heiligen Geistes Amen. So wie Christus still stand, so sollen still stehen die Geschütze. Wer dies geschrieben bei sich führt, den wird nichts schaden. Es wird ihn nicht treffen des Feindes Geschütze und Waffen. Denselben wird Gott bekräftigen, dass er sich nicht fürchte. Für Dieb oder Mörder ist er geschützt, Degen und Pistolen, alle Gewehre müssen still stehen. Alle sichtbaren und unsichtbaren Gewehre sollen durch den Engel Michael, im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des hl. Geistes […] Amen. Wer diesen Segen bei sich führt, der wird vor Gefahr unbeschädigt bleiben. Wer dieses nicht glauben will, der schreibe diesen Brief ab und hänge es dem Hund um den Hals und schieße dann nach ihm, und er wird erfahren, dass er ihm keinen Schaden tun kann.“

Mein Großvater weist daraufhin, dass dieser altertümlich anmutende Text möglicherweise schon 1870/71 oder vielleicht sogar noch früher dem Schutz der Soldaten gedient haben könnte und dass viele seiner Soldaten einen solchen Brief bei sich führten. Leider haben solche Schutzbriefe in der Regel nicht geholfen. „Glaube und Aberglaube liegt hier nahe zusammen“, so mein Großvater, „ man weiss nicht, wo der eine anfängt und der andere aufhört. Das ist nicht zu verwundern, auch Gebildete haben es nicht leicht, in diesen Zeiten der Lebensgefahr ihre Weltanschauungen durch das Meer wogender seelischer Erschütterungen wie einen wankenden Kahn hindurch zu steuern.“

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Bau von Unterständen

Hindenburg hat bei Łódż die 2. und 5. russische Armee besiegt, so die Meldung am 7. Dezember. „Wie ein Lauffeuer läuft die Kunde von Mann zu Mann durch den Graben, auf allen Gesichtern sieht man die tiefe Freude, niemand denkt mehr an den Regen, und wenn er auch oben in die Stiefel hineinläuft. Übermütig rufen einig Spaßmacher dem Gegner zu: 'Franzmann! Franzmann! Russen perdu! futsch!'“

Am 12. Dezember muss mein Großvater wieder für 24 Stunden in den Schützengraben. „Zwischen unserem und dem feindlichen Graben ist nur ein Abstand von Steinwurfsweite; irgendwelche Verbaue oder Drahthindernisse hat man auf unserer Seite bisher nicht anbringen können. Zwar bilden die zerschossenen Bäume und Sträucher, die kreuz und quer am Boden liegen, ein beträchtliches Hindernis für einen stürmenden Gegner, doch halte ich es für wünschenswert, noch weitere Verbaue anzulegen. Stacheldraht ist zur Hand. Ich teile meinen Leuten meine Absicht mit.“

Sofort melden sich zwei Freiwillige. „Wir warten bis zum Anbruch der Dunkelheit. Dann steigen die beiden über die Brustwehr ins Vorgelände, ich bin auch eine kurze Zeit oben, um die Örtlichkeit einmal in Augenschein zu nehmen. Kriechend bewegen die beiden sich vor dem ganzen Graben hin, schlingen den Draht um Baum-stümpfe und Äste, ich helfe vom Graben und den Sappen aus, soweit ich kann. Schließlich verliere ich sie in der Dunkelheit aus den Augen. Ich hatte das Feuer teilweise abstopfen [im Sinne von „einschränken“] lassen, um die beiden nicht zu gefährden; das hatte den Gegner aber nervös gemacht, er feuerte desto heftiger. Unsere Sorge um die beiden Kameraden stieg auf den Höhepunkt, als beim Gegner auf einmal eine Leuchtkugel in die Höhe ging. Hatte er etwas gewittert? Nach etwa ¾ Stunden kamen beide wieder angekrochen, heil und gesund. Aus Freude habe ich ihnen einen Grog gemacht. Sie erzählten, dass die Geschosse immer hart über sie hinweggepfiffen wären, dass sie sich immer so eng wie nur möglich an den Boden geschmiegt hätten; deutlich hätten sie das Mündungsfeuer aus den feindlichen Gewehren vor ihrer Nase sehen können. Als dann etwa 10 m vor ihnen die Leuchtkugel hochgegangen seien, hätten sie einen Augenblick nichts

