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Beobachtungen zur psychiatrischen Klassifikation am Beispiel von Melancholie und Depression

Eine allgemeine Begriffsgeschichte vor dem Hintergrund der Internationalen Statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD)

Studienarbeit 2015 17 Seiten

Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Entstehung der Formalität: Die Geschichte der ICD

2. Der inhaltliche Weg: Psychiatriegeschichte und der Wandel in der Deskription von Melancholie und Depression
2.1. Von Reil bis Kraepelin
2.2. Nach Einführung der ICD-6

3. Ein Ausblick

4. Abschließende Betrachtungen

Anhang
Literatur, URL, Abbildungen und Tabellen
Veränderung der Begrifflichkeiten in der ICD

»Moderne Depression hat [...] keinen Anklang mehr an die eigensinnige Weltbetrachtung eines

Melancholikers.«1 Wenn man sich daraufhin als Interessierter mit dem psychiatrischen Konzept der Melancholie befassen möchte, so stellt sich zunächst die Frage, welche Art der Untersuchung betrieben werden soll und kann. Ausgehend vom Fehlen des Lemmas in den derzeit bedeutendsten medizinischen und psychiatrischen Diagnoseklassifikationssystemen ICD-10 und DSM-V scheint eine sich bis zum heutigen Datum erstreckende, durchgängige medizin-historische Begriffsgeschichte nachzuvollziehen nicht möglich. Dies resultiert aus der Versenkung des Terminus Melancholie in die Welt der Alltagssprache, vielleicht zu begründen mit der Vergeistigung und Ästhetisierung des ursprünglich medizinischen Begriffs im Mittelalter2 sowie mit seiner modernen Ansprüchen korrekter psychologischer Klassifikation nicht mehr entsprechenden Etymologie der schwarzen Galle, einem Relikt antiker Humoralpathologie, welche bereits seit Paracelsus, spätestens aber seit Harvey als veraltet gilt.3 Eine derartige wissenschaftshistorische Perspektive kann demzufolge nur bis zur Ablösung der Melancholie als Diagnose durch ihre Integration in den Symptomenkomplex der affektiven Störungen, als deren nurmehr deskriptives Merkmal sie in der »rezidivierenden depressiven Störung« aufgeht, eingenommen werden.4 Das so erfolgte Absprechen der wissenschaftlichen Gültigkeit durch die regelrechte Streichung aus der psychiatrischen Nomenklatur reduziert den Begriff nicht nur auf ein diagnostisches Rudiment, sondern zugleich auf ein Attribut für die umgangssprachliche Beschreibung einer Verstimmung des Seelenlebens, welches in seiner Ausdruckskraft im Verlauf der Zeit deutlich an Schärfe verloren hat, sowohl was die reine Wortbedeutung angeht als auch den Grad der Belastung des mit dieser Eigenschaft Bedachten. So wird Melancholie heute meist als ein Gemütszustand gesehen, der »von großer Niedergeschlagenheit, Traurigkeit oder Depressivität« gekennzeichnet ist5, ohne diesen jedoch als Krankheitsbild zu verstehen. Damit einher geht eine scheinbare Umrisslosigkeit des Begriffs, nicht zuletzt weil sich die Melancholie zu einer verfestigt geglaubten Denotation von eigentlich getrennt zu erklärenden körperlichen und geistigen Phänomenen entwickelt hat und damit zu einer Art Auffangbecken für die Vielfalt der Synonyme von bedrückter Stimmung wurde.6

Um diese Schemenhaftigkeit aufzulösen, bedarf es der Betrachtung der Melancholie in ihrem jeweiligen zeitlichen Kontext, da nur diesem die Vorstellungen zu Ätiologie, Pathogenese sowie Symptomatik und Therapie entstammen. Dabei kann sie, wie bereits angedeutet, nicht als singulärer Begriff aufgefasst, sondern muss am Ort ihrer Entstehung, der heute Psychopathologie genannten Beschäftigung mit den Erkrankungen des Denkens und des Gefühlslebens, beleuchtet werden, welche selbst in einer Entwicklung von Begriff und Inhalt steht. Die kontemporäre Auffassung, was dieses geistige Innenleben ausmacht und beeinflusst, ist dabei ebenso maßgebend für die Interpretation ihrer Veränderung, wie die Ansicht darüber, was als krankhaft und behandlungsnotwendig eingestuft wird.7 Wenn die sich wandelnde Taxonomie der Melancholie, wie diejenige aller psychischen und Verhaltensstörungen, parallel zur Entwicklung der Psychiatrie und ihrer Diagnosesysteme verläuft, da der wissenschaftliche sowie ethische Fortschritt in diesen die Neubewertung überholter, den menschlichen Geist betreffenden Vorstellungen zur Folge hat, scheint solch eine dichotome Betrachtung sinnvoll.

