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Maieutik in Platons „Theaitetos“. Sokrates' didaktisches Vorgehen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 17 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Maieutik in Platons „Theaitetos“
2.1. Die Aufgaben der Hebamme
2.2. Sokrates als Geburtshelfer
2.2.1. Wenn die Maieutik scheitert
2.2.2.1. Das Scheitern der Methode
2.2.2.2. Trugbilder als einzige Geburten
2.2.2. Der Gegenstand der maieutischen Untersuchung

3. Methodische Unklarheiten Exkurs: Sokrates‘ Verhältnis zu seinen Schülern
3.1. Sokrates‘ vermeintliche Unfruchtbarkeit
3.2. Die „Frage“ als maieutisches Vorgehen
3.2.1. Sokrates‘ Gesprächsleitung

4. Fazit

5. Quellen-/ Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Der Eine sucht einen Geburtshelfer für seine Gedanken, der Andre Einen, dem er helfen kann: so entsteht ein gutes Gespräch.“1

In diesem Zitat gibt Nietzsche sehr eingängig Sokrates Vorstellung eines philosophisch-maieutischen Gespräches wieder: Während die erste Person mit Gedanken und Problemen schwanger geht, sucht die andere genau einen solchen Schwangeren, um ihm bei der Entbindung seiner Gedanken zu helfen, und erst im Zusammentreffen dieser beiden kann ein gutes philosophisches Gespräch entstehen.

Die Grundlage dieser Arbeit bildet Platons „Theaitetos“, übersetzt von Ekkehard Martens. In dem Dialog, in welchem Theaitetos mit/ durch Sokrates versucht eine hinreichende Definition des Wissensbegriffes zu finden, wird anfangs Sokrates‘ didaktisches Vorgehen in seinen Gesprächen erklärt.2 Sokrates3, der Sohn der Hebamme Phaenarete ist, vergleicht seine Tätigkeit mit der seiner Mutter. Die Hebammenkunst bzw. die Maieutik verwendet er als Metapher für sein eigenes philosophisch-didaktisches Vorgehen. Diese Methode, welche besonders in den Erziehungswissenschaften einige Beachtung erfahren hat, wird der Gegenstand dieser Arbeit sein.

In der Maieutik wird davon ausgegangen, dass der Gesprächspartner eine Art Wissen in sich trägt, das ihm in dieser Form noch nicht bewusst ist. Er merkt lediglich, dass ihn etwas umtreibt. Der Anwender der Maieutik (der Maieut) muss dies erkennen und den Gesprächspartner möglichst frei dazu bringen, selbst das ihm inhärente Wissen zur Welt zu bringen.

Im Folgenden wird Sokrates‘ Maieutik und nicht die platonische Maieutik behandelt werden. Der Unterschied besteht darin, dass sich Platons Maieutik in „Theaitetos“ an den Leser richtet, was erklären könnte, warum Sokrates und Theaitetos am Ende des Dialoges keine lebensfähige Wissensdefinition hervorgebracht haben. Es erscheint plausibel, dass Platon den Leser soweit wie es ihm möglich war an die richtige Definition heranführen wollte, den letzten Schritt muss der Leser jedoch selber gehen. Er wird zum aktiven Teilnehmen ermutigt.4 Dagegen findet Sokrates‘ Maieutik nur in seinen Gesprächen selbst statt. Platons Maieutik ließe sich im „Theaitetos“ als MetaMaieutik beschreiben.

Zunächst wird auf Grundlage der Primärquelle herausgearbeitet werden, welche Voraussetzungen für das Ausüben der Maieutik erfüllt sein müssen und was die genauen Aufgaben einer solchen Hebamme sind (Kapitel 2). Anschließend soll versucht werden mögliche Unklarheiten der Methode zu problematisieren und - wenn möglich - schlüssig zu erklären bzw. zu beseitigen. Dabei werden Sokrates‘ vermeintliche Unfruchtbarkeit (Kapitel 3.1) und die Rolle der Fragen innerhalb der Methode (Kapitel 3.2.) eine besondere Beachtung zuteil.

Ziel dieser Arbeit ist es, die notwendigen Eigenschaften und Aufgaben eines Maieuten herauszuarbeiten und zu überprüfen, inwiefern diese auf Sokrates zutreffen und wie die Maieutik idealerweise verlaufen sollte.