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Erkämpfte Höhe

um ihr Leben gegeben.“

Die Aufregung vom Tag ist vergessen und mein Großvater gibt sich der stimmungsvollen Nacht hin: „Der Regen hat aufgehört, wunderbar leuchtet die Wega, der Große Bär hängt quer am Himmel und der Polarstern ist so unverrückbar wie immer, als ob es keinen Krieg gäbe.“ Doch schon bald holt ihn die Wirklichkeit wieder ein. „Zackig und rissig stehen die Baumstümpfe, und das tak…tak eines Maschi-nengewehres zerreisst die dunkle Nacht. Schwere Haubitzgranaten segeln über uns hinweg in die feindlichen Batteriestellungen hinein, freudig von unseren Leuten begrüßt.“ Aber auch der Gegner ist kampfbereit und antwortet. „Zu allen Seiten lodert ein blitzender Schein in die Nacht hinauf, wenn die Granaten explodieren und ein dumpfes Rollen durch den Wald zieht. „So ein nächtlicher Artilleriekampf der schweren Artillerie über den eigenen Kopf hinweg ist das Großartigste, was es gibt. Man kommt sich selbst mit seinem kleinen Gewehr dann so unendlich klein vor, so unbedeutend, und doch sind es nicht die Haubitzen, sondern die Menschen, die letzten Grundes den Kampf entscheiden.“

Am 14. Dezember notiert er in sein Tagebuch, „dass von oben her grosse Sparsamkeit befohlen ist. Und dass z. Z. zur Niederkämpfung [des Feindes] kaum die genügende Munition vorhanden sei. Die Ursache liegt in dem gewaltigen Bedarf auf dem östlichen Kriegsschauplatz, doch dürfte die Munition bald wieder reichlicher werden. Auf die Dauer zermürbt die Infanterie nichts mehr als das feindliche Artilleriefeuer, ohne dass unsere Artillerie antwortet. Ich habe vor Tisch eine köstliche Waschung im Bierfass vorgenommen.“ Ein halbiertes Holzfass hatte man zu einer Badewanne umfunktioniert.

Am Morgen des 17. Dezembers begann eine feindliche Kanonade, „wie sie hier von uns noch nicht erlebt wurde, ununterbrochen bis nachmittags um 2 Uhr hielt sie in stärkster Weise an, dann mit Unterbrechungen bis zum Abend. Durch zeitweiliges Zählen haben wir geschätzt, dass der Gegner in unserem Abschnitt und hinüber bis zur 34. Infanterie-Division etwa 4-500 Artillerieschüsse abgegeben hat. Die Ursache der feindlichen Tätigkeit war ein Angriff der 144er und 173er, der von grossem Erfolg gewesen ist. Es sind dort über 1000 Gefangene gemacht worden, der Gegner hatte außerdem mehrere hundert Tote. Einige Maschinengewehre, Minenwerfer, sehr viel Munition etc. wurden erbeutet. Die 144er sind über die beiden feindlichen Schützengräben ins Lager des Gegners vorgestürmt, dieser ist ganz überrascht worden, mehrere Offiziere sind in Strümpfen aus den Höhlen herausgekommen. In die fliehenden Franzosen hat unsere schwere Artillerie schwer hineingeschossen, die M.G. ebenfalls.“ Später wurde aus der eigenen Stellung gemeldet, „dass schwere feindliche Artillerie unseren Graben beschossen habe.“ Mehrere Verschüttete konnten gerettet werden, für einige kam jede Hilfe zu spät. „Ein verwundeter Mann wurde herausgetragen, der vor Schreck irre redete.“ Daraufhin erlitt mein Großvater einen „Nervenschock“.

