Lade Inhalt...

Musik, Krankheit und Besessenheit - Trancekulte im Rahmen des volkstümlichen Islam am Beispiel des Gnawa-Kultes in Marokko und der Zar-Zeremonie in Ägypten

Hausarbeit 2003 23 Seiten

Musikwissenschaft

Leseprobe

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

I. Einleitung

II. Krankheit und Besessenheit im volkstümlichen Islam
2.1. Definition von Krankheit im allgemeinen Sprachgebrauch
2.2. Phänomen der Besessenheit – Besessenheitstrance

III. Der Gnāwa – Kult in Marokko
3.1. Hintergründe – historische Herkunft und Legenden
3.2. Die Gnāwa – Musikanten
3.2.1. Die Wirkungsbereiche und die Hierarchie der Musiker
3.2.2. Der Tagesablauf und die Kleidung
3.2.3. Imitation der Gnāwa – Rhythmen durch moderne marokkanische Popgruppen
3.3. Die Musikinstrumente
3.3.1. Die traditionellen Instrumente der Gnāwa
3.3.2. Die gunbri als „beseeltes“ und wichtigstes Kultinstrument
3.4. Die Anhänger des Besessenheitskultes
3.4.1. Die Einteilung der Anhänger der Gnawa – Musikanten
3.4.2. Die hāddāmat – die Dienerinnen
3.4.3. Die ‘abid – die männlichen Verehrer der Gnāwa
3.4.4. Die bnāt gnāwīya, die Gnāwa – Töchter
3.5. Die Wahrsager/innen des Gnawa – Kultes
3.5.1. Funktionen der šuwāfa
3.5.2. Funktionen des šuwāf
3.6. Die hadra – die nächtliche Geisterbeschwörung als bedeutendste Zeremonie der Gnawa
3.6.1. Die hadra
3.6.2. Der Verlauf einer hadra sğira - der kleinen Geisterbeschwörung

IV. Die Zār – Zeremonie in Ägypten
4.1. Hintergründe des Zar
4.1.1. Historische Herkunft des Zār
4.1.2. Der Zar als Frauenheilungsritual
4.2. Die Schecha - Priesterin und Heilerin
4.3. Die Musiker der Zār- Zeremonie und ihre Instrumente
4.3.1. Die drei verschiedenen Arten von Musikgruppen
4.4. Die Zār – Geister „djinn“
4.4.1. Die verschiedenen Geister
4.4.2. Der Geisterglaube im offiziellen Islam
4.5. Der kleine Zār
4.5.1. Die Sucht nach Trance und Besessenheit
4.6. Der große Zār
4.6.1. Verlauf einer großen Zar – Zeremonie
4.7. Der Zar als Mittel weiblicher Emanzipation

V. Gnāwa – Kult und Zār – Zeremonie - ein zusammenfassender Vergleich
5.1. Die Volksreligion als Mittel weiblicher Emanzipation
5.2. Gunbri und Tumbura – die Kultinstrumente im Vergleich
5.3. Zusammenfassung

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

In der islamischen Welt wird oft von einer Trennung der Gesellschaft in einen männlichen und einen weiblichen Teil gesprochen. Auf religiöser Ebene entspricht dies dem Gegensatz zwischen „offiziellem“ und „volkstümlichem“ Islam (vgl. Welte, S. 29), dessen Träger zum größten Teil Frauen und männliche Randgruppen, wie Homosexuelle oder Transvestiten, sind.

Im Rahmen des volkstümlichen Islam gibt es eine Reihe von Besessenheitskulten und Zeremonien, in deren Mittelpunkt der Glaube an verschiedene Geister steht, von denen die Anhänger des Kultes überzeugt sind „besessen“ zu sein. Diese Besessenheit zeigt sich durch ganz verschiedene „Krankheiten“ des Betroffenen wie zum Beispiel psychische Probleme, physische Krankheiten oder Kinderlosigkeit.

Besessenheitskulte enthalten viele Elemente des Islam, sind aber auch geprägt von Bräuchen vorislamischer Religionen, wie den Naturreligionen der schwarzafrikanischen Bevölkerung, dem Christentum oder dem Judentum.