2. Die Maieutik in Platons „Theaitetos“

In dem ersten Kapitel 2.1. werden zunächst die Aufgaben athenischer Hebammen, wie sie im „Theaitetos“ durch Sokrates beschrieben werden, untersucht. Aus dieser Beschreibung wird Sokrates‘ maieutische Methode abgeleitet, welche im darauffolgenden Kapitel 2.2. betrachtet wird. Um Sokrates‘ Maieutik hinreichend zu beschreiben, wird das Kapitel 2.2. seinerseits unterteilt, wodurch gezeigt werden soll, welchen Gegenstand die Maieutik behandelt (Kapitel 2.2.1.) und was passieren kann, wenn die Methode scheitert (Kapitel 2.2.2.).

2.1. Die Aufgaben der Hebammen

Theaitetos beschreibt zunächst, dass er zum einen glaubt nichts Brauchbares zum Wissensdiskurs beitragen zu können, aber auf der anderen Seite von der Frage, was Wissen sei, nicht mehr loskomme. Diesen Zustand erklärt Sokrates als Geburtswehen, denn Theaitetos geht mit dem Brainchild5, (nämlich) einer Wissensdefinition, schwanger. Sokrates, der sich selbst als Hebamme bezeichnet, nimmt sich für das Gespräch daher vor, der Geburtshelfer für Theaitetos' Ideen zum Wissensdiskurs zu sein. Theaitetos ist verständlicherweise von dieser Erklärung irritiert, woraufhin Sokrates beginnt die Tätigkeit einer Hebamme zu erläutern6:

Frauen, die altersbedingt nicht mehr gebärfähig sind, wurde von Artemis, die selbst nicht mehr in der Lage ist, Kinder zu bekommen, die Fähigkeit gegeben, Kinder auf die Welt zu bringen. Den Frauen, die gänzlich unfruchtbar sind, bleibt diese Fähigkeit vorenthalten, weil ihnen von Natur aus die Erfahrung fehlt. Ohne diese Erfahrung sind sie nur bedingt in der Lage, eine vorliegende Schwangerschaft zu erkennen, was ebenfalls eine notwendige Eigenschaft darstellt.7 Die Hebamme ist in der Lage, durch unterschiedliche Methoden und Hilfsmittel die Wehen zu verlängern oder zu verkürzen. Notfalls ist es auch sie, die entscheidet, ob ein Kind abgetrieben wird. Zudem können Hebammen am besten erkennen, „[…] welche Frau mit welchem Mann die besten Kinder bekommen kann.“8 Sie sind also auch Kupplerinnen.

2.2. Sokrates als Geburtshelfer

Alle Aufgaben einer Hebamme treffen auch auf Sokrates‘ Tätigkeit zu, wobei sein Gegenstand nicht der gebärende weibliche Körper, sondern die gebärende männliche Seele ist. Der einzige Unterschied zwischen Sokrates‘ maieutischer Methode und der tatsächlichen Hebammenkunst (abgesehen von der unterschiedlichen Klientel) besteht darin, dass eine Hebamme nie bloße Trugbilder auf die Welt bringt, während Sokrates sowohl Trugbilder als auch wahrhafte Brainchildren zutage fördert. Er sieht seine wichtigste Aufgabe darin, Trugbilder von echten Geburten - also z.B. einen unschlüssigen Gedanken von einem schlüssigen - zu unterscheiden.9

„Das Wichtigste an meiner Kunst ist […] die Fähigkeit, mit allen Mitteln zu prüfen, ob die Überlegungen […] ein bloßes Trugbild und etwas Falsches herausgebracht hat oder etwas Lebenskräftiges und Wahres.“10

Der Geburtshelfer Sokrates durfte notwendigerweise nicht mehr in der Lage sein, Brainchildren zu bekommen. Um aber zu erkennen, ob eine Person von Ideen und Fragen umgetrieben wird - mit diesen also schwanger geht - muss Sokrates selbst bereits Brainchildren bekommen haben, da ihm ansonsten die Erfahrung fehlen würde, solche Personen bzw. ihre Schwangerschaft zu erkennen.

Diejenigen, die sich mit Sokrates unterhalten, finden Ideen nicht in dem, was Sokrates sagt, sondern in sich selbst: „Urheber der Entbindung jedoch sind der Gott und ich.“11

„Mit meiner Kunstfertigkeit nun kann ich ihre Wehen hervorrufen oder mildern.“12 Notfalls kann er nicht nur die Wehen beeinflussen, sondern auch die Schwangerschaft ganz abbrechen, wodurch Sokrates sich bereits einigen Unmut seiner Gesprächspartner zugezogen hatte. Wenn man unter „Wehen“ eine Art innere Unruhe, ein von bestimmten Fragen/ Problemen Umgetrieben-Werden versteht, so stellt sich die Frage, wie Sokrates diesen Zustand verstärken bzw. abschwächen kann.13

Für Personen, die (noch) nicht schwanger sind, nimmt Sokrates die Rolle des Ehestifters, welche ebenfalls Teil der Aufgaben eines Maieuten ist, ein und bringt sie mit Dritten zusammen, deren Umgang er buchstäblich für fruchtbar hält.14

Das Fragen bzw. das Nachfragen, das offenbar nicht wenigen Zeitgenossen aufstieß, scheint der Kern von Sokrates‘ maieutischer Methode zu sein und lässt sich nicht nur in „Theaitetos“ erkennen.