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Frontabschnitt Dezember 1914

(auf der Karte sind die Stellen markiert (X), wo durch Volltreffer der Schützengraben verschüttet wurde)

Früh morgens am 18. Dezember erfolgte ein erneuter Beschuss der deutschen Stellung durch schwere Artillerie. „Um 6 Uhr waren wir vorne [im Laufgraben]. In stockfinsterer Nacht kamen wir nur langsam nach vorne. In einem rückwärtigen Graben verblieb ich mit den Leuten. Von allen Seiten krachte und blitzte es um uns; und gegen 7 Uhr kamen auch die schweren Granaten über uns hinweg. Eine schlug etwa 200 m rechts neben uns ein. Wie ich auf den Boden gekommen bin, weiss ich gar nicht mehr. Jedenfalls standen wir alle jenseits von Mut und Feigheit unter dem Eindruck des Grauens. Der Angriff kam nicht, und um 9 Uhr zogen wir wieder ab.“ Mittags erneuter Beschuss. Die Tagesbilanz waren 1 toter Unteroffizier, 18 Verwundete, darunter 12 leicht und 6 mittel schwer verletzte Soldaten. „Der Stabsarzt Dr. Bena hat mir Schonung befohlen.“

„Herrlich muss der Sieg über die Russen in Polen sein, der heute gemeldet wurde, auf der ganzen Linie sollen die Russen im Rückzuge sein.“ Der Sieg „belebt unsere etwas gesunkenen Lebensgeister.“

Der Beschuss hält auch in den nächsten Tagen an. „Von unseren Leuten wurde aber niemand getroffen, dagegen ist die stark ausgebaute Höhle der Leute vom Maschinengewehr durch einen Volltreffer zerstört worden. 4 Mann vom MG und der Unteroffizier von Artillerie- Beobachtungsposten befanden sich darin. Der Unteroffizier und 2 Mann sind tot, einer ist verletzt. Das Maschinengewehr ist unversehrt geblieben.“

Am Sonntag, 20. Dezember, wird im östlichen Teil des Abschnitts ein „glänzend gelungener Angriff ausgeführt. Die Höhen südlich der Chaussee sind vollständig erobert. Seit längerer Zeit waren unterir-dische Minen durch Pioniere unter die feindlichen Stellungen getrieben, und dort große Mengen Dynamit angebracht worden. Mit großem Donner flog nun heute morgen der feindliche Graben in die Luft.“ Mehrere Offiziere und knapp 200 Mann sind gefangen genommen worden. 4 Maschinengewehre, 1 Revolverkanone und mehrere Minenwerfer nebst einem Pionierdepot erbeuteten unsere Truppen.

„Leider hat die schwere Artillerie wieder in unseren Graben geschossen; dem Wehrmann55 Kuhl ist das rechte Bein (Unterschenkel) fast ganz abgeschlagen worden. [Der Arzt] hat das Bein ganz abnehmen müssen.“

Die Truppe ist durch den harten Dienst „sehr geschwächt und seelisch erschöpft.“ Es sind besonders die neuen japanischen Kruppgeschütze, die den deutschen Soldaten zu schaffen machen. „ Meine Nerven“, so mein Großvater, „ sind auch ziemlich fertig; ich bleibe aber oben und hoffe, dass die Kompanie einmal abgelöst wird.“ Es sind wiederum mehrere Tote aus den eigenen Reihen zu beklagen. Außerdem macht sich die Läuse- und Krätzenplage breit. „Fast täglich kommt einer und meldet: 'Herr Leutnant, ich habe Verstärkungen!' Damit sind die Läuse gemeint. Die verlausten Leute werden in einer 'Läusehöhle' gesammelt, bis ein halbes Dutzends voll ist, und dann zur Reinigung fortgeschickt. Nach 8 Tagen kommen sie dann blitzblank zurück. Bedenklich ist die Häufung schwerer Typhusfälle, mehrere sind bereits daran gestorben. Über ein Dutzend sind daran erkrankt und fortgeschafft worden. Die Schutzimpfung der Leute ist im Walde nicht möglich, da die Geimpften 5 Tage Ruhe haben müssen, wir aber keinen Mann entbehren können. Wir sind sowieso schon nur noch etwa 100 Gewehre.“

Am Heiligabend 1914 gibt der kommandierende General von Mudra56 folgenden Tagebefehl aus: „Das Weihnachtsfest ist da. Eure Weihnachtsglocken sind die donnernden Geschütze, Euer Weihnachtsbaum die zerfetzte Föhre in den Argonnen. Hart am Feinde, beseelt von dem unbeugsamen Willen, ihn niederzuzwingen, dem eisernen Hagel seiner Geschosse eisernes Pflichtgefühl, stärker als Wehr und Graben, entgegenzusetzen, so, stolz auf die eigenen Leistungen und dankbar gegen Gott, habt ihr noch nie deutsche Weihnacht gefeiert. Aber wir sind noch nicht am Ziele. Festhalten, vorwärts und durch bis zum siegreichen Ende, so lautet mein Weihnachtsgruss an Eure vorbildlichen Offiziere und Euch kampferprobte Soldaten des 16. A.K. [16. Armeekorps].“

