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"Verantwortung" in Aristoteles "Nikomachischer Ethik"

Hausarbeit 2015 15 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Einführung in das Thema Verantwortung
2.1 Der Verantwortungsbegriff
2.2 Grundannahmen zur Verantwortung

3 Nikomachische Ethik (III Kapitel 1–7)
3.1 Das Freiwillige und das Unfreiwillige (III 1–3)
3.1.1 Erste Bedingung des Unfreiwilligen: Zwang oder Gewalt
3.1.2 Zweite Bedingung des Unfreiwilligen: Unwissenheit
3.1.3 Das Freiwillige
3.2 Die Entscheidung (III 4–6)
3.2.1 Negativbestimmung der Entscheidung
3.2.2 Bestimmung der Entscheidung
3.2.3 Die Rolle der Entscheidung
3.3 Das Problem der Zurechnung (III 7)
3.4 Kurze Zusammenfassung

4 Verantwortung in der Nikomachischen Ethik

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Nikomachische Ethik ist eine von drei Schriften zur Ethik, die uns als von Aristoteles verfasst überliefert sind. Sie ist einer der bedeutendsten und wirkungsreichsten Texte der Philosophiegeschichte. Auch heute noch wird sie in einigen ethischen Belangen herangezogen und als Beitrag zu gegenwärtigen Debatten gelesen. Diese Aktualität liegt unter anderem in der Zeitlosigkeit der Fragestellungen begründet, denen sich Aristoteles zuwendet. In der Nikomachischen Ethik beschäftigt sich Aristoteles unter anderem mit der Frage nach der Lust, dem Glück, der Gerechtigkeit, der Tugend und der Freundschaft und somit mit Fragen, die eine solche Allgemeinheit besitzen, dass sie auch nach mehr als 2300 Jahren noch Relevanz für die Menschen und ihre Wirklichkeit haben.

Aristoteles behandelt in der Nikomachischen Ethik ebenfalls die Frage nach der Zuschreibbarkeit von Handlungen. Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, herauszuarbeiten, welche Strukturen von Verantwortung bereits in der Nikomachischen Ethik zu finden sind. Da der Begriff der Verantwortung ein verhältnismäßig junger ist[1] und es ihn zu den Zeiten von Aristoteles noch nicht gab, gilt es zu untersuchen, ob in seinem Werk eine äquivalente Beschreibung für dieselbe Bedeutung zu finden ist.

Im ersten Teil der vorliegenden Arbeit wird eine kurze Einführung in das Thema Verantwortung gegeben. Dabei ist es nicht das Ziel, die Entwicklungsgeschichte des Verantwortungsbegriffs wiederzugeben oder verschiedene Verantwortungskonzepte darzustellen, sondern eine Grundlage für die folgende Untersuchung zu schaffen, indem ein spezifisches Verständnis von Verantwortung dargelegt wird. Davon ausgehend werden im zweiten Teil der Arbeit die Kapitel 1–7 des dritten Buches der Nikomachischen Ethik behandelt, um anschließend im vierten Teil die Ergebnisse in Bezug zu dem Begriff der Verantwortung zu diskutieren. Zuletzt wird ein resümierendes Fazit gezogen.

2 Einführung in das Thema Verantwortung

Aufgrund der Vielschichtigkeit des Begriffs Verantwortung und der Vielzahl unterschiedlicher Verantwortungskonzeptionen ist es nicht möglich von einem einheitlichen Verantwortungsbegriff zu sprechen. Es soll im Folgenden auf die Grundannahmen eingegangen werden, die maßgeblich für das Verständnis von Verantwortung sind und die allen Auffassungen von Verantwortung gemein sind.

2.1 Der Verantwortungsbegriff

Etymologisch betrachtet leitet sich das deutsche Wort Verantwortung aus dem „Antwort geben“ her, seine französische und englische Entsprechung aus dem lateinischen respondere (= antworten).[2] Es verweist in seinem ursprünglichen Sinn auf eine Situation, in der jemand auf gezielte Fragen bezüglich seines Handelns und Verhaltens Rechenschaft abgeben muss. Verantwortung bezeichnet somit seiner Grundbedeutung nach, „die Möglichkeit, einem Menschen die Folgen seines Handelns vorzuhalten sowie die daraus für diesen Menschen erwachsene Nötigung, sich gegenüber dieser Verantwortung zu verteidigen.“[3] Diese Grundbedeutung prägt das Begriffsverständnis bis heute.