Diese soll im vorliegenden Aufsatz vor dem Hintergrund der Geschichte von Klassifikation und Psychiatrie durchgeführt werden, da beide Felder seit ihren Anfängen im 18. Jahrhundert die Begriffsgeschichte von Melancholie und Depression prägten und grundlegend für die Entwicklung und Nutzung der heute weltweit anerkannten Indices »Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme« und »Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders« sind. Ohne auf Genese und Etymologie der Melancholie vor dem Mittelalter einzugehen, wird der Einstieg bei den frühen Versuchen von Nosologien erfolgen. In der Folge sollen weniger die individuellen Betrachtungen von Einzelpersönlichkeiten im Vordergrund stehen, sondern vielmehr die Stationen der Versuche, einen kohärenten Anker für die überregionale Diagnosegebung zu entwickeln, die schließlich in der ICD kulminieren, deren Einfluss unter modernen Medizinern individuelle Definitionen zum Wohle nationaler und internationaler Vergleichbarkeit verdrängt hat. Zugleich sollen beispielhaft Veränderungen des Melancholie- und Depressionsbegriffs ergänzt werden, um ein möglichst durchgängiges Bild des Verständnisses dieses vielgestaltigen geistigen Zustandes zu erzeugen und um die Frage zu beantworten, unter welchen Umständen der Wandel von Melancholie zu Depression vollzogen wurde.

1. Entstehung der Formalität: Die Geschichte der ICD

Interessant und grundlegend erscheint es, dass die heutigen Mechanismen zur international weitgehend kohärenten Diagnostik im Gesundheitswesen ein Produkt der Bemühungen sowohl von Medizinern als auch von Statistikern sind. Dabei lässt sich festhalten, dass die statistische Komponente einen von der medizinischen Praxis zunächst unabhängigen Weg beschritt, der sich vornehmlich mit der Erfassung und den Gesetzmäßigkeiten von Geburts- und Sterbedaten auseinandersetzte.8 Die Geschichte moderner, überregionaler Klassifikation beginnt in Mitteleuropa, speziell Großbritannien und Frankreich waren treibende Kräfte in dieser Richtung.

Ein erster ernsthafter Versuch, eine Klassifizierung von Krankheiten zu entwickeln, wurde durch den Franzosen Jean François Fernel unternommen, der bereits 1554 seine Universa Medicina veröffentlichte. Eine weitere erwähnenswerte Arbeit verfasste Thomas Sydenham, die Opera Omnia des Jahres 1685. Es war jedoch erst im 18. Jahrhundert, als das Bedürfnis nach Sortierung und Gruppierung natürlicher Objekte in Enzyklopädien, also nach organisiertem Wissen entstand, dass ein nicht unerheblicher Wandel der Herangehensweise an Taxonomien stattfand, da Ärzte wie François Boissier de Sauvages de Lacroix, Carl von Linné, Erasmus Darwin oder Jean-Louis Marc Alibert, allesamt Naturforscher, das aus der Botanik stammende, neue System einer Einteilung in Klassen und Kategorien auf die Medizin zu übertragen versuchten. Mit der Erkenntnis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, dass viele Krankheiten bestimmte Organe betreffen, wurden analog für die Humanmedizin solch morphologische Klassifikationen gängig. Um so bemerkenswerter ist es, dass der schottische Mediziner und Chemiker William Cullen in seiner Synopsis Nosologae Methodicae von 1775 Krankheiten nach Symptomatik sortiert, seine Methode jedoch war für statistische Zwecke eher unbrauchbar. Diese Tatsache bemerkte einer der Mitbegründer der medizinischen Statistik, William Farr, der 1839 die Wichtigkeit einer einheitlichen statistischen Klassifikation von Todesursachen hervorhob und einen eigenen Ansatz dazu veröffentlichte. In seinen vorangegangenen Recherchen stellte er Sauvages' Werk Nosologia Methodica als die erste bedeutende Arbeit zum Thema dar, die wohl zum Standardwerk avanciert wäre, wenn nicht die Einfachheit und bessere Anwendbarkeit in der medizinischen Praxis von Cullen's Synopsis auch aufgrund dessen Popularität als Autor und Mediziner bevorzugt worden wäre. Farr kritisierte, dass dieses Einzelwerk dem medizinischen Fortschritt nicht gerecht werden konnte, nachdem es bereits viele Jahrzehnte als Go-to Lexikon diente, zudem war es alphabetisch sortiert, was sich nachteilig auf die angestrebte Möglichkeit zur Indizierung auswirkte.9