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Weihnachten 1914 im Argonnerwald

Die Offiziere um meinen Großvater feiern eine stimmungsvolle Weihnacht, ein Baum wird angezündet und Weihnachtslieder werden gesungen. „Wir bannten die traurige Stimmung nach Kräften, nur der [Arzt] weinte wie ein kleines Kind und starrte stumm auf ein Bild seiner Familie. Ich wollte, die Festtage wären vorüber.“ Am Heiligen Abend besucht mein Großvater mehrere Mannschaftshöhlen. „Überall brannte ein kleines Tannenbäumchen oder wenigstens ein Tannen-zweig, die Leute saßen um ihren Korporal herum, die Bilder von ihren Lieben zu Hause auf den Knien, und sangen Lieder, einer las eine Andacht vor. Die Stimmung war sehr ernst, aber nicht gedrückt. Jeder versuchte, seine Gefühle zurückzuhalten.“

In einer Gedenkrede zum Volkstrauertag 1933 finden sich folgende Zeilen meines Großvaters: „Ich vergesse nie den ersten heiligen Abend, 1914, als ich zwei Familienväter von 6 und 3 Kindern mit einer kurzen Andacht und dem Donnern der Artillerie statt der Glocken in der Stellung beerdigen mußte. Immer wieder stand die Frage vor uns auf: Drüben am Wiesenrain hocken 2 Raben, wer wird der nächste sein, den sie begraben?“

Das Weihnachtsfest verläuft weitgehend friedlich. „Unheimliche Ruhe bei den Franzosen.“ Am 27. Dezember erreicht das Lager folgende Meldung: „Im Norden sind 3 000 Engländer getötet, 850, auch Farbige gefangen genommen […]. Das ist eine ehrliche Freude bei uns. Gott strafe die verdammten falschen Gesellen.“

Starke Regenfälle durchfeuchten die Höhlen. „Die Leute liegen in nassen Erdhöhlen, die vor dem Regen ungeschützt sind.“ Durch die Beschaffung von Dachpappe bleibt die Höhle meines Großvaters trocken. Wegen der Nähe des Feindes können die Höhlen tagsüber nicht beheizt werden. Es gibt keine Möglichkeit einer genügenden Körperreinigung, „die Stiefel werden niemals trocken, Ess- und Rauchvorräte verderben durch Nässe. Erkrankungen von Rheuma und Typhus mehren sich.“ Dazu folgendes ärztliche Bulletin, das mein Großvater seiner Abteilung mitteilt: „Der allgemeine Ernährungs-zustand läßt sehr zu wünschen übrig. Die Gefechtskraft der Truppe ist bereits sehr erheblich herabgemindert“, der Arzt hegt die „begründete Befürchtung, dass dieser Zustand in Kürze zu einer Katastrophe führen kann, wenn nicht gründliche Abhilfe geschaffen wird.“

An Sylvester 1914 beschreibt der Leutnant und Kompanieführer Zylmann, wie ein Soldat durch einen Kopfschuss starb. „Er stand an seinem Schutzschilde und beobachtete den feindlichen Graben durch die kleine Scharte, als das feindliche Geschoss durch diese Scharte hindurch flog.“ Abends erfolgte die Bestattung: „Es ist schrecklich, so alte bärtige Leute weinen zusehen.“ Weiter schreibt er: „Vorne im Graben macht alles im nächtlichen Mondschein einen gespenster-haften Eindruck. Lautlos wie graue Schatten stehen die Soldaten hinter ihren Gewehren. Sie unterhalten sich nicht, dazu sind sie zu müde. Ich krieche und schleiche von Mann zu Mann und schenke jedem ein Glas [Arrak] ein. Die Leute sind blass und still, ihre Stimmung ist sehr gedrückt. Ein Kamerad nach dem anderen fällt, und sie sind am Ende mit ihrer Kraft. Sie haben alle nur einen Wunsch, dass sie nur eine lange Nacht ruhig schlafen könnten.“ Seit dem Überschreiten der französischen Grenze am 23. August 1914 wurden in den ersten 4 Monaten des Krieges insgesamt 56 Biwaks errichtet, d.h. es erfolgten 56 Stellungswechsel.