Da die volkstümlichen Kulte so verschieden sind wie die islamische Lebenswelt selbst, beschränkt sich diese Hausarbeit auf zwei Ausprägungen, die zwar sehr unterschiedlich sind, sich jedoch in ihren Grundzügen ähneln: den Gnāwa – Kult in Marokko und die Zār – Zeremonie in Ägypten.

Ersteres bezeichnet eine volkstümliche Bruderschaft, die sich aus Nachfahren westafrikanischer Sklaven zusammensetzt. Sie sind besonders für ihre zwölf – stündigen nächtlichen Geisterbeschwörungen und ihre ganz einzigartige Musik bekannt, die auch von marokkanischen Popgruppen immer wieder imitiert wird.

Der Zār ist ein ägyptisches Frauenheilungsritual. Zār ist dabei der Name der gesamten Zeremonie, steht aber auch für den Geist, von dem der Erkrankte befallen ist.

Zwar ist Musik im Islam umstritten, jedoch spielt sie für die meisten Kulte eine ganz zentrale Rolle, da durch ihren Einsatz die Teilnehmer eines Kultes in einen tranceartigen Zustand verfallen können. Dieser scheint es ihnen zu ermöglichen, mit den Geistern zu kommunizieren, von denen sie sich besessen fühlen.

II. Krankheit und Besessenheit im volkstümlichen Islam

2.1. Definition von Krankheit im allgemeinen Sprachgebrauch

Da viele Teilnehmer an ritualisierten Besessenheiten keine körperlichen Beschwerden aufweisen und auch keine aufzeigbaren psychischen Probleme haben, stellt sich die Frage, welche Art von Krankheit es zum Beispiel durch die Zar – Zeremonie zu bekämpfen gilt.

So definiert die Weltgesundheitsorganisation WHO das Wort Gesundheit in ihrer Gründungsurkunde 1946 folgendermaßen: „Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens [...] und nicht allein das Fehlen von Krankheiten und Gebrechen.“ (Legewie/Ehlers, S. 246)

Zwar geht diese Erklärung von einem Idealzustand geistiger und körperlicher Gesundheit aus, jedoch zeigt sie, dass individuelle Zufriedenheit in hohem Maße den Gesundheitszustand eines Menschen beeinflussen und so auch Umstände wie soziale Unterdrückung massive gesundheitliche Schäden in einem Menschen hervorrufen können. Das wäre auch eine Erklärung dafür, dass die meisten Teilnehmer von Besessenheitsritualen sozial unterdrückten islamischen Schichten wie Frauen oder männlichen Randgruppen zuzuordnen sind.

2.2. Phänomen der Besessenheit – Besessenheitstrance

Spezifisch sowohl für die Gnāwa als auch den Zār ist die Trance der Teilnehmer. So werden mittels bestimmter Musik Geister beschworen und die erfolgende Trance gilt als durch diese Geister verursacht und Bestätigung ihrer Präsenz. Das wirft die Frage auf, welche individuelle und kulturelle Funktion die so genannte „Besessenheitstrance“ hat. (vgl. Welte, S.20)

„Besessen sein“ wird oft als Metapher verstanden für Zustände wie: neben sich stehen, nicht verantwortlich sein für sein Tun, extreme Liebe, Hass, schlechte Laune, Wut, Wagemut, Zwangsvorstellungen, Faszination oder Obesession. Ähnlich wie der Einfluss von Drogen, die jedoch von vielen Teilnehmern zur Verstärkung der Wirkung noch zusätzlich eingenommen wird, verändert sich auch während eines Trancezustandes das Verhalten eines Menschen. So kann es zu Störungen von Konzentration und Aufmerksamkeit oder zur Abschwächung des Urteilsvermögens kommen. Andere Merkmale sind die Rückkehr zu prälogischem Denken, Störungen des Zeitgefühls, Verlust der Selbstbeherrschung oder ein ständiger Wechsel der emotionalen Verfassung. (vgl. Welte, S.22)

Da die Teilnehmer an ritualisierten Besessenheiten (vgl. Welte, S.21) meist Frauen sind, wird eine Funktion der Trance bereits sichtbar. Denn sie bietet ihnen die Möglichkeit, soziales Prestige zu erlangen oder aus ihrer unerträglichen Situation zu entfliehen. Durch die Trance können sie ein Verhalten ausleben, das innerhalb ihres kulturellen Kontextes gar nicht möglich wäre. Auf der anderen Seite verschaffen sie sich Beachtung und Bewunderung und knüpfen Kontakte durch die Integration in eine Gruppe.