2.2 Grundannahmen zur Verantwortung

Es geht bei der Verantwortung um das Problem der Zurechnung und damit um die Frage, unter welchen Bedingungen wir einer Person eine Handlung und deren Folgen zurechnen können. Den Anlass für die Frage nach der Verantwortung gibt in der Regel ein schlimmes Ereignis, ein Unglück oder ein Verbrechen. Wenn zum Beispiel ein Haus in Brand geraten ist, wird untersucht, wie es dazu gekommen ist. Es könnte sich dann herausstellen, dass zum Beispiel ein defektes Kabel den Brand hervorgerufen hat und somit die Ursache für den Brand ist. Man könnte dann auch sagen, das defekte Kabel sei für den Brand verantwortlich gewesen. Allerdings „sprechen wir in einem spezifischeren Sinne von `Verantwortung` nicht im Hinblick auf jede beliebige Art der Verursachung, sondern nur dort, wo die Ursache ein Mensch ist und das betreffende Ereignis auf menschliches Handeln zurückgeführt werden kann […].“[4] Um beim oben genannten Beispiel zu bleiben, wäre dies der Fall, wenn jemand beispielsweise absichtlich den Brand gelegt hätte. Dann würde es sich um eine menschliche Ursache handeln, die in einer menschlichen Handlung besteht. Mit dem Subjekt der Handlung wäre dann auch der Verantwortliche identifiziert. In einer ersten Grundannahme, kann Verantwortung damit „als die Zurechnung jener Folgen charakterisiert werden, die ein menschliches Subjekt durch sein Handeln kausal bewirkt hat.“[5] In der Tradition des moralischen Denkens und Urteilens wurde für diese Zurechnung schlimmer Handlungsfolgen auf ein Individuum der Begriff Schuld verwendet.

Eine zweite Grundannahme ist, dass Verantwortung eine scharfe Differenz zwischen Mensch und Natur voraussetzt. So kann nur der Mensch verantwortlich sein und nicht Tiere oder Gegenstände. Dies war in der Geschichte jedoch nicht immer so: „Bis weit ins Mittelalter hinein kennt die Rechtsgeschichte eine Fülle von Zeugnissen für gerichtliche Anklagen und Verurteilungen von Tieren [… ].“[6] Dies erscheint uns heute abwegig. Selbstverständlich erscheint uns heute hingegen, dass das Handeln des Menschen etwas anderes ist als ein beliebiges kausales Geschehen. Einerseits ist der Mensch ein passives (insofern er Schäden erleidet) und ein aktives (sofern er Schäden versucht) Glied der kausalen Welt. Andererseits aber ist der Mensch aus dem natürlichen Fluss des kausalen Geschehens herausgehoben.

Eine dritte Grundannahme ist, dass die jeweiligen Handlungsfolgen einem bestimmten individuellen Handlungssubjekt zuzuschreiben sind. Entgegen einem kollektiven Konzept von Verantwortung, kann das Individuum aus seinen zwischenmenschlichen Beziehungen herausgelöst und als selbstständiges Subjekt seines Handeln wahrgenommen werden.[7]

Eine vierte Grundannahme ist, dass bei der Zuschreibung von Handlungsfolgen bestimmte subjektive Faktoren zu berücksichtigen sind, unter denen die Handlung vollzogen wurde.[8] Es reicht demnach nicht aus, der kausale Urheber eines Schadens zu sein, um für ihn verantwortlich gemacht zu werden. Die Intention des Handelnden und das Vorauswissen um die Folgen spielen eine entscheidende Rolle, sowie die Freiheit auch anders entscheiden und handeln zu können. So muss bei der Zuschreibung von Verantwortung die Handlungsfreiheit des jeweiligen Subjekts vorausgesetzt werden.

[...]


[1] Nach Bayertz (1995) lässt sich der Begriff seit dem 15. Jahrhundert nachweisen, eine systematische Verwendung des Begriffs stellt Bayertz allerdings erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts fest.

[2] Vgl. Bayertz, Kurt: Eine kurze Geschichte der Herkunft der Verantwortung. In: Ders. (Hrsg.): Verantwortung. Prinzip oder Problem? Darmstadt 1995, S. 16.

[3] Bayertz, Kurt: „Verantwortung“. In: Sandkühler, Hans Jörg (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie. Hamburg 1999, S. 1683.

[4] Bayertz (1995), a.a.O., S. 5.

[5] Bayertz (1995), a.a.O., S. 5.

[6] Bayertz (1995), a.a.O., S. 7.

[7] Vgl. Bayertz (1995), a.a.O., S. 7.

[8] Vgl. Bayertz (1995), a.a.O., S. 8.

Details

Seiten
15
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656971788
ISBN (Buch)
9783656971795
Dateigröße
671 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v300958
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Philosophisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Aristoteles Nikomachische Ethik Verantwortung Freiwilligkeit Zuschreibbarkeit von Handlungen

Autor

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