Anfang Januar 1915 scheint sich die Lage zuzuspitzen. „Die Lage ist alles andere als rosig.“57 Das Maschinengewehr wird durch eine Mine zerstört, den Wehrmann, der daneben stand und nicht rechtzeitig flüchten konnte, zerreißt es. Er ist auf der Stelle tot. Ein Leutnant meint: „Wir sind dazu da, uns hier bis auf den letzten Mann totschlagen zu lassen.“ Besonders heftig ist des Nachts die feindliche Artillerie. Mehrere Tote und zerstörte Unterstände sind zu beklagen. „Wir haben jetzt das schon von anderen Stellen der Front berichtete Trommelfeuer in der stärksten Form.“ In einem Unterstand hat es mehrere Soldaten verletzt, „einem ist der Kopf durch einen Volltreffer direkt abgerissen worden. Wir suchen den Unterstand auf und hocken uns eng zusammen. Wir sitzen stumm und wie gebannt unter der Erde, über uns rast die Kriegsfurie mit tausendfachem Geheul dahin.“

Am 5. Januar ertönt durchs Lager das Signal: „Die Franzosen sind im Lager! Wir stürzen heraus, Pistole oder Gewehr in der Hand. Aus allen Höhlen kommen unsere Leute hervorgekrochen mit erschreckten Gesichtern. Ich erhalte die Weisung, mit meiner Kompanie am Lager als Reserve […] zu bleiben.“ Der Hauptgraben wird von den Franzosen genommen, 40-50 deutsche Gefangene werden gemacht, der Rest ist zum großen Teil verwundet. Mit einem dichten Feuer belegen die Franzosen das Gelände. „Wir lagen flach auf dem nassen Lehmboden, den Kopf in die Hände. Ich hatte ähnliche Gedanken wie am 25. August und sagte mir: 'diesmal kann es einfach nicht gut gehen, aber schade wäre es doch, wenn Deine Augen getroffen würden, deshalb schütze ich sie mit den Händen. Nach einer Stunde stand ich einmal auf, steckte eine Zigarette an und ging an den Leuten entlang, um mich dann etwa 20 m weiter wieder hinzulegen. Unmittelbar darauf krepierte die einzige Granate, die uns überhaupt Schaden zufügte, in unserer Reihe an der Stelle, wo ich gelegen hatte und verletzte meinen Nebenmann, aber nicht schwer.

[...]


1 S. Bode, Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen. Stuttgart 2013, S. 32.

2 Quellengrundlage waren die maschinenschriftlich vorliegenden Anfang 1970 abgeschlossenen „Lebenserinnerungen“ meines Großvaters (im Folgenden: „Lebenserinnerungen“), ferner der ebenfalls in Maschinenschrift verfasste, am 28. März 1938 abgeschlossene Bericht mit den Kapiteln: „Im K.Z.“, „Im U.G.“, „Vor dem Sondergericht“ und „Nachspiel“ (im Folgenden: „Bericht“) sowie zahlreiche handschriftliche Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1902 bis 1975 (im Folgenden: „Tagebuch“ oder „Kriegstagebuch“). Außerdem standen mir zahlreiche Berichte über Dienstfahrten aus den Kriegsjahren 1940 bis 1943 zur Verfügung (im Folgenden: „Sonderberichte“). Daneben konnte ich auf eine umfangreiche Korrespondenz von 1904 bis zum Tod meines Großvaters zurückgreifen. Viele Tagebuchaufzeichnungen wurden in späteren Jahren neu aufgeschrieben bzw. ergänzt. Dank gebührt natürlich in erster Linie meinem Großvater, der all das aufgeschrieben und aufbewahrt hat, eine Materialfülle, die in Zeiten von Smartphone und E-Mail wohl nur noch selten anzutreffen ist (Wibke Bruhns). Meiner Frau Sylvia, die das Entstehen der Arbeit mit positiver Kritik begleitete, bin ich ebenfalls zu großem Dank verpflichtet.

3 Lebenserinnerungen S. 1.

4 Seine Frau, Heilke-Meina de Boer (1818-1869) stammt aus Ditzum, einem kleinen Ort in der Gemeinde Jemgum, Landkreis Leer, wo die Familie seit Jahrhunderten im Besitz eine Emsfähre war.