Zusammenfassend benötigt jemand, der die maieutische Methode ausführen möchte, folgende Eigenschaften:

I. Man muss selbst bereits mit Brainchildren schwanger gegangen sein und diese auch zur Welt gebracht haben.
II. Man darf nicht mehr in der Lage sein, Brainchildren zu bekommen.
III. Die Brainchildren stammen von den Schwangeren und nicht vom Maieuten.
IV. Man muss in der Lage sein, vorliegende Schwangerschaften zu erkennen.

Darüber hinaus weist die Maieutik noch andere nicht explizit genannte, trivial erscheinende Merkmale auf, die im Weiteren keine explizite Beachtung finden, sondern vorausgesetzt werden:

i. Die Maieutik ist eine im Gespräch stattfindende Vorgehensweise.
ii. Für die Maieutik bedarf es wenigstens zweier Gesprächsteilnehmer.
iii. Die Gesprächsteilnehmer haben unterschiedliche Rollen (Maieut und
Schwangerer).
iv. Der/ Dem Schwangere/ -n wird zu Erkenntnisse/n geführt/ verholfen. Folgende Aufgaben gehören zu der Methode:
a) Die Hilfe bei dem Gebären von Brainchildren.
b) Die Überprüfung der Lebensfähigkeit von Brainchildren.
c) Die Beeinflussung der Geburtswehen (wobei es unklar bleibt, wie Sokrates sie beeinflusst).
d) Das Verkuppeln von geistig sich gegenseitig befruchtenden Personen.

2.2.1. Gegenstand maieutischer Untersuchungen

Im „Theaitetos“ beziehen sich die Schwangerschaftswehen auf ein allgemeines Sachgebiet und nicht auf eine konkrete These. Die Schwangerschaft selbst bezieht sich auf den Wissensdiskurs, während die einzelnen Geburten jeweils einer These zum Wissen entsprechen. Dass dies eine notwendige Voraussetzung für eine Schwangerschaft ist, erscheint unwahrscheinlich.

Die Gegenstände, nach denen Sokrates fragt, scheinen von großer Bedeutung zu sein. So fragt er in den meisten Dialogen - wie u.a. im „Theaitetos“ - nach apriorischen Gegenständen, welche durch andere Herangehensweise als das In-sich-hinein- Horchen nicht zugänglich sind. Auf der anderen Seite wäre es wenig zielführend, nach Antworten in sich selbst zu suchen, wenn sich die Fragen auf Naturgegenstände beziehen würden.15

Eine hinreichende Bedingung für den Gegenstand der maieutischen Untersuchung ist ihr apriorischer Charakter. Wenngleich es kein hinreichendes Charakteristikum ist, dass der Gegenstand aposteriorisch ist, ergibt sich daraus kein notwendiger Ausschluss dieser Eigenschaft.

2.2.2. Wenn die Maieutik scheitert

Das Scheitern der Maieutik kann auf zweierlei Weisen verstanden werden:

1. Was geschieht, wenn die Maieutik als Methode nicht funktioniert bzw. wie kann dies überhaupt geschehen?

Und 2. Was geschieht, wenn nur lebensunfähige Brainchildren und eben nichts Wahrhaftiges hervorgebracht wird? Diesen beiden Fragestellungen widmet sich dieses Unterkapitel.

2.2.2.1. Das Scheitern der Methode

Personen, die sich

„… eher als es ratsam [gewesen] wäre, von mir [Sokrates] entfernt [hatten], aus eigenem Antrieb oder von anderen überredet[,] […] [hatten] den Rest ihrer Geburten infolge ihres schlechten Umgangs nur als Fehlgeburten hervorgebracht oder […] noch infolge mangelhafter Pflege verloren […].“16

Ein Brainchild muss also in gewisser Weise gefördert bzw. genährt werden und darf nicht beim ersten Widerstand oder Zweifel verworfen werden.17 Es ist demnach durchaus möglich, das Resultat der Schwangerschaft entweder wieder zu verlieren oder ein Trugbild für etwas Wahres zu halten und dieses aufzuziehen.