Diese Kulte dienen als „Sicherheitsventil“ einer Gesellschaft.(vgl. Welte S.25) Denn indem verschiedene Geister für die eigene unbefriedigende Situation verantwortlich gemacht werden, wird nicht die soziale oder politische Struktur eines Staates angegriffen. Aus diesem Grund sind Besessenheits- oder Trancekulte meist in komplexen hierarchischen Gesellschaften zu finden, wie zum Beispiel dem Islam.(vgl. Welte, S.21)

IV. Der Gnāwa – Kult in Marokko

3.1. Hintergründe – historische Herkunft und Legenden

Die Gnawa sind eine volkstümliche Bruderschaft aus Nachfahren afrikanischer Sklaven, die von den Arabern aus den Subsahara – Ländern Westafrikas (Mauretanien, Senegal, Mali, Niger, Guinea) nach Marokko deportiert worden sind. (vgl. www.weltmusik.de/iwalewa/artists/g/ gnawa_sidi_mimoun.htm) Der Bevölkerungsanteil dieser Sklaven, der so genannten Haratin, ist mit etwa 500.000 Bewohnern sehr gering. Sie leben vorwiegend in den Oasen und Siedlungen des Südens: In der Stadt Marrakesch und vor allem im Draatal bei Zagora. Die Haratin gehören heute zu den ärmsten Bevölkerungsgruppen des Landes und werden von der übrigen Bevölkerung nur gering geachtet.

Nur ein paar tausend Haratin sind zugleich auch Anhänger der Gnāwa – Bruderschaft.(vgl. www.cross-culture-music.de/moregnawa_impulse.html) Dem Wesen nach sind die Gnāwa unislamisch, da ihnen das Zentrum ihres Glaubens fehlt, in dem ihr Ahnherr begraben liegt. Wenn sie sich jedoch als ţaifa, (Untergruppe einer klassisch – islamischen Bruderschaft) bezeichnen, um einen Meister gruppieren und auf einen fiktiven Ahnherren zurückführen erscheinen sie wie eine klassisch – islamische Bruderschaft.

Außer den Gnāwa gibt es in Marokko noch sechs ähnliche Bruderschaften. Am bekanntesten sind hier die ‘Isawa und die Hamadsa, die durch eine Studie Crazanpanos näher beleuchtet wurden. (vgl. V. Crapanzano: Die Hamadsa)

Ethymologisch gesehen leitet sich Gnāwa wahrscheinlich von den Wörtern „Guinea“ und „Djenné“ ab. „Guinea“ nennen die Berber Marokkos den ehemaligen Westsudan, das heute Westafrika, dem Herkunftsgebiet der Gnāwa, entspricht. „Djenné“ bezeichnet eine westafrikanische Handelsstadt 500 Kilometer südlich von Timbuktu. Darüber hinaus wurden die Schwarzen Westafrikas von den Arabern und Berbern Marokkos „Gnāwa“ genannt.

Es gibt zwei wesentliche Variationen des Gnāwa – Kultes: Die Gnāwa des nördlichen Sahararandes berufen sich auf Sīdī Bilāl, ein freigelassener schwarzer Sklave und erster Gebetsrufer von Muhammad , als fiktiven Ahnherrn. Er gilt auch als erster, der die rasenden Tänze der Gnāwa aufgeführt haben soll, um Fatima, die Tochter Muhammads, aufzuheitern.