5 Lebenserinnerungen S. 1. Zusammen mit den Deichen dienten die in ihnen vorgelagerten Siele dem Schutz des Binnenlandes gegen auflaufendes Wasser. Daneben regulierten sie den Wasserstand in den Gräben des eingedeichten Binnenlandes. Bereits um 1276 wird in Ostfriesland ein Siel urkundlich erwähnt.

6 Ebd. S. 1.

7 Ebd.

8 Lebenserinnerungen S. 4. Torum war eine mittelalterliche Siedlung im Rheiderland (Landkreis Leer), die den Fluten des Dollarts zum Opfer fiel. Nach den Aufzeichnungen des Historikers, Theologen und Gründungsrektor der Universität Groningen Ubbo Emmius (1547-1625) sollen um 1600 bei Ebbe noch Reste von Gebäuden zu erkennen gewesen sein. Wenn von versunkenen Ortschaften die Rede ist, denkt man natürlich in erster Linie an Atlantis, das sagenhafte Inselreich, von dem als erster der griechische Philosoph Platon (427-347 v.Chr.) berichtete. Der deutsche Pastor Jürgen Spanuth (1907-1998) glaubte Atlantis bei Helgoland entdeckt zu haben, dem mein Großvater allerdings vehement widersprach. Auf diesen Disput, der in den fünfziger und Anfang der sechziger Jahre ausgetragen wurde, werden wir später zurückkommen.

9 Der Gallimarkt wird seit über 500 Jahren abgehalten und gilt als das größte Volksfest in Ostfriesland.

10 F. Arends, Physische Geschichte der Nordseeküste und deren Veränderungen durch Sturmfluten. Emden 1833, 2. Band, S. 315: „Ein am 22. Oct. 1800 entstandener Sturm, der sonst geringen Schaden anrichtete, führte aber einen traurigen Zufall für Ostfriesland herbei. Ein Marktschiff ging von Leer nach Soltborg ab, als das Wetter ein wenig besser zu werden schien; nicht weit vom Bestimmungsort ergriff plötzlich ein starker Windstoß das Schiff und schlug es um. 19 Menschen aus angesehenen Familien in Reiderland fanden ihren Todt in den Wellen, nur 7 wurden gerettet.“

11 Lebenserinnerungen S. 11.

12 Ebd.

13 Ebd.

14 R. Bärenfänger/N. Fiks, Der Plytenberg bei Leer. Ein rätselhaftes Denkmal. Fragen und Antworten. Leer 1995, S. 85.

15 Ebd. S. 42.

16 M. Tielke, Loyalität im NS-Staat: Der Fall Peter Zylmann (1884-1976). Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands. Bd. 77, 1997, S. 186.

17 Lebenserinnerungen S. 11.

18 Tielke (Anm. 16) S. 186.

19 Hammrich a) Gemeindeweide einer Siedlung in der Marsch b) moorige Wiese, ein als Wiese oder Weide genutztes Niederungsland (K. Lüders, G. Luck, Kleines Küstenlexikon. Natur und Technik an der deutschen Nordseeküste. Hildesheim ³1976, S. 81).

20 Lebenserinnerungen S. 12 u. 15.

21 Berend de Vries, Peter Zylmann siebzig Jahre. Ostfriesische Nachrichten 3. Februar 1954.

22 Peter Zylmann, Aus meinem Leben. Friesische Blätter. Beilage des „General-Anzeigers“ Westrhauderfehn, Folge 4, April 1966.

23 Lebenserinnerungen S. 24.

24 W. Siefkes, Peter Zylmann zum 75. Geburtstag. Ostfriesen-Zeitung 5. Februar 1959. „ Im November 1899 kam der Gedanke in mir auf, durch Selbstunterricht meine Kenntnisse soweit zu vergrößern, um die Prüfung für Einjährig-Freiwillige bestehen zu können“(Tagebuch 6.4.1903). Die mittlere Reife hieß auch das Einjährige, weil junge Männer mit diesem Bildungsabschluss statt des normalen dreijährigen Wehrdienstes auf freiwilliger Basis nur ein Jahr dienten. Diese nannte man Einjährig-Freiwillige und die mittlere Reife hieß „wissenschaftliche Befähigung für den Einjährigen-Freiwilligen Militärdienst“ (http://de.wikipedia.org/wikiu/Mittlere_Reife - abgefragt am 21.11.2014).

