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Kann die NS-Machtergreifung 1933 als Revolution im Sinne klassischer Revolutionsmodelle bezeichnet werden?

Essay 2015 10 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Ein Revolutionsmodell: Theodor Geiger

Merkmale von Revolutionen
Prä-Revolutionär: (Förderung der) Entstehung der Revolution
Merkmale der Revolution selbst
Post-Revolutionär

Andere Revolutionstheoretiker
1848: Marx
1856: Tocqueville
1963: Arendt

Fazit

Einleitung

Vom Sturz der Bastille 1789 bis zum Völkerfrühling 1848 – europäische Revolutionen wurden, so scheint es, eingehend und gleichsam hinreichend untersucht. Kein Sekundarstufen-Geschichtsbuch versäumt es, Heldengeschichten von der Erhebung der Unterdrückten gegen die herrschende Klasse zu entwerfen.

Doch wer eine umfassende Betrachtung der soziologischen Merkmale von Revolutionen, ihrer Auslöser, Förderfaktoren, Ereignisse und Nachwirkungen anstrebt, kann sich auf überraschend wenig Sekundärliteratur stützen. Das meiste, was der Soziologe an Literatur findet ist entweder rein historisch oder staatsrechtlich gefärbt. Beide Herangehensweisen erweisen sich schon bald als unzureichend; der Geschichtswissenschaftler ergreift oftmals Partei (wenngleich auf vielfach ansprechende Weise), der Jurist beschränkt sich auf rein staatsrechtliche Grundlagen großer historischer Umwälzungen.

Auch Ereignisse des 20. Jahrhunderts wurden bislang eher historisch als soziologisch untersucht. Die nationalsozialistische Machtergreifung im Jahre 1933 ist eines dieser Ereignisse. Der vorliegende Text behandelt daher die Frage:

„Kann die NS-Machtergreifung 1933 hinsichtlich ihrer Ziele, ihres Verlaufes und ihrer Nachwirkung als Revolution im Sinne klassischer Revolutionsmodelle bezeichnet werden?“

An dieser Stelle ist zu klären, was mit klassischen Revolutionsmodellen gemeint ist. Der dänische Soziologe Theodor Geiger (1891-1952) schrieb, beeinflusst von der formalen Soziologie Tönnies‘ und Simmels, mit „Die Masse und ihre Aktion. Ein Beitrag zur Soziologie der Revolution“ (Stuttgart, 1926) einen der bekanntesten Klassiker dieses Gebiets. Auf seinen Revolutionsbegriff, im Folgenden kurz dargelegt, wird sich der Hauptteil dieser Analyse stützen. Danach soll in einer Rundschau auf weitere bekannte Revolutionsbegriffe, darunter von Marx und Tocqueville sowie deren Anwendbarkeit auf die Machtergreifung eingegangen werden.

Ein Revolutionsmodell: Theodor Geiger

Theodor Geiger entwickelte, obgleich vielfach auf die klassische Schichtungssoziologie1 reduziert, auch ein umfassendes Modell der Rolle der gesellschaftlichen Masse als Teil von Revolutionen. Geiger nimmt darin eine Ausweitung des bis dahin anerkannten Revolutionsbegriffes vor, wenn er postuliert, „Revolution im allgemeinsten Sinne bedeutet jede grundlegende Umgestaltung eines bestehenden Zustandes“.2 Anhand dieses breit gedachten Begriffs wird im Folgenden untersucht, ob bei der Machtergreifung 1933 Geigers formale Merkmale einer Revolution gegeben waren. Als zusätzliche gedankliche Frageklammer soll hierzu auch der Fragenkomplex der „legalen Revolution“ dienen. Denn: Schon 1932 hatte der Hauptredner einer sozialistischen Kundgebung der „Eisernen Front“ verkündet: „Wenn Hitler illegal oder – achten Sie genau auf meine Worte – legal in Deutschland zur Macht kommt, dann bedeutet das in Deutschland den Bürgerkrieg.“3

Es ist - so viel sei schon vor der eigentlichen Untersuchung gesagt - vielsagend, dass der Begriff der „nationalen Revolution“ in der NS-Diktion geläufig war, gleichzeitig aber von anderen politischen Parteien jener Zeit tunlichst vermieden wurde. Dies lässt darauf schließen, dass der Begriff der Revolution für große Teile der Bevölkerung mit einer positiven Konnotation ausgestattet war, die man den Nationalsozialisten nicht zugestehen wollte.4

Merkmale von Revolutionen

Aus Geigers „Die Masse und ihre Aktion. Ein Beitrag zur Soziologie der Revolution“ können sieben hauptsächliche Merkmale abgeleitet werden, welche Revolutionen charakterisieren. Diese ebnen den Weg; sie stellen somit Voraussetzungen für den Ausbruch revolutionärer Umstürze dar, beschleunigen deren Fortgang und bestimmen gleichsam deren gesellschaftliche Nachwirkungen.

Im Folgenden wird einzeln auf diese Faktoren eingegangen und soziologisch untersucht, welche Rolle sie bei der Machtergreifung 1933 gespielt haben. Zur besseren Übersichtlichkeit erfolgt ihre Einteilung in drei Gruppen, chronologisch nach deren Erscheinung vor, während und nach einer Revolution.

Prä-Revolutionär: (Förderung der) Entstehung der Revolution

1. Auflösung des bestehenden Herrschaftssystems

Laut Geiger gehen Desintegration des alten und Aufbau des neuen Gesellschaftssystems Hand in Hand. Tatsächlich ist der Aufstieg des Nationalsozialismus ohne den gleichzeitigen Niedergang der Demokratie, verkörpert durch die Weimarer Republik, nicht vorstellbar. Die beiden beeinflussten sich gegenseitig: so wirkten erst die Desintegration der Weimarer Ordnung, die wirtschaftliche Krise, die besonders seit 1929 zu einem durch Hyperinflation bedingten Verlust der Vermögen führte, die verheerenden sozialen Folgen der Arbeitslosigkeit von fast 7 Millionen Menschen5 (materielle Armut, aber auch Perspektivenlosigkeit und mehr Gewalt in der Familie), die weltweite Bankenkrise ab 1931 und der daraus folgende Vertrauensverlust in demokratische Institutionen destabilisierend auf die sozialen wie rechtsstaatlichen Fundamente der deutschen Gesellschaft. All dies führte zu einem Anschwellen der Zahl der Protestwähler, welche, wenn auch nur aus Protest gegenüber den als wirkungslos gesehenen demokratischen Mitteln, zunehmend anti-demokratische Strömungen unterstützten.

[...]


1 Theodor Geiger, Die soziale Schichtung des deutschen Volkes (Stuttgart: Enke, 1932).

2 Alfred Vierkandt [Hrsg.], Handwörterbuch der Soziologie: Stichwort Revolution (Stuttgart: Enke, 1961).

3 „Hitler erlangt die Macht“, Die Zeit, 1948, http://www.zeit.de/1948/40/hitler-erlangt-die-macht (abgerufen am 04.02.2015, 14:26)

4 „Hitler und die Deutschen“. Deutsches Historisches Museum (Sonderausstellung: Berlin, 2011).

5 „Hitler erlangt die Macht“, Die Zeit, 1948, http://www.zeit.de/1948/40/hitler-erlangt-die-macht (abgerufen am 04.02.2015, 18:36)

Details

Seiten
10
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656973386
ISBN (Buch)
9783656973393
Dateigröße
414 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v300871
Note
Schlagworte
Soziologie Revolution Machtergreifung 1933 Hitler

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