[...]


1 Jurk (2005) 1.

2 Dies entnehme ich dem Kanon des SE "Melancholie und Depression" (WS14/15).

3 Paracelsus in der ersten Hälfte des 16. Jh. mit seiner Kritik an der damaligen Bücherweisheit der Gelehrten, speziell

an Galens Säftelehre. http://de.wikipedia.org/wiki/Paracelsus

William Harvey als Entdecker des Blutkreislaufs (Anatomische Studien über die Bewegung des Herzens und des Blutes, 1628). http://de.wikipedia.org/wiki/William_Harvey

4 »Die schwereren Formen der rezidivierenden depressiven Störung (F33.2 und .3) haben viel mit den früheren

Konzepten der manisch-depressiven Krankheit, der Melancholie, der vitalen Depression und der endogenen Depression gemeinsam.« ICD-10-GM, Version 2015.

http://www.dimdi.de/static/de/klassi/icd-10-gm/kodesuche/onlinefassungen/htmlgm2015/block-f30-f39.htm

5 Duden, s.v. Melancholie. Hier stellvertretend für die kanonische Wortbedeutung im aktuellen Denksystem befragt, da ohne den medizinisch-diagnostischen Stellenwert kaum eine andere zeitgenössische Definition genauer wäre. http://www.duden.de/rechtschreibung/Melancholie

6 Die Verbindung der im beispielhaften Zitat genannten drei Eigenschaften ist im definitorischen Sinne problematisch, da einerseits große Niedergeschlagenheit im psychiatrischen Zusammenhang ein geringes Maß an Aussagekraft besitzt, Trauer und Melancholie bereits bei Freud als getrennte Phänomene erklärt wurden, und Depression hier im Zirkelschluss ihr eigenes Symptom beschreibt.

7 Laut Canguilhem ist dasjenige als krank zu bezeichnen, was die meisten nicht sind. Der Beurteilung dessen kommt zu jeder Zeit Bedeutung zu. Die Prävalenz psychischer Störungen seit DSM-IV beispielsweise ist sehr hoch, so zeigt eine Studie, dass etwa jede dritte Frau und jeder vierte Mann die Kriterien für mindestens eine der bereits in dieser Version enthaltenen Diagnosen erfüllt. Dies wird mit der Basierung auf subjektiven Selbstberichten, der Heterogenität der Diagnostizierten sowie dem Mangel an eindeutiger Indikation begründet. Jacobi (2013) 2364-8.

8 John Graunt, ein Wegbereiter der modernen Statistik, berechnete auf der Grundlage von Sterbeverzeichnissen in London (Bills of Mortality, 1662) die erste Sterbetafel und gab Überlebenswahrscheinlichkeiten für die verschiedenen Altersstufen an, woduch er zu einem Vorreiter der Demographie und Epidemiologie wurde. (http://de.wikipedia.org/wiki/John_Graunt) http://www.who.int/classifications/icd/en/HistoryOfICD.pdf

9 Moriyama (2011) 9f.

Details

Seiten
17
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656974673
ISBN (Buch)
9783656974680
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v300964
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,0
Schlagworte
Melancholie Depression Kraepelin

Autor

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