25 Tagebuch 6.4.1903.

26 Ebd. „Die Prüfung für den einjährig-freiwilligen Dienst fand dieser Tage vor der königlichen Prüfungskommission zu Aurich statt. Von den 7 jungen Leuten, die sich zur Prüfung gemeldet hatten, bestanden 3, unter ihnen befand sich der auf dem Polizeibüreau unserer Stadt beschäftigte Magistratsgehülfe Peter Zylmann von hier. Alle Hochachtung vor dem Fleiß und dem Streben des jungen Mannes“ (Leerer Anzeigenblatt 24. März 1903).

27 „Dem hohen Königlichen Provinzial-Schulkollegium erlaube ich mir das Gesuch um Zulassung zur Reifeprüfung an einem Königlichen Realgymnasium zum Abiturium gehorsamst zu unterbreiten“ (Tagebuch 7.12.1905).

28 Tagebuch Februar 1906: Numquam retrorsum (Niemals rückwärts): Wahlspruch des Welfenhauses und Devise des hannoverschen St. Georgs-Ordens. In einem Brief an den Hamburger Senator Wilhelm von Allwörden vom 21.9.1937 schreibt Zylmann: „Ich bin von sehr kleiner Herkunft, meine Eltern hatten nicht die Mittel, um mich eine höhere Schulbildung genießen zu lassen. Ich habe als Angestellter beim Magistrat meiner Heimatstadt Leer in den Freistunden mich erst auf den sog. Einjährigen, dann auf die Reifeprüfung vorbereitet und beide Prüfungen bestanden“, dabei vergisst er keineswegs seine Herkunft: „In meiner Jugend habe ich sehr viel Not um mich gesehen, besonders in den Familien von Fabrikarbeitern, wo bei den Vätern der Trunk herrschte. Diese Einflüsse haben meine soziale Stellung ein für allemal klargestellt. Als ich dann studierte und im Verlauf der Jahre einen sozialen Aufstieg nahm, habe ich mir gelobt, nie meine Herkunft zu vergessen und denen meine Hilfe zu geben, die derer am meisten bedurften.“

29 Lebenserinnerungen S. 22.

30 Lebenserinnerungen S. 26.

31 Biographisches Lexikon für Ostfriesland, Band 3, Aurich 2001, S. 447 (Tielke).

32 Lebenserinnerungen S. 27.

33 Kandidat der hiesigen Schule.

34 Biographisches Lexikon (Anm. 31) S. 447.

35 A. Klönne, Meißner Jugendtreffen 1913: Zwischen Krieg und Frieden. Erziehung und Wissenschaft 01/2014, S. 32.

36 Biographisches Lexikon (Anm. 31) S. 448. Deutsche Volkspartei (DVP), nationalliberale Partei der Weimarer Republik, Auflösung 1933, bekannteste Mitglied Außenminister Gustav Stresemann.

37 Lebenserinnerungen S. 37.

38 Lebenserinnerungen S. 30f. „Flämische Bewegung [ist] eine politisch-kulturelle Reaktion des niederländischsprachigen ('flämischen') Bevölkerungsteils in Belgien gegen die Diskriminierung seitens der [französisch sprechenden] Wallonen, die vor allem seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hervortrat“ (http://www.wissen.de/lexikon/flaemische-bewegung - abgefragt 24.11.2014). In einem Zeitungsartikel aus dieser Zeit findet sich folgender Bericht: „Unser Landsmann Peter Zylmann, Oberlehrer an der deutschen Schule in Antwerpen, veröffentlicht in der angesehene Zeitschrift 'Süddeutsche Monatshefte' einen sehr lesenswerten Aufsatz über: Die flämische Bewegung. Herr Oberlehrer Zylmann gehört übrigens als mit den einschlägigen Verhältnissen besonders vertraute Persönlichkeit dem vom Generalgouverneur zum Studium der flämischen Frage eingesetzten Ausschuß an.“