2.2.2.2. Trugbilder als einzige Geburten

Auch wenn die Brainchildren sich als „bloße Windeier“ herausstellen, so scheint die maieutische Methode einige positive Begleiterscheinungen mit sich zu bringen. So prognostiziert Sokrates am Ende des Dialoges seinem Schützling, dass er, wenn er das nächste Mal schwanger gehe, auf Grund der vorangegangenen Untersuchungen „…voll von besseren Gedanken sein [werde].“18 Ob nun diese „besseren Gedanken“ qualitativ höherwertige Brainchildren darstellen oder ob Theaitetos in Zukunft einfach besser in der Lage sein wird, diese auf die Welt zu bringen bzw. sie zu untersuchen, ist unklar.

Selbst wenn Theaitetos künftig „leer“ bleiben sollte - also keine weiteren Brainchildren mehr bekommen sollte - so hat Sokrates‘ Maieutik den positiven Effekt erzielt, dass Theaitetos künftig „… nicht [mehr] zu wissen glaubt, was [er] nicht weiß.“19 Theaitetos - sofern er nicht mehr schwanger werden sollte - würde demnach ebenfalls wissen, dass er nicht weiß, was analog zu Sokrates‘ Ausführungen in der Apologie zu sein scheint.20 Auf diese Prognosen lässt Sokrates jedoch eine sehr rätselhafte Einschätzung seiner Hebammenkunst verlauten: „Denn nur so viel kann meine Kunst erreichen, mehr aber nicht.“21 Nimmt man diese Aussage ernst, so bedeutet dies, dass jemand, bei dem die Maieutik angewendet wurde, dazu in der Lage ist, 1. künftige Brainchildren besser zu bewerten bzw. bessere Brainchildren zu bekommen und 2.

[...]


1 NIETZSCHE, Friedrich (1886): Jenseits von Gut und Böse. S. 136.

2 Siehe Plat. Tht. 148e-151d.

3 Die Person Sokrates selbst, ebenso wie seine Bedeutung in Platons Werken, wird in dieser Arbeit keine Beachtung finden. Sokrates wird hier als eigenständige, handelnde Person und nicht als bloße Kunstfigur behandelt. Es sei nur angemerkt, dass Sokrates in Platons Spätwerken eher als rhetorisches Mittel verwendet wurde, im Gegensatz zu seinem semihistorischen Auftreten in den Frühwerken (Vgl. SEDLEY, David (2004): The Midwife of Platonism. S. 1 ff.; Vgl. HANKE, Michael (1986): Der maieutische Dialog. S. 6.).

4 Vgl. SEDLEY (2004), S. 11. Siehe auch: ERLER, Michael (1987): Der Sinn der Aporien in den Dialogen Platons. S. 74 f.

5 Es lassen sich für das Produkt einer solchen Schwangerschaft sicherlich viele angebrachte Ausdrücke finden, wie z.B. eine Idee, ein Problem, eine Fragestellung, etwas Wahrhaftiges etc. Im Englischen verwendet Sedley einen weitaus passenderen Begriff, der im Folgenden verwendet werden soll: „Brainchild“ (Vgl. SEDLEY (2004), S. 8 ff.). Im Weiteren soll es nicht um das Kind selbst, sondern vielmehr um die Tätigkeit(en) der Hebamme - also die maieutische Methode - gehen.

6 Vgl. Plat. Tht. 148e-149b.

7 Vgl. Ebd. 149b-149d.

8 Ebd. 149d.

9 Vgl. Ebd. 150a-c.

10 Ebd. 150c.

11 Ebd. 150d.

12 Ebd. 151a.

13 Dies wird eine offene Frage bleiben, weil Sokrates diese Analogie nicht weiter erklärt.

14 Vgl. Ebd. 151b.

15 Vgl. LANDMANN, Michael (1949): Elenktik und Maieutik. S. 36 f.

16 Plat. Tht. 150e.

17 So versucht Sokrates Theaitetos mehrfach zu ermutigen, seine eigenen Gedanken zu äußern, sich zu beteiligen und nicht beim ersten Wiederstand sein Brainchild abzutreiben (Siehe u.a. Ebd. 151d, 157d, 163c, 190e).

18 Ebd. 210c.

19 Ebd. 210c.

20 Vgl. Plat. apol. 21d-21e.

21 Plat. Tht. 210c,

Details

Seiten
17
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656970385
ISBN (Buch)
9783656970392
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v300606
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,7
Schlagworte
maieutik platons theaitetos sokrates vorgehen

Autor

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