Im Kernland Marokkos orientieren sich die Gnāwa eher an Sīdī Ali und dem weiblichen Geist Lālla ‘Aiša, um die sich viele Legenden ranken. So soll Sīdī Ali kurz vor seinem Tod um die Hand von Lālla ‘Aiša, der Tochter des Königs des Sudan, angehalten haben. Kurz bevor sie jedoch den Hof Sīdī Alis erreichte, starb dieser. Über diese Nachricht soll Lālla ‘Aiša irrsinnig geworden sein und sich in ihrer Verzweiflung in den Bach kurz vor dem Dorf geworfen haben. Gott hatte der Legende nach Mitleid mit ihr und verwandelte sie in eine ğinnīya, einen weiblichen Geist.

3.2. Die Gnāwa – Musikanten

3.2.1. Die Wirkungsbereiche und die Hierarchie der Musiker

Die zentralmarokkanischen Gnāwa verstehen sich als Musikanten. Sie sind nicht nur Trancemusikanten bei nächtlichen Geisterbeschwörungen, sondern treten auch am Tag oft als musizierende Akrobaten auf und stellen so ihre musikalischen Fähigkeiten unter Beweis. Im Gegensatz dazu sind die Wirkungsbereiche der Gnāwa in Marrakesch klar getrennt. Denn während sich die Trancemusikanten hier auf den männlichen Geist Sīdī Bilāl zurückführen, berufen sich die musikalischen Akrobaten auf die weibliche Lālla Mimuna oder Lālla Krīma. (vgl.Welte, S.49) Neben der hadra und dem Auftritt als musikalische Akrobaten haben die Gnāwa – Musikanten noch zwei weitere Wirkungsbereiche: Als Gegenstück zur hadra treten sie bei so genannten halqas auf, was wörtlich übersetzt so viel wie Kreis oder Zirkel bedeutet. Halqas sind Trancespiele am Tag, bei denen die Zuschauer der Aufführung einen Kreis um die Musikanten und Tänzer bilden. Sie finden nicht in Privathäusern statt, wie die hadras, sondern auf öffentlichen Plätzen. Außerdem spielen die Gnāwa anlässlich der kollektiven Wallfahrt aller volkstümlichen Bruderschaften, die als mūsim bezeichnet wird. Sie findet in der Woche der mūlūd – Feierlichkeiten zu Ehren des Geburtstages des Propheten Muhammad statt. Diese kollektive Wallfahrt ist möglich, da die Wallfahrtsorte der verschiedenen Bruderschaften sehr nah beieinander liegen.

Die nächtlichen Geisterbeschwörungen, als „hadra“ oft aber auch als „lila“ bezeichnet, werden meist von vier Musikern begleitet. Dabei herrscht eine strenge Hierarchie vor. Das Oberhaupt der Gruppe ist der m’allim. Er spielt das wichtigste Kultinstrument der Gnāwa, die gunbri. Außerdem hat er die Aufsicht und dirigiert durch sein Spiel die Tänzer und Tänzerinnen. Bei öffentlichen Auftritten am Tage, bei der die gunbri nicht zum Einsatz kommt, spielt er die große Trommel.

Der Tanzmeister wird mqaddim genannt und dient als Medium der Geister, indem er sie durch seine rituellen Tänze szenisch darstellt. Zwei weitere Musikanten, die so genannten qarqaba schlagen die für die Gnāwa traditionellen Eisenklappern und tanzen dazu, um die Teilnehmer durch ihre Bewegungen in Ekstase zu versetzen und zum Mitmachen zu animieren. Sie stehen in der Rangordnung an letzter Stelle. Die Hierarchie kann jedoch wechseln und meist steigen die einfachen Tänzer erst zu einem m’allim oder mqaddim auf.

[...]

Details

Seiten
23
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638314152
Dateigröße
578 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v30062
Institution / Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung) – Musik
Note
1,7
Schlagworte
Musik Krankheit Besessenheit Trancekulte Rahmen Islam Beispiel Gnawa-Kultes Marokko Zar-Zeremonie

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Musik, Krankheit und Besessenheit - Trancekulte im Rahmen des volkstümlichen Islam am Beispiel des Gnawa-Kultes in Marokko und der Zar-Zeremonie in Ägypten