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Medien und Krieg: Krisenkommunikation im Golfkrieg 1991

Hausarbeit 2003 27 Seiten

Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1 Was ist Krisenkommunikation
1.1 Relevanz von Krisen und Kriegen für die Medien

2 Krisenkommunikation im Golfkrieg 1991
2.1 Erfahrungen vorangegangener Kriege
2.2 Die Arbeit der Journalisten am Golf
2.2.1 Pool-System, Briefings – Erfolgsstrategie der Militärführung
2.2.2 Sonderrolle CNN – Informationsmonopol
2.3 Konsequenzen und Selbstreferentialität des Systems Journalismus

3 Heutiger Blickwinkel – Nach einem weiteren Krieg am Golf

4 Schlussbemerkung

5 Literaturverzeichnis

6 Anhang

Einleitung

Kriege sind dadurch charakterisiert, dass sie Ausnahmezustände menschlicher Interaktion darstellen. Im Krieg gelten andere Regeln. Das betrifft die Handlungs- und Betrachtungsweisen der Kriegsparteien sowie die der außenstehenden „Beobachter“. Die Genese, Darstellung und Aufbereitung kriegerischer Situationen geschieht innerhalb, mit und durch Kommunikation. Besonders in diesem Bereich gelten andere Regeln als in friedlichen Zeiten. Schon im Vorfeld des Krieges, wenn sich eine Krise zuspitzt, um letztlich zur kriegerischen Konfliktaustragung zu werden, spricht man von Krisenkommunikation.

Diese Abhandlung wird sich mit eben dieser besonderen Art der Kommunikation auseinandersetzten. Hierbei soll erklärt werden, was genau unter „Krisenkommunikation“ zu verstehen ist. Unter welchen Bedingungen kommunizieren die Hauptakteure – Militär und Journalisten? Wie stellt sich Krisenkommunikation in diesem Verhältnis dar und welchen Veränderungen ist sie unterworfen? Welche Bedeutung kommt der Selbstreferenz des Systems Journalismus zu?

Am Beispiel des Ersten Golfkrieges 1991 sollen die theoretischen Erwägungen des einführenden Abschnitts dieser Arbeit näher erläutert werden. Dabei sollen die Bedingungen, unter denen die Berichterstatter am Golf arbeiteten dargestellt werden. Wie stellte sich das Verhältnis von Militär und Medien während dieses Krieges in der Praxis dar. Warum kam es zur Krisenkommunikation in dieser Ausprägung? Auch die Sonderrolle des Fernsehsenders CNN muss hierbei einbezogen werden. Weiterhin stellt sich die Frage, wie sich die Krisenkommunikation nach dem Ersten Golfkrieg geändert hat und welche Ausprägung sie im neuesten Krieg am Golf entwickelte und annahm.

Zielstellung dieser Arbeit ist letztlich der Nachweis, dass die Krisenkommunikation einem dynamischen Prozess unterworfen ist. Die Bedingungen, unter denen sie durchgeführt wird, werden maßgeblich von politischen und militärischen Faktoren beeinflusst, denen das System Journalismus meist unterworfen ist und aus denen es nur selten ausbrechen kann. Die Erkenntnis, dass der Kommunikation in Kriegs- und Krisenzeiten nur schwerlich vertraut werden darf, dass ihr kritisch begegnet werden muss, ist nicht nur wissenschaftlich sondern vor allem auch gesellschaftlich relevant.