39 Tagebuch 19.7.1914.

40 Ebd.

41 Ebd.

42 Ebd.

43 1916 wurde Sohn Eckbert (16.4.1916-3.4.2005), 1917 Sohn Geerd (21.9.1917-18.12.2008) geboren. Über die Geburt von Eckbert sind folgende Zeilen aus der Feder meines Großvaters überliefert: „Um 2 Uhr nachts holte ich die weise Frau, Frau Püll. […] Sie ist ein Muster an Kenntnissen und Sorgfalt. […] Am 16. April des Jahres neunzehnhundert und sechzehn wurdest Du, unser Kronprinz, von Deiner Mutter mit Schmerzen und Freude, in meinem Beisein, geboren. Deine Schicksalsstunde, Du kleiner […] Eckbert Peter, ist von den Geschützen der deutschen Offensive vor Verdun eingeläutet worden. Was die Väter jetzt erkämpfen, soll Deinem Geschlecht zugutekommen. Dein Urgroßvater (1848), Großvater (1870/71) und Vater haben in kriegerischen Zeiten zum Schwerte greifen müssen, Dein Leben sei voll Segen und Frieden“ (Tagebuch16.4.1916).

44 Aus F. Durner, Des Kaisers Ruf, Laubenheim a. Rhein, im September 1914. Franz Durner (1892-1914) fiel im ersten Kriegsjahr in Belgien.

45 Vom Einsatz im Ersten Weltkrieg gibt es ein kurz gefasstes, stichwortartiges Kriegstagebuch sowie ein ausführliches Tagebuch, welches offensichtlich später auf der Grundlage des Kriegstagebuches angefertigt wurde. Erzählt wird das private Schicksal von der anfänglichen großen Euphorie bei Kriegsbeginn, von den frühen Siegen bis zur ersten Ernüchterung, als sich der Krieg in den Schützengräben und im Argonnerwald festfuhr. Es sind Stimmungen von der Front, aus der Etappe, aus den Schützengräben. Diese subjektiven Stimmungen prägen in ihrer Gesamtheit das Bild vom 1. Großen Krieg, so wie es mein Großvater wahrgenommen hat.

46 Tagebuch 1914. Wenn nicht anders vermerkt, wurden nachfolgende Zitate den Tagebuchaufzeichnungen von 1914 entnommen.

47 Liepãja, Hafenstadt in Lettland.

48 Sämtliche Feldzeichnungen sind den Tagebüchern meines Großvaters entnommen. Die Fotos stammen aus seinem Kriegsfotoalbum.

49 Franktireur = Freischärler, Partisan.

50 Artilleriegranate gefüllt mit Metallkugeln.

51 Argonnerwaldlied, deutsches Soldatenlied aus dem Ersten Weltkrieg; gedichtet von H. A. v. Gordon (1878-1939).

52 veralt. für Gepäck, Tross.

53 Sappen = Laufgräben.

54 Mein Großvater wird 2 Monate im Wald ausharren müssen. „Als wir in den Argonnerwald einrückten, war meine Kompanie fast 200 Mann stark, vom Ersatzbataillon kamen dann noch fünfundzwanzig hinzu. Als wir nach mehr als zwei Monaten abgelöst wurden, betrug die Zahl der noch einsatzfähigen Mannschaft etwa siebzig, die übrigen fielen durch Tod, Verwundung oder Krankheit aus!“

55 Dienstgrad im deutschen Heer.

56 Bruno von Mudra (1851-1931) Offizier, General der Infanterie. „Beim Vormarsch in Frankreich im Herbst 1914 machte er sich als 'Argonnen-General' einen Namen, weil er dort nach der Marneschlacht vom September 1914 noch einige partielle Erfolge hatte, obwohl er sich auch mehrfach gegen aus seiner Sicht unsinnige Angriffsbefehle aussprach. Am 13. Januar 1915 wurde er für seine Verdienste während der Argonnen-Kämpfe mit dem Orden Pour le Mérite ausgezeichnet; am 17. Oktober 1916 erhielt er das Eichenlaub zum Pour le Mérite“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Bruno_von_Mudra - abgefragt am 19.3.2014).

57 Tagebuch 1915. Wenn nicht anders vermerkt wurden nachfolgende Zitate den Tagebuchaufzeichnungen von 1915 entnommen.

Details

Seiten
214
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668011670
ISBN (Buch)
9783668011687
Dateigröße
23.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v301106
Note
Schlagworte
doch gute tagebüchern großvaters

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Titel: Doch das Gute überwog. Aus den  Tagebüchern meines Großvaters