1. Was ist Krisenkommunikation?

In seinem Beitrag „Krisenkommunikation“ aus dem Sammelband „Krieg als Medienereignis“ beschäftigt sich Martin Löffelholz mit dem Zusammenhang zwischen Krisen, Kommunikation und Kriegen. Allgemein haben Krisen ihren Ursprung in Konflikten und diese können sich bis in Kriege zuspitzen. Die Krise selbst basiert in ihrer Genese, in ihrem Verlauf und in ihrer Lösung auf „Bedingungen, Formen und Folgen von Kommunikation“. (Löffelholz 1993, S. 11-12) Vor allem Phänomene wie Unsicherheit, Entscheidungsdruck und Zeitknappheit, die mögliche Ursachen für Krisen darstellen, können durch kommunikative Prozesse hervorgehoben, verstärkt oder auch reduziert werden. Löffelholz versteht den Zusammenhang zwischen Krisen/Kriegen und Kommunikation im Sinne der Systemtheorie nach Luhmann, wobei Kommunikationen Gesellschaft konstruieren. Aus diesem Grund sind sie auch in der Lage Krisen zu konstituieren, die bis hin zu Kriegen führen können.

Aber auch die Krisen selbst können Kommunikation darstellen, und zwar Kommunikation unter besonderen Bedingungen. Daraus ergibt sich, dass die Krisenkommunikation selbst Kommunikation über Kommunikation unter besonderen Bedingungen ist (Löffelholz 1993, S. 12).

Eine besondere Bedeutung bei der Frage wie der Zusammenhang zwischen den „drei Ks“ ist, stellen die Medien und ihr Einfluss bzw. ihre Wirkung dar. Immerhin wird die Wirklichkeitskonstruktion von Individuen durch die Darstellung verschiedener Sachverhalte durch die Medien maßgeblich geprägt. Es sind die Medien, welche die Auswahl und Bewertung von Informationen, die an den Rezipienten weitergeleitet werden, bestimmen. Dabei ist natürlich auch das Interesse des Publikums an der Krisenkommunikation von Bedeutung. In Krisenzeiten lässt sich ein gesteigertes Informationsbedürfnis bei den Rezipienten feststellen. Dies wird ergänzt durch ein Sensationsbedürfnis und individuelle Abenteuerlust. Natürlich sind in den Interessen des Publikums der kriegsführenden Parteien auch oft die Sorgen um Angehörige beinhaltet. Medien können durch ihre Berichterstattung Spannungsabbau und Tröstungen bieten (http://www.unifr.ch/journalisme/de/downloads/ME-Diskurse.PDF).

Journalisten stellen dabei gewisse Medienangebote bereit, die der durchschnittliche Rezipient natürlich nicht nachprüfen kann, da er selbst ja nur über die Medien zu solchen Informationen kommen kann. Er selbst hat nicht die Möglichkeit direkt „vor Ort“ zu sein.

Durch das medial vermittelte Bild einer Krise besteht weiterhin die Möglichkeit, dass „Feindbilder“ aufgebaut werden, Ängste geschürt werden und somit Konflikte nicht allein auf Regierungsebene sondern auch gesellschaftlich verhärtet oder verschärft werden können. Andererseits besitzen die Medien aber auch die Möglichkeit durch Information und Aufklärung Ängste der Rezipienten zu mindern und Verständnis aufzubauen.

Trotz dieser Möglichkeiten sind die Medien nicht immer eine zuverlässige, wenn auch die einzige, Quelle für individuelle Wirklichkeitskonstruktionen. Besonders bei Krisenkommunikation sind sie von den „Info-Brocken“, die ihnen sorgfältig ausgewählt von den Führungseliten aus Politik und Militär zugeworfen werden, abhängig. Oft sind diese Informationen gar nicht prüfbar und haben vor allem in Kriegszeiten die Funktion von Propaganda oder zumindest geschönter Selbstdarstellung. Schließlich verfolgen diese Akteure ihre eigenen kommunikationspolitischen Ziele, die sich zum Beispiel in der Legitimierung des Krieges vor der Heimatfront und der globalen Öffentlichkeit darstellen oder die Desinformation des Feindes betreffen. Auch die Geheimhaltung von wichtigen Informationen und die Wahrnehmung der Medien als Störfaktor beeinflussen die Handlungsweise der Führungseliten im Umgang und bei der Weitergabe von kriegsrelevanten Informationen (http://www.unifr.ch/journalisme/de/downloads/ME-Diskurse.PDF). Auch ist das Militär ein wichtiger Einflussfaktor, was die Dynamik der Krisenkommunikation betrifft. Durch ständiges Lernen aus Fehlern vorangegangener Kriege bzw. immer, wenn während eines Krieges den Interessen des Militärs nicht optimal gerecht wurde, kann und wird es die Bedingungen der Informationsfreigabe nach eigenen Maßstäben ändern.[1] Generell gilt:

„Der Erfolg des militärischen Informationsmanagements ist umso größer, je weniger Informationen den Medien aus anderen Quellen zur Verfügung stehen und je authentischer und relevanter die Informationen erscheinen.“ (Löffelholz 2002, S. 198)

Auch wenn das System Journalismus generell autonom ist, so wird im Interesse der Militärpolitik diese Freiheit immer wieder durch Zensur und Informationsbeschränkung limitiert. Aus diesem Grund ist die Selbstreferenz des Journalismus von besonderer Bedeutung. Nach Löffelholz hat die Kommunikation über Krisenkommunikation eine hervorgehobene Stellung, da sie zur Stabilisierung und Transformation des publizistischen Systems beitragen kann (welches in Krisenzeiten ja selbst existenzbedroht sein kann und deshalb versuchen muss, sich durch Stabilisierung und Transformation ihren Bestand zu sichern). Außerdem gibt die journalistische Selbstbeschreibung des Systems Aufschluss über sein Inneres, seine Komponenten und Mechanismen sowie die Bedingungen des möglichen Systemwandels. Um etwas Ordnung und besseres Verständnis für die medialen Geschehnisse zu produzieren, war und ist die Selbsteinschätzung und Selbstbeschreibung der Journalisten hilfreich und erforderlich.

Die Selbstreferenz des Journalismus-Systems (oder auch Metakommunikation über Krisenkommunikation) hat vor allem durch den Golfkrieg Anfang der 90er Jahre besonders an Bedeutung gewonnen. So wurden beispielsweise in den USA Studien über die Beziehung zwischen Medien und Militär, über die Struktur der Medienangebote und über die Reaktion der Rezipienten angeregt (Löffelholz 1993, S. 11-32).

1.1 Relevanz von Krisen und Kriegen für die Medien

In Zeiten wachsender Interdependenz und Globalisierung spielt die Kommunikation zwischen den Kulturen eine zunehmend wichtige Rolle. Obwohl transkulturelle Kommunikation der Bewältigung von Widersprüchen und dem besseren Verständnis der Völker untereinander dienen kann, ist die Welt noch immer eine „konflikthafte Sphäre“ (Löffelholz 2002, S. 189). Krisenkommunikation ist allgegenwärtig. Das liegt sicherlich auch daran, dass Krisen, Kriege und Konflikte zu den „Lieblingsthemen“ der Medien gehören, da sie durch einen hohen Nachrichtenwert gekennzeichnet sind (Zöllner 2001, S. 8). Immerhin sind mittlerweile weltweit Konfliktherde zu finden. Die Bedeutung dieser Themen für den Journalismus liegt darin, dass sie Aufmerksamkeit sammeln sollen und somit integrierend wirken können (Löffelholz 2002, S. 197). Die medialen Kriterien, die durch Krisen und Kriege erfüllt werden, machen diese in erhöhtem Maße berichtenswert. Entscheidend hierbei ist beispielsweise der Grad der Betroffenheit der eigenen Nation, die Möglichkeit der Anschlusskommunikation an die Geschehnisse, die Beteiligung von Elite-Nationen oder die Visualisierbarkeit des Ereignisses (Löffelholz 2002, S. 197). Daraus folgt natürlich, dass nicht berichtenswerte Krisen kaum wahrgenommen werden.

Der folgende Abschnitt setzt sich mit den praktischen Erfahrungen im Zusammenhang mit der Krisenkommunikation im Golfkrieg 1991 auseinander, um den vorangegangenen mehr oder weniger theoretischen Überlegungen mehr Substanz zu geben.

2. Krisenkommunikation im Golfkrieg 1991

Um die Krisenkommunikation am Golfkrieg in ihrer Gesamtheit darstellen und bewerten zu können, ist es erforderlich neben den tatsächlichen Bedingungen, unter denen die Journalisten am Golf arbeiteten, auch einen Überblick über den Einfluss früherer Kriegserfahrungen zu geben. Deshalb wird nachfolgend rekonstruiert, welche Militär-Medien-Relationen in den Auseinandersetzungen um Vietnam, Falkland und Grenada maßgeblich für die späteren Verhaltensweisen des Militärs im Golfkrieg 1991 im Umgang mit den Journalisten und der Öffentlichkeit waren.

2.1 Erfahrungen vorangegangener Kriege

Ausschlaggebend für den heutigen Umgang des Militärs mit den Medien in Krisen- und Kriegszeiten war vor allem der Vietnam-Krieg. Die Zensurbestimmungen der Militärs in späteren Kriegen resultierten aus den Erfahrungen, die man im Vietnam-Krieg, dem „ersten Fernsehkrieg“ machte (Mac Arthur 1993, S. 148). Hauptargumente waren der militärischen Führung waren und sind, dass die unzensierte amerikanische Presse den Krieg „verloren habe“. Schlechte Nachrichten hätten die Öffentlichkeit demoralisiert und somit zur Niederlage geführt (Mac Arthur 1993, S. 127).

„Die freie, unkontrollierte und unpatriotische Presse, so die offizielle Interpretation der jüngeren amerikanischen Geschichte, habe die amerikanische Öffentlichkeit demoralisiert, gegen die Politik der eigenen Regierung aufgebracht und diese bis zur militärischen Aufgabe geschwächt“ (Beham 1996, S. 79)

Diese Sichtweise vertreten hauptsächlich Militärs und alte Kriegsberichterstatter aus Vietnam-Tagen (Beham 1996, S. 79). Von anderen Medienvertretern und Wissenschaftlern wird diese Argumentation allerdings widerlegt. Natürlich hatten die Medien bei der Berichterstattung aus Vietnam außerordentliche Freiheiten, Dietmar Kersten geht sogar davon aus, dass dieser Krieg aus Sicht der Medien der „idealste Krieg“ war, den es je gegeben hat (http://www.trend.partisan.net/trd0403/t130403.html), dennoch sprechen einige Argumente gegen die These der Militärs. So entsprachen die meisten Kriegsberichterstatter gar nicht dem Ideal des investigativen Journalisten mit kritisch-pazifistischer Grundhaltung, der die Aufdeckung von Gräueltaten zum Ziel hat (Dominikowski 1993, S. 44). Patriotismus spielt in der Kriegsberichterstattung immer eine wichtige Rolle. Weiterhin spricht die Tatsache, dass die Medien in den ersten 5 Jahren des Krieges unterstützend arbeiteten und berichteten gegen die militärische Überzeugung und damit Schuldzuweisung (Taylor 1997, S. 108). Der Wendepunkt kam erst 1968, als Vietkong-Rebellen und nordvietnamesische Regierungstruppen die Tet-Offensive starteten. In Amerika, dessen Öffentlichkeit bereits an den Sieg glaubte, sorgten Bilder vom Überfall auf das Gelände der US-Botschaft in Saigon für einen Stimmungsumschwung zuungunsten des Krieges (Beham 1996, S. 84-84).

[...]


[1] Siehe Abschnitt 3.1, „Vietnam-Trauma“

Details

Seiten
27
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638314428
ISBN (Buch)
9783656202325
Dateigröße
732 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v30106
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Institut für Medien- Kommunikationswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Medien Krieg Krisenkommunikation Golfkrieg

Autor

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Titel: Medien und Krieg: Krisenkommunikation im Golfkrieg 1991